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Fünf Kopeken

Über die Autorin

SARAH STRICKER, 1980 in Speyer geboren, besuchte die Deutsche Journalistenschule in München und schrieb nach Einsätzen bei der taz und bei Vanity Fair für viele deutsche Zeitungen und Magazine (Süddeutsche Zeitung, Frankfurter Allgemeine, Neon). 2009 ist sie mit einem Stipendium nach Tel Aviv gegangen und kurzerhand dort geblieben, sie berichtet für deutsche Medien über Israel und für israelische Medien über Deutschland. „Fünf Kopeken“ ist ihr schriftstellerisches Debüt, für einen Auszug daraus ist sie 2011 mit dem Martha-Saalfeld-Förderpreis ausgezeichnet worden.

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BASTEI ENTERTAINMENT

1. Kapitel

Meine Mutter war sehr hässlich. Alles andere hätte mein Großvater ihr nie erlaubt. Sie war dürr und bleich, ihre Haut wollte keine rechte Farbe annehmen, nur ihre Nase lief pausenlos rot an, wenn sie sich ärgerte oder zu sehr freute, wenn sie fror, wenn sie schwitzte oder einfach nur so, aus purer Boshaftigkeit des Körpers. Sie hatte ein spitzes Kinn und einen noch spitzeren Mund, hinter dem ihre Schneidezähne zackig nach vorne drängten, auch wenn das von all den Schönheitsfehlern meiner Mutter wahrscheinlich noch das kleinste Übel war, denn viel zu lachen hatte sie nicht. Wenigstens war sie blind wie ein Fisch, sodass ihr der eigene Anblick die ersten Jahre erspart blieb. Erst als in der dritten Klasse ihre Lehrerin bemerkte, dass sie kein einziges Wort von der Tafel lesen konnte, bekam meine Mutter eine dicke Nana-Mouskouri-Brille, hinter der ihre Augen wie zwei Wasserfarbenkleckse verschwammen.

»Soll sie sich halt in die erste Reihe setzen«, jammerte ihre Mutter, meine Großmutter, während sie sich redlich mühte, den Flaum auf dem Kopf meiner Mutter zu Zöpfen zu flechten. Sie küsste sie auf die Backen und verwischte heimlich die Lippenstiftreste, um ihr wenigstens etwas Leben ins Gesicht zu reiben, aber mein Großvater rief »Das ist keine Modenschau, verdammt noch mal, sie geht dahin, um was zu lernen«, und die Brille blieb, obwohl meine Großmutter in der Nacht von so schlimmen Kopfschmerzen befallen wurde, dass sich mein Großvater am nächsten Morgen zwanzig Minuten in der Toilette einschließen musste.

Aber auch später, als meine Mutter Kontaktlinsen bekam und ihr Bauch weich und das Gesicht hart wurde, war sie noch hässlich. Erst kurz vor Schluss, als sie sich schon nicht mehr alleine aufrichten konnte und ich sie mit dem Löffel füttern musste, wurde sie mit einem Mal schön. Die Farbe, die nie wirklich eine gewesen war, blätterte von ihrem Haar wie alter Putz, unter dem ein silbriges Grau zum Vorschein kam. Ihre Augen begannen zu glänzen, die beiden steilen Falten über der Nasenwurzel glätteten sich. Je weiter der Tod sich in ihren Körper fraß, desto lebendiger wurde sie. Sie schäkerte sogar mit dem Doktor, der einmal am Tag nach ihr sah. Sie kannten sich noch aus der Charité, wo meine Mutter nach meiner Geburt gearbeitet hatte, aber damals war sie keine Frau gewesen, sondern Ärztin. Ihr neues, kokettes Lächeln, der Augenaufschlag, wenn er sich über sie beugte und das kalte Stethoskop auf ihre Brust drückte, sodass sie kurz zusammenzuckte, brachten ihn sichtlich durcheinander. Aber ab einem gewissen Alter und Bauchumfang muss man die Flirts nehmen, wie sie kommen. Er turtelte zurück, nannte sie »junge Frau« oder »mein kleines Fräulein«, wofür meine Mutter ihn ein halbes Jahr zuvor noch aus dem Haus geworfen hätte. Sie plauschten über die alten Zeiten, die plötzlich gut gewesen sein sollten, über Professoren, gemeinsame Bekannte, die Unfähigkeit der Kollegen. Meine Mutter kicherte, wie ein kleines Mädchen, das sie erst recht nie gewesen war. Sie legte die Finger an den Hals, den Kopf ein wenig schief, und er strahlte zurück, wie ein Metzgergeselle, der zum ersten Mal einer Sau mit bloßen Händen den Darm entleert hat. Nur ab und zu, wenn er doch mal zur Abwechslung einen Wert maß oder sein Blick auf die Plastikbeutel an ihrem Bett fiel, rieb er sich die Stirn und schaute sehr besorgt, was die Laune meiner Mutter nur noch hob.

Sie war unheimlich stolz, es am Ende doch noch zu einer vorzeigbaren Krankheit gebracht zu haben, die ihr keiner wegreden konnte. Manchmal weigerte sie sich sogar, ihre Medikamente zu nehmen, obwohl die Schmerzen kaum erträglich gewesen sein müssen.

»So lange einem was weh tut, weiß man wenigstens, dass es noch da ist«, sagte sie, und ihre Lippen entblößten ein Grinsen, das ich noch nie bei ihr gesehen hatte.

Das Merkwürdigste aber war, dass sie überhaupt nicht mehr aufhören wollte, zu erzählen. Sie lag in meinem Bett, das früher mal ihres war und jetzt wieder, die Hände auf dem Nabel gefaltet, als erwarte sie noch ein Kind, und redete und redete und redete. Ich saß daneben, irgendwelche Kopien für einen Artikel, den ich zu schreiben hatte auf dem Schoß, damit sie glauben konnte, ich lege nur mal eine Arbeitspause ein, damit das alles ein kleines Schwätzchen bleiben konnte und nicht so nach Lebensbeichte zu müffeln begann, und sagte Dinge wie »geht’s noch?« oder »willst du dich nicht doch etwas ausruhen?« Aber meine Mutter plapperte einfach weiter, als habe sie mich gar nicht gehört, sprang an den Anfang zurück, um irgendein Detail zu ergänzen, verzettelte sich in Banalitäten, die im Rückblick schöner und größer, mickriger, hässlicher, schrecklicher oder sonst wie zugespitzt werden mussten, bis sie zum Scheitelpunkt im Leben taugten. Anderes, Wichtiges erzählte sie gar nicht, oder ich reimte es mir nur zusammen, malte die dürren Umrisse später mit eigenen Bildern aus, zu denen ich in meiner Erinnerung ihre Stimme hörte, auch wenn die im Präteritum etwas holperte. Solange ich denken kann, hatte meine Mutter immer nur über die Zukunft gesprochen. Erst jetzt, wo die zusammenschnurrte wie ein Planschbecken, wenn man am Ende des Sommers den Stöpsel zieht, fand sie plötzlich Geschmack an der Vergangenheit. Nur die Gegenwart rührte sie bis zuletzt nicht an.

Meine Mutter war zu hässlich, um der Schönheit lange nachzutrauern. Nur hübsche Mädchen verbringen Stunden vorm Spiegel, um ihre Makel auswendig zu lernen wie Vokabeln, die sie auf ein Kompliment hin runterrattern. Sie hingegen war nicht bereit, mit ihrem Aussehen zu hadern. Damit hätte sie ihm nur noch mehr Aufmerksamkeit gegeben. Und das hatte »die alte Fratze« ja nun wirklich nicht verdient.

»Lass gut sein«, sagte sie, wenn ich ihr meinen Lippenstift anbot, »da ist Hopfe und Malz verloren.«

»Schad’t doch nicht«, erwiderte ich, aber zum Schminken war sie nicht zu bewegen. Sie behauptete, ihre Lippen seien zu rau, nichts sei widerlicher als Hautfetzen, unter denen sich Farbe sammle. Behauptete, die Haut könne unter dem »Kleister« nicht atmen. Von Wimperntusche würden ihr die Augen tränen.

Aber das Schlimmste war, wie sie sich anzog. Bei der Arbeit nahm sie sich noch zusammen: Kostüm, weiße Bluse, Pumps. Aber wenn sie nach Feierabend zur Tür reinkam, ließ sie alle Hemmungen und Hüllen fallen. Noch halb im Flur riss sie sich stöhnend die Kleider vom Leib und rannte erstmal eine halbe Stunde in Unterwäsche herum, sodass ich etwaige Freundinnen, die sich doch mal zu uns nach Hause trauten, schnell in meinem Zimmer versteckte. Erst wenn sie vollends ausgekühlt war, willigte sie ein, ein altes Paar Shorts meines Vaters überzuziehen, unter denen ihre verdellten Oberschenkel herauslugten wie frisch aufgegangener Hefeteig. Obenrum Achselshirts, die sie im Fünferpack kaufte und so lange trug, bis sie sich auflösten. Und natürlich nie einen BH. Weil sie der Spitzenbesatz angeblich am Rand wund scheure. Wenn sie schwitzte, und wann tat sie das nicht, klammerten sich ihre Brustwarzen an den nassen Stoff, wie Kinder an ihre Eltern in einer wogenden Menschenmenge. Sie stellte ihre Hässlichkeit richtiggehend zur Schau. »Stolz« sagte sie. »Trotz« hörte ich. Ihr Haar schnitt sie selbst, hinten lang genug, um es mit einem Küchengummi zusammenzuwurschteln, vorne rappelkurz, sodass ihr eilig zusammengeschraubtes Gesicht den Blicken schutzlos ausgeliefert war. Aber es war das Gesicht meiner Mutter, und ich liebte es. Zumindest bis ich es in meinem wiederentdeckte.

Bei meinem Großvater war es genau umgekehrt. Das Einzige, was ihn am Äußeren meiner Mutter interessierte, waren die Spuren, die er darin hinterlassen hatte. Von Schönheit hielt er nichts. Die sah Oberflächlichkeit viel zu ähnlich. Und wenn er eins nicht ausstehen konnte, dann oberflächliche Menschen, »bei Gott«, auch wenn er den noch weniger ausstehen konnte. Er war fest davon überzeugt, dass einem jungen Menschen nichts Besseres passieren könne, als »ein bisschen Sand im Getriebe«, das bilde den Charakter, »vorausgesetzt natürlich, die Anlagen stimmen«, wie er der Schwester, die meine kleine Mutter aus dem Bettchen hob, mit vor Selbstgewissheit in die Stirn wachsenden Brauen erklärte. Er schob seine Brille auf die Nase und betrachtete das bisschen Körper, das sie ihm entgegenhielt, die kümmerlichen Beinchen, den Rumpf, so lang und dürr und zerbrechlich, dass man befürchten musste, der Kopf könne jeden Moment abfallen, vor allem einer wie der meiner Mutter. »Än Kopp wie än Pferdearsch. Sooo groooß«, sagte er und streckte die Arme von sich wie ein Grieche beim Sirtaki.

Angeblich, so will es zumindest die von meinem Großvater gepflegte Legende, fehlte meiner Mutter bei der Geburt jene Delle, die »gewöhnliche Kinder« am Kopf haben, jene Knochenlücke, die den Schädel biegsam hält, bis das Gehirn ausgewachsen ist. Dadurch soll ihr Kopf in den ersten Jahren unverhältnismäßig groß gewirkt haben.

Medizinisch ist das äußerst fragwürdig. Aber mit der Wissenschaft hielt es mein Großvater wie mit Schokolade: Mal war sie das einzig Wahre, Energiespender, Blutdrucksenker, Antidepressivum, Soldatenfutter. Dann überfraß er sich maßlos und konnte sie monatelang nicht mehr riechen. Alle Einwände befreundeter Ärzte, am Ende sogar meiner Mutter selbst, brachten ihn nur dazu, seine Geschichte umso vehementer zu verteidigen. »Schlüsselfertig geliefert«, rief er und tätschelte ihren Hinterkopf. Von meiner Großmutter war keine Klärung zu erwarten. Die hatte sich das mit der Wahrheit gleich nach der Hochzeit abgewöhnt, zusammen mit Schach. In beidem war mein Großvater einfach unschlagbar.

Er nahm der Schwester also das Bündel aus der Hand, drehte es hin und her, als suche er nach dem Etikett, und fand es schließlich tatsächlich. Mit gestrecktem Zeigefinger stach er in das Grübchen im Kinn, sein Grübchen, eine dunkle Mulde, die sich tief ins Fleisch bohrte. Bei ihm. Bei meiner Mutter war es noch eher ein Pünktchen, als habe jemand mit der Bleistiftspitze in die Haut gepiekst, aber zweifelsohne seine Signatur. Er drückte meiner Großmutter einen Kuss auf die Stirn und das Kind zurück in ihre Arme, sagte »Gut gemacht, Hilde, kannst stolz auf dich sein« und lief hinaus auf den Gang, um jemanden zum Anstoßen zu suchen.

Die Einzige, die sich beim besten Willen nicht an das Aussehen meiner Mutter gewöhnen konnte, war meine Großmutter. Natürlich liebte auch sie meine Mutter. Alles andere hätte sie sich nie erlaubt. Aber jedes Mal, wenn sie sie ansah, spürte sie ein Ziehen, ungefähr drei Fingerbreit unter der Brust. Manchmal, wenn sie sich unbeobachtet glaubte, strich sie darüber, wie über eine kitzelige Stelle, von der man hofft, sie würde irgendwann taub werden. Aber so lange sie auch rieb, das Ziehen wollte einfach nicht verschwinden.

»Nicht doch, kucken Sie sich doch nur mal diesen bezaubernden, kleinen Mund an! Und der wache Blick«, rief die Schwester, als sie die rotgeweinten Augen meiner Großmutter sah. »Sie reden sich da was ein. Ich sag Ihnen, die wird so manchem Jungen den Kopf verdrehen.« Sie stemmte die Arme in die Hüften und schüttelte lachend den Kopf, aber meine Großmutter konnte sehen, dass sie log.

»Ich hatte einfach gehofft, dass sie mir ähnlich sieht«, stammelte sie unter Tränen.

»Tut sie doch!«, rief die Schwester, »ganz die Mama!« Und Letzteres glaubte meine Großmutter natürlich und heulte sich so richtig ein.

Vielleicht wäre es ihr leichter gefallen, wenn sie noch einen Versuch gehabt hätte, eine zweite Chance, ihr Erbe in eine etwas ansehnlichere Form zu gießen. Aber als sie »wie durch ein Wunder!« doch noch schwanger wurde, war sie schon 36. Sie wusste, dass meine Mutter alles war, was sie an Familie zu erwarten hatte. Mal abgesehen von der meines Großvaters. Aber da war keine fast besser.

Meine Großmutter hatte für die »Mischpoke« ihres Mannes nur Verachtung übrig, auch wenn ihre gute Erziehung sie zwang, das hinter vereinzelten, von einem Seufzer begleiteten Verweisen auf die Großstadt, in der man unter Kultur noch etwas anderes verstünde als die jährliche Weihnachtsfeier des Turnvereins, zu verstecken. Dabei spreizte sie den kleinen Finger von der Tasse und ließ hinter flatternden Lidern die Augen rollen, bis mein Großvater vor lauter Glück ihre Hand unterm Tisch ergriff. Er selbst hasste seine Familie noch mehr, wenn auch mit weniger Grazie, und bei ihm hieß sie »Bagaasch«, was in Wahrheit gar nicht Pfälzisch, sondern Französisch war, wie meine Großmutter ihm erklärte. Wofür er sie gleich noch mehr liebte. Für ihn war die junge Frau, die eines Tages in den Kurzwarenladen seines Vaters, meines Urgroßvaters, gekommen war und die ihr angebotenen fleischfarbenen Schlüpfer mit ausgesuchter Höflichkeit, aber unmissverständlichem Ekel zurückgeschoben hatte, nicht nur der Inbegriff einer Dame; er spürte auch, dass sie in ihm jenen Funken Weltgewandtheit erkannte, den man in seiner Heimat partout übersah, ganz egal wie viele Seidenschals er sich über die Schulter warf.

Mein Großvater kam aus einem winzigen Nest, dessen Namen nur mit vor Verachtung näselnder Stimme ausgesprochen werden durfte. Der Einzige im Dorf, bei dem außer der Bibel und »Mein Kampf« noch ein drittes Buch im Regal einstaubte, war sein Bruder Helmut (der Helm), der wenigstens eine Banklehre gemacht hatte und seither in der Kreissparkasse am Schalter stand, in der Dorfrangfolge gleich hinter Pfarrer und Bürgermeister. Mein Urgroßvater hatte ein bisschen Geld gehabt und, wenn schon keine Bildung, so doch genug Verstand, um seine beiden Söhne aufs Gymnasium zu schicken, was damals weder normal noch billig gewesen war. »Ein feiner Kerl«, wie auch meine Großmutter eingestand, der jedoch wenige Wochen nach ihrem kurzen Kennenlernen an den Spätfolgen einer Kriegsverletzung gestorben war. Die restliche Verwandtschaft war mehrheitlich in der Kfz-, Sanitär- und Elektrobranche tätig, was die Renovierung des ererbten Hauses enorm erleichterte. Erkauft wurden die Reparaturen jedoch mit unzähligen verstopften Toiletten, deren Inhalt die Onkel mit einer solchen Hingabe am Kaffeetisch meiner Großmutter ausbreiteten, dass die spätestens nach einer halben Stunde eine ungesunde Blässe im Gesicht meiner Mutter zu entdecken glaubte und ganz schnell mal mit ihr an die Luft musste. Trotzdem ließ sie es sich nicht nehmen, am darauf folgenden Tag jedem Gast ein mit Veilchen verziertes Kärtchen zu schicken, in dem sie sich für den schönen Abend bedankte und auf baldige, ganz baldige Wiederholung drängte.

Sie selbst war in Berlin aufgewachsen, Tochter aus gutem Hause, das jedoch genauso wie seine Bewohner größtenteils dem Krieg zum Opfer gefallen war. Meine Großmutter war die Einzige, die den Luftangriff 1943 überlebt hatte. Und auch das nur, weil sie trotz der Beruhigungsversuche ihrer Mutter so ausdauernd um sich geschlagen hatte, dass sich der Griff um ihre Handgelenke endlich gelöst hatte und sie aus dem Kellerloch hinausgerannt war, wo sie angeblich noch den Flieger sah, der die Bombe durchs Giebelfenster warf. Sie wusste, dass sie ihr Leben nur der Angst verdankte.

Das vergaß sie ihr nie.

Halb besinnungslos lief sie durch die Straßen auf der Suche nach einem bekannten Gesicht oder wenigstens etwas zu essen, aber alles, was sie fand, war nur noch mehr Leid und noch mehr Schrecken. Sie blieb allein mit ihrer Angst in den Resten des Gemäuers, das sowohl ihre Eltern als auch ihren kleinen Bruder unter sich begraben hatte, und als der Krieg endlich vorbei war, war sie ihr so lieb geworden, dass sie nicht mehr ohne sie konnte. Sie fürchtete sich vor allem, vor den Russen, den Amerikanern, vor den Deutschen eigentlich auch, vor schreienden Katzen, quietschenden Türen, vor Schritten, ganz gleich welcher Nationalität, von denen sie schließlich ein besonders kräftiges, mit Eisenkappen beschlagenes Paar aus der Ruine trieb, weil meine Großmutter annahm, der Besitzer wolle ihr außer dem Tafelsilber »noch etwas anderes rauben. Das musst du jetzt noch nicht verstehen.« Tatsächlich besorgte das dann ein junger Mann, den sie auf der Flucht kennenlernte, ihr aber ebenfalls beim Marsch über ein Minenfeld wegstarb. Aber das war schon nach der Niederlage, die jetzt Befreiung hieß, zählte also nicht wirklich. Außer bei Regen. Da war er die Liebe ihres Lebens und die mittels eines rhythmisch geschüttelten Pillendöschens angezeigte Gicht nur Zeichen ihrer Sehnsucht.

Letztlich war natürlich beides Unsinn. Die erste und einzig wahre Liebe meiner Großmutter war die Angst. Alles was danach kam, waren nur Variationen. Sie liebte meinen Großvater aus Angst vor dem Leben, davor, nicht mehr wegrennen, sondern ankommen zu müssen. Sie liebte meine Mutter aus Angst vor dem Tod. Mich aus Angst, die Angst zu verlieren. Noch im Alter, als sie sich wohl behütet, fett und endlich auch wieder reich hinter einer Alarmanlage dem Infarkt entgegenfraß, genügte ein Rascheln vorm Fenster, dass sie mich bat, hochzukommen und nach meinem Großvater zu sehen, während sie sich ein neues Päckchen verschreibungspflichtiger Placebos aus der Apotheke holte. Wenn ich den »lästigen« (sie), »kläglichen« (meine Mutter), »gutgemeinten« (ich), aber fraglos »fruchtlosen« (wir alle) Versuch unternahm, ihre Sorgen mit gesundem Menschenverstand zu zerstreuen, erzählte sie mit einem Glänzen in den Augen, das nur ein ungeübter Beobachter als Tränen missdeuten konnte, von den in Hinterhöfen verbrachten Nächten, in denen ihr die Angst der einzig verlässliche Begleiter gewesen war. Ohne eine Menschenseele an ihrer Seite hatte sie das halbe, wenn auch wenigstens mittlerweile leicht zusammengeschrumpfte Land durchquert, bis sie es wie durch ein weiteres Wunder zu einer Cousine schaffte, die »glücklich! Das sagt doch alles! Glücklich!« ins Süddeutsche geheiratet hatte.

Meine Großmutter war damals 18 Jahre alt, sechs davon hatte sie im Krieg verbracht, zwei weitgehend auf der Straße gelebt. Und mindestens zehnmal so lang hatte sie nicht mehr geschlafen. Als die Cousine ihr die Tür öffnete, war sie so müde, dass ihr nicht mal mehr das Hirschgeweih über der Eckbank einen spitzen Kommentar entlockte. Sie war schwach und hungrig, trotzdem noch ganz hübsch, abgesehen von den Knochen, die sich wie Angelhaken durchs Fleisch drückten, aber die hatte mein Großvater auch. Und nach ein paar Wochen, in denen sie wahlweise die überhäkelten Klopapierrollen der Cousine und die Kunststücke von Rottweiler Hasso hatte bestaunen müssen, kam auch ihre Überheblichkeit zurück.

»Isch wäß ned«, murmelte Derhelm beim Antrittskaffee.

»Bissel iwwerkandiddelt, findste ned?«, sagte seine Frau Gundula (die Gundl). Aber die Mutter meines Großvaters, meine Urgroßmutter, war ganz begeistert von der guten Kinderstube, die meine Großmutter in die ihre brachte. Mit großen Augen betrachtete sie die nach hinten gedrückten Schultern, den geraden Rücken, folgte der Tasse, die meine Großmutter so leicht zum Mund führte, dass es aussah, als würden ihre Lippen sie gar nicht berühren, bis ihr vor lauter Bewunderung selbst der kleine Finger vom Henkel sprang. »Wenn nicht die, dann weiß ich nicht«, raunte sie meinem Großvater zu, und ganz ehrlich, das wusste er auch nicht.

Zum Glück starb die Cousine dann auch bald, warum auch immer, waren ja alle irgendwie krank und ohnehin schon halb tot, sodass Nägel mit Köpfen gemacht wurden. Mein Großvater hatte sich noch nicht ganz die Knie vom Antragstellen abgewischt, da hielt sie schon den Koffer in der Hand, bereit, sofort einzuziehen. Und mit ihr ein Hauch von Kultiviertheit. Sie brachte meiner Urgroßmutter »dessen« bei und Geschmack, »von gutem soll gar nicht die Rede sein«, die Kittelschürzen wichen Blüschen und Röcken, in denen so viel Stoff steckte, dass der Schäfer Marie, die als Einzige im Dorf eine Nähmaschine hatte, die Verschwendung im Herzen weh tat. Und zum Dank setzte sich meine Urgroßmutter das Ziel, »dass des Mädel widder was uf ihr Rippe grischd.« Am Mittag duftete das Haus nach Kuchen, den meine Großmutter jeden Tag etwas weniger damenhaft von den neuen Ziertellerchen schlang, bis ihre Knochen wieder völlig im Fleisch verschwunden waren. Und noch ein bisschen weiter. Und dann noch etwas weiter. So sehr sie sich auch mahnte, ihre Herkunft nicht zu vergessen – was Sattsein bedeute, fiel ihr nie wieder ein. Als meine Urgroßmutter eines Tages das nach Mottenkugeln riechende Hochzeitskleid aus dem Schrank holte und ihr überstülpen wollte, blieb es auf halber Strecke stecken.

Aber auch die Süße des Ehelebens konnte meiner Großmutter die Angst nicht ersetzen. Sie war immerzu nervös, zehrte ihren Körper mit sinnlosen Panikattacken aus, gönnte ihm kaum Schlaf, geschweige denn Vergnügen, und er rächte sich so gut er eben konnte. Vor meiner Mutter hatte sie zwei Fehlgeburten, ein drittes Kind starb nach ein paar Tagen im Brutkasten. Sie hatte solche Angst, das vierte könne ihr auch noch verlustig gehen, dass sie meiner Mutter nicht von der Seite wich. »Ich kann nicht anders«, jammerte sie, wenn Diegundl mal wieder in der Brigitte gelesen hatte, dass das gar nicht gut sei. »Sie ist doch alles, was ich habe.«

Viel war es nicht. Schlimm genug, dass sie mit meinem Großvater teilen musste, aber sie war nicht bereit, sonst noch jemandem etwas abzugeben. Meine Mutter verbrachte in ihrem Leben genau zwei Stunden im Kindergarten, eine Stunde fünfundvierzig davon auf dem Schoß meiner Großmutter, die es einfach nicht über sich brachte, die kleine, weiße Hand loszulassen. Die Kindergärtnerin musste den von all der Furcht selbst schon zitternden Körper förmlich aus den Armen meiner Großmutter herauswinden. Sie setzte meine Mutter in die Puppenecke, zog sich eins der Stühlchen heran und redete auf meine Großmutter ein. Sie kenne ja den schmerzhaften Prozess des Abnabelns, aber ein Kind müsse ein Gefühl für sein Ich aufbauen, sich abgrenzen, blablabla. Sie hatte einen asymmetrischen Haarschnitt, der den Blick auf einen – »einen!« – Papageienohrring freigab, und diese leise, einfühlsame Art, »so wie in diesen linken WGs, in denen alle auf dem Boden hocken und einander ausreden lassen.« Meine Großmutter nickte höflich, kostete den unsichtbaren Kuchen, den ihr ein Mädchen anbot, und tat so, als würde sie der Kindergärtnerin zuhören, aber sie hatte ihre Zweifel, dass sich hier irgendetwas aufbauen ließ, außer ein paar Vorurteilen über ihren Berufsstand. Dann hustete ein Kind. Ein zweites nieste in die Buntstiftkiste. Und damit hatte es sich. Am nächsten Morgen setzte sie eine Annonce in die Zeitung und besorgte meinem Großvater eine Sekretärin, sodass sie zu Hause bleiben und meine Mutter keimfrei halten konnte.

Nach dem Tod seines Vaters hatte der den Kurzwarenladen übernommen, der jetzt »Butieke« hieß, und das Nachbarhaus gekauft, das seit 38 leer stand, »zu einem Spottpreis«, wie er verkündete, von einem Ehrgeiz getrieben, der sich keinen Blick zurück leisten wollte. Das ehemalige Wohnzimmer wurde zum Warenlager umfunktioniert. Das Nähgarn und die Stricknadeln verschwanden. Stattdessen zogen lange, wuchtige Kleider ins Schaufenster. Vor dem Verkauf ließ er die Stücke für einen Katalog fotografieren, mit dem man die aktuelle »Mode Schneider«-Kollektion auch per Post bestellen konnte. Für jeden neuen Kunden musste meine Großmutter ein Fähnchen in die Landkarte pieksen, die hinter dem Schreibtisch meines Großvaters hing. Sie suchte die Ware aus, machte ihm die Bücher, ging ans Telefon, gab ein paar Mal sogar das Mannequin. Bis mein Großvater vor lauter Aufbruchseuphorie Anfang der 90er beschloss, der Umzug in die Hauptstadt sei noch nicht genug, im neuen Deutschland brauche es auch ein neues Logo, waren es ihre Beine, die in geschlitztem Rock auf der unteren Kurve des »S« balancierten, das sowohl auf der Titelseite als auch über der Ladentür prangte. Sie war seine »rechte Hand«, wie er Lieferanten, die zu Besuch kamen, erzählte. Dabei ließ er die Finger in seinen Hemdsärmel rutschen und schob den Herren stattdessen den Arm meiner Großmutter zum Handschlag hin, was die die ersten paar Mal noch lustig, dann etwas peinlich, und schließlich, als sie mit Schrecken feststellte, dass sie Gefahr lief, ihre Liebe durch eine eigene Meinung zu besudeln, wieder lustig fand.

War sie am Anfang noch die Überlegene in der Beziehung, machte sie sich schon nach wenigen Monaten daran, sich so weit wie möglich in meinem Großvater aufzulösen. Fragen Sie meinen Mann. Frag den Papa. Später: Frag den Opa, »do kenn ich mich ned aus.« Sogar ihre Sprache driftete immer mehr ins Pfälzische ab. Von eigenen Interessen oder Überzeugungen hielt sie sich fern. Das Einzige, was sie für sich selbst beanspruchte, war die Kränkung, wenn ihr Mann ihre Selbstaufopferung nicht genug würdigte.

Mein Großvater war so verliebt, dass er die Veränderung zuerst gar nicht bemerkte. Und als er es schließlich doch tat, dachte wohl auch er, das müsse so sein. So sei das eben: Ehe. Nur manchmal, wenn ihn meine Großmutter am Ende eines 48-Stunden-Tages bat, noch mal eben schnell ihr Haushaltsbuch durchzusehen, »nicht, dass ich mich verrechnet hab«, rief er »Hilde, der Kopf ist nicht nur da, dass du einen Platz für die Dauerwellen hast. Selbst ist die Frau!«, bis selbige, erschrocken von der Schärfe seiner Stimme, so zu heulen begann, dass die Zahlenreihen in ihren Händen verliefen.

Der Feminist in der Familie war er. In erster Linie wegen der Lacher, die er erntete, wenn er das sagte. In zweiter war ihm die verschwitzte, nach Leberwurstebrot und abgestandenem Bier stinkende Männlichkeit seiner Kindheit schlichtweg zuwider. Es gefiel ihm, eine Frau an seiner Seite zu haben. Erst als meine Großmutter das Geschäft verließ, bemerkte sie, dass ob nun »eine« oder »seine« dabei keine besonders große Rolle spielte. Und vergaß es vorsorglich gleich wieder.

Schon nach einer Woche hatte er Ersatz gefunden, und als er sah, wie schnell er die Neue angelernt hatte, stellte er gleich noch eine zweite ein. Am Ende kommandierte er ein ganzes Heer von Fräuleins, die man damals noch so nennen durfte. Junge Mädchen mit viel zu vielen Zähnen und gemeißelten Wangenknochen, über denen die Gesichter spannten wie zu enge Kissenbezüge, während sie in den Hörer lachten, Bestellungen aufnahmen oder zum Diktat stöckelten. In zwei Reihen saßen sie rechts und links von seinem Büro und beugten die Köpfe über ihre Schreibmaschinen, während mein Großvater den Gang entlang marschierte und Anweisungen verteilte. Wenn er eine kleine Aufheiterung brauchte, ließ er sie »zum Appell!« antreten, wie er mit gespielt stolzer, tatsächlich todernst gemeinter Napoleonhand im Jackett aus seinem Büro donnerte, worüber zuletzt nicht mal mehr meine Großmutter lachte.

Mein Großvater war Offizier gewesen, und sei »noch immer einer!«, wie er mir entrüstet erklärte, als ich mir einmal die Frechheit herausnahm, den Krieg der Vergangenheit zuzuordnen. Er war noch keine 19, als man ihm den Rang eines Oberleutnants verliehen hatte, und auch 50 Jahre später nicht bereit, sich diese Ehre wieder nehmen zu lassen – selbst wenn er, wie er sich hinzuzufügen beeilte, die Nazis »in der Sache« natürlich abgelehnt habe. Wie alle Deutschen hatte auch er eine Tante, die ein paar Juden im Keller versteckt hatte, und war selbst ein glühender, wenn auch »der Mutter zuliebe« heimlicher Antifaschist gewesen. Von solcherart ideologischen Bredouillen abgesehen waren die Jahre zwischen 39 und 45 jedoch »die besten seines Lebens«, wie er ebenfalls gerne verkündete (siehe oben).

Die Zeit war wie geschaffen für Männer wie ihn. Männer, die eigentlich noch Jungs waren und das so schnell wie möglich ändern wollten. Die sich für so ziemlich alles begeisterten, was ihnen ein paar Abzeichen auf die Uniform bringen konnte. Und mein Großvater war der Schlimmste von allen. Er sagte »Verantwortung« und meinte »Herausforderung«. Im Radio redeten sie von »Volk und Vaterland«. Er hörte »raus in die große, weite Welt«. Er brachte alles mit, was man damals suchte: Siegeswillen, Machthunger, Leidenschaft. Und völlige Blindheit für die eigenen Defizite. Andere mochten größer und stärker und vielleicht, »vielleeeicht«, sogar schlauer sein. Aber mein Großvater war einer von den Menschen, die sich ihrer selbst so sicher sind, dass sich ihrem Gegenüber jeder Zweifel verbietet. Er wirkte nicht, als halte er sich für etwas Besseres. Er tat es. Und das mit einer solchen Überzeugung, dass ihm die meisten glaubten. Blutjung führte er eine Truppe an, in der die meisten doppelt so alt waren wie er. Einmal eingezogen und von der Konsequenz, mit der »der Führer« seine Vision verfolgte, dann irgendwie ja doch beeindruckt, wollte er es auch zu was bringen. Am Ende schaffte er es bis nach Kaliningrad, das da noch Königsberg hieß, wo er 44 schließlich in russische Gefangenschaft fiel. Die Rote Armee brachte ihn nach Kasan, ins »Tatarenland«, wie mein Großvater so geheimnisvoll durch die Zähne rollte, dass ich es als Kind irgendwo zwischen Transsilvanien und Taka-Tuka-Land ansiedelte.

Und das war die größte Herausforderung. Am schlimmsten war es im Winter, wenn die vom Ural kommende Luft so kalt war, dass sie einem die Lunge zerschnitt. So kalt, dass es einem die Haut von den Wangen schälte. So kalt, dass die Menschen nicht wagten, sich zu umarmen, aus Angst, aneinander festzufrieren. Und es war immer Winter, immer, außer im Sommer. Aber der war noch schlimmer, weil es dann überall stank, nach Kot und Mensch und faulem Fleisch, das die Russen vor sich hinschimmeln ließen, sodass die Stechmücken einem in den offenen Wunden nisteten. Nur einem gewissen Mischa Sergewitsch, einem Aufseher, der meinem Großvater hie und da ein paar Kartoffeln aus dem Vorratslager zu schmuggeln half, hatte er es zu verdanken, dass er nicht verhungerte. »Ein Antisemit wie er im Buche steht, aber ein wahrer Freund der Deutschen«, sagte er und nickte anerkennend. »Wir haben immer gesagt, wenn sie mich nach Hause lassen, kommt er mit, und dann suchen wir ihm ein echtes deutsches Mädel, das sauber ist und beim Küssen nicht aus dem Mund riecht, dass man glaubt, eine tote Ratte läge unterm Bett.« Kurz bevor es so weit war, wurde der Mischa dann aber von seinen eigenen Leuten erschossen, und das nicht mal mit Absicht. »Nach ner ganzen Flasche Wodka zielt man halt nicht mehr so gut«, lachte mein Großvater und stach sich mit dem ausgestreckten Zeigefinger in den Nacken, dahin, wo die Kugel den Mischa angeblich getroffen und den halben Kopf zerfetzt hatte.

Mein Großvater liebte es, seine Zuhörer so richtig schön mit Blut und Eiter einzuseifen, bis ihnen von all dem Grauen die Augen überliefen. »So was kennt ihr heitzudach jo bloß noch vum Fernseher«, sagte er dann und musterte einen von oben bis unten, sodass man die eigene Verweichlichung förmlich in den Kniekehlen spürte. Keine Härte des Lebens konnte es mit der Härte seines Lebens aufnehmen. Durch Zuspätgeborensein hatte man schon versagt. Trotzdem mochte ich seinen »Kriesch« viel lieber als den meiner Großmutter, der einen über nicht aufgegessenem Blumenkohl hinweg mit vorwurfsvollen Augen ansah. Manchmal, wenn ich mich langweilte, was in meiner Familie unter Höchststrafe stand, begann ich nach dem Mittagessen sogar absichtlich ein bisschen über die Hausaufgaben zu nörgeln, nur um ihn dazu zu bringen, wutentbrannt von Kasan loszulegen und mich »Jammerlappen« bis auf den letzten Tropfen Selbstmitleid auszuwringen. Mein Großvater war ein hervorragender Erzähler. Im Laufe der Jahre hatte er seine Geschichten an den Reaktionen des Publikums so lange geschliffen, dass die Sätze wie die Zacken eines Zahnrads ineinandergriffen. Er wusste, wo er einen Schreckensschrei herauskitzeln konnte und wo er etwas zurückhalten musste, um es in dem Moment, in dem die Zuhörer sich in Sicherheit wähnend wieder ihrem Käsekuchen widmeten, aus einem Nebensatz herausplatzen zu lassen. Dabei schwoll seine Stimme immer weiter an, während er abwechselnd mit der Handfläche im Takt auf die Tischplatte schlug oder die Faust in die Höhe reckte, wie man das damals noch tun durfte, und sich über das Schauern freute. Nur manchmal, wenn ich oben bei meinen Großeltern schlafen durfte, weil meine Mutter mal wieder in eine Filiale musste, schreckte ich schweißgebadet auf, weil seine von russischen Brocken durchsetzten Schreie bis in meine Träume drangen.

Über so was wurde natürlich nicht geredet. Am Anfang, weil die Zeit fehlte. Musste ja losgewundert werden. Mein Haus, mein Auto, mein Imperium. Später nicht, weil man dann hätte zugeben müssen, dass man jetzt eigentlich welche hatte, Zeit, und soviel davon, dass mein Großvater noch ein halbes Jahr, bevor sein Alzheimer so schlimm wurde, dass er seinen eigenen Namen vergaß, beschloss, Herrenmode ins Sortiment aufzunehmen, nur um die leeren Stunden irgendwie zu füllen. Nichts war in meiner Familie schlimmer als Zeit. Außer die, die man nicht hatte und/oder einem weglief, die mochten alle, Beweis der Emsigkeit, die einen Schneider erst zum Schneider macht. Die andere, hässliche, die mit dem F-Wort vornedran, kam nur in Zusammenhang mit der Außenwelt zur Sprache, jenen verachtenswerten Geschöpfen da draußen, die ihre »Freizeit« in Cafés oder auf Liegewiesen verplemperten, anstatt eine Fremdsprache zu lernen oder ein Atom zu spalten. Wenn überhaupt, gab es höchstens Pausen, nicht Zeit, nur den Spalt, wenn die fehlende von zwei Seiten aneinanderstieß. Und selbst die hieß es um jeden Preis zu vermeiden. Am Ende war man sonst abends vielleicht noch frisch und munter und musste sich die vorwurfsvollen Blicke der anderen gefallen lassen, die selbst von tiefen, wohlerschufteten Augenringen gezeichnet waren. Müdigkeit war in meiner Familie eine harte Währung. Wer nach zehn noch die Augen aufhalten konnte, hatte sich nicht genug verausgabt. Und da konnte einem nicht mal mehr Hässlichkeit helfen.

Drei Dinge hatte mein Großvater im Krieg gelernt (so wie es in seinen Erzählungen immer drei Dinge gab, wie gesagt, er wusste, wie man eine Geschichte erzählt). Das Erste war, dass Stillstand den Tod bedeuten kann. Seinem Freund, mit dem zusammen er auf dem Foto im Esszimmer den rechten Arm in die Luft reckte, beide so voller Tatendrang, dass es sie fast aus dem Rahmen riss (der jedoch trotz wiederholter Veilchenkärtchenerinnerungen meiner Großmutter »nicht einmal!« zum Essen kam, weil er Kasan nicht ganz so lustig in Erinnerung behalten hatte wie mein Großvater), war ein Zeh abgefroren, als er sich während der Arbeit kurz auf einen Stein gesetzt hatte. Das war meinem Großvater eine Lehre. Ich kann mich nicht erinnern, dass ich ihn in meiner Kindheit je länger als zehn Minuten habe stillsitzen sehen. Müßiggang war für ihn ein Virus. Er lauerte vor dem Fernseher, in Zeitschriften, in ungemachten Betten, in die man allzu leicht schnell zurückschlüpfen konnte, in Wannen, am meisten in Schwimmbädern. Und wenn man sich so einen Virus erst mal eingefangen hatte, war es schwer, ihn wieder loszuwerden. Einmal zu lange geblinzelt, und schon erging es einem wie dem Max, Helm und Gundls Sohn, eigentlich ein lieber Junge, bis man ihn eines Sommers von seinem Ferienjob im Laden entbunden und stattdessen auf eine »Jugendfreizeit! Wenn ich so ebbes bloß här! Die junge Leid machen doch ehs ganze Johr nix anneres wie frei« geschickt hatte, während der er den Drogen und infolgedessen der Kunst verfiel, schließlich nach Berlin zog und Maler sein wollte, wovon er erst wieder kurierte, als die subventionierte Faulheit zusammen mit der DDR abgeschafft wurde.

Das einzige Mittel, um solchen Fällen vorzubeugen, war, ständig in Bewegung zu bleiben. Selbst beim Essen sprang mein Großvater unentwegt auf, sei es, um ein Buch zu holen, mithilfe dessen er die törichten Argumente seines Gegenübers widerlegen wollte, sei es, weil dringend ein aus dem rechten Winkel gerutschtes Möbelstück geradegerückt werden musste. Und wenn ihm gar nichts anderes einfiel, trieb ihn seine genauso nervöse Blase auf die Toilette, von der er mit noch offenem Hosenschlitz zurückgeeilt kam, um den angebrochenen Satz zu einem bösen Ende zu bringen, das Ganze mit einer Hektik, die in meiner Mutter schließlich zur Meisterschaft reifen sollte.

Er ging nicht, er rannte. Er fuhr nicht, er raste. Er überlegte nicht, er wusste. Vor allem: es besser. In seinem Wortschatz gab es kein »Ich finde/glaube/würde sagen«, kein »Ich bin der Meinung, dass«, nur: »Es ist.« Bisweilen watete er so tief in Allgemeingültigkeit, dass ihm die erste Person Singular vollends abhanden kam. »Selbstverständlich hat man getötet. Ist man stolz darauf? Nein. Würde man es wieder tun? Und ob.« Die Wirklichkeit musste sich an ihm messen, nicht umgekehrt. Es gab kaum ein Thema, bei dem er sich nicht auskannte, wobei seine Expertise von Erfahrung weitgehend ungetrübt war. Die dauerte ihm zu lang. »Ich muss keine Scheiße fressen, um zu wissen, dass sie scheiße schmeckt«, sagte er und gab einem die Antworten auf die drängendsten Fragen aus Politik und Geschichte, Biologie und Psychologie, was dasselbe war, aus Kunst, Musik, auch wenn keiner eine gestellt hatte.

Aber am allermeisten wusste er übers Geschäftsleben. Das war das Zweite, was er im Lager gelernt hatte. Während der endlosen Märsche entlang der Wolga hatten seine Mitgefangenen neben all dem Stuss über irgendwelcher Mütter Essen, das man nicht mehr, und anderer Mütter Töchter, die man zwar nie wirklich, aber wirklich gern gehabt hätte, auch eine Menge Brauchbares erzählt. Mein Großvater lernte die deutschen Philosophen kennen, ein aus dem Elsass stammender Apotheker brachte ihm etwas Französisch bei, aber die meiste Zeit verbrachte er mit einem Fabrikbesitzer, der ihm systematisch Unterricht erteilte. Als ihn die Russen nach drei Jahren in den Zug nach Hause setzten, kannte er sich in Buchhaltung, Bilanzierung und Betriebsführung so gut aus, dass er meinem Urgroßvater bei seiner Ankunft erstmal erklärte, dass er alles falsch macht.

Das Dritte und vielleicht Wichtigste, was er gelernt hatte, war, dass ein Traum nicht zu klein sein darf, wenn man in einer eiskalten Nacht darunter Zuflucht finden will. Vor dem Krieg hatte er sich nie sonderlich für das Geschäft seines Vaters interessiert. Jetzt sah er darin die Chance, sich etwas aufzubauen. Etwas. Was genau, war nebenläufig, Hauptsache er war an der Spitze davon, und natürlich musste es groß sein, groß, größer, am größten, auf jeden Fall größer als alles, was es bisher gab. Mein Großvater konnte sich gar nicht sattträumen an der Vorstellung, Frauen in Paris, in Rom, in London würden mit seinem Namen im Nacken durch die Gegend laufen. Erstmal musste er sich jedoch damit begnügen, Ware aus ihren Heimatländern zu importieren, um der deutschen Frau wenigstens zu ein bisschen Stil zu verhelfen, »und das war überhaupt die allergrößte Herausforderung!« Er hatte weder eine richtige Ausbildung noch Ersparnisse, aber einen eisernen Willen und das Glück, in eine Zeit geboren zu sein, in der das reichte. Als einer der Ersten erkannte er, dass Menschen, die nichts haben, vor allem das wollen, was sie nicht brauchen. Innerhalb von drei Jahren hatte er den Umsatz verdoppelt. Im fünften Jahr erschien der Katalog, von dem ich heute noch manchmal auf Flohmärkten zwischen alten Burdas und Erotikmagazinen voll haariger Achseln ein Exemplar finde. Am Ende des achten Jahres standen die Wimpel auf der Landkarte schon so dicht, dass von Süden nach Norden kaum ein weißes Fleckchen zu sehen war. Er nahm das Land ein, so wie auch sonst alles und jeden, und irgendwo unterwegs vergaß er selbst, dass er Mode im Grunde verabscheute.

Er konnte stundenlang über Farbe, Schnitt und Qualität reden, vor allem über die, an der es bei der Konkurrenz haperte. Seine eigenen Anzüge waren alle maßgeschneidert – angeblich, weil er, jetzt wo meine Großmutter nicht mehr da war, um die Blicke auf sich zu ziehen, seine eigene Visitenkarte sei. In Wahrheit passte ihm die Kleidung von der Stange einfach nicht. Mein Großvater war ziemlich klein. Wenn er auf seinem Lederstuhl im Büro saß, hingen seine Beine in der Luft. Auf dem Hochzeitsfoto haben sie ihn auf eine Stufe gestellt, damit er neben meiner Großmutter mit ihren Stöckelschuhen nicht unterging, aber am Ende war es doch wieder er, der das Bild beherrscht. Er trägt einen Frack, weiße Fliege, Lackschuhe, die halb von dem Rock meiner Großmutter verdeckt sind, dazu ein breites, gestelltes Grinsen, von dem ihm das Blut in die Nase steigt. Im Hintergrund ist eine Marmortreppe zu sehen, mit mächtigen Säulen an der Seite. Es dauert eine Weile, bis man merkt, dass sie nur gemalt ist, eine Leinwand, die im Studio des Fotografen hing. Meine Großmutter hingegen scheint zwischen all den zusätzlichen Rüschen, die die Schäfer Marie aufgenäht hatte, um die eingesetzten Stoffbahnen zu überdecken, fast zu ertrinken. Um ihren Hals hängt ein Kreuz, dem mein Großvater nur unter größtem Protest zugestimmt hatte. Sie hat den Arm bei ihm eingehängt und schaut ein bisschen zu ihm auf. Sein Grübchen ist noch kaum zu sehen, aber von Foto zu Foto wächst es, genauso wie die kahle Stelle auf seinem Schädel. Bei der Taufe meiner Mutter reicht ihm nur noch ein dünner Haarkranz von Ohr zu Ohr, bis sein Kopf ab Mitte des Fotoalbums auf einmal wieder von dichtem, leicht gewelltem Haar bedeckt ist, sogar dicker als das meiner Großmutter, die neben ihm herläuft. »Toulouse 1969«, steht auf der Rückseite in ihren winzigen Bleistiftbuchstaben. Dahinter hat sie ihre drei Namen geschrieben, als könne sie vergessen, wer sie sind.

Mein Großvater posiert braungebrannt auf braunem Gras, nur in Shorts und Sandalen. Auf seiner Brust kräuseln sich ein paar verlorene Löckchen. Daneben hat das künstliche Haar etwas Groteskes, wie eine Fellkappe im Sommer. Obwohl er ganz ruhig dasteht, sieht es aus, als würde meine Großmutter neben ihm herrennen, die eine Hand in der Luft, um notfalls meine Mutter aufzufangen, die wie die Spitze einer Pyramide über ihnen beiden thront. Sie sitzt auf den Schultern meines Großvaters, die Hände auf seinen Augen, sodass nur sein offener Mund zu erkennen ist, der lacht oder schreit. Die Beine hat sie um seine Oberarme gewickelt, sodass man kaum sieht, wo sie anfängt und er aufhört. Fast wirkt es, als würde sie aus seinem Rücken wachsen. Sie trägt einen korallroten Badeanzug, dessen Ausschnitt so tief hängt, dass ihre hellbraunen Brustwarzen deutlich zu sehen sind. Unter der Butterbrotpapierhaut schimmern grünlich ihre Adern.

Nur meine Großmutter beteiligt sich nicht an der Hautzeigerei. Sie trägt eine Seidenbluse und eine steife Tasche am Arm, als sei sie auf dem Weg ins Theater. Obwohl es ziemlich heiß gewesen sein muss, schimmern ihre Beine in einer Perlmuttstrumpfhose. Schon damals wiegt sie ein paar Pfund zu viel, aber noch täuscht ihre Eleganz darüber hinweg. Das blonde Haar ist zu einer Hochsteckfrisur aufgenadelt, aus der sich keine Strähne zu lösen wagt, die Haut darunter pudrig weich, als würde das Gesicht beim ersten Windstoß auseinanderstäuben. Im Gegensatz dazu wirkt mein Großvater, als sei sein Schnittbogen mit einer stumpfen Schere ausgeschnitten worden. Die Augenbrauen über den Kinderfingern meiner Mutter sind lang und struppig. Über seine Wangen haben die Tage fernab deutscher Steckdosen ein Netz aus schwarzen Stoppeln geworfen. Er hat einen eckigen Kiefer und endlich auch unverkennbar die Kerbe im Kinn. Die Zartheit meiner Großmutter lässt ihn größer wirken, als er ist. Sie ist weich, er ist hart, er dunkel, sie hell, und beide sind es umso mehr, je weniger es der andere ist. Ein schönes Paar. Nur heben sich plus und minus eben gegenseitig auf.

2. Kapitel

Meine Mutter war zu hässlich, um dumm zu sein. Mit fünf konnte sie lesen. Vielleicht auch schon mit vier oder drei, das hing ganz davon ab, wie dringend mein Großvater es brauchte, auf sie stolz sein zu können. Niemand wusste, wo sie es gelernt hatte. Eines Morgens beim Frühstück nahm sie angeblich einfach die Zeitung in die Hand und begann, die Überschriften vorzulesen.

»Meine Gene!«, rief mein Großvater, wobei seine Wangen leuchteten, wie bei dem Mädchen auf den Rotbäckchenflaschen, aber meine Großmutter hatte den Verdacht, dass er es ihr heimlich beigebracht hatte, während sie beichten war, das einzige Vergnügen, das sie sich bisweilen gönnte. Meine Mutter selbst behauptete, sie habe einfach die Aufschriften auf den Verpackungen auswendig gelernt und sich den Rest zusammengereimt, aber man wächst nicht im Haus meines Großvater auf, ohne ein gewisses Gespür für Legendenbildung zu entwickeln.

Mein Großvater fuhr in die Stadt und karrte stapelweise Bücher an. Die Geschichte des alten Roms, Einführung in die Tierwelt in drei Bänden, einen Atlas, Harenbergs Schlüsseldaten Astronomie. Seine Auswahl war wahllos, aber üppig. Hie und da brachte er auch mal ein bisschen Belletristik mit, sofern ihm die Dame im Buchladen glaubhaft versichern konnte, dass sie zum Kanon der Weltliteratur gehöre und nicht von der Art, die man in der Hängematte überfliegt und einen am Ende selig seufzen lässt. Jeden Monat suchte er meiner Mutter drei Werke aus und trug ihr auf, sich jedem 30 Minuten am Tag zu widmen, was mit Häkchen auf einer Liste quittiert werden musste.

»Sie kann doch noch nicht mal die Uhr lesen«, jammerte meine Großmutter, aber mein Großvater hörte gar nicht hin. Und meine Mutter sowieso nicht. Wann auch immer sie das Lesen gelernt haben mochte, meine Großmutter zu ignorieren, lernte sie früher.

Abends wurden ihre Fortschritte kontrolliert. Über seinen dampfenden Teller gebeugt, feuerte mein Großvater eine Frage nach der anderen auf sie. Wie heißt die Hauptstadt von Burundi? Aus was besteht Wasser? Was ist 12 mal vier?

»Lass sie doch erstmal essen«, quengelte meine Großmutter, »’s wird doch alles kalt.«

»Drei, drei, drei …« rief mein Großvater.

»… bei Issos Keilerei«, brüllte meine Mutter zurück. Zwischendurch schlug er sich auf den Schenkel oder ihr und rief »Hilde, das Kind ist ein Genie« oder »eine echte Schneider« oder einfach nur »Ich hab’s doch gesagt«, was eigentlich immer passte.

Meine Großmutter kratzte mit der Gabel Ringe in die Kartoffeln und murmelte »Genie sein kann sie doch auch nachher noch.«

Am Ende ließen sie sie alleine sitzen, um irgendein Land auf dem Globus zu suchen, das die Dagmar Berghoff auf ihrem gelben Zettel hatte, und meine Großmutter musste reihum die Teller leeressen, um auch ja nichts verkommen zu lassen, weil: »Als ich in deinem Alter war …«, später auch: »Die Kinder in Afrika …«

Sonntags wurde durch Museen gerannt, danach Oper/Theater/Ballett, was eben gerade geboten wurde. Vom Stillsitzen schmerzten meinem Großvater die Glieder, als wäre er einen Marathon gelaufen, aber er betrachtete es als seine Pflicht, meine Mutter sowohl intellektuell als auch kulturell zu fördern, auch wenn er natürlich wusste, dass das in Deutschland praktisch unmöglich ist.

Wann immer es sein randvoller, überquellender, eigentlich gar nicht zu bewältigender Zeitplan irgendwie erlaubte, musste verreist werden, »damit das Kind mal rauskommt aus diesem Mief«, wie mein Großvater sagte. Dank des Modehauses hatte er ein weit verzweigtes Netz von Bekannten überall im nichtkommunistischen Europa (und um den Rest war es in seinen Augen eh nicht schade, »eine Ansammlung durch und durch korrupter Staaten, Diebe, allesamt, vom kleinsten Natschalnik bis zum Minister!«, zumindest bis der eiserne Vorhang fiel und es plötzlich nichts Besseres mehr als den Osten gab, aber dazu später), die er regelmäßig besuchte, um die Ware zu begutachten, neue Verträge auszuhandeln, oder endlich mal wieder einen »gscheiten Kaputschkino zu trinken, die Brüh, die sie einem hier als Kaffee andrehn, ist ja nicht auszuhalten.« Und fast immer brachte er eine Einladung für die ganze Familie mit.

Noch bevor sie richtig laufen konnte, sprach meine Mutter vier Fremdsprachen.

»Fließend!«, rief meine Großmutter.

»Fünf«, mein Großvater.

Wieder fuhr er in den Buchladen, diesmal auf der Suche nach »irschenwas Auslännischem«, um das Gelernte zu vertiefen. Das Einzige, was die Dame auf Lager hatte, war ein Band über die Malerei der Renaissance mit französischen Bildunterschriften.

»Nehm ich«, rief er und ließ sich, nicht, dass das Sprachlich-Schöngeistige am Ende Überhand nehme, auch noch »Mitgemacht, Mitgedacht – Das Buch der 1000 Rätsel« einpacken, das meine kleine Mutter ihm jedoch schon am nächsten Tag fertig ausgefüllt auf den Kaffeetisch schob.

»Heijeijei, das ist doch nicht normal«, rief die Gundl, »ein Kind muss doch auch noch Kind sein!« und »Isch sachs eisch, isch bin vun Herze froh, dass sisch moin Max mitm Großwerre Zeit losst. Was hot er geschern noch emol so Drollisches gsacht? Mama, ich tann nur den Fuß von der Tatze sagen. Is des net drollisch, Oskar, jetzt sach doch emol, is des net drollisch?«

Aber mein Großvater war nicht bereit, in die Begeisterung über das Mangelhafte, Defizitäre, die auf butterweichen Beinchen über den Boden schwankenden Schritte, den fast getroffenen Klositz, die nach schlechtgewordener Milch riechenden Rülpser, über diese ganzen kläglichen Menschwerdversuche mit einzustimmen.

»Man hängt auch kein Kunstwerk ins Museum, bevor es fertig ist«, sagte er und holte meiner Mutter den Bunsenbrenner aus dem Schrank, um die von Gundl mitgebrachten Gummibärchen, wie in »Das große Chemie-ABC« beschrieben, in Kaliumchlorat explodieren zu lassen.

Von Anfang an behandelte er meine Mutter wie eine Erwachsene in zu kurz geratenem Körper und jeder, der es nicht tat, musste sich solange vorhalten lassen, ihre Entwicklung zu gefährden, bis er sich zusammen mit dem »Wauwau? Ich geb dir Wauwau« kleinlaut trollte. In seinem Haus wurde nicht »Dada« gegangen oder »Kaka« gemacht, es gab kein Kinderprogramm, keine Kinderbücher, kein »dafür bist du noch zu klein.« Die Unschuld und Sorglosigkeit, von denen andere im Alter schwärmen, blieb meiner Mutter dank der unerschütterlichen Abwehr meines Großvaters fremd. Aber genauso entzog er sie auch der Dunkelheit, die an den Rändern der Kindheit wohnt, half ihr, das diffuse Durcheinander von Düften, Geräuschen und Bildern in seine Einzelteile zu zerlegen, bevor es Zeit gehabt hätte, zu einem Gefühl zu verklumpen. Meine Mutter wusste, dass die Pillen meiner Großmutter keine Bonbons, die Familie im Nachbarhaus nicht einfach so umgezogen und der besagte Zeh in Wahrheit nicht dem Freund vom Fuß gefroren war. Und mein Großvater stand immer bereit, um ihren Wissensdrang weiter anzustacheln.

In den ersten Jahren passte kaum ein Blatt zwischen sie und ihn. Morgens lasen sie zusammen in der Rheinpfalz und er erklärte ihr den Schwachsinn, den Schmidt und Konsorten wieder verzapft hatten, auch wenn der ja eigentlich gar nicht zu erklären war, sozialistischer Jetset; der Kohl, alter Oggersheimer, das ist einer, den sie nach Bonn holen sollten. Nach der Schule kam sie ins Büro und aß mit ihm zu Mittag, und danach durfte sie meistens dableiben und Ware sortieren oder den Fräuleins die Bestellzettel abtippen, bis sie abends zusammen mit meinem Großvater nach Hause stapfte und ihm dabei die paar Stunden, die sie zwischendurch getrennt gewesen waren, bis aufs kleinste Fitzelchen nacherzählte, jeden Gedanken, jedes runtergefallene Butterbrot, jeden Schluckauf, alles, alles, erzählte, weil alles, was er nicht wusste, schon gelogen war.

Er hörte ihr zu, stellte hie und da ein paar Fragen, und dann überschrieb er ihre Geschichten wieder mit seinen, die natürlich viel größer und viel schrecklicher klangen, sein Schluckauf war ein Epochenbeben, sein Butterbrot eine Handgranate, »das glaubst du aber, dass ich die nicht mehr aufgehoben habe, ich sag dir, so schnell hast du noch keinen rennen sehen.« Er nahm das Gerüst, das sie ihm gab, und zog sein eigenes Leben daran hoch. Und wenn meine Großmutter in der Nähe und ausnahmsweise mal nicht in einer Panikattacke gefangen war, klatschte sie auch noch eine Handvoll Mörtel drauf, bis die Streben vollends zugespachtelt waren.

Andere Einflüsse, Nachkriegsgeborene etwa, die auch ein Problem unterhalb des Verhungerns hätten gelten lassen, gab es kaum. Der Kontakt zu Gleichaltrigen, die mit dem ganzen Schund, den ihr Kindermund kundtat, meine Mutter hätten verwirren können, musste so weit wie möglich vermieden werden. An ihren Geburtstagen lud mein Großvater seine eigenen Gäste ein, Männer, die gut zu seinen Zigarren passten, Wirtschaftswundler wie er, ehemalige Kameraden, Anwälte, Professoren, die statt Geschenken ihre letzte Publikation mitbrachten. Man saß um die Buttercremetorte meiner Großmutter, die die als Einzige aß, und schachtelte aufgeregt Thesen ineinander, die meine Mutter auf dem Schulhof so eifrig nachplapperte, dass sich das mit den Gleichaltrigen ohnehin erübrigte.

Wenigstens blieb ihr so genug Zeit, sich ungestört ihren Talenten zu widmen. Und davon hatte sie so viele, dass mein armer Großvater sich in den ersten Jahren gar nicht entscheiden konnte, welche ihrer Gaben das ganze Gewicht seiner übersteigerten Erwartungen am meisten verdiente.

Zuerst kam das Zeichnen. Natürlich war meine Mutter auch dafür viel zu jung und natürlich wusste im Nachhinein keiner, wie jung genau, aber will man die Chronologie, die mein Großvater im Laufe der Jahre aufgebaut hat, nicht völlig aushebeln, muss der Zeitpunkt im Grunde noch vor ihrer Geburt liegen. In jedem Fall fand meine Großmutter eines Tages eine Bleistiftzeichnung auf dem Boden, was umso erstaunlicher war, als sich niemand erinnern konnte, meiner Mutter auch nur ein Blatt Papier geschweige denn einen Stift gegeben zu haben, und natürlich war sie mit minus zwei zu klein, um es selbst aus der Schublade zu holen. Meine Großmutter fand also die Zeichnung einer kleinen Figur, die ihr haargenau glich (meiner Großmutter, nicht meiner Mutter, auch dafür war sie schon klug genug, um zu wissen, dass von einem Selbstporträt keine Begeisterungsstürme zu erwarten waren), haargenau, die Perlenohrringe, der Spitzenkragen, die nervösen Flecken am Hals, was meine Großmutter jetzt nicht so begeisterte. Und noch weniger, dass mein Großvater das Ding auch noch rahmte und in den Eingang hängte, gleich neben die Garderobe, wo es jeder sofort sehen musste.

»Eine Künstlerin, das hatten wir bei den Schneiders noch nie«, rief er.

Aber da begann meine Mutter auch schon Rad zu schlagen, einfach so, mit zwei, einer, dann ganz ohne Hände, sodass er loslief und eine alte DDR-Turnerin auftat, die nach der Weltmeisterschaft nicht mehr zurückgefahren war und meine Mutter solange mit ihrer Testosteronstimme malträtierte, bis die sich wie eine Gummipuppe verbiegen ließ. Beine vor, hinter, um den Kopf herum, Spagat, hoch, runter, unten durch. Schöner machte sie aber auch das nicht. Eher wurde sie sogar noch ein bisschen knochiger. Wenn sie, kaum dass die Siegerehrung vorüber war, zur Tribüne rannte, damit mein Großvater den Triumph mit einem »gut gemacht!« auch beglaubigen konnte, schlugen ihr die Medaillen gegen die Rippen, dass es schepperte. Dann wurde sie im Trainingslager von einer besorgten Begleitmutter gefragt, ob man ihr zu Hause denn auch genug zu essen gäbe, sodass man sich schnell dem nächsten Talent widmete, diesmal ihrer Stimme, die wirklich wunderschön war. Und natürlich mal wieder viiiel zu reif für ihr Alter.

Wieder wurde ein Privatlehrer gesucht und dann ein zweiter, weil der erste es sich hatte einfallen lassen, ihr unter jedes auswendig gelernte Lied ein Sternchen zu kleben, womit er seinen Job gleich wieder los war. Sein Nachfolger war ein ehemaliger Opernsänger, der mit meiner Mutter sehr viel atmete und sehr, sehr wenig sang, was mein Großvater erst als »Unfug«, »Zeitverschwendung«, ja »Betrug!« bezeichnete, nachdem er im Flur des Lehrers ein Foto entdeckte, auf dem selbiger in einem Monstrum aus grünen und gelben Federn neben Demgöring posierte, dann aber doch als einzig wahre Methode anerkannte. Auch wenn er »in der Sache« … Aber das hatten wir ja schon.

»Ich weiß nicht, ich weiß nicht«, sagte die Gundl, die mittlerweile die Brigitte abonniert hatte. »Das Mädel ist ja ständig unter Strom. Ihr müsst sie doch mal zur Ruhe kommen lassen.«

»Otium est pulvinar diaboli«, sagte mein Großvater und guckte stolz, weil er der einzige Mann auf der Welt war, der Latein sprach.

Er mästete sein Ego an den Wundertaten meiner Mutter, und je mehr es anschwoll, desto hungriger wurde er. So sehr, dass er, der die letzten 20 Jahre jedem, der es hören wollte, und allen anderen natürlich auch, erzählt hatte, dass er »lieva Fliesche fresse däd«, als ein Gotteshaus zu betreten, eines Sonntagmorgens mit meiner Mutter zur Kirche stiefelte und dem Pfarrer erklärte, eine Gabenbereitung ohne das Halleluja meiner Mutter sei nur eine Backoblate ohne Belag, was der zwar so nicht gelten lassen wollte, sich nach einer kurzen Hörprobe aber doch bereiterklärte, sie ein paar Lieder singen zu lassen.

»Ausgerechnet jetzt«, stöhnte meine Großmutter, als sie meinen Großvater am Telefon dem Helm von dem Essen erzählen hörte, das sie anlässlich des Debüts planten (er), drei Gänge natürlich, nein, was genau stünde noch nicht fest, aber sie würden schon was zaubern (meine Großmutter). Er lud die ganze Familie ein, sogar die andere Tante meiner Mutter, seine Schwester Ilse, deren Nummer ihm sonst ob des penetranten Optimismus, der ihr wie Pickel aus den Poren sprießte, immer wieder zu verlieren gelang.

Die Ilse war ein bisschen aus der Art geschlagen. Wäre da nicht das Grübchen gewesen, das sich auch in ihr Kinn bohrte, man hätte nicht glauben mögen, dass sie zu den Schneiders gehörte. Immer heiter, immer verständnisvoll für alle und jeden. Sie glaubte fest daran, dass ihr keiner etwas Böses wollte, war also alleinstehend, dennoch ungebrochener – »untätiger« – Hoffnung, dass der liebe Gott, denn ja, natürlich glaubte sie auch an den, sie schon an den richtigen Platz im Leben stellen würde.

Als mein Großvater ihr zwischen zwei wahnsinnig dringenden Terminen, wirklich, ticktack, erzählte, dass meine Mutter am folgenden Sonntag das Lobe den Herren »neu interpretiere«, freute sie sich so pappsüß, dass er erstmal ein paar Fräuleins zusammenscheißen musste, um sich wieder abzuregen.

Am Morgen vor der Messe kamen sie schon eine Stunde früher, um Plätze freizuhalten. Die Arme leicht vorm Körper gespreizt, um den bei jeder Berührung knitternden Stoff – »alles annere is jo nix!« – zu schonen, saß mein Großvater in der vordersten Kirchenbank, daneben meine Großmutter, der vor lauter Panik, meine Mutter könne Panik kriegen, das Pillendöschen in der Hand zitterte. Drumherum Helm, Gundl, Max, ganz am Rand Ilse, ein bisschen außer Atem, weil sie alle paar Minuten wiederholen musste, dass bestimmt alles gut gehen würde.

Nur meine Mutter schien völlig gelassen.

»Ein echter Profi«, sagte mein Großvater, »keine Spur von Lampenfieber.«

»Pscht«, sagte meine Großmutter.

»Blödsinn!«, sagte meine Mutter. »Klar hatt ich Schiss!« Sie nahm die Brille ab, die sie seit Beginn der Krankheit wieder trug, weil ihr von den Kontaktlinsen die Augen brannten, und wischte mit dem Ärmel ihres Nachthemds daran herum. Ihre Oberlippe bog sich ein wenig nach oben und ließ wieder dieses neue Grinsen aufblitzen. »Mach dir mal keine Illusionen, die Oma steckt genauso in uns drin wie der Opa«, lachte sie und klopfte mir auf den Arm. »Als ich am Weihwasserbecken vorbei bin, dacht ich einen Moment, ich kipp um, so aufgeregt war ich.« Mehr als das Publikum habe sie jedoch das »Angst? In Kasan haben sie jeden, der ihnen zu langsam war, in ein Kellerloch zu den Ratten geworfen und so lange da hocken lassen, bis es angefangen hat zu stinken. Das nenn ich Angst« meines Großvaters gefürchtet.

Sie schob die Bügel wieder über die Ohren. Die windschutzscheibendicken Gläser schillerten in allen Farben. »Glaub mir, da reißt du dich lieber zusammen.«

Ohne sich einmal umzudrehen, war sie also auf die Empore gestiegen, hatte tief Luft geholt und dann einfach losgesungen, laut und klar und mit einer solchen Wucht, dass sich ihre Stimme fast überschlug von all der Kraft, die sie noch nicht zu bändigen wusste, als würde man einem Kugelstoßer einen Tennisball in die Hand drücken. Unten reckten sich die Hälse, aber meine Mutter sah nichts, sang einfach weiter bis zum letzten Ton und lief dann genauso schnurstracks zurück auf ihren Platz, während mein Großvater unten aufsprang und losapplaudierte.

»Oskar«, zischte meine Großmutter, »doch nicht im Haus des Herren.«

»Mach dir mal keine Sorgen«, sagte mein Großvater, »der Herrgott vergibt mir schon. Das ist sein Metier.« Nur mit Mühe ließ er sich dazu bewegen, sich wieder zu setzen und bis zum Ende auszuharren, »auch wenn der Rest der Vorstellung im Vergleich ganz schön abgestunken hat.«

Als es endlich vorbei war, stellte er sich an den Ausgang und sammelte die Komplimente für meine Mutter ein, die ihm so gut gefielen, dass er ganz vergaß, sie weiterzugeben.

»Oskar, wir müssen«, jammerte meine Großmutter, »die Gäste stehen doch jeden Moment vor der Tür.« Aber erst als auch der Pfarrer aus der Sakristei kam und »manchmal bedenkt der Herr eins seiner Schäfchen so großzügig mit Gaben, dass man nur in Ehrfurcht erstarren kann« sagte, war er bereit, sich zu verabschieden, nicht ohne selbigen zum Essen einzuladen, was meine Großmutter – fehlendes Platzkärtchen, etwaige Lebensmittelallergien – die erste Beruhigungstablette kostete, dann, als er dankend ablehnte, »sind wir ihm etwa nicht gut genug?«, die zweite.

Bei der Ankunft zu Hause stand sie kurz vorm Kollaps. »Das Hühnchen krieg ich nie durch, bis die kommen«, schrie sie aus der Küche, und »Ach herrje, die Kerzen, geh schnell!«, »Nicht so schnell, du wirst doch wieder ganz rot!«, »Oskar, hol du doch bitte die Kerzen«, und dann, das schon nicht mehr rufend, sondern leise hinter den fast vollzählig im Esszimmer wartenden Gästen zischelnd, »Wenn die nicht bald kommt, kann ich das Hühnchen auch gleich wegschmeißen«, denn wie immer war die Gundl natürlich zu spät. Angeblich soll sie einmal sogar von der Küche ins Esszimmer eine halbe Stunde gebraucht haben, weil ihr unterwegs immer wieder etwas eingefallen war, was sie vergessen hatte, sodass sie sich hilflos hin und her drehte, wie jene Häschen in der Duracell-Werbung, die kein Duracell haben. Mein Großvater spielte das gerne nach. Meiner Mutter kam dabei die Aufgabe zu, die Hände an die Wangen zu schlagen und mit kreischender Stimme »Dud ma werklisch läd« zu rufen, wie die Gundl das immer und immer schon mit zehn Metern Abstand tat, so auch an diesem Tag, als sie endlich mit Helm und Max im Schlepptau die Einfahrt hinaufgehetzt kam und, wie meiner Großmutter nicht entging, ganz leicht die Nase Richtung Küche rümpfte.

»Nicht doch! Wir sind ja auch gerade eben erst angekommen. Ich hatte ohnehin noch ein paar letzte Handgriffe zu erledigen«, rief meine Großmutter.

»Mein Gott, werklisch wie ausm Gsicht gschnidde«, sagte die Gundl, während sie ihren Mantel aufhängte, und »mir sinn noch emol schnell häm un ham en Tordehäwa gholt, wann ihr kenner hen«, wobei sie meiner Großmutter eine unter Plastikfolie zitternde Schwarzwälderkirsch entgegenschob, die diese, tödlich beleidigt, dass man ihr einen fremden Kuchen ins Haus brachte, »Danke Liebes!« flötend entgegennahm, am Abend in die Tiefkühltruhe stopfte und dort für immer vergaß.

»Na du, wie läuft’s in der Bank. Noch nicht festgewachsen hinterm Schalter«, rief mein Großvater und klopfte seinem Bruder auf die Schulter.

»Nix da Schalter. Ich bin jetzt bei den Anlagen. Da musste zum Arbeiten nicht mal aufstehen und kriegst zur Belohnung ne Gehaltserhöhung«, sagte der Helm und rannte hinter meinem Großvater durchs Haus, um zu schätzen, wie viel die neue Saftpresse und der neue Fernseher und die neue Spiegelreflex gekostet hatten.

»Neu! Dass ich nicht lache«, rief Helm und tat es trotzdem. »Die hat ja noch nicht mal einen Zoom, meine macht das alles schon automatisch!«

Die Frauen wetteiferten auch, aber mit umgekehrten Vorzeichen.

»Wie geht es denn deinem Vater?«, fragte meine Großmutter

»Wie sollsn dem schun gehe?«, rief die Gundl. »Furchtbar. Des Bett hot er ma vollgepinkelt. Isch hab die ganz Nacht ned geschlofe.«

»Du Ärmste«, erwiderte meine Großmutter, die in Gundls Gegenwart wieder ostentativ hochdeutsch sprach. »Glaub mir, wenn er eines Tages mal nicht mehr ist, wirst du dir wünschen, jemand würde dich wach halten«, Hand auf Brust, leises Seufzen, »ich weiß, wovon ich spreche.«

Es wurde gegessen und getrunken, man wünschte, auf Drängen meines Großvaters: versicherte meiner Mutter eine goldene Zukunft. Sie wurde den Tisch herum gereicht und bekam den Kopf gerieben, als rechne man damit, dass ihr früher oder später ein Goldstück aus dem Mund fallen würde, während meine Großeltern hinter der Kamera herumturnten.

»Bitte lächeln«, rief mein Großvater.

»Nicht so doll!«, meine Großmutter. Aber die Zähne waren schon drauf auf dem Foto. Meine Mutter sieht darauf sogar noch kleiner aus als auf dem aus Toulouse, dabei ist sie schon einige Jahre älter. Vielleicht liegt es an der Art, wie sie dasteht, die Beine überkreuzt, die Arme hinterm Rücken, sodass sie richtiggehend in den Boden einzusinken scheint. Aber wenn man genau hinschaut, kann man doch schon die winzigen Höcker erkennen, die sich wie Saugnäpfe unter dem kirschroten Nicki-Pullover abzeichnen, die ersten, zaghaften Wehen der Pubertät.

»Eins hab ich noch«, rief mein Großvater.

»Moment!«, meine Großmutter und gab ihm ein schrecklich auffällig unauffälliges Zeichen, woraufhin er ins Arbeitszimmer lief und mit einem riesigen Strauß zurückkam. »Danke für dieses wunderschöne Essen«, sagte er und überreichte ihr die Blumen, die sie am Vortag selbst gekauft hatte.

»Ach, was für eine Überraschung! Das wäre doch nicht nötig gewesen«, rief sie.

Auf dem Foto, das schließlich der Helm – »Was? Die hat nicht mal Selbstauslöser!« – schoss, sehen sie wieder richtig verliebt aus. Eben auch echte Profis.

Mein Großvater hatte noch immer nicht genug und schleppte die »Skulptur« an, die meine Mutter zwischen zwei Preisverleihungen mal eben schnell getöpfert hatte.

»Gibt es eigentlich was, was das Kind nicht kann?«, rief die Ilse und klatschte in die Hände.

»Klar doch. Versagen«, antwortete er und tat nicht mal so, als sei das ein Scherz.

Meine Großmutter schüttete Sekt nach und sich über, zog sich um, zog wieder die alten Sachen an, weil sie nicht eitel erscheinen wollte, und rubbelte solange an dem Fleck herum, bis sie doch einen frischen Rock brauchte.

Mein Großvater erzählte zum 100. Mal die Geschichte, wie sein Mischa Sergewitsch mit den Wachen am Vorratslager Wodka gekippt hatte, während sie hinten die Kartoffelsäcke rausgeschleppt hatten. »Der Verwalter des Magazins war ein einäugiger Jude. Der Mischa hat sich einen abgelacht, wenn die Bücher nicht stimmten«, sagte er und machte das mit dem Lachen gleich mal vor. Dann schlug er auf den Tisch und hielt meine Mutter in die Luft. »Wer möchte noch mal unsere Sängerin hören?« Der Küchenschemel wurde geholt und meine Mutter lobte noch mal den Herrn, und dann den großen Gott, seine Stärke, seine Werke, vor aller Zeit, in Ewigkeit, bis die Ilse vor Rührung weinte.

»Das Mädel gehört ins Fernsehen«, schmatzte einer der Sanitärcousins. Er ließ den Blick über meine Mutter gleiten. »Vielleicht auch ins Radio!«

»Ihr müsst sie zu so einem Gesangswettbewerb schicken. Mit ein bisschen Glück wird sie genauso berühmt wie der Heintje und kann auch überall in der Welt rumreisen«, warf ein anderer ein.

»Nicht doch! Sie ist doch alles, was ich habe«, schrie meine Großmutter und schloss die Arme um den winzigen Körper, während sie mit Sorge feststellte, dass »alles« schon wieder weniger geworden war.

»Glück?«, schrie mein Großvater noch lauter. »Mit solchen Märchen kannst du deiner Großmutter kommen! Glück ist eine Erfindung von Faulpelzen, damit sie sich einreden können, das Schicksal sei schuld an ihrem Elend, und nicht sie selbst. Was der Mensch braucht, ist Fleiß und sonst gar nichts.«

»Gott wie schä!«, seufzte die Ilse, die endlich wieder zu Atem kam, »die Stimme eines Menschen ist doch wirklich sein zweites Gesicht.«

»So klingt das, wenn ein Kind unter Strom steht«, sagte mein Großvater spitz und fand doch noch ein 37. Bild auf seinem Film, um der Gundl seine Schadenfreude ins Gesicht zu blitzen. Woraufhin die beschloss, dass ihr Max jetzt auch mal was singen sollte. Was der absolut nicht konnte, nachdem Gundls Faust seine Finger unterm Tisch so zusammenquetschte, dass er fast aufschrie, aber doch versuchen wollte, seinerseits den Schemel bestieg und das Hänschenklein auch tatsächlich ein paar Töne in die weite Welt hinein trieb, bis ihn sowohl Text als auch Stimme im Stich ließen und er gar nicht wohlgemut in Tränen ausbrach, für was er zu Hause so den Po versohlt bekam, dass die Nachbarn den Derrick lauter drehen mussten.

So ganz verzieh der Max das meiner Mutter nie. Die ganze Schulzeit über sprach er kein Wort mit ihr. Erst als sie sich in Berlin wiedertrafen, er auf der Flucht vor dem Bund und seinen Eltern, sie vor dem leeren Zuhause, in dem sie einen Monat lang so getan hatte, als könne sie ohne ihre leben, nahm er sie ein paar Mal mit, so verloren schien sie in dieser Stadt, die so gar nicht zu ihr passte, in der alles, was man überall sonst auf der Welt wenigstens den Anstand zu verstecken gehabt hätte, Drogen, Dreck, Lärm, Laster, plötzlich etwas Gutes sein sollte, in der überhaupt alles gut war, oder nicht, oder scheiße, oder nicht, aber immer irgendwie okay, vor allem irgendwie, so wert- und schmerz- und alles frei, dass meine Mutter sich ganz schön anstrengen musste, ihr Leben kaputt zu kriegen.

Aber darin hatte sie ja wenigstens jede Menge Übung. Im sich Anstrengen meine ich, im sich Abmühen, sich Abstrampeln, Abrackern, so viel, dass sie gar nicht wusste, wie sie damit hätte aufhören sollen, wie das eigentlich geht, mal langsam machen. Und mein Großvater tat sein Möglichstes, dass sie es auch nicht lernte. Sobald sie eine ihrer Fähigkeiten so gut beherrschte, dass deren Ausübung nicht mehr totale Erschöpfung bedeutete, suchte er ihr sofort eine neue Herausforderung. Die Beste zu sein reichte nicht, es musste auch ihr Bestes sein, und der Weg dahin hatte weh zu tun. Ohne Fleiß kein Preis. Aber: Ein Preis ohne Fleiß war noch schlimmer. Was dann auch der Grund war, warum der Gesangslehrer wenige Wochen nach dem Auftritt einen Anruf bekam, dass es sich ausgeatmet habe: Das Singen fiel ihr einfach zu leicht.

»Wir können keine Zeit verschwenden für etwas, was am Ende nur ein Hobby bleiben muss«, sagte mein Großvater. Die nächste potentielle Berufung habe an die Tür geklopft und ließe sich leider noch vielversprechender an: »Sie verstehen sicher.«

Und meine Mutter verstand es natürlich auch und begann ohne Widerrede mit dem Oboespielen. Oder Rhönrad fahren. Was mein Großvater sich halt gerade hatte einfallen lassen, um das Regal mit neuen Pokalen zu füllen. Erst zwanzig Jahre später, die klatschenden Kellner zu ihren Füßen, Schnuckiputzi, der ebenfalls auf dem Tisch tanzte, im Rücken, sang sie wieder, selbst überrascht von der tiefen, sinnlichen Stimme, die unbemerkt in ihr gereift war und der zuzuhören sie richtiggehend genoss. Aber auch was das bedeutet, etwas genießen, wusste sie damals noch nicht, glaubte noch, ihr Tagesablauf diene nur dem einen Ziel: herauszufinden, welche ihrer Meisterleistungen die allerallermeisterhafteste sei, die, mit der sie einmal hoch hinaus und vor allem: raus kommen würde, aus diesem »Kaff«, wie sie fast schon genauso angeekelt wie mein Großvater sagte.

Zunächst musste sie es aber durch die Jugend schaffen. Und für die war sie erst recht zu klug, zumindest für ihre, in der das mit dem Jungsein tatsächlich noch die Jungen zu besorgen hatten, und die ganze Last des Spaß-Habens und Sau-Rauslassens und Daneben-Benehmens auf ihren Schultern lag, damit die Erwachsenen sich in Ruhe totackern konnten. Sie hasste alles daran: Das Getuschel in ihrem Rücken, weil sie wie immer als einzige null Fehler hatte und die ganze Klassenarbeit an der Tafel vorrechnen musste. Weil es ihr nicht gelang, sich in einen Schauspieler oder Sänger zu verlieben, geschweige denn in sonst jemanden. Sie hasste das Gekicher über ihre knielangen Röcke, während die Banknachbarin mit tintigen Fingern den Ratzefummel über die Tischplatte schrubbte. Die schmutzig gemeinten Witze, über die man lachen musste, nie konnte, heimlich stolz darauf war, es nicht zu können, und sich noch heimlicher fragte, was denn eigentlich nicht mit einem stimmte. Hasste die törichte Aufmüpfigkeit, die Dummheit, die sich als Idealismus tarnte. Und die noch größere Dummheit, auch noch damit zu prahlen, selbst Jahre später, wenn die zerrissenen Jeans längst Anzughosen mit Bügelfalte gewichen waren.

Die Großzügigkeit, mit der andere ihrem früheren Ich begegneten, war ihr zuwider. Was auch immer in Wahrheit an Kopfdellen oder Löchern oder Lücken bei ihr da gewesen sein mochte, um sie biegsam zu halten oder nicht, es war längst zugewachsen. Ob mit zehn, mit 20, mit 30, mit 40 (und genauso mit 49, nur die 50 schaffte sie nicht mehr ganz), immer schon wollte sie dieselbe gewesen sein, die, die auch ich kennenlernte, eine Ungeduldige, Fahrige. Eine, die es sich leicht zu schwer macht. Eine, die sagt, dass es ihr egal ist, was die andern von ihr denken, und dann noch mal lauter, damit es auch die in der hintersten Reihe hören. Die sich so anstrengt, sie selbst zu sein, dass sie dabei vergisst, wer das ist.

Am meisten aber hasste sie an der Jugend, was sie mit ihr machte. Solange ich denken kann, stand meine Mutter mit ihrem Körper auf Kriegsfuß, was damals noch nicht die Regel war. Er schien ihr fremd, seltsam, abstoßend, vor allem aber fühlte sie sich von ihm hintergangen. Die Drähte und Schläuche in ihrem Inneren, die sich unkontrolliert erhitzten, ihr das Blut in die Wangen trieben und aller Welt ihre Verlegenheit verrieten, schwitzige Hände, Magengrummeln, Zittern, all das schien ihr nur einem einzigen Zweck zu dienen: sie bloßzustellen. Kein Gefühl, keinen Gedanken, den ihr Körper sie für sich behalten ließ, jedes noch so kleine Geheimnis ließ er nach außen sickern, wie ein löchriger Müllsack, durch den es auf die Straße sifft. Und als wäre das nicht schlimm genug, begannen ihr plötzlich überall Haare zu wachsen, unter den Achseln, an den Beinen. Und dazwischen natürlich auch.

Mein Großvater war davon genauso wenig begeistert. So eilig er es auch damit hatte, meine Mutter aus der finsteren Kindheit ins Reich der Erwachsenen zu führen – dass er dabei den Umweg durch die Pubertät nehmen musste, fand er überaus ärgerlich. Es fiel ihm schwer, sich daran zu gewöhnen, dass unter den wachen Augen, die an seinen Lippen hingen, auf einmal auch ein Paar Brüste mit am Tisch saß, das sich noch dazu so ächzend langsam durch die Rippen zwängte, dass man kaum den Blick davon lassen konnte, als würde man an einem schrecklichen Unfall vorbeifahren.

Meine Großmutter stand ihm dabei in nichts nach. Nur wollte sie die Jugend nicht möglichst schnell durchschleusen, sondern gar nicht erst reinlassen. Mit aller Kraft stemmte sie sich gegen die Zeit, versuchte den letzten Rest Kindheit vor ihr zu bewahren, versteckte, was sich verstecken ließ, leugnete notfalls und sonst auch. Noch als meine Mutter 14 war, verbat sie ihr, im Bad abzuschließen, sagte »Soll dich etwa die Feuerwehr holen, wenn du allein nicht aufkriegst?« und benötigte mit schöner Regelmäßigkeit gerade dann etwas aus dem Medizinschränkchen, wenn meine Mutter aus der Dusche kam und sich abtrocknete. Meine Großmutter hängte sich sogar noch mehr an ihre Fersen als zuvor schon, folgte ihr überall hin, kam unvermittelt ins Zimmer geplatzt, als hoffe sie, die Frau, die in ihr heranwuchs, so zu erschrecken, dass sie sich nicht mehr heraustraute. Als meine Mutter trotz all ihrer Mühe dann doch ihre Periode bekam, riet sie ihr, sich einfach öfter zu waschen und ein paar Blatt Toilettenpapier zwischen die Beine zu stecken, das sei »bei dem Mückenschiss« ja wohl genug.

Die ersten Monate waren die Hölle. Meine Mutter duschte zweimal täglich. Die Pausen verbrachte sie damit, sich auf der Toilette aus einer Sprudelflasche Wasser zwischen die Oberschenkel zu spritzen. Als einmal ein Junge vor ihr in die Knie ging, um sich die Schuhe zu binden, hatte sie solche Angst, er könnte etwas gerochen haben, dass sie zum ersten Mal im Leben die Schule schwänzte und nach Hause fuhr, um sich umzuziehen. Trotzdem musste sie erst ihre komplette Unterwäsche durchbluten, bevor meine Großmutter das Päckchen mit den Damenbinden freigab.

Aber die Wascherei blieb, wurde sogar immer schlimmer, je älter sie wurde. Jeden Morgen, lange bevor mein Wecker klingelte, stand meine Mutter auf und versuchte, ihren Körper ungeschehen zu machen. Sie drehte die Dusche voll auf, so heiß, dass sie es gerade noch aushielt, und schrubbte sich die Nacht vom Körper. Sie spritzte und sprudelte und schäumte, hielt sich den Duschkopf zwischen die Pobacken, unter die Achseln, in die Ohren, in den Mund, gurgelte und spuckte, fuhr mit der Wurzelbürste zwischen Zehen und Finger, bis ihre Haut rot und fusslig war, wie Wäsche, wenn versehentlich ein Tempotaschentuch mit in die Trommel geraten ist. Und wenn sie endlich alles Unbeherrschbare, alles Wilde und Abgestorbene, Schweiß und Hautschüppchen, jedes Überbleibsel der Zersetzung abgeschmirgelt hatte, sodass ihr Körper nur noch eine spiegelglatte Fläche für ihren Verstand bot, machte sie mit der Wohnung weiter, die »vor Dreck stand«. Immer.

Solange ich zu Hause lebte, war es schon ziemlich schlimm, aber als sie die beiden Zimmer endlich ganz für sich hatte, verwandelte sie sie in einen Ort völliger Sterilität, so sauber und kalt und zweckmäßig, dass sich niemand länger als nötig dort aufhalten wollte.

Jahrelang war ich nicht mehr da gewesen. Als sie mich dann schließlich anrief und ich sie mitten in der Nacht zu mir holte, war ich zu abgelenkt von all den Tabletten, dem Infusionsständer, dem Sauerstoffgerät, von all diesen Requisiten der Krankheit, von der ich bis zu dem Zeitpunkt noch keine Ahnung gehabt hatte, um mich umzusehen.

Erst als alles vorbei war, ging ich wieder in ihre Wohnung. Ich lief durch die kahlen, weißen Zimmer, in denen ich selbst groß geworden war, auf Zehenspitzen, als könne ich sonst jemanden erschrecken, dabei war ich es, die den Atem anhielt, so furchteinflößend war die Leere, die einen von allen Seiten bedrängte. Die einzigen Gegenstände, die in einem Glasschrank in der Küche standen, waren ihre Reiniger, fein säuberlich aufgereiht wie Souvenirs aus fremden Ländern. Die Flüssigkeiten waren bunt und grell, pink, neongrün, kreischgelb, auf den meisten Fläschchen prangten Totenköpfe.

Ich ging in ihr Schlafzimmer und öffnete die Schränke, nahm eine ihrer Hosen vom Bügel und zog sie über meine Jeans. Der Bund reichte mir bis zur Brust. In den letzten Monaten war sie ziemlich dick geworden, hatte plötzlich gar nicht mehr aufhören können, alles in sich reinzustopfen, sie, die man das ganze Leben zum Essen hatte zwingen müssen – nur um dann innerhalb weniger Wochen das ganze Gewicht wieder zu verlieren.

Ich ließ den Stoff nach unten sinken und setzte mich aufs Bett, ein sehr schmales Bett, gerade mal 90 auf 200 Zentimeter. Ein Bett für eine Person. Eine, die sich keine Hoffnungen macht, dass sich daran noch mal etwas ändert. Oder besser: keine Sorgen. Ich drückte die Nase in den Bezug. Es roch nach nichts, also wahrscheinlich nach ihr. Ein Geruch, der meinem eigenen zu ähnlich war, um ihn wahrzunehmen. Ich ließ den Blick über die weißen Wände gleiten, die weißen Schränke, den weißen Laminat, den sie über die schönen Dielen hatte legen lassen, weil in Rillen Krümel hätten rutschen können, zurück zur Hose vor mir, sah plötzlich den dunklen Schmutzrand, der um den Bund lief. Ich hob sie vom Boden und betrachtete sie genauer. Zog eine zweite aus dem Schrank, eine dritte, um sicherzugehen. Immer dasselbe. Schmutzränder, Flecken, manche waren richtig klebrig. Ich stand auf und hob den Stapel mit den T-Shirts aus dem Regal, dann die wenigen Pullover, fand immer mehr Zeichen dafür, wie sehr sie offenbar schon abgebaut hatte, zuletzt sogar zwei getragene Unterhosen, ganz hinten im Eck, als habe sie sie dort versteckt. Sie muss solange gewartet haben, mir die Wahrheit über ihren Zustand zu sagen, bis sie überhaupt nicht mehr alleine zurechtkam.

Ich nahm eine Schere und begann, alles in quadratische Teile zu schneiden, Putzlappen für ein ganzes Leben. Dann ging ich ins Wohnzimmer und suchte dort weiter, auch wenn ich nicht genau wusste, wonach eigentlich. Wahrscheinlich einfach nach irgendetwas, das ich mitnehmen könnte, bevor die Wohltätigkeitsorganisation kam, die meine Großmutter in ihrem immer dringender werdenden Bedürfnis, vor dem Tod noch ein paar Punkte beim Herrn gutzumachen, aufgetan hatte, und die den Rest abholen sollte. Ich zog Ordner aus den Regalen, wühlte in ihren Unterlagen, riss Schubladen heraus, in der Hoffnung auf einen persönlichen Gegenstand, einen Briefbeschwerer, eine Lieblingstasse, irgendwelchen Nippes, wie er bei andern Leuten auf dem Fenstersims rumsteht. Aber natürlich fand ich nichts dergleichen. Natürlich stand bei meiner Mutter nichts rum. Natürlich gab es hier nichts, dessen Existenzberechtigung allein in einer sentimentalen Anhänglichkeit bestanden hätte. Meine Mutter hing ja an nichts. Abgesehen vielleicht von dem berauschenden Gefühl, sich des »Ballasts«, der bei ihr schon mit einem ans Telefon geklebten Notizzettel begann, zu entledigen. So unermüdlich meine Großmutter hortete, alles, Lebensmittel, Geld, Fett, man konnte ja nie wissen, wann der nächste Krieg ausbricht, so eifrig warf meine Mutter weg. Bei uns gab es keine Bilder, keine Magneten am Kühlschrank, keine windschiefe Tonschale. Selbst die Geschenke, die ich am Muttertag aus der Schule brachte, hielten sich nur ein paar Tage. Sobald sich auch nur ein bisschen was angesammelt hatte, nahm sie einen Müllsack und stopfte alles hinein, was nicht festgenagelt war, von einer unbändigen Lust getrieben, reinen Tisch zu machen. Sie wütete durchs Haus, bis ihr Blick nur noch über unverstellte Flächen glitt, auf denen nichts lag als Neuanfang.

Dieselbe Angst, die meine Großmutter hatte, das Gewonnene zu verlieren, hatte meine Mutter davor, das Verlorene wiederzufinden. Angst, von Erinnerungen überrollt zu werden. Angst, jede Nachlässigkeit, jeder noch so kleine Fehler könne ihr schön sortiertes, Kante auf Kante gefaltetes Leben noch mal durcheinanderbringen.

Ich ging also mit leeren Händen nach Hause. Hatte mich schon damit abgefunden, dass ich außer den paar Fotos, die meine Großmutter beizeiten gerettet hatte, eben kein Andenken kriegen würde, zumindest kein physisch greifbares, was ja eigentlich auch ganz gut zu meiner Mutter passte – als mir plötzlich wieder die Kette einfiel, die ich als Kind auf dem Speicher entdeckt hatte, am Boden eines Einmachglases, das bis zum Rand mit Reißnägeln gefüllt war. Damals war ich auf der Suche nach Material für eine Collage gewesen, die wir im Kunstunterricht machen mussten, und hatte nur so mit dem Glas herumgespielt, als der schimmernde Anhänger darin aufgeblitzt war. Beim Versuch, ihn herauszuziehen, hatte ich mir den ganzen Handrücken aufgerissen. Und jetzt, wo ich das Ding schon mal raus hatte, wollte ich es nicht einfach oben liegen lassen.

Ich lief zu meinem Nachttisch, kramte in meinem alten Schmuckkästchen und da, zwischen all den Ohrclips, die ich als Teenager trug, weil mir meine Mutter keine Löcher erlaubt hatte, war er tatsächlich, wenn auch mittlerweile etwas angelaufen. Ich musste ins Licht gehen, um zu sehen, dass es tatsächlich eine Münze war, in Silber gefasst, dabei wirkte sie eigentlich überhaupt nicht besonders, fast wie Spielgeld. Auf der Vorderseite stand eine schnörkellose Fünf. Die Rückseite war so abgegriffen, dass die Schrift kaum noch zu lesen war. Nur mit Mühe ließen sich zwei Ähren erkennen, darunter die Buchstaben CCCP. Die Kette selbst war völlig verrostet. Schon damals, als ich sie gefunden hatte, hatte sie so unangenehm nach Metall gerochen, dass ich mich ein wenig ekelte, sie umzulegen. Aber ich hatte sie trotzdem unter meinem bisschen eigenen Schmuck vergraben, weil ich mir einredete, sie würde meiner Mutter etwas bedeuten. Erst jetzt verstand ich, dass sie das wirklich getan hatte.

3. Kapitel

Das Einzige, wozu meiner Mutter leider völlig das Talent fehlte, war die Liebe. Sie hielten es einfach nicht miteinander aus. Dafür waren sie einander zu ähnlich. Herrisch. Besitzergreifend. Kompromisslos. Beide nahmen einen völlig in Beschlag, mussten auf Gedeih und Verderb die Oberhand behalten, ganz gleich, wie laut ihnen die Welt entgegenschrie, dass sie im Unrecht waren. Sie zehrten einen aus, bis nichts mehr neben ihnen bestehen konnte, und je heftiger man sich wehrte, je mehr man versuchte, sich ihrem Griff zu entziehen, umso stärker wurde ihr Gift.

Nach außen hin begegneten sie einander mit größtmöglicher Geringschätzung. Meine Mutter behauptete steif und fest, sie sei kein einziges Mal im Leben verliebt gewesen. Sie habe Menschen kennengelernt, sie gemocht oder auch nicht, meistens nicht, manche doch, weil sie klug waren oder gebildet oder beides, zur Not auch einfach nur witzig, aber immer »weil«, ergo habe sie sich für sie entschieden. Sie verschränkte die Arme vor der Brust. Und manchmal einer von denen auch für sie.

»Schmetterlinge«, pflegte sie zu sagen, ein Zucken im Mundwinkel vor Vorfreude auf das Augenrollen, das sie am Ende des Satzes ernten würde, »Schmetterlinge gehören in die freie Natur oder noch besser aufgespießt in ein Album, aber mit Sicherheit nicht in den Bauch.« Als sie noch jung und dumm war – was sie beides nie war –, habe sie sich wohl eine Weile eingeredet, »dergleichen« zu empfinden. Das habe sich jedoch als Anfängerfehler herausgestellt.

Die Liebe ließ sie nur in Verbindung mit mir gelten, und selbst da wand sie sich um das Wort wie um eine überquellende Mülltonne. Mit der ihr eignen Lust, Zuhörer vor den Kopf zu stoßen, musste sie jedem auf die Nase binden, dass sie ja eigentlich gar keine Kinder hatte haben wollen. Dass ich ein Unfall gewesen sei, einer von der übelsten Sorte. Dass ich heute genauso gut mit dem netten kinderlosen Pärchen aus Rügen, deren Akte ihr die Dame von der Adoptionsagentur wärmstens ans Herz gelegt habe, Krabben pulen könnte. Dass es ihr, hätte ich mich nicht als so »angenehme Gesellschaft« entpuppt, ja im Traum nicht einfiele, mich den ganzen Tag mitzuschleppen, nur weil ich neun Monate mit ihr die Magensäfte geteilt hatte. Für so was gäb’s heutzutage ja Ganztagsbetreuung, das einzig Gute, was die Ossis mitgebracht hätten, haha.

Die Wahrheit war, dass sie es kaum einen halben Tag ohne mich aushielt. Es kam immer wieder vor, dass sie mich früher von der Schule abholte, weil sie mir ganz dringend von einem Bericht erzählen musste, den sie in der Mittagspause gelesen hatte. Oder weil sie hören wollte, was ich über das neue Dawkins-Buch dachte, dass sie mir auf den Küchentisch gelegt hatte. Selbst als ich schon lange ausgezogen war, stand sie manchmal plötzlich vor meiner Tür, zwei Karten für irgendeine Premierenvorstellung in der Hand, die wir zusammen hassen sollten. »Schuhe an, dein komisches Geschminks kannste im Auto machen. Ich fahr langsam in den Kurven«, rief sie und schnappte sich meine Handtasche, bevor ich widersprechen konnte. Aber ich erinnere mich an genau ein Mal, dass sie sagte, dass sie mich liebt.

Die Liebe wiederum strafte meine Mutter mit Missachtung. Während sie die anderen Mädchen von einer Gefühlswallung zur nächsten trieb, so dass einer sie eigentlich nur ein bisschen scheiße behandeln musste, damit sie ihm ihr Herz hinschmissen, schien meine Mutter gegen die kuhäugig glucksende Glückseligkeit gefeit, für die sie die Liebe hielt.

Als die dann endlich doch zuschlug, und diesmal richtig, mit voller Kraft, dabei so gut getarnt, dass sie mit bloßem Verstand nicht zu sehen war, traf sie meine Mutter völlig unvorbereitet. Das ist wie mit den Windpocken. Wenn man die nicht beizeiten hinter sich bringt, geht man fast daran ein. Sie wusste nicht, wie umgehen, mit der Angst und Sehnsucht und Verzweiflung, die sich plötzlich in ihr ausbreiteten, kannte nicht mal die simpelsten Regeln, die andere schon als Teenager lernen, die Hebel und Griffe, um ihre Gefühle im Zaum zu halten, hatte nicht gelernt, wie weit sie sich hinauswagen konnte, und wo die Strömung zu stark wurde, um alleine zu stehen. Sie verstand nicht, dass die Unendlichkeit des Schmerzes, der sie mit einer solchen Wucht mitriss, dass ihr all ihre schönen Überzeugungen unter den Fingern wegflutschten, eben doch ein Ende hatte, oder zumindest eins hätte haben können. Dass sie nicht im Schmerz verharren musste. Und sie hatte niemanden, der es ihr hätte erklären können. Sie war dem Angriff schutzlos ausgeliefert, und die Liebe nutzte ihre Schwäche aus, trieb sie vor sich her, als wolle sie sich für die Überheblichkeit rächen. Sie kämpften sich aneinander ab, machten es sich schwer, schwerer als nötig. Am Ende gewann meine Mutter. Zumindest glaubte sie das, auch wenn sie bis zuletzt darauf wartete, dass es sich endlich auch nach Sieg anfühlen würde.

Das erste Mal trafen sie in der neunten Klasse aufeinander. Ein kurzer, schmerzhafter Zusammenstoß, der im Nachhinein heftiger wirkte, als er war. Der Junge selbst hat in ihrer Erinnerung nicht mal einen Namen hinterlassen, nur die Ahnung eines Gesichts. Und Finger mit weißen Kalkmangelflecken auf den Nägeln, die plötzlich ihren Arm packten und sie auf seinen Schoß zogen.

Sie lernte ihn auf einer Party kennen, Fete damals, der ersten, zu der sie je eingeladen wurde, und auch das nur aus Versehen, weil ihr Banknachbar den Packen mit den Einladungen einfach weitergereicht hatte. Sie hatte eigentlich gar nicht hingehen wollen. Ihr graute vor dem Lärm und den Leuten und dem Lachen. Vor dem Dreck und den Drogen, die man ihr ins Getränk mischen könnte, um sie abhängig zu machen, wie sie das in der Zeitung gelesen hatte. Vor den anderen Gästen, vor den Dingen, die sie sagten, und denen, die sie taten. Vor allem miteinander. Auch davon hatte sie gelesen. Und sie machte den Fehler, das genauso zu sagen, in eben diesen Worten, »mir graut davor«, woraufhin mein Großvater »dir was?« schrie, in den Laden lief, der Schaufensterpuppe das Kleid aus- und es meiner Mutter anzog und sie ins Auto setzte, um sie zur Fete zu fahren. So sehr er Zusammenrottungen Halbwüchsiger auch hasste, Feigheit hasste er mehr.

»Und’s wird Spaß gehabt! Dass das klar ist!«, rief er, während er den Schlüssel im Zündschloss drehte.

Meine Großmutter steckte den Kopf durchs Autofenster und wischte zwei Küsse an den Wangen meiner Mutter ab. »Wird schon nicht so schlimm, wie du denkst«, flüsterte sie, bevor sie winkend in der verschneiten Einfahrt zurückblieb.

»Recht hat sie gehabt«, stöhnte meine Mutter durch den Krebs, der auf ihre Lunge drückte. Sie lachte heiser, wie eine Schauspielerin mit zu großen Brüsten, wenn in den Regieanweisungen verbittert steht. »Es war schlimmer.« Und als würde das noch immer nicht reichen. »Viel schlimmer.«

»Na komm«, erwiderte ich, »es war doch nur eine Party, ein einziger Abend.«

Aber auch jetzt, Schläuche im Arm, Schläuche in der Brust, so schwach, dass sie nicht mal mehr alleine einen Löffel heben konnte, war sie nicht bereit, den Schmerz von damals zu verraten. Sie schaffte es kaum von einem Satz zum nächsten, ohne sich dazwischen zu schütteln, und dabei gleichzeitig die Schultern hoch- und den Mund aufzureißen, als habe sie eine Handvoll Pfefferkörner geschluckt. Die Milde des Alters, die den Erinnerungen angeblich die Schärfe nimmt, setzte bei meiner Mutter nie ein. Dafür war die Zeit, die ihr zum Altsein blieb, wohl auch zu kurz. Oder meine Mutter zu sehr meine Mutter.

Sie wusste nicht, wie normal das alles war, das Sichfehlamplatzfühlen, das Anderssein. Und sie wollte es auch gar nicht wissen. Der Glaube daran, dass sie nichts mit ihrer Umwelt gemein hatte, war Teil dessen, was sie ausmachte, vielleicht der wichtigste. Das Ganze als eine Erfahrung unter vielen von vielen abzulegen, brachte sie nicht fertig. Mit einer unglaublichen Sturheit bestand sie auf der Schrecklichkeit des Abends, machte sie in ihrer Erinnerung immer größer, wie bei ihr eben alles großgemacht, großgeredet und großgedacht werden musste, um neben der Wagenladung an zerfetzten Gliedern, die meine Großeltern auffuhren, zu bestehen.

Es begann damit, dass sie viel zu früh kam. Auf der Einladung hatte keine Uhrzeit gestanden. Als beim zweiten Klingeln endlich die Tür geöffnet wurde, hatte Michaela, so hieß das Mädchen, Michaela Thies, daran konnte sich meine Mutter komischerweise erinnern, wahrscheinlich weil Zurückweisung tiefere Spuren hinterlässt als das Gegenteil, als Michaela also endlich die Tür öffnete, war sie noch nicht mal fertig angezogen.

»Oh«, sagte meine Mutter.

»Oh«, sagte Michaela.

Von da an ging es mit der Unterhaltung bergab.

Durch nichts miteinander verbunden als der beiderseitigen Einsicht, dass sie nichts miteinander verband, standen sie in der Küche und schwiegen sich an, lauschten Bata Illic, der im Hintergrund immer wieder Michaelas Namen rief, und tranken eifrig beziehungsweise nippten angewidert an ihrem Bier, das sich meine Mutter aus lauter Verzweiflung geben ließ, obwohl sie es natürlich »widerlich«, Schulter hoch, Mund auf, Zunge raus, »wiiiiiderlich!« fand. Wie ein Häftling durchs Zellengitter schaute sie über den Tresen hinweg ins Wohnzimmer und betrachtete die kackbraunpissgelbgeblümte 70er-Jahre-Gemütlichkeit, den Fliesentisch, die weinenden Pierrots und Cognacschwenker im Wandschrank, sah endlich sie beide im Spiegel, links Michaela, von der ihr allmählich dämmerte, dass sie doch schon angezogen war, auch wenn das hauchdünne Oberteil, dessen Träger ihr im Laufe des Abends bei jeder Bewegung von der Schulter rutschen sollten, manchmal versehentlich, bei meiner Großmutter nicht mal als Unterhemd durchgegangen wäre; rechts meine Mutter in ihrem rosafarbenen Kleidchen, das Haar in zwei fädchendünnen Zöpfen um den Kopf gebunden, so altbacken, wie es nur meine Großeltern fertigbrachten, eine 14-Jährige zu verunstalten. Die Saugnäpfe hatten sich mittlerweile in leere Spritztüten verwandelt, die sich unübersehbar durch den Stoff drückten, aber meine Großmutter hatte »zwei Nägel auf nem Brett. Wär’ schad ums Geld« gerufen und den BH, den ihr meine Mutter gezeigt hatte, ärgerlich zurückgehängt. Über die Arme hatten sie ihr ein rosa Westchen gezogen und ein rosa Täschchen gehängt, alles passend zum Kleidchen, das sich mit jeder Minute mehr mit der Nase meiner Mutter biss.

Meine Mutter und Michaela redeten ein bisschen, erkannten aber schnell, dass Schweigen im Vergleich dazu dann doch besser war. Meine Mutter stierte auf die Uhr, trat von einem Bein aufs andere, dann vom anderen aufs eine, während Michaela regungslos am Tresen hing. Nur hier und da, wenn es ihr gelang, sich ein Geräusch einzubilden, fuhr sie herum, rannte ein paar Mal sogar zur Tür, was meine Mutter so erschreckte, dass sie endlich das Bier fallen ließ. Sich tausendmal entschuldigend begann sie, die Splitter aufzulesen und hätte sicher noch eine Weile weiterlesen können, hätte Michaela nicht irgendwann »lass nur«, und dann noch mal bestimmter »lass!«, gesagt.

Meiner Mutter blieb nichts anderes übrig, als wieder auf den Zeiger der Uhr zu glotzen, der mittlerweile rückwärts ging. Sie zappelte herum, wünschte sich sehnlichst die anderen Gäste herbei – und als die dann endlich, endlich, »ääändlich!« kamen, gleich wieder weg.

So lange es gedauert hatte, bis der Erste auftauchte, so schnell ging es, dass man sich kaum noch rühren konnte. Innerhalb einer halben Stunde war das Haus pickepackevoll mit Michaelas Freunden, die meine Mutter alle irgendwie vom Sehen, aber alle sie nicht, dafür einander umso besser kannten. Die einander unheimlich viel zu erzählen hatten, und ihr nicht. Die miteinander rauchten und tanzten, und mit ihr nicht. Die alle völlig gleich aussahen, und anders als sie. Die gleich redeten, über was und auch wie, dieselben Witze machten, dasselbe Lachen lachten und bei jeder Gelegenheit ihre harmlos provokanten Thesen anbrachten.

Sie standen im Grüppchen, Schulter an Schulter, Mund an Ohr, um sich bei dem Lärm zu verständigen, und wollten streitlustig sein. Mehr lustig als Streit. Dann irgendwann gar nicht mehr Streit und nur noch lustig, aber das umso doller, hahahahaha, so sehr, dass sie sich kaum noch einkriegten von all den Dingen, die ihnen auf einmal irre komisch erschienen, vor allem die, die immer ausgerechnet dann ...

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