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Fünf Sterne für die Liebe

Inhalt

  1. Cover
  2. Über die Autorin
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Widmung
  6. 1
  7. 2
  8. 3
  9. 4
  10. 5
  11. 6
  12. 7
  13. 8
  14. 9
  15. 10
  16. 11
  17. 12
  18. 13
  19. 14
  20. 15
  21. 16
  22. 17
  23. 18
  24. 19
  25. 20
  26. 21
  27. 22
  28. 23
  29. 24
  30. 25
  31. 26
  32. 27
  33. 28
  34. Danksagung

Über die Autorin

Katie Fforde lebt mit ihrer Familie in Gloucestershire und hat bislang zwanzig Romane veröffentlicht, die in Großbritannien allesamt Bestseller waren. Ihre romantischen Beziehungsgeschichten wurden erfolgreich für die ZDF-Sonntagsserie HERZKINO verfilmt.

Für Frank Fforde und Heidi Cawley,
in großer Liebe und Dankbarkeit

Und auch für Téo Fforde, einfach weil es ihn gibt

1

Zoe Harper lag mit geschlossenen Augen auf der Bank in der Sonne und lauschte der Lerche hoch über ihr. Näher an ihrem Ohr konnte sie das Rascheln des Grases und das Summen von Insekten hören. Das Wetter war in letzter Zeit in typisch britischer Manier wechselhaft gewesen, aber heute war ein perfekter Frühlingstag.

Weil man sie gewarnt hatte, dass Navigationssysteme in dieser Gegend nicht funktionierten, hatte sie viel zu viel Zeit zum Verfahren eingeplant und war viel zu früh am Veranstaltungsort angekommen. Sie hatte sich gefragt, ob sie überhaupt richtig war, denn das riesige alte Herrenhaus schien gerade aufwendig restauriert zu werden – jedenfalls waren große Teile eingerüstet, und mehrere Transporter von Handwerkerfirmen parkten in der Einfahrt. Die hochschwangere Fenella Gainsborough hatte ihr jedoch bestätigt, dass sie richtig war, und ihr dann, weil sie ihre Gäste offenbar noch nicht empfangen konnte, eine Karte in die Hand gedrückt und sie auf einen Spaziergang geschickt. Erleichtert darüber, ihr Ziel erreicht zu haben, hatte Zoe den Wagen stehen lassen und war zu Fuß losmarschiert. Und da noch keiner der anderen Teilnehmer eingetroffen war – sie wurden erst am frühen Abend erwartet –, hatte sie sich allein auf den Weg gemacht.

Jetzt versuchte sie, sich zu entspannen, aber trotz der Sonne auf ihren Augenlidern fiel es ihr schwer. Der Weg von Somerby House hierher hatte ihr die Nervosität ein bisschen genommen, doch sie war immer noch aufgeregt wegen des bevorstehenden Kochwettbewerbs, an dem sie zu ihrer großen Freude teilnehmen durfte. Dass der Wettbewerb auch noch gefilmt und in einigen Monaten ausgestrahlt werden würde, trug nicht eben dazu bei, dass sich ihre Nerven beruhigten. Zoe tröstete sich mit dem Gedanken, dass es zumindest keine Liveübertragung war. Sie konnte immer noch nicht glauben, es tatsächlich durch den rigorosen Auswahlprozess geschafft zu haben. Sie hatte nur teilgenommen, weil ihre Mutter und ihre beste Freundin Jenny sie dazu gedrängt hatten, und jetzt lag sie hier mitten auf einem Feld und hatte das Gefühl, auf dem Weg zu ihrer Exekution zu sein. Sie seufzte und streckte sich. Sie sollte lieber versuchen, tief durchzuatmen und ein bisschen zu dösen.

Gerade als die Ruhe der Wiese endlich ihren Zauber entfaltete, hörte Zoe ein Auto auf der Straße weiter unten und war plötzlich wieder hellwach.

Das Auto fuhr an ihr vorbei und hielt dann an. Offenbar stand es jetzt vor dem Tor, das den Weg versperrte. Zoe hatte dort vor einer halben Stunde auch gestanden und beschlossen, nicht hinüberzuklettern. Das große Schild mit der Aufschrift Kein Zutritt hatte ihr bei der Entscheidung geholfen.

Zoe wartete und hörte dann, wie der Wagen heulend zurücksetzte. Er würde den ganzen Weg rückwärtsfahren müssen, es sei denn, er war klein und sehr wendig, doch dem Motorengeräusch nach zu urteilen, war er es nicht. Der Wagen hielt an, und die Gänge wechselten hörbar. Als Zoe klar wurde, was der Fahrer vorhatte, sprang sie auf und lief den Hügel hinunter. Da war ein von hohen Gräsern verborgener Graben. Sie hätte ihn selbst nicht entdeckt, wenn sie nicht fast hineingefallen wäre.

Zu spät. Als sie die Straße erreichte und sich das Gras von der Jeans klopfte, hing der Wagen mit dem Hinterreifen über dem Graben. Das vordere Ende ragte außerdem beinahe in den Entwässerungsgraben auf der anderen Straßenseite. Der Fahrer stieg aus dem Auto und schlug die Tür zu.

»Verdammt dämliche Stelle für einen Graben!«, knurrte er.

Er sah ziemlich beeindruckend aus. Er war groß, breitschultrig und dunkelhaarig und wirkte wie jemand, der es nicht gewohnt war, von straßenbaulichen Hindernissen aufgehalten zu werden.

Zoe wollte lachen, zuckte stattdessen jedoch nur mit den Schultern. »Eine ziemlich normale Stelle für einen Graben, würde ich sagen, direkt neben der Straße, damit das Wasser darüber abfließen kann.«

Der Mann funkelte sie böse an. »Kommen Sie mir nicht mit Logik! Was soll ich jetzt tun?«

Es war vermutlich eine rhetorische Frage, aber Zoe, die gern alles wörtlich nahm, sagte: »Den Automobilclub oder den Pannendienst anrufen vielleicht?«

Er runzelte die Stirn. »Sehe ich aus wie jemand, der Mitglied in einem Automobilclub ist?«

Zoe überlegte. Sie nahm nicht an, dass die Mitglieder des Automobilclubs ein typisches Aussehen hatten. Nun betrachtete sie ihr Gegenüber genauer. Ihr fiel auf, dass sein lockiges, ein bisschen zu langes dunkles Haar einen leichten Rotton hatte, der an reife Kastanien erinnerte. Er hatte grüne Augen und geschwungene Lippen und eine große, leicht gebogene Nase. Zoe konnte sich nicht entscheiden, ob er sehr gut oder nur ungewöhnlich aussah, doch sie musste zugeben, dass er extrem sexy war. Er sah aus wie ein Mann, der einfach davon ausging, dass er keine Autopanne haben würde.

»Was soll ich jetzt tun?«, wiederholte er; wieder klang es wie eine rhetorische Frage.

Zoe hatte plötzlich Lust, ihn zu ärgern. Sie wusste, dass er keine Antwort von ihr erwartete, höchstens, dass sie ihm anbot, Hilfe zu holen. Aber sie beschloss, ihn ein bisschen aufzuziehen. Ihr war einfach danach.

»Na ja, neben dem Tor liegen eine Menge Äste. Vielleicht könnten wir sie unter das Rad stecken, und Sie setzen dann so weit zurück, dass Sie drehen können.« Obwohl sie ihn eigentlich nur provozieren wollte, war es ein ernsthafter Vorschlag. Doch bestimmt würde er nicht darauf eingehen. Er sah nicht aus wie jemand, der sich gern die Finger schmutzig machte.

»Sie sind ein praktisch veranlagtes kleines Ding, was?«, sagte er und ließ es so klingen, als wäre eine praktische Veranlagung etwas Schlechtes. Aber er ging in die Richtung, in die sie gedeutet hatte, und rief dann herrisch über die Schulter: »Na los! Ich brauche Sie.«

Wütend über sein Benehmen – »kleines Ding«? –, doch erfreut, etwas tun zu können, um sich von ihrer Nervosität vor dem bevorstehenden Wettbewerb abzulenken, folgte Zoe ihm. Dabei schalt sie sich jedoch selbst. Das hier konnte sie in ernsthafte Schwierigkeiten bringen.

Sie ahnte inzwischen, wer er war – wer sonst würde sich so nahe an Somerby aufhalten, wenn er dort nicht hinwollte? Und dieser Mann – arrogant und streitsüchtig – musste einer der Juroren sein. Auf keinen Fall war er nur ein einfacher Teilnehmer an dem Kochwettbewerb. Und da sie die anderen Jurymitglieder aus dem Fernsehen kannte, musste das hier Gideon Irving sein. Er war in der Kochwelt bekannt als Restaurantkritiker, Autor diverser Kochbücher und Unternehmer. Sein Schreibstil war bissig und oft grausam, aber er liebte es, neue Köche zu entdecken, und hatte viele junge Talente dem Gourmet-Publikum bekannt gemacht.

Zoe war nicht gerade unhöflich zu ihm gewesen, doch sie hatte sich ein bisschen in diese Richtung gelehnt. Sie würde den Wettbewerb jetzt nicht mehr gewinnen können, oder? Und verstieß es nicht ohnehin gegen die Regeln, mit einem der Juroren allein zu sein – egal, wie unschuldig dieses Zusammensein auch sein mochte? Oh, warum war sie nicht einfach im Gras liegen geblieben und hatte den Lerchen zugehört? Sie begann zu rennen und schloss zu Irving auf.

Sie entdeckten einige dickere Holzscheite neben den Ästen. In der Nähe war gerodet worden, und die meisten Stämme hatte man abtransportiert, doch einige durchgesägte Stücke lagen noch da.

»Ich nehme das dickere Holz, und Sie bringen alles, was sie tragen können«, sagte Gideon Irving.

Zoe nickte und fing an, auf dem Boden liegende Birken-, Tannen- und Buchenäste einzusammeln.

»Wenn das hier nicht funktioniert«, meinte sie und hatte Mühe, mit ihm mitzuhalten, obwohl er einen ganzen Arm voller dicker Holzstücke trug, »dann könnten wir zum Haus gehen und darum bitten, dass man einen Traktor oder etwas Ähnliches schickt.«

»Das könnten wir«, stimmte Gideon Irving ihr zu, »aber zuerst versuchen wir es so.« Er lächelte nicht wirklich, doch der wohlgefällige Blick, den er ihr zuwarf, deutete an, dass ihm gefiel, was er sah.

Zoe war nicht gerade ihr eigener größter Fan; ihr kurzes, lockiges braunes Haar, ihre zierliche Figur und ihre blasse Haut mit den Sommersprossen hatten ihr jedoch auch keine Komplexe beschert. Sie wusste, dass sie sich sehr hübsch zurechtmachen konnte, nur dass sie heute so gar nicht zurechtgemacht war. Sie trug Jeans, dünne Stoffschuhe und ein gestreiftes Bretonen-Top. Zoe legte nie viel Make-up auf, doch heute war sie völlig ungeschminkt. Sie hatte blaue Augen und dunkle Wimpern, und ihre geringe Körpergröße ließ sie oft jünger wirken als siebenundzwanzig.

»Okay.«

Zusammen stapelten sie das Holz im Graben und bauten eine Plattform unter dem überhängenden Reifen. Sie redeten nicht viel, aber Zoe genoss es. Sie löste gern Probleme, und als sie einige Steine sah, die aus einer Mauer gefallen waren, ging sie darauf zu.

Ihr Dank war ein Blick und ein Stöhnen, doch irgendwie empfand sie beides als Lob. Irving hatte wirklich unglaubliche Augen. Ein Anflug von Erregung stieg in ihr auf.

»Die Frage ist – müssen wir die Prozedur jetzt in dem Graben auf der anderen Seite wiederholen?«, meinte er.

»Ja«, erwiderte Zoe. Sie hatte schon darüber nachgedacht. »Aber jetzt, da wir die Steine haben, wird es nicht so lange dauern.«

Zoe war schmutzig und ziemlich verschwitzt, als sie fertig waren. Irving hatte sein Jackett schon lange ausgezogen, und sein weißes T-Shirt war voller Schlamm.

»Können Sie fahren?«, wollte er wissen.

»Ja.«

»Und einfachen Anweisungen folgen?«

»Ja.« Wieder beschloss Zoe, nicht beleidigt zu sein. Es war einfacher, sich ins Auto zu setzen. Eigentlich war ihr nach Lachen zumute, aber sie spürte, dass das nicht sehr schlau gewesen wäre. Männer wurden nicht gern ausgelacht, wenn sie Probleme mit ihren Autos hatten. Sie war keine Expertin, was die männliche Spezies anging, doch das wusste selbst sie.

Das Auto roch ganz leicht nach einem ziemlich aufregenden Aftershave und den Ledersitzen. Das Armaturenbrett wirkte auf den ersten Blick ein wenig verwirrend.

Gideon Irving baute sich neben dem Wagen auf und sprach durch das offene Fenster. »Sie geben sacht Gas, und dann sehen wir, was passiert.«

Einige Augenblicke und einen ziemlichen Haufen Schlamm später trat er wieder ans Fenster und funkelte sie zornig an.

Sie lächelte mitfühlend. »Ich kann immer noch zum Haus zurücklaufen und Hilfe holen.« Zoe blickte zu ihm auf. Er schwitzte jetzt auch, und eine Locke klebte ihm an der Stirn.

Gideon Irving schüttelte den Kopf. »Ich werde zurücklaufen, falls es so weit kommt.« Er hielt inne und betrachtete sie mit einem Ausdruck, den sie nicht deuten konnte. »Versuchen Sie den Rückwärtsgang!«

Es brauchte viel Zurücksetzen und vorsichtiges Vorfahren, und der Graben musste noch stärker aufgefüllt werden, schließlich jedoch war das Auto gewendet. Zoe hatte das Gefühl, einen Marathon gelaufen zu sein. Sie stieg aus und stellte fest, dass sie zitterte.

»Gut gemacht«, meinte er, und dann lächelte er. Sie fühlte sich, als hätte sie gerade eine Goldmedaille über hundert Meter gewonnen.

»Soll ich Sie zum Haus mitnehmen?« Er lächelte immer noch.

»Oh … ja«, sagte sie, unsicher, ob das Zittern ihrer Beine von der Anstrengung herrührte, die hinter ihr lag, oder von etwas anderem.

»Dann steigen Sie ein!«, forderte er sie auf, als sie sich nicht rührte.

Irgendwie gelang es ihr, sich in Bewegung zu setzen, und sie stieg in den Wagen. Jetzt überlagerte ein scharfer Männergeruch den von Aftershave und Leder. Zoe befeuchtete die trockenen Lippen und sah aus dem Beifahrerfenster. Gideon Irvings Nähe war fast zu viel für sie, obwohl sie nicht genau sagen konnte, woran das lag. Er hatte eine beunruhigende Wirkung auf sie. Sie war sich nicht sicher, ob ihr das gefiel oder nicht.

Am Ende der langen Straße hielt er den Wagen an. »Sind Sie eine Teilnehmerin?«

Sie nickte. »Sind Sie ein Jurymitglied?«, fragte sie, obwohl sie die Antwort kannte.

Er nickte. »Dann steigen Sie besser hier aus.«

»Ja.« Sie hielt inne. »Vielleicht sollten wir so tun, als wären wir uns noch nie begegnet.«

»Wenn Sie wollen. Aber ich werde Sie deshalb nicht anders beurteilen.«

»Oh.« Sie wurde rot. »Das hatte ich auch nicht angenommen. Ich wollte Ihnen nur helfen.«

»Und das haben Sie.« Er lächelte fast. »Doch deshalb werden Sie nicht gewinnen.«

»Ich steige jetzt aus«, erklärte Zoe.

»Und ich fahre noch ein bisschen in der Gegend herum.«

Zoe ging mit von der Anstrengung ganz steifen Beinen den Hügel zum Haus hinauf. Somerby war ein großes Gebäude, das jedoch nichts Einschüchterndes hatte. Es sah genauso freundlich aus, wie seine Besitzerin bei ihrem ersten Treffen gewirkt hatte.

Nachdem Zoe sich einige Schlammspritzer und Gras von der Kleidung gewischt hatte, klopfte sie an die Haustür und wartete darauf, dass Fenella ihr öffnete. Als diese schließlich vor ihr stand, schien sie sich über Zoes Ankunft nicht zu freuen. Mehrere Hunde stürmten aus der Tür auf den Rasen vor dem Haus.

»Ach! Sie sind schon zurück!«

»Tut mir leid«, entschuldigte sich Zoe. »Sie sagten, ich sollte um vier Uhr wiederkommen. Und jetzt ist es vier Uhr.«

Fenella seufzte und schob sich die Haare aus dem Gesicht. »Es wäre mir wirklich lieber, wenn es noch eine Weile zwei Uhr sein könnte.«

Zoe lachte. »Einer dieser Tage?«

Fenella nickte. »Ganz egal, wie sehr man sich auch bemüht, alles vorbereitet und Listen schreibt – an manchen Tagen geht trotzdem alles schief.«

Zoe wippte unruhig auf der Türschwelle auf und ab. »Ist irgendetwas Bestimmtes schiefgegangen?«

»Nein, es hat nur nichts wirklich gut geklappt.« Fenella seufzte erneut. »Es liegt daran, dass Rupert – das ist mein Mann – nicht da ist.«

»Schlechtes Timing.«

»Ja! Und jetzt muss ich den Juroren noch Tee kochen, und meine sorgfältigen Vorbereitungen für den Kuchen, den es dazu geben sollte, sind fehlgeschlagen. Ich habe nicht mal mehr Zeit, um noch einen zu kaufen.«

»Oh.«

Fenella öffnete die Tür weiter. »Kommen Sie rein! Das alles ist nicht Ihr Problem. Ich bin sicher, dass matschige Kekse genau das sind, was arrogante Restaurantkritiker zum Nachmittagstee essen wollen.«

»Absolut!«, stimmte Zoe ihr diplomatisch zu.

»Wir möchten gern eine Art ›Restaurant mit Gästezimmern‹ in der Scheune eröffnen. Und dafür brauchen wir die ›arroganten Restaurantkritiker‹ vielleicht auf unserer Seite.« Sie blieb stehen, um Luft zu holen und sich Zoe richtig anzusehen. »Was ist mit Ihnen passiert? Sie sehen aus, als wären Sie beim Schlamm-Catchen gewesen.«

»Ich weiß. Das war ich auch. Na ja, so etwas in der Art.«

Weil sie wahrscheinlich spürte, dass Zoe nicht ins Detail gehen wollte, fuhr Fenella fort: »Kommen Sie, ich zeige Ihnen Ihr Zimmer, damit Sie sich frisch machen können! Sie wissen ja, dass Sie sich das Zimmer mit jemandem teilen müssen, aber zumindest wohnen Sie hier auf dem Gelände. Hunde!«

Das kleine Rudel sprang zurück ins Haus, und Fenella führte Zoe hinten wieder hinaus über den Hof zu einem umgebauten Kuhstall, wo Zoe und eine weitere Teilnehmerin untergebracht waren. Nicht alle konnten in Somerby wohnen: Einige schliefen in nahe gelegenen Pensionen. Der ehemalige Kuhstall war charmant und hatte einen Holzofen, einen kleinen Herd, ein niedliches Sofa und ein Doppelbett. Ein Einzelbett war noch dazugestellt worden, wahrscheinlich nur für die Wettbewerbsteilnehmer. »Sie sind zuerst hier«, verkündete Fenella, »also bekommen Sie das Doppelbett.«

»Großartig! Doch ich brauche zuerst eine Dusche, denke ich.«

Fenella erklärte: »Zum Bad geht es dort entlang. Macht es Ihnen etwas aus, wenn ich es Ihnen nicht zeige? Ich muss mich um diesen verdammten Tee kümmern.«

Zoe ahnte, dass Fenella normalerweise nicht wegen solcher Kleinigkeiten fluchte – sie musste wirklich Panik haben. »Wissen Sie was?«, sagte sie. »Ich werde jetzt duschen, und dann komme ich rüber und backe ein paar Scones. Um wie viel Uhr werden die Juroren da sein?«

Fenella blickte auf ihre Uhr. »In einer Dreiviertelstunde. Keine Zeit mehr, um irgendetwas zu backen.« Sie seufzte. »Eine Freundin aus dem Dorf sollte mir eigentlich einen Kuchen bringen. Es war alles organisiert, aber eines ihrer Kinder ist krank geworden, und sie kann es nicht allein lassen.«

»Ich wasche mir nur die Hände, dann komme ich gleich. Scones dauern nicht so lange.«

Fenella schien im ersten Moment ablehnen zu wollen, doch dann bekam ihr Gesicht einen flehenden Ausdruck. »Das kann ich nicht von Ihnen verlangen!«

»Ich habe es ja freiwillig angeboten, denn ich bin lieber aktiv. Erst als ich hier ankam – vorhin –, wurde mir klar, wie absolut panisch ich wegen dieser ganzen Wettbewerbssache bin.« Das war die Wahrheit: Zoe hatte Prüfungen immer gehasst, doch bei Prüfungen in der Schule oder an der Universität waren zumindest keine Fernsehkameras zugegen. »Ich beeile mich besser, wenn ich noch etwas hinbekommen will.«

»Dann tue ich Ihnen also einen Gefallen, wenn ich zulasse, dass Sie mir helfen?«

Zoe kicherte. »So ungefähr. Doch ich denke, ich sollte mir lieber etwas Sauberes anziehen.«

»Ich leihe Ihnen eines von Ruperts Hemden. Ich lebe quasi in ihnen. Die bedecken einen besser als Operationskittel.«

Nachdem Zoe ihren Rucksack abgestellt hatte, folgte sie Fenella zurück ins Haupthaus. Sie bemerkte ein paar Leitern, die an den Wänden lehnten. Es war noch eine Menge Arbeit an den Nebengebäuden nötig, aber das Anwesen war sehr malerisch. Somerby selbst würde eine herrliche Kulisse für den Wettbewerb bilden, vor allem in dieser Jahreszeit.

»Das hier verstößt wahrscheinlich ganz furchtbar gegen die Regeln«, bemerkte Fenella, nachdem sie Mehl, Butter und Eier für Zoe bereitgestellt hatte. »Wir sollten das besser niemandem erzählen. Ich meine, wenn die Juroren herausfinden, dass Sie die Scones gebacken haben, und sie sie köstlich fanden …«

»Und sie werden sie köstlich finden! Backen ist meine Spezialität.«

»… dann wird es aussehen, als versuchten wir, Ihnen einen Vorteil zu verschaffen oder so etwas.«

Zoe nickte. »Das stimmt. Ich werde mich einfach nicht blicken lassen.«

Fenella sah auf einmal wieder zweifelnd aus. »Sind Sie sicher, dass Sie das tun wollen?«

»Ja! Einer praktischen Arbeit nachzugehen ist so viel besser, als herumzusitzen und an den Nägeln zu kauen.« Oder gestrandeten Autofahrern zu helfen, auch wenn sie attraktiv sind, fügte sie in Gedanken hinzu. »In einer Küche mit ein bisschen Mehl und einem halbwegs anständigen Ofen weiß ich etwas mit mir anzufangen.«

Die Scones waren zu heiß, um sie mit Marmelade oder Sahnecreme zu füllen, deshalb stand beides in getrennten Schüsseln auf dem vollen Tablett. Fenella hatte es selbst nach oben tragen wollen, aber Zoe hatte das Gefühl, dass es keine gute Idee war, eine Schwangere schwere Tabletts die Treppen rauf- und runterschleppen zu lassen. Deshalb würde sie das übernehmen und sich dann in die Küche zurückziehen und Fenella zu den Juroren gehen lassen. Auf diese Weise würde niemand sie zu Gesicht bekommen.

Sie deckte gerade den Tisch und wollte eben wieder nach unten laufen, um noch mehr heißes Wasser zu holen, als sie Stimmen hörte. Verflixt, nun würde man sie jeden Moment erwischen!

Ein Anflug von Panik überfiel sie, aber dann beruhigte sie sich selbst. Wenn nicht Gideon Irving unter den Neuankömmlingen war, dann war alles in Ordnung. Sie würde niemandem in die Augen sehen, sondern möglichst unauffällig aus dem Raum huschen.

Als die Leute näher kamen, wurde ihr jedoch klar, dass es nicht ganz so einfach werden würde.

»Bin in so einem verdammten Graben hängen geblieben«, erklang eine ernste Stimme, die sie inzwischen ziemlich gut kannte. »Zum Glück hat mir eine Spaziergängerin geholfen.«

Zoe wandte den Kopf ab und deckte weiter den kleinen Tisch neben dem Fenster mit Tellern, Tassen und Untertassen. Sie war in ein langes weißes Baumwollhemd des Hausherrn gehüllt und bezweifelte, dass Gideon Irving sie erkennen würde. Die Leute übersahen einen gern, wenn sie an einem ungewöhnlichen Ort nicht mit einem rechneten.

»Ja«, fuhr Gideon fort, »sie war sehr zierlich, doch sie konnte Auto fahren und Holzklötze stemmen wie ein Gewichtheber.«

Zoe spürte, wie sie bei diesem indirekten Kompliment rot wurde. Sie bezweifelte, dass Gideon ihr das ins Gesicht gesagt hätte.

»Und wer war sie?« Der andere Juror, ein freundlicher Koch, der zu Frauen nach Hause kam und ihnen vor laufender Fernsehkamera beibrachte, wie man dieses oder jenes Gericht zubereitete, ging zum Tisch.

»Wie gesagt: Irgendeine Frau, die zufällig dort spazieren ging. Ich persönlich halte ja nichts vom Zu-Fuß-Gehen.«

Zum Glück erschien in diesem Moment Fenella und verkündete: »Nehmen Sie sich Tee, Gentlemen!«

Zoe verschwand schnell und murmelte dabei: »Ich hole noch etwas heißes Wasser.«

Sie hatte jahrelang samstags in einem Café gearbeitet und bediente sehr gern Gäste. Was sie nicht so gut konnte, war, unsichtbar zu bleiben. Sie hasste es zu lügen, und jetzt hatte sie schon zwei Geheimnisse – beide, weil sie einfach zu hilfsbereit war. Ihre Mutter behauptete, sie sei schon mit dem Hilfe-Gen geboren worden. Eigentlich war das eine Tugend, aber jetzt kam es Zoe wie ein Laster vor.

Gerade als sie mit dem heißen Wasser zurückgehen wollte, erschien Fenella wieder in der Küche. »Danke«, meinte sie. »Würde es dir etwas ausmachen, das auch noch raufzutragen? Ich glaube nicht, dass dich jemand näher betrachtet hat, oder?«

Zoe wollte gerade antworten, dass Gideon sich vielleicht an sie erinnerte, doch dann fiel ihr ein, dass Fenella ja nicht wissen durfte, dass sie ihn schon getroffen hatte – und Fenella war schwanger. Sie hatte keine Wahl. Also nahm sie die Karaffe. »Ich bin gleich zurück.«

»Was gibt es jetzt noch zu tun, Fen?«, fragte sie, als sie wieder zurück war. (Fenella hatte darauf bestanden, dass Zoe sie wie ihre Freunde Fen nennen sollte.) Zum Glück waren Gideon und die anderen so in ihr Gespräch vertieft gewesen, dass sie Zoe nicht bemerkt hatten. Sie genoss den Aufenthalt in diesem Haus, doch die Nervosität würde sofort zurückkehren, wenn sie wieder in ihrem Zimmer war. Das hier war genau die Ablenkung, die sie brauchte.

Fenella seufzte. »Ach, nicht viel. Ich muss ein paar Kartoffeln für das Abendessen aufsetzen. Ihr esst alle im Pub und die Juroren und die Fernsehleute hier bei uns. Und dann findet hinterher das offizielle Kennenlernen statt. Oder vorher?« Sie runzelte die Stirn. »Ich habe das nicht mehr so genau im Kopf. Ehrlich, diese Produktionsfirma ist unglaublich herrisch. Ich habe ihnen die Namen von einigen sehr netten Taxifahrern aus der Gegend gegeben, aber nein, sie mussten ihre eigenen Leute aus London mitbringen. Verrückt!«

Sie schob sich eine Locke aus der Stirn. »Jedenfalls werde ich jetzt für diese beängstigenden Juroren kochen, und die Leute aus dem Pub, die viel mehr Routine haben, kochen für euch.«

»Warum?«

»Das ist Ruperts Schuld. Er hat den Fernsehleuten gesagt, dass es einfacher wäre, für sechs zu kochen als für elf oder zwölf, doch mit all den Produzenten und Regieassistenten sind es mehr als sechs geworden.« Sie hielt inne. »Und Rupert sollte längst zurück sein und mir helfen. Na ja, der Eintopf ist schon fertig. Ich muss eigentlich nur noch die Beilagen zubereiten.« Sie lehnte sich an den Küchentisch. »Du kannst dir bestimmt vorstellen, wie nervenaufreibend es ist, für berühmte Köche und Restaurantkritiker zu kochen.«

»Ich kann mir das nur zu gut vorstellen, da es bei diesem Wettbewerb ja genau darum gehen wird.« Zoe fand, dass Fenella wirklich müde aussah, und als sie bemerkte, wie die junge Frau ihre Hand auf ihren Bauch legte, fragte sie sich, ob es ihr gut ging. »Und was, wenn Rupert nicht früh genug zurück ist?«

»Ich bin sicher, er wird es rechtzeitig schaffen.« Fenella klang nicht sehr sicher.

Zoe traf eine Entscheidung. Fenella – die sie von Anfang an sympathisch gefunden hatte – brauchte sie. »Ich schäle die Kartoffeln für dich. Welches Gemüse willst du auf den Tisch bringen?«

»Junge Bohnen, ein bisschen Kohl – und Spargel vom Bauern in der Nähe.«

»Gibt es eine Vorspeise?«

»Suppe. Rupert hat alles so einfach wie möglich gehalten.«

»Möchtest du also, dass ich dir helfe?«

Fen kaute auf ihrer Lippe und seufzte. Sie spielte mit einem Kugelschreiber, den sie aus einem Becher auf dem Küchentisch gefischt hatte. Ihre Unentschlossenheit war ihr deutlich anzusehen. »Nur, wenn Rupert nicht kommt. Du musst bei eurem Abendessen dabei sein. Ich habe das Programm gesehen. Da werdet ihr informiert und lernt einander kennen, das ist wichtig.« Sie hielt inne. »Aber wenn Rupert es nicht rechtzeitig schafft, dann wäre es wunderbar, wenn du mir am Anfang ein wenig zur Hand gehen könntest.« Fenella lächelte. »Der Kleinbus, der euch abholt, kommt erst um acht. Mein Essen fängt schon um halb acht an.«

»Dann könnte ich also theoretisch die Sachen für dich nach oben tragen und dann noch schnell zum Bus laufen.«

Fenella nickte. »Wenn das Esszimmer renoviert ist, wird es dort einen Speisenaufzug geben, den ich benutzen kann, doch da der Raum nicht so schön ist, haben wir ihn noch nicht hergerichtet.«

»Es macht mir nichts aus, der Speisenaufzug zu sein.«

Fenella lächelte ein wenig und sank auf einen Stuhl. »Ich sollte dein Angebot nicht annehmen«, erklärte sie, »aber irgendwie kann ich nicht anders.« Sie machte ein entschlossenes Gesicht. »Und ich weiß genau, dass du lediglich den Gedanken an den Wettbewerb verdrängen willst, indem du hier herumwuselst und mir hilfst.«

Zoe setzte sich neben sie. »Das ist mir bewusst.«

»Normalerweise hätte ich keine Probleme damit, Hilfe anzunehmen, doch wenn du gegen irgendwelche Regeln verstößt, könnte das deine Gewinnchancen schmälern. Du wirst vielleicht sogar ausgeschlossen, bevor es losgeht!«

»Wir wissen ja nicht einmal, ob das gegen die Regeln verstößt, und niemand wird es merken, da bin ich sicher. Ich bin beim Tee doch auch damit durchgekommen, oder nicht?« Sie kicherte. »Ich könnte eine Schürze und ein Häubchen tragen, als Verkleidung.«

»Mach darüber keine Witze!«, sagte Fenella. »Ich habe so etwas nämlich da! Wir haben letztes Jahr einen Teenachmittag im edwardianischen Stil veranstaltet und uns alle als Dienstboten verkleidet.«

Zoe lachte. »Ich werde jetzt die Kartoffeln schälen und das Gemüse putzen, und dann sollte ich mich vermutlich erst einmal in meinem Zimmer einrichten.«

»Deine Zimmergenossin ist schon dort. Sie kam, als du gerade oben warst.«

»Wie ist sie denn so?«

»Sehr aufgedonnert. Ich hoffe, du hast deine Tasche auf das Doppelbett gelegt!«

2

Als Zoe zurück zum ehemaligen Kuhstall kam, traf sie dort auf eine sehr hübsche blonde Frau, die ungefähr in ihrem Alter war und wie ein Model aussah. Abgesehen vom Alter konnte Zoe keine Gemeinsamkeiten mit ihr entdecken. Die andere Frau war groß, mit langen, glatten, dezent gesträhnten Haaren und sehr viel Make-up inklusive falscher Wimpern. Sie trug einen kurzen Rock und ein Top mit Spaghettiträgern, obwohl es noch gar nicht so warm war. Ihre Schuhe, Sandaletten mit hohem Absatz, lagen auf dem Boden vor dem Doppelbett, auf dem die Fremde es sich gemütlich gemacht hatte.

Zoe lächelte, entschlossen, dass die augenscheinlichen Unterschiede zwischen ihnen ein harmonisches Zusammenwohnen nicht ausschlossen.

»Hi! Ich bin Zoe«, sagte sie.

»Cher«, erwiderte das Model. »Ich hoffe, es macht dir nichts aus, wenn ich das Doppelbett nehme. Ich kann in einem Einzelbett nicht schlafen.«

»Ach? Aber du bist doch so schlank. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es nicht breit genug für dich ist.«

Cher hatte ein helles Lachen, das für Zoes Geschmack ein bisschen zu hoch war. »Nein! Das ist es nicht, doch ich muss mich ausstrecken können. Weil ich so lange Beine habe.«

»Du erwartest hoffentlich nicht, dass ich dich wegen deiner langen Beine bemitleide, oder?«

»Nein«, erklärte Cher deutlich schärfer, »aber ich erwarte, dass du mir das Doppelbett überlässt.«

Zoe blinzelte, weil Chers Tonfall sich so abrupt verändert hatte, beschloss jedoch, keinen Streit anzufangen. Sie waren schließlich keine Schulmädchen mehr, und wenn sie sich das Zimmer teilen mussten, dann war es besser, zumindest oberflächlich miteinander auszukommen. Zoe spürte, dass sie sich genau überlegen musste, welche Kämpfe sie mit Cher ausfechten wollte, und dieser hier schien ihr nicht wichtig genug zu sein.

»Okay.« Zoe ging zu ihrem Rucksack, den Cher achtlos auf das Einzelbett geworfen hatte. Sie öffnete ihn und fing an, ihre Sachen auszupacken. Viel war es nicht, und normalerweise ließ sie einen Teil ihrer Kleider auch im Rucksack, doch ein tief verwurzelter territorialer Instinkt weckte in ihr den Wunsch, ihr Revier zu markieren.

Der Schrank war bereits voll mit Chers Sachen. Kurze Röcke, einige Shorts (offenbar rechnete sie mit einer Hitzewelle) und einige enge Jeans. Viele weitere hochhackige Sandaletten und Handtaschen bedeckten den Schrankboden.

Zoe hängte ihr einziges Kleid, die beiden Jeans und einige Blusen und Tops auf, dann holte sie ihren Kulturbeutel heraus. »Ich muss duschen und mir die Haare waschen.« Sie ging ins Badezimmer und hoffte, dass ihre Mitbewohnerin nicht schon alle Handtücher benutzt hatte.

Sie rubbelte sich gerade die Haare trocken, als Cher, die ihr vom Bett aus zusah, meinte: »Ich habe einen Fön, den kann ich dir leihen, wenn du willst.«

Zoe drehte sich um. »Danke, doch ich föne mir die Haare nie. Sie trocknen auch so, wenn ich sie ein bisschen knete.«

Cher stand auf. »Du würdest viel besser aussehen, wenn du sie fönst. Ganz anders. Ich mache dir die Haare, wenn du willst.«

»Schon gut, danke. Ich habe vor Jahren beschlossen, mein Styling von keinen elektrischen Geräten abhängig zu machen.«

Cher zuckte mit den Schultern, als wäre Zoe verrückt. »Ich habe mal eine Weile als Friseurin gearbeitet.«

Zoe versuchte zu entscheiden, ob sie Cher mochte oder nicht. Sie wirkte sehr oberflächlich, nur an ihrem Aussehen interessiert und darauf aus, Eindruck zu schinden. Doch das Angebot, ihr mit ihren Haaren zu helfen, war nett gewesen. Vielleicht konnte sie Zoes zerzaustes und ungestyltes Haar aber auch nur nicht ertragen. War Cher ein Kontrollfreak?

»Weshalb nimmst du eigentlich an dem Wettbewerb teil?«, fragte Zoe, weil sie fand, dass es Zeit wurde, mehr über ihre Zimmergenossin herauszufinden.

»Ich will ins Fernsehen. Ich will unbedingt berühmt werden, und ich denke, wenn ich in diesem Kochwettbewerb gesehen werde, dann bekomme ich auch andere Angebote.«

Zoe sah sie überrascht an. »Kochst du nicht gern?«

Cher zuckte mit den Schultern. »Nicht besonders.«

»Aber du hast die Vorrunden überstanden?«

»Oh ja. Ich bin gut, ich kann dem Kochen nur nicht wirklich etwas abgewinnen. Ich mache mir einfach nicht gern die Finger schmutzig, weißt du.« Sie hielt inne und blickte Zoe an, als würde sie sie irgendwie mit dem Wort »schmutzig« in Verbindung bringen. »Schmink dich wenigstens ein bisschen und zieh ein Kleid an! Ich will nicht mit jemandem gesehen werden, der hässlich ist.«

Zoe traute ihren Ohren kaum, schluckte jedoch eine scharfe Erwiderung herunter, weil ihr wieder einfiel, dass sie ja versuchen wollte, mit Cher auszukommen. Sie zog das Kleid an und gestand sich grollend ein, dass die unglaublich unhöfliche Cher unter Umständen recht hatte: Es war vielleicht eine gute Idee, denn der erste Eindruck war stets wichtig. Sie sah auf die Uhr. Es war jetzt fast sieben, und sie brauchte nun eine Ausrede, damit sie Fenella helfen konnte. Am Anfang war sie vielleicht nur hilfsbereit gewesen, um ihre Nervosität zu bekämpfen, doch jetzt genoss sie es, bei dem Essen für die Juroren mitzuwirken. »Ich glaube, ich gehe noch ein wenig spazieren. Die Gegend hier ist sehr hübsch.«

Wie Zoe vermutet hatte, wollte Cher nicht mitkommen. »Ich gehe nie spazieren. Falsche Schuhe.«

Zoe blickte auf Chers Sandaletten. »Ich bin überrascht, dass du in denen kochen kannst. Wie hältst du das stundenlange Stehen aus?« Sie konnte sich Cher nicht in der Art von Slippern vorstellen, die die meisten Köche trugen; Zoes eigenes Paar steckte noch in ihrem Rucksack. Doch zwischen Chers hochhackigen Schuhen im Schrank waren ihr keine Slipper aufgefallen.

»Beim Kochen ziehe ich Turnschuhe an. Nicht, dass ich oft in der Küche stehe.«

Zoes Neugier wuchs. »Aber bist du sicher, dass ein Kochwettbewerb dann das Richtige für dich ist? Ich meine, wenn du nicht gern kochst?«

Cher stand vom Bett auf und warf sich das Haar über die Schulter. »Ich sorge einfach dafür, dass das, was ich mache, sehr gut ist.« Sie lächelte Zoe an. »Ich habe übrigens vor zu gewinnen.« Sie ging zum Spiegel und betrachtete sich kritisch. »Ich schaffe immer alles, was ich mir vornehme – egal, ob ich einen Job bekommen will oder einen Mann oder irgendetwas anderes. Dieses Mal geht es mir darum, berühmt zu werden, was bedeutet, dass ich diesen Wettbewerb gewinnen muss

Chers Entschlossenheit war beängstigend. »Und warum ein Kochwettbewerb? Warum nicht … X-Faktor oder Britain’s Next Top Model?«

»Daran habe ich natürlich auch gedacht, doch beim Kochen gibt es viel weniger Konkurrenz.«

»Wie kommst du denn um Himmels willen darauf? Es nehmen wahrscheinlich eine Menge richtig guter Köche teil! Ich zum Beispiel!«

»Es geht ja nicht nur ums Kochen. Ich habe gesehen, wie die Teilnehmer bei solchen Sendungen mit den Juroren flirten.« Sie blickte Zoe mit einem Ausdruck an, der an Mitleid grenzte. »Ich habe dir doch gesagt, dass ich gut kochen kann, wenn ich das wirklich will. Ich bin hier vielleicht nicht die beste Köchin, aber ich werde die Hübscheste sein, die mit dem meisten Sexappeal. Deshalb werde ich gewinnen. Obwohl du jetzt sehr viel besser aussiehst als vorhin, wirst du nicht den Hauch einer Chance haben.«

Zoe betrachtete sie. Nach dem, was Cher vorher schon von sich gegeben hatte, kam ihre Unverblümtheit nicht mehr überraschend. »Wenn du meinst«, erwiderte sie mit gezwungener Fröhlichkeit.

»Und warum nimmst du teil?«, wollte Cher wissen und wandte sich vom Spiegel ab, weil sie offenbar beschlossen hatte, dass man Perfektion nicht übertreffen konnte.

»Oh, ich möchte auch gewinnen. Ich würde mit dem Geld gern einen Feinkostladen eröffnen oder ein Bistro oder Restaurant, in dem ich das Essen kochen kann, das ich liebe. Was hast du mit dem Geld vor?«

»Das Geld spielt für mich überhaupt keine Rolle. Mein Vater ist wirklich reich. Mir geht es nur um den Ruhm und die Möglichkeiten, die sich mir dann eröffnen.«

»Nun, möge der beste Koch gewinnen!«, sagte Zoe und verbarg mit ihrer lässigen Art ihre wachsende Entschlossenheit, diese Frau im Wettbewerb zu schlagen, komme, was da wolle. Und das nicht nur, weil sie das Doppelbett selbst haben wollte.

»Und musstest du einen guten Job und einen netten Freund aufgeben, um herzukommen?«, erkundigte sich Cher. »Ich mache übrigens nebenbei ein bisschen Event-Management, doch von dem Geld, das Daddy mir zahlt, kann ich ganz passabel leben.«

»Ich hatte einen ziemlich guten Job bei einem Makler, aber jemand anderes wurde befördert, obwohl ich schon seit einer Ewigkeit dort angestellt war. Deshalb hat es mir nichts ausgemacht, den Job aufzugeben.« Diese ganze Sache hatte Zoe in Wahrheit sehr verletzt, doch sie war nicht der Typ, der zurückblickte, und sie wollte wirklich gern einen eigenen Laden eröffnen.

»Und hast du einen Freund? Ich glaube, du bist der Typ, der schon seit der Schule mit demselben Mann zusammen ist, ihn dann heiratet und Kinder kriegt.« Cher gähnte. »Das wäre absolut nichts für mich!«

»Für mich auch nicht«, erwiderte Zoe, wütend über Chers Vorurteil, aber immer noch entschlossen, es nicht zu zeigen. »Ich habe schon vor einer ganzen Weile beschlossen, mein Glück nicht von einem Mann abhängig zu machen. Wenn ich jemanden kennenlerne, der mir gefällt und in den ich mich Hals über Kopf verliebe, dann hätte ich nichts dagegen, mich zu binden, doch es müsste schon jemand ganz Besonderes sein.«

Zoe dachte zurück an ihre eher langweiligen Beziehungen zu ein paar wenigen sehr netten, anständigen jungen Männern. Sie hatte sie alle sehr gemocht, aber bei keinem von ihnen hatte sie das Gefühl gehabt, nicht ohne ihn leben zu können. Plötzlich sah sie wieder den schlammbespritzten und verschwitzten Gideon Irving vor sich, doch sie schob das Bild so schnell beiseite, wie es ihr erschienen war.

Cher nickte. »Respekt, Schwester! Genauso sehe ich das auch. Es hat keinen Sinn, sein Leben an jemanden zu verschwenden, der sich als Nichtskönner herausstellt.« Sie ging zu dem kleinen Kühlschrank. »Ich habe eine Flasche Wein. Möchtest du ein Glas?«

»Nein, danke. Ich will morgen einen klaren Kopf haben. Ich werde ein bisschen spazieren gehen.« Zoe hatte plötzlich das dringende Bedürfnis nach frischer Luft. Außerdem wollte sie nach Fenella sehen.

Als sie zum Haus hinüberging, lächelte sie in sich hinein. Cher war komisch, doch es bestand kein Grund, sich über ihre wilden Ankündigungen und ihre stahlharte Entschlossenheit, den Wettbewerb zu gewinnen, zu ärgern. Sie musste sich mit Cher das Zimmer teilen, und das war unmöglich, wenn sie sich aufregte und Streit suchte.

Weil sie schon ein bisschen Angst hatte, von den Fernsehleuten oder den Juroren erkannt zu werden, war Zoe erleichtert, einen hochgewachsenen Mann in der Küche zu sehen. Das bedeutete, dass Fenella nicht länger allein war. Der Mann nahm Zoe – zu ihrer Überraschung – fest in die Arme und küsste sie herzlich rechts und links auf die Wange.

»Danke, dass du meiner schwangeren Frau geholfen hast!«, sagte er. »Dafür verdienst du Rubine und Koffer voller Gold, aber die habe ich leider nicht. Wie wäre es also mit einem Glas Rotwein? Oder hättest du lieber einen Gin?«

»Rupert!«, ermahnte ihn Fenella, die jetzt sehr viel weniger gestresst wirkte als bei ihrer letzten Begegnung. »Zoe – du siehst übrigens wunderschön aus –, das hier ist mein Mann Rupert. Doch das hast du vermutlich schon erraten.«

»Hallo, Rupert.« Zoe nahm das Glas Wein, das er ihr reichte.

»Setz dich doch! Weil du vorhin so viel geholfen hast, haben wir jetzt noch ein bisschen Zeit, und außerdem erledigt Rupert den Rest.«

Zoe zog sich einen Stuhl unter dem Tisch heraus und blickte sich noch einmal richtig in der Küche um; vorher war dafür einfach keine Gelegenheit gewesen. Die Somerby-Küche war einfach perfekt: weitläufig, mit einem Herd von der Größe eines Autos, einer alten Kommode, einem Sofa, einem Esstisch, an dem eine kleine Schulklasse Platz gefunden hätte, und einem Steinfußboden. An den Wänden hingen Bilder, und in einem großen Bücherregal standen Koch-, Garten-, Blumen- und Vogelbücher zusammen mit einer Menge Krimskrams. Es war richtig heimelig.

»Ich liebe Küchen wie diese«, verkündete Zoe.

»Sie würde mir besser gefallen, wenn sie nicht Teil dieses Geldgrabes wäre«, meinte Rupert, der gerade den Eintopf abgeschmeckt hatte und den Löffel in die Spüle warf. »Obwohl wir das Haus natürlich auch lieben.«

»Wie auch nicht? Es ist wunderschön!«

»Das ist es«, stimmte Fenella zu, »aber es ist so teuer, es zu renovieren und erhalten! Wir müssen uns ständig neue Möglichkeiten ausdenken, wie wir genug Geld dafür zusammenbekommen. Deshalb sind wir ja auch so froh darüber, dass der Kochwettbewerb hier stattfindet.«

»Es hätte fast nicht geklappt«, sagte Rupert, »denn während des Wettbewerbs findet hier auch noch eine Hochzeit statt.«

»Rupert! Ich glaube nicht, dass du das verraten darfst. Die Aufgaben sollen doch alle Überraschungen sein – die Teilnehmer erfahren sie immer erst am Abend vorher.«

Zoe kicherte. »Ich werde es niemandem verraten.«

»Zum Glück ist die Hochzeitsplanerin eine Freundin von uns. Sarah. Es ist ihr gelungen, dem Paar klarzumachen, dass das viele Geld, das sie für das Essen sparen, ein paar Unannehmlichkeiten wert ist.« Rupert setzte sich einen Moment zu den beiden Frauen an den Tisch.

»Schatz, es wird keine Unannehmlichkeiten geben – dafür haben wir gesorgt.«

»Das Essen ist ein gewisses Risiko«, widersprach Rupert. »Aber das ist bei Hochzeiten ja oft so.«

»Nicht in Somerby«, erklärte Fenella pikiert.

Rupert lachte, und Zoe genoss das entspannte Geplänkel zwischen den beiden. Wie wunderbar das sichere Wissen sein musste, dass man liebte und diese Liebe erwidert wurde!

Als Zoe aufstand, sagte Fenella: »Nimm dir bitte alles, was du vielleicht brauchst! Milch, zum Beispiel. Es steht welche in eurem Kühlschrank, doch wenn sie euch ausgeht, dann kannst du dir gern noch welche holen. Und hier in dieser Dose sind Kekse. Rupert hat neue Vorräte mitgebracht.«

»Ich möchte nicht gern irgendetwas nehmen, das ihr schon für andere Zwecke eingeplant habt.«

»Keine Sorge«, erklärte Rupert. »Wir haben ganz besondere Kekse für die Gäste. Ich darf nicht mal in ihre Nähe kommen.«

Zoe lief zurück in das Zimmer und putzte sich die Zähne, damit niemand den Rotwein in ihrem Atem roch.

»Wo warst du denn?«, fragte Cher neugierig.

»Ich habe nur ein wenig die Gegend erkundet«, antwortete Zoe mit Zahnpasta im Mund und hatte unerklärlicherweise ein schlechtes Gewissen.

»Wenn du dich nicht beeilst, verpassen wir den Bus.«

Zwei Stunden später waren sie aus dem Pub zurück und wurden von einem leicht gestressten Rupert die Treppe hinauf in den Konferenzraum von Somerby geführt. »Da sind wir!«, verkündete er und öffnete die Tür zu einem großen Raum mit einem riesigen Tisch in der Mitte. Er blieb stehen und ließ sie alle an sich vorbeigehen. »Die Juroren essen leider noch, aber einige Mitglieder der Produktionsfirma sind schon da, um mit euch zu reden. Ich muss jetzt gehen und den Nachtisch servieren.« Er verließ den Raum so schnell und unauffällig, wie er konnte.

Zoe und die anderen setzten sich auf die Stühle, die um den Tisch herum gruppiert waren.

»Guten Abend, alle miteinander!« Eine gut aussehende blonde Frau mit einem leichten amerikanischen Akzent, Haaren wie Marilyn Monroe und Augen wie Saphiren betrat den Raum. Hinter ihrer Schönheit spürte man ihre Härte. »Mein Name ist Miranda Marlyn. Ihr wisst vermutlich, dass ich die Leiterin der Produktionsfirma bin, die diese Sendung herstellt. Und wir sind alle sicher, dass sie ein großer Erfolg wird – für uns und für euch.« Sie hielt inne. »Es wird sehr arbeitsintensiv werden. Wie ihr vermutlich inzwischen erfahren habt, werdet ihr ungefähr alle zwei oder drei Tage eine neue Aufgabe bekommen.« Die Anspannung im Raum wuchs. Miranda ließ ihren Blick über jeden Teilnehmer gleiten und gab zumindest Zoe das Gefühl, dass sie bereits beurteilt wurde – und nicht gut dabei abschnitt.

»Wir erwarten von euch, dass ihr euch während der anderen Tage vorbereitet, doch es wird ungefähr auf der Hälfte eine Pause geben. Mike wird euch das alles noch etwas ausführlicher schildern. Ich hoffe, ihr hattet alle Gelegenheit, euch während des Essens kennenzulernen. Vergesst bitte nicht, dass ihr hier zwar gegeneinander antretet, aber viele Aufgaben dennoch Teamarbeit erfordern. Es wird nicht nur Punkte für besonders gutes Kochen, sondern auch für die Führung eines Teams und vor allem für gute Zusammenarbeit geben.«

Noch ein stahlharter Blick. Inzwischen wirkten alle (außer Cher) wirklich nervös. Zoe arbeitete gern im Team, sah sich jedoch immer eher in der zweiten Reihe und nicht als Chefin. Hatte sie wirklich die nötigen Qualitäten, um einen Plan auszuarbeiten und ihr Kochteam zu motivieren, ihn umzusetzen?

»Jetzt gebe ich das Wort an Mike weiter.«

Alle klatschten, und Miranda setzte sich.

»Hi, Leute«, sagte Mike, der ihnen nach dem gemeinsamen Essen im Pub wie ein alter Freund vorkam, hilfreich und nicht bedrohlich. »Anders als bei anderen Kochwettbewerben habt ihr die Juroren noch nicht kennengelernt …«

»Das wissen wir«, flüsterte Cher, ermutigt von mehreren Gläsern Wein während des Essens.

»… weil die Vorauswahl von anderen Leuten getroffen wurde.«

»Herrgott! Wir waren dabei! Wir wissen, dass die Juroren zu ›beschäftigt‹ waren«, Cher deutete mit den Fingern Anführungszeichen an, »um aufzukreuzen!« Ihr Flüstern wurde mit jeder Minute lauter.

Mikes Tonfall war versöhnlich. »Aber ihr lernt sie morgen kennen, und ich bin sicher, ihr seid deswegen alle schon ganz aufgeregt.«

»Ich pinkele mir vor Aufregung in die Hose«, meinte Cher, die sich keine Mühe mehr gab, ihre Stimme zu dämpfen.

Zum Glück musste Zoe sich nicht länger fremdschämen, denn der Rest von Mikes Rede lieferte Cher keine Gelegenheit mehr, Kommentare einzuwerfen, und Zoe hörte nur mit halbem Ohr zu. Sie war nämlich viel zu sehr damit beschäftigt, über die anderen Teilnehmer nachzudenken. Mit einigen von ihnen hatte sie im Pub schon gesprochen und die anderen aus der Ferne begutachtet.

Da war ein temperamentvoller junger Mann mit einer Haarmähne, die fast senkrecht hochstand. Sie hatte sich mit ihm unterhalten und herausgefunden, dass er Shadrach hieß. Er redete leidenschaftlich über Essen, und sein Name passte irgendwie zu ihm. Dann war da die mütterliche Muriel, die sich eine Auszeit von der Familie gönnte und sich selbst als »gute Köchin am heimischen Herd« bezeichnete, doch von Zoe als starke Konkurrentin eingestuft wurde.

Zuvor war Cher um zwei junge Männer herumscharwenzelt, die breitbeinig und mit ungeduldig wippenden Füßen dasaßen und so viel Testosteron verströmten, dass man es fast sehen konnte wie den Dampf, der von schweißnassen Pferden aufstieg. Beiden – sie hießen Dwaine und Daniel – war Wettkampf praktisch auf die Stirn tätowiert. Cher hatte immer wieder ihre Haare zurückgeworfen, sich die Lippen befeuchtet und beide in ihren Ausschnitt blicken lassen. Das war offenbar ihre Auffassung von Team-Bildung. Und es könnte funktionieren, dachte Zoe. Aber was, wenn sie sich beide in Cher verliebten? Dann würde es eine schreckliche Rauferei geben, mit Blut auf dem Boden. Jetzt, von ihrem Platz in der ersten Reihe aus, rief Cher ihnen mit Augen, Händen und Haaren zu: Seht mich an!

Hinter Zoe und Cher saß eine ziemlich ernste junge Frau, mit der Zoe noch nicht gesprochen hatte. Sie konnte eine potentielle Gewinnerin sein. Sie war schüchtern, mit mausbraunem Haar, das von einer altmodischen Spange gehalten wurde, aber sie strahlte eine große Entschlossenheit aus. Ihr Name war Becca. Neben ihr hatten zwei Männer mittleren Alters Platz genommen, von denen einer Bill hieß. Außerdem war da Shona, die Zoe beim Essen erzählt hatte, sie sei ein »einziges Nervenbündel«.

»Okay, Leute«, meinte Miranda Marlyn und stand wieder auf, »mehr werdet ihr bis zum Ende des Wettbewerbs nicht von mir hören. Wie Mike schon sagte, werdet ihr morgen die Juroren kennenlernen und erfahren, was eure erste Aufgabe ist. Ich möchte euch allerdings alle warnen: Unsere Jury wird extrem streng sein. Das Restaurant-Geschäft ist hart, und ihr müsst genauso hart sein, wenn ihr Erfolg haben wollt.« Sie rauschte aus dem Raum, gefolgt von einem jungen Mann mit einem Clipboard, der offenbar ihre rechte Hand war.

Alle schlenderten jetzt herum und unterhielten sich aufgeregt, als wäre ihnen erst jetzt klar geworden, dass der Wettbewerb bald beginnen würde. Es sind unglaublich viele Gesichter, die man sich merken muss, dachte Zoe, doch bei zehn Teilnehmern und mehreren Leuten von der Produktionsfirma war das kein Wunder.

Plötzlich stand jemand hinter Zoe. »Das war alles ganz so wie erwartet, nicht wahr? Ich bin übrigens Alan. Wir hatten noch keine Gelegenheit, uns beim Essen zu unterhalten.«

Alan war mittelgroß und leicht gebräunt; er hatte dichtes, schon ein wenig ergrautes Haar. Er kam Zoe irgendwie bekannt vor, und sie fragte sich, ob sie ihm schon einmal begegnet war oder ob er vielleicht Schauspieler war.

»Zoe.« Sie legte ihre Hand in seine, die er ihr entgegenhielt. »Kenne ich dich von irgendwoher? Aus dem Fernsehen vielleicht?«

Er nickte. »Das ist möglich. Ich habe jahrelang als Schauspieler gejobbt, doch in letzter Zeit nicht mehr. Jetzt koche ich. Deshalb nehme ich auch an dem Wettbewerb teil.«

»Und was erhoffst du dir davon?« Zoe interessierte sich sehr für Menschen, aber nun befürchtete sie, etwas zu direkt gewesen zu sein. Deshalb beschrieb sie ihre eigenen Motive. »Ich bin hier wegen des Geldes, doch meiner Zimmergenossin Cher – da drüben: die hübsche Blonde, die gerade die beiden jungen Männer beeindruckt – geht es um Ruhm.« Sie hielt inne. »Wie steht es mit dir?«

Alan schien ihre Frage nicht zu stören. »Ich schätze, ich will beides: Ruhm und Geld. Ich hätte gern einen Pub am Fluss, mit Sommergerichten, kühlem Weißwein und hübschen jungen Menschen mit Platin-Kreditkarten, die kommen, weil mein Laden gerade total angesagt ist.« Er lachte. »Aber ich will auch Familien bei mir haben. Mein Lokal soll ein Ort sein, an dem Großmutter, Kinder und Enkelkinder in entspannter Atmosphäre etwas essen können.«

Zoe lächelte ihn an. »Das klingt, als hättest du die Werbebroschüre schon fertig geschrieben.«

»Ich gestehe, ich bin da etwas voreilig, doch das werde ich gleich erledigen, wenn ich den Wettbewerb gewinne. Und du?«

»Ich hätte gern einen kleinen Feinkostladen mit Spezialitäten, aber auch mit vorgekochten Gerichten, damit die Leute, die wenig Zeit zum Kochen haben, trotzdem nicht auf richtig gutes Essen verzichten müssen.«

»Tolle Idee! Du solltest dich mal mit Gideon Irving unterhalten. Er importiert Olivenöl, Oliven und solche Dinge. Das wirst du brauchen, wenn du einen Feinkostladen eröffnest.«

»Oh. Ich dachte, er wäre ein Kochbuchautor.«

»Das ist er, doch er ist auch an einer Kooperative beteiligt, die Delikatessen aus der ganzen Welt importiert. Das Schreiben ist eine Art Hobby – obwohl es seine Leidenschaft ist.«

»Woher weißt du das alles?« Zoe war fasziniert.

»Ein Cousin von mir saß schon ein paar Mal mit ihm zusammen in einem Komitee. Offenbar wurde er genötigt, diese Jury zu unterstützen.«

»Wirklich?«

Alan nickte. »Ja! Mein Cousin meinte, Gideon habe gesagt, er wolle nicht die ganze Zeit die grauenvollen Rezepte probieren, die von Großmüttern weitergegeben wurden, die das Kochen während der Lebensmittelrationierung im Krieg gelernt haben.«

»Mein Gott! Hat dein Cousin das selbst aus Irvings Mund gehört?« Es konnte auch nur ein Gerücht sein.

»Jep. Gideon hat dem Komitee erzählt, dass man ihn gezwungen habe, den Jurorenposten anzunehmen.« Alan runzelte leicht die Stirn. »Er scheint furchtbar arrogant zu sein.«

»In der Tat«, stimmte Zoe ihm zu. Das hatte sie selbst schon feststellen müssen.

»Und er wird wohl auch leicht wütend. Dummköpfe kann er nicht ertragen.«

Das war ihr ebenfalls bereits aufgefallen. »Oh.«

Alan nickte. »Also sei besser vorsichtig, was ihn angeht! Deine Freundin Cher wird vielleicht feststellen, dass sie es mit einem Mann zu tun hat, an dem ihr Charme abprallt.«

Zoe lachte. »Ja, aber du weißt doch, wie Männer sind – für langbeinige Blondinen immer empfänglich.«

»Nicht alle Männer.« Alan warf ihr einen Blick zu, der einfach freundlich gemeint sein konnte, jedoch auch bedeutungsvoll.

Zoe dachte über ihn nach. Alan war nett, doch ein bisschen zu alt für sie. Dann wanderten ihre Gedanken zu Gideon Irving. Er war nicht viel jünger als Alan, aber ihn fand sie definitiv attraktiv. Umso besser, dass sie gewarnt war.

Irgendwann zogen sich alle zurück, einige in ihre Pensionen, die anderen in die umgebauten Nebengebäude.

Wieder in ihrem Zimmer, brauchte Cher so lange im Bad, dass Zoe sich die Zähne neben ihrem Bett mit etwas Mineralwasser putzen und draußen in einen Abfluss ausspucken musste. Aber am Morgen plauderte Cher wieder freundlich mit ihr und lieh Zoe ein Haarprodukt, das definitiv half, ihre Locken besser zur Geltung zu bringen. Sie ist schwer einzuschätzen, dachte Zoe, als ihre Zimmergenossin hinter ihr stand und sie im Spiegel betrachtete. Dabei zupfte sie eine letzte Locke so zurecht, dass Zoes Haare perfekt saßen.

Das Treffen mit den Juroren sollte in einem großen Zelt auf der Wiese neben dem Haus stattfinden. Die anderen Teilnehmer hatten sich schon darin versammelt, redeten über ihre Unterkünfte und rätselten darüber, wie die Jurymitglieder wohl sein würden. Fast alle waren nervös. Der vorherige Abend war wie eine Party gewesen. Jetzt, im Zelt, in dem es am Morgen noch kühl war, herrschte wieder Wettbewerbsatmosphäre.

»Es fühlt sich so an wie damals, als die Schulaula in einen Prüfungsraum umfunktioniert wurde, nicht wahr?«, flüsterte Zoe Cher zu, die sich gerade ihr Namensschild suchte und es ansteckte.

Cher blickte sie fragend an. »Ja? Ich hatte nicht besonders viele Prüfungen.«

Zoe war gegen ihren Willen beeindruckt von so viel Coolness.

»Komm!«, meinte Cher. »Setzen wir uns nach ganz vorn! Man wird uns nicht bemerken, wenn wir hinten sitzen.«

Wir haben noch genug Zeit, um aufzufallen, dachte Zoe, doch sie folgte ihr.

Als sie ihre Plätze eingenommen hatten und auf die Juroren warteten, rumorte es in Zoes Magen vor Aufregung. Sie hatte zwar schon einen aus der Jury kennengelernt, aber das durfte sie natürlich niemandem sagen. Sie fragte sich, ob Gideon Irving sie überhaupt beachten würde. Cher, aufrecht und schön, schien die Anspannung der anderen Teilnehmer überhaupt nicht zu bemerken. Sie begutachtete mit einem zufriedenen Gesichtsausdruck ihre lackierten Fingernägel.

Mike kam zu ihnen. Er stand vor einem Tisch, an dem offenbar die Jury sitzen würde. Zoes Nervosität wuchs. Es war so weit; jetzt würde es wirklich jeden Moment losgehen. Cher wirkte noch immer ungerührt. Ihre Fußnägel waren auch lackiert, bemerkte Zoe, hob verstohlen die Hand und spielte mit ihrem Haar. Cher, die das aus dem Augenwinkel beobachtet hatte, ergriff Zoes Finger und zog sie herunter. Niemand durfte eine ihrer »Kreationen« zerstören!

»Okay. Dieser Teil wird ausgestrahlt, aber lasst mich ein paar Worte dazu sagen.« Mike erzählte etwas über die Ton- und die Lichttechniker sowie über die Kameraleute. »Ihr werdet euch bald an die Kameras gewöhnen, was gut ist, aber bitte achtet darauf, nicht zu fluchen oder sonst wie ausfallend zu werden. Ihr werdet jetzt die Jury kennenlernen, und wir filmen das Ganze.«

Zoe beobachtete die Mitarbeiter des Kamerateams, die mit ihrer Ausrüstung und den Clipboards wie emsige Ameisen hin und her wuselten. Sie hatte schon fast vergessen, dass von ihnen

Fernsehaufzeichnungen gemacht werden würden, weil sie so auf den Wettbewerb konzentriert war, darauf, so gut zu kochen wie möglich.

»Einen großen Applaus für die Jury bitte!«, schloss Mike.

Alle klatschten gehorsam.

Der Erste, der auftrat, war der freundliche Fernsehkoch Fred Acaster, der den Leuten einfache Rezepte so geduldig beibrachte, dass die ganze Welt ihn liebte. Er war ein bisschen älter, als er im Fernsehen wirkte, sah jedoch wirklich freundlich aus.

Cher setzte sich, wie Zoe bemerkte, etwas aufrechter hin und schenkte ihm ihre ganze Aufmerksamkeit. Es konnte eine Art Zauber sein, den sie auf ihn richtete. Fred jedenfalls bemerkte sie sofort und lächelte. Prompt trat auf Chers Gesicht ein bezauberndes Strahlen. Wirklich beeindruckend!, dachte Zoe.

Der zweite Richter war eine Frau, Anna Fortune. Sie leitete eine Kochschule und war bekanntermaßen Furcht erregend. Sie hatte mal bei einer Fernsehsendung mitgemacht, in der professionelle Köche bei ihr wieder »zur Schule« gegangen waren, und sie war gnadenlos in ihrem Urteil gewesen. Bei diesem Wettbewerb war sie definitiv diejenige, die man beeindrucken musste. Aber Cher gab sich keine Mühe, Blickkontakt zu ihr aufzunehmen.

Und dann kam Gideon Irving. In Zoes Erinnerung war er schmutzig, derangiert und verschwitzt gewesen. Jetzt war sein Haar noch immer zerzaust, doch so sauber wie das T-Shirt unter seinem Leinenjackett.

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