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Frühstück mit Proust

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Inhaltsübersicht

Als Jade die Nachricht

Mamoune

Ihre überstürzte Flucht würde

Mamoune

Ich könnte dir vielleicht

Mamoune

Mamoune gefiel die Pariser

Mamoune

Seit siebzehn Tagen lebten

Mamoune

»Und, was macht deine

Mamoune

Jade hatte ein schlechtes

Mamoune

Es war noch früh.

Mamoune

Nach dem Abendessen fuhr

Mamoune

Jade musste nicht lange

Mamoune

Rajiv hatte Jade in

Mamoune

Jades Nachbarin, eine Spanierin

Mamoune

Jade hatte sich mit

Mamoune

Mamoune hatte kaum etwas

Mamoune

»Als ich dir zugehört

Mamoune

Mamoune

Sechs Monate nachdem Mamoune

Mamoune

Jade hatte Mamoune nie

Mamoune

Jade konnte es nicht fassen

Mamoune

Zum ersten Mal in

Mamoune

»Die Bücher pflastern meinen

Mamoune

Sie hatten eben heiße

Mamoune

Epilog

Die Autorin dankt

Quellenangaben

Leseprobe aus »Die Liebe der anderen«

Beim Aufwachen blicke ich

 

Das Geschriebene kommt wie der Wind, es ist nackt,

es ist Tinte, es ist das Geschriebene, und es geht vorüber,

wie nichts anderes im Leben vorübergeht,

nichts weiter, außer das Leben.

Marguerite Duras

 

Als Jade die Nachricht erreichte, dass ihre Großmutter Jeanne, ihre geliebte Mamoune, das Bewusstsein verloren hatte, beschloss sie auf der Stelle, sie zu sich zu holen. Erst am nächsten Tag war sie gefunden worden, hingestreckt auf dem Küchenfußboden des Bauernhauses in der Haute-Savoie, das sie allein bewohnte. Jade war gerade dabei gewesen, sich fertig zu machen, um mit Freunden auszugehen, als das Telefon klingelte. Dreiundzwanzig Uhr… Wer rief denn um diese Zeit noch an? Das konnte nur Julien sein, der wieder mal im Weltschmerz versunken war und sie sehen wollte. Jade zögerte. Seufzend nahm sie schließlich ab und war überrascht, die Stimme ihres Vaters zu hören, der seit über zehn Jahren auf einer Insel in Polynesien lebte. Jade schreckte hoch, als er ihr berichtete, dass Jeanne einen Schwächeanfall gehabt hatte und ohnmächtig zusammengebrochen war. Aber ihr Vater Serge hatte noch eine weitere schlechte Nachricht: Seine drei Schwestern, die nur einen Katzensprung von Mamounes Bauernhaus in der Haute-Savoie entfernt wohnten, sie aber nie besuchten, waren keineswegs bereit, das Ganze als einmalig und vorübergehend zu betrachten. Sie wollten auf Nummer sicher gehen. Mamoune hatte kein Wort mitzureden, auch weiter weg lebende Familienmitglieder wurden von der Entscheidung ausgeschlossen. Und Jades Vater wusste, dass er seine achtzigjährige Mutter nicht aus ihrer gewohnten Umgebung herausreißen und auf seine Insel holen konnte. Doch ihn hatte ohnehin niemand gefragt. Mamounes Anmeldung für das Pflegeheim war unterschrieben, seine Schwestern teilten ihm lediglich die Fakten mit.

»Versuch doch mal herauszufinden, was da los ist«, bat er seine Tochter. »Zwar sagen sie, es sei nur eine vorübergehende Lösung. Aber in ihrem Alter, verstehst du …«

Jade hörte ihrem besorgten Vater zu und konnte nicht begreifen, warum ihre Tanten es so eilig hatten, ihre Mutter, die sich immer fürsorglich um alle gekümmert hatte, einfach abzuschieben. Ohne ihr eine Chance zu geben, geschweige denn Hilfe anzubieten. Je mehr sie über diese Verschwörung nachdachte, desto größer wurde ihre Wut. Eine der Schwestern war Ärztin. Das machte es noch einfacher, Mamoune mit einem ärztlichen Gutachten ins Heim zu stecken, nur weil ihr das erste Mal im Leben ein kleiner Patzer unterlaufen war.

Es war sicher eine total verrückte Idee. Aber vor lauter Empörung beschloss Jade, sich gleich am nächsten Tag ins Auto zu setzen und Mamoune zu sich zu holen. Sie wusste, dass sie sich Kilometer für Kilometer abwechselnd die Argumente aufzählen würde, die dafür und dagegen sprachen. So ging es ihr immer nach einer überstürzten Entscheidung.

Erst vor kurzem hatte Jade sich Hals über Kopf von Julien getrennt, nachdem sie ihn fünf Jahre lang für den Mann ihres Lebens gehalten hatte. Seit zwei Monaten lebte sie allein in ihrer Wohnung. Und nun wollte sie, die sich für beziehungsunfähig hielt, ihr Leben mit einer Achtzigjährigen teilen? Nein, das war absolut lächerlich und undenkbar. Jade wusste, dass ihr zweites Ich, die Jade, die ihr regelmäßig Knüppel zwischen die Beine warf, sobald sie ihrer tollkühnen Seite nachgab, ihr mit bohrenden Fragen zusetzen würde. Sie würde herumnörgeln und versuchen, ihre Entrüstung mit plausiblen Argumenten auszuhöhlen. Sie würde ihr zum Beispiel sagen, dass sie den ganzen Tag arbeite und nie sicher sein könne, ob bei Mamoune alles in Ordnung war. Und wenn ihre Tanten recht hatten und ihre Großmutter wirklich irgendwann rund um die Uhr medizinische Betreuung brauchte, würde Jade mit dem mickrigen Gehalt, das sie als freie Journalistin hatte, keine Krankenschwester oder Pflegerin bezahlen können.

Aber noch verwirrendere Fragen tauchten auf. Was wusste Jade eigentlich über Mamoune? Nicht viel. Sie liebte sie seit ihrer frühesten Kindheit, diese Großmutter, die je nach Wochentag und Laune nach Rosen oder nach Veilchen duftete und mit ihren weißen, zu einem Knoten hochgesteckten Zöpfen und ihren sehr hellen Augen aussah wie die gute Fee aus einem Märchen. Die kleine, etwas rundliche Mamoune hatte immer Kinder gehütet, sie wusste, wie sie mit ihnen reden und sie mit sanfter Stimme erreichen konnte, ohne ihnen die üblichen Erwachsenenfragen zu stellen. Na, bist du auch schön fleißig in der Schule? Und was möchtest du einmal werden, wenn du groß bist? Sie machte keinen Unterschied zwischen der Welt der Kleinen und der Welt der manchmal viel zu Großen. Sie war liebevoll, von einschmeichelnder Zärtlichkeit, und ihr Lachen war ein ansteckender Gesang, dem man sich kaum entziehen konnte.

Jade erinnerte sich, dass ihre Großmutter die Tochter eines Bauern und einer Hebamme war. Als Mamoune ihr einmal das Hochzeitsfoto ihrer Eltern zeigte, fand Jade, dass sie sehr alte Gesichter hatten, obwohl sie aussahen wie fünfzehn. Er mit dem kleinen Schnauzbart, den die Bauern zu Beginn des Jahrhunderts trugen, sie mit Dutt und sehr ernster Miene. Damals lächelte man nicht auf Fotos. Ihre Tochter Jeanne hatte als junges Mädchen am Fließband gearbeitet. Aber warum war es Jade überhaupt so wichtig, sich zu erinnern, wer Mamoune oder auch Jeanne war? Der Wunsch, sie vor ihrem Los zu bewahren, sollte doch genügen. Nur darum ging es. Oder?

 

Jeanne hatte ihren Mann Jean in der Fabrik kennengelernt, in der sie beide arbeiteten. Damals war sie noch sehr jung. Mit ihren sechzehn Jahren war sie fasziniert von dem dunkelhaarigen jungen Mann mit dem kantigen Gesicht, der sich so gut in den Bergen auskannte und gar nicht für Mädchen zu interessieren schien. Trotzdem machte er ihr den Hof. Nach ihrer Hochzeit kümmerte sich Jeanne anfangs um die eigenen Kinder, dann auch um die anderer Leute. Sie hatte immer eine ganze Rasselbande zu Hause, und sie wusste ihr Regiment zu führen, ohne je laut zu werden. Mamoune – so hatten die Kinder sie getauft – war lieb und nachgiebig, aber die Kinder gehorchten ihr. Jeanne hatte ihre ganz eigene Art, Trotzköpfen ihre Launen abzugewöhnen: durch Nähe und zärtliche Blicke. Ihre Augen waren ein blaues Lächeln mit grauen Pünktchen, das jeden, der es wagte, sich ihr zu widersetzen, unmittelbar in einer Art Scham versinken ließ. Jean musste viel schuften und kam erst spätabends nach Hause. Er verlangte von seinen Sprösslingen, dass sie sich in der Schule anstrengten, denn sie sollten das Arbeiterdasein hinter sich lassen und eines Tages studieren. Was seine drei Töchter anging, von denen zwei Rechtsanwältinnen wurden und die dritte Ärztin, hatte er dieses Ziel stolz erreicht. Aber Serge, sein einziger Sohn und Jades Vater, musste den Rebellen spielen und wurde Maler. Er lebte weit weg, auf einer abgeschiedenen kleinen Insel, zusammen mit Jades Mutter, einer extravaganten Künstlerin, die ebenso aufsässig war wie er.

Mamounes Mann war drei Jahre zuvor an einem Herzinfarkt gestorben und hatte seine Frau, die an seiner Seite so souverän gewesen war, völlig hilflos zurückgelassen. Sie schien mit Jean einen Teil von sich selbst beerdigt zu haben.

 

Der Umzug ins Pflegeheim war für Samstag geplant, Jade hatte sich überlegt, dass sie am Freitagmittag, also am nächsten Tag, bei Mamoune aufkreuzen wollte. Da blieb nicht viel Zeit zum Nachdenken … Am liebsten hätte Jade ihre Großmutter gleich nach dem Anruf ihres Vaters geweckt und in ihre geheimen Pläne eingeweiht: Ich komme dich holen! Damit Mamoune aus der so angekündigten Entführung heraushörte, was sie bereits erraten hatte. Ihre Töchter hatten ihr das Ganze arglistig als »Probewohnen« verkauft, weil sie Mamoune schließlich irgendwie erklären mussten, warum sie all ihre Lieblingssachen mitnehmen sollte. Sie hatten behauptet, es sei ja nur vorübergehend, eine reine Reha-Maßnahme, und Mamoune war schlau genug gewesen, ihnen vorzugaukeln, dass sie es glaubte. Doch die Zeit drängte, und wenn sie ihr Haus schon verlassen musste, dann sollte sie doch lieber zu Jade kommen. Du kommst eine Weile zu mir nach Paris, und dann überlegen wir, ob du bleibst oder nach Hause zurückkehrst, und unter welchen Bedingungen. Das wollte Jade ihrer Großmutter sagen. So würde sie ihr nicht verheimlichen, dass ihr Zustand immerhin so ernst war, dass sie in ein Heim eingeliefert werden sollte, und konnte doch alle persönlichen Fragen mit ihr besprechen. Diese Transparenz und Offenheit würde sie zu schätzen wissen. Bestimmt würde Mamoune, die seit Jahren nicht mehr nach Paris kommen wollte, sich nicht lange bitten lassen. Wenigstens hoffte Jade das … Sie war die Tochter ihres geliebten Serge, und unter den gegebenen Umständen würde Mamoune sich für sie entscheiden.

Jade wusste schon, was Mamoune sagen würde. Was mich an diesen Häusern – Mamoune würde sie nicht beim Namen nennen – am meisten stört, sind die vielen Alten. Ja, sicher, ich bin auch nicht mehr die Jüngste, aber wenn man mit mehreren Generationen zusammenlebt, altert man, glaube ich, nicht so schnell … Sie würde einen Moment in sich gehen … Vielleicht kann ich dir ja sogar irgendwie nützlich sein … Dieser Satz war typisch für Mamoune und würde Jade die Tränen in die Augen steigen lassen. Sie stellte sich vor, wie die rundliche kleine Mamoune in ihrem blauen Kleid mit hochgezogenen Brauen überlegte, zu was ihr unbedeutendes Leben wohl noch gut sein könnte, als wäre sie ein Gegenstand, der auf den Müll geworfen werden sollte, und es würde ihr vollkommen ernst sein damit.

Mamoune

Ich habe solche Angst, schusselig zu werden und nicht mehr in der Lage zu sein, mich selbst um meine bescheidene Existenz zu kümmern. Bis zum heutigen Tag hat mir das Schicksal nicht alles gegeben, mir aber das Wesentliche gewährt. Dinge, auf die ich gar nicht gehofft hatte, was eine Entdeckerlust in mir stillte, von der ich nichts ahnte. Sicher würden viele sagen, was mir heute passiert, sei doch vorhersehbar gewesen. Damals in der Fabrik gab es eine Afrikanerin, die alle Mütter warnte: »Schlaf bei deinen Kindern, solange sie klein sind, sonst werden sie sich nicht um dich kümmern, wenn du alt bist.« Damals hatte ich noch keine Kinder. Ich muss ihren Rat vergessen haben, denn heute stelle ich fest, dass ich wohl nicht oft genug bei meinen Kindern geschlafen habe.

Ich nehme es ihnen nicht übel. Ich glaube, ich kann sie sogar verstehen. Was sollen sie auch mit mir anstellen? In meinem Alter bin ich eine Last, schlimm genug, dass es so weit kommen konnte. Ich bin nicht nur alt und müde, jetzt kann’s mir auch noch passieren, dass ich in Ohnmacht falle. Was kommt als Nächstes?

Ich liebe den Blick aus meinem Küchenfenster hinaus in den Garten. Er hat sich verändert, seit Jean nicht mehr da ist, aber ich werde nicht müde, die Vögel zu beobachten, wenn ich das Geschirr abwasche. Wir beide haben uns so gut ergänzt, jeder in seinem Schweigen. Er kümmerte sich bis in den Herbst hinein um die Erde. Wenn es dann Winter war, betrachtete ich morgens bei meinem ersten Kaffee die kahlen Sträucher und stellte mir vor, mit welchen Farben ich unseren Garten im Frühling schmücken könnte. Jeden Morgen flüsterte die schwarze Erde mir etwas Neues ein: gelbe oder rote Tulpen, Forsythien, Klematis, Primeln … Ein Schauspiel von Farben und Formen, und dann kam der Tag, an dem wir das Saatgut kauften. Einige Wochen später wartete ich voller Ungeduld darauf, dass der Garten Jean enthüllte, für welche Farben ich mich entschieden hatte. Hätte nicht der Wind meinen Plan durchkreuzt. In der Blütezeit sorgte er stets für Überraschungen. Ich schimpfte zwar ein bisschen, doch mir gefiel die Idee, dass ein unvorhergesehener Luftzug meinem Garten sein wildes Aussehen verlieh.

Der Frühling beginnt. Als hätte ich geahnt, dass man mich aus meinem Haus holen würde, habe ich in diesem Jahr nichts gesät. Dabei hatte ich mir seit Jeans Tod Mühe gegeben, das durchzuhalten. In jedem April, es waren ja erst drei, erwachte unser Garten wieder in neuer Pracht. Ich glaubte sogar, Jeans Tod damit eine besondere Würdigung angedeihen zu lassen. Wenn meine Nachbarinnen vorbeikamen, waren sie beruhigt, dass ich das Gärtnern nicht aufgegeben hatte, und gratulierten mir zu meinem grünen Daumen. Niemand sah darin die Botschaft, die ich von dem Abwesenden empfing: dass ich unseren schönen Garten fortan allein bewundern musste.

In Jeans Gegenwart war so viel Einverständnis. Im Laufe der Jahre hatte sein Mund sich in einen blassen Strich verwandelt, der von zurückgehaltenen Gefühlen erzählte. Meiner aber war immer noch sinnlich gewölbt, bewahrt durch dahingesagte Harmlosigkeiten, die zu nichts führten. Die Haut der Babys, die zärtlichen Umarmungen der Kinder hatten ihm eine Geschmeidigkeit verliehen, die wie das Fleisch einer Frucht an der rauen Wange dieses emsigen Arbeiters zerplatzte, der meine täglichen Liebkosungen mit kumpelhaftem Lächeln beantwortete.

Ich glaube, als mich dieses Unwohlsein überkam, das man mir nun offenbar zum Vorwurf macht, habe ich von Jean geträumt. Nein, ganz so war es nicht. Ich hatte gerade Müll hinausgebracht. Es war ein nasskalter Wintertag, und ich hatte beschlossen, mir eine heiße Milch zu bereiten. Dann ging ich zurück in die Küche. Ich merke, dass ich ein bisschen schummle: Mein Gedächtnis erfindet einen Ablauf, wo nur Leere herrscht. Die Wahrheit ist, dass man mich am nächsten Tag auf dem Fußboden vor dem Kühlschrank fand. Ich wäre froh, wenn ich sagen könnte, ich hätte etwas gespürt. Ich muss früher schon in ähnlichen Situationen das Bewusstsein verloren haben, nur hat niemand ein Drama daraus gemacht … Aber in meinem Alter gibt es keine Nachsicht mehr, und auch kein Erbarmen. Man lässt mir nichts mehr durchgehen. So ist das.

Für den Moment freue ich mich, dass die Kleine mich holt. Es ist ein Zeichen des Himmels, dass ich weitermachen soll. Ich habe nicht die Kraft, mich aufzulehnen. Die hatte ich nie. Zweifellos ist das auch der Grund, warum ich während der Résistance nie in Verdacht geriet. Der Blick der anderen glitt einfach an mir ab. Ich war unsichtbar, gar nicht da. Ich kam schon alt und ergeben auf die Welt, heillos aufrichtig und brav.

Gutmütig, wie ich bin, empfinde ich nicht einmal Wut auf meine Töchter. Als Jean und ich auf die sechzig zugingen, haben sie gesehen, dass wir, in demselben Alter, das sie heute haben, viel älter waren als sie. Sie wollen sich dem Lauf der Zeit widersetzen, dafür nehmen sie sogar in Kauf, mich zu verstoßen, als würde ich mit der Zeit unter einer Decke stecken.

Meine hübsche Denise hat sich die Nase richten lassen. Sie hat den Kopf weggedreht, um meinem verblüfften Blick auszuweichen. Hat sie gedacht, ich würde es nicht bemerken? Wie könnte eine von einem Chirurgen fabrizierte Nase auch eine Mutter täuschen, die immerhin für das Original verantwortlich ist? Wie oft bin ich mit den Fingern über diesen Höcker gefahren, der ihr das Profil einer ägyptischen Statue gab. Ich habe nichts gesagt, aber die Anmut, die sie durch die Scham über ihre Nase mit einer jugendlich anmaßenden Schüchternheit ausstrahlte, ist verpufft in der Gewissheit, sich endlich von einem Makel befreit zu haben.

Warum verändert ein Mensch sein Gesicht? Früher kam ein Mädchen oder ein Junge halt hübsch oder liebenswürdig oder mutig auf die Welt … War jemand eher tapfer als schön, tratschten die Nachbarinnen über die Unvollkommenheiten seines Gesichts oder seines Körpers. Aber im Grunde nahm man sein Schicksal an. Egal, ob hässlich oder schön, jung oder alt, man konnte lachen, und man konnte sich seines Daseins freuen, ohne jemandem lästig zu sein. Die Erinnerung daran, wie tolerant man doch war, macht mir die Ungerechtigkeit meiner jetzigen Situation noch stärker bewusst, aber soll ich mich dagegen auflehnen?

Sie haben ihr eigenes Leben, und … Ich suche schon wieder Entschuldigungen für sie. Dass die Kleine mich holen kommt, beweist, dass meine Töchter nicht den geringsten Versuch unternommen haben, mir zu helfen. Am Telefon wirkte Jade, als sei sie sich ihrer Sache sehr sicher, und wie sollte ich auch etwas ablehnen, das ich mir so sehr erhoffte? Möge ein guter Stern über die Freiheit meiner alten Tage wachen.

 

Ihre überstürzte Flucht würde diesem Tag eine besondere Note verleihen. Als Jade sie bat, nur die allernotwendigsten Kleider einzupacken, verspürte sie einen leichten Vorbehalt, aber die Dringlichkeit fegte ihn bald hinweg. Dass Mamoune einen Tag vor dem geplanten Umzug ins Pflegeheim heimlich ihr Häuschen verließ, kam einer Kriegserklärung an ihre Töchter gleich. Zumal es keine Diskussion gegeben hatte, in der sie ihre Unzufriedenheit über die getroffene Entscheidung hätte ausdrücken können. Ihr ganzes Leben war das ganze Gegenteil einer so unangekündigten, heftigen Rebellion gewesen. Jade hatte Angst, sie in eine Welt zu entführen, die nicht die ihre war. Sie war sich ihrer Sache keineswegs sicher. Sie kannte ihre Großmutter nur als besonnene und ruhige Frau, aber hatte Mamoune nicht selbst einmal gesagt, alles berge einen unwägbaren Teil in sich, alles könne sich plötzlich als befremdlich, also fremd erweisen?

All dies ging Jade durch den Kopf, während sie unaufhörlich mit Mamoune redete.

»Und die Wollsachen da drüben auf dem Bett, soll ich die auch einpacken?«

»In Paris ist die Luft feuchter als hier. Du könntest auch deine Nachttischlampe mitnehmen, ich weiß doch, wie sehr du daran hängst. Und mach dir keine Gedanken, in meinem Auto ist genug Platz, ich möchte, dass du dich bei mir wie zu Hause fühlst. Nimm alles mit, was du magst.«

Aus Angst, Mamoune könnte einen Moment des Schweigens nutzen, um zu kneifen, redete Jade ohne Unterlass. Mamoune trippelte von einem Zimmer ins nächste und schleppte Kleider und anderes Zeug herbei, das in den Koffer sollte. Sie klaubte ihre Sachen mit einer Emsigkeit zusammen, als ginge es darum, in Rekordzeit Indizien sicherzustellen. Als das Telefon klingelte, schreckte sie auf. Jade sah sie fragend an. Sie antworteten nicht, blickten einander ängstlich an und warteten, bis das Klingeln wieder aufhörte. Mamoune nutzte die Stille, um ihr mit reuevoller Stimme zu beichten, dass sie ja schon versucht habe abzuhauen, bevor Jade angerufen habe, um sie mitzunehmen. Nachdem ihre Tochter ihr mitgeteilt hatte, dass sie gemeinsam mit dem Arzt entschieden hätten, sie in dieses Haus in Annecy zu stecken, umgeben von Bäumen, komfortabel und mit medizinischem Personal, was doch viel besser für sie sei …

»Dass sie mich die ganze Zeit beruhigen wollte, kam mir ein bisschen verdächtig vor, weißt du. Schnell habe ich einen Koffer gepackt. Ich bin hinten durchs Gartentor, das auf den Friedhof geht. Ich hatte keine Ahnung, wohin, ich überquerte das Gräberfeld und wollte zu der verlassenen Straße, die hinterm Dorf vorbeiführt. Als ich mit meinem Rollkoffer über den Steinweg holperte, hatte ich das Gefühl, die Raben würden mich auslachen. In ihrem Krächzen hörte ich die Stimme der Toten: ›Ziehen Sie hierher, Madame? Kommen Sie da nicht etwas zu früh? Und den Koffer brauchen Sie hier nicht, bei uns geben die Besucher ihr Gepäck schon am Eingang ab.‹ Aber die vielen Steine, auf denen sich Geburts- und Sterbedaten aufreihten, haben mich getröstet. Ich sagte mir, dass ich immerhin noch lebte und dass meine Töchter nur zu meinem Wohl handelten.«

»Und? Hast du’s dir anders überlegt?«, fragte Jade.

Als Antwort legte Mamoune ihre Bibel oben in den Koffer und klappte ihn zu.

Obwohl ihre Tante erst am nächsten Tag kommen sollte, wollte Jade so schnell wie möglich losfahren. Sie war müde, aber wenn sie Mamounes Haus verlassen hatten, blieben ihnen unangenehme Begegnungen und Familienstreitigkeiten erspart, die Jade auf jeden Fall vermeiden wollte. Mamoune warf einen letzten schwermütigen Blick in ihr Zimmer, dann folgte sie ihrer Enkelin und bat sie, die Fensterläden und die Tür zu schließen, während sie auf der kleinen Bank wartete, auf der sie sich gewöhnlich ausruhte und ihre Blumen betrachtete.

Die ersten Kilometer fuhren sie schweigend. Mamoune schien vor sich hin zu dämmern. Sie war erschöpft von den Ereignissen. Jade sah immer wieder flüchtig zu ihr hinüber und konnte kaum glauben, dass sie achtzig war. Ihr Alter schien sich in der Liebe, die sie ausstrahlte, aufgelöst zu haben. Mamoune war ewig. Sie hatte Falten, ja, aber sie besaß zu jeder Jahreszeit eine gesunde Gesichtsfarbe und war nicht so fahl und ausgezehrt wie die alten Leute, die Jade in Paris über den Weg liefen. Selbst wenn Mamoune wütend war, was selten vorkam, hatte Jade nie erlebt, dass sie die sanfte, beinah lautlose Stimme verloren hätte, die ihr so eigen war. Sie hatte einen ganz leichten savoyischen Akzent, der stärker wurde, wenn sie über ihr Haus, ihren Garten oder ihre Liebsten sprach.

Wenn Jade sich Mamounes Alter vor Augen führte, ohne dieses Band zwischen ihnen zu sehen, bekam sie es mit der Angst. Angst, mit ihrer Entführung einen Fehler zu begehen, Angst, sich nicht richtig um sie kümmern zu können, Angst, sie belogen zu haben mit dem Versprechen, sie zu retten. Mehrere Male glaubte sie im Rückspiegel das Auto ihrer Tante Denise zu erkennen, die ihre Verfolgung aufgenommen hatte.

Und wenn ihre Tanten auf die Idee kamen, sie wieder von ihr fortzuholen? Was sollte sie dann sagen, wie sollte sie es verhindern? Bis dahin war sie nur die nette Nichte gewesen, mit der man über Literatur oder die Uni sprach, und sie wusste nicht, was ihre Tanten davon halten würden, dass sie sich nun als Verfechterin der Gerechtigkeit aufspielte und ihnen die Mutter entführte …

Obwohl ihr Vater sie unterstützte, machte sich Jade keine Illusionen: Polynesien war weit weg, die Konsequenzen dieser Entführung würde sie allein tragen müssen. Und die Sache mit der Vormundschaft war ihr auch noch völlig unklar. Wie erhielt man eine Vormundschaft für jemanden? Wer untersuchte den Betroffenen, um festzustellen, dass er nicht mehr in der Lage war, seine Angelegenheiten allein zu regeln? Konnten Mamounes Töchter sie auf diesem Weg zurückholen? Dieser ungewollte Krieg, der sie zwang, in ihren Tanten Feindinnen zu sehen, machte ihr schon jetzt zu schaffen.

 

Sie hatten ungefähr hundert Kilometer zurückgelegt auf dem Weg, den sie heute schon einmal gefahren war, als sie merkte, wie zerschlagen sie war. Sie beschloss, die Autobahn zu verlassen und ein kleines Hotel für die Nacht zu suchen. Wenn sie noch weiterfuhr, würde sie womöglich einschlafen. Plötzlich fühlte sie sich verantwortlich für ihre Großmutter und sagte sich, dass nun nichts mehr wie vorher war, dass sie ihr Leben nicht mehr mit der gleichen Unbekümmertheit führen könnte. Sie spürte, dass sie nicht mehr das Recht hatte, sich in Gefahr zu bringen.

Mamounes Geschichte lehrte Jade, dass man, auch wenn man einen Ehemann und vier Kinder gehabt hatte, sehr einsam werden konnte. Sechs Personen, die so viele Jahre miteinander gelebt hatten, sich ständig begegneten, ihre Mahlzeiten zusammen einnahmen in einem Haus, in dem ihr Gelächter widerhallte.

Mamounes Geschichte machte ihr Angst. Jade konnte es nicht ertragen, dass jemand, der anderen so viel Liebe geschenkt hatte, im Stich gelassen wurde. Aber war es nötig, gleich eine Rettungsaktion zu starten, um diese negativen Gefühle in den Griff zu bekommen? Sie wollte, dass ihre Großmutter nicht mehr einsam wäre, aber welche Rolle spielte ihre eigene Einsamkeit dabei? Und wäre Mamoune überhaupt weniger einsam, wenn Jade sie aus ihrer Welt herausriss, um sie in ihre eigene zu verpflanzen?

Es gab nur noch ein freies Zimmer in dem am Ufer eines Flüsschens gelegenen Gasthof, der früher einmal eine Mühle gewesen war, erklärte ihnen die Wirtin und führte sie herum. Sie hatten beide ein eigenes Bett in der Mansarde, deren einziges Fenster auf einen Wald hinausging. Jade sah, dass Mamoune trotz ihrer Müdigkeit versuchte, sich aufrecht zu halten.

»Erinnerst du dich noch, dass du immer bei mir im Zimmer schlafen wolltest, als du noch klein warst?«

Ja, sie erinnerte sich, wie sie darum gebettelt hatte, für die Zeit eines Mittagsschlafs in Mamounes Bett bleiben zu dürfen, das Gesicht in ihrem Kopfkissen vergraben, um den Veilchen- und Rosenduft darin zu schnuppern. Und wenn sie in ihrem Haus aus Stein und Holz übernachtete, wachte Jade gegen fünf Uhr morgens auf und kuschelte sich noch eine Weile an Mamoune, bevor die aufstand. Am Ende der Nacht in ihr Bett zu schlüpfen war der einzige Weg für das kleine Mädchen, seine Träume mit denen dieser zärtlichen Großmutter zu verbinden. Wie könnte sie das vergessen?

Anstelle einer Antwort drückte Jade ihr einen Kuss auf die Stirn und erklärte ihr, dass sie in ihrer kleinen Sechzig-Quadratmeter-Wohnung ihr eigenes Zimmer bekäme, wo sie nicht jede Nacht behelligt würde. Nur jede zweite, sagte Jade mit bettelnder Miene. Mamoune lachte. Du wirst sehen, dein Zimmer geht nach hinten raus, ins Grüne. Ich habe zwei Balkons. Einen an der Küche und noch einen vorm Esszimmer. Um die Ecke gibt es einen verwilderten kleinen Park. Er gehört zu einem Museum. Jade wusste, wie naturverbunden Mamoune war, die sie so viele Male in die Berge mitgenommen hatte, wo sie mühelos jede Pflanze bestimmte und ihr erklärte, wie sie in der Küche oder als Heilpflanze zu gebrauchen war. Ihr grüner Daumen und ihr Wissen verwandelten sie in eine Zauberin, die das Geheimnis der Zubereitung von magischen Elixieren kannte und deren Zutaten in ihrem Garten züchtete.

Sie betrachtete Mamoune, die in diesem gemütlichen Zimmer ganz verloren wirkte.

»Hast du Hunger?«

Mamoune

Ich habe schlecht geschlafen. Ich sah, wie die Tür aufging und Denise in unserem Zimmer erschien, um mich zurückzuholen. Sie schlich sich durch die Dunkelheit, um Jade nicht zu wecken, und nahm mich einfach mit. Kein Ton kam mir über die Lippen. Was für ein dummer Traum! Warum fühle ich mich so schuldig? Heute Morgen sind wir ganz früh im Nebel aufgebrochen, und ich habe Jade nichts von der furchtbaren Nacht erzählt. Im Auto habe ich dann ein kleines Nickerchen gemacht. Wahrscheinlich hält sie mich für ein verschlafenes Murmeltier.

Liegt es an der hügeligen Landschaft oder am morgendlichen Nebeldunst, dass meine Gedanken so melancholische Wege gehen? Ich erinnere mich an meine Mutter, wenn sie zu einer Geburt ging. Sie versteckte ein paar Kerzen unter ihrem Umhang, wenn sie wusste, dass die Familie, die das neue Wesen empfangen sollte, arm war und mit der Sonne schlafen ging, um kein Licht machen zu müssen. Ich erinnere mich an meinen Großvater, an seinen Karren und an den Tod seines einzigen Pferdes, der die Familie in eine Isolation stürzte, die man vor dem kleinen Mädchen, das ich war, kaum verbergen konnte … Während der ganzen Fahrt reihten sich Episoden aus meinem Leben aneinander, ohne dass ich sie aufhalten konnte. Noch jetzt ziehen sie im Geiste an mir vorüber.

Wir sind jetzt fast im Herzen von Paris angekommen. Jade muss sich im stockenden Verkehr ganz auf das Fahren konzentrieren, und ich hänge meinen Alte-Frauen-Grübeleien nach. Sie hat gesagt, sie wohnt in einer Straße hinter der Place Pigalle und dass ihr Viertel wie ein Dorf und zugleich ein kleines Stück einer Großstadt sei. Ich frage mich, wie das gehen soll.

Ich hatte genügend Zeit nachzudenken, während ich die Bäume zählte, und bis an die Tore der Hauptstadt erschien mir die Fahrt, die uns zu Jade führte, wie eine Flucht. Dann ließen wir die Stadtautobahn hinter uns und tauchten in eine andere Welt ein. Ich suche nach prächtigen Denkmälern und versuche sie zu identifizieren. Ich habe die Stadt, die ich in den fünfziger Jahren zuletzt gesehen habe, kaum wiedererkannt. Die Gebäude stehen noch, aber sie scheinen versunken in einem endlosen Strom von Verkehr, Lärm und ekelerregendem Gestank. Die Passanten sehen aus, als liefen sie neben ihrem eigenen Körper her. Ich beobachte heimlich das hübsche ovale Gesicht meiner dreißigjährigen Enkelin. Ich erinnere mich, dass sie sich auf einer ihrer ersten Reisen das lange blonde Haar abschneiden ließ. Eine junge Reporterin muss ihre Eitelkeit den praktischen Erfordernissen opfern, sagte sie. Jetzt reicht es ihr gerade noch bis zu den Schultern, wenn sie den Kopf nach hinten wirft, um sich im Feierabendverkehr zu orientieren. Unsere Blicke treffen sich. Ihre großen, haselnussbraunen Augen lächeln mich an. Befreit von ich weiß nicht welcher Last, schlängelt sie sich geschickt zwischen den Autos hindurch. Sie strahlt eine herrliche Unbekümmertheit aus. Ich merke, wie glücklich sie ist, es bis hierher, in ihre Stadt geschafft zu haben, als wäre meine Entführung damit unangreifbar, als könnte man uns nun nicht mehr einholen. Doch man darf die Wut meiner Ältesten nicht unterschätzen, die bestimmt versuchen wird, mich aus Paris zurückzuholen.

Ohne meine Gedanken zu erahnen, begleitet meine Enkelin ihre geschickten Lenkmanöver mit Kommentaren über die Sitten und Gewohnheiten der Pariser. Ich glaube der Beschreibung eines Völkchens ungezähmter Barbaren zu lauschen. Es gibt keine Gemeinsamkeit mehr zwischen dem, was meine Augen sehen, und dem, was sie mir erzählt. An diesem Spätnachmittag sind die Straßen belebt, es herrscht dichter Verkehr. Ich bin müde, voller Zweifel. Vielleicht bin ich schon zu alt für solche Abenteuer. Ich glaube, ich lebe in einer Welt, die nicht mehr die meine ist. Ich fürchte mich davor, die wenigen persönlichen Sachen auszupacken, die wir in der Eile mitgenommen haben. Warum macht man in meinem Alter aus allem ein Drama? Unsereins hat doch schon Schlimmeres erlebt …

Es ist das erste Mal, dass ich fliehe. Nicht einmal in Kriegszeiten musste ich mich verstecken oder mein Dorf verlassen. Ich überbrachte die Botschaften zwischen den auf den Almen versteckten Partisanen und den Führern der Résistance von Annecy. Fast ein Spaziergang. Ich bin alt, daran besteht kein Zweifel. Ich kehre zurück zu meinen Erinnerungen. Jade hat das Auto auf einem kleinen Platz mit Bäumen geparkt, der, sagte sie, den Fußgängern vorbehalten ist. Sie windet sich aus ihrem Sitz, richtet ihre Einmeterfünfundsiebzig auf und streckt sich mit gerunzelter Stirn. Ich glaube, sie wägt das Risiko eines Strafzettels ab. Die Glocken läuten, als wollten sie unser Kommen begrüßen. Sie lächelt. Der Mann, der die hergestellt hat, kommt aus deiner Gegend. Was wir hören, sind die Glocken von Montmartre. Du wirst dich hier wie zu Hause fühlen, wirst schon sehen. An meinem Briefkasten klebt sogar schon dein Name. J. Coudray, weil unsere Vornamen mit dem gleichen Buchstaben beginnen. Voller Stolz stelle ich fest, dass die kleine Tochter meines Sohnes Serge eine schöne und schlanke junge Frau geworden ist. Die Freude über die Ankunft hat jede Müdigkeit aus ihrem Gesicht vertrieben. Sie genießt das Privileg der Jugend. Ganz im Gegensatz zu mir …

 

Jetzt, wo ich mit ihr zusammenlebe, werde ich jeden Tag mit diesem Graben konfrontiert sein. Man gewöhnt sich daran, allein zu leben. Als Jean starb, dachte ich, die Welt würde einstürzen. Ich hatte Angst, fortan sichtbar zu sein, weil er meine Fehler, meine Schwächen nicht mehr verstecken, mich nicht mehr beschützen konnte. Doch nichts von alldem geschah. Ich stellte lediglich fest, dass ich älter geworden war. Mein Leben mit Jean hatte mir diese Tatsache verschleiert. Ich hatte mich immer mit seinen Augen gesehen, den Augen unserer Jugend, denn auch ich sah ihn nicht mit dem Lauf der Zeit voranschreiten.

Niemand interessiert sich für das Alter. Je mehr Alte es gibt, desto jünger werden sie. Ich erinnere mich an eine Zeit, in der ich alte Leute auch so nennen konnte, ohne das Gefühl zu haben, dass ich einen groben Schnitzer beging. Heute sagt man nicht mehr alt, man sagt jung geblieben. Und die Achtzigjährigen heißen Fünfzig plus, neueste Koketterie einer neuen Spezies, die solche verbalen Verrenkungen noch auf infame Weise unterstützt. Mit seinem Alter gut zurechtkommen bedeutet, sich eine zweite Jugend zu erfinden. Was für ein entwaffnendes Paradox! Verjüngen oder verschwinden, das ist die Wahl. Ich nehme es ihnen nicht übel. So sieht es aus: Als ich jung war, waren die Alten noch alt, und jetzt, wo ich alt bin, sind die Alten es sich schuldig, jung zu sein. Wir müssen uns damit abfinden. Wir leben in einer Welt, in der unser Alter danach bewertet wird, ob man es uns ansieht. Und immer mehr von uns verstecken sich in Altersstufen, die nicht zu ihnen passen. Das scheint so eine Art Krieg unter den Lebenden zu sein. Und all jene, bei denen auch Schummeln nichts mehr hilft, verstecken wir, so gut es geht.

Ich weiß, diese verrückte Entscheidung, unsere Flucht, führt mich in eine Abhängigkeit, doch ich möchte der Kleinen auf gar keinen Fall zur Last werden. Heute Morgen im Hotel hat Jade mir meine Bedenken wohl angesehen und mir eilig ins Ohr geflüstert, ich solle sie erst einmal bezahlen lassen, wir würden das Finanzielle dann nach unserer Ankunft in Paris regeln. Ich sehe glasklar vor mir, wie absurd meine Situation ist. Ich habe mich davongestohlen wie eine Diebin. Nicht einmal meine Post wird mir nachgeschickt. Wenn man auf der Flucht ist, denkt man nur daran, seine Haut zu retten. Wovor wollte ich eigentlich fliehen? Vor dem Eingesperrtsein oder vor dem Alter? Alles schön und gut, aber was stelle ich nun an in dieser Stadt und in Jades Leben?

 

Ich könnte dir vielleicht helfen … Eine kurze Bemerkung, kaum hörbar dahingesagt von ihrer Großmutter und doch Ursache einer großen Entdeckung, die Jade an diesem Sonntag machte. Ihre Mamoune kannte sie von jeher, und seit einer Woche lebten sie nun zusammen. Doch erst an diesem Tag lernte Jade Jeanne kennen.

Anfangs verstand sie das Angebot ihrer Großmutter nicht, der es sehr unangenehm war, dass sie ihr Telefongespräch mit einem Freund mitangehört hatte. Darin ging es um den Roman, den Jade geschrieben hatte und veröffentlichen wollte. Da sie keine Beziehungen zu Verlagen hatte, verschickte sie das Manuskript auf gut Glück und hoffte, wenn er gut genug sei, würde ihn schon jemand nehmen. Sie erhielt nur Absagen, und selbst den Verlegern, die sich positiv über den Roman äußerten, fehlte offenbar der entscheidende Enthusiasmus, der ihr Manuskript in ein richtiges Buch aus Seiten und mit einem Umschlag hätte verwandeln können. Es hieß, sie verfüge über erzählerisches Talent, einzelne Passagen seien ihr gut gelungen und manchen Probelesern hätten ihre Beschreibungen durchaus gefallen … Kurz und gut, meist erhielt sie eine lapidare Mitteilung, dass ihr Roman nicht in das jeweilige Verlagsprofil passe, ansonsten wäre alles schön und gut. Da die Ansprechpartner sich hinter der anonymen Bezeichnung »Lektorat« versteckten, stellte Jade sich schließlich eine Ansammlung alter Knacker mit Brille vor, die hinter Stapeln von Manuskripten hockten und viel mehr daran interessiert waren, diese wieder loszuwerden, als eines davon auszuwählen und zu publizieren. Jade hatte resigniert, sie hatte den Traum der Veröffentlichung auf später verschoben und sich wieder ihrem eigentlichen Broterwerb zugewandt.

Jade war eine gewissenhafte und engagierte freie Journalistin, sie verfügte über Erfahrung und über einen Kreis von Auftraggebern, die sie mehr oder weniger regelmäßig beschäftigten und ihr immer mehr Recherchearbeit für immer weniger Geld aufhalsten.

Und nun wollte Mamoune ihr helfen! Wie denn? Sie hatte Angst nachzufragen, Angst, sie zu kränken, wenn sie ihr zu verstehen gab, dass sie in ihren Augen keine Ahnung von Literatur hatte. Aber sie hätte schon gern erfahren, wie Mamoune ihrem Roman das fehlende gewisse Etwas verleihen wollte. Vielleicht mit gesundem Menschenverstand und Instinkt? Vermutlich hatte Mamoune in den vergangenen sechzig Jahren nur die Lokalzeitung gelesen. Ach ja, aus Gefälligkeit hatte sie eine Zeitlang ehrenamtlich als Bibliothekarin gearbeitet. Allerdings bezweifelte Jade, dass diese Erfahrung sie zu der richtigen Lektorin für ihr abgelehntes Manuskript machte.

Ihre Großmutter betrachtete sie leicht amüsiert, als würde sie ihre Gedanken lesen und wahnsinnig komisch finden.

»Wenn du uns einen Tee kochst, setze ich mich zu dir und erkläre dir, warum ich dir meine Hilfe anbiete.«

Als Jade Wasser aufsetzte, zitterte sie ein bisschen, als ahne sie, dass das, was Mamoune ihr enthüllen wollte, alles andere als banal wäre. Während sie wie gewohnt die Teekanne vorwärmte und Tee in den Filter rieseln ließ, erinnerte sie sich, dass sie es gewesen war, die Mamoune an dieses Getränk herangeführt hatte, als sie keinen Malzkaffee mehr trinken mochte. Mamoune nutzte die Gelegenheit und begann mit ihrer Geschichte. Sie erzählte fast flüsternd, als würden sie von jemandem belauscht, und neugierig schien sie auf Jades Reaktionen zu lauern.

»Ich habe immer viel gelesen, schon vor ganz langer Zeit. Ich bin eine begeisterte Leserin, ein richtiger Büchernarr, kann man sagen. Bücher waren meine heimliche Liebe, mit ihnen habe ich deinen Großvater betrogen, der unser ganzes gemeinsames Leben lang nichts davon wusste.«

Jade fand, dass Mamoune ihr diese Neuigkeit unterbreitete, als sei sie auf den Strich gegangen, sie machte aus dem Lesen etwas geradezu Lasterhaftes. Ihr Gesicht hatte sich verändert. Zugleich verschämt und entzückt, schien ihre Großmutter auf einmal eine ganz andere zu sein, und viel jünger.

»Warum hast du nie etwas davon erzählt? Niemand hätte es anstößig gefunden, dass du gern liest.«

Mamoune schüttelte seufzend den Kopf, was bei ihr stets ein Zeichen dafür war, dass sie die Wendung, die das Gespräch nahm, zutiefst missbilligte.

»Versetz dich mal zurück in meine Zeit. Ich war eine kleine Arbeiterin in einem Industriegebiet, Tochter von Bergbauern und später die Frau eines Arbeiters. Ich hatte die Grundschule bis zum Ende besucht, was in dieser Gegend schon eine Seltenheit für ein Mädchen war. Ich hütete Kinder, allem Anschein nach gut, denn mir wurden andauernd neue gebracht. Das war keine große Kunst für mich, denn ich liebte sie. Und sie gaben mir die Möglichkeit, heimlich zu lesen. Ich konnte den Babys Auszüge von Victor Hugo, Flaubert oder Joyce vorlesen.«

»Du hast Kinder gehütet und ihnen Joyce vorgelesen?«

Mamounes Enthüllung war ungeheuerlich. Das war ja Stoff für einen Roman! Aber Mamoune schien nicht zu scherzen.

»Ja, deine Brüder mussten während des Mittagsschlafs, wenn es niemand hören konnte, Passagen aus dem Ulysses über sich ergehen lassen. Da war diese Musik in der Sprache. Du musst wissen, dass ich mich damals darin übte, immer schwierigere Texte laut zu lesen.«

»Ich verstehe immer noch nicht, was in dir die Lust geweckt hat, so intensiv zu lesen. War es die Schule?«

»Nein, das kam erst viel später. Als kleines Mädchen las ich zwar auch gern, aber ich musste meinen Eltern auf dem Hof helfen, zumal meine Mutter immer von der einen oder anderen Frau gerufen wurde, um bei der Geburt zu helfen. Und bei uns zu Hause gab es keine Bücher. Eines Tages, ich erwartete mein viertes Kind, verließ die Frau des Notars, deren Kleine ich gehütet hatte, unser Dorf, um in die Stadt zu gehen. Gesegnet sei diese Frau, denn sie brachte mir einen Karton voller Bücher, den sie nicht mitnehmen konnte. Darunter waren die Comtesse de Ségur, Jack London, Victor Hugo, Colette, Jules Verne, Edmond Rostand und sogar Klassiker des Dramas wie Molière und Racine. Als Erstes wollte ich die Geschichten von Jules Verne wiederentdecken, die mein Großonkel uns vorgelesen hatte. Dann warf ich einen Blick in Die Elenden, dann in den Rest und gewöhnte mir an, jeden Tag ein paar Seiten zu lesen, jeden Tag immer mehr. Was für eine wunderbare Offenbarung! Woche für Woche schlug ich mit klopfendem Herzen die Bücher auf. Und erst die Theaterstücke! Ich hatte nie eine Aufführung gesehen, aber ich darf sagen, dass ich fast alle Rollen auswendig wusste! Vor allem die von Alceste, diesem außergewöhnlichen Menschenfeind!«

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