Logo weiterlesen.de
Frühlingsherzen: Küss mich, und stell die Fragen später

Vicki Lewis Thompson

Frühlingsherzen: Küss mich, und stell die Fragen später

Aus dem Amerikanischen von Sarah Falk

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder
auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich
der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden.
Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

1. KAPITEL

Kyla Finnegan besaß die Lösung für alle Probleme dieser Welt: Fußmassage.

Arturo Carmello schien einer Meinung mit ihr zu sein. Als Kyla lächelnd zu ihm hinter den Schreibtisch trat, sah sie, dass er seine Schuhe und Socken schon ausgezogen hatte. „Freuen Sie sich auf unsere Sitzung, Mr Carmello?“

„Ich kann Ihnen nur sagen, junge Frau, dass diese Fußmassagen einen neuen Menschen aus mir gemacht haben.“ Er drehte seinen Sessel zu ihr herum. „Ich weiß nicht wieso, aber es funktioniert.“

„Stellen Sie sich Ihre Füße als Schalttafel vor.“ Kyla öffnete ihren Koffer mit den Massageölen und dem Kassettenrekorder. Dann legte sie ein Kissen auf den Boden und setzte sich darauf. „Indem ich ganz bestimmte Punkte an Ihren Füßen bearbeite, löse ich eine Art Signal an den damit verbundenen Körperteilen aus.“ Sie legte ihre Jacke ab und stellte den Kassettenrekorder an. Sanfte Musik erklang.

„Ah.“ Arturo lehnte sich genüsslich zurück und schloss die Augen. „Da haben wir ja die Musik, die mich ins Paradies versetzt!“

Kyla lächelte. Er war so ein netter alter Mann; es fiel ihr schwer, die Gerüchte über seine angeblichen Beziehungen zur Unterwelt zu glauben. Sie öffnete die Flasche mit dem Vanilleöl und gab ein paar Tropfen auf ihre Hand.

„Das riecht wunderbar. Es erinnert mich an Plätzchen. Besser als dieses Blumenzeug.“

„Ich mag den Duft auch.“ Kyla verrieb das Öl in den Händen und begann, Arturos Füße zu bearbeiten.

Arturo seufzte und atmete tief durch, was seinen umfangreichen Bauch auf- und abschwellen ließ wie einen Luftballon. „Es ist nicht gut, Miss Finnegan, dass Sie nach fünf Uhr kommen und dann mit dem Bus nach Hause fahren. Im Winter wird es früh dunkel. Ich mache mir Sorgen um Sie, wo Sie nicht einmal ein Auto haben …“

„Ach, ich komme schon zurecht, Mr Carmello.“ Mit weichen, rhythmischen Bewegungen massierte sie den Spann eines jeden Fußes. „Sie leiden noch immer unter dieser Erkältung?“

„Ja.“

Sie verstärkte den Druck. „Das wird helfen.“

„Ja, ich spüre es schon. Sie sind ein liebes Mädchen, Kyla. Sie erinnern mich an meine Töchter. Sie haben dunkles Haar wie Sie, und Sie tragen es genauso kurz und lockig wie meine Jüngste. Nur dass Sie blaue Augen haben. Ihre irische Abstammung, nehme ich an. Meine Mädchen sind hundertprozentige Italienerinnen. Aber sie sind auch sehr brave Mädchen, alle beide.“

„Danke, Mr Carmello.“ Kyla gab noch etwas Öl auf ihre Hände und beschrieb mit dem Daumen einen Kreis unter dem großen Zeh seines linken Fußes.

„Trotzdem finde ich, dass Sie wenigstens einen Freund haben sollten, der Sie nach Hause bringt. Man ist in Chicago nach Einbruch der Dunkelheit nicht mehr sicher auf den Straßen.“

„Ich werde Ihnen ein Geheimnis anvertrauen, Mr Carmello“, sagte Kyla lächelnd.

„Wirklich? Und das wäre?“

„Ich besitze einen braunen Gürtel in Karate. Und ich trainiere jeden Tag.“

„Das ist nicht Ihr Ernst!“

„Und ob. Mein Bruder und ich fingen schon als Kinder damit an. Jeder, der auf die Idee käme, mich zu überfallen, würde es sehr bereuen.“

Arturo lachte. „Das ist gut. Aber wer würde das schon vermuten bei einem so zierlichen Ding wie Ihnen.“

Gerade weil sie „so ein zierliches Ding“ war, setzte Kyla unermüdlich ihr Karatetraining fort. Sie wollte nie wieder körperlich unterlegen sein.

Arturo schwieg eine Zeit lang. „Wären Sie in der Lage, mich quer durch den Raum zu schleudern?“, fragte er schließlich.

„Nein, aber außer Gefecht setzen könnte ich Sie bestimmt. Vorausgesetzt natürlich, Sie hätten keine Waffe.“

„Nicht zu fassen. Das muss man sich mal vorstellen“, murmelte Arturo beeindruckt.

„Ja. Wie Sie sehen, Mr Carmello, können Sie aufhören, sich um mich zu sorgen und anfangen, sich zu entspannen. Die Massage wird Ihnen nur dann helfen, wenn Sie aufhören zu reden und mich arbeiten lassen.“

„Na schön.“ Arturos Bauch hob sich wieder, als er versuchte, tief durchzuatmen. „Ich hätte früher nie gedacht, dass ich mich nach einer Fußmassage so großartig fühlen würde, aber heute kann ich es kaum erwarten, Sie zu sehen. Wäre es nicht möglich, dass Sie statt an drei Nachmittagen in der Woche an fünf kämen?“

„Natürlich.“ Kyla ließ ihren Daumen fest über die Innenseite seines Spanns gleiten. „Aber jetzt müssen Sie sich entspannen.“

Das tat er, und dann war nichts mehr zu hören außer der einlullenden Musik und den gedämpften Geräuschen des nachmittäglichen Verkehrs. Kyla liebte die Ruhe in dem verlassenen Gebäude. Keine zuschlagenden Türen, kein Liftgebimmel. Vermutlich waren sie und Arturo die einzigen Menschen in dem fünfzigstöckigen Bürohochhaus. Kyla bemühte sich, ihre Umgebung zu vergessen und konzentrierte sich darauf, Arturo Energie zu übermitteln.

Das Gebäude war zu einer guten Einnahmequelle für sie geworden, denn allmählich sprach es sich herum, dass man die Mittagspause zu einer Fußreflexzonenmassage bei Kyla Finnegan nutzen konnte. Es war ein Beruf, der ihrem Bedürfnis nach Freiheit sehr entgegenkam, denn so konnte sie bei der Arbeit ihr Lieblingsoutfit tragen – Jeans und Pullover – und sich ihre Zeit selbst einteilen.

Arturo war jedoch der einzige Kunde, den sie nach fünf Uhr bediente, weil sie gewisse Hemmungen hatte, was Termine um diese Zeit betraf, vor allem, wenn es sich um männliche Kunden handelte. Doch Arturo hatte sie bisher immer mit Respekt behandelt.

Kyla war nicht sicher, was sie als erstes auf die veränderte Atmosphäre im Raum aufmerksam machte. Dann hörte sie ein leises Knarren. War die Tür geöffnet worden? Sie hörte auf, Arturos Fuß zu massieren, und lauschte angestrengt. Waren das etwa Schritte? Ach was, vermutlich war sie nur verunsichert durch Arturos Gerede über die Gefahren auf den Chicagoer Straßen.

Dennoch rührte sie sich nicht und horchte auf weitere Geräusche. Doch das Einzige, was sie hörte, waren die Musik und Arturos Atemzüge. Wahrscheinlich war es doch nur Einbildung gewesen. Sie nahm ihre Massage wieder auf.

Und dann erklang das Geräusch von Neuem. Es waren Schritte, zweifellos – die langsamen Schritte von jemandem, der sich vorsichtig dem Schreibtisch näherte.

Kyla wollte gerade etwas zu Arturo sagen, als sie ein leises Zischen hörte, gefolgt von einem sanften Aufprall. Arturos Fuß in ihrer Hand zuckte einmal kurz, und Kyla schaute verwundert zu ihm auf. Ein sauberes Loch war in seinem weißen Hemd zu sehen, direkt über seinem Herzen. Es färbte sich langsam rot.

In fassungslosem Erstaunen starrte sie auf den Fleck, bis ihr Gefühl für Realität zurückkehrte. Die Erkenntnis, was hier geschehen war, traf sie wie eine eiskalte Dusche. Ein Brausen entstand in ihren Ohren. Es konnte nicht sein. Nein. Sein Fuß war doch noch warm. Er konnte nicht … Aber er war tot. Er atmete nicht mehr.

Um Gottes willen, nein … Nicht dieser nette alte Mann! Sie verschluckte den Schrei, der in ihrer Kehle aufstieg, weil ihr Instinkt die Oberhand gewann. Beweg’ dich nicht, Kyla … Sie hielt den Atem an und zwang sich, ihr Zittern und das Bedürfnis, aufzuspringen und davonzulaufen, zu unterdrücken.

Bleib ganz ruhig und beherrscht, ermahnte sie sich. Du musst überleben.

„Nun, das wäre es dann wohl“, sagte eine männliche Stimme vor dem Schreibtisch. Sie klang ein wenig schrill, eine Stimme, die man nicht so schnell vergaß. „Gut, dass er gerade ein Schläfchen hielt und die Musik anhatte.“

„Ist er tot?“, fragte eine andere, tiefere Männerstimme. „Er atmet schließlich nicht mehr, oder?“

Kyla befürchtete, ohnmächtig zu werden und wehrte sich gegen den schwarzen Nebel, der sie einzuhüllen drohte. Zwei Männer hatten gerade Arturo Carmello erschossen, hatten ihn kaltblütig ermordet, während sie ihm die Füße massierte. Und die Killer ahnten nichts von ihrer Anwesenheit.

Ein paar Zimmer weiter auf derselben Etage zog Pete Beckett eine Schublade auf und durchsuchte ihren Inhalt. Weil er jedoch kein Recht dazu hatte, trug er Handschuhe. Nur Peggy zuliebe war er hier – denn seine Zwillingsschwester hatte leider einen Schuft geheiratet, den sie verdächtigte, Drogengelder der Mafia anzulegen. Arturo Carmellos Geld, um genau zu sein.

In der Tasche von Petes Trenchcoat befand sich der Büroschlüssel, den Peggy ihm in dem Brief, in dem sie ihn um Hilfe bat, mitgeschickt hatte. Sie hatte ihren Mann nach seinen Geschäften mit Carmello gefragt, aber Jerald war nicht bereit gewesen, ihr darüber Auskunft zu geben. Und deshalb war nun Pete hier, Teilhaber der angesehenen Steuerberaterfirma Beckett und Stripley, und spielte Detektiv für seine Schwester.

Beim Durchblättern der Akten stellte er fest, dass Peggys schlimmste Befürchtungen gerechtfertigt waren. Jerald hatte von einem neuen Auftrag gesprochen und dabei sehr geheimnisvoll getan, und Peggy hatte ihn mit jemand namens Art telefonieren hören, der einer Firmengruppe vorstand, die sich das Aries Konsortium nannte. Sie hatte mitbekommen, wie Jerald zu seinem Gesprächspartner sagte: „Keine Angst, Art, das werden sie nie bis zu euch verfolgen können.“

Pete zog die Akte „Aries“ heraus und öffnete sie. Als er den Inhalt überflog, pfiff er leise durch die Zähne. Er hatte eine ungefähre Vorstellung von Jeralds jährlichem Einkommen. Ein Auftrag wie dieser würde es verdoppeln. Doch wenn es sich bei dem Aries Konsortium um eine legale Firma gehandelt hätte, wäre Jerald seiner Frau gegenüber sicher nicht so verschwiegen gewesen. Pete presste die Lippen zusammen. Ein harter Zug erschien um sein Kinn. Diese Sache muss sofort aufhören, dafür würde er schon sorgen.

Kyla hielt den Atem an. Vielleicht konnte sie sich einfach still verhalten und warten, bis Arturos Mörder fort waren.

Der Mann mit der tieferen Stimme sprach jetzt wieder. „Vinnie, ich muss aufs Klo. Hier muss irgendwo eins sein.“

Also heißt der Mann mit der schrillen Stimme Vinnie, kombinierte Kyla, doch dann versuchte sie, die Information schnellstens wieder aus ihrem Bewusstsein zu verdrängen. Je weniger sie über die beiden Männer wusste, desto besser.

„Vergiss es“, zischte Vinnie. „Wir haben’s eilig.“

„Dann geh. Ich sehe mich mal um. Wir haben Zeit genug. Die echten Wärter werden erst in zwei Stunden erscheinen.“

Kyla wusste, wo die Toilette war. Sie hatte sich dort oft genug das Massageöl von den Händen gewaschen.

„Komm schon, Vinnie. Sieh dich mal um. Ist doch nett hier.“ Die Stimme wurde leiser. Kyla vermutete, dass er sich im angrenzenden Konferenzsaal befand. „Hey, Vinnie – schau dir mal diese Bilder an! Alles Remingtons, wie du sie gerne hast, mit Cowboys, Kühen und so weiter.“

„Ich hätte dich nicht mitnehmen sollen zu diesem Job, Dominic. Du warst schon immer zu neugierig, schon als wir Kinder waren.“ Auch seine Stimme klang jetzt so, als entfernte er sich.

Kyla fiel die bronzene Remington-Skulptur auf dem Sideboard hinter ihr ein. Falls Vinnie sich tatsächlich umschaute, dann würde er auch die Skulptur entdecken. Ich muss hier raus, dachte Kyla. Sie konnte, nein, sie musste es schaffen, heimlich zu verschwinden, bevor die beiden zurückkamen. Sonst war ihr Leben keinen Penny mehr wert.

Sehr vorsichtig, um kein Geräusch zu verursachen, kroch sie um den Schreibtisch herum und richtete sich langsam auf. Vinnie, in der Uniform eines Sicherheitsbeamten, drehte ihr den Rücken zu. Er hatte eine Halbglatze und abstehende Ohren und betrachtete ein großes Gemälde an der Wand des Konferenzsaals. Als Kyla die Toilettenspülung rauschen hörte, rannte sie ins Vorzimmer. Dummerweise stieß sie dabei mit dem Fuß gegen einen metallenen Papierkorb. Ein Geräusch wie von einem Gong ertönte.

„Hey!“, rief Vinnie.

Kyla riss die Außentür auf und rannte über den dunklen Korridor. Als sie um die Ecke bog, sah sie Licht in einem der Büros. Vielleicht war dort jemand. Keuchend lief sie weiter und hoffte, dass die Tür nicht abgeschlossen war. Sie war es nicht.

„Jerald T. Johnson, Anlageberater“, las sie flüchtig auf dem Türschild. Sei ein Held, Jerry, flehte Kyla innerlich, als sie durch das leere Vorzimmer in den dahinterliegenden Raum stürzte. Am Schreibtisch stand ein Mann im Trenchcoat, der erstaunt den Kopf hob. Während Kyla sich hastig umschaute, kam ihr eine Idee. „Schnell – zur Couch!“, keuchte sie, rannte zum Schreibtisch und packte den Mann am Arm.

„Was …?“ Er versteifte sich und rührte sich nicht vom Fleck.

„Ich habe keine Zeit für Erklärungen. Sie bringen uns um, wenn Sie nicht tun, was ich sage. Werfen Sie mich auf die Couch und legen Sie sich auf mich, sodass man möglichst wenig von mir sieht. Tun Sie so, als würden Sie mit mir schlafen. Es ist die einzige Möglichkeit.“

„Sie sind verrückt!“

„Ich sage Ihnen doch, es ist unsere einzige Chance!“ Mit aller Kraft zerrte sie an seinem Arm.

„Hören Sie, ich weiß wirklich nicht, was Sie vorhaben, aber ich spiele da bestimmt nicht mit!“

Mit einem gezielten Tritt brachte sie Jerald T. Johnson aus dem Gleichgewicht und zog ihn zu sich auf die Couch. Als er mit seinem nicht unbeträchtlichen Gewicht auf ihr landete, verschlug es ihr den Atem. Er war mindestens einen Kopf größer als sie, aber diesmal empfand Kyla es als Vorteil, so klein zu sein. Der Mantel des Mannes blähte sich im Fall und bedeckte sie fast ganz. Gut so, dachte sie. Ja, so könnte es klappen.

Als er sich aufrichten wollte, hielt sie ihn an der Gürtelschnalle zurück. Sie hörte, wie die Tür zum Vorzimmer geöffnet wurde und begann lustvoll zu stöhnen: „Oh Jerry … Du bist so gut, Jerry!“

Der Mann verstärkte seine Bemühungen, sich von ihr zu lösen. „Ich bin nicht …“

„Sie kommen!“, flüsterte sie. „Sie müssen so tun, als wären wir gerade dabei, uns zu lieben.“ Sie bewegte provozierend die Hüften. „Sie erschießen uns, wenn es uns nicht gelingt, sie zu täuschen.“

„Oh, verdammt, da kommt ja wirklich jemand!“ Nun schien auch er sich für das Spiel zu erwärmen, schob sich zwischen ihre gespreizten Schenkel und begann, sich zu bewegen. Seine Atemzüge kamen schneller, und es gelang ihm sogar, ein überzeugendes Stöhnen von sich zu geben.

„Ja!“, rief Kyla heiser. „Ja, Jerry, so ist es gut. Bitte mach weiter … Oh, Jerry, Jerry!“

Der Mann bewegte sich und presste seine Wange an ihr Gesicht. Sie spürte den herben Duft seines Aftershaves und seine Lippen an ihrem Ohrläppchen. „Nun, wie ist das?“, murmelte er.

„Wunderbar!“, rief sie, bog den Rücken durch und bewegte einladend die Hüften. „Ich liebe dich, Jerry, ich liebe dich! Oh!“ Allmählich kam ihr der Verdacht, dass ihr Retter im Begriff war, Rolle und Realität zu verwechseln. Aber das war ihr egal. Ihr Herz hämmerte wie wild, als sich die Schritte näherten und schließlich innehielten.

„Sieh dir das an!“, bemerkte Vinnie „Der Chef treibt es mit der Sekretärin!“

„Ihr seid viel zu früh hier, Jungs“, stieß Jerry mit vor Erregung heiserer Stimme vor. „Verschwindet. Auf der Stelle.“

Vinnie lachte. „Na schön, dann wollen wir euch nicht länger stören. Wir kommen wieder, wenn Sie fertig sind.“ Von Neuem waren Schritte zu vernehmen, und dann herrschte plötzlich wieder Stille.

Kyla hielt den Atem an.

„Tun Sie es auch einmal für mich“, rief Vinnie lachend und ging weiter. Die Tür zum Vorzimmer fiel ins Schloss.

Kyla wartete regungslos.

„Die Leute vom Sicherheitsdienst“, sagte Jerry, der noch immer wie unter großer Anstrengung keuchte. „Ihr Dienst beginnt normalerweise erst um sieben.“

„Das sind keine Wachmänner“, flüsterte Kyla.

„Aber natürlich.“ Jerry stand auf. „Ich muss.

Kyla riss ihn am Gürtel zurück. „Sie sind bewaffnet. Sie haben schon jemanden umgebracht.“

Er hob den Kopf, um ihr ins Gesicht zu sehen. Seine braunen Augen waren ganz dunkel vor Ungeduld. „Lassen Sie meinen Gürtel los.“

Kyla gab seufzend nach.

Er stand auf und ging zur Tür zum Vorzimmer.

„Gehen Sie nicht ohne eine Waffe hinaus.“

Er blieb stehen und drehte sich nach ihr um.

„Ich sagte Ihnen doch, dass sie bewaffnet sind!“, wiederholte sie beschwörend.

Er schüttelte den Kopf. Dann nahm er mit einer Entschiedenheit, die sie sehr überraschend fand angesichts der Tatsache, dass Jerry ein ganz normaler Geschäftsmann war, einen Kleiderbügel und ging ins Vorzimmer.

Kyla hielt den Atem an. Keine Schüsse. Vielleicht hatte der Trick gewirkt. Vielleicht hatte sie ja tatsächlich einen Helden gefunden. Sehr männlich wirkte Jerry jedenfalls. Sie wagte sich kaum auszudenken, was geschehen wäre, wenn sie ihn nicht gefunden hätte.

Nachdem die erste Gefahr vorüber war, begann sie so zu zittern, dass sie sich aufrichtete und die Arme um den Körper schlang. Armer Arturo. Die Gerüchte über seine Verbindungen zur Mafia mussten also doch wahr gewesen sein …

Um ihre Gedanken von Arturo abzulenken, schaute sie sich im Büro um. Auf dem Schreibtisch stand ein Foto von einer dunkelhaarigen Frau, die zwei kleine, ebenfalls dunkelhaarige Mädchen im Arm hielt. Ihr Held war also verheiratet. Die Frau war sehr attraktiv und passte gut zu Jerry; sie hätte sogar seine Schwester sein können.

Sie kann sich glücklich schätzen, dachte Kyla. Ihr Mann war sehr gut aussehend – kräftiger Körperbau, dunkles, glatt zurückgekämmtes Haar über einer hohen, intelligenten Stirn, markante Züge. Und ganz offensichtlich war er auch noch mutig.

Halt! Bloß nicht an Arturo und die beiden Kerle mit der Waffe denken, befahl sie sich. Jerry schien Fotografien zu lieben. Die Wände waren mit Schnappschüssen der verschiedensten Leute bedeckt, aber Kyla fand nur einen von ihm und seiner Frau. Sie standen auf einem Segelboot und hatten kameradschaftlich die Arme umeinander gelegt. Jerry trug kein Hemd. Ganz ansehnlicher Oberkörper, fand Kyla. Sie liebte es, wenn Männer dunkles Haar auf der Brust hatten.

Jerry kam ins Büro zurück und hängte den Kleiderbügel an seinen Platz zurück. „Sie scheinen fort zu sein. Ich habe die Tür zum Vorzimmer abgeschlossen. Das hätte ich besser schon vorher getan.“

Dann wäre ich jetzt tot, schoss es Kyla durch den Kopf. „Eine verschlossene Tür wird sie nicht aufhalten, falls sie zurückkehren. Wir sollten machen, dass wir fortkommen.“

Seufzend schob er die Hände in die Hosentaschen. „Abo gut, heraus damit. Was ist passiert, dass Sie auf diese Weise hier eingedrungen sind?“

„Diese Männer haben sich als Wachmänner verkleidet und dann …“ Als die ganze schreckliche Szene wieder vor ihr erstand, fühlte sie Hysterie in sich erwachen und starrte auf die weiße Schreibtischunterlage, bis sie ihre Gefühle wieder unter Kontrolle hatte. „Sie haben jemanden erschossen“, sagte sie in einem Ton, als läse sie ein Manuskript vor. „Er ist tot. Ich habe gesehen, wie sie ihn erschossen haben.“

Der Mann starrte sie an. „Wen haben sie erschossen?“

„Arturo Carmello.“

Jerry erblasste. „Oh Gott!“

„Kannten Sie ihn?“

Er schüttelte den Kopf. „Nur vom Hörensagen.“

„Passen Sie auf – ich scherze nicht. Ich bin Ihnen sehr dankbar für alles, was Sie bisher getan haben, aber jetzt müssen wir von hier verschwinden. Wir …“ Sie wollte nach ihrer Jacke greifen und erinnerte sich plötzlich, wo sie sie zurückgelassen hatte. „Oh nein! Verdammt!“

„Was ist?“

„Ich habe meine Sachen in Arturos Büro vergessen! Den Kassettenrekorder, das Massageöl, meine Jacke – in der meine Brieftasche und meine Schlüssel waren … Verdammt! Das ist ja furchtbar!“ Sie hätte am liebsten laut geschrien vor Wut über sich selbst. Aber das hätte in diesem Moment nur unliebsame Aufmerksamkeit erregt. „Die Kerle wissen jetzt, wer ich bin und wo ich lebe. Sie haben einen Schlüssel zu meiner Wohnung. Sie werden …“

„Massageöl? Sie haben Carmello … massiert?“

Kyla bedachte ihn mit einem gereizten Blick. Und tatsächlich schaute er sie an, als hielte er sie für eine Prostituierte! Aber die Reaktion kannte sie leider schon. „Fußmassage“, erklärte sie brüsk. „Ich bin ausgebildete Reflexzonenmasseurin.“

„Was soll das denn sein?“

Auch diese Frage war nichts Neues. Reflexzonenmassage war im Mittelwesten noch nicht so bekannt wie in Kalifornien, weshalb sie letztendlich auch hierhergekommen war – um weniger Konkurrenz zu haben. „Fußmasseurin“, wiederholte sie kurz. „Aber jetzt lassen Sie uns verschwinden, Jerry. Vielleicht haben wir diese Kerle irregeführt, aber vielleicht auch nicht. Es kann sein, dass sie es sich anders überlegen und zurückkommen. Haben Sie ein Auto?“

„Ja.“

„Gut. Besser als ein Taxi. Los, kommen Sie.“ Sie wandte sich zur Tür. „Bevor wir das tun, möchte ich Ihnen etwas sagen.“ Sie drehte sich um. „Was ist denn jetzt schon wieder?“

„Mein Name ist nicht Jerry.“

2. KAPITEL

„Wer sind Sie dann? Was machen Sie in diesem Büro? Und warum tragen Sie Handschuhe?“, fragte Kyla.

„Das möchte ich Ihnen jetzt lieber nicht erklären. Wollen Sie trotz allem mit mir in die Nacht hinausfahren?“

Kyla betrachtete das Foto an der Wand von den zwei Menschen auf dem Boot – diesem Mann und der Frau, die auf dem anderen Bild mit den beiden kleinen Mädchen zu sehen war. „Wenn Sie nicht Jerald T. Johnson sind, was machen Sie dann auf dem Foto mit seiner Frau?“

„Ich glaube, es wird Zeit, dass wir von hier verschwinden.“ Der Fremde schloss die Akte auf dem Schreibtisch und schob sie in eine offene Schublade. „Oder möchten Sie lieber bleiben und weiterdiskutieren, bis die beiden Kerle wieder hier auftauchen?“

Kyla beobachtete ihn, wie er auf dem Schreibtisch alles so zurechtlegte, wie er es ursprünglich vorgefunden haben mochte. Irgendwie schien ihm nicht ganz wohl in seiner Haut zu sein. „Ich glaube, ich begreife jetzt. Sie würden sich hier auch nicht gern erwischen lassen.“

Er schaute nur flüchtig auf. „Sagen wir, jetzt sind Sie an der Reihe, mir zu vertrauen.“

Kyla überlegte rasch. Dieser Mann, der also nicht Jerald T. Johnson war, war ziemlich kräftig, und ein Angsthase schien er auch nicht gerade zu sein. Vielleicht war er ein Gangster. Vielleicht waren sie hier alle Gangster. Aber Arturo hätte sie beschützt, wenn er dazu in der Lage gewesen wäre. Und dieser Mann hier schien zumindest im Augenblick auf ihrer Seite zu stehen. Sie konnte es sich nicht leisten, wählerisch zu sein, und ihr Karatetraining vermittelte ihr eine gewisse Sicherheit. Zumindest, solange sie es nicht mit bewaffneten Strolchen zu tun hatte.

„Fertig?“, fragte er und zog spöttisch eine Braue hoch.

Kyla dachte an ihre Jacke, die sie nicht gern verlor, ganz zu schweigen von dem Kassettenrekorder und ihren Massageölen. Aber nur ein kompletter Narr wäre in Arturos Büro zurückgekehrt, auf die Gefahr hin, dass dort die Killer lauerten. Außerdem war anzunehmen, dass sie ihre Sachen längst gefunden hatten und auf dem Weg zu ihrer Wohnung waren. Kyla seufzte. „Na gut. Auf geht’s.“

Johnson und Carmello hatten ihre Büros im dreiunddreißigsten Stock. Kyla schlug vor, den Aufzug in die Tiefgarage zu nehmen. Es war zwar der offensichtlichere Fluchtweg, ging aber wesentlich schneller, als dreiunddreißig Treppen hinunterzulaufen. „Wenn sie meine Jacke gefunden haben, sind sie wahrscheinlich längst unterwegs“, bemerkte sie, als sie in der Garage ausstiegen.

Der Fremde, den sie für Jerry gehalten hatten, blieb stehen und forderte sie auf, zurückzubleiben, damit er die Umgebung überprüfen konnte. Das fand Kyla sehr nett von ihm. „Ich sehe nichts Verdächtiges“, stellte er schließlich fest.

„Ich auch nicht.“ Kyla bemühte sich, ihr Frösteln zu unterdrücken.

„Der Wagen steht dort drüben.“ Er deutete auf einen roten Kombi. „Halten Sie sich dicht in meiner Nähe.“

„Ja.“ Kyla schlang die Arme um ihren Oberkörper. Ihr war empfindlich kalt in ihrem locker gestrickten Baumwollpullover. „Ein Mietwagen?“, fragte sie erstaunt, als sie den Aufkleber sah, und ärgerte sich, dass ihre Zähne klapperten. „Ist Ihrer in der Werkstatt, oder sind Sie nicht aus dieser Stadt?“

„Frieren Sie, oder haben Sie Angst?“

Beides, Mister, dachte sie grimmig. „Mir ist kalt“, erwiderte sie, weil sie keinem Fremden ihre Angst eingestehen wollte.

„Nehmen Sie meinen Mantel.“ Er zog ihn aus und wollte ihn um ihre Schultern legen.

„Nein, danke“, wehrte sie ab. „Es geht schon.“

Er musterte sie nachdenklich und schlüpfte wieder in den Mantel. „Sie sind ein zähes kleines Ding, nicht wahr?“

„Ja. Aber Sie haben meine Frage hinsichtlich des Mietwagens nicht beantwortet.“

Er schloss ihr die Wagentür auf, ohne etwas zu erwidern. „Sie sind ein zähes großes Ding, nicht wahr?“, konterte sie trocken. Er bedachte sie mit einem schwachen Lächeln, bevor er die Wagentür hinter ihr zuschlug.

Sie wartete, bis er eingestiegen war. „Ich darf wohl keine Fragen stellen?“

„Genau.“ Er drehte den Zündschlüssel um und setzte rückwärts aus der Parklücke.

Als sie sich der Garagenausfahrt näherten, die auf die Michigan Avenue hinausging, fragte Kyla sich, ob die Killer dort warten mochten, um sie zu erschießen. „Ducken Sie sich“, warnte sie, als sie die Ausfahrt fast erreicht hatten.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Frühlingsherzen: Küss mich, und stell die Fragen später" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple Books

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen