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Fuchs, du hast die Gans gestohlen

Über die Autorin

Ann Granger war früher im diplomatischen Dienst tätig. Sie hat zwei Söhne und lebt heute mit ihrem Mann in der Nähe von Oxford. Bestsellerruhm erlangte sie mit der Mitchell-und-Markby-Reihe und den Fran-Varady-Krimis. Nach Ausflügen ins viktorianische England mit den Lizzie-Martin-Romanen, knüpft sie mit der Serie um Inspector Jessica Campbell wieder unmittelbar an die Mitchell-und-Markby-Reihe an.

ANN GRANGER

FUCHS, DU HAST DIE GANS GESTOHLEN

Ein Mitchell & Markby Roman

Ins Deutsche übertragen von Edith Walter

BASTEI ENTERTAINMENT

 KAPITEL 1 

Die hochgewachsene junge Frau zuckte zurück und steckte den Daumen in den Mund, um das tropfende Blut zu stillen. Als sie ihn wieder aus dem Mund nahm, war der Einstich im geröteten Fleisch deutlich zu sehen und hatte zu pochen begonnen. Finster betrachtete sie die Ursache ihrer Verletzung. An der Cottagetür war mit Klebeband ein großer, schreiend bunter Stechpalmenkranz aus Plastik befestigt. Die Blätter waren limonengrün, mit weißer Farbe und Silberglanz betupft. Glänzende rotbraune Plastikbeeren, die zwischen den Blättern hervorschauten, steckten an kleinen Drähten, von denen sich einer in ihren Daumen gebohrt hatte. Und obenauf thronte ein Vogel, der einer unbekannten Spezies angehörte, wohl ein Rotkehlchen darstellen sollte und den Charme einer Krähe hatte. Auf dem Spruchband in der Mitte des Kranzes stand: Fröhliche Weihnachten.

Sie versuchte zum zweitenmal, aber vorsichtiger, den Schmuck zu entfernen. Sie hatte nichts gegen Weihnachtsdekorationen, aber dieses Ding war mehr als inakzeptabel. Sie konnte sich nicht vorstellen, wer es aufgehängt hatte. Das Cottage hatte ein paar Wochen leer gestanden und gewissermaßen auf ihre Ankunft gewartet. Sie lehnte den Kranz an ihren Koffer, der neben ihr auf dem Weg stand, suchte den Schlüssel aus der Tasche heraus, drehte ihn im Schloß herum und stieß die Tür auf. Mit einem leisen Rascheln, das von dem Papier herrührte, das im Flur auf dem Boden lag, schwang die Tür nach innen auf. Mit Koffer und Stechpalmenkranz zwängte die junge Frau sich durch den Spalt und stand in einem fremden Heim, das – zumindest für das nächste Jahr – das ihre sein würde.

Die Morgenpost lag noch auf dem Teppich. Sie hob sie auf, blätterte sie durch. Drei Postwurfsendungen, ein Anzeigenblättchen, ein Brief für die Russells, die Besitzer von Rose Cottage, den sie nachsenden mußte, und ein weißer Briefumschlag, adressiert an Miss Meredith Mitchell, Rose Cottage, Pook’s Common bei Bamford; gestempelt war er in Oxford.

»Der ist ja für mich«, sagte sie, und ihre Stimme hallte laut durch den leeren Flur. Sie drehte den Umschlag hin und her und fragte sich, wer davon wußte, daß sie hier erwartet wurde. Sie war bis vor kurzem als britische Konsulin in Ungarn akkreditiert gewesen und hatte bekommen, was alle Angehörigen des Auswärtigen Dienstes eines Tages erwartet: eine Berufung nach Hause. Es hatte sie nicht überrascht. Sie war viele Jahre im Ausland gewesen. Doch es bedeutete ein ganz neues Leben. Jetzt würde sie sich jeden Morgen mit anderen Pendlern in überfüllten Zügen nach London drängen und den Tag am Schreibtisch verbringen müssen, bevor sie sich abends wieder heimwärts kämpfte. Auch hatte sie sich eine angemessene und bezahlbare Unterkunft suchen müssen.

Aber sie hatte Glück gehabt. Die Russells – mit der weiblichen Hälfte des Paares war sie verwandt – waren zur Zeit in Dubai, wo Peter als Arzt arbeitete. Sie freuten sich, Meredith ihr Heim für eine eher symbolische Miete zu überlassen, auch wenn das für sie bedeutete, daß sie jeden Morgen Punkt sechs aufstehen mußte, um den Bahnhof in Bamford zu erreichen, der an der Hauptstrecke nach London lag, war die Strecke von hier aus zu bewältigen. Wenn sie sparsam lebte – so hatte sie sich grimmig ausgerechnet –, würde sie sich eine Monatskarte der British Rail leisten können.

War auch die Tatsache, daß das Rose Cottage gemütlich und billig war, der Hauptgrund dafür gewesen, das Angebot der Russells anzunehmen, mußte Meredith dennoch zugeben, daß der Name »Pook’s Common« darüber hinaus eine Verlockung für sie darstellte. »Pook« kam landauf und landab auch in anderen Namen vor und hatte, wie sie vermutete, die gleiche Bedeutung wie Puck – Kobold – oder koboldhaft wie die Figur bei Shakespeare. Sie hatte in einem Wörterbuch nachgesehen und festgestellt, daß es auch das Wort Pooka gab. Es stand für einen Spuk, der im allgemeinen in Gestalt eines Pferdes erschien oder dargestellt wurde. Die Gelegenheit, eine Weile an einem Ort zu wohnen, der vom Geist eines Zauberpferdes heimgesucht wurde, konnte man nicht so einfach ausschlagen.

Sogar heute noch hatte Pook’s Common etwas Unberechenbares und Unwirkliches. Es war einer jener merkwürdigen Orte ohne offensichtliche Raison d’être, kaum wert, einen eigenen Namen zu tragen, da er nur aus ein paar Häusern bestand. Offensichtlich mittelalterlichen Ursprungs, hatte er bis ins zwanzigste Jahrhundert überlebt, ohne verlassen oder unterpflügt oder von größeren Gemeinden geschluckt worden zu sein. Er lag an der Landstraße zwischen dem Dorf Westerfield und der Marktstadt Bamford. Bei einem früheren Besuch in dieser Gegend – in Westerfield, um genau zu sein – war sie sogar ein paarmal durchgefahren und hatte den Weiler kaum bemerkt. Wenn man die Straße entlangfuhr, existierte Pook’s Common nur als Wegweiser – eine Reihe von sechs Gemeindehäusern aus der Vorkriegszeit und eine Autowerkstatt. Die Werkstattgebäude waren überraschend modern, und eine hell gestrichene Tafel verkündete: J. Fenniwick. Reparaturen. Schätzungen. Auspuffanlagen. Reifen. Taxis. Letzteres wahrscheinlich für den Fall, daß alle Reparaturversuche gescheitert oder die Kostenvoranschläge zu teuer waren.

Doch das war das falsche Pook’s Common, ein Ableger. Das »echte« Pook’s Common lag hinter einer Abzweigung, an einem schmalen Sträßchen, nur eine Fahrspur breit und in schlechtem Zustand (vermutlich mit der Einwilligung der Einwohner, um unerwünschte Besucher abzuschrecken) und an beiden Seiten von Hecken gesäumt. Das Dörfchen selbst bestand aus einer Ansammlung unregelmäßig verstreuter Cottages aus solidem Stein. Sie waren alle gut erhalten und gepflegt und lagen in hübschen, ordentlichen Gärten. Um diese Jahreszeit war in den Gärten wenig zu sehen, aber im Frühling hingen purpur- und malvenfarbene Aubretien über die Backsteinmauern, die an die Straße grenzten, orangefarbene Ringelblumen sprossen überall, Rittersporn prunkte mit seinem Königsblau, Wisterien und Klematis blühten verschwenderisch, und Rosensträucher setzten Knospen an.

Bezeichnend war, daß die Bewohner hier, anders als in echten Cottagegärten, keine Gemüsebeete anlegten. Keine letzten, in Vergessenheit geratene Kohlstrünke faulten im Boden. Im Frühling drängten keine Rhabarberköpfe durch umgestülpte, durchlöcherte Eimer, und im Sommer standen keine Bohnenstangen wie indianische Tipis in einem fremden Land herum. Besonders zwei Cottages fielen mehr als nur ein wenig aus dem Rahmen. Bei dem einen »schmückte« ein augenfällig unechter Wunschbrunnen den Vorgarten, bei dem anderen stand neben der Veranda eine alte, handbetriebene Wäschemangel, die leuchtend blau gestrichen war und reichlich fehl am Platz wirkte. Pook’s Common hatte überlebt – um einen gewissen Preis. Der Preis war der, daß sich eine Reihe von »Zweitwohnsitzen« eingenistet hatte; sie gehörten Leuten, die die ganze Woche in der Stadt arbeiteten und an Wochenenden oder im Urlaub hierherkamen. Russells hingegen hatten – man mußte fair sein – das ganze Jahr über hier gelebt, bevor sie nach Dubai gegangen waren. Das kam daher, daß Peter Russell, ein Arzt, im Ärztezentrum von Bamford gearbeitet hatte und täglich vom Rose Cottage gependelt war. Meredith würde sogar bis London fahren müssen. Es würde, wie sie bedauernd feststellte, anstrengend werden. Die Arbeit zwang die meisten Leute, näher an der Stadt und nicht so abgelegen zu wohnen.

Wahrscheinlich war Pook’s Common einen großen Teil des Tages verlassen wie ein Geisterdörfchen. Vielleicht kehrten die Kobolde zurück, wenn die Menschen in ihren Volvos und B MWs abfuhren, tanzten auf ihren winzigen Hufen um den falschen Wunschbrunnen herum und bemühten sich vergeblich, die H-Milch in den gewachsten Tüten gerinnen zu lassen.

Meredith ging den schmalen Flur entlang und öffnete am anderen Ende eine Tür. Sie führte in eine Küche, makellos sauber und vom Licht der blassen Wintersonne überflutet. Die Kälte des noch originalbelassenen Steinfliesenbodens drang durch ihre Schuhsohlen. Auf dem gescheuerten Fichtenholztisch lehnte an einer Topfpflanze ein Zettel. Ich habe den Kühlschrank aufgefüllt, damit Sie vorerst mal über die Runden kommen. M. Brissett. Die Pflanze war eine Kalanchoe, und als Meredith die Erde mit dem Finger prüfte, stellte sie fest, daß sie staubtrocken und die fleischigen Blätter gummiartig waren. Sie trug sie zum Ausguß, drehte mühsam den Hahn auf, füllte den Untersetzer mit Wasser und stellte die Pflanze dann auf den Fenstersims ins Licht. Als das erledigt war, fühlte sie eine innere Wärme, als habe sie jemandem etwas Gutes getan.

Als nächstes wandte sie ihre Aufmerksamkeit dem Kühlschrank zu. Er enthielt eine Vakuumpackung mit durchwachsenem Speck, ein halbes Dutzend Eier, Butter und ein Glas hausgemachter Marmelade. Sie öffnete das Gefrierfach und entdeckte einen in Scheiben geschnittenen Laib Brot, den sie herausnahm und zum Auftauen auf den Tisch legte. Weiteres Nachforschen im Speiseschrank förderte einen bunten Vorrat von Büchsen und Flaschen zutage, vermutlich von den Russells zurückgelassen, und außerdem, wofür sie sehr dankbar war, ein Glas Instantkaffee und eine Büchse Kondensmilch. Meredith füllte den Kessel unter dem widerspenstigen Wasserhahn und machte sich, während das Wasser heiß wurde, auf die Suche nach dem gasbeheizten Boiler, der die Zentralheizung kontrollierte. Sie fand ihn in einer Nische unter der Wendeltreppe, zusammen mit einer handschriftlichen Gebrauchsanweisung. Durch das Belüftungsrohr in der Außenmauer strömte kalte Luft. Kein Wunder, daß das Cottage einem Eiskasten glich. Nachdem sie mit dem Kopf schmerzhaft gegen die Unterseite der Treppenstufen geprallt war und sich das Schienbein am Endpfosten der Geländerstange gestoßen hatte, neben dem der Boiler auf der anderen Seite eingekeilt war, gelang es ihr endlich, das Gas anzuzünden. Inzwischen pfiff in der Küche der Wasserkessel zum Steinerweichen, sie lief schleunigst zurück, nahm von einem hölzernen Geschirrbrett einen Becher und goß den Kaffee auf. Jetzt endlich konnte sie sich, noch immer fest in ihren Anorak gewickelt, hinsetzen und den an sie adressierten Brief öffnen.

Der Umschlag enthielt eine hübsche Karte mit dem Foto einer Fuchsie auf dem Deckblatt. Auf der Innenseite stand: Herzlich willkommen. Alan. Sie hätte eigentlich darauf kommen können. Sherlock Holmes hätte nach fünf Sekunden und nach einem einzigen Blick auf den Umschlag auf den möglichen Inhalt geschlossen und dazu noch eine komplette Beschreibung von Alan Markby parat gehabt. Die ganze Post dieser Gegend wurde auf dem Postamt in Oxford sortiert, und die Russells mußten ihm gesagt haben, daß sie ihr das Cottage vermietet hatten. Ein Bild von Alan erschien vor Merediths geistigem Auge. Sie stellte sich vor, wie er die Karte kaufte, die lange, hagere Gestalt in einem Laden verdächtig über den Ansichtskartenständer gebeugt, auf der Suche nach einer Karte, die ihm gefiel. Es war unweigerlich eine mit Blumen oder Pflanzen, aber keine dieser abstrakten Schöpfungen, auf denen mehrere Blüten in unnatürlichen Pastelltönen dargestellt waren. Nein, in dieser Karte spiegelte sich der Mann wider, der sie gekauft hatte. Es war eine spezielle, hochprofessionelle Fotografie, und auf der Innenseite stand in winzigen Druckbuchstaben der Name dieser besonderen Fuchsienart. Sie hieß Dollarprinzessin. Meredith erlaubte sich einen Moment wilder Spekulation, ob er vielleicht so etwas wie ein Kompliment beabsichtigt hatte, und lächelte dann über ihre Torheit. Dollarprinzessin. Sie konnte sich keine unzutreffendere Beschreibung für sich selbst vorstellen. Zu spät wurde ihr klar, daß sie die Karte liebevoll angelächelt hatte, sie runzelte streng die Stirn und ließ die Karte auf den Tisch fallen.

Die klammen Finger an dem Kaffeebecher wärmend, sagte sie sich, daß es, da sie in diesen Teil der Welt zurückgekehrt war, wohl unvermeidlich sein würde, Alan eines Tages zu begegnen. Die Aussicht weckte gemischte Gefühle in ihr. Ihre frühere Beziehung war halboffiziell gewesen. Er war Chefinspektor bei der Kriminalpolizei in Bamford, und sie hatten sich durch einen Mordfall kennengelernt. Ein gewaltsamer Tod, in den man selbst verwickelt gewesen war, ließ sich nicht so leicht vergessen, und wenn sie nur daran dachte, fühlte sie ein Prickeln unter den Nackenhaaren. Sie fühlte auch einen dumpfen Schmerz im Herzen, als sie sich an den persönlichen Verlust erinnerte, den sie erlitten hatte. Aber all das hatte damals das Fundament für ihre Beziehung zu Alan geschaffen, war der Grund für ihre Treffen gewesen, der Grund für persönliche Fragen, für einen offenen Gedankenaustausch und die Nähe, die zwischen ihnen entstanden war. Ohne den Vorwand einer Morduntersuchung würde man jeden Kontakt nur auf die unbestreitbare gegenseitige Anziehung zurückführen können. Ein Umstand, dem Meredith sich nicht ganz gewachsen fühlte. Wenn sie Alan begegnen mußte, wäre es schön, einen Vorwand zu haben. Zu ihrer Bestürzung stellte sie fest, daß sie fast schon stillschweigend auf ein anderes Verbrechen hoffte. Sie schüttelte sich – sie hatte wirklich schon genug Schwierigkeiten gehabt. Ein Mord im Leben genügte. So etwas wollte sie nicht noch einmal erleben.

Sie verdrängte die Gedanken an Mord, erlaubte sich, noch etwas an Alan zu denken, und kostete den Kaffee. Er war noch zu heiß, und sie verbrannte sich die Zungenspitze. Sie gab dem nicht zu leugnenden Hüpfen ihres Herzens die Schuld daran. Die Gedanken an Alan können nicht die Ursache gewesen sein, sagte sie sich streng. Aber sie hatte ihn gemocht, viel mehr gemocht, als sie ihm gezeigt hatte. Auch bei ihm hatte sie Anzeichen eines viel zu lebhaften Interesses bemerkt. Doch unter den Umständen, die der Kette furchtbarer Ereignisse in Westerfield im Zusammenhang mit dem Todesfall gefolgt waren, war an Romantik nicht zu denken gewesen. Sie hatte ihm eine Absage erteilt – taktvoll, wie sie hoffte. Damals hatte sie sich eingeredet, sie habe es getan, weil sie seine Gefühle nicht verletzen wollte. Wenn sie ehrlich war, hatte sie es aber auch getan, weil sie ihn nicht wirklich für immer vertreiben wollte.

Diese Ungereimtheiten in ihrem eigenen Verhalten ärgerten sie. Angeblich verstand sie es, gut mit Problemen umzugehen; obwohl anderer Leute Probleme sich scheinbar immer leichter lösen ließen als die eigenen. Sie hatte ihren letzten Posten als Konsulin nach mehreren Jahren harter und effizienter Arbeit mit den Glückwünschen aller verlassen – Glückwünschen, die ihr sehr angenehm in den Ohren geklungen hatten. Sogar das Foreign Office war des Lobes voll gewesen. Dennoch hatte man ihr nicht den Posten gegeben, den sie sich gewünscht hätte. Man hatte sie an einen Schreibtisch in London verbannt, für sie ein Schicksal, schlimmer als der Tod. Was für eine dumme Redensart, sagte sie sich sofort. Eben noch hatte sie an eine Episode gewalttätigen, häßlichen Todes gedacht, und es war nicht leicht, sich etwas Schlimmeres vorzustellen.

Doch das Foreign Office hätte ihr seine Dankbarkeit beweisen können, indem es ihr eine Aufgabe übertragen hätte, bei der ihr die öde tägliche Fahrerei nach London erspart geblieben wäre. Es war, hatte man ihr versichert, nicht etwa deshalb, weil man mit ihr nicht zufrieden gewesen wäre. Man hatte sogar von ihrem letzten Notfall gehört, einem Fall, in dem es um einen durchreisenden britischen Touristen, ein einheimisches Mädchen und den eifersüchtigen Freund des Mädchens gegangen war.

Die Sache hatte sich zwei Wochen vor Beendigung ihrer turnusmäßigen Dienstzeit zugetragen und dazu geführt, daß sie mit Glanz und Gloria gehen konnte. Normalerweise mischte sie sich nicht in die Angelegenheiten von Rucksacktouristen. Unglücklicherweise handelte es sich jedoch um einen Jungen von kaum siebzehn Jahren, einen noch nicht volljährigen Jugendlichen, und sie hatte sich verpflichtet gefühlt, ihm zu helfen. Zuerst hatte sie die Polizei überredet, von ihrem Entschluß abzusehen, ihn in eine Zelle zu sperren. Sie versprach, dem Freund des Mädchens, der zusammengeschlagen worden war, ein Schmerzensgeld zu zahlen, und die Bar, in der die Prügelei stattgefunden hatte, für die zerbrochenen Möbel zu entschädigen. Das hatte bedeutet, daß sie sich besagtes Geld aus England von der leidgeprüften Mutter ihres Schützlings schicken lassen mußte. Toby Smythe, der Vizekonsul, war ganz dafür, ihn einsperren zu lassen, und wies düster darauf hin, daß sie die Verantwortung für einen total unzuverlässigen Nichtsnutz übernahm. Meredith blieb dabei. Sie holte ihren Jungen aus dem Krankenhaus ab, wo man sein gebrochenes Nasenbein gerichtet hatte, und überredete sogar den murrenden Toby, ihn auf dem Fußboden seiner Wohnung übernachten zu lassen. Am nächsten Morgen hatte sie den Jugendlichen persönlich zum Flugplatz gebracht. Er war neben ihr hergelatscht und hatte sich für die Mühen, die sie sich mit ihm gegeben hatte, nicht besonders dankbar gezeigt. Wegen seiner gebrochenen Nase sprach er noch unverständlicher als von Natur aus, äußerte aber trotzdem undeutlich einen Wunsch nach Rache, die man ihm seiner Meinung nach vorenthielt; gleichzeitig schrie er anderen Reisenden Schimpfworte nach.

Meredith, die sich an die Maxime der Konsuln hielt, die da lautete »ob recht oder unrecht, mein Landsmann«, steuerte ihn energisch in ein Café, um ihm ein Frühstück zu kaufen, das ihm den Mund stopfen und zumindest die Flut von Lästerungen stoppen würde. Dort aber hatten die Verwandten des beleidigten Freundes ihnen aufgelauert, der ihnen, wie sich später herausstellte, vom Krankenhaus gefolgt war, und hatten sie in eine Ecke gedrängt. Merediths erste Reaktion war Bestürzung gewesen, besonders als der Rowdy an ihrer Seite, überglücklich, daß er sich wieder in einer ihm vertrauten Situation befand, sofort nach einem leeren Bierglas gegriffen hatte. Es war ein überaus haariger Moment gewesen. Vor sich hatte Meredith zwei muskulöse, über einsachtzig große Bergarbeiter und hinter sich ihren britischen Staatsbürger, der glücklich sein Glas schwang.

Ein Augenblick, in dem ein paar flinke Schritte und Geistesgegenwart geboten waren. Meredith tauchte in die Mitte der Gruppe ein, dankte ihrem Glücksstern, daß sie selbst stattliche Einssiebenundsiebzig maß. Sie drückte den Bergarbeitern englische Zigaretten, die sie immer für Notfälle bereithielt, in die wuchtigen Pranken, nahm ihrem Jungen das Bierglas weg, hielt eine markige Ansprache und manövrierte ihn, obwohl er gegen seine Rettung protestierte, durch die Sperre in die Abflug-Lounge. Da er sich dort sicher fühlte, zeigte er den Bergarbeitern, die hinter der Glaswand standen, ein paar unmißverständliche Gesten. Er umarmte Meredith, erklärte ihr, sie sei »in Ordnung«, und stapfte davon; automatisch bildete sich ein cordon sanitaire – Sicherheitsabstand – zwischen ihm und seinen Mitpassagieren. Meredith tröstete sich mit dem Gedanken, daß man ihn nicht wieder hereinlassen würde, besonders da die beiden Bergarbeiter noch in der Abflughalle waren und mißtrauisch durch die Glastrennwand spähten. Zu ihnen hatten sich, von der Frau in der Cafeteria herbeigerufen, zwei kräftige Polizisten gesellt. Meredith nahm Zuflucht zu einem bewährten Beschwichtigungsmittel. Sie lud sie alle zu einem Drink ein. Dann wurde sie von ihnen zu einem Drink eingeladen. Sie luden sich gegenseitig zu mehreren Drinks ein. Als sie ging, ein wenig unsicher auf den Beinen, trennten sie sich im besten Einvernehmen.

Ermutigt von der Erinnerung an diesen Erfolg, nahm sie wieder Alans Karte zur Hand, die ihr jetzt nur noch eine freundschaftliche Geste schien, ähnlich der Umarmung des jungen Streuners. Ja, nett von Alan und sehr aufmerksam, aber wirklich nicht mehr. Einen Moment lang spielte Meredith mit dem Gedanken, daß er es gewesen sein könnte, der den abscheulichen Stechginsterkranz aus Plastik an ihrer Tür befestigt hatte. Aber sie wußte, daß er sich niemals eine so krasse Geschmacksverirrung zuschulden kommen lassen würde. Sie warf einen Blick auf ihren verletzten Daumen. Es klopfte nicht mehr darin, aber er war noch wund, rot und gereizt. Hoffentlich bekam sie von diesem Draht keine Grünspanvergiftung, überraschen würde es sie nicht. Kein sehr erfreulicher Beginn der Weihnachtsfeiertage. Vielleicht war diese Kreatur auf dem Kranz ein Vogel, der Unglück brachte, ein böses Omen.

Wie von diesem Gedanken heraufbeschworen, war da plötzlich ein neues Geräusch, und Meredith lauschte wie erstarrt. So still war es hier, daß jeder Laut ihr wie ein Donnerschlag in den Ohren klang. Doch das war ein deutliches, unheimliches Knirschen langsamer, schwerer Schritte, die sich zielbewußt der Hintertür näherten. Meredith richtete sich kerzengerade auf, und ein Frösteln lief ihr das Rückgrat hinunter. Sie war so sicher gewesen, daß Pook’s Common ein verlassenes Nest war. Und wenn das zutraf, war sie – gleichgültig, wer sich jetzt ihrer Tür näherte – in ihrer Lage um so gefährdeter. Sie sprang auf, nahm sich ein Beispiel an ihrem jungen Streuner und griff sich aus mehreren Küchengeräten, die an der Wand hingen, einen Metallschlegel.

Ein tief aus der Brust kommendes Keuchen wurde laut, dem ein Scharren folgte. Dann wurde ein Schlüssel ins Schloß gesteckt. Eine Welle der Erleichterung schlug über Meredith zusammen, und sie legte den Fleischklopfer weg. Zwar wußte sie noch immer nicht, wer der Besucher war, doch er hatte einen Schlüssel und daher wohl einen plausiblen Grund hereinzukommen.

Die Tür öffnete sich ächzend und gab den Blick auf eine untersetzte weibliche Gestalt frei. Meredith unterdrückte einen Impuls zu kichern, der hauptsächlich ihrer eigenen Torheit gegolten hätte; was für ein Unterschied zwischen der Gestalt auf der Schwelle und der, die sie in ihrer Panik im Geist vor sich gesehen hatte. Die Besucherin kam näher, die üppige Figur in einen beigefarbenen gesteppten Regenmantel gehüllt. Auf festen grauen Löckchen saß eine grüne Bommelmütze, und die Füße steckten in wildledernen Winterstiefeln.

»Hallo«, sagte sie freundlich. »Dacht mir schon, daß Sie hier sind. Mrs. Russell hat mir geschrieben, Sie kommen diese Woche. Kommt noch vor Weihnachten, hat sie geschrieben, und bestimmt würden Sie wollen, daß ich auch bei Ihnen putze – wie bisher für sie.« Sie nickte nachdrücklich, während sie sprach, in völligem Einvernehmen mit sich selbst, und die Bommel hüpfte dabei auf und ab. »Ich hab den Wagen gesehn, als ich bei Miss Needham rauskam, der Dame, was gegenüber wohnt«, beendete sie ihre Erklärungen.

»Mrs. Brissett?« fragte Meredith.

»Ganz recht, meine Liebe. Und Sie sind Miss Mitchell. Ich hab ein paar Sachen in den Kühlschrank getan. Haben Sie sie gefunden? O ja, Sie haben, da liegt das Brot. Wenn Sie Ihre Vorräte ergänzen wollen, müssen Sie nach Bamford fahren, weil wir haben hier keinen Laden nicht. Morgen ist Freitag, und da wird’s in Bamford mächtig zugehn, schließlich steht ja Weihnachten vor der Tür und so. Das Geld, das die Leute Weihnachten ausgeben! Aber es ist schön, all die hübschen Sachen zu sehen, das denk ich jedenfalls.«

Ein kleines Rätsel hatte seine Lösung gefunden. »Waren Sie es, die so nett war, einen Weihnachtsschmuck an der Haustür zu befestigen?«

»Oh, dann haben Sie ihn also gesehen?« sagte Mrs. Brissett erleichtert. »Dachte, jemand hätt ihn geklaut. Wie ich gesagt hab, ich mag es, wenn es weihnachtlich aussieht, und da ich weiß, daß Sie aus dem Ausland gekommen sind, dacht ich, Sie würden sich freuen. Ich weiß nicht, ob man so was im Ausland macht. Gefällt mir gar nicht, daß der Doktor und Mrs. Russell da draußen in der Wüste sind und weit und breit kein Weihnachtsbaum, nur Kamele und so. Wo isser?«

»Ist runtergefallen«, schwindelte Meredith. »Ich glaube, das Klebeband war nicht stark genug. Ich hänge ihn wieder auf, sobald ich ein paar Nägel finde – aber vielleicht sollte ich dem Doktor keine Nägel in die Tür schlagen. Schließlich habe ich nur gemietet.«

»Schade, daß er runtergefallen ist«, sagte Mrs. Brissett bedauernd. »Hab ihn vorige Woche auf dem Markt gekauft – und so billig. Hängen Sie ihn lieber irgendwo im Haus auf. Ich bring noch ein paar andere Sachen. Habe Unmengen zu Hause, Papierketten und eine schöne, große chinesische Laterne, und auf dem Speicher steht noch ein großer Plastikweihnachtsmann – oh, mindestens sechzig Zentimeter hoch –, der hält sich den Bauch und lacht. Ich könnte ihn rüberbringen und in Ihr Vorderfenster stellen.«

»Ich möchte Sie wirklich nicht berauben, Mrs. Brissett«, sagte Meredith hastig.

»Macht mit keine Mühe. Das Haus wird dann ein bißchen lustiger aussehen, besonders da Sie allein hier wohnen. Sie sind Weihnachten allein, nicht wahr?«

»Wahrscheinlich. Es macht mir aber wirklich nichts aus.«

»Würde mir nicht gefallen. Meine Enkelkinder kommen zu mir.«

»Was haben Sie für die Lebensmittel im Kühlschrank ausgelegt?« fragte Meredith, um ein Thema zu beenden, das auf eine offene Einladung zusteuerte, während der Feiertage bei den Brissetts vorbeizuschauen. Sie streckte die Hand nach ihrer Umhängetasche aus, die auf dem Tisch lag.

»Muß nicht gleich sein, meine Liebe. Ich komme morgen. Putze dienstags und freitags hier und montags und donnerstags bei Miss Needham. Bin nur vorbeigekommen, um zu sehen, ob Sie die Heizung in Gang gebracht haben.«

»Ja, vielen Dank.« Offenbar hatte sie zumindest eine Nachbarin, Miss Needham, bei der Mrs. Brissett ebenfalls putzte.

»Sie braucht nicht lange, um durchzuheizen«, fuhr Mrs. Brissett fort. »Diese alten Mauern sind einen halben Meter dick und halten die Hitze wundervoll. Und im Wohnzimmer gibt es außerdem ein Gasfeuer. Das würde ich auch anzünden. Oh, und ich habe ein Bett vorbereitet, aber ich an Ihrer Stelle würde eine Wärmflasche hineintun.«

»Danke«, sagte Meredith noch einmal und unterbrach energisch die Flut von Anweisungen.

»Also gut.« Endlich machte Mrs. Brissett Anstalten zu gehen. »Wir sehen uns morgen. Ich komme um halb neun und gehe gewöhnlich gegen zwölf. Hab meine eigenen Schlüssel, wissen Sie.«

»Fein, danke. Ich habe Urlaub – Ferien – bis nach Weihnachten, werde also hier sein. Morgen allerdings fahre ich wahrscheinlich nach Bamford, um meine Vorräte zu ergänzen.«

»Fahren Sie früh«, riet Mrs. Brissett. »Wenn Sie einen Parkplatz finden wollen. Markttag, denken Sie dran.« Sie ging und schloß geräuschvoll die Tür hinter sich. Ein regelmäßiges, allmählich schwächer werdendes Quietschen ließ darauf schließen, daß sie mit dem Fahrrad gekommen war, höchstwahrscheinlich aus Westerfield.

Meredith seufzte vor Erleichterung tief auf. Doch mit einem hatte Mrs. Brissett recht, das Cottage war schon spürbar wärmer. Meredith öffnete den Reißverschluß ihres Anoraks und machte sich daran, das restliche Haus zu inspizieren. Unten war außer der Küche und einer winzigen Garderobe nur das Wohnzimmer. Sie stieg die Wendeltreppe hinauf und fand sich auf einem winzigen Treppenabsatz wieder. Das Badezimmer, sehr beengt, zu ihrer Rechten und zwei Schlafzimmer, den unteren Räumen entsprechend. Mrs. Brissett hatte freundlicherweise das Bett im größeren über dem Wohnzimmer aufgeschlagen. Darin stand ein Doppelbett, offensichtlich war es das Schlafzimmer der Russells. Meredith rümpfte zweifelnd die Nase bei dem Gedanken, in einem fremden Ehebett zu schlafen. Sie ging hinüber und setzte sich auf die Bettkante. Es war ein hübscher Raum mit Deckenbalken und einem lustigen kleinen Dachfenster. In einer Ecke stand ein spätviktorianisches Waschbecken samt Krug. Unter die Dachstreben war ein Kleiderschrank eingebaut. Meredith breitete die Hand auf dem geblümten Überzug des Federbettes aus. Sie war froh, daß Peter hier zu einem neuen Leben gefunden hatte. Aber sie verstand auch, daß die noch jung verheirateten Russells Pook’s Common verlassen hatten und nach Dubai gegangen waren. Um einen neuen Anfang zu machen, mußte man manchmal weggehen und unter Fremden beginnen.

Meredith freute sich für die Russells. Sie brauchten einander, stützten sich gegenseitig. Doch was richtig für die beiden war, würde nicht unbedingt für sie richtig sein. Sie war es gewohnt, allein zu sein, sich allein durchs Leben zu schlagen. Sie brauchte keine feste, dauerhafte Beziehung.

Aber, dachte sie bedauernd, eine vorübergehende hat unleugbar ihre Reize … Das Bett sah ungewöhnlich bequem aus, und sie ertappte sich dabei, daß sie wieder an Alan Markby dachte; sie überlegte, ob sie ihn anrufen und ihm sagen sollte, daß sie angekommen war – und sich für die Karte bedanken? Weihnachten sollte man mit Freunden verbringen, nicht allein. Schließlich, sagte sie sich trotzig, vorübergehend muß ja nicht zu dauernd werden. Alan war auch nicht der dickfellige Egoist, der sich einbildete, das kleinste Zeichen der Freundschaft von einer Frau signalisiere eine verzehrende Leidenschaft. Wenn sie eine Zeitlang in Pook’s Common blieb, mußte sie sich wenigstens ein Minimum an gesellschaftlichem Leben schaffen. Dazu mußte sie jedoch auf das schwache Fundament zurückgreifen, das bei ihrem letzten Besuch entstanden war, und sie würde sich nach Bamford orientieren müssen. In Pook’s Common selbst schien nicht allzuviel loszusein.

»Dieser Ort«, stellte sie laut fest, »ist tot.«

Ihre Rückkehr war am Sonntag vorher an anderer Stelle Gesprächsthema gewesen.

»Du kannst Weihnachten nicht allein verbringen, Alan«, sagte seine Schwester vorwurfsvoll. »Weihnachten ist ein Familienfest.«

»Was du nicht sagst«, erwiderte Alan Markby düster. Sein Blick schweifte zu einem von einer Zeitung verdeckten Buckel auf dem Sofa, der seinen Schwager verkörperte. Die Zeitung hob und senkte sich sanft und regelmäßig. Markby lenkte den Blick zu seiner Schwester zurück, die sich, die Füße unter sich gezogen, in ihrem Lehnsessel zusammengerollt hatte, und lächelte. Laura trug einen leuchtend roten Pullover und schwarze Kordhosen. Das lange blonde Haar lockte sich um ihre Schultern. Sie war kurzsichtig, und auf ihrer Nasenspitze saß eine überdimensionale Brille, die sie aber nur besonders liebenswert aussehen ließ.

»Du siehst nicht wie ein Adler, sondern wie eine weise Eule des Gesetzes aus«, sagte er.

»Im Moment denke ich mehr familien- als berufsbezogen, muß ich gestehen. Weihnachten ist immer so viel zu tun.« Unter der Zeitung drang ein Schnauben hervor. Nachdenklich betrachtete Laura ihren schlafenden Gatten. »Du kommst doch wenigstens am Weihnachtstag zu uns, nicht wahr, Alan? Du darfst – nein, wirklich, du darfst ihn nicht ganz allein verbringen und dich nur mit deinen Pflanzen unterhalten. Paul kocht, das Essen wird also gut sein. Er hat von irgendwoher ein Rezept für einen Truthahn mit Kastanienfüllung bekommen und hat unendlich viel Zeit damit verbracht, die Torte zu dekorieren.«

Markby machte ein zweifelndes Gesicht. »Nun ja, Laura, du weißt, ein paar meiner Kollegen sind verheiratet und haben Kinder, und da scheint es mir nur fair, ihnen den Weihnachtstag freizugeben und selbst zu arbeiten. Morton und seine Frau haben vor kurzem ein Baby bekommen. Soviel ich verstanden habe, hat das Baby etwas, das sie ›Sechsmonats-Kolik‹ nennen, und seine Frau leidet an einer Depression, wie sie nach einer Geburt immer wieder vorkommt, aber Weihnachten wird er trotzdem gern zu Hause sein, nehme ich an …«

»Du brauchst nicht dort zu sein – solange sie deine Telefonnummer haben und dich erreichen können. Du bist Chef der Kriminalabteilung, nicht der Mann fürs Grobe. Du willst doch wohl nicht an deinem Schreibtisch sitzen und Protokolle wegen entlaufener Kätzchen aufnehmen? Natürlich nicht. Falls nicht jemand eine Bank ausraubt oder seinen Liebhaber umbringt, bist du überflüssig.«

»Wieso glaubst du, daß es Weihnachten keine Gewaltverbrechen gibt, Laura? Es ist die Zeit im Jahr, in der Gewalttaten im Familienkreis fast am häufigsten vorkommen. Wie viele Klienten kommen nach Neujahr zu dir und wollen die Scheidung, sagen, daß Weihnachten der Tropfen war, der das Faß zum Überlaufen gebracht hat?«

Sie ließ sich nicht abschrecken. »Ich erwarte dich am Weihnachtstag gegen zehn. Wir decken für dich. Die Kinder rechnen mit dir.«

Mark rutschte in seinem Sessel hin und her. »Um die Wahrheit zu sagen – und mach nicht schon wieder mehr daraus, als es bedeutet –, ich habe eine Freundin, die sich zur Zeit in der Nähe von Bamford aufhält, und ich dachte mir eigentlich …«

Die Augen seiner Schwester hinter den riesigen Brillengläsern funkelten, als habe sie eben in einem Vertrag ein Hintertürchen entdeckt. »Meredith Mitchell! Du hast immer gesagt, du wüßtest nicht, ob sie kommt, du abscheulicher Lügner. Du hast dich Weihnachten mit ihr verabredet.«

»Das habe ich nicht. Ich denke nur, daß sie hier sein wird. Ich wollte sie anrufen – nein! Man erwartet sie erst Ende der Woche!« Die letzten Worte waren ein Schrei, denn Lauras Augen waren zum Telefon gewandert, und sie hatte den Mund geöffnet. Unter der Zeitung gurgelte es, und das oberste Blatt zuckte. »Ich denke nur«, fuhr Markby hastig fort, »ich sollte fragen, was Meredith Weihnachten macht. Sie hat hier keine Familie und wird vielleicht allein sein, daher habe ich mir gedacht, ich sollte …«

»Absolut kein Problem, Alan. Bring sie mit.«

»Hierher?« Das Herz wurde ihm schwer, und er sah seine Schwester trübsinnig an.

»Um Himmels willen! So schlimm kann es doch nicht sein! Paul ist ein professioneller Kochbuchautor, und sein Essen ist unter Garantie genießbar, was man von meinem nicht behaupten kann. Familienweihnachten – Meredith wird begeistert sein.«

»Es ist nur, daß ich – vielleicht hat sie andere Pläne.«

»Wie denn? Nein, bring sie mit. Ich bestehe darauf.«

Er sah sie unglücklich an. »Ich weiß kaum, wie ich sie fragen soll, Laura. Sie ist doch nur eine – eine flüchtige Bekannte. Um ehrlich zu sein – ich hätte sie wirklich nicht eine Freundin nennen dürfen. Wir haben uns sehr lange nicht gesehen, und inzwischen ist schon viel Wasser die Themse hinuntergeflossen. Sie könnte mich für aufdringlich halten. Vielleicht hat sie keine Lust zu kommen, weiß aber nicht, wie sie ablehnen soll.« Er unterbrach sich. »Es wäre, offen gesagt, ein bißchen peinlich für sie und mich. Vielleicht will sie mich gar nicht mehr oft treffen. Warum sollte sie auch? Wirklich, jemanden zu einer Familienfeier einzuladen – es könnte so aussehen, als versuchten wir, sie irgendwie in Beschlag zu nehmen. Was ich nicht beabsichtige«, schloß er hastig.

»Also wirklich, Alan«, antwortete Laura heftig, »noch nie hat jemand wegen nichts und wieder nichts ein solches Getue gemacht. Du bist inkonsequent. Es ist eine einfache Einladung. Du hast selbst gesagt, du müßtest dich darum kümmern, ob sie Weihnachten etwas vorhat. Wenn sie nichts vorhat, aber gern etwas vorhätte, wird sie sich über die Einladung freuen. Wenn sie dich wirklich nicht sehen will, wird sie ablehnen. Ich bin sicher«, sagte Laura bissig, »daß sie durchaus imstande ist zu sagen, was sie will.«

»Ja«, sagte er niedergeschlagen.

Die Zeitung hob sich und raschelte wieder, heftiger diesmal. Mit vom Schlaf getrübten Augen tauchte Pauls Kopf auf. »Wie spät isses? Fußball … Fernseher … Tasse Tee …«

»Dir wird ein Weihnachtsfest in der Familie gefallen«, fällte Laura ihr endgültiges Urteil. Sie drückte auf den Knopf der Fernbedienung, und der Fernsehschirm begann zu flackern. »Wir werden uns gemeinsam Der Zauberer von Oz ansehen und Spiele spielen. Wir werden Charaden aufführen, Matthew und Emma sind dieses Jahr schon groß genug, um mitzumachen. Wir werden ein richtiges Feuer machen und auf dem Kamingitter Kastanien braten, vorausgesetzt, ihr geht auf den Hof, Paul und du, und spaltet viele Scheite. Es wird ein Riesenspaß.«

Abends, als Meredith beim Geschirrspülen war – sie hatte sich ein Abendessen aus Eiern mit Speck zubereitet –, klingelte das Telefon. Die Stimme am anderen Ende der Leitung kam nicht überraschend, aber sie brauchte Zeit, um sich zu fassen, bevor sie antwortete.

»Ja, ja, ich habe eine gute Reise gehabt, vielen Dank … Nun, ich bin ein bißchen müde. Es war eine lange Fahrt.«

Seine Stimme klang zurückhaltend. Er fragte, ob sie Lust hatte, am nächsten Abend mit ihm essen zu gehen. Er fragte es beiläufig, als wolle er andeuten, daß es ihm nichts ausmache, wenn sie es nicht schaffte, konnte aber nicht verbergen, daß er hoffte, sie würde kommen.

Seine offensichtliche Nervosität stärkte ihre Selbstsicherheit. Jetzt beherrschte sie die Situation wieder, wie gewohnt. »In ein Pub?« sagte sie fröhlich. »Nein, ich habe nichts dagegen, in einem Pub zu essen. Sie holen mich um sieben Uhr ab? Ja, ich freu mich auch, Sie zu sehen. Oh, und Alan!« Sie hob den Hörer wieder, den sie schon auflegen wollte. »Danke für die Karte.«

Der Hörer glitt mit einem leisen Klicken zurück auf die Gabel. Meredith strahlte und beglückwünschte sich selbst. Das war nicht schwierig gewesen, nicht wahr? Sie war freundlich gewesen, ungezwungen, nicht schwärmerisch, hatte nicht aufgeregt geplappert oder gekichert. Er war ein reifer Mann und wollte daher eine entsprechend reife Beziehung. Sie ebenso. Sie legte die Stirn in Falten. Das hörte sich an wie eine Kontaktanzeige. Wer wünschte sich eigentlich reife Beziehungen? Ich, sagte sie sich wieder energisch.

Resolut stieß sie sich vom Telefontischchen ab und ging ins Wohnzimmer zurück. Schwach vom Gasfeuer und einer Lampe beleuchtet, sah der heitere Chintz im sanften Schein des Feuers warm und gemütlich aus wie ein Nest. Was da draußen auch passieren mochte, hier drin konnte sie sich sicher fühlen.

Von draußen kam das Geräusch eines Automotors, der gestartet wurde. Neugierig trat Meredith ans Fenster und schob den Vorhang ein bißchen beiseite, um hinauszuschauen. Auf der anderen Straßenseite stand ein Cottage, das dem ihrigen sehr ähnlich war. Die Haustür war offen, gelbes Licht fiel heraus und hob die dunkle Silhouette einer Frau hervor, die auf der Veranda stand. Sie winkte einem großen Wagen nach – einem Granada, wie es Meredith schien –, der sich eben in Bewegung setzte. Dröhnend tauchte er in die Nacht ein, und seine Scheinwerfer fegten über den vor ihm liegenden Weg. Die Frau verschwand wieder im Cottage und schloß die Tür. Dunkelheit senkte sich auf die Straße, eine fast völlige Dunkelheit, und Meredith fiel zum erstenmal auf, wie schlecht es in Pook’s Common um die Straßenbeleuchtung bestellt war. Auf diesem Abschnitt des Weges sah man nur das schwache Glimmen einer Straßenlaterne an der Ecke. Und was die Frau von gegenüber anbelangte, hatte sie außer einer großen, kräftigen Gestalt nicht viel erkennen können. Sie dachte: Miss Needham, und war ein bißchen überrascht. Aus irgendeinem – völlig unlogischen – Grund hatte sie sich Miss Needham als vornehme ältere Jungfer von zurückhaltendem Wesen vorgestellt, keine junge Frau, die Besuch von Fahrern großer Wagen bekam. Aber vielleicht glaubt Miss Needham das gleiche von mir, dachte sie.

Meredith wandte sich vom Fenster ab, schaltete das Feuer aus, überprüfte Haus- und Hintertür und ging zu Bett; sie schlief ohne Schwierigkeiten ein.

Auch auf der anderen Seite der Straße erlosch das Licht in Miss Needhams Schlafzimmer.

In dem gemeindeeigenen Haus, in dem sie zur Miete wohnte, wurde Mrs. Brissett wach und gab ihrem Ehemann einen Rippenstoß. »Vergiß ja nicht, auf den Speicher zu gehen und die Dekorationen für Miss Mitchell runterzuholen, Fred.«

Laura Danby lag wach und überlegte, ob sie einen größeren Truthahn bestellen sollte, falls Weihnachten ihr einen zusätzlichen Gast bescherte.

Alan Markby, von Bamford mehrere Meilen entfernt, rollte sich in seinem großen Doppelbett herum. Er überlegte, ob er Meredith verändert finden würde, wenn er sie morgen zum Abendessen abholte; oder würde sie denken, er habe sich verändert? Und worüber sollten sie sprechen, um alles in der Welt? Wie sollte er außerdem Lauras Einladung anbringen? Was würde sie sagen? Endlich schlief er ein – von all diesen Sorgen und der schlichten Freude darüber hin- und hergerissen, daß er Meredith überhaupt wiedersehen sollte.

 KAPITEL 2 

Bamford war an diesem Freitagvormittag vor Weihnachten genauso wie Mrs. Brissett vorhergesagt hatte. Meredith hatte Glück und erwischte auf dem Parkplatz hinter dem Supermarkt eine Lücke, die ein anderer Wagen eben hinterlassen hatte. Ein Blick durch die Glastüren des Supermarkts ließ ihr jedoch das Herz in die Stiefel rutschen. Eine dichte, drängende Käufermasse stieß unhandliche Einkaufswagen vor sich her, in denen sich die Waren türmten, zerrte, selbst übelgelaunt, schwitzend und müde, jammernde Kinder mit – es herrschte ein hektisches Gewimmel.

Meredith machte wieder kehrt. Dort hinein wollte sie ganz zuletzt, wenn sie alles andere erledigt hatte. Mit ein wenig Glück hatte der Rummel bis dahin nachgelassen. Sie ging zu Fuß zum Marktplatz. Aber hier war es beinahe genauso schlimm. Die Stände boten ganze Stechginsterstapel und Dekorationen von der Art feil, wie Mrs. Brissett sie liebte. Auf Tabletts wurden ungesund aussehende pinkfarbene und gelbe Süßigkeiten zum Verkauf angeboten. Aus Pappkartons schauten im Preis herabgesetzte Spielsachen in Schachteln und Zellophanverpackungen heraus. Gemüse schien es zum Rekordpreis zu geben. Meredith kaufte zwei Pfund Satsumas und zog sich geschlagen zurück. Aber sie konnte bis nach Weihnachten nicht von Satsumas und den letzten Speckscheiben leben. Sie schob sich die High Street entlang, stieß mit ihrer Einkaufstüte gegen die Beine anderer und wurde selbst hin und her geschubst. Eine junge Frau rammte ihr einen Kindersportwagen in die Waden, und als Meredith sich umdrehte, weil es weh tat, erntete sie einen bitterbösen Blick, der ihr unmißverständlich sagte, sie habe hier nichts verloren und sei nur im Weg. Die High Street prangte im Schmuck bunter Lichterketten und skelettartiger Weihnachtsbäume, die in der Abenddämmerung zum Leben erwachen würden. Aus mehreren Lautsprechern erklangen blecherne Weihnachtslieder, und in jedem Schaufenster – so kam es Meredith wenigstens vor – wurde man daran erinnert, daß man bis zum Fest nur noch vier Einkaufstage hatte.

Vor dem Blumenladen blieb Meredith stehen und blickte argwöhnisch in das Schaufenster. Wahrscheinlich, sogar mehr als wahrscheinlich, würde Alan Markby mit irgendeinem Weihnachtsgeschenk anrücken. Vielleicht gab er es ihr sogar schon heute abend, wenn er sie zum Essen abholte. Es wäre peinlich, ein Geschenk entgegenzunehmen, wenn man selbst keins hat. Ein Aftershave oder ein Deodorant wäre viel zu persönlich. Eine Pflanze hingegen? Er war ein begeisterter Gärtner. Meredith stieß die Tür auf und trat ein.

Der Laden ähnelte einem unordentlichen Gewächshaus. Weil man vor Weihnachten ein Rekordgeschäft erwartete, hatte man sich mit Vorräten eingedeckt, die jetzt jede einigermaßen gerade Fläche und beinahe den ganzen Boden verstellten. Die Luft war feucht und modrig. Es roch nach nassem Torfkompost und künstlichem Pflanzendünger. Aus dem Hintergrund des Ladens tauchte eine gehetzt aussehende junge Frau in einem rosa Overall auf.

»Ich möchte eine Topfpflanze«, erklärte Meredith. »Etwas, das Weihnachten blüht. Vielleicht etwas nicht Alltägliches?« Ihr Blick fiel auf eine Gruppe Weihnachtssterne. Sie schienen mit ihren roten Blättern ein bißchen zu naheliegend.

»Wieviel möchten Sie anlegen?« fragte das Mädchen praktisch.

»Ich weiß nicht. Wieviel muß man anlegen?«

Einige Pflanzen waren sehr teuer, wie sich herausstellte. Eigentlich die meisten. Sie verließ den Laden mit einem Weihnachtskaktus.

Als sie sich, beladen mit Einkaufstüte und der verpackten Pflanze, in das Gewühl auf dem Gehsteig stürzte, merkte sie plötzlich, daß jemand sie ansprach.

»Entschuldigen Sie!« sagte eine Stimme energisch. »Haben Sie einen Moment Zeit?« Ein langer, spindeldürrer Jugendlicher in einem schmuddeligen ehemaligen Militärmantel, Jeans und einer wolligen Mütze, drängte sich zu ihr durch. Er war unrasiert, nicht besonders sauber und schien schwer unterernährt zu sein, doch die Stimme klang gebildet. »Würden Sie unsere Petition unterschreiben?« fragte er aggressiv.

Sie sah jetzt, daß er ein Klemmbrett in der Hand hielt. »Um was geht’s denn?« fragte sie mißtrauisch.

»Darum, daß die Jagd auf Gemeindeland verboten wird.« Er hielt ihr das Klemmbrett ungeduldig entgegen, als finde er ihre Fragen kleinlich und pedantisch.

Die Menge wimmelte um sie herum, und sie bemühte sich, in dem, was er sagte, einen Sinn zu finden. »Was soll gejagt oder vielmehr nicht gejagt werden?«

»Füchse. Oder anderes Wild. Aber vor allem Füchse. Wegen der Jagd, die hier stattfinden soll.«

»Ich hab gar nicht gewußt, daß es eine gibt.« Jemand prallte gegen ihre Schulter, und sie ließ fast den Kaktus fallen. »Hören Sie«, sagte sie, »ich habe keine Hand frei, und ich weiß nicht, um was es geht …«

»Um die Bamford-Jagd«, sagte er störrisch. »Sie brauchen nur hier zu unterschreiben.« Er schob ihr das Klemmbrett unter die Nase. An einer Schnur hing ein Bleistiftstummel, das Papier der Liste war schmutzig, die meisten Unterschriften unleserlich. »Wenn wir sie vom Gemeindeland fernhalten können, wird es für sie fast unmöglich, die Jagd abzuhalten. Es ist nicht richtig, blutige Sportarten sind ein Unrecht. Unmoralisch. Wir alle sollten uns dagegen wehren.« Er brachte sein backenbärtiges Gesicht dicht an das ihre heran. Offensichtlich hatte er das Gefühl, daß ihm Zeit verlorenging, denn während er ihr alles erklärte, konnte er keine Unterschriften sammeln.

»Ich weiß nichts über die Bamford-Jagd«, sagte Meredith, die ihn plötzlich unattraktiv und aufdringlich, sein Benehmen schikanös fand; ihr mißfiel, daß er voraussetzte, sie müsse seiner Meinung sein, und ihr mißfiel die Arroganz, mit der er es unterließ, ihr einen Grund zu nennen, warum sie tun sollte, was er verlangte.

»Hier, nehmen Sie ein Flugblatt.« Er hielt ihr eins hin, der Druck war miserabel. »Unterschreiben Sie die Petition, jede Unterschrift hilft. Es ist unrecht. Die Fuchsjagd ist ein Unrecht.«

»Sie mögen recht haben oder auch nicht«, sagte sie. »Ich habe nie darüber nachgedacht. Und gewiß werde ich nichts unterschreiben, bevor ich nicht gründlich nachgedacht habe. Also, wenn Sie nichts dagegen haben – ich werde mir Ihr Flugblatt zuerst einmal durchlesen«, fügte sie im Geist weihnachtlichen Friedens hinzu.

»Sind Ihnen wildlebende Tiere und wildwachsende Pflanzen egal?« fragte er wütend. »Ist Ihnen gleichgültig, wie barbarisch die Jagd ist? Finden Sie, daß Tiere nicht wichtig sind? Das sollten Sie nicht, denn sie sind es. Und Sie sollten unterschreiben. Alle sollten unterschreiben!« Er musterte sie mit glitzernden Augen, in denen groß sein Urteil stand. Nichts hätte Meredith jetzt bewegen können, sein Gesuch zu unterschreiben. Sie mochte ihn nicht. So einfach war das.

»Ich mag Tiere, aber ich mag es nicht, gesagt zu bekommen, was ich tun soll, bevor ich die Möglichkeit hatte, mir selbst eine Meinung zu bilden.« Unwirsch drängte sie sich an ihm vorbei.

Er sah sie wütend an und latschte weiter, um ein anderes Opfer für sein Klemmbrett und seine Flugblätter zu finden. Er hatte Glück, eine dralle junge Frau kam ihnen entgegen. Sie hatte eine Mähne kastanienroter Haare, und ihre selbstsichere Haltung grenzte an Arroganz. Sie war nicht geschminkt, hatte klassische Züge, eine gerade Nase, volle Lippen und schöne Augen. Sie trug ein ziemlich abgetragenes Jackett, eine eng sitzende Reithose und Reitstiefel. In dem Jargon, den sie verstanden hätte, war sie reinrassig. Ein Vollblut mit Vater und Mutter im Zuchtbuch.

Er würde doch nicht, dachte Meredith bestürzt über seine Unverfrorenheit. Er konnte nicht …

Doch er tat es. Der Gegner aller blutigen Sportarten verstellte der Amazone den Weg und schwenkte sein Klemmbrett. Meredith konnte nicht hören, was gesprochen wurde, doch sie erriet es mehr oder weniger. Die Stallhof-Bruderschaft ist selten um ein bildhaftes Wort verlegen. Die kastanienrote Reiterin hielt dem jungen Mann eine markige Rede, gab ihm, der unter seinem Backenbart scharlachrot geworden war, keine Gelegenheit zu antworten und stieß ihn mit solcher Kraft zur Seite, daß er zurückgeworfen wurde, an der Tür von Woolworth’s wieder abprallte – und ging weiter.

»Ich hätte Ihnen sagen können, was passieren würde«, sagte Meredith mitleidlos zu ihm.

Er warf ihr einen bösen Blick zu und sah der jungen Frau mit einem noch böseren nach. »Aufgeblasenes Miststück!« sagte er. Dann fügte er leise hinzu, als spreche er mit sich selbst: »Wartet nur … Wartet nur ab, bis ihr’s am zweiten Weihnachtsfeiertag versucht …« Er trottete weiter.

Meredith vergaß ihn, nachdem sie sich noch einmal in den Supermarkt gewagt hatte. Von da an war jeder nur noch Einzelkämpfer. Sie begann höflich »entschuldigen Sie bitte« und versuchte ihren Einkaufswagen um die Leute herumzumanövrieren. Aber ihr wurde sehr schnell klar, daß das vergebliche Liebesmüh war. Der Wagen hatte auch einen eigenen Willen und die Neigung, sich wie eine Krabbe seitwärts zu bewegen. Allein die Unmengen der angebotenen Waren verstärkten ihr Gefühl des Verirrtseins und der Frustration. Sie hatte schließlich mehrere Jahre in einem Land gelebt, in dem der Mangel zum täglichen Leben gehörte und die Auswahl an Waren gering war. Das diplomatische Corps hing stark von Waren ab, die eigens von der Botschaft importiert wurden, oder von en-bloc-Bestellungen bei Firmen, die darauf spezialisiert waren, die ständig im Ausland lebenden Landsleute mit allem zu versorgen, was sie brauchten. Jetzt unter drei oder vier verschiedenen Sorten von Büchsenfleisch und einem halben Dutzend im Überfluß aufgestapelter Kaffeedosen wählen zu müssen, war verwirrend. Sie fand es schockierend, als sie hörte, daß Mütter ihre kleinen Kinder fragten, was sie haben wollten, und die oft willkürliche Auswahl des Kindes noch zu den Waren packten, die sich schon im Einkaufswagen türmten. Nach fünf Minuten war Meredith nicht nur so verschwitzt und gestreßt und übellaunig wie alle anderen, sie war auch wütend, weil die Menschen anscheinend nicht zu schätzen wußten, was sie hatten. In eine Wolke selbstgerechter Empörung gehüllt, stand sie in der Schlange an der Kasse, und ihr Ärger wurde noch größer, als sie entdeckte, daß sie das Spülmittel vergessen hatte.

»Verdammt!« sagte sie laut.

»Etwas vergessen?« fragte eine Männerstimme hinter ihr.

Sie sah sich schuldbewußt um. Die Stimme gehörte einem bebrillten Mann unbestimmten Alters in einem Parka; er stand in der Schlange hinter ihr. Er trug einen Drahtkorb mit einem bescheidenen Vorrat an Lebensmitteln. Freundlich lächelnd sagte er: »Ich halte Ihnen den Platz in der Schlange frei, wenn Sie zurückgehen und es holen wollen.«

Meredith blickte zurück in das Gewühl. »Nein, vielen Dank. Ich glaub nicht, daß ich das könnte. Trotzdem – noch einmal vielen Dank.« Aus einem Impuls heraus fügte sie hinzu: »Hier gibt es so viel zu kaufen – die Leute wissen gar nicht, wie gut sie es haben.«

Er lächelte. »Ein paar wissen es. Ein paar können sich die Dinge auch nicht leisten. Ein Schaufenster voller Waren zu sehen, wenn man nicht das Geld hat, etwas zu kaufen, ist auch nicht sehr lustig.«

Meredith runzelte die Stirn, dachte darüber nach. Aus irgendeinem Grund hatte sie das Gefühl, ihm eine ernsthafte Antwort schuldig zu sein. Er war nur ein Mann in der Schlange an der Supermarktkasse, aber etwas in seiner Stimme sagte ihr, daß ihre Worte ihn berührt hatten.

»Die Leute sind nicht mehr so arm wie früher«, sagte sie. »Ich weiß, daß es einigen nicht gutgeht, aber vor hundert Jahren sind sie auf der Straße verhungert.«

»Manche leben noch immer auf der Straße. Nicht hier in Bamford, zugegeben. Aber in den großen Städten … Waren Sie in letzter Zeit in London?«

»Nein, noch nicht«, sagte Meredith düster und dachte an den Schreibtisch, der im Foreign Office auf sie wartete. »Nach Weihnachten werde ich jeden Tag hinauf müssen.«

»Werfen Sie am frühen Morgen einen Blick in die Ladeneingänge. Zählen Sie die Schlafsäcke.« Die Schlange kroch ein Stückchen vorwärts. »Vielleicht verhungern sie nicht«, fuhr der Mann fort, »aber sie kommen sich verloren vor.« Er schob seine Brille, die ihm ständig hinunterzurutschen schien, auf die Nase zurück. »Es gibt so viel, wie Sie sagen, und allen um Sie herum scheint es gut genug zu gehen, daß sie es sich leisten können. Vor fünfzig Jahren war es keine Schande, arm zu sein – es war ein Unglück, das sie mit Tausenden teilten. Heute müssen sie sich für ihre Armut schämen, man gibt ihnen zu verstehen, daß es ihre Schuld – eine Unzulänglichkeit ist, an der sie leiden. Viele junge Leute sind voller Groll, die Gesellschaft grenzt sie aus. Man kann es ihnen nicht übelnehmen.«

»Ja, das glaube ich auch«, sagte Meredith.

Er lächelte verlegen. »Ich wollte Ihnen keinen Vortrag halten. Aber das Thema interessiert mich zufällig ganz besonders.«

»Das ist schon in Ordnung. Aber Sie haben nur ein paar Sachen in Ihrem Korb, gehen Sie ruhig vor«, bot sie ihm an. »Mein Wagen ist voll.«

»Nein, nein, ich hab’s nicht eilig. Sie sind jetzt dran.«

»Die nächste bitte«, sagte das Mädchen an der Kasse scharf, und Meredith war gezwungen, nachzurücken und ihre Waren hastig auf das Förderband zu legen.

Nachdem sie bezahlt hatte, schob sie den widerspenstigen Einkaufswagen zu ihrem Auto. Am Himmel sammelten sich jetzt bedrohlich dunkle Wolken, und ein kalter Wind wehte. Meredith packte alles weg und brachte dann ihr Drahtgefährt in den »Einkaufswagenpark« zurück. Sie fröstelte, denn nach der drückenden Wärme im Supermarkt spürte sie die Kälte doppelt. Vorsichtig setzte sie zurück, um den Leuten und ihren überladenen, quietschenden Einkaufswagen auszuweichen, und machte dann, daß sie aus der Stadt herauskam.

Sie war überrascht, wie erleichtert sie sich fühlte, wieder in Pook’s Common zu sein. Im Vergleich zu Bamford war es ein stiller Hafen des Friedens. Rose Cottage hatte keine Garage, aber einen Stellplatz, dem der größte Teil des Vorgartens zum Opfer gefallen war. Sie stieg aus dem Wagen und zitterte im eisigen Wind, der ihr durch den Anorak bis ins Mark zu dringen schien. Die dunklen Wolken waren kompakter geworden, und obwohl es erst später Vormittag war, war es dunkel wie im abendlichen Zwielicht. Meredith rieb die rotgefrorenen Finger aneinander und ging zum Kofferraum, um ihre Einkäufe auszuladen. Als sie noch dabei war, hörte sie Bremsen quietschen, und ein Wagen hielt vor dem Cottage gegenüber. Sie blickte auf. Die Fahrertür wurde zugeworfen, und zu ihrer Überraschung war eine Gestalt ausgestiegen, die sie kannte.

Es war das Mädchen mit den kastanienroten Haaren, das sie in der Stadt gesehen hatte. Es schaute über die Straße, entdeckte Meredith, lächelte und kam mit sportlich federnden Schritten auf sie zu.

»Hallo«, sagte sie, »ich bin Harriet Needham und wohne da drüben im Ivy Cottage.«

»Meredith Mitchell«, sagte Meredith und befreite sich von einem Durcheinander von Plastiktüten.

»Sie waren in Bamford, was?« fragte Miss Needham mitfühlend. »Verdammt gräßlich, oder?«

»Ziemlich unangenehm. Ich mußte Lebensmittel für die Weihnachtsfeiertage einkaufen.«

»Sie haben Rose Cottage von den Russells übernommen, nicht wahr?« Harriet warf die rote Haarmähne zurück. »Kommen Sie gelegentlich doch mal auf einen Drink vorbei.«

»Danke, sehr freundlich. Ich komme bestimmt.«

»Warum kommen Sie nicht gleich mit und trinken eine Tasse Kaffee mit mir? Später wird es wie aus Kannen gießen.« Harriet musterte den dunklen Himmel sachlich abschätzend aus zusammengekniffenen Augen. »Schlamm«, sagte sie, aber offensichtlich nicht zu Meredith, sondern als Antwort auf einen Gedanken, den das Wetter in ihr ausgelöst hatte und der etwas betraf, das der Sprecherin sehr wichtig war.

»Danke, ich komme. Aber zuerst muß ich meine Sachen ausladen und ins Haus bringen.«

»Klar, fein. Muß mein Zeug auch auspacken. Ich lasse die Haustür offen. Kommen Sie einfach rein, wenn Sie fertig sind, und rufen Sie.« Harriet marschierte auf ihre Straßenseite zurück.

Die Arme voller Tüten, betrat Meredith das Cottage. Ein leichtes Klirren aus der Küche zeigte an, daß Mrs. Brissett noch bei der Arbeit war. Es roch nach Möbelpolitur und Lavendel aus der Garderobe im Erdgeschoß. Die Wohnzimmertür stand offen, und Meredith, die auf dem Weg in die Küche vorbeikam, blieb stocksteif stehen. »O du meine Güte!« sagte sie schwach, zu einem Kraftausdruck im Augenblick nicht fähig. Miss Needham hätte ihr vermutlich aushelfen können. »O du meine Güte, was soll ich nur damit anfangen?«

Mrs. Brissett kam durch die Küchentür. »Lassen Sie die Lebensmittel einach stehen, Miss Mitchell. Ich räume sie dann ein.«

»Danke – und danke für – für –«, stammelte Meredith.

»Wußt ich doch, daß es Ihnen gefallen wird!« sagte Mrs. Brissett. Harriets Tür stand, wie versprochen, offen. Einladender Kaffeeduft wehte Meredith entgegen. Sie rief: »Ich bin hier!«

»In der Küche!«

Sie ging Harriets Stimme nach. Ivy Cottage hatte ursprünglich den gleichen Grundriß gehabt wie Rose Cottage. Aber jemand hatte nach hinten hinaus einen geräumigen Anbau errichten lassen, in dem die Küche untergebracht war, die, wie Meredith feststellte, sehr modern eingerichtet und mit neuesten Geräten ausgestattet war. Die ehemalige Küche war in ein kleines Eßzimmer umgewandelt worden, das beinahe völlig von einem original frühviktorianischen Tisch und sechs Stühlen eingenommen wurde. An der Schmalwand stand ein Buffet mit einem Satz ebenfalls antiker blauweißer Teller, und in der Mitte des Tisches hatte ein silbernes Rechaud aus der Zeit König Georges seinen Platz. Es sah so aus, als gebe Harriet oft Einladungen. In diesem Gedanken wurde Meredith beim Anblick von Harriets Lebensmitteln noch bestärkt, die in der Küche auf einer Arbeitsplatte ausgebreitet lagen – Baguettes und eine große Packung Hühnerbrustfilets, zwei Flaschen guten Weins, mehrere ungewöhnliche Käsesorten, eine Unmenge frischer, nicht der Jahreszeit entsprechender und daher teurer Salate und alles, was zu einer Dinnerparty gehörte. Aber für wie viele? fragte sich Meredith, die sich an den Wagen vom Abend vorher erinnerte.

Harriet merkte, daß sie die Lebensmittel betrachtete, und sagte vergnügt: »Ich habe einen Cordon-bleu-Kochkurs mitgemacht. Nützlich. Vorher konnte ich nicht einmal ein Ei kochen.«

Ein bißchen verlegen, weil es so aussah, als habe sie spioniert, sagte Meredith: »Ich bin auch nicht gerade eine großartige Köchin.«

»Es macht Spaß, ich tu’s gern. Und hier in Pook’s Common hat man genug Zeit für solche Dinge – wie Kochen, zum Beispiel. Dazu braucht man nämlich Zeit – hudeln darf man nicht.«

»Ja, ruhig genug ist es hier«, stellte Meredith mit leichtem Bedauern fest. »So abgeschieden.«

»Das habe ich auch gedacht, als ich herkam.« Flink stellte Harriet Tassen und Sahnekrug auf ein Tablett. »Aber komischerweise ist es das nicht. Es wird Sie überraschen, was in Pook’s Common so alles los ist.« Sie ließ dieser aufreizenden Andeutung keine Einzelheiten folgen, sondern nahm das Tablett auf.

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