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Fuck Identity!

Isabell Mezger-Schumann

Fuck Identity!

Eine spirituelle Reise für Rebell*innen, die innere Mauern zum Einsturz bringen und sich frei entfalten wollen.

Inhaltsverzeichnis

Int(r)o the deep

Fuck Identity – weg mit der Mauer!

Scheiß auf Perfektionismus

Der Zusammenbruch

Allein mit der Bestie

Der Zusammenbruch als Aufbruch

Dein Zusammenbruch

Meine Diktatorin

Mein Erdbeben

Wer kennt den Sinn des Lebens?

Liebe das Unbekannte

Die Illusion

Wir Suchenden

Was ist eigentlich wirklich wahr?

Problem freie Zone

Wie unsere Identitäten dem System dienen

Nackt machen

Wie kann sie nur?!

Die Kraft der Worte

Alles so verboten

Der Guru-Effekt

Date mit der Unendlichkeit

Die innere Neuordnung

Türen fliegen auf

Unseren Wert bestimmen wir selbst

Erlaube dir, dich verloren zu fühlen

Träumen ohne Ziel

Mein inneres Kind heilt mich…

Wer entscheidet, was genug ist?

Detox deine Morgenroutine

Feuer flackert

Gefühle lügen nicht

Der Club der Schattenfürchter

Wege zur Erleuchtung

Der Sinn unserer Existenz

Die wahren Aufgaben im Erdenleben

Wut zerreißt

Loslassen braucht Raum und Zeit

Kontrolle ist eine Illusion

Mit offenen Armen

Schließe Frieden mit dem Leben

Alles passiert zu unserem Wohl

Die Entfaltung

Die Entfaltung deines Seins

Es darf wild werden…

Lass uns schamlos glücklich sein

Beschäftigst du dich noch oder lebst du schon?

Meinung vertreten und loslassen

Auf den Wellen treiben

Ab ins Niemandsland

Die Fülle ist unser Treibstoff

Kreiere Hand in Hand mit dem Leben

Die Reise zurück zur Berufung

Fließender Selbstausdruck

Du bist alles

Gegensätze ziehen sich aus

Verstecken bringt nichts

Wenn das Licht rebelliert

Gesunder Weitblick

Die Unendlichkeit ist blau

Am Ende kommt es anders

Danksagung

Channeling-Reading mit Isabell

Mehr vom Fairliebt Verlag

Für alle liebevollen Rebell*innen, die ihre inneren Mauern zum Einsturz bringen und die wahre Grenzenlosigkeit dahinter erfahren möchten.

Int(r)o the deep

Meinen Koffer halte ich fest umklammert. Lachende Pärchen. Ein Mann am Handy gestikuliert wild. Ein Kinderwagen rollt an mir vorbei. Die Bahn bremst ab. Ein sanfter Ruck durchfährt mich, als sie an der Haltestelle zum Stehen kommt. Einige Mitfahrende steigen aus und nehmen die Lautstärke mit, die mir bis eben noch in den Ohren summte.

Seit ich auf dem Rückweg bin, scheint alles lauter, bunter und aufregender zu sein. Als hätte mich eine Leuchtreklame am Time Square in ihren Bann gezogen, bin ich paralysiert von Neonfarben und blinkendem Licht.

Dabei ist das hier eine ganz normale Fahrt in der S-Bahn Richtung Hamburger Flughafen. In den Hamburger Norden, nach Hause. Mit jedem gefahrenen Meter entfernt sich mein Meditationswochenende weiter von mir. Gleichzeitig versuche ich es festzuhalten wie meinen Koffer. Drei Tage schweigen und meditieren liegen hinter mir. Auf dem Land in Schleswig-Holstein, in einer kleinen Gruppe Gleichgesinnter.

Nun schwimme ich wieder im Strom der Millionenstadt, der nie still steht. Vierundzwanzig Stunden am Tag in Bewegung.

Wer bin ich eigentlich, hier unter vielen? In der Vergangenheit habe ich versucht, mich fest zu definieren, um mich von anderen abzugrenzen. Mein Ich nicht in der Menge an Möglichkeiten, die mir dieses Leben dankenswerterweise schenkt, zu verlieren. Wer bin ich noch, wenn ich für drei Tage lang alles ablege, was mich bisher ausgemacht hat? Was bleibt, wenn ich mein Leben bis hierhin, knapp 30 Jahre, für einige Zeit abstreife wie ein zu klein gewordenes Kleid? Ich mich für nur ein langes Wochenende damit begnüge, zu sitzen und zu schweigen?

Antworten habe ich viele gefunden in dieser Auszeit. Habe den nötigen Abstand gewonnen, raus aus den schwimmenden Millionen. Nicht mehr Isabell, sondern eine schleswig-holsteinische Möwe zu sein. Diese Möwe in mir hat sich kreischend erhoben, um von oben auf Vergangenes zurückzublicken. Das große Ganze zu sehen. Ihr Kreischen mischte sich mit dem Brüllen meiner inneren Bestie. Sie beide erreichten mich und rüttelten mich wach. Nun weiß ich, an welche Identitäten ich mich in letzter Zeit geklammert habe, in der Hoffnung, sie würden mir Sicherheit, Anerkennung und Liebe geben.

Diese intensive Zeit mit mir selbst gab mir den letzten Schubs, meine Geschichte und meine Erkenntnisse endlich aufzuschreiben und dem Werk einen Namen zu geben.

Fuck Identity!

Es geht um Identität. Deine, meine, unsere.

Was verstehe ich unter Identität? Identitäten sind Kreationen unserer Gedanken, Gefühle und Handlungen. Sie sind das Ergebnis unserer Erziehung, dem familiären Umfeld und dem gesellschaftlichen und moralischen System, in das wir hineingeboren werden. Einige Identitäten sind total angesagt und andere geraten aus der Mode. Identitäten sind Zeitgeist. Viele wollen Unternehmer*in oder Aktivist*in sein, als Hausfrau hingegen bezeichnen sich heutzutage weit weniger Frauen als noch vor vierzig oder fünfzig Jahren.

So wundervoll vielfältig wir auch sind, haben wir neben stärkenden auch destruktive Identitäten. Jene Identitäten, die unserem wahren Sein entsprechen und solche, die uns klein machen und belasten.

Immer wieder gelangen wir an Punkte in unserem Leben, an denen wir uns selbst hinterfragen. Ich bin belastbar und schaffe alles. Wir erkennen, wie leicht eine solche Identität zerbröseln kann. Wie ein trockener Keks, der zu lange in einer Schublade gelegen hat. Wir dachten, der Keks sei köstlich süß oder zumindest essbar, bis wir feststellen, dass er bei Berührung zu Staub zerfällt. Bin ich doch nicht so belastbar und immer erfolgreich?

So ist es auch in unserem Leben. Durch Erfahrungen, die wir machen, erkennen wir plötzlich, dass wir bisher eine Illusion gelebt haben. Einen Irrglauben über uns selbst für die Wahrheit gehalten haben. Es zerbröselt. Spürst du die Krümel zwischen deinen Fingern?

Lassen wir zu, dass die alte Identität sich auflösen darf, erkennen wir, was wirklich wahr ist. Ich muss nicht immer alles schaffen. Ich darf auch mal Schwäche zeigen.

Das Leben konfrontiert uns immer wieder mit der Frage: Wie wahr ist eigentlich das, was du über dich selbst glaubst?

Wenn wir ehrlich mit uns sind, erkennen wir, dass wir eine Illusion leben. Immer mal wieder. Niemand ist davor sicher und niemand ist schuld. Wir alle blenden uns von Zeit zu Zeit selbst.

Das, was wir waren und hatten, zerfällt. Aus alles wird nichts und nichts ist plötzlich alles, was wir noch haben. Wenn wir den Schmerz dieser Erkenntnis zulassen und fühlen, macht er Platz für das Licht, das in diesem Nichts strahlt.

Der Schmerz über das, was wir verlieren müssen, um die Wahrheit zu finden, ist Phantomschmerz. Dahinter lauert die Freude, uns selbst neu zu entdecken und uns weiter zu entfalten, wie ein Schmetterling, der schillernd aus seinem Kokon schlüpft.

Wir erkennen das Wunder unseres wahren Seins.

Was dich in diesem Buch erwartet

Erkenntnis entsteht durch Erfahrung. Ständig machen wir neue Erfahrungen, die neue Erkenntnisse hervorbringen und alte ablösen, korrigieren oder ergänzen. So sind wir immer im Wandel. Dieses Buch und jedes Wort darin ist eine Momentaufnahme meines Inneren. Fragst du mich morgen dazu, werde ich vielleicht ganz neue Erkenntnisse hinzuzufügen haben. Genau wie du.

Dieses Buch beruht nicht auf der einen zündenden Idee. Es brodelte vielmehr in mir wie ein Vulkan, der durch das Meditationswochenende endlich ausbrach. Meine feste Absicht war geboren, dieses Buch zu schreiben.

In Fuck Identity! teile ich tiefe Einblicke in meine vergangenen Jahre und gebe dir Impulse mit. Jetzt, nachdem ich meine inneren Wunden geheilt habe, kann ich davon erzählen. Mit dem Einblick in meine Geschichte möchte ich dich dazu inspirieren, den Mut zu fassen, deinen so einzigartigen Weg zu dir selbst zu gehen, den dir niemand zeigen oder gar abnehmen kann. Das ist deine Aufgabe und ein Geschenk zugleich – dein Leben.

Dieses Buch ist in vier Phasen gegliedert: Illusion, Zusammenbruch, Neuordnung und Entfaltung. Denn wie die Natur dem Rhythmus der Jahreszeiten und Gezeiten folgt, folgen auch wir natürlichen inneren Zyklen, die immer von Neuem beginnen. In meinem Leben habe ich diese vier Phasen aufgespürt, die sich stets zu wiederholen scheinen. Manchmal durchlebe ich alle vier Phasen innerhalb von einem Tag. Häufig dauert es jedoch Wochen und Monate.

Die Qualitäten der vier Phasen

Wir leben eine Illusion, das heißt, wir haben eine Überzeugung von uns, die sich schließlich durch einen Zusammenbruch als nicht mehr haltbar offenbart. Wir ziehen uns zurück und nehmen uns Zeit, den Schmerz zu fühlen und zu reflektieren. So erkennen wir, was wirklich hinter der Überzeugung steckt und was wir in Zukunft glauben wollen. Die innere Neuordnung beginnt. Diese bildet das sichere Fundament, um uns mit neuer Energie und Kreativität zu entfalten. Wie eben ein Schmetterling, der viel zu lange im engen Kokon gefangen war. Durch die Entfaltung können wir die gewonnenen Erkenntnisse integrieren und kennen unser wahres Selbst ein bisschen besser.

Diesen natürlichen Prozess durchlaufen wir in diesem Buch. Du wirst dich hier und da bestimmt wiedererkennen und wissen, in welcher Phase du dich gerade befindest. Manchmal wirst du aber auch nur den Kopf schütteln, weil du ganz andere Erfahrungen gemacht hast, als ich. Es gibt nicht die eine Wahrheit. Nimm für dich mit, was dir ein innerliches JA! entlockt.

 

Fuck Identity – weg mit der Mauer!

Wie entstehen destruktive Identitäten? Zum Beispiel durch eine Aussage, die uns verletzt hat oder eine Situation, die ungünstig verlaufen ist. Daraus bilden sich positive wie negative Überzeugungen, die wir über uns selbst glauben (Ich bin klug! oder Ich bin nicht liebenswert!). Einige von ihnen haben Menschen durch ihre Äußerungen in uns gepflanzt (Du bist einfach eine Niete in Mathe! oder Dir steht die Welt offen, du kannst alles sein, was du willst!).

Auch unsere Gesellschaft verpasst uns Identitäten. Angefangen bei Kategorien wie dem Geschlecht, der Herkunft, dem Ausbildungsgrad und dem Familienstand, die wir ohne unser Zutun zugeschrieben bekommen – ob wir wollen oder nicht.

Wir glauben das so sehr, dass wir unser Denken, Fühlen und Handeln danach ausrichten und so unsere Identitäten immer wieder bestätigt bekommen. Es ist eben so und es war schon immer so. Dabei sind destruktive Identitäten nie wahr. Wir sind keine fehlerhaften Wesen, sondern schon längst vollkommen. Du bist vollkommen.

Ich bin …

Stein auf Stein baut die Identität eine Mauer in uns. Über die Jahre ist aus der kniehohen Gartenmauer eine zwei Meter hohe Grenzmauer geworden, die keinen Blick mehr nach draußen zulässt.

Diese Mauer ist erbaut auf dem Fundament eines einzigen oder gleich mehreren fiesen Sätzen, zum Beispiel:

Ich bin nicht gut genug.

Ich bin nicht klug genug.

Ich bin nicht schön genug.

Ich leiste nicht genug.

Identitäten schaffen harte Grenzen. Alles, was den beiden Worten Ich bin folgt, ist eine ziemlich starke Aussage, die uns Kraft gibt oder eingrenzt. Rechts, links, vorne und hinten umgibt sie uns. Kaum Platz zum Atmen. Kaum Platz zum Tanzen und Toben. Innerhalb unserer Mauer ist uns ein kleiner grüner Fleck geblieben. Immerhin bietet er Platz genug, einen Pool zu bauen oder einen Teich anzulegen. Für eine Weile können wir es uns hier gemütlich machen. Aber richtig frei bewegen ist für uns nicht mehr möglich. Schon gar keine Weltreisen. Wir bewegen uns innerhalb unseres begrenzten Kosmos.

Welche Identität möchtest du näher betrachten und loslassen? Formuliere hier dein „Ich bin …“, das du durch die Reise mit diesem Buch wie eine Mauer niederreißen wirst:

Ich bin__________________________________________

Durch die hohen Mauern in uns brauchen wir eine Zeit, um herauszufinden, dass auch eine andere Realität existiert – jenseits der künstlich errichteten Grenzen. Dort liegt unsere wahre Natur. Wollen wir einen Blick wagen?

 

Scheiß auf Perfektionismus

Das Fuck in Fuck Identity! meint nicht, dass wir sauer auf allem herumtrampeln, was wir nicht mehr länger glauben wollen. Fuck Identity! ist ein Aufruf zur liebevollen Rebellion, die deine inneren Mauern zum Einsturz bringt.

Es ist wie mit der Berliner Mauer: Zuerst braucht es eine Rebellion, um sie fallen zu lassen. Danach wächst zusammen, was zusammen gehört. Ich bin ein Kind des Mauerfalls, im November 1989 geboren. Es fühlt sich an, als sei uns Kindern der Wende die Energie der Vereinigung in die Wiege gelegt.

In diesem Buch geht es mir nicht darum, dass du deine Identitäten verurteilst. Es geht nicht darum, nur positive Ich bins zu formulieren, denn das macht Druck, perfekt sein zu müssen und kann genauso destruktiv wirken wie negative Überzeugungen. Alles, was nicht in dieses perfekte Bild von dir passt, müsstest du in die hinterste Ecke deines Seins verbannen. Glaub’ mir, darin war ich Meisterin. Aber dazu komme ich später.

Es geht nicht darum, nicht mehr zu denken oder zu fühlen: Ich bin nicht gut genug. Wenn du dir das verbietest, begrenzt du dich wieder künstlich, anstatt durch die Weiten deiner inneren Natur zu wandern. Es geht auch nicht darum, nie wieder mit Freude Ich bin wundervoll! zu sagen. Im Gegenteil, sag’s dir!

Und letztlich geht es auch nicht darum, alle Identitäten abzulegen, denn das ist uns als (noch) nicht erleuchteten Wesen gar nicht möglich. Abgesehen davon könnten wir ohne Identitäten in unserem gesellschaftlichen System nicht bestehen.

Es geht darum, dir alle Gedanken und Gefühle zu erlauben. Nur du selbst kannst dir die Erlaubnis geben, dich nicht mehr dafür zu verurteilen. Und achtsam wahrzunehmen, wo du an einer Überzeugung festhältst, die dich begrenzt. Das zu erkennen und anzunehmen, ist der erste Schritt. Und der wichtigste, denn die Annahme von allem, was du gerade denkst oder fühlst, macht dich innerlich frei.

Frei.

Damit lösen sich bereits die ersten Steine aus deiner Mauer.

Frei.

Dir alle Gedanken und Gefühle zu erlauben, bereitet dich darauf vor, neue Samen zu pflanzen und so zu wachsen, wie es sich für dich gut anfühlt. Lass uns damit beginnen, Mauern einzureißen und die innere Natur in ihrer Weite zu erfahren.

Frei.

Doch für diese Freiheit braucht es häufig erst mal den Schmerz, der uns aus der Hängematte unseres Schrebergartens wirft und wach rüttelt.

Der Zusammenbruch

Mit dem Zusammenbruch beginnt eine schmerzvollen Phase, in die wir geraten, wenn wir uns über eine gewisse Zeit von uns selbst entfernt haben. Wir haben an eine Illusion geglaubt, sind in eine falsche Richtung gelaufen und haben nicht für, sondern gegen unser Wohl gehandelt. Wie wir bisher gedacht, gefühlt und gehandelt haben, ist uns nicht mehr dienlich, häufig sogar schädlich für uns.

Der Zusammenbruch ist vielmehr ein Aufbrechen unseres mentalen Panzers und gibt den Blick in unsere Innenwelt frei. Der Zusammenbruch wird so individuell erlebt, wie wir alle einzigartig sind. Er zeigt sich durch Wutausbrüche, Krankheit, im Rückzug unter die Bettdecke – oder auch ganz anders.

 

Allein mit der Bestie

Eben noch stand ich aufrecht in der Halle, bereit, den nächsten Schritt zu gehen. Links, rechts. Heben, senken. Jetzt zittern meine Beine und mein Fuß klebt am Boden vor Angst, der nächste Schritt könnte heute mein letzter sein.

Ich habe meine Gehmeditation unterbrochen und stehe inmitten von gehend meditierenden oder sitzend in sich versunkenen Menschen, die sich wie ich ins Abenteuer Vipassana gestürzt haben. Ein langes Wochenende verbringe ich in einem alten Bauernhaus, das zum Meditationszentrum umgebaut wurde.

Hier wird Vipassana nach der thailändischen Theravada-Tradition von Ajarn Tong Sirimangalo praktiziert. Eine im Westen verbreitete Form der thailändischen Achtsamkeits-Meditation, die weg von schmerzvollen Gedanken und hin zur Befreiung des Geistes führen soll. Ich fühle mich ziemlich weit weg von der Befreiung meines Geistes. Vielmehr zieht sich meine innere Gefängnistür ächzend auseinander und gibt den Weg frei für meine Bestie. Die wütende Bestie, die sich jetzt vor meinem inneren Auge zur vollen Größe aufbaut.

Befreiung des Geistes, pff, dass ich nicht lache. Befreiung der hässlichen Fratze. Jetzt grinst sie mich an und zischt:

Du bist ganz alleine auf der Welt. All die lieben Menschen in deinem Leben – sie werden sterben. All die geliebten Projekte, die du verfolgst – sie sind nicht von Dauer. All die Energie, die du für sie aufbringst, ist umsonst. All die schönen Momente, die noch auf dich warten – auch sie werden vergehen. Du bist alleine.

ALLES ist vergänglich. Die Erkenntnis prasselt auf mich ein wie Hagel, vor dem ich mich schützend zusammenrollen will. Der Bestie gefällt meine wimmernde Haltung, sie zieht ihre Kreise enger um mich. Und ich klammere mich innerlich an die Seele meines Mannes, sehe meine Mutter, meinen Vater, meine ganze Familie vor mir und flehe sie an, dass wir für immer zusammen bleiben müssen, über dieses Leben hinaus.

Vor zwei Monaten habe ich meinen Freund geheiratet. Nach einigen stressigen Wochen und viel zu viel Arbeit an meiner bevorstehenden Selbstständigkeit haben wir unsere Flitterwoche auf einem mecklenburgischen Gutshof im Freudentaumel verbracht. Während dieser Zeit glaubte ich, ich würde meine Zukunftspläne endlich gelassener nehmen und hätte aus meinem Zusammenbruch vor zwei Jahren gelernt.

Jetzt stehe ich hier. Im Januar 2020. Habe vorgestern meine Bürotür als Angestellte das letzte Mal hinter mir zugezogen und meinen Abschied mit Sekt gefeiert. Voller Euphorie und Übermut habe ich einen neuen Lebensabschnitt begonnen. Einen Abschnitt, der sich freier anfühlte als die kühnste Vorstellung von Freiheit, die ich mir schon so lange ausgemalt hatte. Eigentlich schon, seit ich als Schülerin in der 10. Klasse festgestellt habe, dass ich nie in einem Büro sitzen und für andere arbeiten will, sondern meine kreative Ader und meine Visionen für eigene Projekte einsetzen will.

Meine Knie werden weich. Mit meinem Schritt in die Selbstständigkeit dachte ich, alles erreicht zu haben, was ich mir mein halbes Leben lang gewünscht hatte. Vipassana sollte eine Einstimmung auf mein selbstbestimmtes Leben sein: Intensiv meditieren, viel schweigen, wenig Ablenkung und dafür innere Ruhe genießen. Eben eine inspirierende kleine Auszeit, bevor es dann voll und ganz an meine großen Pläne geht.

Eine schöne Vorstellung. Doch ich habe mich selten weiter entfernt gefühlt von einer inspirierenden Auszeit als jetzt.

Die innere Bestie hat sich zu meinen Füßen ausgestreckt und wartet gemächlich, dass ich vollends kapituliere. Meine Beine zittern. Ich kann nicht mehr lange aufrecht stehen. Tränen klopfen von innen gegen meine Augen. Nein, ich weine jetzt nicht. Obwohl das wohl niemand mitbekommen würde, denn jede*r ist in sich selbst vertieft und – wer weiß – hat vielleicht einen eigenen inneren Kampf auszutragen. Trotzdem laufen sie weiter rechts und links an mir vorbei.

Wie schaffen andere das eine Woche, zwei oder sogar noch länger? Ich fühle mich kindisch, dass ich schon am ersten Abend meines dreitägigen Schnupper-Vipassanas meiner zähnefletschenden Bestie begegne, die jetzt daliegt wie ein gefährliches Haustier. In Wirklichkeit bin ich ihr Haustier und willenlos unterlegen.

Ich fühle mich alleine. Alles, was ich bisher dachte, es würde mich ausmachen – meine Träume, meine Talente, meine Selbstständigkeit, meine Freunde und Familie – fühlen sich unglaublich weit weg an und ich schwebe in meinem ganz eigenen Kosmos. Ich fühle mich nackt, nichts ist mehr da, was mir wichtig ist. Nichts hat mich bisher mehr in Sicherheit gewogen als dieses Gefühl, Wertvolles im Leben zu haben und Wertvolles zu tun.

Gerade will ich loslassen und weinen oder beschließen, dass es doch nicht so schlimm ist und mich zusammenreißen – links, rechts, links, rechts – da öffnet sich die Tür zur Meditationshalle. „Isabell, kommst du bitte?” Mein Lehrer steht in der Tür und holt mich mit zwei anderen Vipassana-Teilnehmern zum Lehrer-Schüler*innen-Gespräch ab. Die Bestie marschiert mir voraus durch die Tür.

Super Timing.

 

Plötzlich verwandelt sich alles.

Wir verlieren den Boden unter den Füßen.

Nur um zu erkennen, dass der Boden eine Illusion war.

Der freie Fall…

… lässt uns auf die Wahrheit stoßen,

die uns wie eine weiche Wolke wieder

.

.

.

empor

trägt.

 

Der Zusammenbruch als Aufbruch

Der Zusammenbruch schleicht sich heimlich durch die Hintertür und wird zu unserem Schatten, der immer mächtiger heranwächst, bis wir ihn nicht mehr ignorieren können. Oder er überrascht uns an Ort und Stelle – und wir geraten plötzlich und unerwartet in diese schmerzvolle Phase. In meinen Zusammenbrüchen habe ich meist eine selbstzerstörerische Kraft wahrgenommen, die tief in mir auf die Fülle meiner Seele trifft, die nur das Beste für mich will. Zusammen schaukeln sie sich hoch. Wie eine riesige Welle, die über uns hereinbricht. Das Leben wirft sich als diese Welle vor unsere Füße, damit wir so nicht weitermachen können.

Wenn uns die Welle erwischt und wir darunter zusammensinken, ergießt sich das Wasser in ein tiefes, dunkles Meer in uns. Wir stellen (fast) alles infrage, verstehen uns selbst nicht mehr und plötzlich fällt uns schwer, was uns sonst so leicht von der Hand ging. Wir können Fassaden nicht mehr aufrecht erhalten und aus den feinen Rissen in unseren Masken werden klaffende Schlitze.

Als wir uns noch mit Affirmationen über Wasser gehalten haben,

du schaffst das schon,

stell dich nicht so an,

so ist es halt, wenn man erfolgreich werden will,

du brauchst das nur noch einmal machen

da fiel der Job, die Kinder oder das berufliche Streben noch leichter. Irgendwie. Diese scheinbare Leichtigkeit wird davon geschwemmt und was bleibt, ist das rohe, verletzte und doch vollkommen perfekte Wesen. Unser Licht. Unsere Seele. Nenne es, wie du möchtest.

Diese Konfrontation mit dem Kern in uns macht Angst, doch kommen wir ihm nie so nah wie in den Phasen der Dunkelheit. Diese Phasen sind Türöffner.

Zusammenbruch meint für mich Aufbruch. Wir brechen innerlich auf und sind bereit, Tacheles mit uns zu sprechen, um ehrliche Antworten zu bekommen – denn da ist der plötzlich unverstellte Blick auf alles in uns. Das Meer hat die Tarnkappe weggeschwemmt, Licht scheint durch die Risse unserer Maske. Und wir haben die Chance zu erkennen:

Warum bin ich an diesen Punkt gekommen?

Wieso geht es mir so schlecht?

Was will der Schmerz mir sagen?

Und warum habe ich nicht früher schon hingeschaut?

Wozu diente mir die lange Zeit des Wegschauens?

In diesem puren Sein unseres Inneren zeigen sich Anteile, Stimmen in uns, die zu diesem Zusammenbruch geführt haben. Die Stimmen haben vielleicht immerzu gesagt:

Du musst leisten, um liebenswert zu sein.

Du musst gefallen, um akzeptiert zu werden.

Du hast Erfolg nur verdient, wenn du hart dafür arbeitest.

Deine Bedürfnisse sind nicht so wichtig, wenn es allen anderen gut geht.

Durch diese Stimmen sprechen die Erfahrungen und vor allem Verletzungen unserer Vergangenheit zu uns. Sie werden nun als kleine Anteile in uns sichtbar, die mit guter Motivation gehandelt haben – doch nicht zu unserem höchsten Wohl. Oder doch? Denn ohne die Dunkelheit, die sie über uns bringen, würden wir nicht erkennen, was uns wirklich guttut und wer wir wirklich sind.

Irgendwann einmal haben uns die Stimmen gedient. Sie haben unser Überleben gesichert. Und vielleicht auch schon das unserer Ahnen. Wir übernehmen diese Stimmen von weiblichen Vorfahren – unseren Müttern, Großmüttern und noch viel weiter zurück.

Wir übernehmen sie von unseren männlichen Vorfahren – unseren Vätern, Großvätern und noch viel weiter zurück. Sie haben Kriege erlebt, Entbehrungen, Leid, Unterdrückung und Missbrauch. Was mussten sie für Überzeugungen annehmen, um sich zu schützen?

Zum Beispiel:

Ich muss mich beschränken, um zu überleben.

Ich muss mich für meine Familie aufopfern.

Ich muss zufrieden sein mit dem, was ich habe.

Von den Glaubenssätzen unserer Vorfahren machen wir uns heute wohl kaum eine Vorstellung, denn unsere Generation hat diese Dichte an Kriegen, Leid und Umstürzen nie erlebt.

Lange überdauern diese weiter vererbten Stimmen, bis sie zu uns gelangen. Durch energetische und genetische Weitergabe oder durch die Prägung und Erziehung in frühen Kindheitsjahren.

Nehmen wir die Überzeugung Ich muss mich beschränken, um zu überleben. Diese innere Stimme lässt uns knausern und immer den Mangel sehen. Wir arbeiten hart und sparen, ohne wirkliche finanzielle Fülle zu erleben. Dabei wünschen wir uns diese Fülle so sehr und haben viele Träume. Dann fangen wir an, unsere Träume aufzuschreiben, Affirmationen zu verinnerlichen – Ich bin Fülle! – und stellen irgendwann uns selbst infrage: Warum bleibt das gewünschte Ergebnis aus?

Unter den Kräften, die in uns kämpfen, brechen wir irgendwann zusammen, um in der tiefen Stille des Schmerzes endlich diese Stimme zu hören. Eine Stimme, die unseren Ahnen half – aber heute völlig überholt ist und uns nicht mehr dient. Wir erkennen, dass diese Stimme nicht uns gehört. Und dass wir viel mehr sind als das. Wir sind die Fülle, die wir suchen.

 

Dein Zusammenbruch

Welchen Zusammenbruch hast du zuletzt erlebt?

Welche destruktive Überzeugung hast du aufdecken können?

Wie hast du dich gefühlt?

Wie bist du daraus hervorgegangen?

Was hat sich seitdem verändert?

 

Meine Diktatorin

Ich bin erfolgreiche Autorin und erfolgreiche Unternehmerin. Aber bitte wirklich erfolgreich. Doch nur zu meinen Bedingungen.

Was für ein Quatsch.

Mit dem Einstieg in die nebenberufliche Selbstständigkeit hatte ich es mir zum Ziel gemacht, mit Disziplin an einer Sache, für die eine Sache, zu arbeiten.

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