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Frühlingsherzen

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen

Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten

mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen

Mehrwertsteuer.


Frühlingsherzen

Jennifer Crusie

Tag und Nacht verrückt nach dir

Roxanne St. Claire

Leidenschaftliches Wiedersehen

Vicki Lewis Thompson

Küss mich, und stell die Fragen später

Jill Shalvis

Nimm mich, wie ich bin

Jennifer Crusie

Tag und Nacht verrückt nach dir

Roman

Aus dem Amerikanischen von

Heike Warth

1. KAPITEL

Ich will aber keinen Partner!“, erklärte Emily Tate grimmig. „Ich arbeite ausgesprochen gern allein.“ Sie hätte am liebsten mit der Faust auf den Schreibtisch geschlagen, glättete aber stattdessen nur ihre Kostümjacke. „Ich brauche keinen Aufpasser, George.“

Ihr Chef machte ganz den Eindruck, als sei er mit seiner Geduld langsam am Ende. Emily hob in einer automatischen Geste die Hand, um sich zu vergewissern, dass ihre Frisur auch saß und keine Strähne sich aus ihrem strengen Knoten selbstständig gemacht hatte. Ganz ruhig bleiben, befahl sie sich, auch wenn sie George Bartlett hätte eigenhändig erwürgen können.

„Schauen Sie sich das an, Emily.“ Er schob einen Ordner über den Tisch. „Ihr Kostenvoranschlag für die Paradise-Werbung – und das, was Sie dann tatsächlich dafür ausgegeben haben.“

Emily knetete ihre Finger. „Ja, ich weiß. Ich kenne die Zahlen auswendig. Aber wir haben trotzdem einen ziemlich großen Gewinn gemacht. Genau genommen hat Paradise dem Unternehmen mehr Geld gebracht als irgendein anderes Parfüm bisher. Die Bilanz ist mehr als positiv.“ Sie hatte dem Unternehmen ein halbes Vermögen gebracht. Aber das konnte sie nicht laut sagen. Bescheidenheit und Teamgeist galten hier als höchste Tugenden, und ein Verstoß dagegen war unverzeihlich.

George Bartlett lehnte sich in seinem Stuhl zurück und sah zu ihr auf. „Das ist nicht zu bestreiten.“

Emily fand ihn schwer erträglich. Er war klein, dick und kahlköpfig und besaß nicht annähernd ihren Verstand. Aber er lümmelte sich in ihrem Stuhl wie der Kaiser persönlich und kehrte den großen Sachverständigen heraus. Nur weil er zufällig ihr Vorgesetzter war. Der Gerechtigkeit halber müsste es eigentlich umgekehrt sein. Aber die Welt war nun einmal nicht gerecht. Sie seufzte.

„Emily“, sagte George jetzt warnend. „Wegen dieses letzten Projekts hätten Sie fast Ihre Stelle verloren. Das ist Ihnen doch klar?“

„Und Sie sind deswegen immerhin befördert worden“, gab sie zurück.

„Ja, weil wir zufällig Profit gemacht haben. Sonst wären wir nämlich beide gefeuert worden. Henry war nicht sehr glücklich über die ganze Sache.“

Henry Evadne war nie glücklich. Das hatte nichts mit ihr zu tun.

George beugte sich vor. „Ich möchte Sie als Mitarbeiterin nicht verlieren, Emily. Sie sind intelligent und haben einen sicheren Instinkt für den Markt. Darum beneide ich Sie. Aber wenn Sie bei diesem neuen Projekt den Finanzrahmen nicht einhalten, dann wird kein Profit der Welt Sie mehr retten, und wäre er noch so groß.“

Emily schluckte. „Ich werde innerhalb des Budgets bleiben. Keine Angst.“

„Das möchte ich Ihnen auch dringend raten, denn Sie werden ab jetzt mit Richard Parker zusammenarbeiten.“

„Und wer ist dieser Parker?“

„Unser neuer Finanzberater. Er hat sich die Kampagne für Paradise vorgenommen und analysiert. Seine Stellungnahme finden Sie im Ordner. Sie ist nicht allzu wohlwollend ausgefallen, wenn ich das sagen darf.“

„George, wie viel haben wir mit Paradise verdient?“, wollte Emily wissen.

„Knapp vier Millionen bis letzten Monat.“

„Und warum schickt man mir dann irgendwelche Besserwisser, die nichts anderes zu tun haben, als an mir herumzukritteln? Wo bleibt der Sekt stattdessen?“

George Bartlett schüttelte den Kopf. „Es hätte auch ein Reinfall werden können.“

„Ich produziere keine Reinfälle.“

„Es gibt immer ein erstes Mal“, prophezeite er. „Und wenn es so weit ist, dann sollte zumindest der vorgegebene Finanzrahmen nicht überschritten sein. Und um dafür zu sorgen, ist Richard Parker da. Er erwartet Sie um elf Uhr in seinem Büro.“

„In seinem Büro?“

„Ein Stockwerk höher, zwei Türen neben dem Präsidenten“, fügte George hinzu und lachte. „Von da oben hat man einen wunderbaren Ausblick über die Stadt.“

„Und warum findet dieses Treffen nicht in meinem Büro statt?“

„Emily, bitte.“

„Leitet er das Projekt oder ich? Ich lasse mir niemanden vor die Nase setzen, sonst kündige ich.“

„Nein, nein.“ George Bartlett hob die Hände. „Er ist nur für die finanzielle Seite zuständig, und Sie sind auch nicht die Einzige, die mit ihm zu tun hat. Er fungiert als Finanzberater für alle unsere Projekte. Keine Angst, Emily, er nimmt Ihnen nichts weg. Er wacht nur über die Ausgaben.“ Emilys Miene war ausdruckslos, aber ihr Blick sagte mehr als genug. „Bitte, Emily. Machen Sie keine Schwierigkeiten.“

Emily nahm sich zusammen. „Um elf in Mr Parkers Büro also.“

„Genau.“ George Bartlett war unverkennbar erleichtert.

Emily schlug die Tür zu und ließ sich in ihren Schreibtischstuhl fallen. Jane, ihre Sekretärin, folgte ihr etwas weniger temperamentvoll und setzte sich ihr gegenüber. Sie brach einen gefrorenen Schokoladenriegel in der Mitte durch und schob die eine Hälfte ihrer Chefin hin. „Die habe ich für Notfälle auf Vorrat“, erklärte sie.

„Und die stiehlt niemand?“, erkundigte Emily sich erstaunt.

„Die Leute wissen schließlich, dass ich für dich arbeite. Sie haben Angst, dass ich sie an dich verrate“, gab Jane zurück.

„Nein, im Ernst. Wie schaffst du das?“

„Ich bewahre die Schokolade in einer Dose mit dem Etikett ‚Spargel‘ auf“, verriet Jane und knabberte genüsslich an ihrer Riegelhälfte.

„Und bis jetzt wollte niemand wissen, was du im Büro mit gefrorenem Spargel willst?“, wunderte Emily sich und ließ ein Stückchen Schokolade auf der Zunge zergehen. Es schmeckte köstlich. Sie lehnte sich mit einem Seufzer zurück.

„Die denken wahrscheinlich alle, dass der Spargel für dich ist. Jedenfalls siehst du so aus, als würdest du dich nur von Obst und Gemüse ernähren.“ Jane betrachtete Emily mit einem Anflug von Neid. „Wieso nimmst du nie zu? Wir essen haargenau dasselbe, aber ich kämpfe ständig gegen meine Kilos, während du eher noch etwas zulegen könntest.“

„Frust“, behauptete Emily und biss ein winziges Stückchen von ihrem Schokoladenriegel ab. „Ich arbeite für engstirnige, frauenfeindliche Besserwisser.“

„Gleich für mehrere?“ Jane durchsuchte die Folie nach Schokoladenresten. „Hat George sich vermehrt?“

„Es sieht ganz so aus“, meinte Emily. „Sie haben mir einen Wachhund verpasst, dem ich jeden Pfennig belegen muss, den ich ausgebe. Richard Parker heißt er.“

„Oh!“ Jane stieß einen anerkennenden Pfiff hervor. „Den habe ich schon gesehen. Gar nicht übel, der Junge.“

„Einer dieser Anzugtypen?“

„Schon, aber was für einer! Ein Jammer, dass ich glücklich verheiratet bin“, bedauerte Jane. „Groß, dunkel, gut aussehend, umwerfend blaue Augen. Die weiblichen Angestellten und Führungskräfte stehen schon Schlange, um sich von ihm verführen zu lassen. Bis jetzt ohne Erfolg.“

„Ach, ja?“

„Ja. Er ist ein reines Arbeitstier und denkt an nichts anderes als an Bilanzen. Karen sagt, er ist immer noch hier, wenn sie nach Hause geht.“

„Wer ist Karen?“

„Die kleine Blonde vom zwölften Stock. Sie ist seine Sekretärin.“

„Freunde dich mit ihr an. Eine Spionin im feindlichen Lager ist immer nützlich.“

„Kein Problem.“ Jane leckte die letzten Schokoladenspuren von ihren Fingern. „Sie kennt kein größeres Vergnügen, als über ihren Boss zu reden.“

„Fein. Er könnte nämlich zum Problem für uns werden.“

„Und wie?“

„Er wacht über das Budget.“

„Und wir können nicht besonders gut mit Geld umgehen.“ Jane nickte weise. „Ein Glück, dass Paradise so erfolgreich war. Ein gewisses Risiko macht zwar Spaß, aber ich wäre nur ungern zusammen mit dir entlassen worden, und das wären wir bei einer Pleite.“

„Du wärst nicht entlassen worden“, sagte Emily. „George ist nicht dumm. Er hätte dich sofort als Sekretärin für sich geangelt.“

„Ich bin auch nicht dumm“, erwiderte Jane. „Ich bleibe bei dir. Schon als wir uns in der Highschool kennengelernt haben, war mir klar, dass du es weit bringen wirst und ich davon profitieren kann. Zusammen sind wir einsame Klasse. Ich weiche nicht von deiner Seite, bis du Präsidentin dieses Vereins geworden bist – und ich deine Sekretärin.“

„Warum machst du keine Fortbildung und wechselst in die Führungsetage?“, wollte Emily wissen. „Bei deiner Intelligenz.“

„Weil ich schlauer bin als du. Als Sekretärin sitze ich an einer Schlüsselstelle und muss vor dem großen Boss trotzdem keinen Bückling machen. Isst du eigentlich deinen Schokoladenriegel ganz allein auf?“

„Ja“, antwortete Emily gefühllos.

Jane kehrte zu ihrem ursprünglichen Thema zurück. „Ich darf also davon ausgehen, dass dieses Türenknallen eben Richard Parker galt?“

„Das könnte man so sagen, ja.“

„Ich weiß, wie du ihn in den Griff bekommst.“

„Und wie?“ Emily steckte sich das nächste Stückchen Schokolade in den Mund. Sie wollte diesen Richard Parker nicht in den Griff bekommen, sondern er sollte wieder verschwinden, sonst gar nichts. Jane war für sie wichtig, niemand sonst. Schließlich bestand sie nicht deshalb darauf, dass Jane so fürstlich bezahlt wurde, weil sie mit ihr befreundet war, sondern weil sie so kreativ war. Ihre eigene Position hatte sie ebenso Janes Verstand wie ihrem eigenen Verdienst zuzuschreiben.

„Du könntest ihn verführen“, schlug Jane jetzt vor.

Emily beschloss, Janes Verstand doch noch einmal einer näheren Überprüfung zu unterziehen. „Und warum sollte ich das tun?“

„Weil du einfach mehr aus deinem Leben machen musst. Du lebst ja praktisch im Büro und hältst dich nur zu Hause auf, um zu duschen und dich umzuziehen. Außer mir hast du praktisch keine Gesellschaft.“

„Ich bin mit meinem Leben sehr zufrieden.“

„Das ist nicht normal. Aber dieser Parker scheint genauso zu sein. Am besten wäre es, wenn ihr euch zusammentut. Er wird dir unendlich dankbar sein und sich in dich verlieben, ihr heiratet, und ich kaufe Strampelhosen und Spielsachen. Du willst die Schokolade doch nicht wirklich allein aufessen?“

„Doch“, erklärte Emily fest. „Und inwiefern hilft es mir, wenn ich Richard Parker heirate?“

„Sex hilft immer“, erklärte Jane praktisch. „Genau wie Schokolade.“

„Mir wäre am meisten geholfen, wenn niemand sich in meine Arbeit einmischen würde“, sagte Emily. „Dieser Kerl bindet mir die Hände.“

„Wie aufregend“, kicherte Jane.

„Sei nett zu Karen“, befahl Emily nach einem strengen Blick. „Und jetzt verbinde mich bitte mit Parker. Ich habe um elf Uhr eine Verabredung mit ihm und möchte mir vorher ein Bild von ihm machen.“

„Du hast eine Verabredung mit ihm, aha. Wie wäre es, wenn du deine Haare dazu offen trägst und diese Kostümjacke ausziehst? Und vor allen Dingen lass die Brille weg. Damit siehst du aus wie eine Eule.“

„Ich will wie eine Eule aussehen. Es war schwierig genug, mir hier Respekt zu verschaffen. Wenn ich anfange, mich auszuziehen, interessiert sich niemand mehr für mich.“

„Wollen wir wetten?“ Jane betrachtete ihre Freundin und Chefin. „Wenn ich so aussähe wie du, würde ich mich ständig ausziehen.“

„Das tust du ja jetzt schon“, meinte Emily ein wenig süffisant. „Hat Ben dich eigentlich jemals in Kleidern gesehen?“

„Aber selbstverständlich“, erwiderte Jane indigniert. „Bei der Hochzeit. Du warst doch dabei. Du hast den Trauzeugen geohrfeigt, wenn du dich erinnerst.“

„Du vergisst wirklich nie etwas.“

Jane stand auf und ging zur Tür. „Ich verbinde dich jetzt mit Parker. Sei nicht zu unfreundlich zu ihm. Ich werde mich mit Karen anfreunden, wenn du willst. Aber wir kommen weiter, wenn du ihren Boss verführst und nicht abschreckst.“

„Nur keine Hemmungen“, empfahl Emily ihr sarkastisch. „Opfere nur meinen Körper, um deinen Ehrgeiz zu befriedigen.“

„Unseren Ehrgeiz“, verbesserte Jane. „Im Übrigen ist es kein Opfer. Vergiss nicht, ich habe ihn gesehen.“

Emily verließ ihr Büro um fünf Minuten vor elf Uhr. Jane hatte in dem Bestreben, das Bild einer seriösen Sekretärin abzugeben, ihr Haar zu einem unordentlichen Knoten zusammengesteckt, den sie mit zwei Bleistiften mehr schlecht als recht gebändigt hatte.

„Du siehst grauenhaft aus“, sagte Emily, als sie auf den Lift warteten.

Jane nahm ihr die Brille von der Nase und setzte sie sich selbst auf. „Und jetzt?“

„Jetzt siehst du wie ein Käfer mit einer grauenhaften Frisur aus“, erwiderte Emily prompt. „Als wärst du einem Horrorkabinett entsprungen. Du kommst mir vor wie …“

In diesem Moment glitten die Lifttüren auf, und sie traten in die Kabine. Emily warf Jane einen Blick von der Seite zu und hatte Mühe, nicht zu lachen. Wenn die Besprechung schlecht lief, würde sie einfach ihre Sekretärin anschauen, und sie würde sich auf der Stelle wieder besser fühlen.

„Ein Glück, dass wir bei diesem Treffen nur zu dritt sind“, flüsterte sie Jane zu. „Denn jeder andere hätte sofort den Verdacht, dass du etwas im Schilde führst.“

Jane schob die Brille hoch. „Ich möchte Ihnen nur sagen, dass es eine Ehre für mich ist, für Sie zu arbeiten, Miss Tate.“

„Danke, Mrs Frobish“, erwiderte Emily. „Ihre Loyalität ist herzerwärmend.“

„Hast du noch ein Stück Schokoladenriegel für deine darbende Sekretärin übrig?“

„Nein.“

Jane schniefte.

Der Konferenzraum lag dem Lift direkt gegenüber. Sie hatten ihn kaum betreten, als Emily klar wurde, dass sie einem Irrtum erlegen war. Sie würden bei dieser Besprechung keineswegs nur zu dritt sein, sondern es waren noch sechs weitere Führungskräfte erschienen, von denen vier ihre Sekretärinnen mitgebracht hatten.

„Was soll das?“, flüsterte Emily Jane zu.

„Keine Ahnung“, gab Jane genauso leise zurück. „Aber ich bin froh, dass ich mitgekommen bin.“

„Ich auch. Halt mir den Rücken frei!“

Die Tür am anderen Ende des Raums ging auf, und Richard Parker trat ein. Er war groß, dunkel und zweifellos seriös. Und er war unbestreitbar der bestaussehende Mann, den Emily je gesehen hatte. Elegant war er und sehr geschmackvoll angezogen.

Sexy, dachte Emily. Der Mann ist eindeutig sexy. Alle Führungskräfte außer Emily erstarrten, und alle Sekretärinnen außer Jane lächelten lieblich. Richard Parker war die Personifizierung von Macht und Autorität – und Sex-Appeal. Aber das ist ihm nicht bewusst, vermutete Emily.

Er sah wirklich außerordentlich gut aus. Wäre sein Kinn weniger markant ausgefallen, man hätte ihn mit diesen leuchtend blauen Augen und den langen dunklen Wimpern, die so wenig zu einem seriösen Geschäftsmann passten, fast als hübsch bezeichnen können. Bei einer Frau würde dieses Aussehen mit Sicherheit gegen sie verwendet und als Zeichen mangelnder Kompetenz bewertet werden, dachte sie.

Richard Parker ließ den Blick durch den Raum schweifen, bis er an Emily hängen blieb. Sie war die Einzige, die ihn weder respektvoll noch begehrlich anschaute, sondern seinem Blick kühl und abschätzend begegnete, fast als sähe sie einen Feind in ihm.

Er schob die Augenbrauen hoch und ließ den Blick weiterwandern. Jane machte eine kleine Notiz und schob sie Emily zu. „Er ist nicht dumm“, hatte sie geschrieben, „aber du bist ihm gewachsen! Keine Angst.“

Emily schüttelte den Kopf. Jane überschätzte sie.

George Bartlett neigte sich zu ihr. „Was ist denn mit Jane los? Sie sieht so merkwürdig aus.“

„PMS“, flüsterte Emily zurück. „Prämenstruelles Syndrom.“ George nickte wissend.

Richard Parker sah mit einem Stirnrunzeln zu ihnen herüber. George errötete, und Emily hob fragend eine Augenbraue. Parker sah sie einen kurzen Moment verblüfft an, dann zuckte es um seine Mundwinkel.

Sieh da, sieh da, das wäre ja fast ein Lächeln geworden, dachte Emily. Vielleicht war er ja gar nicht so unnahbar. Das hieß, dass sie es womöglich wirklich mit ihm aufnehmen konnte.

„Ich habe Sie alle hergebeten, um mit Ihnen über das Finanzierungskonzept Ihrer neuen Vermarktungskampagne zu sprechen“, begann Parker. „Es ist ziemlich katastrophal.“

Einige der Führungskräfte wollten schon protestieren, überlegten es sich aber dann anders, andere wechselten die Farbe und senkten den Blick. Emily gähnte und sah auf ihre Armbanduhr.

„Langweile ich Sie, Miss Tate?“, erkundigte Parker sich.

„Aber keineswegs.“ Emily lächelte höflich. „Ich bin sicher, dass Sie bald zum Wesentlichen kommen werden.“

George Bartlett schloss die Augen.

„Das Wesentliche meiner Ausführungen, Miss Tate, besteht darin“, erwiderte Parker, ohne seine Stimme zu erheben, „dass Sie alle Ihren Ausgaberahmen überschreiten und deshalb die Profite, die die Gesellschaft machen könnte, beschneiden. Sie selbst haben Ihr Budget bei Ihrer letzten Kampagne um dreißig Prozent überzogen. Das ist eine Menge Geld, Miss Tate. Sie mögen der Ansicht gewesen sein, dass für Ihr Produkt kein Preis zu hoch war, aber da stimme ich mit Ihnen nicht überein. Sie hätten die Gesellschaft ein Vermögen kosten können.“

Emily lächelte ihn an. „Ja, vermutlich, aber es ist nicht passiert, Mr Parker. Ich habe einen Profit von fast vier Millionen Dollar gemacht, und zwar genau aus dem Grund, weil ich den Mut hatte, mein Budget um dreißig Prozent zu überschreiten.“

„Dazu gehört kein Mut, Miss Tate, sondern es ist lediglich ein Zeichen für mangelnde Disziplin. Und da komme ich ins Spiel. Ich werde für diese Disziplin sorgen.“

Sein Blick schloss alle Anwesenden ein. „Von jetzt an laufen sämtliche Ausgaben über mich, Kauforder eingeschlossen. Ich bin sozusagen Ihr Finanzminister, die letzte Instanz für alle finanziellen Angelegenheiten. Sie werden das Geld bekommen, das Sie für Ihre Projekte brauchen, und ich werde dafür sorgen, dass Sie nicht mehr ausgeben, als vorgesehen ist. Sie haben jetzt sicher einige Fragen zum Vorgehen. Ich darf also um Ihre Meldungen bitten.“

Er nahm Platz und lehnte sich zurück. Ein zustimmendes Gemurmel ging durch den Raum, und Versicherungen wurden abgegeben, dass seine Hilfe geschätzt werde und man sich auf die Zusammenarbeit mit ihm freue.

Emily kochte innerlich, auch wenn sie sich nichts anmerken ließ. Sie möge der Ansicht gewesen sein, dass für Paradise kein Preis zu hoch sei! Sie war nicht gewillt, sich in dieser Form von Parker abkanzeln zu lassen.

Jane schrieb auf ihren Block: „Mach ihn dir nicht zum Feind!“

Feind oder nicht, sie hatte nicht vor, sich von ihm dreinreden zu lassen. Wenn sie sich das von irgendjemandem gefallen ließe, wäre sie nicht an ihrer heutigen Position. Andererseits musste sie ja nicht unbedingt gleich auf Kollisionskurs gehen, sondern konnte sich kooperativ und höflich geben. Bei George Bartlett hatte sich das jedenfalls bewährt. Und hinter seinem Rücken taten sie und Jane dann genau das, was sie wollten. Wie kam sie also plötzlich dazu, diesem Mann so streitbar gegenüberzutreten?

Emily beobachtete Richard Parker, als Chris Crosswell von der Abteilung Forschung und Entwicklung seinen Bericht abgab. Er hörte höflich zu, nickte dann und wann, und am liebsten hätte sie ihm irgendetwas an den Kopf geworfen. Er hatte sie eindeutig herablassend behandelt und ihr nicht einmal zuhören wollen. Es war ganz klar: Er hielt sie für bedeutungslos. Aber dafür würde er bezahlen, und wenn er noch so gut aussah!

Ihre Augen waren schmal geworden, ohne dass es ihr bewusst geworden war. Und als seine Aufmerksamkeit zu ihr zurückkehrte, sah er unverhüllte Abneigung in ihrem Blick. Er hob seine Augenbrauen ein wenig, und dann lächelte er auf einmal, als sähe er sie zum ersten Mal. Es war ein Lächeln, das ihr sagte, dass er die Herausforderung angenommen hatte und sie als gleichwertige Gegnerin anerkannte. Offenbar war auch ihm bewusst, wie absurd diese Veranstaltung im Grunde war.

Es war das Lächeln eines Killers.

Emilys Augen wurden noch schmaler. Er würde mehr liefern müssen als nur ein Lächeln! Jane stieß sie an und schob ihr einen Zettel hin. „Warum lächelt er?“, stand darauf.

„Weil er weiß, dass ich mich über ihn ärgere. Das scheint ihn zu amüsieren“, flüsterte Emily.

„Dann ist er doch nicht so gescheit, wie ich dachte“, schrieb Jane zurück.

Emily nickte und wandte ihre Aufmerksamkeit höflich wieder der Veranstaltung zu.

„Noch weitere Wortmeldungen?“ Parker sah sich in der Runde um, dann wandte er sich an Emily. „Miss Tate, Sie waren so schweigsam. Haben Sie irgendwelche Fragen?“

„Nein, danke. Ich habe alles erfahren, was ich wissen wollte.“

„Gut. Haben Sie jetzt Zeit für eine Besprechung?“

„Jetzt?“ Emily gab sich erstaunt. „Ich habe eine Verabredung zum Mittagessen. Aber ich könnte es um zwei Uhr möglich machen.“

„Ich werde meine Termine überprüfen. Meine Sekretärin wird dann Ihre Sekretärin anrufen.“ Er sah jetzt zum ersten Mal Jane an und schien zu erstarren.

Emily wagte nicht, seinem Blick zu folgen. „Fein“, sagte sie und stand auf. „Gibt es sonst noch etwas?“

Er blieb sitzen. „Nein. Sonst gibt es nichts mehr.“

„Danke.“ Und damit setzte Emily sich, Jane im Schlepptau, in Bewegung.

Kaum war die Tür hinter ihnen zugefallen, drehte Jane sich zu Emily um und nahm die Brille ab. „Das war dumm“, erklärte sie. „Wir gewinnen nichts, wenn wir ihn ärgern. Was ist los mit dir?“

„Er ist arrogant“, gab Emily zurück und drückte auf den Liftknopf.

„Alle da drin sind arrogant“, behauptete Jane. „Der Unterschied liegt darin, dass er Grund dazu hat.“

„Wie, bitte? Erzähl mir nur nicht, dass du auf dieses gottähnliche Getue hereingefallen bist.“

„Aber er hat recht“, sagte Jane. „Wir haben das Budget wirklich gewaltig überzogen. Die Kampagne hätte um einiges billiger sein können. Parker könnte dir da wirklich helfen.“

„Auf welcher Seite stehst du eigentlich?“, wollte Emily wissen.

„Auf unserer natürlich. Immer. Ich bin nur nicht sicher, ob er nicht vielleicht auch auf unserer Seite ist.“ Der Lift war gekommen, und sie stiegen ein. Jane gab Emily die Brille zurück. „Er mag dich.“

„Verschon mich mit deinen Theorien!“

„Wirklich. Er hat dich geradezu mit den Augen verschlungen – die im Übrigen wirklich unglaublich sind. Er beobachtet dich gern, und er findet dich süß.“

„Süß!“ Emily hätte sich fast verschluckt. „Süß! Der wird schon noch erleben, wie ‚süß‘ ich sein kann!“ Sie stürmte aus dem Lift den Korridor hinunter zu ihrem Büro und schlug die Tür hinter sich zu.

Eine Minute später erschien Jane mit ihrem Mantel über dem Arm. „Deine Verabredung zum Mittagessen ist da. Du hast mir versprochen, dass wir zum Chinesen gehen.“

„Die neue Werbekampagne müsste in jedem Fall billiger sein“, sagte Jane kurz darauf über ihrer dampfenden Reissuppe. „Das neue Parfüm ist billiger als Paradise, das heißt, dass auch die Gewinnspanne kleiner ist.“

„Nicht zwangsläufig.“ Emily aß einen Löffel Suppe. „Wir verkaufen nämlich mehr, und zwar an jüngere Frauen, die häufiger Parfüm verwenden. Unsere Werbekampagne wird einen großartigen Erfolg haben. Vorausgesetzt, ich werde nicht gezwungen, dieses lächerliche Budget einzuhalten.“

„Gib dem Mann eine Chance“, riet Jane. „Du musst nicht unbedingt den Krieg eröffnen.“

„Das ist auch gar nicht meine Absicht. Aber er muss wissen, dass ich das Feuer erwidern werde.“

Jane gab vorläufig auf. „Knoblauchhühnchen?“

„Nicht, wenn ich heute Nachmittag den Pfennigfuchser treffe. Hat Karen angerufen?“

„Ja. Zwei Uhr. Bei ihm.“

„Natürlich.“ Emily seufzte. „Neutraler Boden wäre mir lieber. Von jetzt an werden wir das Besprechungszimmer nehmen – auf unserem Stockwerk, nicht auf seinem.“

„Ich werde mein Bestes tun“, versprach Jane. „Krabben?“

„Ja“, erwiderte Emily fest. „Ich habe das dringende Bedürfnis, jemandem das Rückgrat zu brechen, und wenn es eine Krabbe ist.“

„Nachher gehen wir einkaufen“, entschied Jane. „Ich habe da einen unglaublichen pinkfarbenen Spitzenbikini gesehen …“ Sie unterbrach sich und sah an Emily vorbei.

„Meine Damen.“

Es war Richard Parker mit George Bartlett im Schlepptau. Natürlich muss George ihn ausgerechnet hierherschleppen, dachte Emily säuerlich. Der neue Boss muss ja unbedingt sofort eingeweiht werden, wo man am besten isst. Vermutlich bietet er ihm anschließend an, seine Sachen von der Reinigung abzuholen.

Sie sah auf und lächelte ein wenig angestrengt. „Mr Parker. Wie nett, dass Sie auch den Weg hierher gefunden haben.“

„Mr Bartlett hat mir versichert, dass man hier ganz ausgezeichnet isst.“ Er sah Jane an.

„Mr Bartlett hat recht.“ Emily widmete sich wieder ihrem Essen.

Jane lachte ihn an. „Schön, Sie hier zu treffen.“

„Mrs Frobish, nicht wahr? Miss Tates Sekretärin? Ich habe Sie nicht sofort erkannt.“

„Tja, das ist das Los von uns Sekretärinnen“, erwiderte Jane fröhlich. „Übersehen, unterbezahlt, kaum gewürdigt …“

„Unterbezahlt wohl kaum“, meinte Richard Parker. „Ihr Gehalt ist sehr großzügig, ist mir aufgefallen.“

Emily hielt den Blick gerade nach vorn geheftet. „Tatsächlich ist sie unterbezahlt“, sagte sie. „Und ich werde jeden Versuch, ihr Gehalt eventuell zu kürzen oder angemessene Erhöhungen in Zukunft abzulehnen, aufs Schärfste bekämpfen!“ Sie sah Richard Parker an. Ihr Blick war so hart wie ihre Stimme.

„Ich habe keineswegs die Absicht, mich da in irgendeiner Weise einzumischen“, meinte er ruhig. „Eine gute Sekretärin ist ihr Gewicht in Gold wert.“

„Gute Idee“, erklärte Jane sofort. „Ich betrachte das als Verhandlungsbasis für meine nächste Gehaltserhöhung. Vielleicht sollte ich zwei Portionen Krabben bestellen. Schließlich habe ich jetzt Grund zuzunehmen.“

Emily erwog kurz, Richard Parker mit ihrer Gabel zu piksen, aber dann entschied sie sich dagegen. Sie musste subtiler vorgehen.

„Ich sehe Sie um zwei Uhr bei mir, Miss Tate“, sagte er jetzt und ging weiter zu dem Tisch, den der Ober schon für ihn bereithielt. George Bartlett trottete hinter ihm her.

„Einen Augenblick hatte ich schon Angst, dass du ihn mit deiner Gabel erstichst“, sagte Jane. „Das wäre allerdings nicht sehr förderlich für deine Karriere. Trotzdem hätte mich diese Geste natürlich tief gerührt.“

„Ich muss aufhören, ihn zu hassen.“ Emily spießte eine Frühlingsrolle auf. „Schließlich muss ich mit diesem arroganten, egozentrischen Kerl zusammenarbeiten.“

„Siehst du?“, sagte Jane zufrieden. „Schon klingt Wärme aus deiner Stimme.“

Der Bikini war aus leuchtend pinkfarbener Spitze und mit Silberfäden bestickt, und Jane kaufte ihn. Das Oberteil bestand mehr oder weniger aus zwei winzigen, mit Rosen bestickten Körbchen, die von schmalen Satinträgern am Platz gehalten wurden, und das Höschen war ein Gebilde aus Bändern und ebenfalls Rosen. Der Bikini war der reine Luxus und sehr sexy, einfach ein Traum.

„Ben wird hingerissen sein“, prophezeite Jane begeistert. „Kauf dir doch auch so ein Ding und teste es an Richard.“

„An welchem Richard?“

„Richard Parker natürlich.“

„Nein, es würde ihm nicht gefallen.“ Emily betrachtete das Preisschild. „Die Kosten-Nutzen-Rechnung ist nicht ausgeglichen. Manche Länder geben für ihre Verteidigung weniger aus.“

„Verteidigung hatte ich nicht gerade im Sinn. Ganz im Gegenteil.“ Jane bewunderte sich im Spiegel. „Ich hatte mehr an eine nahezu sofortige Kapitulation mit anschließender Invasion gedacht.“

Emily seufzte. „Das klingt verlockend.“

„Kauf dir doch auch so ein Teil.“

„Warum? Ich kenne niemanden, der an einer Invasion interessiert wäre.“

„Du irrst. Croswell von Forschung und Entwicklung spricht immer noch voller Leidenschaft von dir.“

„Croswell war ein Irrtum.“ Emily nahm einen rosa-silbernen Spitzenbüstenhalter in die Hand und sah ihn sehnsüchtig an. „Wenn er nur den geringsten Annäherungsversuch macht, gehe ich sofort zum Angriff über.“

„Also zurück zu Plan A. Richard Parker.“

Wenn er einfach seinen Mund halten würde, wäre er auszuhalten, dachte Emily. Er hatte immerhin einen traumhaften Körper und faszinierend blaue Augen, dazu einen klassisch geschwungenen Mund, der eine Frau durchaus schwach machen konnte.

Aber wenn er diesen Mund aufmachte, ging die ganze schöne Wirkung leider baden. „Nicht einmal über meine Leiche“, sagte sie fest. „Komm, gehen wir. Ich habe um zwei Uhr einen Termin.“

„Ich habe mir Ihr Konzept angeschaut“, begann Richard Parker. „Die Kosten-Nutzen-Rechnung ist nicht ausgeglichen.“

„Ach? Das stellen Sie jetzt schon fest?“ Emily gab sich größte Mühe, ruhig zu bleiben. „Ich habe ja noch kaum angefangen.“

„Rubine!“ Er warf den Ordner auf den Tisch.

„Wir haben für Paradise mit Diamanten geworben. Das neue Parfüm ist aber für jüngere, modernere Frauen, zu denen Rubine besser passen. Frauen, die auch Klasse haben, aber weniger konservativ sind.“

„Akzeptiert.“ Er zuckte die Achseln. „Dann nehmen Sie eben künstliche Steine.“

„Die Rubine sollen fotografiert werden.“ Emily verschlang die Finger ineinander und knetete sie, bis die Knöchel weiß hervortraten. „Ich hatte nicht vor, die Flakons damit zu bekleben.“

„Können Sie sie nicht einfach mieten?“

„Einzelne Steine? Keine Ahnung.“ Emily dachte darüber nach, war aber nicht überzeugt. „Vielleicht könnten wir welche kaufen und dann wieder verkaufen. Ich habe allerdings nicht besonders viel Ahnung vom Edelsteingeschäft.“

„Ich schon. Und ich sage Ihnen, dass diese Idee Ihr halbes Budget auffrisst.“

„Edelsteine sind eine gute Investition.“ Emily zwang sich, die Hände voneinander zu lösen. „Wir würden kein Geld verlieren.“

Er schüttelte den Kopf. „Edelsteine gehören nicht in unser Ressort. Ich kann nur wiederholen: Mieten Sie sich welche.“

„Aber wir brauchen die Steine vielleicht für spätere Aufnahmen noch einmal. Wenn wir sie nur mieten, wäre nicht gewährleistet, dass wir dieselben bekommen. Außerdem gestalten wir damit häufig Sonderausstellungen. Das haben wir auch mit Paradise so gemacht und hatten viel Erfolg damit.“

Richard Parker lehnte sich zurück und sah sie ruhig an. „Ist das wirklich Ihr Ernst, oder wollen Sie einfach nur Ihren Dickkopf gegen mich durchsetzen?“

Hat er mir nicht zugehört? dachte Emily fassungslos. Oder hatte sie geklungen, als spielte sie irgendwelche Spielchen mit ihm? „Natürlich ist es mein Ernst. Und ich streite nie nur um des Streitens willen.“

Er wechselte das Thema. „War das heute Mittag ein Geschäftsessen?“

„Jane weiß mehr über das Unternehmen als Sie oder ich.“ Emily ballte die Hände zu Fäusten. „Wenn Sie erst einmal länger hier sind, werden Sie das auch merken. Ich bespreche mich häufig mit ihr und schätze ihre Meinung sehr. Also: Ja, es war ein Geschäftsessen.“

„Mit dem Thema rosafarbene Spitzenunterwäsche?“ Er lächelte ein wenig süffisant.

Natürlich hatte er das mitbekommen. Emily erwiderte sein Lächeln süß. „Ich habe ihr gesagt, dass Sie eine entsprechende Investition sicher nicht für kosteneffektiv halten würden.“

„Ich sehe nicht alles unter dem Kostengesichtspunkt, Miss Tate.“ Sein Blick glitt auf ihren Blusenausschnitt.

Emily hob die Augenbrauen, und eine leichte Röte zog sich über sein Gesicht. Wer hätte das gedacht, der Mann hatte tatsächlich menschliche Züge. Vielleicht gab es doch noch Hoffnung für ihn. „Davon bin ich überzeugt, Mr Parker. Und ich hoffe, Sie sehen ein, dass es bei den Rubinen nicht einfach um Kosteneffizienz geht. Wir verkaufen Gefühle. Das Knistern und nicht das Feuerholz.“

Sie beugte sich über den Schreibtisch zu ihm. Es war ihr ernst, und sie wollte ihn überzeugen. „Kunststoff knistert nicht, Richard. Dafür brauchen Sie das Echte.“

Seine Augen hatten sich ein wenig geweitet, als sie ihn mit dem Vornamen ansprach. „Na, gut.“ Er räusperte sich. „Ich werde darüber nachdenken. Jetzt zum nächsten Punkt …“

Emily blieb etwa eine Stunde. Höflich zeigte sie sich mit einigem einverstanden, was ihr ohnehin nicht weiter wichtig war, bei anderen Punkten signalisierte sie mögliche Kompromissbereitschaft, sodass er, wenn es um die Punkte ging, die ihr wirklich am Herzen lagen, vielleicht nicht sofort abwehrte.

Sie hatte den Verdacht, dass er ihre Strategie ziemlich genau durchschaute, aber trotz allem blieb er geduldig. Am Ende der Besprechung musste Emily dann einsehen, dass sie gescheitert war: Alle Zugeständnisse waren von ihrer Seite gekommen, nicht von seiner.

Sie stand auf, und auch er erhob sich. „Wir werden einen weiteren Termin vereinbaren müssen“, erklärte er. „Wir sind nicht sehr weit gekommen.“

„Das würde ich nicht sagen.“ Emily versuchte sich in einem warmen Lächeln, scheiterte aber kläglich. „Ich glaube, wir haben eine sehr vernünftige Arbeitsbasis geschaffen.“ Sie hielt ihm die Hand hin. „Rufen Sie Jane an, wenn Sie Informationen brauchen. Sie ist immer auf dem Laufenden.“

Er hielt ihre Hand einen Moment fest, und sie versuchte, die davon ausgehende Wärme zu ignorieren. „Ich würde lieber alles mit Ihnen selbst besprechen. Es gehört zu meinen Prinzipien, mich grundsätzlich direkt an die zuständige Instanz zu wenden.“

„Dann kann ich Jane nur wärmstens empfehlen.“ Emily entzog ihm ihre Hand. „Sie organisiert mein Leben seit der Highschool.“

„Ich hatte gleich das Gefühl, als ob da mehr wäre als ein normales Angestelltenverhältnis zwischen Chefin und Sekretärin.“ Er kam um seinen Schreibtisch und begleitete sie zur Tür.

„Wir sind Partnerinnen.“

„Beneidenswert. Ich habe immer nur allein gearbeitet.“ Er blieb stehen. „Hätten Sie Lust, heute Abend mit mir zu essen? Dann könnten wir einige Punkte noch einmal durchsprechen. In einer entspannten Atmosphäre lässt sich vielleicht noch einiges klären.“

Er lächelte, und dieses Lächeln traf Emily so unvorbereitet, dass ihre Knie weich wurden. Hektisch versuchte sie, ihre Gedanken zu sammeln. Höchste Alarmstufe war angesagt. Dieses jungenhafte Lächeln war einfach entwaffnend und mehr als sexy.

„Tut mir leid“, krächzte sie. „Ich bin heute Abend schon verabredet.“

„Wieder mit Jane?“

„Nein, nein. Jane hat einen Mann und drei reizende Kinder zu Hause.“

„Und Sie?“

„Auf mich warten Abhandlungen über Kosteneffizienz.“ Emily öffnete die Tür. „Ich habe einen sehr strengen Finanzberater.“

Sie drehte sich nicht um, als sie den Korridor hinunterging, aber sie spürte, dass er ihr mit Blicken folgte.

„Wie ist es gelaufen?“, erkundigte Jane sich, als Emily zurückkam.

„Nicht besonders gut, aber auch nicht übermäßig schlecht.“ Emily streifte sich die Schuhe ab. „Ich hasse Strumpfhosen!“

Jane ließ sich nicht ablenken. „Ich weiß“, sagte sie nur. „Also, was war?“

„Ich habe mir wirklich große Mühe gegeben, verständig zu sein. Aber er hat mir dauernd nur gesagt, was ich zu tun habe. Manchmal hat er auch zugehört. Und einmal hat er auf meine Bluse geschaut und wurde rot dabei. Er hat mich zum Essen eingeladen.“

„Zieh etwas Aufregendes dazu an.“

„Ich habe selbstverständlich abgelehnt.“

„Völlig falsch.“ Jane setzte sich und legte die Arme auf Emilys Schreibtisch. „Schlaf mit ihm.“

„Ich soll meinen Körper für eine Werbekampagne verkaufen? Kommt nicht infrage!“, erklärte Emily entschieden.

Jane lehnte sich zurück und schüttelte den Kopf über so viel Unverstand. „Zum Kuckuck mit der Werbekampagne. Denk lieber daran, was er für einen wundervollen Körper hat. Hast du dir seine Hände einmal angeschaut?“

Emily runzelte die Stirn. „Nicht bewusst.“

„Sie sind sehr sensibel. Und er hat Charme. Er mag vielleicht manchmal ein bisschen dickköpfig sein, aber er ist kein Barbar.“

„Nein, wohl nicht.“

Jane beugte sich vor und nahm Emilys Hand. „Ich mache mir wirklich Sorgen um dich. Du hast keine halbwegs ernsthafte Beziehung mehr gehabt, seit du diesen Croswell in die Wüste geschickt hast, und das war vor zwei Jahren. Schließlich wirst du nicht jünger. Alles, was dich interessiert, ist deine Arbeit. Und das, obwohl du gerade einen umwerfend aussehenden Mann kennengelernt hast. Der ist zwar genauso arbeitswütig wie du, aber er hat dich immerhin lange genug angeschaut, um dich daraufhin zum Essen einzuladen.“

Jane holte Luft. „Ihr wärt wirklich das ideale Paar. Wenn man von eurem Arbeitseifer auf den Sex schließen kann, dann steht dir das Paradies bevor. Er ist genau der richtige Mann für dich. Geh und kauf diesen Büstenhalter, bevor du zu alt wirst, um pinkfarbene Spitze zu tragen.“

„Dazu werde ich nie zu alt sein“, erwiderte Emily pikiert.

„Man könnte meinen, du wärst eine Greisin, wenn man dich hört. Für dich wären lange Unterhosen aus grauem angerautem Flanell das richtige Kleidungsstück.“

Emily seufzte und dachte ein wenig über Janes Vorwurf nach. Sie dachte über alles nach, was Jane sagte. Dann schüttelte sie den Kopf. „Ich könnte mich nie in jemanden verlieben, der mir ständig sagt, was ich zu tun und zu lassen habe. Und genau das tut er.“

„Dann musst du ihn eben ändern“, befand Jane resolut und lehnte sich wieder zurück. „Er hat einen klitzekleinen Fehler, aber der Rest ist vollkommen. Du musst ihm eben beibringen, dass er dich nicht herumzukommandieren hat.“

„Mal sehen“, meinte Emily zögernd.

„Na, das ist wenigstens etwas.“ Jane stand auf. „Immer schön aufgeschlossen sein, das ist das Motto. Ich wette, dass er im Bett fantastisch ist.“

Ihn ändern, dachte Emily. Oder besser, mich selbst. Ich bin nur in dieser Lage, weil ich bescheiden, hilfsbereit und höflich bin und für einen eitlen, groben Kerl wie George Bartlett arbeite. Und jetzt habe ich auch noch diesen Richard Parker am Hals, diesen Pfennigfuchser.

Aber ein Pfennigfuchser, der ihre Knie weich werden ließ, wenn er sie anlächelte. Das hatte ihr noch gefehlt.

Schluss damit, befahl sie sich. Gleich morgen früh würde sie dafür sorgen, dass Richard Parker sie wie eine Partnerin und nicht wie eine Sklavin behandelte. Und dass er ihr zuhörte. Und ab morgen würde sie auch seinem Lächeln gegenüber immun bleiben.

2. KAPITEL

Dieser Mann wird mir zuhören“, erklärte Emily Jane am nächsten Morgen. „Ich werde mich höflich und zugänglich zeigen, zur Zusammenarbeit willig, dabei stark und fordernd auftreten.“

„Aha.“ Jane war skeptisch.

„Ich werde ihn mit meiner Kompetenz beeindrucken.“ Emily schob das Kinn vor. „Und dabei offen und aufgeschlossen sein.“

In der nächsten Woche tat sie ihr Bestes, um ihren Worten Taten folgen zu lassen. Aber Richard ließ ihr keine Chance. Er befahl ihr, Unterlagen zu schicken, zitierte sie zu Besprechungen und ließ sie Konferenzen arrangieren, bis sie ihm die ganze Kampagne am liebsten vor die Füße geworfen hätte. Als sie dann am Freitagmorgen ins Büro kam und Jane ihr gleich als Erstes mitteilte, dass er sie zu sprechen wünsche, hatte sie endgültig genug.

„Da muss ich ihn leider enttäuschen.“ Sie knallte ihre Tasche auf den Schreibtisch. „Ich habe nämlich zu tun.“

„Höflich und zugänglich, willig zur Zusammenarbeit“, bemerkte Jane und drückte ihr eine Akte in die Hand. „Das ist seine Kostenschätzung. Sie wird dir nicht gefallen. Jetzt kommt es auf dich an. Sei nett zu ihm, aber mach ihm klar, dass er dir keine Anweisungen zu geben hat. Du weißt schon: höflich sein, aber in der Sache hart bleiben.“

„Was ist eigentlich aus deinem Plan geworden, dass ich ihn heiraten soll?“

„Das widerspricht sich doch nicht. Mit Ben habe ich es genauso gemacht. Ich war nett zu ihm, habe aber von Anfang an klargestellt, dass ich mich nicht von ihm herumscheuchen lasse.“

„Ben scheucht dich doch nicht herum.“

„Siehst du?“ Jane lachte. „Es funktioniert.“

Emily ging gerade die Kostenschätzungen durch, als Richard zu ihr ins Besprechungszimmer kam.

„Hier.“ Er schob ihr eine kleine schwarze Flasche hin, und sie sah zu ihm auf. „Das neue Parfüm. Versuchen Sie es. Ich möchte gern wissen, wie es riecht.“

So nicht, dachte Emily und schob das Fläschchen zurück. „Versuchen Sie es doch an sich selbst.“

„Ich habe es gestern schon probiert.“ Er legte einen Stapel Akten auf den Tisch und schlug die oberste auf. „Ich habe zweimal duschen müssen, um das Zeug wieder loszuwerden, bevor ich in die Firma fuhr.“

„Dann wissen Sie ja, wie es riecht.“ Damit entließ sie ihn und wandte sich wieder den Zahlen zu.

„Trotzdem. Ich möchte wissen, was Sie davon halten.“ Zum ersten Mal sah er sie richtig an, als er auf ihre Reaktion wartete.

Höflich und zugänglich.

Mit einem kleinen Seufzer öffnete Emily die Flasche, schüttelte ein paar Tropfen heraus und benetzte ihre Handgelenke und die kleine Stelle hinter ihrem Ohr. „Es riecht angenehm.“ Sie widmete sich wieder ihrer Arbeit.

„Nur ‚angenehm‘?“, wollte er wissen.

„Ich habe es nicht so mit Parfüm“, beschied sie ihn, und er lachte.

„Sie sollen Parfüm im Wert von vier Millionen Dollar verkaufen. Da sollten Sie sich vielleicht ein wenig mehr dafür interessieren.“

„Hören Sie.“ Emily ließ leicht genervt ihre Akte sinken. „Wenn man von Ihnen verlangen würde, ab morgen Tampons zu verkaufen, würden Sie das doch auch tun, oder?“

Richards Lächeln schwand. „Ja, natürlich. Darf ich fragen, worüber Sie sich eigentlich so ärgern?“

„Darüber, dass Sie mich wie ein Kind behandeln.“ Sie verschlang die Finger ineinander. „Wie ein dummes kleines Mädchen. So würden Sie mit keinem Mann umgehen. Oder hätten Sie von George auch verlangt, dass er Ihnen das Parfüm vorführt?“

„Das ist etwas anderes.“

„Nein, das ist es nicht.“

Richard schien sich nicht besonders wohl in seiner Haut zu fühlen. „George gehört nicht zu unserem Team.“

„Jemandem ein Parfüm mehr oder weniger an den Kopf zu werfen und ihm zu befehlen, es auszuprobieren, ist auch nicht gerade das, was ich unter Teamwork verstehe“, gab Emily bissig zurück. „Wir sind kein Team. Sie spielen den Boss und geben mir Befehle, und Sie hören mir nie zu. Das ist keine Partnerschaft, und das ist kein Teamwork. Das ist gar nichts.“ Sie schlug ihre Akte mit einer heftigen Bewegung zu und stand auf.

„Sie haben recht“, sagte Richard zerknirscht.

Emily blieb wie angewurzelt stehen und starrte ihn an. Er rieb sich den Nacken und lächelte reuevoll. In diesem Augenblick sah er aus wie ein kleiner Junge, der etwas angestellt hatte. Und die Wirkung, die er auf sie hatte, war verheerend.

„Ich bin einfach so daran gewöhnt, dass ich der Boss bin, und dann kann ich manchmal nicht so schnell umdenken.“ Er sah sie um Nachsicht bittend an. „Es tut mir leid.“

Emily setzte sich wieder. Es wäre wirklich einfacher, wütend auf ihn zu sein, wenn er nicht so viel Charme hätte! Mit diesem Lächeln erreichte er wahrscheinlich alles, was er wollte.

Sie schlug ihre Akte wieder auf. „Also, gut. Dann hören Sie mir zur Abwechslung einmal zu. Unser Hauptproblem bei diesem neuen Parfüm ist, dass es sich deutlich von Paradise abheben muss. Und dazu brauchen wir mehr als nur einen anderen Namen oder Rubine statt Diamanten. Wir müssen dem Kunden vor allem klarmachen, dass es auf diesen Unterschied ankommt. Er muss in der Werbung herausgestellt werden, und das ist die zusätzlichen Geldmittel wert.“

Richard nahm die Kappe von seinem Stift und setzte sich in Positur. „Gut. Und wo liegt nun der berühmte Unterschied?“

„Sizzle ist billiger. Aber es käme natürlich einem Selbstmord gleich, es unter diesem Aspekt zu vermarkten.“

„Zugegeben.“ Er gab sich durchaus Mühe. „Riecht es anders als Paradise?“

„Ja, natürlich.“ Emily öffnete das kleine Fläschchen. „Es ist irgendwie würzig. Paradise ist schwerer, fruchtiger. Wir werben mit ‚verführerisch und sexy‘.“ Emily wedelte mit dem Glasstöpsel, um den Duft in der Luft zu verbreiten. „Dieses neue Parfüm könnte gut ein etwas aufregenderes Image vertragen. Es hat etwas Kribbelndes.“

Sie verstrich einen Tropfen auf dem Handrücken und roch daran. „Ja, es hat definitiv ein gewisses Kribbeln.“ Sie benetzte den Glaspfropfen erneut und strich damit über ihren Hals. „Es ist genauso sexy wie Paradise, aber trotzdem anders.“ Sie bewegte den Pfropfen zu ihrem Blusenausschnitt und dem Ansatz ihrer Brüste. Richard sah ihr fasziniert zu.

„Es dauert natürlich noch ein wenig“, erklärte sie dabei. „Der Duftstoff muss sich erst noch durch die Hautwärme entfalten.“

„Oh.“ Er schluckte. „Schön.“

„Es macht nichts, wenn man nichts von Parfüm versteht“, versicherte sie ihm. „Wir verkaufen die Wirkung, das Image. Das Knistern und nicht das Feuerholz.“

Richard räusperte sich. „Und dieses Parfüm hat die richtige Wirkung?“

Emily zupfte an ihrer Seidenbluse, um den Duft besser in die Nase zu bekommen. „Ja“, meinte sie dann. „Eindeutig.“

Wieder räusperte er sich. „Und … äh … wie würden Sie den Werbefeldzug anlegen?“

„Hm“, begann sie. „Paradise haben wir mit Sex verkauft, mit Erfüllung, Zufriedenheit. Eben mit dem Gefühl, das man hat, wenn man …“

„Ja, ich weiß.“ Er nickte.

„Dieser neue Duft ist mehr wie … das Vorspiel. Aufregend, prickelnd wie ein …“

„Vorspiel.“

„Möglicherweise wird die Wirkung noch intensiver, wenn man dem Parfüm Zeit gibt, sich zu entfalten. Wir könnten da einen Zusammenhang mit sexueller Erregung herstellen und so ein jüngeres, aufgeschlosseneres Publikum ansprechen. Wenn Paradise gepflegter Sex war, dann ist das hier scharf, gewagt.“

Richards Augenbrauen gingen in die Höhe.

„Natürlich nicht Peitschen und Ketten, aber … na ja, ein gewisses Kribbeln und Prickeln eben. Es wäre interessant, ob …“ Emily öffnete das kleine Fläschchen wieder und benetzte erneut ihren Busenansatz.

Richard wandte sich ab. „Würden Sie das bitte unterlassen?“

„Verzeihen Sie. Zu viel Parfüm kann wirklich beklemmend sein. Ich hatte nur gerade einen Einfall …“

„Und zwar?“

Sie beugte sich vor und registrierte, dass sein Blick zu ihrem Busenansatz wanderte. „Ich wasche das Parfüm gleich ab. Aber wie wäre es, wenn wir es wirklich zum Prickeln brächten?“

„Wie meinen Sie das?“

„Na ja, eine Frau trägt Parfüm auf der Haut, da, wo das Blut pulsiert. Wenn wir es nun schaffen würden, dass die Haut zu kribbeln anfängt und wärmer wird, wäre das mit Sicherheit verkaufsfördernd. Das Kribbeln würde erregend wirken und ein erotisches Gefühl auslösen. Es würde sich anfühlen wie …“

„Wie ein Vorspiel“, sagte Richard trocken und lachte, als es Emily für einen Moment die Sprache verschlug. „Lassen Sie sich nicht stören.“

Sie erwiderte sein Lächeln. „Wir nennen es Sizzle, das klingt nach Kribbeln und Prickeln, und wir könnten es in einem erotischen Film mit wirklich heißen Sexszenen unterbringen oder erotischen Artikeln für Frauen als Probe beilegen.“

„Zum Beispiel?“

„Strümpfen, Spitzenstrapsen …“ Emily unterbrach sich und presste die Lippen zusammen, als er lachte. „Sie halten nichts davon?“

„Doch, doch. Eine großartige Idee. Aber es ist umwerfend, wie geschäftsmäßig sachlich Sie über Spitzenunterwäsche sprechen.“

„Diese Geschäftsmäßigkeit ist der Grund meiner erfolgreichen Arbeit“, gab sie zurück. „Sie würden dieses Parfüm wahrscheinlich einfach ‚Nachmittag im Konferenzsaal‘ nennen und genau drei Flakons davon verkaufen.“

Richard war nicht im Mindesten gekränkt. „Höchstwahrscheinlich.“

„Also, dann behandeln Sie mich nicht so von oben herab.“ Sie sah ihm in die Augen. „Das habe ich nicht verdient.“

„Ich bitte nochmals um Verzeihung.“ Richard neigte sich zu ihr. Offenbar tat ihm sein Verhalten wirklich leid. „Darf ich es wiedergutmachen? Gehen Sie heute Abend mit mir zum Essen.“

Er lächelte, und sie hielt den Atem an. „Sie würden mir damit eine große Freude machen, Emily.“ Er hatte wirklich ganz erstaunliche Augen. „Jetzt haben Sie schon all das Parfüm aufgetragen. Es wäre doch schade, wenn es verschwendet wäre.“

Seine Augen sind so blau wie der Himmel, dachte sie. Sie mochte es, wie er ihren Namen aussprach. Aber dann stieg Abwehr in ihr hoch. Sie brauchte das nicht. Sie mochte ihn ja nicht einmal.

„Bitte.“ Dieses Lächeln war einfach tödlich. Warum konnte er es nicht lassen? „Rein geschäftlich. Wir könnten uns über die Finanzierung unterhalten. Passt Ihnen sieben Uhr?“

Lächeln hin oder her, sie konnte ihn nicht leiden. Vermutlich hatte er einen hinreißenden Körper. Nicht, dass es sie in irgendeiner Weise interessiert hätte. „Also gut.“ Emily holte tief Luft. „Wenn Sie einverstanden sind, werde ich mit dem Labor und der Werbeabteilung diesbezüglich reden.“

„Fein.“ Richard setzte sich zurück und nahm seine Aufzeichnungen in die Hand, offenbar sehr zufrieden mit ihrer Zusage. „Trotzdem werden wir einige Ihrer Vorstellungen vermutlich herunterschrauben müssen.“

„Und zwar welche?“, erkundigte Emily sich kühl.

Er hatte sich schon wieder in seine Berichte vertieft und nahm die Kälte in ihrer Stimme nicht wahr. „Nun, diese Produktplatzierung im Film kostet ein Vermögen. Über die Druckmedien erreichen wir mehr Menschen, und das auch noch billiger.“

„Aber längst nicht so wirksam“, gab Emily zurück und lehnte sich vor. „In einem Film sieht man, wie eine schöne Frau das Parfüm benutzt und sich dann einen tollen Mann angelt. Wenn wir Glück haben, gibt es auch eine wirklich gute Sexszene. Unbewusst werden die Zuschauer unser Parfüm damit in Verbindung bringen.“

„Und wenn der Film kein Erfolg wird?“

„Dann können wir es auch nicht ändern.“ Emily zuckte die Achseln. „Ein gewisses Risiko geht man immer ein.“

„Nicht mit dem Geld der Firma.“ Richard deutete mit dem Stift auf sie. „Sie werden diesmal Ihr Budget nicht überziehen.“

Emily übersah den Stift. „Wenn wir das Parfüm im richtigen Film unterbringen, könnten wir noch mehr Erfolg haben als mit Paradise.“

„Und wenn es der falsche Film ist, bekommen wir es mit der Firmenleitung zu tun.“ Damit wandte er sich wieder seinen Papieren zu.

Emily holte tief Luft. Nur ruhig bleiben. Ruhig und kompromissbereit, das war die Parole. „Ich werde es trotzdem vorschlagen.“

Er machte sich nicht einmal die Mühe aufzuschauen. „Nichts dagegen. Aber machen Sie sich darauf gefasst, dass ich den Posten vermutlich streiche.“

„Kein Problem.“ Sie stand auf und klappte ihre Mappe zu.

„Fein“, sagte er und sah mit einem Lächeln zu ihr hoch. „Dann bis sieben Uhr.“

„Ich bin mit unserem obersten Finanzminister zum Abendessen verabredet“, berichtete Emily, als sie an Janes Schreibtisch vorbeiging.

Jane stand auf und folgte ihr in ihr Büro. „Erzähl.“

„Ach, ich weiß nicht, ob das so toll wird.“ Emily ließ sich in ihren Stuhl fallen. „Ich gebe ja zu, dass er fantastisch aussieht. Aber er ist engstirnig und hat nur Geld im Kopf.“

„Das bedeutet, dass er eine andere Meinung hat als du“, stellte Jane trocken fest.

„Jane, bitte!“

„Wo geht ihr hin?“

„Keine Ahnung. Das entscheidet natürlich er, darauf kannst du Gift nehmen.“ Emily runzelte die Stirn. „Wollen wir wetten, dass er auch für mich bestellt?“

„Ja, und? Setz dich doch einfach nur hin und schau ihn an. Das kann sehr entspannend sein.“

„Schönheit ist nicht alles“, gab Emily spitz zurück.

Jane sank auf ihren Stuhl. „Aber sie ist auch nicht zu verachten. Was für ein Körper!“, seufzte sie.

„Woher willst du das wissen? Bis jetzt haben wir ihn nur im Anzug gesehen. Ich bin davon überzeugt, dass er mit Krawatte schläft.“

„Karen hat gesehen, wie er sein Hemd gewechselt hat. Das alte hatte einen Kaffeeflecken. Er hat für solche Fälle immer ein Ersatzhemd im Büro.“

„Das sieht ihm ähnlich.“

„Jedenfalls hat Karen ihn ohne Hemd gesehen.“

„Und?“

„Es hat ihr die Sprache verschlagen. Sie bringt immer noch kein Wort heraus.“

„Ich vermute, dass er beim Abendessen das Hemd anbehält“, bemerkte Emily trocken.

„Wahrscheinlich. Aber wenn du es richtig anstellst …“

„Denkst du eigentlich jemals an etwas anderes als Sex?“

„Ja, oft. Aber lass es uns doch einmal nüchtern sehen: Du gehst nicht mit ihm zum Essen, um mit ihm über die Werbekampagne zu reden, sondern weil du ihn attraktiv findest. Hast du dir schon überlegt, was du anziehen willst? Ich schlage etwas Unanständiges vor, das ihn so richtig wild macht.“

„Das Einzige, was Richard Parker wild macht, ist die angebliche Verschwendung von Firmengeld. Was mich erinnert: Könntest du mich mit Laura in Los Angeles verbinden? Wir müssen das Parfüm in einem Film unterbringen. Eine bessere Werbung gibt es nicht.“

„Das wird teuer. Hat der Finanzwächter sein Okay gegeben?“

„Nein, wir werden ihn damit überraschen“, erwiderte Emily fest. „Der Mann hat in seinem Leben noch nicht genug Überraschungen erlebt. Das kann ihm nur guttun. Er ist zu fantasielos.“

„Hallo, Emily!“, begrüßte Laura sie erfreut. „Was kann ich für dich tun?“

„Wir haben ein neues heißes Parfüm und brauchen einen passenden Film dafür. Etwas Erotisches.“

„Ich werde mich umhören.“

„Danke. Wie geht es Gary?“

„Den gibt es nicht mehr“, erwiderte Laura fröhlich.

„Das höre ich gern. Ich konnte ihn sowieso nie leiden.“

„Er dich auch nicht. Er hielt dich für knallhart.“

„Er hatte recht. Besonders unglücklich klingst du nicht.“

„Gary war ohnehin nur als Übergang vorgesehen. Um so einen Typ ernst zu nehmen, muss man schon sehr verzweifelt sein.“

„Man muss als Frau immer sehr verzweifelt sein, wenn man irgendeinen Mann ernst nimmt.“

„Und du willst ein ‚heißes‘ Parfüm auf den Markt bringen?“

„Ich bin zu dem Entschluss gekommen, dass man einen Mann nicht ernst nehmen muss, um Sex mit ihm zu haben.“ Vor Emilys innerem Auge tauchte Richard auf, fallen gelassen wie ein alter Handschuh nach einem leidenschaftlichen, aber bedeutungslosen Sexabenteuer. Ein Gedanke, der zwar neu für sie war, der ihr aber gefiel.

„Genau das war meine Einstellung zu Gary“, gab Laura zurück. „Ich melde mich, sobald ich etwas für dich habe.“

Emily legte den Hörer auf und dachte über Richard nach. Über Sex mit Richard. Bedeutungslos – vielleicht. Aber wahrscheinlich auch sehr aufregend. Er war intelligent, sah gut aus und hatte einen Körper, der eine Sünde wert war.

Und sie war heute Abend mit ihm zum Essen verabredet.

Jane meldete sich über die Gegensprechanlage. „Ich sollte dich daran erinnern, dass du zur Abteilung Forschung und Entwicklung wolltest.“

„Bin schon unterwegs.“ Emily zögerte. „Vielleicht könntest du in der Zwischenzeit etwas für mich besorgen.“

„Dein Wunsch ist mir Befehl.“

„Ich brauche schwarze Spitzenunterwäsche.“

„Sehr gut“, lobte Jane. „So gefällst du mir.“

Die Hektik in der Abteilung Forschung und Entwicklung machte Emily immer nervös. Zwar liefen ständig Leute in weißen Laborkitteln mit geschäftiger Wichtigkeit herum, aber niemand schien je für irgendetwas zuständig zu sein. Eine Weile war sie mit dem Abteilungsleiter Chris Crosswell ausgegangen und seitdem noch skeptischer, was die Effizienz seiner Abteilung anging. Chris besaß die Konzentrationsfähigkeit einer Fruchtfliege und die Moral eines Karnickels. Für den Leiter einer so wichtigen Abteilung schien das kaum die geeignete Mischung zu sein.

„Hallo, meine Schöne“, begrüßte er sie. „Wollen wir zusammen essen gehen?“

„Tut mir leid, ich bin beschäftigt“, gab sie zurück. Sie hielt ihr Fläschchen hoch. „Es gut um das neue Parfüm.“

„Beschäftigt mit wem?“, wollte er wissen.

„Das geht dich nichts an. Wegen des Parfüms …“

„Der Neuzugang vom zwölften Stock. Ich dachte mir gleich, dass du ihm nicht entgehst.“

„Chris, an dem Parfüm muss noch etwas verändert werden.“

„An unserer Beziehung auch.“

„Wir haben keine Beziehung“, erinnerte sie ihn kühl. „Schon seit zwei Jahren nicht mehr. In dieser Zeit hast du geheiratet und dich wieder scheiden lassen. Zu diesem Parfüm …“

„Das zeigt nur, wie viel wir an unserer Beziehung arbeiten müssen.“

Sie drückte ihm einfach das Fläschchen in die Hand. „Es soll prickeln.“

„Prickeln?“, gab er ein wenig dümmlich zurück.

„Ja. Und die Haut soll warm werden. Schaffst du das?“

„Ja, klar.“ Er hob die Schultern. „Bis wann?“

„Gestern.“ Emily machte sich auf den Rückweg. „So bald wie möglich.“

„Gut. Was ist jetzt mit unserem Abendessen?“

„Dafür hast du gar keine Zeit. Du musst das Prickeln in die Flasche bekommen.“ Emily hatte die Tür erreicht. „Danke, Chris. Sag mir Bescheid, wenn du fertig bist.“

Für Richard sprach eindeutig, dass er sich nicht so dämlich anstellte wie Chris. Sie begann, sich auf das Essen mit ihm zu freuen.

Der Abend fing gut an. Emily trug die neue schwarze Spitzenunterwäsche, die Jane ihr besorgt hatte, und dazu ein kurzes schwarzes Kleid. Sie bürstete die Haare, bis sie ihr schimmernd auf die Schulter fielen, und trug einen Hauch Sizzle auf. Gerade wollte sie sich zu ihrer Gelassenheit gratulieren, als es an der Tür klingelte. Und ihr wurde schlagartig eiskalt vor Nervosität.

Es ist nur ein Abendessen, sagte sie sich. Ein belangloses Abendessen. Er interessiert sich nur für Geld, nicht für dich.

Aber ihre Taktik funktionierte nicht. So ungern sie es sich eingestand, aber zum ersten Mal seit langer Zeit freute sie sich auf einen Abend mit einem Mann. Von wegen belanglos, dachte sie trocken und musste gegen eine neue kleine Panikattacke ankämpfen, als es zum zweiten Mal klingelte.

Sie öffnete die Tür, und da stand er vor ihr, Gardenien in der Hand. Er blieb einen Augenblick regungslos stehen, dann räusperte er sich. „Sie sehen wunderschön aus“, sagte er. „Sind Sie so weit?“

„Ja.“

Er half ihr ins Taxi, als wäre sie aus zerbrechlichem Porzellan. Sie fuhren zum „Celestial“.

„George hat mir erzählt, dass das Ihr Lieblingsrestaurant ist“, sagte er, als er sie zum Tisch führte.

Emily presste die Lippen zusammen. Hätte er sie nicht fragen können, wo sie essen wollte? Dann seufzte sie unhörbar. Fing sie schon wieder an? Er war doch nett, und sie brauchte ihn auf ihrer Seite. Außerdem bezahle er, also hatte er das Recht, das Restaurant auszusuchen. Es war ja auch wirklich ihr Lieblingsrestaurant. Und er sah fantastisch aus.

„Ich bin halb verhungert.“ Er winkte dem Ober. „Keine Drinks vorher. Wir bestellen gleich.“

„Ich hätte aber gern zuerst ein Glas Wein“, warf Emily ein, doch Richard diktierte bereits die Speisenfolge. Für sie beide.

„Süßsaure Suppe. Mongolisches Rind.“

„Ich esse nicht gern mongolisches Rind“, bemerkte Emily höflich.

„Schweinefleisch Mu-shu.“

„Ich hätte lieber Knoblauchhühnchen.“

„Su-san shan.“

„Ich hasse Su-san shan, ehrlich gesagt.“

„Königskrabben.“ Richard strahlte sie an. „Wie klingt das?“

„Sie sollten vielleicht einmal Ihr Gehör überprüfen lassen.“

Richard gab dem Ober die Speisekarte zurück. „Das wäre alles im Moment.“

„Pflaumensoße zum Mu-shu?“, erkundigte der Ober sich.

„Nein“, erwiderte Richard.

„Doch“, sagte Emily, und der Ober lächelte ihr zu und nickte.

Sie war heilfroh darüber, denn sie hatte schon befürchtet, dass sie vielleicht stumm geworden war, ohne dass sie es selbst gemerkt hatte.

„Es ist gut, dass wir uns einmal außerhalb der Firma treffen“, meinte Richard mit einem Lächeln. „Dort ist die Zeit zu begrenzt, um sich besser kennenzulernen.“

Die einzige Begrenzung bist du, dachte Emily böse. Und das hat nichts mit der Atmosphäre in der Firma zu tun.

„Sie haben wunderschöne Haare“, sagte er jetzt und lächelte sie auf diese jungenhafte Weise an, die ihr jedes Mal den Atem nahm. „Sie sehen überhaupt hinreißend aus.“

Vielleicht war er doch nicht so schlimm. Emily dachte gerade noch rechtzeitig daran weiterzuatmen. Er hatte eindeutig Potenzial. Sie sollte wirklich freundlicher zu ihm sein. „Danke.“ Sie beugte sich vor. „Wie nett von Ihnen. Ich sehe, dass Ihnen unsere Zusammenarbeit wirklich am Herzen liegt. Und ich bin auch davon überzeugt, dass sie noch viel besser werden kann.“

„Unbedingt.“ Richard nahm ihre Hand. „Ich bin hundertprozentig Ihrer Meinung.“

Seine Berührung ging ihr durch und durch. Er hatte angenehme Hände. Sehr angenehme Hände. Und sie waren sehr gepflegt. Sie versuchte, sich auf seine manikürten Nägel zu konzentrieren und nicht zu sehr von der Wärme seiner Haut ablenken zu lassen. Ihr Atem ging ein wenig schneller. Unverhüllte Bewunderung stand in seinem Blick. Er war wirklich süß.

Vorsicht, dachte sie. Sie durfte sich nicht gefühlsmäßig auf ihn einlassen, sondern musste einfach nur berechnend seinen Körper nutzen und ihn dann fallen lassen.

„Erzählen Sie mir etwas über sich.“ Seine Finger schlossen sich fester um ihre. „Ich möchte alles wissen.“

Emily blinzelte. „Warum?“

Ihre Frage schien ihn zu überraschen. „Halten Sie es nicht für wichtig, sich näher kennenzulernen, wenn man so eng zusammenarbeitet?“

„Ja, doch. Vermutlich.“ Emily dachte darüber nach. Sie arbeitete seit acht Jahren mit George zusammen, und er hatte nie den geringsten Versuch gemacht, mehr über sie zu erfahren. Das war eine interessante Seite an Richard. „Also gut.“

Über ihrer Suppe und dem anschließenden Schweinefleisch beantwortete sie Richards Fragen. Und als sie den letzten Bissen hinuntergeschluckt hatte, wusste sie, warum er so erfolgreich war. Er stellte die richtigen Fragen, und er hörte – diesmal wenigstens – zu. Vermutlich wollte er sich auf diese Weise ein Bild von ihr machen. Er betrieb eine Art Tiefenforschung an seinem neuesten Projekt – an ihr.

Aber wenigstens hörte er diesmal zu.

Er war charmant, intelligent und höflich, und Emily entspannte sich und genoss seine Gesellschaft. Und je entspannter sie wurde, desto mehr öffnete er sich, und sie entdeckte eine Verletzlichkeit an ihm, die sie ihm nie zugetraut hätte. Seine Wirkung auf sie war verheerend, und sie stellte auf einmal fest, dass sie dagegen ankämpfen musste, sich Hals über Kopf in ihn zu verlieben – und dass sie diesen Kampf verlieren würde.

Sei nicht so kindisch, befahl sie sich, aber dann sah sie in seine unglaublich blauen Augen, in denen so viel Bewunderung stand, und geriet noch tiefer in ihren Gefühlsstrudel.

„Mongolisches Rindfleisch, Königskrabben, Su-san shan“, kündigte der Ober an und stellte die Platten und Schüsseln auf den Tisch.

„Sehr schön“, sagte Richard und verteilte das Rindfleisch auf Emilys Reis.

Emily betrachtete ihren Teller. Sie machte sich grundsätzlich nicht viel aus Rindfleisch, aber wenn es in Öl zubereitet war, dann verabscheute sie es geradezu. Zusätzlich war auch das Gemüse noch in eine Fettschicht gehüllt, und die Zwiebeln erinnerten sie an Würmer. Sie beschloss, sich an die Königskrabben zu halten.

„Sie essen ja gar kein Fleisch.“ Richard runzelte die Stirn. „Ist etwas nicht in Ordnung? Soll ich es zurückgehen lassen?“

„Ich mag kein mongolisches Rindfleisch.“

„Warum haben Sie das nicht gesagt?“

„Das habe ich ja. Aber Sie haben nicht zugehört.“

Er sah forschend auf ihren Teller. „Und Su-san shan mögen Sie offenbar auch nicht“, stellte er fest.

„Nein. Aber der Ober war so aufmerksam und hat mir Pflaumensoße zu meinem Schweinefleisch gebracht.“

„Sie mögen also Pflaumensoße?“

„Ja.“ Emily seufzte. „Das habe ich auch gesagt.“

„Aber ich höre nie zu.“ Er sah sie an wie ein junger Hund, den man ausgeschimpft hatte.

„Nein.“ Sie ertrug es nicht, dass er so unglücklich war, und lächelte ihn an. „Sie sollten daran arbeiten.“

„Ich verspreche es.“

„Gut. Jetzt sind Sie an der Reihe. Erzählen Sie mir etwas von sich.“

Er zögerte, aber sie war eine gute Zuhörerin, und als das Dessert kam, wusste sie bereits alles über seine Vergangenheit. Sie hatten viel gemeinsam, zum Beispiel ihre Abneigung gegen den Disneyfilm „Bambi“, der sie beide als Kinder todunglücklich gemacht hatte. Beide waren Klassensprecher gewesen und hatten später beim Wirtschaftsstudium als Beste abgeschlossen. Sie liebten ihre Arbeit und hatten einige enttäuschende, unglückliche Beziehungen hinter sich.

Emily vergaß Richards Überheblichkeit vorübergehend und fühlte sich einfach nur wohl. Er war so lieb, so gescheit, so freundlich, so verletzlich, so eindeutig hingerissen von ihr. Und er war unglaublich sexy. Er war genau richtig für sie.

Und als er sie nach Hause brachte, lud sie ihn zu sich ein.

Sie schloss die Tür und drehte sich zu ihm um. Er gab ihr genug Zeit, nein zu sagen, aber er bewegte sich schnell genug, um ihr das Gefühl zu geben, dass er ihr nicht widerstehen konnte. Und dann küsste er sie.

Tolles Timing, dachte sie noch, als seine Lippen ihre berührten. Und dann dachte sie gar nichts mehr.

Ganz offenbar hatte er sich in seinem Leben nicht nur mit Finanzen beschäftigt. Seine Lippen waren fest, und ihr wurde warm, als er sie auf ihrem Mund bewegte. Sie schlang die Arme um seinen Hals und erwiderte seinen Kuss hingebungsvoll. Ihre Zungen umspielten sich, und Emilys ganzer Körper schien zu brennen. Sie drückte sich an ihn, und er legte die Hand um ihren Nacken und ließ die Finger in ihre langen dunklen Haare gleiten.

Als er die Hand bewegte, verfing eine Strähne sich in seinem Manschettenknopf, und sie löste ihre Lippen von seinem Mund.

„Nicht, Richard. Warte! Meine Haare …“ Sie bog den Kopf zurück, um die Spannung zu mildern, und er nutzte die Gelegenheit, sie auf den Hals zu küssen und die Lippen zu ihrem Dekolleté wandern zu lassen. Seine Hände glitten an ihrem Rücken hinunter.

„Au! Richard, hör auf.“

„Womit?“, fragte er heiser. Seine Hände bewegten sich unablässig und zerrten an ihren Haaren. „Du hast wunderschöne Haare.“ Er hob die Hand und strich darüber.

„Puh!“ Sie ließ den Kopf sinken, als das Ziehen nachließ. Der Schmerz hatte ihr die Tränen in die Augen treten lassen.

„Du weinst“, sagte er leise und tief angerührt.

„Meine Haare haben sich in deinem Manschettenknopf verfangen.“

„Du bist so schön.“ Er neigte sich zu ihr, um sie erneut zu küssen.“

„Bist du taub?“, fuhr sie ihn an. „Meine Haare haben sich in deinem Manschettenknopf verfangen!“ Sie brüllte jetzt fast.

„Was ist?“

Emily löste sich von ihm, hielt aber seinen Arm fest. „Halt endlich still! Es tut wirklich weh.“ Sie musste blinzeln.

„Warum hast du denn nichts gesagt?“, fragte er vorwurfsvoll. Vorsichtig befreite er die Haarsträhne von seinem Ärmel.

„Das versuche ich ja die ganze Zeit.“

Das erotische Knistern hatte sich völlig verflüchtigt, und Emily brauchte ihre ganze Selbstbeherrschung, um Richard nicht umzubringen.

„Es ist wohl besser, wenn du jetzt gehst“, sagte sie und wich zurück, als er erneut nach ihr greifen wollte. „Ich habe morgen früh einen Termin mit dem Verpackungsdesigner, und du weißt ja, wie die Leute sind … Man muss sie ständig unter Kontrolle haben, sonst tun sie, was sie wollen.“ Sie hatte sich zur Tür bewegt, während sie sprach, und öffnete sie jetzt. „Es war ein sehr schöner Abend.“

„Was macht dein Kopf?“ Richard wirkte enttäuscht und zugleich ein wenig verärgert.

Emily rieb sich die Kopfhaut. „Ich werde eine Schmerztablette nehmen. Mach dir keine Gedanken.“

„Wann gehen wir wieder miteinander aus?“ Er lächelte auf sie hinunter.

Sie schloss für einen Moment die Augen. „Lass uns das ein anderes Mal besprechen.“ Der Kopf tat ihr wirklich weh.

„Wie wäre es mit Freitagabend?“

„Richard, du hörst mir überhaupt nicht zu. Ich habe dir erklärt, dass ich Kopfweh habe und ein anderes Mal darüber sprechen möchte.“

„Samstag?“

„Weder Freitag noch Samstag. Nie mehr!“ Ihre Stimme klang schrill. „Ich werde nie wieder mit dir ausgehen. Jedenfalls nicht, bevor du gelernt hast zuzuhören. Mach einen Kurs oder kauf dir ein Hörgerät oder sonst etwas. Aber lass mich in Ruhe!“ Sie schob ihn nach draußen und warf die Tür zu.

Das war ja nicht zu glauben! Sie kochte. Wie konnte ein so netter, charmanter, intelligenter, erotischer und gut aussehender Mann ein so schlechter Zuhörer sein? Ihr Kopf schmerzte fast unerträglich.

Nie wieder würde sie auch nur in seine Nähe gehen. Jedenfalls nicht freiwillig!

3. KAPITEL

Jane reagierte vorhersehbar.

„Ich möchte wissen, was daran so komisch ist!“ Emily sah mit Befremden zu, wie Jane sich hysterisch lachend auf ihren Stuhl fallen ließ.

„Noch einmal, bitte“, forderte sie begeistert. „Von Anfang an, als du dich in seinem Manschettenknopf verfangen hast.“

„Du bist unmöglich.“ Emily setzte sich hinter ihren Schreibtisch und versuchte, ihre Sekretärin zu ignorieren. Sie hätte besser den Mund gehalten.

„Ich wäre für mein Leben gern dabei gewesen.“

„Es hat ziemlich weh getan!“

„Du Ärmste. Wann siehst du ihn wieder?“

„Nie mehr. Ich habe ihn hinausgeworfen.“

Jane hörte auf zu lachen. „Bist du noch zu retten?“

„Aber er hört mir überhaupt nicht zu!“ Emily presste die Lippen zusammen, als sie wieder an den vergangenen Abend dachte.

„Du mir auch nicht“, erwiderte Jane genüsslich.

„Natürlich höre ich dir zu!“ Emily schenkte ihr einen bösen Blick.

„Gut. Dann rate ich dir, weiter mit ihm auszugehen.“

„Kommt überhaupt nicht infrage.“

„Siehst du? Du hörst nicht auf mich.“

„Jane …“

„Ist ja schon gut.“ Jane stand auf. „Und wie wirkt sich das jetzt auf eure Arbeit aus?“

„Keine Ahnung. Da hört er mir ja auch nicht zu.“

Jane sah auf sie hinunter. „Du machst einen großen Fehler. Abgesehen von diesem kleinen Makel …“

Kleinen Makel?“

„… ist er genau der richtige Mann für dich. Und du willst ihn dir durch die Lappen gehen lassen.“ Jane ging kopfschüttelnd an ihren Schreibtisch zurück. „Du machst wirklich einen großen Fehler.“

„Es tut mir wirklich leid“, sagte Richard, als Emily in sein Büro trat, um ein paar Zahlen zu vergleichen. „Ich möchte mich entschuldigen.“

„Es ist nicht so wichtig, wirklich.“ Sie setzte sich und griff nach den Papieren. „Das hätte jedem passieren können.“

„Jeder andere hätte zugehört.“ Er sah reuevoll auf sie hinunter. Er war groß und breitschultrig und sehr sexy. Und er war verrückt nach ihr und am Boden zerstört, weil sie böse auf ihn war.

Emily schloss die Augen. Sie spürte, wie sie schwach wurde. Nein, dachte sie und öffnete die Augen wieder.

„Ich bin zu der Überzeugung gelangt, dass wir nicht mehr zusammen ausgehen sollten“, sagte sie kühl. „Es tut nicht gut, wenn man Arbeit und Privatleben vermischt.“

„Emily …“

„Hast du gehört, was ich gesagt habe?“, fragte sie, und er wurde rot.

„Du hast ja recht.“ Er setzte sich. „Ich meine, mit dem Zuhören, nicht mit dem Ausgehen. Aber wenn das deine Meinung ist, dann beuge ich mich.“

„Danke. Und jetzt zu dem Kostenvoranschlag …“ Sie fand die Zahlen, die sie brauchte, und verließ sein Büro, noch bevor er irgendetwas sagen oder tun konnte, das ihren Entschluss ins Wanken brachte.

In der folgenden Woche fand Richard allerlei Vorwände, um sich privat mit Emily zu verabreden, aber sie ließ entweder durch Jane absagen oder brachte Jane zu diesen Terminen mit. Allmählich dämmerte ihm die Botschaft, und die nächsten drei Wochen sah Emily ihn überhaupt nicht. Dafür bombardierte er sie mit Anfragen, die unbedingt eine sofortige Antwort erforderten, mit Formularen, die auf der Stelle ausgefüllt werden mussten, und Berichten, die sie unverzüglich lesen sollte. Das meiste hätte sie sich sparen können.

Emily ging mit der letzten Anfrage zu Jane. „Das ist absolut lächerlich! Er hat die Zahlen alle selbst in seinen Unterlagen. Wenn er wieder etwas schickt, schick es zurück. Für wen hält er sich eigentlich?“

Jane nahm ihr das Blatt aus der Hand. „Ich sage es ja nur ungern, aber du sollst zu ihm kommen.“

Emily kochte vor Wut. „Und wie hat er sich ausgedrückt? Dass ich unverzüglich zu erscheinen habe, andernfalls lässt er mich vorführen?“

„Karen hat nur gesagt, du möchtest bitte in sein Büro kommen.“

„Das hört sofort auf!“, stieß Emily hervor und setzte sich in Bewegung.

„Sie brauchen mich nicht anzumelden“, beschied sie Karen kurz darauf und marschierte, ohne anzuklopfen, gleich in Richards Büro durch.

Er brütete über irgendwelchen Zahlenkolonnen. Sein Schreibtisch war unnatürlich aufgeräumt. Eine kleine Flasche stand neben zwei akkurat aufgeschichteten Papierstapeln, einem Krug mit Wasser und einem Glas. Daneben lag, exakt parallel ausgerichtet, ein Füller. Das war alles. Wie konnte man so arbeiten? Er hatte nicht einmal sein Jackett ausgezogen.

Aber er sah fantastisch aus.

„Deine Mutter war vermutlich sehr streng“, begann Emily.

Richard sah auf.

„Du hast mich rufen lassen?“ Sie stützte die Hände in die Hüften. „Ich bin gekommen, so schnell ich konnte.“

„Das Labor hat die neue Mixtur geschickt.“ Er wies auf das Fläschchen auf seinem Schreibtisch. „Wegen des neuen ‚Prickelns‘, das du haben wolltest.“

„Und warum haben sie es dir und nicht mir geschickt?“, wollte Emily wissen. „Dich interessiert das doch überhaupt nicht.“

„Ach, ich weiß nicht.“ Richard löste den Blick von ihr und wandte sich wieder seinen Papieren zu. „Nimm es ruhig mit.“

„Was mir an der Arbeit mit dir am besten gefällt, ist deine Zuvorkommenheit“, bemerkte Emily eisig und nahm das Fläschchen an sich. „Und bestell mich nie wieder in dein Büro. Wenn du in Zukunft etwas von mir willst, dann komm zu mir.“ Sie drehte sich auf dem Absatz um.

„Emily, warte!“

Sie holte tief Luft und wandte sich noch einmal zu ihm um. Ihre Augen funkelten.

Richard fuhr sich mit den Fingern durchs Haar. „Entschuldige. Wenn ich in der Arbeit stecke, vergesse ich oft meine Manieren. Ich wollte dich nicht in mein Büro bestellen, sondern dir nur Bescheid geben, dass die neue Parfümmixtur da ist. Das nächste Mal schicke ich Karen damit zu dir.“

„Danke.“ Emily schob das Kinn vor. „Das wäre auch angemessen.“

Richard nickte, dann sah er sie zum ersten Mal voll an. Sein Blick wurde weich, und in seinen Augen stand ein Ausdruck, dem sie schwer widerstehen konnte. Sie schluckte. „Es tut mir leid. Aber ich reagiere nun einmal sehr empfindlich darauf, wenn mich jemand herumkommandieren will.“

„Ich weiß. Aber dann tue ich es trotzdem. Und außerdem höre ich nicht zu.“ Er lächelte sie an, und sie lächelte auch. Welche Fehler er auch haben mochte, sein Lächeln war umwerfend.

Er legte seine Papiere ab. „Darf ich dich bitten, das neue Parfüm auszuprobieren?“

„Wenn du mitmachst.“

Er verteilte ein paar Tropfen auf seinem Handrücken.

Emily setzte sich ihm gegenüber. „Auf der Hand wird es nicht so wirken“, meinte sie, nahm das Fläschchen und betupfte mit dem Glasstöpsel die Stelle zwischen ihren Brüsten.

Richard beobachtete sie wie hypnotisiert und sagte dann mit seltsam angestrengter Stimme: „Kannst du das nicht irgendwie anders machen?“

„Aber das ist die wärmste Stelle an meinem Körper“, erklärte sie und fügte hinzu, als er die Augenbrauen hochzog: „Jedenfalls für Parfüm.“ Dann errötete sie.

Richard verrieb den Duftstoff auf seiner Hand. „Es kribbelt tatsächlich ein bisschen.“

Die Haut zwischen Emilys Brüsten wurde warm und begann zu prickeln. Sie rieb mit dem Finger darüber. „Wir müssen unbedingt eine Warnung auf dem Etikett anbringen, dass man Sizzle auf keinen Fall auf empfindliche Organe auftragen darf. Das Zeug wirkt wie verrückt.“

Richard starrte auf ihre Bluse, und Emily sah an sich hinunter. Ihre Brustspitzen zeichneten sich deutlich unter der dünnen Seidenbluse ab. Sie wurde rot und krümmte unwillkürlich die Schultern ein wenig, damit die Bluse sich nicht so straff über ihren Brüsten spannte. Aber damit erreichte sie nur, dass sie zusammengeschoben wurden und einen noch aufregenderen Anblick boten. Seine Verwirrung nahm beträchtlich zu.

Emilys Haut begann unangenehm zu brennen. „Juckt deine Hand?“, fragte sie Richard, und er hob mit Mühe den Blick von ihrem Busen.

„Was? Äh … ja, ein bisschen.“

„Das Parfüm ist eindeutig zu stark.“ Emily holte tief Luft. „Viel zu stark.“ Sie fuhr mit der Hand unter ihre Bluse, und Richard sah ihr fasziniert zu.

„Alles in Ordnung?“

Sie biss sich auf die Unterlippe. „Ja. Ja, natürlich.“

Das Parfüm brannte wie Feuer, und sie bewegte sich unruhig auf ihrem Stuhl.

„Emily?“

Sie hielt es nicht mehr aus. Mit einem schnellen Griff öffnete sie die oberen Blusenknöpfe, beugte sich vor und zog das Einstecktuch aus Richards Jackentasche. Einen kurzen Augenblick lang gewährte sie ihm den Anblick ihres vollen, runden Busens, dann tauchte sie das Tuch ins Wasser und drückte es sich auf die nackte Haut.

Endlich ließ das Brennen nach. „Ich werde dem Labor die Hölle heiß machen“, verkündete sie.

„Wird es besser?“

Sie tupfte vorsichtig das Parfüm von der Haut. „Ja. Was macht deine Hand?“

„Kaum noch spürbar.“

Emily betrachtete kritisch ihre gerötete Haut. „Immerhin kein Ausschlag.“ Sie sah hoch und mitten in seine Augen.

„Nein, es sieht wunderbar aus“, bemerkte er.

Sie zog die Bluse über dem Busen zusammen. „Tut mir leid, dass ich dein Einstecktuch ruiniert habe.“

Er musste lachen. „Jederzeit gern zu Diensten. Soll ich das Parfüm zurückschicken?“

„Nein. Ich bringe es persönlich hin.“

„Die Leute im Labor tun mir jetzt schon leid.“

Sie sah ihn verblüfft an. „Warum?“

Er lächelte ein wenig schief. „Wenn ich mir aussuchen dürfte, von wem ich einen Rüffel bekommen möchte hier in der Firma, dann bestimmt nicht von dir.“

Sie erwiderte sein Lächeln. „Vergiss das nie.“

„Lass uns essen gehen“, sagte Chris sofort, als Emily ins Labor stürmte. „Zu mir.“

„Dieses Parfüm greift total die Haut an! Du bringst das entweder in Ordnung, oder deine Stelle gehört ab sofort jemand anderem.“

„Was soll das heißen: Es greift die Haut an?“

„Es brennt. Habt ihr es denn nicht getestet?“

„Doch, natürlich.“ Chris nahm ihr das Fläschchen ab. „Am Handgelenk und hinter dem Ohr.“

„Das Problem tritt an anderen Körperstellen auf.“

„An welchen anderen Stellen?“

„Bring es einfach nur in Ordnung, ja?“, fuhr Emily ihn bissig an.

Er schüttelte den Kopf. „Du brauchst ein bisschen Abwechslung. Geh heute Abend mit mir zum Essen.“ Er grinste. „Dann kannst du mir auch diese anderen Körperstellen zeigen.“

„Du wirst heute Abend ganz bestimmt nicht essen gehen, Chris. Du wirst nämlich an diesem Parfüm arbeiten.“

„Komm schon, Emily“, begann er und unterbrach sich dann, als er den Ausdruck in ihren Augen sah.

„Du weißt, dass ich Einfluss in der Firma habe“, sagte sie kühl. „Glaubst du, ich könnte deine Entlassung bewirken?“

Er dachte kurz nach. „Ja.“

„Und glaubst du, dass ich dazu auch fähig wäre, wenn du dieses Parfüm nicht in Ordnung bringst und endlich damit aufhörst, mich zu belästigen?“

Er sah ihr in die Augen. „Ja.“

„Dann schlage ich vor, dass du dich unverzüglich an die Arbeit machst.“ Damit ließ sie ihn ohne Umstände stehen.

Jane folgte Emily an den Schreibtisch, als sie ins Büro zurückkam. „Was hat er denn jetzt schon wieder angestellt?“

„Könnte ich erreichen, dass jemandem wegen sexueller Belästigung am Arbeitsplatz gekündigt wird?“

„Doch nicht Richard?“ Jane war schockiert.

„Nein!“, gab Emily wütend zurück. „Natürlich nicht. Sondern dieser Idiot Crosswell.“

„Damit würdest du der weiblichen Belegschaft einen großen Gefallen tun.“

„Vermutlich. Hätte ich deiner Meinung nach die Möglichkeit dazu?“

„Natürlich. Vor allem, wenn Richard davon erführe.“

„Ich will nicht, dass er die schmutzige Arbeit für mich erledigt.“

„Wie hat Crosswell dich denn so in Rage gebracht?“

„So, wie er es seit zwei Jahren tut. Heute hat er einfach nur das Fass zum Überlaufen gebracht. Ich kann dir gar nicht sagen, wie wütend ich war.“

„Ich sehe es. Meinst du, dass er es jetzt endlich kapiert hat?“

„Ich glaube schon. Er weiß, dass das keine leere Drohung war.“

„Ganz sicher nicht. Die Firma will dich nicht verlieren.“

„Schön zu wissen, dass man geschätzt wird.“

„Das ist es nicht.“ Jane schlug die Beine übereinander. „Aber sie wissen, dass ich mit dir gehen würde, und wer würde dann dafür sorgen, dass hier alles läuft?“

„Wie wahr. Hat die Werbeabteilung ihren Entwurf für die Verpackung schon fertig?“

„Er müsste morgen hier sein.“

Das Telefon klingelte, und Jane stand auf, um den Hörer abzunehmen.

Emily sah aus dem Fenster. Sie musste daran denken, wie entrüstet sie gewesen war, als Jane behauptet hatte, Richard verschlänge sie mit Blicken und fände sie süß. Er hörte vielleicht nicht zu, wenn sie etwas sagte, aber er würde sein persönliches Verhältnis zu ihr bei der Arbeit nie ausnützen. Er war anständig, er war …

„Laura auf Leitung eins“, sagte Jane, und Emily nahm den Hörer ab.

„Und?“, fragte sie ohne Einleitung.

„Du hast zwei Möglichkeiten. Das eine ist eine ganz sichere Sache – große Stars, viel Werbung, das Übliche. Ein kalkulierter Kassenerfolg. Jede Menge Designernamen, alles vom Feinsten.“

„Es könnte sein, dass wir da zu wenig auffallen und sang- und klanglos untergehen. Was ist die Alternative?“

„Schwer zu sagen.“ Laura machte eine kleine Pause. „Es ist ein Erstlingsfilm, sehr begabter Junge. Es geht um einen erfolgreichen Mann und eine Karrierefrau, die einander sexuell verfallen. Vor allem eine Szene, in der die Frau sich anzieht, wäre ideal für dein Parfüm.“

„Nicht, wenn niemand den Film zu sehen bekommt.“ Emily drehte sich in ihrem Stuhl um. „Was würde uns dein Starfilm kosten?“

„Ich fürchte, das wird dir nicht gefallen“, antwortete Laura und nannte eine Summe.

„Das kann unmöglich dein Ernst sein“, protestierte Emily.

„Ich glaube, die Herren sehen das mehr als Taschengeld“, meinte Laura. „Soll ich verhandeln?“

„Nein.“ Emily drehte ihren Stuhl zurück. „Sie haben mir einen Aufpasser vor die Nase gesetzt, und der macht bestimmt nicht mit. Erzähl mir von dem anderen Film.“

„Ich schicke dir am besten eine Videokassette mit ein paar Szenen daraus. Der Junge braucht dringend Geld, er wird also kooperativ sein. Die infrage kommende Szene soll nächste Woche gedreht werden. Wenn dir der Film gefällt, brauchen wir bis dahin dein Parfüm.“

„Was will er dafür haben?“

„Das überlässt er mir.“

„Okay. Wie viel wird die Sache mich also kosten?“

„Schau dir erst mal die Ausschnitte an. Dann unterhalten wir uns weiter.“

„So gut wird der Film?“

„Ja“, war Lauras knappe Antwort.

„Dann her damit“, befahl Emily.

Sie legte den Hörer auf. Ein Film mit einem unbekannten Regisseur. Wenn er wirklich so gut war, wie Laura sagte, dann konnte das einen Raketenstart für Sizzle bedeuten. Und Laura irrte sich gewöhnlich nicht.

Richards letztes Memo hatte Filmwerbung praktisch als Möglichkeit gestrichen. Sie hatte versucht, ihm die Vorteile zu erklären, aber wie üblich hatte er nicht zugehört. Sie presste die Lippen zusammen, als sie wieder daran dachte. Er hatte einfach nicht zugehört.

Sie rief Jane über die Gegensprechanlage. „Ich erwarte morgen einen Videofilm von Laura. Sorge dafür, dass Richard ihn nicht zu sehen bekommt.“

„Kein Problem. Worum geht es – Porno?“

„Wenn wir Glück haben, ja“, erwiderte Emily.

Der Film traf am nächsten Tag ein, aber tagsüber fand Emily keine Zeit, ihn sich anzuschauen. Da Richard ihr verboten hatte, Rubine zu kaufen, hatte sie den ganzen Tag damit verbracht, jemanden zu suchen, bei dem sie die Steine mieten konnte. Aber sie hatte keinen Erfolg. Um halb sechs Uhr gab sie ihre Suche auf und ging zum Aufzug. Richard war in der Kabine.

„Und? Bist du bei den Rubinen fündig geworden?“, wollte er wissen. Er lächelte, aber sie beachtete ihn gar nicht. Sie hatte einen vergeudeten Tag hinter sich, und daran war nur er schuld. So viel Charme gab es gar nicht, um das wettzumachen.

Er machte einen neuen Vorstoß. „Ein Pornofilm?“ Er wies auf das Videoband in ihrer Hand.

„Keine Ahnung.“ Emily versuchte, das Band in ihrer Jackentasche zu verstauen. „Den Film hat mir ein alter Freund geschickt. Ich wollte mir einen Videorekorder mieten, um ihn anzuschauen.“

„Du könntest ihn bei mir zu Hause anschauen. Ich habe einen Rekorder. Dazu essen wir eine Pizza.“

Emily schüttelte den Kopf. „Ich weiß ja nicht einmal, was auf dem Band ist.“

„Das können wir doch zusammen herausfinden.“ Richard nahm ihren Arm. Er führte sie auf die Straße, hielt ein Taxi an und schob sie hinein. Dann nannte er dem Fahrer seine Adresse und setzte sich neben Emily. „Was für eine Pizza möchtest du?“, erkundigte er sich.

„Kann ich das denn selbst bestimmen?“, fragte Emily milde erstaunt.

Richards Wohnung überraschte Emily. Zwar war sie so ordentlich, wie sie erwartet hatte, aber statt kaltem Glas und Stahl, wie sie sich vorgestellt hatte, fand sie gemütliches Leder und Messing vor. Die Einrichtung war klar und männlich, aber sie strahlte auch Wärme und Behaglichkeit aus.

„Eine wunderschöne Wohnung“, lobte sie, und Richard lächelte. Die Anerkennung freute ihn sichtlich.

„Ich mache uns eine Flasche Wein auf. Dann bestellen wir uns eine Pizza.“

Emily hob die Hand. „Du brauchst dir keine Umstände zu machen. Ich möchte nur kurz in das Band hineinschauen, dann gehe ich wieder.“

Richard zog den Korken aus der Flasche und schenkte zwei Gläser ein. „Es sind keine Umstände.“ Er reichte ihr ein Glas. „Auf Sizzle!“

Emily seufzte. „Auf Sizzle“, wiederholte sie und trank einen Schluck. Er beobachtete sie dabei. Der Wein war vollmundig und trotzdem trocken, und sie trank einen zweiten Schluck. „Köstlich“, sagte sie, und er lächelte erleichtert und schenkte ihr trotz ihres Protestes nach.

„Nein, bitte nicht. Sonst sehe ich alles doppelt. Wo ist dein Videorekorder?“

„Hier.“ Er führte sie durch die Flügeltür in ein zweites Zimmer.

Das Erste, was sie dort sah, war ein riesiges Messingbett. „Traumhaft“, hauchte sie, unfähig den Blick davon zu wenden. Eine dicke weiße Tagesdecke lag darauf, und sie sah vor sich, wie sie sich darauf rekelte, während er …

„Ich habe es von meiner Großmutter geerbt.“ Ihre Blicke trafen sich, und sie hatte den beunruhigenden Eindruck, dass er ganz ähnliche Gedanken hegte wie sie. Hör auf damit, befahl sie sich.

Richard ging zu einem hohen Schrank in der Ecke des Zimmers und öffnete ihn. Ein Fernsehapparat und ein Videogerät kamen zum Vorschein.

„Du wirst dich aufs Bett setzen müssen“, sagte er, als er das Band einlegte und den Fernsehapparat einschaltete. „Oder ich müsste dir einen Stuhl aus der Küche holen.“

„Nein, nein, das ist nicht nötig.“ Emily ließ sich auf der Bettkante nieder.

Richard drückte auf den Abspielknopf, sah Emily einen Augenblick unsicher an und verließ sie dann.

Eine schwarze Klappe erschien auf dem Bildschirm mit der Nummer der Filmszene, dann wurde sie weggezogen. Ein Mann und eine Frau standen einander gegenüber, beide dunkelhaarig, schlank und konservativ gekleidet. Sie unterhielten sich über etwas Geschäftliches. Dann lächelte die Frau und sagte: „In Wirklichkeit geht es um etwas ganz anderes.“ Und sie begann, den Mann aufreizend langsam zu küssen. Dann explodierte die Szene plötzlich in pure Erotik, als beide sich auszogen und zu lieben begannen.

Emily vergaß, wo sie war, und schaute wie hypnotisiert zu. Dabei nippte sie selbstvergessen an ihrem Wein. Ihr wurde am ganzen Körper heiß, als die Szene sich immer leidenschaftlicher entwickelte. Es war die erotischste Liebesszene, die sie jemals gesehen hatte.

Richard war zurückgekommen und sah sie an. Auf einmal wurde ihr bewusst, dass ihre Haut gerötet war und ihr Atem schneller ging. Sie stellte ihr Glas ab und stand auf.

„Nun“, sagte sie und unterbrach sich dann. Auch er hatte sein Glas abgestellt und kam jetzt auf sie zu. „Ich – äh …“, begann sie, und er legte die Arme um sie und zog sie an sich. „Ich glaube nicht“, sagte sie, und er küsste sie. Seine Lippen waren weich und fest zugleich, und er drückte sie an sich, während sie in seinem Kuss unterzugehen drohte.

Als sie schließlich auftauchte, um Luft zu holen, drehte sich alles um sie. „Wart einen Moment“, keuchte sie, und er strich ihr über den Rücken und presste sie an sich. Sie schob ihn weg.

„Du hörst mir nie zu“, beschwerte sie sich.

Er hielt inne. „Entschuldige.“ Er musste um seine Fassung ringen, als er sie aus verhangenen Augen ansah. Lust stand darin, Lust und Bewunderung. Er sieht so wunderbar aus, dachte sie benommen.

Dann strich er ihr ganz zart über die Wange und sagte noch einmal: „Entschuldige bitte.“

Emily gab auf. „Schon gut.“ Sie legte ihm die Hände um den Nacken und zog seinen Kopf zu sich herab. Ohne weiter nachzudenken, presste sie ihre Lippen auf seinen warmen Mund. Richard stöhnte leise auf, hob sie hoch und legte sie aufs Bett. Als er ihren Nacken küsste, bog Emily sich ihm instinktiv entgegen. Er drückte seine Lippen auf die kleine Kuhle an ihrem Hals, und Emily schloss mit einem Seufzer die Augen. Was dieser Mann mit ihr anstellte, machte ihr Angst – und war einfach wunderbar!

Ihre Haut glühte und kribbelte überall dort, wo er sie berührte.

Vorsichtig knöpfte Richard ihre Bluse auf und küsste den schmalen Streifen Haut über dem Spitzenrand ihres Büstenhalters. Ein Zittern durchlief sie, während er nach dem Verschluss suchte.

„Vorne“, flüsterte sie, und als er weiter auf ihrem Rücken herumtastete, noch einmal: „Richard, der Verschluss ist vorne.“

„Was?“, murmelte er an ihrem Ohr. Er hörte einfach nicht zu.

Emily öffnete einen Moment irritiert die Augen, aber dann fuhr er mit der Zungenspitze in ihr Ohr, und das Kribbeln entlang ihrer Wirbelsäule ließ sie alles andere vergessen. Sie hakte ihren Büstenhalter selbst auf, knöpfte sein Hemd auf und strich mit der Zunge über seine harte, nackte Brust. Als er ihr den BH abstreifte, presste sie sich an ihn, um seine warme Haut zu spüren.

Er hielt sie sanft zurück. „Darauf habe ich so lange gewartet“, flüsterte er und beugte sich über sie. Ganz leicht strich er mit der Zunge zuerst über die eine Brustspitze, dann über die andere, und nahm sie schließlich in den Mund und saugte daran, bis sie einen kleinen Schrei ausstieß und sich in seinen Armen wand.

Zitternd umklammerte sie seine harten Schultern. Er fühlte sich so unglaublich gut an. Seine Lippen wanderten zu ihrer anderen Brust, und er setzte seine aufreizenden Liebkosungen fort, bis sie vor Lust nach ihm fast aufschrie. Da ließ er die Hand unter ihren Rock gleiten und streichelte sie an ihrer empfindlichsten Stelle.

Jede Absicht, ihm Einhalt zu gebieten, löste sich in nichts auf – wenn sie diese Absicht jemals gehabt hätte. Sie kam seiner Hand entgegen und vergrub ihre Hände in seinem Haar. Zitternd presste sie sich an ihn, und er stöhnte auf und küsste sie, bis sie beide nach Atem rangen.

Als er die Lippen zu ihrem Hals wandern ließ, keuchte sie: „Richard, ich …“

„Nicht jetzt“, flüsterte er und strich mit den Lippen über ihre Wangen.

Nicht jetzt? Emily wurde heiß, vor Ärger diesmal. Nicht jetzt? Für wen hielt er sich eigentlich?

Da wurden seine Liebkosungen fordernder, und es interessierte sie nicht mehr, für wen er sich hielt. Schiere Ekstase ergriff sie.

Es klingelte an der Tür.

„Komm“, stöhnte sie und presste sich an ihn. „Ich will mit dir schlafen. Bitte …“

„Warte.“ Er zog seine Hand weg. „Ich schaue nur schnell, wer an der Tür ist, und schicke ihn weg. Es dauert nicht lange. Ich bin gleich wieder da.“

„Nein“, sagte sie und versuchte, ihn festzuhalten. Aber er machte sich von ihr los, küsste sie schnell auf den Busen und verließ sie. Sie blieb fassungslos zurück. Schließlich setzte sie sich auf und entdeckte sich im Spiegel. Ihre Frisur war aufgelöst, ihre Augen waren verschleiert, der Mund stark gerötet. Sie war bis zur Taille nackt und sah erhitzt aus, brennend vor Lust nach ihm.

Und er unterhielt sich im Wohnzimmer mir irgendeinem zufälligen Besucher!

„Ich glaube es nicht“, stieß sie hervor. Sie stand auf, zog Büstenhalter und Bluse an und brachte ihr Haar halbwegs in Ordnung. Dann nahm sie ihr Videoband aus dem Gerät und ging ins Wohnzimmer.

Richard stand an der Tür und unterhielt sich mit George Bartlett. Dessen Augen weiteten sich ungläubig, als er sie entdeckte.

„Danke“, sagte Emily und schlüpft in ihren Mantel. „Es war sehr nett von Ihnen, dass ich Ihren Videorekorder benutzen durfte. Bis morgen dann.“ Sie glitt an den beiden Männern vorbei und lief mit schnellen Schritten zum Lift. Die Türen teilten sich, und sie trat in die Kabine.

Ich kann es nicht glauben, dachte sie. Ich kann nicht glauben, dass ich es fast getan hätte! Mit Richard Parker, der so gut aussah und dabei so kalt war – nur heute Abend nicht. Und sie wollte ihn. Sie wollte ihn wirklich. Sie lehnte sich an die Kabinenwand, schloss die Augen und dachte daran, wie wunderbar es gewesen wäre, mit ihm zu schlafen. Aber er musste ja diese verdammte Tür öffnen. Sie hatte ihn zurückhalten wollen, aber er hatte es so gewollt. Warum hörte er nur nie zu? Zum Teufel mit ihm.

Sie nahm sich ein Taxi nach Hause und träumte die ganze Nacht von Richard, wie er sie zum Klang der Türglocke liebte.

„Was ist gestern passiert?“, wollte Jane am nächsten Morgen wissen und zwinkerte Emily dabei zu.

„Ich habe schlecht geschlafen“, gab Emily gereizt zurück. „Was ist eigentlich los? Wieso soll etwas passiert sein?“

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