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Fuck the Police!

Guy Kiss

Fuck the Police!

Guter Cop, böser Cop, geliebter Cop?





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Vorwort

Bookrix ist für viele Nutzer nicht nur einfach eine Plattform, die es ermöglicht selbstgeschriebene Texte und Bücher professionell in die verschiedenen Shops zu bringen. Hier können Schreibneulinge sich ausprobieren und lernen, Schreibprofis finden Testleser für ihre neuen Ideen und Büchersüchtige spannende Texte in jeder Länge und Kategorie.

Gleichgesinnte finden sich in Gruppen zusammen, um Bücher vorzustellen oder zu diskutieren. Eine der aktivsten Gruppen ist "Gay Kiss", wo alle, die romantische Gay-Geschichten lieben oder sie schreiben, gut aufgehoben sind. Jeder ist willkommen.

Ein monatliches Highlight sind dabei die Schreibwettbewerbe in der Gruppe, bei denen es eigentlich weniger ums Gewinnen als vielmehr um den Spaß an der Sache geht. Besonderen Anklang fand das Jubiläumsthema "Fuck the Police!". Alle waren sich schnell einig, dass die unterschiedlichen Beiträge in ihrer Vielfalt etwas ganz Besonderes sind und deshalb in einer Anthologie zusammengefasst und veröffentlicht werden sollten.

Alle Autoren, sogar die beiden, die aus unterschiedlichen Gründen nicht am Wettbewerb teilnehmen konnten, erklärten sich sofort bereit ihre Texte zur Verfügung zu stellen und den Erlös einer guten Sache zu spenden.

So ist in der Gruppe "Gay Kiss" plötzlich der Herausgeber "Guy Kiss" entstanden, der hier stolz sein erstes Buch präsentiert:

„Fuck the Police! – Guter Cop, böser Cop, geliebter Cop?”

Die Anthologie enthält folgende Geschichten:

Bernd Schröder : Nie wieder ein Bulle

Caro Sodar : Fuck the Police! - Ein Tänzer protestiert

Kooky Rooster: Fuck the Police – Ben – Liebe am Abgrund

Little Treefrog: Money meets law

Savannah Lichtenwald: Fuck – No Parking

Norma Banzi: Fuck the Demolition Master

Chris P. Rolls: Kiss the cop

Celine Blue: Fuck the Police

Leonie von Sandtown: Fucking for Money

Gabriele Oscuro: Fuck the Police – Hauke und Glenn

Blake Heartland: Unter Kollegen

C.J. Rivers: NOPD Blues

Seth Ratio: Up All Night

Nia White: Phenix

Viel Spaß beim Lesen!

Autoren und Herausgeber arbeiten für dieses Buch ehrenamtlich. Der gesamte Erlös geht an den Förderkreis Heartbreaker. Der Verein sammelt Spenden für AIDS-Projekte und setzt sich für mehr Sympathie, Akzeptanz und Toleranz gegenüber Menschen mit HIV und Aids ein.

(https://www.heartbreaker-duesseldorf.de/)

Hinweis:

Trotz des etwas provokanten Titels gilt unser Respekt der Polizei und ihren engagierten MitarbeiterInnen.

Alle Handlungen und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Auch wenn in den Geschichten manchmal etwas anderes geschildert wird, so gilt doch im echten Leben: Mit „Safer Sex“ schützt man sich selbst und die Menschen, die man liebt!

Die Rechte für die einzelnen Texte liegen bei den jeweiligen Autoren, insbesondere das Recht der mechanischen, elektronischen oder fotografischen Vervielfältigung, der Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen, des Nachdrucks in Zeitschriften, des öffentlichen Vortrages, der Verfilmung oder Dramatisierung, der Übertragung durch Rundfunk, Fernsehen oder Video, auch einzelner Text- und Bildteile, sowie der Übersetzung in andere Sprachen.

Alle Autoren haben der Veröffentlichung in dieser Anthologie zugestimmt.

Copyright der Gesamtausgabe © Guy Kiss

Umschlaggestaltung: Caro Sodar

- 1. Auflage 2014 -

1. Nie wieder ein Bulle (Bernd Schröder)

Inhalt:

 

"Aufmachen, Polizei!", dröhnte es, doch bevor Juan Martin Rodrigez, der gut aussehende, 28jährige Drogendealer, die Tür öffnen konnte, hörte er bereits das Holz splittern.

Immerhin, seit der berühmte Modeschöpfer und Designer Heribert Blöööckler das Mode schöpfen und designen aufgegeben hatte und zum Präsidenten der Landespolizei geworden war, konnten sich die neuen Uniformen sehen lassen.

Gerade jetzt, an diesem sehr heißen Tag, stürmten 15 Beamte in knackigen, kurzen Hosen ...!

 

NEIN! Das ist nicht der Beginn dieser Geschichte und den Text werdet ihr auch vergeblich darin suchen.

 

"Nie wieder ein Bulle" ist die Geschichte von Gregor, 32, Lehrer, der sich von seinem untreuen Freund Bruno trennt.

 

Bruno ist nicht nur Polizist, sondern auch ein pedantischer Idiot. Gregor schwört sich `Nie wieder ein Bulle´ und lernt schon bald seinen neuen Nachbarn kennen.

 

 

 

 

 Nie wieder ein Bulle

 

by

Bernd Schröder

 

 

I.

 

„Für dein greises Alter von 32 Jahren siehst du noch ganz passabel aus“, sagte Gregor zu seinem Gegenüber, strich sich seine schwarzen Haare glatt und kontrollierte noch einmal sein Styling.

„Bloß dämlich, dass du mittlerweile Selbstgespräche führst!“

Gregor, von seinen Freunden liebevoll Greg, von seiner Mama immer noch Groggy-Bärchen genannt, wischte über den Spiegel und beseitigte die Spuren des morgendlichen Zähneputzens.

 

Dann ging er in sein Schlafzimmer und suchte sich mit Bedacht die Kleidung für den heutigen Tag aus. Immerhin würde er heute eine ganze Gruppe von Menschen kennenlernen, die er in den nächsten vier Jahren würde begleiten müssen.

 

Die großen Ferien waren für ihn schon vor ein paar Tagen zu Ende gegangen.

Natürlich war er der Aufforderung seines Direktors nachgekommen und hatte beim Organisieren der der Stundenpläne für das neue Schuljahr geholfen.

In den vergangenen zwei Tagen wäre sein Arbeitsalltag eigentlich noch relativ übersichtlich gewesen, denn er hatte eigentlich nur ein paar Stunden zu geben, doch Greg kannte sein Leben, sein Glück und seine Kollegen.

 

Selbstverständlich hatte er die 2B kurzfristig übernehmen müssen, da seine Kollegin Sandra Urban, intern auch gerne Sandra Urlaub genannt, das neue Schuljahr gleich so begonnen hatte, wie sie das vergangene enden ließ: mit einer Krankmeldung. Immerhin zog sich Sandras Sommergrippe, die sie ihren Erklärungen nach schon als junges Mädchen gehabt hatte, nur zwei Tage in das frische Schuljahr hinein.

 

„Hoffentlich können die kleinen Teppich-Ratten wenigstens alle ihre Schuhe selber binden. Ich bin schließlich Lehrer und kein Kindergärtner!“, murrte Greg vor sich hin, während er sein Hemd zuknöpfte. Er liebte solche Stimmungen. Am liebsten hätte er 24 Stunden am Stück nur gesungen, dem Zwitschern der Vögelchen gelauscht, getanzt und vielleicht dann und wann im Vorbeigehen ein paar Menschen vor die Straßenbahn geschubst.

 

Gedanklich ging er den vor sich liegenden Tag noch einmal durch.

Begrüßung in der Aula mit quietschendem Kinderchor, Schnarchnasen-Rede vom Direx und dann wahrscheinlich gleich die ersten plärrenden Bälger, wenn er seine zukünftigen Schüler ohne Mama oder Papa in die Klasse führen müsste.

Es war das erste Mal für ihn, dass er einen ganzen Jahrgang von der ersten bis in die vierte Klasse begleiten sollte.

 

Eigentlich freute er sich auf diese Aufgabe, doch ein wenig Unsicherheit schwang

doch im Unterbewusstsein mit.

„Zur Not führe ich wieder die Prügelstrafe ein“, versuchte er sich selbst Mut zu machen, „oder ich fresse den kleinen Biestern erst einmal ihre Schultüten leer, damit sie wissen, wer hier der Silberrücken ist!“

Einem Gorilla gleich schlug er sich mit beiden Fäusten selbst auf die Brust und verebbte in der Bewegung, da er sich selbst im Schlafzimmerspiegel ertappt hatte.

 

„Sieht scheiße aus!“, stellte er schließlich fest. Er meinte dabei zwar eigentlich seine alberne Aktion, gab aber lieber seinem Kleidungsstück die Schuld an dieser Erkenntnis.

Er riss sich das viel zu bunte Hemd wieder vom Körper um es gegen ein schlichtes, weißes auszutauschen.

Mit einem Blick auf die Uhr stellte `Groggy-Bärchen´ fest, dass er viel zu früh aufgestanden war. Wenn er jetzt schon losfahren würde, müsste er sich wieder die Lebensgeschichte von Frau Franz, der Putzfrau, anhören, die um diese Uhrzeit immer noch einmal durch das Lehrerzimmer wuselte.

In diesen Genuss war er bereits zweimal gekommen und kannte nun nicht nur den Verlauf ihrer Gicht, sondern wusste auch über die Haftstrafe des 22jährigen Sohnes Cedric, dem jüngsten Spross der Franz-Sippschaft, genau Bescheid.

 

Gregor sah sich in seinem Schlafzimmer um und beschloss die Zeit zu nutzen, um hier und da ein wenig aufzuräumen.

Er schüttelte das Bett auf, zog die Kissen gerade und säuberte den Fußboden von umherliegenden Kleidungsstücken.

 

Dabei war Gregor gar kein unordentlicher Mensch, eher im Gegenteil.

Beim Kochen zum Beispiel gehörte er der Fraktion der `Sofort-Aufräumer´ an.

Wenn er eine Zutat, ein Gewürz oder einen Gegenstand benutzt hatte, wanderte all dies sofort wieder zurück auf den angestammten Platz, in den Kühlschrank oder gegebenenfalls in die Spülmaschine,

Dass er sich in den letzten Wochen eine gewisse Lässigkeit in Sachen Ordnung angewöhnt hatte, lag an seinem Verflossenen.

 

Bruno war fast fünf Jahre älter als Greg. Vor zwei Jahren waren sie gemeinsam in die Wohnung eingezogen - vor zwei Monaten war Bruno dann ausgezogen.

Während sie sich im Anfang gut verstanden hatten, lehrte der Alltag sie, dass sie nicht wirklich zueinander passten. Dass sie so lange zusammen geblieben waren, hatte nur an der Gutmütigkeit Gregors gelegen.

Bruno war Polizist und zwar einer der akkuraten Sorte. Selbst wenn er, bereits wieder auf `Zivil´ umgezogen, nach Hause kam, sondierte er erst einmal den Parkplatz vor dem Haus. Wehe, wenn ein Auto nicht ordnungsgemäß abgestellt war, dann hatte der arme Nachbar nichts zu lachen.

Bei Mülltüten, die vorübergehen im Flur gelagert wurden oder Schuhen vor der Tür machte er ebenfalls keine Gefangenen.

 

Ein besonderes Reizthema war die Treppenhausreinigung. Bruno achtete peinlich genau darauf, dass diese spätestens am Samstagvormittag vollzogen war, damit war nicht zu spaßen.

 

Dementsprechend beliebt war das Paar dann auch bei den anderen Mietern des Hauses mit seinen insgesamt sechs Parteien. Ein schwules Paar in diesem ehrenwerten Haus wurde ja gerade noch geduldet, aber bei einem penetranten Arschloch wie Bruno hörte der Spaß nun wirklich auf.

 

Gregor wäre so gerne mit seinen Nachbarn ausgekommen, aber Brunos Verhalten machte das absolut unmöglich.

Lediglich eine ältere Dame aus dem Erdgeschoss, Frau Bleibtreu, bedachte ihn noch ab und zu mit dem Ansagen der Tageszeit. `Guten Morgen´ oder `Guten Abend´ verkniffen sich die anderen Bewohner schon lange und waren eher bemüht, schnell aus dem Blickfeld des Paares zu verschwinden.

 

„Och, mit ihrem Partner haben sie es ja wohl auch nicht leicht“, hatte Frau Bleibtreu Greg einmal angesprochen, „Na ja, wer den ganzen Tag Verbrecher jagt, muss im trauten Heim dann ja wohl auch jedes Staubkörnchen verhaften. Mein Willi war auch so. Trotzdem bin ich traurig, dass ich ihn hergeben musste.“

„Dass ich ihn hergeben musste!“, wie das klang. Der alte Bleibtreu hatte sich schlicht und ergreifen in den Tod gesoffen, aber darauf war unser Gregor natürlich nicht weiter eingegangen.

 

Dann kam der Tag, an dem Bruno an Peinlichkeit nicht mehr zu überbieten war.

Der Nachbar, der vis à vis wohnte, hatte nicht nur vergessen den Flur zu reinigen, sondern, er hatte auch noch seine, von Lehm beschmutzten Stiefel vor der eigenen Tür ausgezogen und sogar - stehen lassen!

 

Für Bruno also Grund genug die doppelte Todesstrafe oder mindestens 400 Jahre Haft zu fordern. Man könnte den unordentlichen Nachbarn natürlich auch mit Honig bepinseln und nackt über eine Bienenfarm jagen oder man verbannte ihn einfach nach Sibirien, nur mit einer Unterhose bekleidet. Für Bruno bestand natürlich keinerlei Grund, diese Kleiderordnung im Winter aufzuweichen.

 

Wutentbrannt, mit pochenden Adern an den Schläfen, hatte Bruno beim Nachbarn Sturm geläutet. Als dieser dann verschlafen die Tür öffnete, legte Gregors Ex auch gleich los. „Herr van Hoven, ich weiß nicht wie oft ich ihnen schon gesagt habe, dass es in diesem Hause Regeln gibt, an die auch Sie sich zu halten haben. Was soll ich noch machen, damit Sie das endlich begreifen. Soll ich Ihnen etwa zeigen, wie man putzt?“

 

Doch der der gute Herr van Hoven reagierte anders als Bruno es erwartet hatte.

„Nun komm doch erst einmal rein und trink mit mich ein kleines Genever“, sagte er.

Sein kleiner Akzent klang wie eine Mischung aus Rudi Carrell und Linda de Mol.

 

Hauke van Hoven war nicht nur gebürtiger Niederländer, sondern auch ein sehr gut aussehender Sportstudent. Besonders letzteres war wohl ein Argument, dem sich auch der verbohrte Polizist nicht entgegenzustemmen wusste und darum entschied er sich, endlich etwas für die Völkerverständigung binnen der europäischen Nachbarländer zu tun.

Bruno nahm, ganz gegen seine Gewohnheiten, die Einladung tatsächlich an.

 

Gregor hingegen bekam seinen Freund an jenem Abend in einem ziemlich schlechten Zustand zurück. Offensichtlich war es nicht nur bei dem einen Genever geblieben.

Zumindest die stark eingeschränkte Fähigkeit zur zivilisierten Artikulation, als auch der penetranten Geruch, der an eine billig Vorstadtkneipe erinnerte, ließen darauf schließen, dass es für Bruno ein recht anstrengender Abend geworden war.

 

In den nächsten Wochen wurde der kleine Holländer von gegenüber zwar nicht zuverlässiger oder ordentlicher, Bruno wurde aber wesentlich ruhiger und gelassener, was die Unarten des Niederländers anging.

Bruno hatte ihm zwar nicht das Putzen, aber wohl ein paar andere Handgriffe beigebracht.

 

Ganze sechs Wochen hatte die Affäre zwischen Bruno und Hauke bereits gedauert, bis Bruno gestanden hatte, dass er sich in den süßen Nachbarn verliebt hatte. So wurde aus Gregors Freund und Lebenspartner Gregs neuer Nachbar.

Bruno war einfach mit ein paar Sachen zu Hauke gezogen, doch da Tür an Tür mit dem Ex zu leben für niemanden eine gute Lösung bedeutete, hatte sich das junge Glück von Gegenüber schon bald eine andere Wohnung gesucht.

 

Seit einigen Wochen standen die Räumlichkeiten gegenüber nun leer, doch seit ein paar Tagen zeugte ein neuer Name unter der Klingel davon, dass bald ein neuer Mieter einziehen würde.

`W. Wildbach´, hatte Gregor gelesen und fragte sich, ob die Alliteration des Namens Grundlage für die Vergabe eines Mietvertrages wäre.

Über den Vornamen rätselte er ebenfalls, denn alle Namen, die mit `W´ anfingen deuteten auf einen älteren Herrn oder Dame hin: Walter, Wilhelm, Wieland, Waltraud, Wotan, Wladimir? Gab es überhaupt Menschen unter 60, deren Vorname mit `W´ begann?

Na egal, Hauke van Hoven war ebenso Geschichte geworden wie Bruno.

 

Mit einem Blick auf die Uhr stellte Greg fest, dass er das überhängende Zeitfenster mit seinen Träumereien und Gedanken an die jüngste Vergangenheit sinnlos verbraten hatte. Entschlossen öffnete er die rechte, noch immer leere Seite des Schrankes und warf die eingesammelten Kleidungstücke hinein. Warum er den Platz, der bislang Brunos Hemden, Hosen und Uniformen gegolten hatte, noch nicht mit seinen eigenen Besitztümern aufgefüllt hatte, wusste er selber nicht.

Möglicherweise aus Pietät.

Er beeilte sich, stieg in seinen kleinen Corsa und kam pünktlich vor Beginn der Veranstaltung an.

 

32 dieser Nerv-Zwerge würden ihm das Leben in den nächsten vier Jahren erschweren, dachte er sich bei einem Blick auf die aufgeregten I-Männchen, die mit ihren Schultüten in den Armen und den Eltern und Großeltern an der Seite auf den ersten Schultag warteten. Gregor begab sich in die Aula.

 

 

 

 

 II.

 

Am frühen Nachmittag parkte Gregor seinen Wagen wieder auf dem Platz vor dem Haus.

Der Morgen war nicht so grauenhaft verlaufen, wie er es befürchtet hatte. Im Gegenteil, es war noch viel schlimmer geworden.

 

Die Rede von Direktor Hafermann war noch langweiliger als alle Reden, die er jemals ertragen musste, einschließlich der des Vorsitzenden der deutschen, physikalischen Gesellschaft, deren Mitglied er war.

Die Aufnahme in diesen Verband hatte er mit seinem Abiturzeugnis erworben. Man wollte ihn für seine hervorragende Leistung in diesem Fach ehren.

Während andere Abiturienten Bücher oder ähnliche Sachpreise für ihr Engagement in bestimmten Fächern entgegen nahmen, wurde er in den augenscheinlich aufregendsten Verband seit Gründung der Bestatter-Vereinigung aufgenommen.

Der Neid der Besitzlosen lachte ihm hinterher. Na ja, vielleicht war es ja eher die Föderation der bösen Lästermäuler, die da lachte.

Von seinem Vorhaben Physik zu studieren war er dann zu Gunsten seiner Lehrer-Ausbildung abgerückt.

 

Obwohl die Taschenuhr, die ihm seine Mutter zum 18. Geburtstag geschenkt hatte, nicht vor seinen Augen hin und her geschwenkt wurde, hatte er doch während der ganzen, nicht enden wollenden Veranstaltung darauf starren müssen.

Auch ohne das Pendeln damit vor seiner Nase wurde er das Gefühl nicht los, einer Hypnose-Sitzung ausgesetzt zu sein. Lediglich die Angst davor, gleich in eines seiner früheren Leben reinkarniert zu werden, sich den Fragen über eine angeblich missglückte Kindheit zu stellen, oder auch nur von einem Scharlatan auf offener Bühne in Abwesenheit seines Bewusstseins angestiftet zu werden wie ein Frosch zu quaken und dabei gleichzeitig zu hüpfen, oder wie ein Stier zu brüllen, verhinderte seinen Fall in den Tiefschlaf.

 

Die 4C führte das, höchst wahrscheinlich außerordentlich lustige Stück `Der erste Schultag´ auf und der Kinderchor plärrte heute besonders laut, aber auch besonders falsch.

Als Gregor dann seine neuen Schüler versammelt hatte, um sie in den zukünftigen Klassenraum zu geleiten, hörte er noch die Stimme eines besorgten, aber liebenden Vaters hinter sich. „Maazel! Und benimm´ dich, der Mann will dich was lernen!“

 

Gregor erinnerte sich. Ausgerechnet seine Kollegin Sandra Urlaub, die sich - welch ein Mirakel - ausnahmsweise einmal an diesem Tag bester Gesundheit erfreute, hatte ihm über die Schulter gesehen, als er zum ersten Mal die Liste mit den Namen der für seine Klasse nominierten Schüler und Schülerinnen in den Händen hielt.

„Ach du lieber Gott!“, war es der Kollegin entfahren, die mit ihrer braun gebrannten Haut wahrscheinlich nur den wahren Stand ihres dahin Siechens verschleiern wollte.

 

„Marcel Blatéc? Na, da wirst du aber Spaß bekommen.“

Familie Blatéc hatte bereits fünf Kinder an dieser Schule angemeldet. Marcel war nun Nummer sechs und jedes Blatéc-Kind war bislang ein Born der steten Freude.

Gregor wäre nicht der erste Pädagoge, dem man eigentlich einen rechtsgültigen Anspruch auf therapeutischen Beistand gerichtlich hätte zusprechen müssen.

 

Prügeleien, Klassenkonferenzen, Schulverweise ...! Die ganze Palette an Disziplinarmaßnahmen hatte die Brut der Blatéc´s bereits ausgeschöpft, was angesichts der Tatsache, dass die Grundschule in der Regel nur vier Jahre dauerte, schon eine Leistung war.

 

Doch bei fünf Kindern derselben Familie, multipliziert mit jeweils vier Jahren Verbleib an der Grundschule, kam man rein statistisch auf ein Minimum von 20 Jahren schulischer Erziehung, notwendige Klassenwiederholungen einmal ausgenommen.

 

Das Ganze noch vor Eintritt in die Laufbahnen an den weiterführenden Schulen, wobei dieser Begriff wahrscheinlich auch zu relativieren war.

Mit Nummer sechs und der Einschulung des kleinen `Maazels´ erweiterte sich diese Spanne um gerade einmal vier bis sechs Jahre. So schlimm konnten die Blatéc’s also gar nicht sein.

Natürlich rein statistisch gesehen!

 

Gregor stieg aus seinem Wagen, nicht ohne sich noch einmal zu vergewissern, dass das Auto korrekt abgestellt war. Alte Gewohnheiten gab man nicht so schnell auf.

Als er sich auf den Eingang des Hauses zubewegte fielen ihm zwei junge Männer ins Auge, die gerade die letzten Kisten aus einem Sprinter mit dem Logo einer Autovermietung wuchteten. Vor der Tür, die durch einen einfachen Holzkeil daran gehindert wurde zuzuschlagen, sowie im dahinter befindlichen unteren Flurbereich, stapelte sich bereits eine beachtliche Anzahl an Kisten und Kartons.

 

Gregor sondierte die Situation und kombinierte messerscharf, dass mindestens einer der beiden Herren wohl sein neuer Nachbar sein würde. Die vielen Kartons ließen von der Form und aus seiner eigenen Erfahrung aus zahlreichen Umzügen, darauf schließen, dass der, oder auch die Mieter, zumindest des Lesens kundig waren. Das konnten nur Bücherkisten sein. Er freute sich, ein wahrer Sherlock Holmes zu sein.

 

Gregor wartete noch einen Moment und musterte die beiden Kerle aus sicherer Entfernung. Beide waren ungefähr im selben Alter wie er, beide wirkten groß und schlank. Das Heben der Kisten ging ihnen relativ leicht von der Hand und das ließ die Vermutung aufkommen, dass sie entweder körperliche Arbeit gewohnt waren oder sich immerhin sportlich betätigten.

Als die letzte Kiste auf dem Stapel gelandet war, wischte sich der nur wenig größere mit dem Saum seines Shirts über die Stirn und gab so einen kleinen Blick auf den flachen und trainierten Bauch frei.

Dann nahm er eine Packung Zigaretten aus der Hosentasche, steckte sich zwei der Kippen an und schob dem anderen eine davon zwischen die Lippen. Aha, beide gingen also sehr vertraut miteinander um, also zogen sie entweder gemeinsam ein, oder sie waren sehr gut befreundet, oder sie waren ein Paar, das …!

 

Nick-Gregor Knatterton bemerkte erst jetzt, dass die beiden Jungs ihn bemerkt hatten.

Er errötete und setzte seinen Gang fort.

„Guten Tag“, begrüßte er beide, als er an ihnen vorbeigehen wollte. „Gregor Werfer“, stellte er sich vor, „Sie sind wahrscheinlich meine neuen Nachbarn.“

„Nur ich“, sagte der Größere der beiden und griff fest und männlich nach Gregs ausgestreckter Hand.

„Wildbach, Wolfgang Wildbach, schön sie kennenzulernen“. Wolfgang ließ dabei seine gut gepflegten Zähne sehen und Gregor errötete noch ein wenig mehr. Der Mann hatte ein unglaubliches Lächeln.

 

Mitten in dieses Begrüßungsritual hinein surrte eine penetrant synthetische Fassung der Habanera aus der Oper `Carmen´ hinein und der Kerl, dessen Namen Greg bislang noch nicht kannte, zog hastig sein Handy aus der Tasche und nahm den Anruf an.

Greg liebte klassische Musik und hasste deshalb jede Verunglimpfung und Herabwürdigung dieser Musik.

 

„Scheiße, Wölfi, ich muss weg. Ich hatte dich ja gewarnt, dass das passieren könnte!“

Der Typ steckte sein Telefon wieder in die Hosentasche zurück. Er gab Wolfgang einen schnellen Kuss auf die Wange. „Wenn du willst kann ich aber noch schnell den Sprinter wieder abgeben. Dann musst du nachher nicht noch einmal los.“

Wölfi nahm dankbar an, übergab den Schlüssel und sah seiner unzuverlässigen Hilfskraft hinterher.

Dann blickte er verzweifelt auf die umherstehenden Kisten und wandte sich wieder Gregor zu. „Das ist halt das Problem, wenn man sich auf seine Verwandtschaft verlässt. Mein Bruder ist Rettungssanitäter und hat Bereitschaft. Muss ich den Rest wohl alleine schleppen.“

Gregor atmete kurz durch. Aha, das Rätsel über das Verhältnis der beiden war also auch gelöst. Wenn er jetzt noch heraus bekam, ob Wölfi schwul oder hetero war, könnte er ein echter Klassiker unter den Ermittlern werden. Obwohl, besser nicht, dann müsste er ja doch wieder mit der Polizei zusammen arbeiten. Dabei hatte er von Polizisten nun wirklich die Nase gestrichen voll.

 

„ Bereitschaft? Kenne ich“, antwortete Greg, „Mein Ex-Lover, das dumme Arschloch, war Bulle, also erzähl mir nichts von Bereitschaft. Wenn du willst schmeiße ich schnell den Rucksack ab und dann helfe ich dir, den ganzen Driss nach oben zu bringen. Den Weg kenne ich ja schließlich.“

 

Erst jetzt bemerkte Gregor, dass er sich gerade nicht nur die Freiheit herausgenommen hatte, den neuen Nachbarn zu duzen, sondern er hatte sich auch gleich als schwul geoutet und ein Statement über seinen Ex abgelassen.

Hipphipphurra, ein dreifaches Hoch auf sein loses Mundwerk.

 

„Natürlich nur, wenn Sie wollen“, schob er kleinlaut hinterher und versuchte so, seinen etwas zu locker angeschlagenen Ton wieder ein wenig zu entkräften.

Wolfgang Wildbach lächelte ihn wieder an. „Wir können gerne beim `Du´ bleiben, wenn du willst und ein wenig Hilfe könnte ich wirklich gebrauchen.“

 

Und so begab es sich, dass Gregor nickte, in seine Wohnung eilte und den restlichen Nachmittag damit verbrachte Wolfgang Wildbachs Bücher in seine Wohnung zu tragen.

Nur zweimal unterbrachen sie ihre schweißtreibende Tätigkeit, einmal, weil Wölfi eine Zigarette brauchte und ein weiteres Mal, weil Greg in seine Wohnung ging um für beide Kaffee zu kochen, den sie dann gemeinsam in Gregs Wohnzimmer verschnaufend zu sich nahmen.

 

Staunend ließ Wolfgang seinen Blick über die Bücher von Gregor schweifen. Die gut gefüllten Regale nahmen gleich zwei Wände seines Wohnzimmers ein.

„Wow, sind das alles deine, oder gehören deinem Ex, dem Bullen, dem alten Arschloch, auch noch welche davon?“, fragte er grinsend.

 

Gregor lachte über sein eigenes Zitat. „Ne, das sind schon meine! Das einzige Buch, in das mein dummer Ex jemals seinen Blick hinein geworfen hat, war unser gemeinsames Sparbuch, das er dann auch kräftig geräumt hat, als er mit seinem geistig tieffliegenden Holländer abgerauscht ist.“

 

„Das heißt, du bist nicht gut auf den Jungen zu sprechen, höre ich da mal heraus.“

Entweder, Wolfgang war ein Blitzmerker, oder Gregor machte aus seinem Herzen keine Mördergrube.

„Lass es mich so ausdrücken: Nie wieder mit einem Bullen! Das kann ich dir aber flüstern!“

 

Wölfi nickte verstehend und spuckte in die Hände. „Sofern der Rest der Nachbarschaft nicht aus Dealern, Ganoven und Dieben besteht muss ich wohl noch einige meiner Schätze in Sicherheit bringen.“

Greg leerte mit einem Zug seine Tasse und stand ebenso auf. „Das bisschen rocken wir jetzt noch gemeinsam.“

 

Zusammen machten sie sich wieder an die Arbeit und trugen die restlichen Kartons nach oben.

„Wenn wir unsere Bücher gemeinsam lagern würden, könnten wir aber die Bibliothek so mancher Kleinstadt neidisch werden lassen“, ächzte Gregor unter der Last einer besonders schweren Kiste. Wolfgang lachte, nahm eine weitere Kiste in die Hand und dann geschah es:

 

Der Boden des Pappkartons brach unter dem Gewicht seines Inhaltes durch und jede Menge Bücher landeten krachend auf dem Boden des Hausflures.

Schnell stellte Greg sein eigenes Gewicht ab und half Wölfi beim Aufheben der literarischen Kostbarkeiten. Nun konnte er einen ersten Blick auf einen Teil der Sammlung seines neuen Nachbarn werfen. Die letzte Tagesaufgabe hatte Mäuse-Detektiv Groggy-Bärchen nun auch noch gelöst.

 

Wolfgang war eindeutig schwul. So sehr unterschieden sich die Titel, die er nun fleißig einsammelte, gar nicht von denen, die in seinen Regalen standen.

Da lag Stephen King unter Emil Zola, Tolstoi hatte Fitzek den Rücken zugewandt und die Biographie über Zarah Leander hatte sich für Dan Brown vollkommen geöffnet. Kein Wunder, dass diese Orgie den Rahmen eines handelsüblichen Umzugskartons aus dem Baumarkt sprengte.

 

Das alles ließ zwar noch keine Rückschlüsse auf die sexuelle Orientierung Wolfgangs zu, aber Gregor fand auch den Klassiker `Teleny´ von Oscar Wilde und Titel wie `Rote Männer auf grünen Matten´, `Outing eines Zehnkämpfers´ oder `Die schwule Kultur des Abendlandes´.

Den endgültigen Beweis hielt er in den Händen, als er einen Bildband mit Männerakten in den mittlerweile notdürftig reparierten Karton legte. Titel:

`Ansichten´.

Der rosarote Panther Greg war sehr stolz auf sich. Nun konnte er immerhin einer der Hauptdarsteller in der neuen Serie `CSI Castrop-Rauxel´ werden.

 

 

 

 

III.

 

Nachdem auch die letzte Kiste in das neue Domizil des Herrn Wildbach verfrachtet war, ließ dieser sich auf das breite Sofa in seinem Wohnzimmer fallen. Die meisten Möbel waren neu angeliefert worden und die Restbestände aus der alten Wohnung hatte Wolfgang bereits am Vormittag zusammen mit seinem Bruder herauf geschleppt und aufgebaut.

Gregor wollte sich gerade verabschieden, als sein Gegenüber ihm zuvorkam.

„Ich habe Hunger, darf ich dich auf `ne Scheibe Pizza einladen, sozusagen als kleines Dankeschön?“ Schon hatte er einen Flyer des nächsten Lieferservices herausgesucht und Gregor zum Studium entgegen gestreckt.

Greg fühlte sich eigentlich ganz wohl in der Gegenwart des neuen Mieters und hatte nichts gegen eine Verlängerung dieses Zustandes, also stimmte er zu.

 

„Ich glaube ich habe noch eine Flasche Wein im Vorratsschrank. Ich gehe einmal hinüber und hole sie, wenn du magst“, bot er an.

„Nicht nötig“, warf Wölfi ein, „Bei zweimal Pizza und einmal Salat plus Pizza-Brötchen mit Kräuterbutter wird gleich eine Flasche Wein mitgeliefert. Gehört zum Menü.“

 

„In diesem Fall gehe ich dann mal rüber und besorge uns die Aspirin, die man nach einer solchen Köstlichkeit dringend nötig hat.“

Wolfgang wehrte sich nicht, sondern stellte gleich zwei Weingläser auf den Tisch und überließ das Öffnen der Flasche dem zurückgekehrten Nachbarn.

 

Es wurde ein wunderbarer und unterhaltsamer Abend für die beiden Männer. Vom Essen gestärkt hatten sie sich auf den guten Wein gestürzt und lernten sich besser kennen.

Doch da offensichtlich das Haltbarkeitsdatum auf der Flasche nahtlos übertrieben war, denn das Getränk hielt bei den beiden nicht einmal zwei Stunden, wurde die billige Gabe Angelos, dem Inhaber des Schnellrestaurants `Mama mia´ nun doch noch geöffnet.

 

Gregor erzählte von seinem Job und von dem Desaster mit Bruno, dem alten Arschloch.

Wolfgang erzählte von seiner Familie, vor allem von seinem Bruder Joachim, der heute Mittag zum Dienst abgerufen wurde, wo doch der Umzug angesagt war.

Sie tranken noch ein Glas.

 

Dann sprach Greg über seine Liebe zu Büchern und darüber, was für ein Idiot sein Ex-Freund doch war und wie beschissen der Sex zwischen ihnen in der letzten Zeit war.

Wölfi gab seinerseits umfangreich Auskunft über die Bücher, die er liebte und goss großzügig nach.

„Prost!“

„Jo, Prost!“

 

Gregor nahm, vom Wein schon leicht angesäuselt, das Gespräch wieder auf, spulte Angaben über seine Lieblingsmusik herunter und schimpfte über alle Polizisten der Welt, besonders über diesen Vollidioten, den man auf den Mond schießen sollte, natürlich nach dem man ihm „die Eier abgesnidden hadde!“

 

Wolfgang lächelte leicht umnebelt, teilte den Rest der zweiten Flasche brüderlich auf ihre Gläser auf und als sein Kopf müde auf die Brust fiel, stellte er mitfühlend und liebevoll fest: „Was `n Asch, dein Ex!“

 

„Nie wieder ein Bulle sachich dir, nie wieder, kannse mich beim Wort … beim Wort kannse mich da neh`m!“ Gregor trank nur selten Alkohol und war mit der Wirkung, die das Getränk auf ihn ausübte, nun etwas überfordert.

 

Von dem guten, selbst gebrannten Obstler seines Onkels aus dem Saarland, den Wölfi noch nach kurzer Suche, schon reichlich schwankend, in einer der beiden Kisten mit der Aufschrift `Lebensmittel´ doch noch gefunden hatte, nahm jeder aber nur noch zwei oder drei. Genau ließ sich das später nicht mehr rekonstruieren.

 

Die beiden neu gefundenen Freunde umarmten sich zum Abschied, gaben sich sogar einen Kuss auf den Mund und lallten beide etwas von „dem tollen Abend, den sie irgendwann einmal wiederholen müssten“.

 

Nachdem das Schloss zu seiner Behausung zum dritten Mal an Gregor vorbei gerauscht war, hatte er es endlich erwischt, der Schlüssel traf und er schwankte in sein Schlafzimmer. Schuhe, Hose und sogar das Hemd flogen noch, einer Concorde mit Treibstoff-Problemen gleich, auf den Boden, dann fiel er auf sein Bett und begann augenblicklich zu schnarchen.

 

Trotz des nicht anders zu erwartenden Katers am nächsten Morgen, erwachte Greg kurz vor 6.00 Uhr, noch bevor das penetrante Piepen seines Weckers ihn auf seine Kopfschmerzen aufmerksam machen konnte. Immerhin funktionierte seine innere Uhr noch und war durch die Druckbetankung vom Vorabend nicht vollkommen beschädigt.

 

Noch ungeduscht schlüpfte er in seine Hausschuhe und machte sich, nur mit seinen Pants am Körper, an den Abstieg durch den Hausflur, um seine Zeitung aus dem Briefkasten zu ziehen. Um diese Zeit war eh noch niemand der anderen Hausbewohner wach, warum sollte er sich also die Mühe machen und sich mehr Kleidungsstücke überstreifen, als für diese simple Mission notwendig war?

 

Aus dem Briefkasten mit dem neusten Namensschild des Hauses lugte ebenfalls ein schwarz-weiß bedruckter Papierballen heraus und so zog Gregor einfach daran, um Wolfgang sein eigenes Exemplar der Morgenzeitung vor die Tür zu legen zu können.

Sicherlich wären auch an ihm die Nachwirkungen der letzten Nacht nicht spurlos vorbei gegangen.

 

Gerade als Gregor sich langsam und sehr vorsichtig, eben seinem Zustand angemessen, herunter beugen wollte, um Wolfgang die Zeitung vor die Tür zu legen, öffnete diese sich und er hörte ein eher gegrunztes, denn ein artikuliertes `Moin´.

 

Gregor gab lediglich einen weiteren Laut von sich, wie man ihn bei Höhlenmenschen vermuten würde und drückte ihm das abonnierte Presseerzeugnis in die Hand.

 

„Hast du noch ein Aspirin?“, hörte er jemanden durch den Nebel der morgendlichen Begegnung brummeln, „Ich finde meine nicht.“

Statt zu antworten winkte er Wolfgang lediglich in seine Wohnung, in der sich bereits der Duft von frischem Kaffee verbreitete.

Lautlos folgte Wolfgang Greg in die Küche und ließ sich auf einem der Stühle nieder.

Gregor stellte zwei Tassen auf den Tisch, füllte sie und nahm eine Packung Arznei aus dem Schrank. Vorsorglich drückte er für jeden, der von dieser mysteriösen Krankheit Befallenen, gleich zwei Tabletten aus dem Blister und nahm endlich, mit einem leisen Stöhnen, selbst Platz.

 

„Sorry“, nuschelte er aus sich heraus, „Ich glaube, ich habe gestern ein wenig zu viel über meinen Ex gesprochen.“

Wölfi lächelte ihn an. „Erstens fand ich das ganz süß und zweitens weiß ich doch wie man sich in so einer Situation fühlt. Das Ende einer Beziehung ist wie hundert Folgen Lindenstraße im eigenen Körper.“

Gregor entschlüpfte ein kleiner Lacher, dann fielen seine Augenlider bis zur Hälfte zu und sein Kopf kippte auf die Brust.

Wolfgang trank schnell seinen Kaffee aus, bevor er sich verabschiedete. Im Vorbeigehen wuschelte er Greg über den Kopf. „Du siehst übrigens sehr niedlich aus, mit dieser morgendlichen Sturmfrisur.“ Dann fiel die Wohnungstür zu und er war verschwunden.

 

Gregor dachte nach und es dauerte ein wenig länger, bis sein Hirn wieder ungefähr auf Betriebstemperatur hochgefahren war.

Was hatte er da gerade zum Frühstück serviert bekommen? Du siehst niedlich aus? Ich fand dich gestern ganz süß?

Sein Herz begann ein wenig schneller zu schlagen, bei dem Gedanken, dass dieser gut aussehende Mensch ihn immerhin `niedlich´fand.

 

Auch in den nächsten Tagen wiederholte sein Körper diese Reaktion immer wieder, wenn er auf den Anwohner der gegenüberliegenden Wohnung traf, und das geschah zufälliger Weise recht häufig.

 

Wenn er vom Dienst nach Hause kam, stand Wolfgang oft unten am Briefkasten und suchte nach der Post oder sie begegneten sich vollkommen ungeplant auf der Straße.

Auch ihre Einkaufsgewohnheiten glichen einander.

Wenn Gregor im Supermarkt an der Kasse stand, machte sein Hintermann auf sich aufmerksam, indem er seinen Einkaufswagen sanft gegen Gregs Allerwertesten schob.

Erbost drehte sich Greg um und sah wieder das Lächeln, das ihn in letzte Zeit immer häufiger verunsicherte.

Selbstverständlich kannte er den Grund dieser Unsicherheit, schließlich war er kein 15jähriger dummer Schüler mehr, sondern im Gegenteil, ein gestandener Lehrer von 32 Jahren.

Doch Gregor versuchte seine über die bloße Sympathie hinausgehenden Gefühle zu verleugnen und zu unterdrücken. Schließlich wollte er sich doch gar nicht mehr verlieben.

Nach der Pleite mit Bruno war ihm das Verlangen nach einer Beziehung gründlich vergangen, denn es würde ja doch wieder in einer Katastrophe enden. Außerdem war ja gar nicht gesagt, dass Wolfgang ihn auch nur ansatzweise begehren oder auch nur etwas mehr als mögen könnte.

 

Doch nur zehn Tage nach Wölfis Einzug war Gregors Verstand besiegt worden. Die Vernunft hatte eine herbe Niederlage einstecken müssen, denn das Gefühl hatte sich bereits als unbarmherziger Besatzer in seinem Herzen festgesetzt.

 

An jenem Abend kam Greg aus der Bäckerei, in der er gerade noch rechtzeitig vor Ladenschluss ein Brot erworben hatte. „Lehrer, Rentner und Beamte“, hatte die sehr laute, etwas burschikose Bäckerei-Fachverkäuferin ihn sanft gerügt, „Sind immer diejenigen, denen erst kurz vor knapp einfällt, dass sie ja noch was essen müssen.“

Dann hatte sie aber die 4,80 Euro für das Vollkornbrot entgegengenommen, die Ware in eine Tüte gesteckt und Gregor zur Tür gebracht, um gleich danach abzuriegeln.

 

Wolfgang kam im entgegengeeilt. „Fuck, ich muss noch ein Brot für morgen früh kaufen!“, schnaufte er Greg entgegen und rannte an ihm vorbei.

„Vergiss es!“, tönte es hinter ihm her.

Wolfgang drehte sich zu ihm um lief nun rückwärts weiter.

Mit einem kleinen, aber triumphierenden Lächeln winkte er Wolfgang mit der Brot-Tüte zu. „Mrs. Emily Erdbeer hat gerade ihren Feierabend eingeläutet.“

 

Augenblicklich blieb Wölfi stehen und verschnaufte erst einmal.

Keuchend stütze er die Hände auf seine Oberschenkel.

 

Gregor lachte ein wenig bei dem Anblick des verschwitzten Kerls vor sich, dann sammelte er sich. „Wie kann ich dich denn jetzt vor dem drohenden Hungertod retten?“, fragte er die noch immer nach Luft keuchende Gestalt vor sich, „Soll ich dir die Hälfte meines Brotes abgeben, oder möchtest du heute dein Abendbrot bei mir einnehmen?“

 

Wolfgang bekam langsam wieder Luft und bewegte sich auf Greg zu.

„Was hältst du davon, wenn du heute zu mir herüber kommst, das gute Brot einfach mitbringst und wir uns nach dem Abendbrot das Spiel ansehen?“, schlug er vor.

 

Erst jetzt bemerkte Gregor, dass sich unter den Tüten, die der gescheiterte Marathonläufer an der Hand trug, auch eine mit der Aufschrift eines großen Elektro-Marktes befand. Offensichtlich kam er gerade vom Shoppen zurück.

 

„Was ist denn das für ‘n Spiel, das du da neu hast?“, fragte er.

Doch da wo er die Antwort erwartet hatte, es handle sich um neuen Input für die PlayStation, für die Xbox oder eine der anderen angesagten Konsolen, erhielt er ein Lachen als Antwort.

 

 

„Nicht so ein Spiel, du Depp! Ich meinte eigentlich das Fußballspiel heute Abend im Fernsehen!“

Obwohl es beinahe unmöglich war, an dem Länderspiel Italien-Deutschland vorbeizugehen, da alle Medien seit Tagen darüber berichteten, hatte Gregor dieses Ereignis eher ausgeblendet, da er sich so gar nicht für 22 Idioten interessierte, die einem Ball hinterher rannten.

 

Obwohl er nicht vergessen hatte, wie sehr es gehasst hatte, teilnahmslos neben Bruno zu sitzen, der jubelnd oder wahlweise auch schimpfend irgendwelche Spielzüge kommentierte, als habe er Beckenbauer persönlich durch die Grundausbildung geschleift, sagte er zu.

Schlimmer konnte Wolfgang wohl auch nicht sein.

 

 

 

IV.

 

Nach dem Abendessen nahmen die beiden Freunde nebeneinander auf dem Sofa des Herrn Wildbach Platz und sahen dem Einlauf der Mannschaften zu. Während die Kamera auf die in den Reihen stehenden Spieler entlangfuhr, fragte Wölfi: „Und, einer für dich dabei?“

 

Gregor grinste, doch er antwortete nicht.

Anders als die gemeinsamen Fußball-Abende, die er mit Bruno verbringen musste, war die Stimmung während dieses Spiels doch eher verhalten. Gregor hatte nicht nur keine Ahnung von dem, was er da auf dem Bildschirm sah, es interessierte ihn auch nicht im Geringsten. Immer wieder glitten seine Gedanken in ganz andere Sphären ab, besonders wenn er einen unauffälligen Blick auf Wolfgang werfen konnte. Das einzige Spiel, das ihn wirklich interessierte, lief ausnahmslos in seinem Kopf ab und bestand auch nur aus zwei Teilnehmern.

 

Plötzlich wurde der Bildschirm schwarz. Wolfgang hatte einfach abgeschaltet und lächelte Gregor an.

„Lass mich raten, du hast keinen Schnief von Fußball und langweilst die gerade zu Tode, oder?“

Schüchtern nickte Greg und fühlte sich ertappt. „Aber ich wollte dir nicht den Spaß verderben, also wenn ich dich störe, sag es ruhig.“

 

Wolfgang lachte. „Ich glaube, wir haben schon wieder etwas gemeinsam. Mir geht der Kult um das runde Leder nämlich genauso am Arsch vorbei wie dir.“

 

„Aber warum hast du mich dann heute Abend eingeladen?“

 

„Ehrlich gesagt, ich hoffe, aus demselben Grund aus dem du meine Einladung angenommen hast. Ich wollte Zeit mit dir verbringen.“ Wolfgang nahm Gregs Hände, hielt sie fest und sah ihn an. Dann zog er ihn an sich und zum ersten Mal begegneten sich ihre Lippen. Schon bald spürte Gregor, wie Wölfis Zunge seinen Mundraum eroberte und es verschlug ihm glatt den Atem. Er antwortete, indem er den Körper des Anderen fester umschloss und gierig seine Küsse entgegen nahm.

Während sich die Hand Wolfgangs langsam unter sein Shirt schob, war sein Körper von einer einzigartigen Gänsehaut überzogen. Er konnte sich nicht daran erinnern, jemals von einem anderen Menschen derartig fasziniert gewesen zu sein.

 

Als er eine starke Hand in seinem Nacken spürte, die ihn nie wieder loszulassen drohte, wurde auch er mutiger und ließ seine Finger unter das Hemd seines Nachbarn fahren, um dessen Rücken zu ertasten. Magie übertrug sich auf ihn. Anders war das, was er da spürte, nicht zu erklären.

In seiner Magengegend machte sich ein ganzer Bienenschwarm auf und drängte nach dem Ausgang, doch dieser Versuch war vergeblich. Alle Türen waren verschlossen, denn Gregor wollte nicht eine dieser Regungen aus seinem Körper entlassen, daher schwärmte es weiterhin wild in seinem Innerem und er ließ es nicht nur zu, sondern verlor sich in dem Gefühl, sich endlich und vollkommen gehen lassen zu können.

 

Bruno hatte nicht einmal zu Beginn ihrer Beziehung auch nur ansatzweise derartige Gefühle bei ihm auszulösen vermocht. Und überhaupt, wer war jetzt noch einmal dieser Bruno?

 

Gregor fühlte sich wie im Paradies und deshalb drohte er auch aus seinem 7. Himmel in den Abgrund zu stürzen, als Wolfgang sich plötzlich aus diesem schier unglaublichen Kuss löste und ihm beide Händen auf die Brust legte, um ihn sanft von sich zu schieben.

Doch sein Blick in zwei smaragdgrüne Augen verriet ihm, dass alles in Ordnung war.

 

„Hey, Herr Lehrer“, erklang eine sehr zärtliche Stimme und die Hände ihres Trägers legten sich um seine Finger, „ich habe keine Ahnung, wohin uns der Abend noch führen wird, aber ich möchte, dass du weißt, dass mir das ganze hier sehr ernst ist.

Für mich ist das nicht nur so… , naja nur so `n Abend, wenn du verstehst was ich meine.

Ich habe mich in den letzten Tagen zu einem waschechten Stalker entwickelt. Ich habe gewartet bis du vom Dienst gekommen bist, nur um mich mit dir ein paar Minuten unterhalten zu können. Ich habe dich sogar bis in den Supermarkt verfolgt. Gleich am ersten Tag, als wir meine Kisten nach oben geschleppt haben, ist mir aufgefallen, was für ein netter und hübscher Mann du bist. Ich fürchte, ich habe mich in dich verliebt!

Wenn du also die Flucht ergreifen möchtest …!“

 

Dieses Geständnis aus sich herauszupressen war Wolfgang offensichtlich schwer gefallen. Doch Gregor wäre es im Traum nicht eingefallen, jetzt den Schwanz einzukneifen. Angesichts des bereits zum Knochen mutierten Zustandes seines primären Geschlechtsorganes, hätte es ihn auch einiges an Mühe gekostet.

 

„Schwachkopf, setzen, sechs! Wildbach, Sie haben offensichtlich nichts verstanden!“

Gregor versuchte ernst zu bleiben und Wölfi wirklich anzusehen, als sei er einer seiner ungezogenen Schüler, aber es gelang ihm einfach nicht.

Stattdessen stürzte er sich wieder auf seinen Stalker und ihre Lippen trafen ebenso heftig aufeinander wie noch wenige Minuten zuvor, ihre Zungen nahmen ihr Spiel ...

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