Logo weiterlesen.de
Fuck the Falten

Hinweis zur Optimierung

Unsere eBooks werden auf kindle paperwhite, iBooks (iPad) und tolino vision 3 HD optimiert. Auf anderen Lesegeräten bzw. in anderen Lese-Softwares und -Apps kann es zu Verschiebungen in der Darstellung von Textelementen und Tabellen kommen, die leider nicht zu vermeiden sind. Wir bitten um Ihr Verständnis.

Jetzt ist es eh zu spät, um jung zu sterben. Jetzt müssen wir es durchziehen.

Als wir, Uli und Sabine, einst in Nürnberg gemeinsam studierten, lagen wir nach langweiligen Vorlesungen oft auf einem unserer Betten und unterhielten uns stundenlang über Schönheitsideale, Berufskarrieren, Träume, Männer, Reisen und unser zukünftiges Leben, das uns in den buntesten Farben entgegenschillerte. Nicht selten endeten diese Gespräche in Gekicher. Eines war klar: Unsere Jugend mussten wir unbedingt auskosten, denn irgendwann wäre der Spaß ja vorbei.

Heute, dreißig Jahre nach unseren 24. Geburtstagen, wissen wir, dass Dinge, die mal einen großen Reiz auf uns ausgeübt haben, sich plötzlich an anderer Stelle in der Prioritätenliste finden. Heute sind Freunde und Familie die wahren Konstanten im Leben. Sie sind da, wenn man sie braucht und wenn es einem schlecht geht.

Wir haben uns verändert. Äußerlich, aber natürlich auch in uns drin. Nur eines ist gleich geblieben: Wenn wir gemeinsam verreisen, liegen wir irgendwann auch wieder auf einem Bett und schmieden Pläne. Keine Idee ist uns dabei zu absurd und auch heute enden unsere Gespräche oft in wilden Lachanfällen.

Der Spaß ist definitiv nicht vorbei, im Gegenteil. Denn: Wir MÜSSEN plötzlich NICHT mehr alles. Wir müssen uns nicht mehr verbiegen – wir müssen erst mal gar nichts! Daran muss man sich gewöhnen. Langsam manchmal. Aber – sie ist definitiv bei uns angekommen, die Freiheit, die uns das Älterwerden schenkt.

In diesem ersten Fuck-the-Falten-Buch können wir nicht alle Themen unseres Lebens abhandeln, deshalb freuen wir uns auf zahlreiche Anregungen, ihr 6 000 000 Babyboomerinnen. Wir diskutieren sie dann gerne auf unserem Blog www.fuckthefalten.de (der überhaupt der Ursprung dieses Buches ist) mit euch. Also nur her damit!

Alles ist gut, solange ihr wild seid.

Uli & Sabine

IMG

Wild und schön

MIT DEM GEFALLENWOLLEN IST JETZT SCHLUSS!

Wieso eigentlich nicht?« Ich stehe in der Umkleidekabine meines Lieblingsladens und betrachte mich im Spiegel. Gerade trage ich eine weite Leinenhose und dazu ein überlanges Leinenjackett: Genau die Form von Lässigkeit, die ich persönlich schon immer toll gefunden habe, aber von der ich weiß, dass das andere Geschlecht sie an einer Frau als eher unsexy empfindet. Und genau aus diesem Grund habe ich mir eine solche Kombination auch noch nicht angeschafft. Und weil ich mich in diesem Augenblick so unglaublich wohlfühle, denke ich darüber nach, wieso eigentlich nicht, wo ich den Look doch so klasse finde und mich darin auch so unendlich frei fühle?

Letztlich schenkt mir diese Erkenntnis vor dem Spiegel eine Reflexion auf mein bisheriges Leben. Denn es geht nicht um die Klamotte und es geht auch nicht um die Lässigkeit, es geht um viel mehr – um meine Grundhaltung. Es geht darum, auch durch sein Aussehen und sein Styling zu zeigen, dass man angepasst ist, allen gefallen will, es allen immer recht machen will. Das ist es, was ich sehr lang versucht habe und was mein Leben bislang in weiten Zügen bestimmt hat. Ich bin zwar nicht der typische Jasagertyp, aber mir war es immer immens wichtig, Anerkennung von den »richtigen« Leuten zu bekommen.

Und ich frage mich: Wo kommt es her, dieses Muster. Hat das etwas mit mir persönlich zu tun oder mit meiner Generation, mit der Erziehung meiner Eltern und mit dem, was mir speziell meine Mutter mit auf meinen Lebensweg gegeben hat?

Dabei bin ich doch eine der Töchter jener Frauengeneration, die als Erstes versucht hat, das klassische Rollenbild vom Heimchen am Herd zu sprengen. Denn diese Frauen mussten den Ehemann noch um Erlaubnis fragen, ob sie eine Arbeit außer Haus annehmen durfte. Die Kinder sollten es nicht nur besser haben, sondern die Töchter selbstständig, möglichst finanziell unabhängig sein und freier leben dürfen.

Wir Mädchen sollten also einem überholten Lebensentwurf die Stirn bieten und begaben uns auf den bestmöglichen Weg, um uns zu emanzipieren. Erst langsam, in kleinen Schritten und einzelnen Bereichen, aber auf keinen Fall wollten wir angepasst sein. »Selbstverwirklichung« war das Zauberwort. Meiner Mutter war es immer wichtig, dass ich mich auf keinen Fall auf eine bestimmte Frauenrolle festlege, schon gar nicht auf einen Mann, oder dass ich mich in irgendein Zwangskorsett pressen lasse.

Sind wir doch nicht so emanzipiert, obwohl wir erfolgreich sind und unsere Frau stehen? Haben wir uns etwas vorgemacht?

So schickte sie mich nach der Schule also erst mal in die Welt hinaus und ich verbrachte ein Jahr als Au-pair in Paris. Vom tiefsten Land in eine Metropole. Die weite Welt stand mir offen und alles sollte mir von jetzt an möglich sein – das war es, was mir von zu Hause mit auf den Weg gegeben wurde und was ich so auch mitnahm.

Ich verhielt mich so – wie meine Mutter es von mir erwartete und wie es schon alle Frauengenerationen vor mir getan haben. Nur mit dem Unterschied, dass wir eine besonders verwirrte waren, weil wir keine wirklichen Vorbilder hatten, sondern nur Aufträge.

Da stand ich nun mit meinem Koffer in Paris und fühlte mich erst mal gar nicht so frei und offen für alles. Denn von null auf 500 hatte ich plötzlich eine fünfköpfige Familie zu managen. Eine Aufgabe, die im zarten Alter von 19 Jahren all meine Vorstellungen überstieg.

Kurz: Ich war völlig überfordert. Nur weil man plötzlich in einem anderen Land und in einer Großstadt wohnt, wird das bisherige Leben ja nicht völlig anders und vor allem nicht leichter und freier. Im Gegenteil. Im Prinzip stapfte ich jetzt in den Fußspuren meiner Mutter, nur mit ein paar klitzekleinen Zusatzschwierigkeiten, die da waren: neues Land, andere Kultur und fremde Menschen, andere Sprache, sehr abenteuerliche und mir unbekannte Kochutensilien, Menüwünsche, die mein Kochrepertoire massiv überstiegen. Und plötzlich die Verantwortung für drei Kinder und einen gesamten Haushalt samt Garten. Die Zugehfrau war kurz vorher entlassen worden, weil sie nicht ordentlich gearbeitet hatte. Und wozu hat man schließlich ein Au-pair-Mädchen. Und da man in dieser Funktion und zu jener Zeit sowieso noch so gut wie keine Rechte hatte, übernahm ich eben brav die Pflichten.

Ich tauschte mein Freies-Töchterchen- Leben gegen das einer Haushälterin mit Familienanschluss ein – das abäär auf Fronsssösisch.

Was ich in dieser Zeit so alles erlebt habe, würde ohne Weiteres ein Buch füllen. Der Morgen begann damals regelmäßig damit, dass das Nachttöpfchen der Kleinsten auf dem Frühstückstisch zwischen Baguette, Butter und Marmelade stand. In ihm steckte die Spülbürste, die ich täglich austauschte. Ich habe es nie geschafft, die Familie diesbezüglich entsprechend zu sensibilisieren oder gar zu disziplinieren. In der Küche flog mir anfangs in schöner Regelmäßigkeit der Cocotte Minute, die französische Schnellkochtopfvariante, um die Ohren und verteilte seinen Inhalt an die Küchendecke.

Oft gab es spontane Essenseinladungen, bei denen plötzlich und unangemeldet 20 Menschen in der Küche standen und verköstigt werden wollten. Vorzugsweise passierte das natürlich genau dann, wenn ich gerade versuchte, die kleine brüllende Tochter des Hauses aus der Badewanne zu zerren. Natürlich sah ich danach aus wie ein begossener Pudel und so fühlte ich mich auch.

Neben den alltäglichen Katastrophen hielt ich das Haus sauber, wusch die Wäsche, bügelte die Sachen von fünf Menschen, holte die Kinder von der Schule, ging selbst in die Sprachenschule, erledigte die Einkäufe und kochte jeden Abend ein Drei-Gänge-Menü. Hab ich noch was vergessen? Ach ja, ich erntete das Obst im Garten und kochte Marmelade ein, weil das gutmütige, brave, deutsche Au-pair so ein wunderbares Händchen dafür hatte.

Ich habe dieses Jahr überlebt – irgendwie. Habe mich so gut wie möglich angepasst, war brav und habe die Zähne zusammengebissen.

Direkt nach Frankreich begann mein Designstudium. Die Professoren hier hatten durch die Bank Probleme mit Frauen. Entweder versuchten sie, die jungen Studentinnen zu umgarnen, oder sie waren der Meinung, dass Frauen an der Hochschule eher fehl am Platze wären und besser einen Kochlöffel als eine Radiernadel in der Hand halten sollten. Also blieb uns unerfahrenen Studentinnen nichts anderes übrig, als gute Miene zum unschönen Spiel zu machen. Zumindest glaubten wir das. Und groteskerweise setzen wir auch noch alles daran, den Herren zu gefallen und ihre Anerkennung zu erheischen.

Im Berufsleben ging das dann gleich so weiter. Wie oft wurden wir von Vorgesetzten oder Kollegen mit fadenscheinigen Komplimenten bedacht und haben es nicht mal gemerkt, sondern fühlten uns sogar noch geschmeichelt. Ich frage mich heute oft: Wollte ich das damals nicht erkennen oder bin ich letztlich doch einfach wieder nur an irgendwelchen tradierten Mustern gescheitert?

Ich dachte, wenn ich immer alles gäbe, immer mehr Überstunden schöbe und Zusatzaufgaben übernehmen würde, bei Anfragen nie Nein sagte und lächelte, wenn ich ein plattes Kompliment serviert bekam, dann musste ich doch gefallen. Dann war ich ganz klar Everbody’s Darling. Ich wollte alles und war bereit, auch alles dafür zu tun. Denn das war doch das Versprechen meiner Jugend: alles machen zu können, und zwar frei und ungebunden.

Nein, wir waren einfach nicht wirklich emanzipiert, wir gingen nur davon aus, wir wären es.

Doch mit diesem Auftrag steckte ich in einer Rolle. Einer Rolle, die ich auch in allen anderen Bereichen so lebte. Nein, nicht bewusst oder gar mit einem Hintergedanken. Es war einfach eine Konsequenz. Egal ob im Freundeskreis oder in der Partnerschaft. Damit ich gefiel, versuchte ich immer, es allen recht zu machen.

Heute frage ich mich: Warum war das so? War mir die Meinung der anderen so wichtig, dass ich dem alles untergeordnet habe? Oder war es vielleicht auch die Angst vor Konflikten oder weil ich dachte, ich werde weniger gemocht, wenn ich nicht zu allem Ja und Amen sage?

Eines Abends saß ich spät noch in meinem Büro und kämpfte mit einem Layout, das mir nicht so von der Hand ging wie gewohnt. Die Kundin wollte es aber auf Biegen und Brechen am nächsten Morgen haben und ich ärgerte mich – vor allem über mich selbst. Denn ich hatte für diesen Abend Karten für ein Konzert, auf das ich mich schon seit Monaten gefreut hatte. Trotzdem ließ ich es sausen.

Kurz vor Mitternacht schickte ich ihr den fertigen Entwurf per Mail. Gerade wollte ich den Rechner herunterfahren, da kam schon eine Antwort – eine Abwesenheitsmail für den kommenden Tag! Sie sei gar nicht im Büro am nächsten Tag! Dafür hatte ich nun also meinen Abend drangegeben und mein Konzert ausfallen lassen. Nur weil ich es mal wieder jemandem recht machen wollte.

Es war an diesem Abend, an dem ich mich fragte: Stelle ich weiter meine eigenen Bedürfnisse immer hintenan, nur um vordergründig gut dazustehen und es meinem Gegenüber recht zu machen? Besteht mein Leben nur aus einer Ansammlung von To-do-Listen, auf denen die Wünsche und Erwartungen anderer Menschen stehen und die es abzuhaken gilt? Und wo in aller Welt bleibe ich dabei?

Ist es denn überhaupt möglich, dass ich mir treu bleibe, mein Leben lebe und gleichzeitig Teil der Gemeinschaft bin? Denn schließlich wünsche ich mir doch nur das, was sich jeder von uns – bewusst oder unbewusst – wünscht: den Respekt anderer Menschen, Bewunderung und Liebe.

Natürlich würde ich auch in Zukunft Kompromisse machen, aber doch nur so lange, wie ich mich dafür nicht mehr verbiegen muss. Seit diesem verschwendeten Abend im Büro verspüre ich eine echte innere Freiheit. Am Anfang hat mir dieses Gefühl oft auch ein wenig Angst oder Unsicherheit bereitet, aber mit der Zeit habe ich mich daran gewöhnt. Und jetzt genieße ich es sogar! Es hat etwas mit meiner inneren Einstellung zu tun, aber auch mit meinem Verhalten. Denn das hat sich verändert. Es brauchte wohl solche Erlebnisse, bei denen man sich wie vor den Kopf gestoßen fühlte, aber letztlich bestand die Veränderung in einem schleichenden Prozess.

Ich will, dass andere mich okay finden. Geht das denn nur, indem ich versuche zu gefallen? Nicht mehr mit mir!

Am Anfang waren da ganz kleine Schritte, Versuche, in die ich erst einmal reinspüren musste, die sich aber gut anfühlten: ein ausgesprochenes Nein und das Abwarten der Reaktion. Dazu habe ich mir auch ganz genau angeschaut, welchen Menschen in meinem Umfeld ich den meisten Respekt zolle. Das sind die, die kein Blatt vor den Mund nehmen, die ihr Ding machen und die für das stehen, was ihnen wichtig ist. Und die kein Problem damit haben, dass sie dafür nicht immer geliebt werden.

Das alles hat etwas gedauert, aber eines habe ich mir inzwischen klargemacht: Die Welt geht nicht unter, wenn ich mal nicht gefalle, und es ergeben sich dadurch auch nur wenig wirklich schlimme Konsequenzen.

Es ist schlichtweg ein undankbares, anstrengendes und noch dazu unerreichbares Ziel, allen gefallen zu wollen. Und seit mir das klar ist, lebe ich viel entspannter.

Jetzt gehe ich an die Kasse und zahle für meine neue Lässigkeit und frage mich: Ist knitterndes Leinen jetzt für mich Ausdruck meiner unangepassten Persönlichkeit? Denn einer muss ich es jetzt wirklich mal recht machen: MIR!
(Uli)

Ich bin nicht perfekt und ich arbeite auch nicht daran.

BYE BYE BABY — BYE BYE JUGENDLICHE SCHÖNHEIT

Ich hatte davon gehört. Ich hatte davon gelesen …, dass Frauen ab einem gewissen Alter unsichtbar für das andere Geschlecht werden. Aber für mich war das kein Thema. Ich wusste ja schon immer: »Die Männer meiner Generation sind anders, irgendwie moderner. Die schauen eben nicht jedem Rock hinterher und sind nicht so jugendfixiert.« Außerdem seien mir die Blicke fremder Männer sowieso egal, erklärte ich gerne. Und dass ich selbstbewusst genug sei, um nicht die dauernde Bestätigung des anderen Geschlechts zu benötigen. Im Gegenteil, oft fand ich es nervig, den Blicken von Männern – dann nicht aus meiner Generation – ausgesetzt zu sein. Fühlte mich dadurch belästigt und in meiner Freiheit eingeschränkt.

Und dann passierte es: Ausgerechnet kurz nach meinem 50. Geburtstag. Den verbrachte ich mit meinem Mann und meinen beiden Töchtern in Istanbul. Es war eine Überraschungsreise und die Tage dort waren perfekt. Und genauso fühlte ich mich: Ich hatte das perfekte Leben – und ich fühlte mich einfach angekommen. Eingerahmt von meinen blonden Mädchen schlenderte ich noch ganz beseelt von den tollen Tagen, die wir gemeinsam verbracht hatten, über den Flughafen. Auf einmal bemerkte ich: Jeder Männerblick, der unser Dreiergespann traf, galt eindeutig nicht mir, sondern entweder meiner 18-Jährigen Tochter zur rechten Seite oder dem 15-Jährigen schönen Kind an meiner linken Hand.

Tschakka, schönes Geburtstagsgeschenk – ich war mit meinem halben Jahrhundert tatsächlich unsichtbar geworden.

Wahrscheinlich aber, so redete ich mir schnell ein, waren die südländischen Männer einfach anders und auf das rare Naturblond im eigenen Land konditioniert und der Flughafen Sabiha Gökcen hier im Orient war nicht unserem aufgeschlossenen Westeuropa mit seinen modernen Männern vergleichbar. Auch tröstete mein Mutterstolz mein leicht angeknackstes Selbstbewusstsein.

Zurück in München begann ich von da an gierig Komplimente zu sammeln. Das erste Mal in meinem Leben achtete ich nun ganz bewusst auf Männer, die mich (noch) beachteten. In Zeitschriften fiel mein Blick beim Durchblättern nur noch auf Frauen um die 50. Und ich bewertete. Dachte darüber nach, ob Andie McDowell noch attraktiv sei. Überlegte mir, ob ich so sichtbar altern wollte wie Helen Mirren.

Die Jugend sei an die Jugend verschwendet, hat der englische Dichter Oscar Wilde geschrieben. Er hat der jugendlichen Schönheit in seinem Roman Dorian Gray ein Denkmal gesetzt. Tatsächlich kann ich mich an nicht ein Kompliment erinnern, obwohl ich in jungen Jahren zweifellos welche bekommen habe. Dafür kann ich mich an das Entsetzen erinnern, als ich das erste Mal Dehnungsstreifen an meinem Po entdeckt habe. Ich erinnere mich an teure Cremes, für die ich daraufhin unglaublich viel Geld ausgegeben habe. Nicht erinnere ich mich dagegen an Strandbesuche, an denen ich meinen schönen Körper gerne im Bikini gezeigt habe. Ich erinnere mich aber daran, dass ich den Sommer und Bikinis hasste, denn ich fand meinen Busen zu klein und mich zu dick. Und ich erinnere mich an viele unglücklich verbrachte Abende vor dem Spiegel, an denen ich mein Gesicht Zentimeter für Zentimeter nach Pickeln und Mitessern absuchte.

Wenn ich mir heute Fotos von damals ansehe, sehe ich eine junge hübsche Frau. Keine klassische Schönheit, aber dafür besonders. Wie schade, dass ich mich damals nicht so sehen konnte.

So viel Energie, die ich investiert habe, irgendeinem Schönheitsideal zu entsprechen. So viel verschwendete Lebenskraft.

Eine Professorin aus meinem Designstudium fällt mir ein. Als es in einer Vorlesung um den Schönheitsbegriff geht, erklärt sie uns, es sei ihr von Jugend an klar gewesen, dass sie aufgrund ihres Aussehens nie attraktiv auf Männer wirken würde. Dass sie diese Tatsache aber schon mit dreißig als Freiheit empfunden hätte. Denn sie musste sich keine Gedanken darüber machen, ob sie jemals »gut genug« aussehen würde. Nie. Während ihre Freundinnen dann über erste Falten jammerten, konnte sie sich entspannt zurücklehnen und sich um ihre Kunst kümmern. Für mich als junge Studentin war das ein völlig absurder Gedanke: Nicht gut auszusehen sollte mich zu einem freieren Menschen machen …?

»Warum gehen wir Frauen davon aus, dass uns Sichtbarkeit einen Platz in der Gesellschaft geben könnte, wenn dem so wäre, dann wären viele mächtige Positionen von jungen Frauen besetzt. Aber da sind keine …«, schreibt Margarete Stokowski in ihrem Buch Untenrum frei. Tatsächlich sehe ich rückblickend meine Attraktivität als Nachteil für meine berufliche Karriere an. Es mag schon sein, dass in einer männerdominierten Berufswelt das gute Aussehen von Mitarbeiterinnen tatsächlich ein Türöffner ist. Aber sind wir durch die Tür erst mal durch, brauchen wir sehr viel Energie, Chefs davon zu überzeugen, nicht nur ein vorzeigbares Wesen zu sein, das in der Lage ist, die männlichen Vorgesetzten zu unterstützen. Sondern dass wir trotz eines hübschen Äußeren sehr wohl eigene Ideen haben.

Deshalb frage ich mich heute: Will ich überhaupt noch gefallen? Der Focus schlägt mir aus gegebenem Anlass würdevolles Altern vor, erkennbar an: gediegenem Outfit, dezentem Make-up, damenhaftem Auftreten. Und macht sich in dem Beitrag lustig über Nena, Madonna oder Demi Moore, für die eine Art »Junge Frau 2.0« die Lösung sei. Mache auch ich mich lächerlich, wenn ich auf alles pfeife, was die Frauengenerationen vor mir gelebt haben? Ab spätestens 40 graumausig und unscheinbar werden und von der Bildfläche verschwinden.

Soll ich meine Doc Martens jetzt eintauschen gegen Loafers? Trägt Sabine 2.0 nun Perlenkette, Kostüm und halbhohe Pumps?

Das passt aber so gar nicht für mich. Ein bisschen erinnert mich deshalb diese Zeit an die Pubertät: Da war ich nicht mehr Kind, aber auch nicht erwachsen. Heute bin ich nicht mehr jung, aber irgendwie auch noch nicht alt.

Meine Tochter findet ein Schwarz-Weiß-Foto von mir: ich in ihrem Alter. Sie ist begeistert: »Mama, wie hübsch du warst.« Kurz fühle ich Bedauern. Bedauern darüber, dass mein Kind in mir heute nicht mehr die Schönheit sehen kann, die ich immer noch wahrnehmen kann, wenn ich morgens in den Spiegel schaue.

Und dann denke ich wieder daran, dass auch ich diese Schönheit früher gar nicht wahrnehmen konnte. Auf einmal ist dieses Unbehagen wieder da. Der Schmerz, den ich empfunden habe, als ich das Foto aus dem Fotobad herausgefischt habe. Das sollte ich sein? Das Mädchen mit Doppelkinn und verunglückter Dauerwelle, war das wirklich ich? Ich war damals 19 und das Bild hatte der Dozent eines Fotokurses aufgenommen. Ich spüre noch heute die Scham, als ich das Porträt im Kurs an die Pinnwand hängen musste. So hässlich fand ich mich darauf. Trotzdem war es unmöglich, das Foto einfach mal eben verschwinden zu lassen, hatte es doch der Lehrer gemacht. Und der sah vermutlich meine jugendliche Schönheit, die ich damals partout nicht erkennen konnte.

Hätte ich doch all die Kraft, die ich in ein besseres Selbst durch mein besseres Aussehen gesteckt habe, für mein inneres Wachstum verwendet.

Bald steht wieder ein Abiturtreffen an. Alle zehn Jahre finden diese Zusammenkünfte statt. Es wird jetzt wohl das erste Mal sein, dass wir uns tatsächlich gealtert wiederbegegnen. Mit Falten und teilweise auch ergraut. Das letzte Mal haben die Männer uns noch mit Komplimenten überhäuft: Wie unglaublich gut wir Frauen noch aussähen und dass man uns die Jahre gar nicht ansehen würde. Wenn wir uns alle in diesem Jahr erneut begegenen, werden diese Lobeshymnen vielleicht ausbleiben.

Es gibt eben für alles ein erstes Mal.

Ich bin mit meiner 19-Jährigen Tochter Joggen im Wald. Vor uns gehen drei Männer nebeneinander und blockieren den Weg. Als sie uns hören, machen sie Platz. Meine Tochter bittet mich, hinter ihr herzulaufen. Im Vorbeilaufen sehe ich, wie sich die Blicke der Spaziergänger an den Po meines Mädchens heften.

Nun kann ich etwas tun, was nur möglich ist, wenn man schon auf dem Weg ins letzte Lebensdrittel ist. Gefühlt breite ich also meine Fittiche aus und genieße es, dass meine Rückseite diese Männer jetzt gleich ernüchtern wird. Ich begreife: Mit dem Abschied von meiner jugendlichen Schönheit habe ich tatsächlich auch ein großes Stück innere Freiheit gewonnen. Ich muss heute einfach nicht mehr einem besser aussehenden Bild von mir entsprechen.

»Wir sind ein Wunder, doch behandeln uns wie ein Produkt. Und sind enttäuscht, weil jeder nur auf unsere Packung guckt«,

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Fuck the Falten" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple Books

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen