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Frühlingsherzen: Leidenschaftliches Wiedersehen

Roxanne St. Claire

Frühlingsherzen: Leidenschaftliches Wiedersehen

Aus dem Amerikanischen von Alina Lantelme

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder
auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich
der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden.
Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

1. KAPITEL

Bruce Monroe hatte es bisher in seinem Leben nicht oft die Sprache verschlagen. Aber als er in der warmen Aprilsonne auf das ihm einmal so vertraute Haus in der Hauptstraße von Rockingham, Massachusetts, starrte, war er wie vor den Kopf geschlagen. Wo war das „Monroe’s“?

Er betrachtete das Schild über der Tür. Nun, darauf stand zwar der Name, aber das M war kleingeschrieben, und daneben waren ein Laptop und ein Kaffeebecher abgebildet. Das Haus wirkte auch irgendwie größer und moderner. Die Holzschindeln waren durch Backsteine ersetzt worden, an denen sich Efeu rankte. Auch die drei Erkerfenster zur Straßenseite hin waren neu. Zumindest gab es die alte Mahagonitür noch. Bruce öffnete sie und ging hinein.

Drinnen blieb er wie angewurzelt stehen und unterdrückte einen Fluch. Statt der gemütlichen Bar fand er einen großen lichtdurchfluteten Raum vor, in dem Sofas und Computer standen. Wo, verdammt, war „Monroe’s“? Das richtige „Monroe’s“ – und nicht dieser Cybersalon. Er sah sich nach vertrauten Gegenständen um, versuchte, sich an einen bestimmten Geruch zu erinnern. Aber alles, was ihm in die Nase stieg, war der Duft von Kaffee.

In der Bar seiner Eltern wurde kein Kaffee serviert. Kühles Bier natürlich, viel Whiskey und auch Tequila, aber kein Kaffee. Nicht hier, wo die Einheimischen sich nach den Baseballspielen des Teams der Rockingham Highschool versammelten, um jeden von Bruce’ unvorhersehbaren Würfen noch einmal auszudiskutieren. Nicht hier, wo an den Wänden zahlreiche Fotos und Zeitungsartikel hingen, die seine erfolgreichen Spiele dokumentierten und sein Talent und seinen tollen Einsatz lobten. Nicht hier, wo …

„Kann ich Ihnen helfen, Sir?“

Bruce blinzelte und schaute auf die junge Frau, die vor ihm stand.

„Möchten Sie einen Platz am Computer?“, fragte sie.

Was er brauchte, war ein Wodka mit Eis. Er warf einen Blick auf die Bar. Zumindest die war noch da. Aber die einzige Person, die dort saß, trank irgendetwas aus einer Kaffeetasse.

„Ist Seamus Monroe hier?“ Natürlich erwartete er nicht, dass sein Vater am Dienstagmorgen in der Bar arbeitete, aber er hatte es zu Hause bereits vergeblich versucht. Sein Elternhaus hatte regelrecht verlassen gewirkt. Schnell schüttelte er den Anflug von Schuldgefühlen ab.

„Mr. Monroe ist heute nicht da.“ Die junge Frau strahlte ihn an. „Sind Sie der neue Softwarehändler?“

Er sah auf die Wand, an die seine Mutter sein erstes Trikot gehängt hatte, das er als Baseballprofi bei den Nevada Snake Eyes getragen hatte. Doch jetzt hing dort ein gerahmtes Schwarz-Weiß-Foto, das einen schneebedeckten Berg zeigte. „Haben Sie eine Telefonnummer, unter der ich ihn erreichen kann?“

„Tut mir leid, aber die kann ich Ihnen nicht geben. Möchten Sie vielleicht mit unserer Managerin sprechen?“

Hat Dad etwa eine Managerin angeheuert? fragte Bruce sich verblüfft. Doch dann ließ seine bereits seit Wochen andauernde Anspannung etwas nach. Er tat das Richtige. Er hatte zwar eine Riesendummheit begangen, die seine Karriere beendet hatte. Aber nach Hause zu kommen, um die Bar zu übernehmen, war absolut richtig. Offensichtlich hatte es schon jemand sich zunutze gemacht, dass sein Vater das Interesse an der Bar verloren hatte. Doch er würde die ganzen Veränderungen schnell wieder rückgängig machen. „Ja, ich würde gern mit ihr reden.“

Die junge Frau deutete auf die Bar. „Dort gibt es Kaffee. Wenn Sie möchten, bedienen Sie sich, während ich Miss Locke hole.“

Locke? Seit Bruce in Rockingham angekommen war, war es das erste Mal, dass ihm etwas vertraut vorkam. Er kannte jeden Locke, der jemals hier gelebt hatte. Und erst vor Kurzem hatte er eine E-Mail von Jack Locke, seinem alten Freund aus der Highschool, erhalten. Jack hatte ihm geschrieben, dass er Bruce’ Kummer über das abrupte Ende seiner steilen Baseballkarriere mit nur dreiunddreißig Jahren gut verstehen konnte. Jacks Eltern waren vor Jahren nach Florida gezogen. Also blieb nur Kendra, Jacks Schwester, übrig.

Bruce schluckte. Kendra hatte er vor neun Jahren das letzte Mal gesehen, als er zur Beerdigung seiner Mutter für eine Woche nach Hause gekommen war. Und damals war Jacks Schwester … Nun, sie war kein Kind mehr gewesen. Und er hatte sich wie ein feiger Mistkerl verhalten und sich hinterher nie mehr bei ihr gemeldet. Auch wenn er es wirklich sehr gern getan hätte.

Nein, diese Miss Locke konnte unmöglich Kendra sein, entschied er, als sich die Mitarbeiterin auf den Weg machte. Vielleicht eine entfernte Cousine. Denn damals war Jacks Schwester kurz davor, ihr Studium in Harvard zu beginnen. Und ganz sicher war die unheimlich kluge, schlagfertige und ehrgeizige Kendra letztendlich nicht im „Monroe’s“ gelandet. Bei der Erinnerung daran, dass sie auch auf anderen Gebieten ungeheuer engagiert und leidenschaftlich war, wurde ihm ganz heiß. Und das trotz der vielen Jahre, die seither vergangen waren – und der zahlreichen Frauen, die er inzwischen kennengelernt hatte.

„Entschuldigen Sie, Sie wollten mich sprechen?“

Er drehte sich um und blickte erst einmal in mandelförmige blaue Augen.

„Bruce?“

In ihren schönen Augen konnte er lesen, dass sie erschrocken war, als sie ihn erkannte. Und er musste sich anstrengen, damit seine Augen nicht verrieten, dass es ihm genauso ging. Ist es möglich, dass ich mit dieser hinreißenden Frau geschlafen habe, die sich gerade durch die hellblonden Haare fährt? Dass ich diesen sexy Mund geküsst und sie dann nie mehr angerufen habe? Was bin ich für ein Idiot! „Kendra.“ Er konnte nicht anders, als seinen Blick langsam bis zum Ausschnitt ihres engen T-Shirts und schließlich zu dem Monroe’s-Logo wandern zu lassen.

Sie wurde rot, reckte das Kinn und musterte ihn entrüstet. „Was machst du denn hier?“

„Ich bin nach Hause gekommen.“ Er bemerkte, dass sie ungläubig die Augenbrauen hob. Erneut schaute er auf das Logo ihres T-Shirts und dann auf ihre schmale Taille und die Rundung ihrer Hüften, die von der hautengen Jeans betont wurde. Er bedachte sie mit einem umwerfenden Lächeln. Vielleicht hatte sie ihm verziehen, dass er sich nie mehr bei ihr gemeldet hatte. Möglicherweise würde sie auch für ihn arbeiten, wenn er die Bar übernommen hatte. Vielleicht würde sie … Aber zunächst musste er etwas anderes klären. „Ich suche meinen Dad.“

Sie strich sich eine Haarsträhne hinters Ohr. „Warum probierst du es nicht bei Diana Lynn Turner?“

Wo bitte? fragte er sich bestürzt. Ist Dad etwa inzwischen schon ein Fall für die Fürsorge? „Kümmert sich diese Frau um meinen Vater?“

Kendra lachte ironisch. „Wie man es nimmt. Diana Lynn ist die Verlobte deines Vaters.“

„Seine was?“ Verwitwete Männer, die vor einem Jahr einen Herzschrittmacher eingesetzt bekommen hatten, hatten keine Verlobte.

„Seine Verlobte, Bruce. Dein Dad verbringt jede Nacht bei ihr und ist auch oft tagsüber in ihrem Haus. Aber sie gehen morgen früh auf eine Kurzreise. Deshalb solltest du dich beeilen, wenn du ihn noch sehen möchtest.“

Bruce wusste, dass er sich viele Jahre lang äußerst rargemacht hatte. Aber dass sein Vater sich verlobt hatte, ohne es ihm zu sagen, konnte er kaum glauben. Es sei denn, Seamus Monroe vermutete, dass seinem Sohn diese Neuigkeit absolut nicht behagte. Und mit dieser Vermutung hatte er recht. „Und wo wohnt diese Diana Lynn?“

„In der ehemaligen Swain Villa.“

Er runzelte die Stirn. „In dem heruntergekommenen alten Schuppen am Strand?“

„Jetzt nicht mehr. Diana hat dort wahre Wunder vollbracht.“ Kendra hantierte mit einigen Menükarten aus Plastik. „Sie bringt einfach alles auf Vordermann.“

Also darum geht es, dachte Bruce. Eine Frau, die nur hinter dem Geld der Männer her ist, hat sich meinen Dad gekrallt. Dann war er ja gerade noch rechtzeitig nach Hause gekommen. Er sah sich in dem Raum mit den Computern um. „Jetzt erzähl mir nur nicht, dass sie auch hinter diesen ganzen Veränderungen hier in der Bar steckt.“

„Der Bar?“ Kendra legte die Karten wieder weg und schaute zu der Bar an der gegenüberliegenden Wand. „Nun, bis jetzt war es uns noch nicht möglich, lange genug zu schließen, um die Bar herauszureißen.“

„Warum solltet ihr das tun?“, fragte er, besonders beunruhigt über die Wörter „wir“ und „herausreißen“.

Kendra zuckte mit den Schultern und betrachtete eine Bank aus Kirschholz, die bereits hier gestanden hatte, als Bruce noch ein Baby war. „Die Bar rentiert sich nicht unbedingt für uns.“

Hat sie „uns“ gesagt? überlegte er. „Das ist komisch.“ Er sah sie an, als wäre sie eine blutige Anfängerin. „Normalerweise rentiert sich die Bar in einer Bar am meisten.“ Sein einschüchternder Blick schien nicht zu funktionieren. Tatsächlich machte Kendra den Eindruck, als würde dadurch nur ihr Kampfgeist geweckt.

„Sicher ist das bei anderen Geschäftsmodellen richtig“, erklärte sie nachdenklich. „Aber Fakt ist, dass die Bar keinesfalls der profitabelste Teil eines Internet-Cafés ist.“

Er lachte ungläubig. „Und seit wann ist ‚Monroe’s‘ ein Internet-Café?“

„Seit ich ‚Monroe’s‘ gekauft habe.“

„Seit du was …?“, fragte Bruce entgeistert.

Er weiß es nicht, wurde Kendra bewusst, als sie den Schock in seinen dunkelbraunen Augen wahrnahm. Offensichtlich hatte er keine Ahnung davon, dass sie seit zwei Jahren eine geschäftliche Vereinbarung mit seinem Vater hatte. Sie hatte nie den Mut aufgebracht, Seamus zu fragen, ob er seinen Sohn darüber informiert habe. Denn Seamus war dem Thema Bruce für lange Zeit höflich aus dem Weg gegangen. Aber das würde jetzt wohl ein Ende haben.

„Ich habe ‚Monroe’s‘ vor einer Weile gekauft. Nun, die Hälfte. Und ich führe das Café, obwohl dein Dad immer noch mit fünfzig Prozent daran beteiligt ist.“ Dass es in Wahrheit einundfünfzig Prozent waren, brauchte sie Bruce ja nicht unbedingt auf die Nase zu binden.

„Wirklich.“ Er rieb sich nachdenklich das Kinn.

Kendra stellte fest, dass er sich bereits längere Zeit nicht mehr rasiert hatte. Der leichte Dreitagebart passte gut zu seinem markanten Gesicht und dem verführerischen Grübchen am Kinn, das sie schon einmal mit der Zunge liebkost hatte. „Ja, wirklich.“ Wieder hantierte sie mit den Karten, um ihre Hände zu beschäftigen und nicht in Versuchung zu geraten, ihm über die Bartstoppeln zu streichen.

„Und du hast ‚Monroe’s‘ in diesen Cybersalon verwandelt.“ Er schaute sich verächtlich um.

Sie musste lachen. Er brachte sie immer zum Lachen. Schon damals, in der Kindheit, als sie zehn war, hatte er sie geneckt. Sie hatte gekichert und war dann nach oben gerannt, hatte sich in ihrem Zimmer aufs Bett geworfen und aus lauter Liebe zu ihm geheult. „Wir sind im einundzwanzigsten Jahrhundert angekommen, Bruce, und du kannst dich jederzeit gerne einloggen.“

„Nein, vielen Dank.“ Er trat einen Schritt zurück und bedachte sie von oben bis unten mit einem dieser prüfenden Blicke, die sie immer noch unter Strom setzten.

Als er ihr schließlich wieder ins Gesicht sah, zwang sich Kendra, ihm in die dunklen Augen zu schauen. Und sein herausfordernder Blick ließ erkennen, dass es ihm immer noch egal war, was andere von ihm dachten. Dieser provozierende Blick sowie seine Vorliebe für Spaß und Spiel und sein stets hundertprozentiger Einsatz auf dem Baseballfeld hatten ihm den denkwürdigsten aller Jahrbucheinträge in der Geschichte der Rockingham Highschool eingebracht: Bruce ist wild.

Sie sahen sich etwas zu lange in die Augen, und sie fühlte, wie ihr die Hitze ins Gesicht stieg. An wie viele Dinge erinnerte er sich noch? Dass sie ihm gestanden hatte, schon ihr Leben lang in den besten Freund ihres großen Bruders verknallt zu sein? Erinnerte er sich daran, dass sie während ihrer gemeinsamen leidenschaftlichen Nacht nie das Wort nein benutzt hatte? Dass sie, „ich liebe dich“, geflüstert hatte, als sie mit ihm geschlafen hatte und endlich eins mit dem Mann ihrer Träume geworden war?

Sophie kam mit einem großen braunen Umschlag auf Kendra zugeeilt und riss sie aus ihren Gedanken. „Der Bote von Kinko’s hat ihn gerade abgegeben.“

Kendra nahm den Umschlag. „Bist du sicher, dass sie alles mitgeschickt haben?“

Die junge Frau nickte. „Und die Diskette zur Datensicherung ist auch drin.“

Okay, jetzt bin ich fast am Ziel, dachte Kendra. Seamus und Diana würden morgen nach Boston, New York und San Francisco reisen. Sie wollten Investoren für die Umgestaltung von „Monroe’s“ in das erste Internet-Café mit Galerie, Theater und Künstlertreff in der Gegend auftreiben. Kendra hatte zwei Jahre Recherche und Planung in dieses Projekt gesteckt. Nun kam es nur noch auf die Präsentation an.

„Seamus hat gerade angerufen“, fügte Sophie hinzu. „Er möchte die Unterlagen heute noch sehen, um eventuell noch einige Punkte mit dir durchzugehen, bevor er mit Diana abreist.“

Kendra warf einen Blick auf Bruce, der es wieder einmal schaffte, durch seine bloße Anwesenheit den Raum kleiner wirken zu lassen. Ihr war er schon immer größer erschienen, als er tatsächlich war. Ungeachtet der Tatsache, dass er all ihre Träume zunichtegemacht hatte, hatte sie ihn stets idealisiert.

Doch dann überkam sie ein ungutes Gefühl. Jeder wusste, dass Bruce’ Baseballkarriere zu Ende war. Wollte er für immer in Rockingham bleiben? Dann hätte er einmal mehr die Gelegenheit, ihre Pläne zu durchkreuzen. Nicht, weil sie ihm wie ein liebeskrankes Schulmädchen in die Arme fallen würde – diesen Fehler würde sie nie mehr begehen –, sondern weil er die Meinung seines Vaters ändern könnte. Falls er „Monroe’s“ haben wollte, so würde Seamus ihm das Lokal geben. Seamus würde Bruce sogar die Sterne vom Himmel holen. Der verlorene Sohn war zurückgekehrt, und die Ersatztochter könnte jetzt einfach im Regen stehen gelassen werden.

Sie betrachtete das Gesicht, das sie einmal so sehr geliebt hatte. Bruce Monroe konnte doch nicht zurück nach Rockingham kommen und erneut ihr Leben ruinieren. Aber sie würde ihm nie die Befriedigung verschaffen, zu erfahren, wie viel Macht er über sie hatte – damals wie jetzt. „Du kannst hinter mir herfahren“, sagte Kendra so gleichgültig, dass sie stolz auf sich war.

„Du kannst mit mir fahren“, schlug er vor.

„Nein, danke.“ Erinnert er sich nicht daran, was passiert war, als sie das letzte Mal zusammen in einem Auto gesessen hatten? fragte sie sich.

„Du kannst mir vertrauen.“ Bruce zwinkerte ihr zu. „Ich bin lediglich von den Rennstrecken verbannt worden, nicht von den Straßen.“ Er spielte auf den Unfall an, den er bei einem Autorennen verursacht hatte.

„Ich dachte nur daran, dass du deinen Vater schon viele Jahre nicht mehr gesehen hast. Zweifellos wirst du länger dort bleiben wollen als ich.“

„Das hängt davon ab, wie ich empfangen werde.“ Er lächelte. „Es ist eine ganze Weile her.“

„Das kann man wohl sagen.“

Sein Lächeln wurde breiter, als er erneut den Blick über ihren Körper wandern ließ. Sie musste aufpassen, dass ihre Knie nicht weich wurden. „Ist das deine Art, mir mitzuteilen, dass du mich vermisst hast, Kendra?“

Nun war sie dermaßen elektrisiert, dass sie rot wurde. Sie spürte, wie sie mit jeder Faser ihres Körpers auf ihn reagierte, und räusperte sich. „Es ist sicher unmöglich für dich, das zu verstehen, Bruce. Aber jeder einzelne Einwohner Rockinghams hat es irgendwie geschafft, ganz ohne Psychotherapie, Medikamente oder Drogen deine lange Abwesenheit zu überleben. Jeder Einzelne.“

Er lachte nur und zwinkerte ihr zu. „Nun komm schon. Ich werde fahren. Hast du alles, was du brauchst?“

Nein, dachte sie. Sie brauchte Scheuklappen, die sie daran hinderten, ihn anzustarren. Außerdem einen Panzerschrank für ihr Herz und einen Keuschheitsgürtel. Erst dann wäre sie für ihn gerüstet. Aber das brauchte er nicht zu wissen. Und niemals durfte er erfahren, warum sie das Studium in Harvard noch im ersten Jahr geschmissen hatte. „Ja, ich habe alles.“ Sie drückte den Umschlag an ihre Brust und lächelte ihn strahlend an. „Nur der hier ist von Bedeutung.“

„Was ist denn hier in der Stadt eigentlich los?“ Bruce warf einen Blick auf die kleinen Antiquitätenläden und Kunstgalerien auf der rechten Seite des High Castle Boulevards, konnte aber nicht widerstehen, auch seine Beifahrerin verstohlen anzuschauen. Denn Kendra sah so viel besser aus als all die Veränderungen in seiner Heimatstadt.

„Was los ist? Diana Lynn Turner ist hergekommen.“

Schon wieder diese berühmte Diana Lynn, dachte er. „Jetzt erzähl mir nicht, dass sie die rosafarbenen Häuserwände der Wohnsiedlungen gebaut hat, die ich auf dem Weg in die Stadt gesehen habe. Und seit wann hat alles einen Namen wie Rocky Shores, Point Place oder Shoreline Estates?“

„Seit Diana Lynn hier ist“, antwortete Kendra leicht ungeduldig, weil Bruce nicht begriff, welche Macht Diana hatte.

„Was ist sie? Ein 1-Mann-Bauunternehmen?“

Sie lachte leise und so mädchenhaft, dass ihm unerwartet ganz heiß wurde. „Sie hat die Häuser nicht gebaut, aber die Bauunternehmen vorgeschlagen und das Auswahlgremium davon überzeugt, Einfluss auf die Planungskommission zu nehmen. Dann hat sie ihre eigene Immobilienfirma gegründet und den Wohnungsmarkt in Rockingham in Schwung gebracht.“

„Warum?“

„Aus einer Reihe von Gründen.“ Kendra hob den Zeigefinger. „Erstens, weil Cape Cod als Reiseziel an der Küste boomt, und wir wollen, dass Rockingham daran teilhat und nicht mehr nur als Zwischenstopp auf der Route zu interessanteren Orten betrachtet wird.“ Sie hielt den zweiten Finger hoch. „Zweitens, weil die Stadtkasse nahezu leer ist, in den Schulen veraltete Bücher benutzt werden, die Ampeln eine Computeranlage benötigen, und weil Geld gebraucht wird, um neue Polizisten einzustellen.“

Bevor sie zum dritten Punkt kommen konnte, griff Bruce nach ihrer Hand und schob sie sanft nach unten. „Ich habe verstanden. Es geht um den Fortschritt.“ Nur widerwillig ließ er ihre Hand los. „Dann ist Diana Lynn also nicht nur hinter dem Geld der Männer her.“

Kendra lachte. „Ganz im Gegenteil, sie macht Rockingham zu einer Goldgrube und sorgt dafür, dass Geld in die leeren Kassen kommt.“

Er schwieg einen Moment, als er in die Beachline Road bog, wo man früher einen ungehinderten Blick auf das blaue Wasser des Nantucket Sound hatte. Doch jetzt standen da eine Menge neuer Läden, die allerdings auf alt gemacht waren, ganz im Stil der von Wind und Wetter verwitterten Häuser New Englands. Bruce mochte Diana Lynn nicht. „Also wie tief hat sie ihre Krallen denn in meinen Dad versenkt?“

„Ihre Krallen?“, fragte Kendra amüsiert. „Sie hat keine Krallen. Und hättest du dir einmal in den letzten Jahren die Mühe gemacht, nach Hause zu kommen, um nach deinem Vater zu sehen, dann wüsstest du das.“

„Das wird kaum funktionieren.“

„Was?“

„Die Schuldzuweisung.“

Kendra atmete tief aus. „Von mir wirst du keine Schuldzuweisung zu hören bekommen, Bruce.“

Nicht einmal dafür, dass er sie nach der Nacht, in der sie wunderbaren Sex miteinander gehabt hatten, nicht einmal angerufen hatte? Er glaubte ihr nicht. „Keine Schuldzuweisung? Und wie würdest du dann deine letzte Bemerkung interpretieren?“

Sie setzte sich aufrecht hin. „Das war lediglich eine Feststellung. Es ist eine Tatsache, dass du deinen Vater sehr lange …“

„Moment mal. Es stimmt nur, dass ich sehr lange nicht in Rockingham war. Aber Dad ist zu jedem Spiel gekommen, das die Snakes in Boston hatten. Außerdem war er auch einige Male in Las Vegas.“

„Und du hattest kaum Zeit für ein gemeinsames Abendessen mit ihm.“

Dieses Mal atmete Bruce tief aus. Er erwartete nicht, dass Kendra ihn verstand. Das erwartete er von niemandem und besonders nicht von dem Mann, den er gleich treffen würde. Aber ein Abendessen mit Dad hatte unweigerlich zur Folge, dass er mit guten Ratschlägen, Maßregelungen und Anweisungen überhäuft wurde, was Bruce nicht ausstehen konnte. Er machte alles gern auf seine Art und damit ganz anders, als es seinem Vater vorschwebte. Es war leichter für ihn, einfach wegzubleiben. „Ich habe mich ab und zu mit deinem Bruder Jack unterhalten“, sagte er, um zu zeigen, dass er die Verbindung zu Rockingham nicht völlig abgebrochen hatte.

„Wirklich?“, fragte Kendra überrascht. „Das hat er nie erwähnt.“

„Er scheint seinen Job zu mögen.“ Das war das Erste, was ihm einfiel, um zu beweisen, dass er tatsächlich mit Jack geredet hatte.

Sie nickte. „Jack ist der geborene Marketingmann. Er ist gewissermaßen mit der Firma verheiratet.“

Dieser Vorgabe konnte Bruce nicht widerstehen. Außerdem wollte er es unbedingt wissen. „Und was ist mit dir?“ Er erinnerte sich daran, dass ihre Mitarbeiterin im Internet-Café sie Miss Locke genannt hatte. Aber heutzutage hatte das überhaupt nichts zu bedeuten. „Hast du inzwischen einen Ehemann, ein Haus und Kinder, Kennie?“ Sie schweigt einen Moment zu lange, dachte er. Hasst sie etwa den Spitznamen immer noch, den er ihr gegeben hatte, als sie ein dünnes, kleines zehnjähriges Mädchen war, das die älteren Jungs im Keller belauscht hatte?

„Nein, die habe ich nicht.“

Er lächelte. „Warum bist du dann nicht in New York oder Boston? Erzähl mir nicht, dass es dich nach deinem Harvard-Studium zurück in das gute alte Rockingham verschlagen hat?“

Sie schluckte. „Ich habe mein Studium nie abgeschlossen.“

Bruce schaute sie kurz an. „Im Ernst? Das letzte Mal …“, er hielt kurz inne. „Ich meine, als meine Mutter gestorben ist, warst du doch bereits mitten im ersten Jahr.“ Kendra errötete, als würde sie sich fragen, woran er sich sonst noch erinnerte, wenn er an seinen letzten Besuch in Rockingham dachte. Ihn überraschte es, dass er sich genau an jedes Detail erinnern konnte.

„Ich hatte dann hier sehr viel geschäftlich zu tun“, entgegnete sie knapp.

Etwas in ihrer Stimme sagte ihm, besser keine weiteren Fragen zu stellen. Er atmete durch das offene Fenster die salzige Luft ein, und unzählige Erinnerungen stiegen in ihm auf. „Es riecht nach Baseball“, sagte er fast zu sich selbst.

„Wie bitte?“

„April in New England. Der Frühling liegt in der Luft, und Frühling bedeutet Baseball.“ Zumindest war das die vergangenen siebenundzwanzig Jahre seines Lebens so gewesen. Seitdem er damals das erste Mal einen Baseballschläger in die Hand genommen und zu spielen begonnen hatte.

„Vermisst du es?“, fragte sie.

„Nein“, antwortete er schnell. „Ich wollte mich ohnehin vom Spielfeld zurückziehen.“ Das war natürlich gelogen. Er war dreiunddreißig und immer noch in Topform, trotz der Schmerzen im Ellbogen. Aber seine Vorliebe für schnelle Autos hatte ihn dazu verführt, aus Spaß an einem Autorennen teilzunehmen. Und das war den Eignern der Nevada Snake Eyes gewaltig gegen den Strich gegangen, denn damit hatte Bruce gegen einen Passus in seinem Vertrag verstoßen.

„Dein letztes Jahr war gut“, meinte sie.

Er musste an ihre Bemerkung in der Bar denken, dass die Leute in Rockingham auch sehr gut ohne ihn gelebt hätten, und konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. „Glaubst du, dass irgendjemand hier davon Notiz genommen hat?“

Sie erwiderte sein Lächeln, und er bemerkte ihre Grübchen. „Ja, haben wir.“

Vor der Kurve, hinter der die Swain Villa lag, drosselte er instinktiv das Tempo. Statt seinen Vater zu sehen, wollte er viel lieber noch länger mit Kendra zusammen sein. „Meine tolle letzte Spielzeit hat aber jemanden nicht daran gehindert, die Wände im ‚Monroe’s‘ neu zu dekorieren.“

Ihr Lächeln wurde wehmütig. „Dinge ändern sich, Bruce.“

Ganz offensichtlich, dachte er. Aber würde er sich durchsetzen, dann könnte er all die Veränderungen wieder rückgängig machen. Vielleicht nicht die rosafarbenen Häuser und Antiquitätenläden. Aber „Monroe’s“ könnte er in die Bar von früher verwandeln und ein Stück seiner Jugend als gefeierter Baseballspieler wieder aufleben lassen. Und dabei könnte er auch gleich an einige der noch sehr lebendigen Erinnerungen an diese eine Nacht mit Kendra anknüpfen. „Dann brauche ich aber jemanden, der mir hilft, mich mit dem neuen Rockingham vertraut zu machen.“ Die Aufforderung in seiner Stimme war unüberhörbar.

Sie verschränkte die Hände und sah geradeaus. „Du wirst bestimmt jemanden finden.“

Er warf ihr einen Blick zu. Seiner Meinung nach hatte er bereits jemanden gefunden. „Da bin ich mir sicher.“

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