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Fünf Jahre Abu Dhabi

Für meinen Sonnenschein Matilda Sophia –
mit ihrem großen Herzen und ihrer Gabe zum Verzeihen.

Inhaltsverzeichnis

Hinlegen und Fresse halten

Kinderbonus bei Behördengängen

Abu Dhabi – Vater der Gazelle

Stimmt die Note, stimmt die Chemie

Unter freiem Himmel

Fünf-Sterne-Suiten und Behandlung für Familienmitglieder

Wüstenschiffe unterwegs

Spätzle gibt es auch am Golf

Feilschen um jeden Preis

Nadelstiche und Wohlfühloasen

Zusammenhalt ist alles

Macht hoch die Tür, die Tor’ macht weit

… und geblieben ist …

Glossar

Hinlegen und Fresse halten

»Stellen Sie sich einen Urwald in Südamerika vor: schmale Straße, gesäumt von dichtem Buschwerk und hohen Bäumen. Es dunkelt bereits. Im Zwielicht tauchen schemenhafte Gestalten auf, die sich aber als harmloses Getier erweisen. Im Auto sitzen Sie, ein Beifahrer und hinter dem Beifahrer eine weitere Person. Sie fahren schnell und das Radio ist laut gestellt«, erklärt der Ex-Polizist.

Ich werde als Fahrerin des Wagens eingeteilt und bin bei dieser Übung mit zwei Arbeitskollegen auf dem Weg von einer Veranstaltung nach Hause zu unseren Familien. Wir fahren hinter dem Seminarhaus einen Weg und Abhang hinunter. Plötzlich kommen drei vermummte Gestalten aus den Büschen – mit Maschinengewehren (täuschend echt, aber Kinderspielzeug aus Plastik) im Anschlag. Wir werden zum Anhalten gezwungen und müssen aussteigen. Kurze, knappe Anweisungen: »Umdrehen! Hände aufs Dach und Maul halten!« Danach folgt das Abtasten. Anscheinend suchen Sie etwas. Wir haben keine Idee, was weiter passieren wird. Der Arbeitskollege, der hinten saß, will die Kämpfer in ein Gespräch verwickeln. Wild fuchtelt eine der Gestalten mit dem Plastikgewehr vor seinem Gesicht herum und schreit ihn an, dass er seinen Mund halten soll, wenn ihm sein Leben lieb sei. Die anderen zwei durchsuchen den Kofferraum. Plötzlich Tumult und Geschrei: Sie haben etwas entdeckt. Schmuggelware: Playboy und eine Flasche Whisky. Wir versichern, dass wir nicht wissen, wie beide Dinge in unseren Kofferraum gekommen sind (was auch stimmt). Sie rasten völlig aus. Mir wird schon etwas bange dabei, denn das hier ist nur ein Spiel, aber täuschend echt. Sie schreien, dass wir uns sofort auf den Boden legen sollen. Einer schießt in die Luft (Platzpatrone) und schon liegen wir auf der Erde.

Solche und ähnliche Situationen sind für Südamerika und Afrika durchaus realistisch, wie uns der Ex-Polizist versichert: »Machen Sie sich nichts vor: das kann Ihnen immer passieren«, sind seine Worte. »Und bedenken Sie: immer hinlegen und Fresse halten«, schiebt er nach. Eine klare und deutliche Botschaft für uns Teilnehmer. Niemals versuchen, Räuber, Gauner und Kriminelle in Diskussionen zu verwickeln. Die fackeln nicht lange. Zu verlieren haben sie nichts mehr – quasi einmal Straße, immer Straße.

Im anschließenden Gruppengespräch sprechen wir über unsere Gefühle, Ängste und Möglichkeiten des Verhaltens in Extremsituationen.

Und das kann uns auch passieren, denn in Zukunft werden mein Mann, meine Tochter und ich in Abu Dhabi, der Hauptstadt der Vereinigten Arabischen Emirate leben. Ein Leben in einem Land, in dem zwar politische und wirtschaftliche Zufriedenheit herrscht, es aber in den Anrainerstaaten immer wieder zu Unruhen und kriegsähnlichen Zuständen kommt. Deshalb besuche ich im Mai 2011 ein Sicherheitstraining in Köln bei der Zentralstelle für Auslandschulwesen (ZfA). Insgesamt sind wir dabei 30 Lehrer, die die deutsche Pädagogik und das deutsche Curriculum für die nächsten drei Jahre in die Welt tragen werden.

Doch wie kam es dazu?

Nehmen wir an, Sie haben ein Wollknäuel in der Hand; echte, leicht nach Dung riechende weiße Schafwolle mit den typischen Noppen im Faden. Mal dünn, mal dicker gesponnen. Eben so, als ob Sie selbst am Spinnrad gesessen hätten und das zum ersten, zweiten oder auch dritten Mal. Irgendwann begann sich dieser Faden zu entrollen. Sagen wir, vor 52 Jahren ging er auf Wanderschaft, wohl wissend, dass er zu Beginn seiner Rollbahn keine Ahnung hatte, wohin die Reise gehen würde. Er rollte mal schneller, mal langsamer. Oft wich er einem Stein, Getier oder sogar größeren Hindernissen aus. Trotzdem hat er immer wieder seine Bahn gefunden. Vielleicht ist es Zufall, vielleicht ist es Schicksal. Oh, könnten wir doch die Parzen befragen, die in der römischen Mythologie fleißig am Lebensfaden spinnen und dessen Länge und seine Konsistenz bestimmen.

Als ich den Blick auf den entrollten Faden werfe, sehe ich Kreisbahnen, Wirrwarr, Erhöhungen, Vertiefungen und Verzweigungen. Der Grundfaden bleibt aber bestehen. Er ist klar und deutlich zu erkennen, mit Rhythmus und Regelmäßigkeiten – die Aufs und Abs sind lästig, aber ohne diese ist der Faden nicht denkbar. Rhythmus im Sinne von Wechsel, etwas anderem, etwas Neuem. Keine 180-Grad-Wende, sondern eine Beschreitung meines Lebensweges mit interessanten, weiterführenden Akzentuierungen. Dass dieser Weg nicht klein sein, sondern schwindelerregende Ausmaße annehmen würde, wusste ich vor fünf Jahren noch nicht. Und das war gut so.

Regelmäßig, ungefähr alle vier bis sechs Jahre, begann sich der Faden eng und enger im Kreis zu drehen. Dann wurde es Zeit für Neues. Meist war es bei der Arbeit oder im Privatleben zu eintönig, zu uninteressant und zu gleichbleibend. Dann stellte ich mir die banalen Frage: Was könnte ich im Leben noch machen? Und da ich seit einigen Jahren nicht mehr allein bin: Was kann ich meinen beiden Liebsten alles zumuten?

Dass es mit Reisen und Arbeiten zu tun haben würde, war schnell klar. Und dass wir nicht in Deutschland bleiben, sondern ins Ausland gehen würden, auch. Als verbeamtete Berufsschullehrerin im deutschen Schulsystem stehen mir alle Türen offen und ich kann mich für zweimal drei Jahre entsenden lassen. Leben, arbeiten, reisen und dafür Geld bekommen, das für eine dreiköpfige Familie plus Rücklagen reicht, war in meinem Lebensentwurf neu. Doch wohin unsere Schritte lenken? Asien, USA oder Australien?

Zuerst musste mein Schulleiter einer Entsendung ins Ausland zustimmen, dann wurde ich vom innerdeutschen Schulsystem freigestellt, denn ohne Beurlaubung kein Schuldienst auf Zeit mit deutschem Gehalt und garantiertem Arbeitsplatz bei unserer Rückkehr. Parallel dazu ließ ich mich auf eine Liste bei der ZfA als weltweit suchend, setzen.

Zu dieser Zeit war meine Tochter bereits im siebten Lebens- und ersten Schuljahr und fragte: »Mama, gibt es denn auch in anderen Ländern deutsche Schulen?« Für sie war klar: Wir leben in Deutschland, sprechen Deutsch und die Kinder aus unserer Kleinstadt gehen auf eine deutsche Schule. Als ich ihr erzählte, dass es weltweit noch 140 deutsche Schulen außerhalb Deutschlands gibt, war sie sehr erstaunt. »Und wo genau befinden sich diese Schulen?« Wir schnappten uns einen Atlas und ich zeigte ihr die verschiedenen Kontinente, Länder und einige Standorte. Der kreisende Wollfaden nahm wieder seine gewohnte Richtung auf und vorwärts ging es.

Zusätzlich bewarb ich mich online an Schulen auf den Kanarischen Inseln, in Singapur, Athen, Thessaloniki und Sydney. Orte und Landschaften, die ich spannend fand. Die Resonanz darauf war dürftig, doch im Herbst kamen plötzlich Anfragen von Schulleitern aus aller Welt: Südafrika, mehrere südamerikanische Staaten, Ägypten und Korea. Nach näherem Betrachten schlossen wir jedoch Südafrika und Südamerika wegen der hohen Kriminalitätsrate und der hygienischen Verhältnisse aus. Vielleicht Kairo? Vielleicht Seoul?

Wirklich wichtige Faktoren, die ich bei der Suche berücksichtigte, waren die medizinische Versorgung, die hygienischen Standards und die Entfernung zu Deutschland. Da meine Tochter als sogenanntes Herzkind auf die Welt gekommen war und bereits nach acht Monaten am offenen Herzen operiert werden musste, konnte ich ihr nur ein Land zumuten, das die entsprechenden Bedingungen standardmäßig einhielt.

Eines Abends klingelte unser Telefon. Es meldete sich ein Schulleiter aus den Emiraten, respektive aus der Hauptstadt Abu Dhabi. Bereits nach einigen Sätzen fragte er mich, ob ich alleine oder mit Familie kommen würde. Diese Information war wichtig, da ein Zusammenwohnen ohne Trauschein in den Emiraten nicht gestattet ist. »Willst du das wirklich?«, fragte mich mein aus Hessen stammender Mann, denn zu diesem Zeitpunkt waren wir nicht verheiratet. Er hatte schon 20 Jahre Ehe hinter sich und ich vielleicht noch vor mir. Wilde Ehe war ich seit Jahrzehnten gewohnt. Und dieser Schulleiter hielt sich an die Landessitten. Mein Einsatz würde sich ab Klasse fünf bis zum Abitur auf die Fächer Chemie und Biologie erstrecken. Außerdem würde sich das Wochenende verschieben. In den Emiraten beginnt die Fünftagewoche sonntags. Auch okay, dachten wir uns. Die Zeitverschiebung beträgt zwischen zwei und drei Stunden, je nach Sommer- oder Winterzeit.

Eigentlich wollte er direkt am Telefon eine Zu- oder Absage, doch ich bat mir Bedenkzeit bis zum übernächsten Tag aus, um mit meiner Familie darüber reden und erste Erkundigungen via Internet über das Land, die Schule und das Leben vor Ort einholen zu können. Jetzt wurde es konkret; ein schwerer Schritt für uns als Familie und speziell für mich als Lehrerin.

Als späte Quereinsteigerin hatte ich an einem allgemeinen Gymnasium noch nicht unterrichtet. Berufsschulen im Ausland gab es nur in Südamerika und da wollten wir nicht hin. Was tun? Meine Tochter konnte diesen Gang nur bedingt abschätzen. Die Distanz zu ihrem Vater, der in Hessen lebt, beschäftigte sie weit mehr. Aber nicht nur sie – auch ihn. Er hatte als Mit-Sorgeberechtigter die Befugnis einzuwilligen oder sich zu sperren, doch ohne meine Tochter wäre ich nicht ausgereist. Da er aber meinem Traum vom Leben im Ausland nicht im Wege stehen wollte, willigte er in diesen Umzug ein, solange es unserem Kind gut gehen würde. Diese Einwilligung des Vaters musste ich für die muslimischen Behörden vor Ort notariell beglaubigen lassen, ansonsten wären uns die Residenzvisa nicht ausgestellt worden. Die Grübelphase dauerte zwei Tage und ich sagte schließlich telefonisch zu.

Wichtig erschien uns, die Schule in der Ferne vorab kennenzulernen, zu spüren, zu riechen, die Stimmung am Arbeitsplatz und in der Stadt aufzunehmen und das Land bei einem Kurztrip zu erleben. Empfehlen kann ich das jedem, der plant für längere Zeit ins Ausland zu gehen.

Im Februar 2011 war es so weit, Sonne und Strand winkten. Leider war an Erholung nicht zu denken.

Der erste Weg zur Schule artete zur Suche nach der Nadel im Heuhaufen aus. Der Taxifahrer hatte noch nie von der Schule gehört und rief einen Kollegen an. »Ah, right, then straight, then the third left …« So ging es über eine Stunde lang. Als wir dann ankamen, war es nicht der richtige Standort. Den gab es seit zwei Jahren nicht mehr, da die Schulgemeinde umgezogen war. »Second left, take the airport road junction 11th street …« Und so ging es weiter. Es dauerte nochmals eine halbe Stunde und wiederholende Telefongespräche, bis wir endlich ankamen. »Mama, ist das meine neue Schule?«, fragte meine Tochter.

Und da standen wir. Groß war das Eingangsportal, das rechts und links die Flaggen der Emirate und Deutschlands zeigte. Darüber eine Gazelle, eines der Nationaltiere des Landes. Der Gebäudekomplex war von einer hohen Mauer umsäumt. Neben dem Tor war eine Pforte mit Klingel, die wir drückten. Wie von Zauberhand öffnete sich die Tür. Zunächst überquerten wir einen kleinen Parkplatz und schritten die Stufen zum Foyer hinauf. »Ah ha, so sieht es also innerhalb der Mauern aus«, kommentierte meine Tochter, denn zwischen Mauer und Gebäude befanden sich ein großer Platz, der als Busparkplatz genutzt wurde, und ein kleines Wäldchen, naja, sagen wir, es standen einige Bäume eng beieinander.

Wir meldeten uns als Besucher bei der Security an und bekamen ein Namensschild, das als Besucherausweis in der Schule immer zu tragen war. Der Schulleiter holte uns ab und zeigte uns Unterrichtsräume, Cafeteria, Kindergarten und Turnhalle. Meine Tochter besuchte ihre zukünftige Klasse und feierte mit den Kindern Fasching. Sofort war sie mittendrin und spielte mit. Mein Mann und ich hatten die Gelegenheit, mehrere Kollegen kennenzulernen. Sie waren sehr nett und hilfsbereit und luden uns zu sich nach Hause ein. So konnten wir uns ein erstes Bild von Häusern und Wohnungen machen und überlegen, in welches Domizil wir im Sommer einziehen wollten. Einige Kollegen hatten ihre Möbel via Container aus Deutschland mitgebracht, andere besorgten sich hier nur das Notwendigste, doch jeder dehnte seinen Stil auf arabische Kunst und Möbel aus, wie wir feststellten: Sitzelemente, Bilder an der Wand oder Geschirr. Der Kollege, der im Sommer die Schule verließ und den ich dann ersetzen sollte, erzählte manches vom Schulleben, aber nicht alles, wie sich später herausstellte. Er überließ mir Klausuren, leider ohne Lösungen und informierte mich über Prüfungen an der Schule. Weiterhin zeigte er mir die Sammlung der Naturwissenschaft und stellte mich den Schülern vor, die im Folgejahr bei mir die Prüfung in Biologie absolvieren würden. Viele neue Gesichter und Namen prasselten auf uns ein, merken konnte ich mir allerdings nur wenige. Alles war so neu und so fremd. Insgesamt hatten wir in den wenigen Tagen aber einen angenehmen Eindruck gewonnen.

Nachmittags sahen wir uns die Stadt an und kamen aus dem Staunen nicht mehr heraus. »Schaut euch mal diese Autos an«, rief mein Mann. Dabei kam seine nicht allzu tief versteckte Vorliebe für alles Schnelle und Röhrende zum Vorschein. Es gab Pkws, die hatte ich so vorher noch nicht gesehen. Designte Porsche, Mercedes oder Jaguar, Königsegg und Bugatti für die, die es sich leisten können. An der Ampel gaben sie extra für uns Gas – und das röhrte tief und tiefer! Dann noch schnell mit durchdrehenden Rädern eine Gummispur hinterlassen, dass es nur so qualmt. Was für eine Verschwendung an Material und Sprit! Doch hier war das ganz normal. Der Puls meines Gatten kam in Wallung.

Was bei meiner Tochter und mir wallte, waren unsere Mähnen, denn um die Etagenanzahl der Tower abzuschätzen, legen wir die Köpfe weit in den Nacken und der stete Wind vom Binnenmeer zerzaust dabei unsere Haarpracht gehörig. Kein Vergleich zu deutscher Architektur. Jeder von uns kennt die Steigerungsart hoch, höher, am höchsten. Das trifft es bei diesen Bauten. Und die Luft roch so anders – irgendwie nach Lagerfeuer und Parfüm, gepaart mit Abgasen und Gebratenem. Als wir durch die Gassen der Stadt spazierten, war es angenehm warm. Menschen in bunten Kleidern und mit Tüchern auf dem Kopf begegnen uns. Sie lächelten freundlich.

Aus den Autos und Häusern schallte arabische Musik, die sofort beim Ruf des Muezzins abgestellt wurde. Wir erschraken, denn wir standen direkt neben einer Moschee und bewunderten gerade das architektonische Gebilde, als das Rufen losging. Meine Tochter hielt sich die Ohren zu und schrie: »Mama, was soll das denn?« Ich erklärte ihr, dass der Ruf uns in Zukunft fünfmal am Tag begleiten würde und dass die Menschen in der arabischen Welt sehr gläubig seien. »Sie kommen zusammen, um zu beten.« Männer strömten aus allen Himmelsrichtungen herbei, um Allah zu huldigen. Sie entledigten sich ihrer Schuhe vor dem Portal und gingen hinein. Zu gerne hätte ich beim Beten einmal Mäuschen gespielt. Meist schlossen sie ihre Autos nicht ab und in den Sommermonaten blieben die Motoren an, um den Innenraum kühl zu halten. Nach dem Gebet strömten die Gläubigen wieder heraus, schlüpften in die Schuhe, eilten über das heiße Pflaster ins Kühle der Wagen und fuhren weiter zu ihren jeweiligen Geschäften.

Wir dagegen schauten uns Geschäfte und Supermärkte an, die uns Kollegen empfohlen hatten. Ja, in diesem Land könnten wir leben und erleben. Mein Mann und meine Tochter stimmten zu: Einmal da wohnen, wo andere Urlaub machen und es gänzlich anders zugeht als zu Hause!

Mit einer Menge Eindrücken positiver Art und mit viel Elan flogen wir wieder zurück und stürzten uns in die letzten Alltagsgeschäfte. Wir lösten unsere Wohnung auf, lagerten Kisten ein, verkauften und verschenkten die letzten Möbel und meldeten unseren Wohnsitz in Deutschland ab. 20 Umzugskisten mit Unterrichtsmaterial, Spielzeug, Geschirr und Kleidern verschickten wir per Luftfracht an die Schule in die Vereinigten Arabischen Emirate. Dazwischen hatten wir einen Termin auf dem Standesamt. In kleinem Kreis; spontan nach vier beziehungsweise fünf Jahrzehnten entrollten Wollfäden, trauten wir uns in einer wilden Kombination aus schwäbischer und hessischer Mentalität.

Dann stand unser Abschied an und einige wenige Tränen bahnten sich ihren Weg über unsere Wangen. Zu stark waren wir mit dem Kommenden und Werdenden beschäftigt, da blieb wenig Zeit für einen Blick zurück. Jetzt und hier ging es los mit Mut und Kraft und unser Entdeckungsdrang wischte alle Zweifel beiseite.

Gehen Sie mit mir und diesem Wollfaden auf Wanderschaft, entdecken Sie Orte, menschliche Bedürfnisse und den faszinierenden, farbenprächtigen sowie zwiespältigen Makrokosmos der Vereinigten Arabischen Emirate.

Kinderbonus bei Behördengängen

A person who does not know their past cannot make the best of their present or their future.

Sheikh Zayed Bin Sultan Al Nahyan,
Founder of the UAE

»… und Sie sind mit dem falschen Pass eingereist, das kann jetzt nicht wahr sein.«

So sieht unsere erste Begrüßung in den Vereinigten Arabischen Emiraten aus. Und es ist wahr. Irgendwie ging diese Information beim Vorbereitungsseminar in Köln an mir vorbei. Der Wollfaden weiß auch keinen Rat, dafür aber die zuständige Botschaftsmitarbeiterin, die nur mit den Augen rollt.

»In vier Wochen nochmals ausreisen und mit dem Dienstpass, anstatt dem Reisepass, wieder einreisen«, sagt sie. Ein Dokument für Auslandsdienstlehrkräfte (ADLK) von zwingender Notwendigkeit. Nur mit dem Einreisestempel in diesem Pass erhalte ich ein Residenzvisum und kann im Anschluss als Sponsor für meine Familie auftreten, die ID-Karte beantragen, ein Bankkonto eröffnen, ein Auto kaufen und anmelden.

Verflixt. Anders nicht, so sind die Bestimmungen in diesem Land. Was für ein Start, denke ich.

Hinzu kommt, dass wir noch kein Haus beziehungsweise keine Wohnung haben und unsere Ankunft im August 2011 von dunstgeschwängerter Wüstenluft aber strahlendem Sonnenschein begleitet wird.

»Puh, ist das heiß!«, ruft mein Mann.

Gefühlte 50 Grad mit 80 Prozent Luftfeuchtigkeit hat er auch noch nicht erlebt. Im Februar war es bedeutend kühler gewesen. Der Temperaturunterschied zu Deutschland beträgt nun rund 25 Grad. – Und es ist Ramadan, die heilige Fastenzeit der muslimischen Bevölkerung. Tagsüber geht fast nichts mehr. Nur zu bestimmten Zeiten sind Büros und Behörden zu erreichen. Auch das Essen und Trinken in der Öffentlichkeit ist nicht gern gesehen. Kinder, Kranke und Schwangere sind davon ausgenommen. Heimlich nehmen wir das kühle Nass im Auto zu uns. So wenig am Tage los war, so viel ist es des nachts. Da tanzt der Bär und das Fastenbrechen wird lautstark und kalorienreich nicht nur von der muslimischen Bevölkerung in allen Restaurants gefeiert.

Vorübergehend quartieren wir uns wieder in einem Hotel, dieses Mal in der Nähe der Flaniermeile Corniche ein. Ab und zu planschen wir in der großen Poolanlage und genießen das reichhaltige Büffet, das tagsüber mit Vorhängen vom Foyer abgetrennt ist. Doch meistens sind wir zu Wohnungsbesichtigungen mit einer Maklerin unterwegs, wenn sie denn kommt. Mit deutscher Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit kommen wir schon zu Anfang nicht weit. Unser Erfahrungshorizont erfährt eine erste Dehnung.

Nach vier Wochen haben wir immer noch kein Haus und wohnen mittlerweile in einem kleineren Hotel. Die Schule geht los und es ist noch kein Rückzugsort in Sicht – etwas, das für mich lebensnotwendig ist.

Dann endlich, nach sieben Wochen, ziehen wir in Villa 25 ein. Das Haus liegt in einem Compound, nur zehn Minuten von der Schule entfernt.

Obwohl der kleine Garten an eine stark befahrene Ausfallstraße grenzt, sind wir froh, ein eigenes Reich zu haben. Zum Sitzen, Grillen und Shisha Rauchen nutzen wir den Innenhof. Wenngleich wir tolle Wohnungen in gigantisch hohen Towern angeschaut haben, entschieden wir uns für ein gediegenes Haus. »Mama, ich will Fahrrad, Roller und Inliner fahren und das kann ich nicht in einem Hochhaus«, waren die Kommentare meiner Tochter, die äußerst sportlich ist. Mein Mann und ich waren uns einig: das Kind kann nicht alleine vom 20. oder gar 40. Stock nach unten auf die Straße gehen, um dann zwischen parkenden Autos zu spielen. Ihr wäre hierbei ein Stück Selbstständigkeit verwehrt geblieben und die Sicherheit das nächste Problem. Im Compound ist das anders: Die Kinder verschiedener Nationen treffen sich am Spätnachmittag, nach den Hausaufgaben und anderen Aktivitäten wie Schwimmen, Karate oder Gymnastik. Dann ziehen sie um die Häuser. Mein Mann kann sich in dem als Driverroom deklarierten Anbau mit Minibad, aber ohne Fenster, eine Werkstatt einrichten. In arabischen Häusern liegt dieser Wohnraum außerhalb des Hauses mit direktem Zugang zur Garage und ist sonst für den Fahrer gedacht, den wir nicht haben.

Die Zuschüsse für Häuser und Wohnungen werden bei verbeamteten Lehrern durch den deutschen Staat geregelt. Es gibt festgelegte Vorschriften bezüglich des Pro-Kopf-Haushalts mit entsprechender Miethöhe und einem Eigenanteil. Unser angemietetes Haus, im typischen neuzeitlichen arabischen Stil, mit zum Teil vergitterten Fenstern und Marmorfußböden, hat etwa 200 m2 Wohnfläche, verteilt auf drei Stockwerke.

Das Dachgeschoss hat mein Mann eingenommen: alles klein und im Sommer einer Sauna gleich. Ohne Klimaanlage geht da gar nichts. Es gibt ein Bad, Waschküche, Bügelzimmer und dazu ein Minigästezimmer. Normalerweise ist dieser Bereich der Fulltime-Maid vorbehalten, auch diese haben wir nicht. Das ist nun sein Reich. Er wäscht und bügelt und hat den sich hier oben befindenden Balkon und eine Dachterrasse als Trockenplatz für die Wäsche auserkoren. Schwupp die wupp sind die Sachen trocken. Hemden, Blusen, Hosen und Tischdecken bringt er in den 300 Meter entfernt liegenden Bügelshop. Pro Hemd bezahlen wir umgerechnet 40 Cent und das garantiert faltenfrei.

Im mittleren Stock befinden sich mein Arbeitszimmer und drei Schlafzimmer mit zwei weiteren Bädern. Eines für meine Tochter und das andere für mich.

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Viel Spaß!



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