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Frühstück bei Giovanni

1. KAPITEL

Sie sah aus, als sei die Welt untergegangen. Über eine leere Tasse gebeugt, starrte sie aus dem Fenster, ohne etwas zu erkennen.

Giovanni konnte dieses Elend nicht länger mit ansehen. Also tat er genau das, was sein Vater getan hätte. Und das, obwohl er schon vor zehn Minuten schließen wollte. Er machte einen Cappuccino und stellte ihn vor die Frau auf den Tisch. „Hier“, sagte er leise.

Überrascht schaute sie auf. „Ich …“ Offensichtlich wollte sie protestieren, weil sie keinen neuen Kaffee bestellt hatte. Doch dann lächelte sie traurig und umschloss die Tasse mit beiden Händen, so als würde die Wärme ihr guttun. „Danke.“

„Kein Problem.“ Er reichte ihr ein Schokostäbchen. „Sie sehen aus, als könnten Sie es brauchen.“

„Stimmt“, gab sie zu. „Vielen Dank, Sie sind sehr aufmerksam.“ In der Handtasche suchte sie nach ihrem Portemonnaie. „Wie viel schulde ich Ihnen?“

„Nichts“, erklärte er mit einer abwehrenden Handbewegung.

Stirnrunzelnd fragte sie: „Wollen Sie Ärger mit Ihrem Boss bekommen?“

„Keine Sorge.“ Er lächelte. „Außerdem sind Sie Stammgast.“

Ihr Blick aus den wunderschönen blauen Augen – von derselben Farbe wie ein Sommerhimmel – wurde wachsam. „Wie meinen Sie das?“

Er zuckte die Achseln. „Jeden Mittwochmorgen um zehn nach neun bestellen Sie einen Cappuccino und ein Mandelcroissant zum Mitnehmen.“

Ihr Misstrauen verwandelte sich in Nervosität. „Woher wissen Sie das?“

Oh Gott. Womöglich hielt sie ihn für einen Verrückten, der sie beobachtete und sie verfolgte. Er hätte die Uhrzeit nicht erwähnen sollen. „Wenn man lange genug hier arbeitet, lernt man die Gäste kennen“, sagte er leichthin, in der Hoffnung, sie damit zu beruhigen. „Ich habe keine Croissants mehr, also habe ich Ihnen stattdessen die Schokolade mitgebracht. Das ist es doch, was Frauen brauchen, wenn es hart auf hart kommt, oder? Jedenfalls erzählen mir meine Schwestern das immer.“

„Das stimmt. Danke.“ Sie wirkte, als würde sie gleich in Tränen ausbrechen.

„Möchten Sie reden?“

Sie schaute sich um und stellte fest, dass sie der einzige Gast war. „Oh, Entschuldigung. Ich halte Sie auf.“

„Ganz und gar nicht. Aber würde es Ihnen etwas ausmachen, wenn ich kurz abschließe?“

Francesca dachte darüber nach. Ein Mann, der ihr Kaffee und Schokolade ausgab, konnte kein schlechter Kerl sein, oder? Er wusste zwar, was sie jeden Mittwochmorgen bestellte, aber, wie er sagte, lernte man die Vorlieben seiner Stammkunden rasch kennen. So wie sie selbst: Auch sie erkannte auf Anhieb, warum jemand anrief, und wusste sofort, ob sie ihn durchstellen sollte oder eher vertrösten konnte.

„Überhaupt nicht“, sagte sie.

Er verriegelte die Tür, drehte das Schild um, sodass das „Closed“ von außen zu lesen war, schaltete ein paar der Lampen aus und setzte sich ihr gegenüber. „Gio Mazetti“, sagte er und streckte die Hand aus.

Fran erwiderte den Händedruck und war überrascht von dem plötzlichen Kribbeln in ihren Fingerspitzen. „Fran Marsden. Nochmals danke für den Kaffee, Joe.“

„Gio“, korrigierte er sie lächelnd. Diesmal hörte sie den Unterschied. Das G, das I und das O schienen weich ineinanderzufließen. „Das ist die Kurzform für Giovanni“, fügte er hilfsbereit hinzu.

Endlich fiel der Groschen. Natürlich würde er keinen Ärger bekommen, weil er ihr einen Kaffee ausgegeben hatte. Denn das Café hieß „Giovanni’s“. „Der Laden gehört Ihnen.“

Er hob eine Schulter. „Es ist ein Familienunternehmen … aber ich habe die Verantwortung.“

„Ich, äh …“ Sie erhob sich von ihrem Sitz, verlegen wegen ihrer Naivität. „Sorry.“

Der Italiener lachte. „Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen. Ich bin froh, dass ich hier als barista arbeiten kann. Es gibt nichts Schlimmeres als einen Boss, der sich aufspielt, anstatt sich nützlich zu machen.“

Sein Lachen klang sympathisch. Die Zähne waren weiß und gleichmäßig. Fran ahnte, dass Gio Mazetti sich durch harte Arbeit in Form hielt anstatt im Fitnessstudio, denn er sah gut aus, ohne eitel zu sein.

„Also. Wollen Sie mir erzählen, was Sie bedrückt?“ Als sie nichts sagte, fügte er leise hinzu: „Meine nonna, meine italienische Großmutter, sagt immer, geteiltes Leid ist halbes Leid.“

Eine Binsenweisheit. Genau so ein Spruch könnte auch von ihrer Mutter kommen.

Ihre Mutter …

Frans Lächeln erstarb, bevor es eine wirkliche Chance bekam. Heute Abend musste sie ihre Eltern anrufen und ihnen beichten, dass sie eine Versagerin war. Von den vier Geschwistern hatte sie nicht nur als Einzige keinen Hochschulabschluss, jetzt war sie auch noch die Einzige ohne einen anständigen Job. Aber schließlich war sie auch das einzige Adoptivkind der Marsdens.

Sie seufzte. „Ich habe heute meinen Job verloren.“

„Das ist hart.“

Gio hatte recht – es tat gut, darüber zu reden. Das miese Gefühl, es nicht geschafft zu haben, wurde schwächer. „Mein Chef hat beschlossen, dass er eine neue Herausforderung braucht. Also verkaufte er das Geschäft, um zu reisen und herauszufinden, was er mit seinem Leben anfangen will.“ Sie zuckte die Achseln. „Ein Konkurrent hat den Laden gekauft. Und man braucht keine zwei Büromanager, wenn man zwei Firmen zusammenlegt und die Kosten reduzieren muss.“

„Sie sind also Büromanagerin?“

„War“, korrigierte sie und verzog das Gesicht. „Kümmern Sie sich nicht um mich. Ich jammere nur etwas rum.“ Sie schluckte. „Ich werde schon etwas anderes finden. Es ist nur so, dass ich meinen Job wirklich mochte und es leider nicht allzu viele Tonstudios in der Stadt gibt.“

Interessiert sah er sie an. „Was macht ein Tonstudio?“

„Wir produzieren Jingles für Radiosender, Werbung, Hörbücher und Spezialeffekte – Sie wissen schon, galoppierende Pferde, Feuerwerk und so etwas.“

„Sie haben also all die berühmten Schauspielerinnen und Schauspieler kennengelernt?“

„Es sind nicht immer bekannte Namen. Aber ein paar von ihnen habe ich engagiert“, erwiderte sie lächelnd.

„Sie waren für die Engagements verantwortlich?“

„Die endgültige Entscheidung lag nicht bei mir, aber ich habe Vorschläge gemacht und alles organisiert. Ich habe dafür gesorgt, dass jeder weiß, was er zu tun hat.“ Und sie war gut, das wusste sie. Viel wichtiger jedoch als das gute Gehalt war das Gefühl, ihren Platz gefunden zu haben. Sie biss sich auf die Lippe. „Ich werde es schrecklich vermissen. Aber das Leben geht weiter. Ich werde schon drüber hinwegkommen und irgendwas anderes finden.“ Sie warf einen Blick auf die Uhr. „Sorry, ich habe Sie wirklich lange aufgehalten.“

Gio schüttelte den Kopf. „Das ist wirklich kein Problem, Fran. Der Feierabend gehört mir. Obwohl ich noch die Maschinen sauber machen muss. Leisten Sie mir doch an der Bar dabei Gesellschaft, dann können wir uns weiter unterhalten.“

Fran sah ihn zum ersten Mal richtig an. Auf der Skala für Traumprinzqualitäten erreichte Gio Mazetti eindeutig die höchste Punktzahl. Olivfarbene Haut, dunkle glatte Haare, die ihm in die Stirn fielen, ein sinnlicher Mund – und atemberaubende Augen. Bei seinem dunklen Teint und dem italienischen Namen hätte sie ein tiefes Schokoladenbraun erwartet. Stattdessen waren die Augen blau. Ein hypnotisierendes, tiefes Mitternachtsblau.

Sie folgte ihm zur Bar.

„Wann ist Ihr letzter Tag?“, fragte er.

Das war es, was sie so umgehauen hatte. „Es ist alles wahnsinnig schnell gegangen. Heute Nachmittag habe ich meinen Schreibtisch geräumt. Mein Gehalt bekomme ich noch fünf Monate lang weitergezahlt.“

„Das ist ziemlich großzügig“, bemerkte er und begann, den Kaffeeautomaten auseinanderzunehmen.

„Ich habe fünf Jahre lang in dem Studio gearbeitet. Die Vereinbarung lautet, dass ich für jedes Jahr ein Monatsgehalt bekomme. Aber sie sieht auch vor, dass ich in dieser Zeit keinen meiner früheren Kunden kontaktieren darf.“

„Damit Sie, wenn Sie zur Konkurrenz gehen, keine Kunden mitnehmen können.“

Er hatte ins Schwarze getroffen, und Frans Stimmung sank auf den Nullpunkt. „In fünf Monaten sind meine Kontakte veraltet, weil sich in der Werbung alles so schnell verändert. Vorausgesetzt, ich finde überhaupt einen Job in einem Studio. Der Markt dafür ist nicht besonders groß, selbst in London nicht.“ Sie zuckte die Achseln. „Immerhin sind meine Fähigkeiten vielseitig einsetzbar. Vielleicht versuche ich es bei ein paar Werbeagenturen.“

„Erzählen Sie mir, was alles zu Ihren Aufgaben gehörte“, sagte Gio.

„Ich war zuständig für die Belegungspläne der Studios und wusste immer, wo noch etwas Luft für eilige Aufträge war, oder welcher Sprecher gerade an welcher Sache arbeitete. Ich habe den Kontakt zu den Radiosendern und den Hörbuchverlagen gehalten und Zeitpläne erstellt. Außerdem habe mich darum gekümmert, dass Rechnungen und Gehälter rechtzeitig bezahlt wurden.“

„Hm.“ Die Maschinen waren sauber, und Gio lehnte sich an den Tresen. „Sie können also gut organisieren, eine Menge Projekte gleichzeitig betreuen und mit den unterschiedlichsten Menschen umgehen.“

Das war eine ziemlich gute Zusammenfassung. „Ja.“

„Verstehen Sie etwas von Finanzen?“

„Ich habe etwas Grundwissen in Sachen Buchführung, kann mit einer Tabellenkalkulation umgehen und Diagramme erstellen“, sagte sie.

„Kennen Sie sich mit Einnahmen-Überschussrechnungen aus?“

„Ich müsste mich da erst einarbeiten, aber ich denke, ich würde es hinkriegen.“

„Und wie sieht es mit Gewinnkalkulation aus? Sagt Ihnen der Unterschied zwischen fixen und variablen Kosten etwas?“

Sie nickte.

Er lächelte. „Wunderbar. In diesem Fall möchte ich Ihnen etwas vorschlagen.“

„Was denn?“

„Ein Geschäft.“

Natürlich, was sonst? Einige der Schauspieler im Studio hatten freundlich mit ihr geflirtet, aber Fran wusste aus Erfahrung, dass Männer in ihr vor allem eine Kollegin oder Freundin sahen. Sie kamen zu ihr, um sie um Rat zu fragen, wie sie das Mädchen ihrer Träume für sich gewinnen konnten, aber nicht, um sie zu erobern. Doch Fran war zufrieden mit dieser Rolle. Im Moment war ihr Leben ohnehin kompliziert genug, auch ohne das Durcheinander einer romantischen Affäre.

„Vielleicht ist das die Lösung von gleich zwei Problemen, Ihrem und meinem“, fügte Gio geheimnisvoll hinzu. „Gehen Sie mit mir essen, und ich werde es Ihnen erklären.“

Essen gehen? Hatte er keine Frau und Kind, die zu Hause auf ihn warteten? Er schien ihr die Frage an der Nasenspitze ansehen zu können, denn sein Lächeln wurde breiter. „Bevor Sie fragen: Ich bin Single. Meine nonna sagt, kein Mädchen mit ein bisschen Grips im Kopf wird sich mit einem Workaholic einlassen. Sie sagt auch, dass ich endlich eine Familie gründen soll, ehe ich dreißig bin und es zu spät ist.“ Er lachte. „Ich habe ernsthaft überlegt, ihr zu sagen, dass ich schwul bin.“

Fran spürte die Enttäuschung wie einen kalten Schauer. Männliche Prachtexemplare waren immer entweder seit Jahren in festen Händen oder schwul. Oder sie stellten sich schließlich doch als Idioten heraus.

„Doch abgesehen davon, dass ich es nicht bin …“

Oh. Nicht vergeben und nicht schwul. Gehörte er also zur letzten Kategorie?

„… würde sie es mir ohnehin nicht glauben. Ich bin nämlich ein miserabler Lügner.“

Also doch kein Idiot? War Gio vielleicht die Ausnahme, die die Regel bestätigte?

Er lächelte sie an. „Machen Sie nicht so ein besorgtes Gesicht. Ich versuche Ihnen zu sagen, dass Sie von mir nichts zu befürchten haben. Ich werde nicht versuchen, Sie anzubaggern.“

Bis zu einem gewissen Punkt meinte Gio sogar, was er sagte. Schon vor Wochen war Fran Marsden ihm aufgefallen. Sie war still, vielleicht sogar ein wenig schüchtern, wusste aber immer genau, was sie wollte. Stets hatte sie das passende Kleingeld und ein Lächeln für den barista parat, der ihr den Cappuccino brachte. Ihre tüchtige und liebenswürdige Art gefiel Gio, sodass er regelmäßig mittwochs die Frühschicht im Café in der Charlotte Street übernahm. Selbst wenn er sie nicht bediente – allein sie zu sehen war ein kleiner Lichtblick mitten in der Woche.

Aber er hatte nie daran gedacht, sich ihr weiter zu nähern. Nur zu gut wusste er, dass man Arbeit und Vergnügen nicht vermischen sollte, und noch nie hatte er bei einem Gast diese Grenze übertreten.

Außerdem hatte nonna recht. Es hatte keinen Zweck, mit ihr zu flirten, weil jede Frau sich über seine viele Arbeit beschweren würde. Es wäre einfach nicht fair, ihr eine Beziehung vorzuschlagen, wo sie gerade ihr Leben neu sortieren musste. Er selbst steckte viel Zeit ins Giovanni’s, weil er keine Idee hatte, was er stattdessen machen könnte.

Außer …

Nein. Dieser besondere Traum war begraben und vergessen.

Doch wenn Fran die Idee, die er schon seit ein paar Monaten mit sich herumtrug, gefiel, könnte er ihr helfen und bekäme vielleicht gleichzeitig seine Ruhelosigkeit besser in den Griff. Er wusste, dass er impulsiv handelte, aber er hatte schon immer eine gute Menschenkenntnis gehabt. Ziemlich sicher war Fran Marsden genau die Frau, die er brauchte. „Ich denke, es könnte uns beiden guttun“, sagte er. „Also, werden Sie heute Abend mit mir essen gehen? Ich kenne die beste Pizzeria in London.“

„Pizza?“, fragte sie mit einem winzigen Aufblitzen in den Augen.

Er lachte. „Was sollte ein Italiener sonst vorschlagen?“

Zu seinem Vergnügen begannen ihre Augen regelrecht zu funkeln. Wenn sie richtig lächelte, sah sie einfach umwerfend aus und schien von innen her zu strahlen.

„Marinierter Mozzarella“, sagte sie. „Panna cotta. Ciabatta mit Knoblauchbutter.“

Diese Frau war auf seiner Wellenlänge. Sie schien das Essen wirklich zu genießen, anstatt an einer Selleriestange zu knabbern und dann zu jammern, sie hätte zu viel gegessen. Offensichtlich hatte sie mehr Freude an einer gemeinsamen Mahlzeit als am Kalorienzählen. „Das“, sagte er, „klingt noch besser. Also abgemacht? Ich lade Sie ein, und Sie hören sich meinen Vorschlag an?“

Kopfschüttelnd entgegnete sie: „Ich habe vielleicht gerade meinen Job verloren, aber ich kann immer noch für mich allein zahlen.“

Keine Frau, die schnell Ja sagte. Sie gefiel ihm immer besser. Fran war genau das, wonach er gesucht hatte. „Abgemacht“, sagte er. Eine Menge Papierkram wartete noch auf ihn, doch die Bankgeschäfte hatte er bereits erledigt und das Wechselgeld war im Tresor gut aufgehoben. „Also gehen wir.“

Zwanzig Minuten später saßen Fran und Gio in einem winzigen italienischen Restaurant in Fitzrovia. Die Einrichtung war klassisch. Schwarz-weiß gefliester Boden, amberfarbene Wände, Bistrotische mit Marmorplatten, schmiedeeiserne Stühle mit dicken burgunderroten Polstern, dazu eine Tafel mit dem Tagesmenü und Kerzen in leeren Chiantiflaschen.

Man kannte Gio offensichtlich, denn der Kellner alberte mit ihm herum, ehe er sie zum besten Tisch führte.

„Sind Sie häufiger hier?“, fragte Francesca.

„Hier gibt es das beste Essen von ganz London. Meine Familie kommt oft her, um Geburtstage und alles Mögliche zu feiern, für das sich ein Vorwand finden lässt.“

Der Kellner tauchte wieder neben ihnen auf und reichte ihnen die Karte. „Wobei du immer zu spät kommst, Gio. Viel Arbeit und überhaupt kein Zeitgefühl. Wenn es nach nonna ginge, müsste ich jetzt mit dir schimpfen.“

Gio lachte. „Nur zu, Marco. Sie würde dir aber auch sagen, dass der Gast König ist.“

Du zählst nicht als Gast“, antwortete Marco und lachte ebenfalls.

„Aber Sie, Signorina, sind selbstverständlich unser Gast.“ Er stellte einen Teller mit Vorspeisen zwischen sie. „Lassen Sie sich bloß nicht überreden, ihm Ihren Anteil zu überlassen.“

„Als ob ich jemals … oh!“ Gio machte große Augen. „Essen Sie nur nichts davon, Fran, es ist ungenießbar. Ich werde mich für Sie opfern.“

Marco tat, als würde er ihm einen Klaps geben. „Ich bin gleich zurück und nehme eure Bestellung auf. Und benimm dich, oder ich werde mamma erzählen, was du über ihre Kochkünste gesagt hast.“ Er zwinkerte und verschwand.

„Ist dieser Käse wirklich …“, fragte Fran unsicher.

„Nein, sie sind alle fantastisch. Ich wollte Sie nur aufziehen.“ Gio lächelte entschuldigend. „Es tut mir leid, ich hätte Ihnen sagen sollen, dass Marco mein Cousin ist.“

Sie warf einen Blick auf den Kellner, der gerade an einem anderen Tisch bediente. Jetzt, wo Gio es erwähnte, konnte sie eine gewisse Ähnlichkeit erkennen. Doch obwohl Marco ebenfalls gut aussah und charmant war, hatte Gio noch etwas Besonderes an sich. Alle anderen Frauen im Raum schienen es ebenfalls zu bemerken, denn Fran stellte fest, dass sich jede nach ihm umschaute.

„Marcos Mutter, meine Tante Annetta, kocht hier.“ Gios Lächeln wurde etwas schief. „Ich fürchte, meine Familie entspricht voll und ganz dem Klischee.“

„Wie meinen Sie das?“

„Meine Großeltern kamen in den Fünfzigerjahren aus Mailand nach London und eröffneten eine Trattoria“, erklärte er. „Ihre Kinder gingen auch alle in die Gastronomie. Mein Vater machte einen Coffeeshop auf, Netti eine Pizzeria und Onkel Nando ist der Eisspezialist. Er macht das beste gelato von London.“

„Und die ganze Familie trifft sich immer noch regelmäßig?“

„Wir sind eine italienische Familie wie aus dem Bilderbuch. Groß und laut. Und wir mischen uns ständig in die Geschäfte der anderen ein. Papà, Netti und Nando leben in derselben Straße. Ich bin zusammen mit meinen Schwestern, Cousinen und Cousins aufgewachsen.“ Er zuckte die Achseln. „Manchmal ist es ein wenig zu eng, und es macht mich verrückt, wenn sie versuchen, mein Leben zu organisieren oder die perfekte Freundin für mich zu finden. Aber wenn es hart auf hart kommt, weiß ich, dass es Menschen gibt, die für mich da sind und auf die ich mich verlassen kann.“

Fran unterdrückte das Gefühl von Wehmut, bevor es übermächtig wurde, und probierte ein Stück Käse. „Mmh, lecker.“

Gio lächelte. „Ich sagte doch, dass er gut ist.“

„Können Sie irgendetwas ganz besonders empfehlen?“, fragte sie und überflog die Karte.

„Netti ist ein Genie. Suchen Sie sich irgendetwas aus, es wird Ihnen schmecken. Doch Sie erwähnten marinierten Mozzarella, Panna cotta und Ciabatta.“

„Das steht aber nicht auf der Karte.“

„Für uns schon.“ Er sagte das ohne jede Spur von Arroganz. „Möchten Sie lieber weißen oder roten Wein?“

„Weiß, bitte.“

„Pinot Grigio?“

„Sehr gerne, danke.“

Als Marco zurückkam, um ihre Bestellungen aufzunehmen, lehnte Gio sich zurück und schenkte ihm ein boshaftes Lächeln. „Ah, cugino mio. Bester Cousin auf der Welt – bester Cousin des Universums …“

Marco stöhnte. „Also wieder einmal ein Giovanni Spezial?“

Gio antwortete in schnellem Italienisch. Fran verstand kein Wort, aber es hörte sich unglaublich sexy an. Und er hatte einen wunderschönen Mund. Selbst wenn er nichts sagte, waren seine Lippen ein klein bisschen nach oben gezogen wie zu einem Lächeln, bei dem einem die Knie weich wurden. Doch gleichzeitig ging eine seltsame Ruhelosigkeit von ihm aus. Gio Mazetti war ein Rätsel, über das sie zu gern mehr herausfinden würde.

Basta – genug. Ich werde fragen. Aber da du ihr Lieblingsneffe bist, besteht die Chance, dass sie Ja sagt.“ Marco lächelte. „Eine Flasche Wein und Wasser kommen sofort.“

„Was ist ein Giovanni Spezial?“, wollte Fran wissen.

„Ach“, sagte Gio trocken. „Es geht nur um den Belag für meine Pizza. Gorgonzola, Pilze … und Avocado.“

Sie blinzelte. „Avocado auf Pizza?“

„Probieren Sie es einfach“, riet er.

Er steckte voller Energie und ausgefallener Ideen. Je mehr Zeit Fran mit ihm verbrachte, desto besser gefiel er ihr. Seine gute Laune war ansteckend. Allerdings wusste sie immer noch nicht, was er ihr vorschlagen wollte.

Als der Wein kam, hielt er sich nicht damit auf, ihn zu kosten. Er goss zwei Gläser ein und hob sein eigenes, um Fran zuzuprosten. „Auf uns – und den Beginn einer wunderbaren Freundschaft.“ Und wieder tauchte dieses spitzbübische Lächeln auf. „Es ist furchtbar kitschig, aber deshalb nicht weniger wahr. Hast du was dagegen, wenn wir uns duzen?“ Und als sie lächelnd zustimmte, fuhr er fort: „Ich glaube, wir werden uns gut verstehen.“

„Wie meinst du das?“, fragte sie wachsam.

Er holte tief Luft. „Ich muss mich entscheiden, auf welche Weise ich expandiere. Entweder eröffne ich weitere Filialen, oder ich starte ein Franchiseunternehmen, sodass es Giovanni’s bald auch in anderen Städten gibt. Es ist ein Haufen Arbeit, eine Kette von Coffeeshops zu leiten, und ich benötige dringend mehr Zeit, wenn ich das Geschäft ausweiten will.“

Das klang logisch.

„Also brauche ich jemanden, der gut organisieren kann. Die Nummer zwei in meinem Geschäft, die mir das Jonglieren mit den Dienstplänen abnimmt, die sich um Aushilfen kümmert oder mit den Angestellten Überstunden aushandelt, wenn es mal mehr zu tun gibt. Jemand, der die Verwaltung übernimmt, den Techniker anruft, wenn eine Kaffeemaschine kaputt ist, das Team motiviert und der beim Anblick von Zahlen und Statistiken nicht die Fassung verliert. Jemand, der am Telefon fit ist und gut mit Menschen umgehen kann.“

Eine neue Herausforderung, bei der sie mit Menschen arbeiten könnte und bei der all ihre Fähigkeiten zum Einsatz kämen … Es klang fast zu schön, um wahr zu sein.

Als könnte Gio ihre Gedanken lesen, fügte er leise hinzu: „Und ich denke, dieser Jemand bist du.“

„Wir haben uns gerade erst kennengelernt. Woher willst du wissen, dass ich keine notorische Lügnerin bin?“, fragte Francesca leise.

„Ich bin lange genug im Geschäft. Und ich vertraue meinem Gefühl. Wenn du tatsächlich eine Schwindlerin wärst, hättest du mir nicht nur erklärt, dass du den Unterschied zwischen fixen und variablen Kosten kennst, sondern dass du Geschäftsmodelle entwickelt hast, deine eigenen Computerprogramme schreibst, und auf einem Seil Stepptanz machst, während du gleichzeitig mit sechs brennenden Fackeln jonglierst.“

Bei diesem Bild musste sie lächeln. „Jonglieren, Seiltanz und Steppen sind nicht gerade meine Stärken. Aber ich kann einen Computer bedienen und weiß mir zu helfen, wenn ich mal nicht weiterkomme.“

„Genau das meine ich. Du kannst zupacken und bist ehrlich.“

Das war nicht gerade das, was eine Frau von einem Mann hören wollte, aber dies hier war ja auch kein romantisches Date. Es war ein Geschäftstermin.

„Kurz, du bist genau das, wonach ich suche.“ Er hielt kurz inne. „Obwohl, nachdem du es angesprochen hast: Woher willst du wissen, dass ich kein Schwindler bin?“

„Wenn dir der Laden nicht gehören würde, wärst du wohl kaum nach Geschäftsschluss dort gewesen, hättest keinen Schlüssel und würdest wahrscheinlich nicht Giovanni heißen.“

„Tut er auch nicht. Sein richtiger Name ist Fred“, warf Marco ein, der gerade die Antipasti brachte.

„Achte gar nicht auf ihn. Er ist nur neidisch, weil sein Café nicht so gut läuft wie meins“, gab Gio grinsend zurück. „Cugino mio, wann immer du etwas Nachhilfe brauchst, was den perfekten Cappuccino oder Crema angeht …“

„… werde ich deinen Vater fragen“, schmunzelte Marco. „Schmecken Ihnen die Antipasti, Signorina …?“ Er wartete auf den Namen.

„Fran“, sagte sie lächelnd.

„Fran.“ Nachdenklich sah er sie nun an. „Kommt das von Frances?“

„Von Francesca.“

„Ein italienischer Name. Aha.“ Marco warf Gio einen wissenden Blick zu.

Fran probierte den Mozzarella. „Der Käse ist wunderbar“, sagte sie.

„Natürlich ist er das. Meine Tante Netti ist eine fantastische Köchin.“ Gio schenkte ihr ein weiteres Lächeln, das ihre Knie weich werden ließ. „Also, Fran. Francesca. Du hast italienische Wurzeln?“

„Keine Ahnung.“ Über ihre Familie zu reden war das Letzte, was sie wollte.

Er schien es ihr nicht übel zu nehmen, dass sie so kurz angebunden war. „Hatten wir nicht vereinbart, einander zu vertrauen?“

Sie wusste nicht, was sie darauf antworten sollte.

„Irgendwo muss man anfangen zu vertrauen“, sagte er leise. „Und wenn du das Beste in den Menschen siehst – und das Beste von ihnen erwartest –, werden sie ihr Bestes für dich geben.“

„Ist das auch so eine Weisheit von deiner italienischen Großmutter?“

„Ja. Sie ist eine weise Frau, meine nonna. Als Teenager dachte ich, sie würde einfach nur dumm daherreden. Doch je älter ich werde, desto mehr begreife ich, dass sie weiß, wovon sie spricht.“ Er hob eine Augenbraue. „Irgendwie erinnerst du mich an sie.“

„Das fasse ich als Kompliment auf.“

„Es war auch eins.“ Er nahm etwas von den Antipasti. „Also, wie sieht es mit dem Job aus? Du müsstest das Geschäft allerdings von Grund auf kennenlernen.“

„Ein Café zu leiten?“

Er nickte. „Und besonders das Giovanni’s. Ich brauche jemanden, der etwas von Kaffee versteht.“

Fran schüttelte den Kopf. „Da kann ich nicht mithalten. Ich weiß, was mir schmeckt – Cappuccino und Caffè Latte –, aber sobald es komplizierter wird …“

Gio nippte an seinem Wein. „Erstens, alle Kaffeevariationen basieren auf Espresso. Bei Giovanni’s dauert es keine halbe Stunde, bis er fertig ist, und man braucht auch kein Diplom zum Bestellen. Wir machen es dem Gast leicht. Espresso für die, die es schwarz mögen.

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