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Frühlingsherzen: Nimm mich, wie ich bin

Jill Shalvis

Frühlingsherzen: Nimm mich, wie ich bin

Aus dem Amerikanischen von Eleni Nikolina

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder
auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich
der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden.
Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

1. KAPITEL

„Sie sind entlassen.“

„Was?“ Ally hatte eigentlich die Absicht, böse zu klingen, aber sie erinnerte eher an ein quiekendes Mäuschen. „Das … das können Sie nicht tun.“

„Und ob ich kann.“ Professor Langley Weatherby III., der genauso ein Snob war, wie sein Name es vermuten ließ, blickte über den Rand seiner Brille. „Sie sind die längste Zeit Bibliothekarin an dieser Universität gewesen, Miss Wheeler. Betrachten Sie sich offiziell als entlassen.“

„Aber …“ Ally liebte ihre Arbeit, sie liebte die herrlichen alten Bücher, den Geruch nach vergilbtem Papier, die Freude, den Studenten dabei zu helfen, sich all dieses wertvolle Wissen anzueignen. Und sie liebte die Stille.

„Wir geben Ihnen eine Abfindung für zwei Wochen“, sagte der Professor. „Wenn man den Skandal bedenkt, ist das mehr als generös.“

Ach ja, der Skandal. Nicht dass man ihr erlaubt hätte, ihn auch nur einen Moment zu vergessen. Es war nicht ihr Fehler gewesen. Sie kämpfte tapfer gegen die aufsteigenden Tränen an. Ihre Träume und Hoffnungen waren für immer verloren.

Der Professor stieß einen gereizten Seufzer aus und reichte ihr abrupt ein Taschentuch. „Versetzen Sie sich in unsere Lage“, sagte er ein wenig weicher. „Wir können Sie nicht hier behalten.“

Es war kaum zu glauben, dass die kleine Miss Tugendhaft in solche Schwierigkeiten geraten konnte. Sie hatte sogar zur Polizeistation von San Francisco gehen müssen, wo man sie verhört hatte – eine Erfahrung, die ihr sicherlich für den Rest ihres Lebens Albträume bescheren würde. Und welche Ironie war das doch, da sie sich in den fast sechsundzwanzig Jahren ihres Lebens nicht das Geringste hatte zuschulden kommen lassen.

„Aber Thomas hat die Bücher doch gestohlen“, sagte sie jetzt mindestens zum hundertsten Mal.

„Es waren Erstausgaben literarischer Klassiker von unschätzbarem Wert, die sich seit Jahrzehnten im Besitz unserer Universität befanden, Miss Wheeler. Ihr Freund hat Ihren Spezialausweis benutzt, um sie zu stehlen.“

Aber was sollte sie ohne ihre Arbeit tun? Ihr Herz hing an diesen Wänden, denn hier war sie nicht die mäuschenhafte Ally, hier war sie wichtig.

„Unser Entschluss ist unwiderruflich.“

Sie würde nicht betteln. Obwohl ihr Magen sich krampfhaft zusammenzog, hob sie stolz das Kinn und verließ zum letzten Mal ihre geliebte Bibliothek. Sie ging am Biologiegebäude vorbei, am Institut für Sozialwissenschaften und dem Studentenheim, bevor sie auf den Park zuhielt, ihrem zweitliebsten Ort. Hier stellte sie jeden Morgen ihr Auto ab, und abends entspannte sie sich, indem sie hier die Eichhörnchen fütterte.

Entlassen. Dieses Wort hallte unbarmherzig in ihrem Kopf wider. Na schön, man hatte sie gezwungen, den schönsten Job aufzugeben, den sie je gehabt hatte. Aber irgendwie würde sie es überleben. Das musste sie.

Wo war eigentlich ihr Wagen? Sie sah verwirrt nach rechts und links. Oh nein! Wenn sie geglaubt hatte, dass ihre Situation nicht schlimmer werden konnte, hatte sie sich geirrt.

Ihr fünfzehn Jahre alter tomatenroter Ford Escort, voller Temperament und Widerspenstigkeit zu seiner besten Zeit, war nicht mehr dort, wo sie ihn abgestellt hatte. Er war den kleinen Hügel hinuntergerollt und gegen einen schicken, brandneuen BMW gekracht.

Ihr Anrufbeantworter ging an, gerade als Ally erschöpft zu Hause ankam.

„Ally?“, hörte sie eine quengelige, rauchige Stimme. „Ich weiß, dass Sie da sind, nehmen Sie sofort den Hörer ab!“

„Da kannst du lange warten, alte Hexe“, murmelte Ally und war froh, Mrs Snipps, ihre Vermieterin, verpasst zu haben.

„Hören Sie, Mädchen, ich habe das Haus verkauft.“

Ally ließ ihre Handtasche fallen und starrte das Telefon entgeistert an.

„Ich ziehe mich auf die Bahamas zurück.“

Ally sank auf das Sofa.

„Und Sie haben bis zum Ende des nächsten Monats Zeit auszuziehen“, fuhr die raue Stimme fort. „Das sind sechs Wochen. Machen Sie mir keinen Ärger, Mädchen.“

Als sie auflegte, sagte Ally leise: „Ärger? Ein Synonym für mein Leben.“ Sie war arbeitslos und bald ohne Obdach, ganz zu schweigen von der Delle im funkelnagelneuen BMW.

Ihr Leben war nicht nur vorbei, es war mitleiderregend erbärmlich.

Es klingelte wieder.

Was kommt jetzt? dachte sie. Himmel, sie war es leid, bei jedem Anruf erschrocken zusammenzufahren und immer die unsichere, mäuschenhafte Ally zu sein. Plötzlich stieg heiße Wut in ihr auf, und sie setzte sich abrupt auf dem Sofa auf.

Nie wieder spiele ich den Fußabtreter für andere Leute, schwor sie sich und packte den Hörer. „Hallo!“ Und weil es sich so gut anfühlte, Kraft und Entschlossenheit zu zeigen, fügte sie hinzu: „Wer sind Sie, und was wollen Sie?“

„Ich bin’s – Thomas.“

Sobald sie die selbstsichere männliche Stimme hörte, sprudelte Ally los: „Du gemeiner Kerl!“ Na, wunderbar. War „du gemeiner Kerl“ wirklich die schlimmste Beschimpfung, die ihr einfiel? Wie lahm!

„Hör zu, Ally“, sagte er hastig. Ein seltsames Klicken begleitete seine Worte. „Du musst unbedingt sofort einen Anwalt für mich beschaffen.“

Was hatte sie nur in diesem Typen gesehen?

Aber sie wusste es natürlich, so weh es auch tat, es zuzugeben. Er war ein umwerfend gut aussehender, eleganter Mann, der ihr Aufmerksamkeit geschenkt hatte. Im Gegensatz zu vielen anderen Menschen in ihrem Leben hatte er nicht ihr Geld gewollt – so wenig sie davon auch hatte –, und er hatte sich auch nicht von ihr bemuttern lassen. Er hatte nichts anderes gewollt als sie selbst. Und vor allem hatte er ihr Aufmerksamkeit geschenkt.

Ally Wheeler mit ihrer Durchschnittsgröße und ihrem Durchschnittsaussehen bekam zum ersten Mal in ihrem Leben das Gefühl, schön zu sein. Es hatte eine Weile gedauert, bevor sie aus ihrem romantischen Traum erwachte. Erst da hatte sie erkannt, dass Thomas ein Betrüger und Schwindler war, doch leider war es zu spät gewesen, um ihren Job und die wertvollen Bücher zu retten.

„Nein, ich werde dir keinen Anwalt beschaffen“, erklärte sie und holte tief Luft, um ihren aufgestauten Ärger loszuwerden. „Und noch etwas …“

„Hier spricht Officer Daniel“, hörte sie eine fremde Stimme sagen. „Die Zeit ist um.“

Ally starrte den Hörer an, und zum ersten Mal seit Tagen lachte sie. Thomas hatte aus dem Gefängnis angerufen, und das metallische Klicken im Hintergrund stammte höchstwahrscheinlich von seinen Handschellen. War das Leben nicht aufregend?

Ally konnte keinen Job finden, sosehr sie sich auch bemühte. Dank der Gerüchte, die sich um ihre Mittäterschaft beim Verschwinden der wertvollen Bücher rankten, wollte keine Bibliothek in ganz Kalifornien etwas mit ihr zu tun haben. Und nichts konnte ihre missliche Lage mildern. Ally besaß keine Ersparnisse, aber drei Schwestern, die noch aufs College gingen. Ihre Eltern hatten kein großes Einkommen und konnten ihr also auch nicht helfen. Sie brauchte unbedingt Arbeit, wie sollte sie sonst eine Wohnung bezahlen? Ihre Schwestern waren zum Glück alle in Studentenwohnheimen untergekommen. Ihre Eltern, die ihre Kinder sehr spät im Leben in die Welt gesetzt hatten, lebten in einem Seniorenheim. Ally hatte niemanden, den sie um finanzielle Unterstützung hätte bitten können.

Und dann kam der Brief. Lucy war eine Cousine zweiten Grades von Allys Mutter, und obwohl sie sich nicht oft sahen, schrieben sie sich regelmäßig. Lucys wöchentliche Briefe aus Wyoming, wo sie ein Hotel leitete, waren der Höhepunkt in Allys gleichbleibender Routine. Vor knapp einem Monat hatte dort ein fürchterlicher Waldbrand gewütet, und Lucy war erschüttert gewesen von dem Verlust von über hundert Morgen wundervoller Natur. Seitdem schrieben sie sich noch häufiger, und Ally tat ihr Bestes, Lucy aufzumuntern.

Im Gegensatz zu den anderen Briefen jedoch sollte dieser Brief Allys Leben völlig auf den Kopf stellen.

Liebste Ally,

Du wirst es nicht glauben, aber ich habe mir Hüfte und Fußgelenk gebrochen und muss eine ganze Weile im Krankenhaus bleiben. Zum Teufel mit diesen neumodischen Mountainbikes!

Ally blinzelte verblüfft. Die über sechzig Jahre alte Lucy auf einem Mountainbike?

Wir sind fieberhaft damit beschäftigt, nach dem Feuer wieder alles in Ordnung zu bringen, bevor die Sommersaison beginnt, denn sonst werde ich viele Gäste verlieren.

Also bitte ich Dich um einen riesengroßen Gefallen, Ally. Komm nach Wyoming, solange ich im Krankenhaus liegen muss. Ich habe großartige Mitarbeiter, aber man kann sich wirklich nur auf Verwandte verlassen, wenn es um die eigenen Interessen geht. Du besitzt genügend Berufserfahrung und ein Diplom. Du wirst eine wunderbare Hoteldirektorin abgeben.

Du stehst bereits auf meiner Lohnliste, also nimm Dir Urlaub von deinem langweiligen Job. Du wirst es bestimmt nicht bereuen. Ich brauche nur einen Monat von Deiner Zeit, mehr nicht. Tu es bitte mir zuliebe. Tu es, weil ich verzweifelt bin und Dich unbedingt brauche.

Tu es für Dich.

Alles Liebe, Lucy

Im Umschlag steckte außerdem ein Flugticket für übermorgen. Allys Blick heftete sich ungläubig auf das Datum.

War ihr tatsächlich gerade ein Wunder widerfahren? Sie konnte doch unmöglich hier sitzen und ein Ticket in Händen halten, das sie vor der Katastrophe retten würde, die ihr Leben in letzter Zeit geworden war. Zu sagen, dass sie Angst hatte, wäre die Untertreibung des Jahrhunderts gewesen. Sie hatte weniger als hundert Dollar auf ihrem Konto, kein Auto und keinen Job.

Aber ausgerechnet Wyoming?

Die sonst so ruhige und zurückhaltende Ally hätte niemals so etwas in Betracht gezogen, aber die gab es nicht mehr. Sie war ersetzt worden von einer Frau, die entschlossen war, zur Abwechslung mal nur an sich selbst zu denken. Und vielleicht würde sie ja sogar Spaß dabei haben.

Sicher konnte sie sagen, dass Lucy sie brauchte, genau wie ihre Familie, und dass sie nur wieder eine ihrer vielen Verpflichtungen erfüllte. Aber der Gedanke ärgerte sie. Ihr ganzes Leben war immer von den Bedürfnissen anderer Leute diktiert worden. Damit war jetzt Schluss.

Na gut, sie war also an einem Tiefpunkt angekommen. Das bedeutete, dass es nur noch aufwärtsgehen konnte. Und Ally wollte nicht bloß überleben, sie wollte erfolgreich sein. Einmal in ihrem Leben wollte sie etwas besser als durchschnittlich bewältigen. Sie würde nach Wyoming gehen und den Leuten dort zeigen, was in ihr steckte.

2. KAPITEL

Zwei Tage später verließ Ally das Flugzeug und starrte ehrfürchtig auf den weiten Himmel und die majestätischen Bergspitzen, die sich davor abzeichneten. Alles war so unglaublich groß.

Während sie die Rollbahn überquerte, blies ihr ein starker, eisiger Wind entgegen, sodass sie fast das Gleichgewicht verlor. „Du bist nicht mehr in Kansas, kleine Dorothy, du bist im Reich des Zauberers von Oz“, zitierte sie im Stillen und betrachtete ängstlich die bedrohlichen Gewitterwolken am Horizont.

Kein Problem. Es wird alles ein großartiger Spaß werden. Sie wiederholte es mehrmals, um die lästige kleine Stimme in ihrem Hinterkopf zu übertönen, die sich beschwerte: Ich will zurück zu meinem ruhigen, gemütlichen Leben.

Ihr altes Leben war vorüber. Ally hob entschlossen den Kopf, obwohl sie sich ganz und gar nicht mutig fühlte, und setzte ihren Weg zu dem kleinen Terminal fort. Sie würde ihr Gepäck holen, ein Taxi nehmen und Lucy im Krankenhaus besuchen, um sich mit ihr zu unterhalten. Und dann würde sie zum Hotel fahren und die Leute kennenlernen, die für Lucy arbeiteten und die sie als eine fähige junge Mannschaft bezeichnet hatte.

Ally war bereit, ihr Bestes zu geben und beim Aufräumen des vom Feuer beschädigten Geländes zu helfen. Sie würde alles daransetzen, um erfolgreich zu sein. Jetzt würde sie einmal nicht ständig an ihre Familie und deren Wünsche denken.

Jetzt war Ally Wheeler an der Reihe.

Sie stemmte sich gegen den Wind. Die anderen Passagiere, die im Flugzeug so städtisch und gepflegt ausgesehen hatten, waren alle plötzlich in Pullover und Jacken gehüllt. Einige der Männer setzten Cowboyhüte auf, und zum ersten Mal fiel Ally auf, dass sie Stiefel trugen.

Ihr Handy begann zu klingeln.

„Ally!“

Das war die lästige kleine Schwester Nummer eins. „Du bist schon weg“, jammerte Dani. „Ich konnte nicht mit dir sprechen, bevor du abgeflogen bist. Was mache ich, wenn ich dich mal brauche?“

Bei Dani kam man nur mit Ruhe und Gelassenheit vorwärts, und Ally bemühte sich darum, während sie gegen den Wind kämpfte, andere Passagiere sie anstießen und sie die vielen neuen Eindrücke verarbeitete. „Ich habe dir gesagt, wann ich abfliegen würde. Wenn du mich brauchen solltest, rufst du mich einfach an, so wie du es jetzt getan hast.“

„Aber wenn ich Geld benötige?“

Zum ersten Mal in ihrem Leben brachte Ally keine Geduld für ihre kleine Schwester auf. „Du könntest ja zur Abwechslung versuchen, ein wenig zu arbeiten.“ Sie hatte das kleine Flughafengebäude fast erreicht und war in Gedanken weit entfernt von zu Hause. Ihr Herz klopfte aufgeregt, während sie unaufhaltsam auf ihr neues Abenteuer zuging. „Ich muss jetzt aufhören, okay? Ich rufe dich später an.“

„Aber …“

Ally drückte auf den Aus-Knopf und zwang sich, ihre Schuldgefühle abzuschütteln. Sie wollte nicht mehr die Welt retten, sie wollte endlich einmal egoistisch sein. Es war so aufregend. Und beängstigend. Der Wind zerzauste ihr das Haar. Ihre Bluse, passend für San Francisco im Mai, wurde gegen ihren Körper gepresst und bot nicht den geringsten Schutz gegen die Kälte. Aber Ally ging weiter.

Und dann begegnete sie dem Blick eines Fremden.

Mit seinen breiten Schultern lehnte er sich träge an die Wand des Terminals; eines seiner langen Beine hatte er hochgezogen und den Stiefel gegen die Wand hinter sich gestellt. Er trug eine verspiegelte Brille und lächelte.

Er nahm die Brille ab, und plötzlich schien seine Haltung nicht mehr träge zu sein, sondern angespannt. Er sah sie direkt an mit seinen dunklen, durchdringenden Augen.

Ally kam sich albern vor und viel zu nervös für eine Frau, die angeblich selbstbewusst war, und so zwang sie sich, Gelassenheit an den Tag zu legen. Ihr war kalt, und sie wusste, dass das nur allzu deutlich wurde durch ihre Bluse, die sich in diesem Moment wie eine zweite Haut an sie schmiegte, wodurch sich jede Rundung darunter deutlich abzeichnete.

Und der Fremde nutzte die günstige Gelegenheit ungeniert aus, um sie einer gründlichen Musterung zu unterziehen. Ally errötete heftig. Inzwischen war sie dichter an ihn herangekommen und konnte sehen, dass seine Augen dunkelblau waren wie das Meer. Sein braunes Haar hatte von der Sonne gebleichte Strähnen und war ein wenig zu lang. Seinem Bartschatten nach zu urteilen, hatte er sich seit mindestens zwei Tagen nicht rasiert. Seine ausgeblichene Jeans, die Lederjacke und seine lässige Haltung unterstrichen seine aufregende männliche Ausstrahlung.

„Verzeihen Sie“, sagte er. Er war sehr groß und besaß den durchtrainierten Körper eines Menschen, der hart arbeitete. An einem Ohr bemerkte Ally einen Goldohrring. Sein sonnengebräuntes Gesicht hatte den freundlichen Ausdruck eines Engels, und sein Lächeln war das eines unwiderstehlich attraktiven Teufels. Aber am eindrucksvollsten war seine tiefe, heisere Stimme – eine Stimme, die so sexy klang, dass Ally ein prickelnder Schauer durchrieselte, als er sprach.

„Miss Wheeler, stimmt’s?“ Er hob eine Augenbraue und bewegte sich leicht. Ally fiel auf, wie perfekt seine Jeans seine Hüften umspannte. Aber im Augenblick konnte sie sich nicht darauf konzentrieren.

Er kannte ihren Namen. Das konnte nichts Gutes bedeuten. Sie wollte souverän wirken, aber die scheue kleine Maus kam wieder zum Vorschein. Und dieser Mann sah so aus, als ob er kleine Mäuschen zum Frühstück verspeiste. „Wer sind Sie?“

Er lächelte eigentlich recht freundlich, während er fortfuhr, sie eingehend zu betrachten. „Ich bin T.J. Chance. Lucy hat mich geschickt.“

„Das wäre nicht nötig gewesen. Ich kann ein Taxi zum Krankenhaus nehmen.“

Er lachte leise, und der tiefe Ton seiner Stimme ließ Ally schon wieder erschauern, obwohl sein Lachen offensichtlich auf ihre Kosten ging.

„Gibt es in Wyoming keine Taxis?“, fragte sie ein wenig gereizt.

„Doch.“ Er hob leicht die Schultern. „Aber selbst wenn Sie eins fänden, würde es Sie etwa hundert Dollar kosten, um zum Krankenhaus zu kommen.“

Einhundert Dollar. Das war mehr, als sie insgesamt besaß. Sie ließ den Kopf hängen. „Gibt es vielleicht einen Bus?“

„Leider nein. Aber machen Sie sich keine Sorgen. Ich bin nicht so gefährlich, wie man sagt.“ Seine Augen glitzerten schadenfroh. „Nicht ganz so sehr.“

Wem machte er hier etwas vor? Er war sogar sehr gefährlich, und das war seltsamerweise gleichzeitig beunruhigend und aufregend. Wie sehr wünschte Ally sich, ihr wäre es auch so egal, was andere Leute von ihr dachten. „Hören Sie, Mr Chance …“

„Nennen Sie mich nur Chance.“

„Chance“, verbesserte sie sich. „Es ist nichts Persönliches, wirklich, es ist nur …“ Dass sie den Männern abgeschworen hatte, besonders Männern wie ihm, die ihr Herz schneller schlagen ließen, indem sie einfach nur dastanden. „Ich steige nicht zu Fremden ins Auto.“

„Aha. Die Ängste eines Stadtmädchens.“

„Nun, ich komme ja auch aus der Stadt.“

„Darauf wäre ich nie gekommen“, erwiderte er trocken und ließ den Blick über ihre zierlichen Sandaletten, die dünne Kakihose und die noch dünnere Bluse gleiten. „Aber ich bin kein Fremder. Lucy steht mir näher als …“ Ein Schatten huschte über sein Gesicht. „Näher als meine eigene Familie.“ Er trat näher, sodass seine breiten Schultern Ally den Blick aufs Sonnenlicht nahmen.

Ally reichte ihm kaum bis ans Kinn, und sie wich unwillkürlich zurück. Sie wollte zwar etwas härter werden, aber das hieß nicht, dass sie tollkühn sein musste.

„He, entspannen Sie sich. Sie haben ja eine richtige Gänsehaut.“

„Weil mir kalt ist.“

„Sie hätten eine Jacke mitnehmen sollen.“ Er schien sehr zufrieden mit seiner Jacke zu sein. Das Leder sah wundervoll warm aus, und voller Neid beugte Ally sich instinktiv zu ihm.

Chance runzelte die Stirn.

„Keine Sorge. Ich bitte Sie schon nicht, mit mir zu teilen.“ Aber dann fröstelte Ally wieder, und mit einem ungeduldigen Blick zog er die Jacke aus, unter der er ein schwarzes T-Shirt trug.

„Hier, verdammt.“ Seine Arme waren muskulös und genauso stark gebräunt wie sein Gesicht. Als er ihr die Jacke hinhielt, bemerkte Ally eine kleine Tätowierung auf seinem Oberarm.

„Das kann ich nicht annehmen.“

„Seien Sie nicht albern.“ Er legte ihr die Jacke um die Schultern, und Ally atmete den Geruch des Leders und Chances Duft ein. Einen Moment lang streifte Chance ihre Schultern, dann schob er die Hände in die Taschen seiner Jeans. Die Beine leicht gespreizt, stand er da und wirkte selbstbewusst auf eine Art, die Ally unwillkürlich bewunderte. Er war alles, was sie so gern gewesen wäre. „Eine dünne Bluse in den Bergen ist nicht das Klügste“, bemerkte er. „Es kann sogar noch Schnee geben. Sie sollten besser auf alles vorbereitet sein.“

Sie fragte sich, wie gut er in ihrer Welt auf alles vorbereitet wäre. Aber die Wahrheit war wohl, dass T.J. Chance sich überall zurechtfinden würde.

Und plötzlich verflüchtigte sich ihre mühsam mobilisierte Kraft. Einen entsetzlichen Augenblick war sie überwältigt von all den Herausforderungen, denen sie sich stellen musste. Der Verlust ihrer Arbeit, ihrer Wohnung und ihres ruhigen, glücklichen Lebens – und jetzt blickte dieser viel zu raue, viel zu männliche Kerl sie an, als wäre sie eine Idiotin.

Und das war sie ja auch. Aufgrund ihrer Vertrauensseligkeit hatte sie ihren Job verloren und stand demnächst ohne eigene Wohnung da. Aber was noch viel schlimmer war: sie hatte ihre Würde verloren und ihr ganzes Selbstvertrauen.

„Zum Teufel“, bemerkte er mit deutlichem Unbehagen, „Sie werden doch jetzt nicht weinen, oder?“

Ally kämpfte gegen ihre Tränen an und versuchte mit aller Kraft, die harte Frau zu spielen, die sie so gern gewesen wäre, aber er sah sie so finster und geringschätzig an, dass sie mit ihrem Versuch nur das Gegenteil erreichte.

„Wunderbar.“ Er klang so verärgert, dass ihr ein Kichern entfuhr, während ihr gleichzeitig eine Träne über die Wange lief.

„Hören Sie auf.“

Natürlich konnte sie das nicht, und Chance griff in seine Hosentasche, murmelte etwas vor sich hin und hielt ihr ein Tuch unter die Nase.

„Hier, nehmen Sie schon“, befahl er schroff. „Und drehen Sie den Wasserhahn zu. Auf mich wirkt das nicht.“ Bevor sie das Taschentuch nehmen konnte, packte er sie am Arm und führte sie zum Eingang des Flughafengebäudes. Drinnen blieb er stehen und hielt ihr das Taschentuch noch einmal hin. „Ihre Nase läuft.“

Herrlich! Sie putzte sich die Nase und warf ihrem unfreundlichen Retter in der Not einen verstohlenen Seitenblick zu. Er schien die Fassung verloren zu haben, was Ally sehr amüsant fand. Er war gefühllos und reizbar, und sehr wahrscheinlich würde es die Hölle sein, mit ihm zusammenzuarbeiten. Und er hatte Angst vor Tränen. Aus irgendeinem Grund hätte sie fast gelacht. Sie schnüffelte, zutiefst erleichtert, dass sie ihren Sinn für Humor nicht ganz verloren hatte.

„Ich hole den Jeep“, sagte er. „Sie warten hier.“ Er wich zurück, als ob sie eine ansteckende Krankheit hätte.

Seltsam, wie viel besser sie sich auf einmal fühlte. Sie hatte diesen so furchtlosen Mann verunsichert.

„Ich werde nur etwa eine Minute fort sein.“ Er sah sie streng an. „Tun Sie nichts Dummes.“

„Keine Sorge.“ Sie putzte sich entschlossen noch einmal die Nase. „Ich habe mein Soll an Dummheiten erfüllt, wenigstens für die nächsten zehn Minuten.“

Er betrachtete sie, als ob er glaubte, sie hätte den Verstand verloren. Und das hatte sie ja wohl auch, denn plötzlich konnte sie es kaum erwarten, sich in ihr neues Leben zu stürzen. Sie zog den Reißverschluss seiner weichen Jacke zu und kuschelte sich in das warme Leder. Ein leichter Zitrusduft hing im Futter und noch etwas, das typisch für den Mann selber sein musste, und weil der Geruch so angenehm war, sog Ally ihn tief ein.

Die Großstadtpflanze hatte sich schnell wieder im Griff, und für diese Tatsache war Chance unendlich dankbar. Himmel, er hasste es, wenn Frauen weinten. Er kam sich dann immer so hilflos vor, so dumm und schuldbewusst. Obwohl ihn nicht die geringste Schuld traf. Zumindest diesmal nicht.

Ally Wheeler war genau wie Tina. Allys schlanke, zarte Gestalt und ihre offensichtliche Naivität brachten ihm seine Vergangenheit äußerst schmerzlich in Erinnerung.

Was hatte Lucy sich nur dabei gedacht, diese Frau hierher zu holen? Ein klarer Fall von Vetternwirtschaft, dachte er und fragte sich, ob seine beiden älteren Brüder auch daran denken würden, ihm unter die Arme zu greifen, wenn er einmal Hilfe brauchen sollte.

Na schön, er musste zugeben, dass sie es wahrscheinlich tun würden. Dabei spielte es keine Rolle, dass sie sich nur selten in etwas einig waren.

„Könnten Sie bitte die Heizung anstellen?“

Er warf seinem neuen Boss einen Blick zu. Die Arme um sich geschlungen, saß Miss Wheeler neben ihm in seinem Jeep. Ihre Lippen hatten einen äußerst interessanten Blauton angenommen, und doch hatte sie trotzig das Kinn vorgeschoben. Vielleicht würde ihr ja so kalt werden, dass sie gleich wieder nach Hause fahren wollte. Der Gedanke hob seine Stimmung.

„Es ist warm genug hier drinnen“, entgegnete er.

Ally beugte sich vor, stellte die Heizung an und seufzte erleichtert, als sie warme Luft an ihren Beinen spürte.

Chance schüttelte den Kopf und konzentrierte sich auf die Straße.

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