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Frühlingsgewühle

Inhalt

  1. Cover
  2. Inhalt
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Widmung
  6. Danksagung
  7. Prolog
  8. 1. Kapitel
  9. 2. Kapitel
  10. 3. Kapitel
  11. 4. Kapitel
  12. 5. Kapitel
  13. 6. Kapitel
  14. 7. Kapitel
  15. 8. Kapitel
  16. 9. Kapitel
  17. 10. Kapitel
  18. 11. Kapitel
  19. 12. Kapitel
  20. 13. Kapitel
  21. 14. Kapitel
  22. 15. Kapitel
  23. 16. Kapitel
  24. 17. Kapitel
  25. 18. Kapitel
  26. 19. Kapitel
  27. 20. Kapitel
  28. 21. Kapitel
  29. 22. Kapitel
  30. 23. Kapitel
  31. 24. Kapitel
  32. 25. Kapitel
  33. 26. Kapitel
  34. 27. Kapitel
  35. 28. Kapitel
  36. 29. Kapitel
  37. 30. Kapitel
  38. 31. Kapitel
  39. 32. Kapitel
  40. 33. Kapitel
  41. 34. Kapitel
  42. 35. Kapitel
  43. 36. Kapitel
  44. 37. Kapitel
  45. 38. Kapitel
  46. 39. Kapitel
  47. 40. Kapitel
  48. 41. Kapitel
  49. 42. Kapitel
  50. 43. Kapitel
  51. 44. Kapitel
  52. 45. Kapitel
  53. 46. Kapitel
  54. 47. Kapitel
  55. 48. Kapitel
  56. 49. Kapitel
  57. 50. Kapitel
  58. 51. Kapitel
  59. 52. Kapitel
  60. 53. Kapitel
  61. 54. Kapitel
  62. 55. Kapitel
  63. 56. Kapitel
  64. 57. Kapitel
  65. 58. Kapitel
  66. 59. Kapitel
  67. 60. Kapitel
  68. 61. Kapitel
  69. Epilog

Milly Johnson

Frühlingsgewühle

Roman

Aus dem Englischen von
Veronika Dünninger

Für DB. Ich werde diese eine Million Happyends schreiben,
die wir nicht eigens für dich haben konnten.
Meine Liebe, für immer. Greeneyes

Danksagung

Wie üblich würde ich an dieser Stelle gern ein paar Leuten danken, die mir geholfen haben, dieses Buch zu Stande zu bringen – sowohl direkt als auch indirekt.

Meinem Superagenten Darley Anderson und seinen entzückenden Engeln und allen Leuten bei meinem Verlag Simon & Schuster danke ich – vor allem der liebenswerten Libby Vernon, die eine wirklich fantastische Lektorin ist, und Suzanne Baboneau, die die beste und hinreißendste Verlagsdirektorin ist, die man sich wünschen kann. Danke auch an die unverzichtbare Joan Deitch.

Meiner Mum und meinem Dad, die vor ihren Freunden und Bekannten gnadenlos mit mir geprahlt und meine Verkaufszahlen in die Höhe getrieben haben, meinen Söhnen Terence Johnson für seine Plot-Empfehlungen und George Johnson dafür, dass er mir erlaubt hat, seine Schöpfung »Shirley Hamster« zu verwenden – ihnen allen ein herzliches Dankeschön.

Meinen Freunden – alten und neuen, kleinen und großen, Ringern und Nicht-Ringern, schlauen, schönen, weisen und wundervollen – danke ich. Vor allem meinen treuen Anhängern Paul Sear, Alex Sillifant, Catherine Marklew, Maggie Birkin, Tracy Harwood, Rachel Hobson, Debra Mitchell, Chris und Judy Sedgewick und, wie immer, meinen lieben SUN-Schwestern Pam Oliver, Helen Clapham und Karen Baker. Und natürlich geht mein Dank auch an meine offiziellen Miezen-Lieferanten Colin und Sara Atkinson bei www.haworthcatrescue.org.

Dem fairen und fantastischen Stuart Gibbins bei www.newMedia4.com, der die beste Webseite überhaupt für mich entworfen hat und mir den Technikkram so erklärt hat, dass ihn sogar ich verstehe – danke.

Ebenfalls bedanke ich mich bei den wundervollen Autoren Sue Welfare, Lucie Whitehouse, Lucy Diamond, Matt Dunn, Louise Douglas, Jayne Dowle, James Nash, Katie Fforde, Stephen Booth, Mel Dyke und Jane Elmor für ihre Freundschaft und unfehlbare Unterstützung.

Heeleys Containerdienst in Barnsley – der mir alle möglichen Details erläutert und der mich auf eine abenteuerliche Reise geschickt hat, indem er meinen eigenen Müll entsorgt und dadurch mein Leben entrümpelt hat, kann ich nicht genug danken. Glauben Sie mir – es wirkt wahre Wunder.

Mein Dank gilt ebenfalls meinem alten Freund Superintendent (herzlichen Glückwunsch!) Pat Casserly und seiner Familie, die mir den perfekten Namen für Lou geliehen haben.

Grazie mille an Franca Martella beim BBC Radio Sheffield, die sowohl mein Italienischguru als auch meine Allround-Topmieze ist.

Bacì – an meine italienischen Freunde bei Corbaccio und an den Esstischen und Espressobars von Mailand. Ihr habt mein Lächeln in die Breite gezogen, während ich diese Geschichte schrieb.

Und an Signor Marco Pierre White – der so nett zu meinem Jungen war, der sich einverstanden erklärt hat, als Lous Traummann zu fungieren, und der einfach gerne kocht.

Prolog

Machen Sie Frühjahrsputz in Ihrem Leben!

Das Leben erscheint Ihnen manchmal zu schwer und vollgestopft? Sie haben das Gefühl, gar nicht mehr weiterzukommen? Sind Sie schon einmal auf die Idee gekommen, dass all diese kleinen unerwünschten Dinge in Ihren Schränken Sie beherrschen, Sie auslaugen und Sie in der Vergangenheit festhalten? Wenn Sie glauben, dass das ein bisschen weit hergeholt klingt, dann werfen Sie einen Blick in Mavis Calloways Reportage auf Seite 14 und sehen Sie, wie Sie schon mit ein bisschen Entrümpeln hier und da neuen Schwung in Ihr Leben bringen können.

Frauen für Frauen, Inhaltsverzeichnis, März-Ausgabe

1. Kapitel

Manchmal gibt sich der Kosmos große Mühe, um ein Leben aus seinem eingefahrenen Gleis zu bringen. In diesem Fall zum Beispiel hielt er den Zahntechniker wegen Straßenbauarbeiten an der M1 auf, sorgte dafür, dass sich die Sprechstundenhilfe mit ein paar komplizierten doppelt vergebenen Terminen herumschlagen musste, und halste dem Zahnarzt Mr. Swiftly eine besonders umständliche Extraktion auf, die seine Termine um über eine halbe Stunde hinausschob. Und das alles nur, damit sich das Wartezimmer mit noch mehr gelangweilten Leuten füllte, die die Zeit mit Illustrierten totschlugen.

Für Elouise Winter blieb nur noch ein einziges zerfleddertes Exemplar übrig. Es war keine x-beliebige Illustrierte, die da auf dem kleinen Beistelltisch lag, sondern Frauen für Frauen – die Illustrierte für Frauen, deren einst jugendlicher und sinnlicher Elan nun auf die Beschäftigung mit Eintopfvariationen und diversen Handarbeiten gelenkt wurde, die für Lous Geschmack ein bisschen zu hausbacken waren. Mit ihren fünfunddreißig Jahren taumelte sie allmählich gefährlich nah am Rande der mittleren Jahre, und das gab ihr zu denken. Trotzdem, es war immer noch besser, als Löcher in die Luft zu starren oder Plakate über Zahnbelag zu studieren. Daher schnappte Lou sich die Illustrierte und zwängte sich auf den einzigen noch freien Platz zwischen eine Frau, die nervös mit dem Fuß klopfte, und einen Rentner, der wie Ernie Wise aussah.

Lou schlug als Erstes den Rezeptteil auf, aber da war nichts, wofür sie sich begeistern konnte. Fünf köstliche Arten, eine Lammkeule zu servieren. Sie schauderte. Nicht einmal ein nackter Marco Pierre White, der mit einer roten Rose zwischen den Zähnen ein Schafsbein auf einer Platte servierte, hätte ihr das schmackhaft machen können.

Lou konnte nie an Lamm denken, ohne die zähflüssige Masse aus Fett und Minzsauce vor Augen zu haben, die sie als Sechsjährige auf ihrem Teller herumgeschoben hatte, während sie allein im Speisesaal ihrer Schule saß und wünschte, das Essen würde einfach immer kleiner werden und verschwinden, damit sie endlich zu den anderen zum Spielen hinauskonnte. Sie konnte sich erinnern, wie Lesley Jones’ Mum der Schule geschrieben hatte, ihr Kind solle nicht gezwungen werden, Wachsbohnen zu essen, aber Lous Mutter Renee hatte sich geweigert, mit einem entsprechenden Hinweis auf Lamm dasselbe für ihre Tochter zu tun. Am Rande dieser Erinnerung schwebte das noch immer lebendige Gefühl von Erleichterung, als Lou eine freundliche Küchenhilfe entdeckte, die das ekelhafte Lamm in den Abfalleimer warf und sie von der tristen Qual dieser scheinbar ausweglosen Situation erlöste.

Lamm war das Lieblingsessen ihres Ehemanns Phil. Lou hatte es fast nie für ihn gekocht, bevor es mit ihrer Ehe bergab ging, vor seiner Affäre. Doch seit jenen trostlosen Tagen dreieinhalb Jahre zuvor stand es sehr oft auf ihrem Speiseplan, so auch an diesem Abend – eine unmittelbare Folge seines kleinen Kommentars vom Vortag, sie habe ein bisschen zugenommen. Lou hatte versucht, sich diesen Kommentar aus dem Kopf zu schlagen, aber er drehte sich weiter darin wie eine rote Socke in einer Waschmaschine voller weißer Kochwäsche – zerstörerisch und unaufhaltsam. Kaum hatte sie zu glauben begonnen, sie hätte wieder festen Boden unter den Füßen, musste er einen Kommentar über die Größe ihres Gesäßes abgeben.

Lou blätterte weiter in der Illustrierten, versuchte verzweifelt, irgendetwas zu finden, um sich auf andere Gedanken zu bringen, um nicht halb verrückt zu werden. Sie sah eine Arbeitsanleitung für einen gehäkelten Lampenschirm, der einen gewissen kitschigen Charme besaß – nur dass Lous Ausflug in die Häkelei am selben Nachmittag begonnen hatte, an dem er endete. Sie war elf Jahre alt gewesen und musste eine Reihe langer, bandwurmartiger Ketten aus weißer Wolle anfertigen. Sie begriff nie, wie sie bei der zweiten Reihe die Wende hinbekommen sollte, die erforderlich war, um einen Teewärmer oder eine Patchworkdecke zu häkeln. Für ihre Schwester Victorianna (oder Torah, wie sie sich jetzt nannte) war das kein Problem, aber Victorianna hatte eben für alles ein Händchen, wie ihre Mutter ihren bedauernswerten Besuchern stolz erklärte, wenn sie mit den Leistungen ihrer jüngeren Tochter prahlte.

Nur dass sie nie zu Hause anruft, außer sie will irgendetwas, und dich nie einlädt, sie zu besuchen, hätte Lou am liebsten gefaucht. Aber sie hatte es nicht getan. Es hätte sowieso nichts geändert. Victorianna stand schon so lange auf ihrem Podest, dass nicht einmal eine Atomexplosion sie herunterstoßen konnte.

Lou konzentrierte sich wieder auf die Illustrierte. Die zehn schönsten Morgenmäntel … Schreiben Sie Ihr Testament … Machen Sie Frühjahrsputz in Ihrem Leben!

Mein Gott, ist es das, was in der nächsten Altersgruppe auf mich wartet?, dachte Lou. Es sah immer mehr danach aus, als sollte sich ihr Interesse an Schuhen und hübschen Handtaschen eines Tages urplötzlich auf die Beherrschung der Kunst richten, sorglos zu lachen, ohne kleinere Niagarafälle in der Schlüpfergegend auszulösen oder die falschen Zähne zu verlieren. Die Morgenmäntel waren abscheulich, es sei denn, man hatte eine Schwäche für diese Nylonstoffe, mit denen man sich eine kostenlose Dauerwelle holen konnte, wenn man zufällig irgendetwas Metallisches streifte, und ihr Testament hatte sie bereits geschrieben (nicht dass sie irgendwelche Picassos zu vermachen hatte, aber dennoch).

Es waren noch mindestens drei andere Leute vor ihr dran, daher blieb Lou keine andere Wahl, als zu versuchen, sich für eine gründliche Entrümpelungsaktion zu interessieren.

Machen Sie Frühjahrputz in Ihrem Leben!

Erleichtern Sie Ihren Geist durch das Entrümpeln Ihrer Schränke von all dem unerwünschten und unbenutzten Krimskrams! Sie werden es nicht für möglich halten, wie befreit Sie sich fühlen werden, wenn Sie all diese Kochrezepte verbrennen, die Sie aus Zeitschriften ausgeschnitten, aber nie ausprobiert haben – ganz zu schweigen von den Kleidern in Ihrem Schrank, die Ihnen vier Größen zu klein sind, den Kleidern, die Sie hoffen ließen, Sie würden eines Tages wieder schlank genug dafür sein. Sie wurden es nie!

Das mit den Kleidern berührte einen besonders wunden Punkt bei Lou. Wie lange wartete diese grau karierte Hose in Größe sechsunddreißig nun schon darauf, dass ihr superschlanker Po endlich zurückkehrte? Sie rechnete rasch nach und stellte entsetzt fest, dass diese Hose inzwischen seit zwölf Jahren auf vor- und nachehelichen Kleiderbügeln ihre Zeit absaß. Lou hatte fast zwölf Kilo zugelegt seit ihrem festen Entschluss, abzunehmen, bis sie ihr wieder passte, und wenn sie Phils Worten vom Vorabend Glauben schenken konnte, dann war sie im Begriff, noch dicker zu werden.

Sie hatte im Morgengrauen wachgelegen und darüber nachgegrübelt, dass sie unbedingt Kalorien einsparen musste – sie wagte sich nicht einmal vorzustellen, was passieren würde, wenn Phils Blicke wieder abschweiften. Auf dünne Frauen. Sie musste sich zusammenreißen. Und zwar schnell.

Entrümpeln Sie Ihr Haus und entrümpeln Sie Ihren Kopf. Lassen Sie sich vom Krimskrams des Lebens nicht knebeln. Werfen Sie ihn weg und übernehmen Sie wieder die Kontrolle!, rief der Artikel, und irgendein blinder, verlorener Teil in Lou Winter reckte den Kopf, als ob er plötzlich Licht sah. Sie konnte sich nicht erinnern, wann sie das letzte Mal irgendetwas weggeworfen hatte, was nicht zum alltäglichen Hausmüll gehörte, und das, obwohl ihre Schränke überquollen. Zumindest würde sie sich damit vielleicht auf andere Gedanken bringen als die, die ihr in letzter Zeit immer öfter durch den Kopf gingen.

Lou setzte ihre beste »Nichts-zu-verzollen«-Miene auf und ließ die Zeitschrift in ihrer Tasche verschwinden, als ihr Name aufgerufen wurde. Sie würde nicht vermisst werden, entschied sie, und noch einen Leser hätte sie ohnehin nicht überstanden. Lou hatte einen riesigen Stapel Zeitschriften zu Hause, die sie stattdessen spenden würde, wenn sie ihre so genannte Entrümpelungsaktion in Angriff nahm.

Wenn sie doch nur als Erstes ihren Kopf von dem Kommentar ihres Ehemanns entrümpeln könnte …

2. Kapitel

Um halb neun an jenem Abend lehnte sich Philip Michael Winter, achtunddreißig Jahre alt, der nicht nur P.M. Autos sein Eigen nannte, sondern auch einen Bauchansatz und eine Halbglatze, die sich mit jedem Tag schwerer verbergen ließ, auf seinem Stuhl zurück und stieß einen langen und inbrünstigen, anerkennenden Rülpser aus.

»Gut hat’s geschmeckt, Schatz.«

Lou lächelte, und er aalte sich darin, dass er dieses Lächeln hervorgerufen hatte. Niemand konnte behaupten, dass er einer dieser Kerle war, die ihren Frauen keine Komplimente machten. O nein, an diesem wohligen Gefühl in seinem Bauch ließ er Lou stets Anteil haben. Sie verdiente es zu wissen, wenn ihm sein Essen geschmeckt hatte. Lou war eine gute Ehefrau – die beste. Er musste nie nach einem frischen Hemd suchen, das Haus war immer geputzt, sie kochte wie ein Engel, und im Bett zeigte sie ihm nie die kalte Schulter.

Lou war die perfekte »treu ergebene Ehefrau« – na ja, inzwischen war sie es, nach ein bisschen Training. Obwohl Lou, mal ehrlich, auch von Glück reden konnte, mit ihm verheiratet zu sein. Er hatte ihr ein hübsches Fünfzimmerhaus ermöglicht, und dank des Erfolgs seines Gebrauchtwagenhandels hatten sie jeden modernen Komfort, eine Terrasse, einen Garten und Plasmafernseher in drei Zimmern.

Lou war von Anfang an mit Phil zusammen gewesen, als er noch nichts weiter gehabt hatte als den Traum von seinem eigenen Autohandel, den Ehrgeiz, ihn zu verwirklichen, und einen Termin bei seinem Bankmanager. P.M. Autos war ein Familienunternehmen, weshalb Phil es gern sah, dass Lou die gesamte Buchhaltung für ihn erledigte, denn niemand war vertrauenswürdiger als seine Frau, und sie war verdammt gut im Rechnen.

Auf der Bank lag reichlich Geld, sodass sie alle Rechnungen bezahlen konnte. Er hatte sie sogar ermuntert, einen kleinen Teilzeitjob anzunehmen, um ein bisschen Unabhängigkeit und zusätzliches Geld für Schuhe und Make-up und anderen Frauenkram zu haben. Aber nur Teilzeit – Phil wollte nichts, was sie zu sehr auslaugte oder womöglich verhinderte, dass er jeden Abend zu einer Mahlzeit nach Hause kam, die seine Privatköchin zubereitet hatte. Er sparte ein Vermögen an Restaurants. Warum außer Haus essen?

Niemand konnte so kochen wie Lou. Sie stellte sich auch lieber selbst in die Küche, anstatt in einem schicken Ambiente eine mittelmäßige Mahlzeit serviert zu bekommen. Er hatte das Esszimmer und die Küche in einen einzigen riesigen Kochbereich für sie umbauen lassen und einen wunderschönen Wintergarten seitlich ans Haus angebaut, in dem er potenzielle Geschäftspartner mit den Köstlichkeiten seiner Frau ködern und für sich gewinnen konnte.

Und sie tat es liebend gern für ihn. Das wusste er, auch wenn er sie nie wirklich gefragt hatte. Aber mal ehrlich, hatte sie denn je gesagt: »Lass uns zur Abwechslung mal essen gehen«? Na ja, zumindest seit seinem Abschweifen vom Pfad der Tugend hatte sie es nicht mehr gesagt.

An diesem Abend standen köstliche Lammkoteletts für ihn auf der Speisekarte, dazu Zuckererbsen, süße Apfelkartoffeln und karamellisierte Karotten (die er mit einem Viertelliter selbst gemachter Minzsauce entweihen würde) – und das war sein absolutes Lieblingsessen. Es gab niemanden, mit dem er es teilen musste. Er wusste, dass Lou und Lamm zueinanderpassten wie Dracula und Knoblauchzehen.

Lou selbst aß einen schlichten kleinen Eiersalat, wie er mit einem schiefen Lächeln zur Kenntnis nahm. Es war schon verblüffend, was für Wellen er schlagen konnte, nur indem er seiner Frau einen Klaps auf den Po gab, wenn sie zu ihm ins Bett stieg, und ach so unschuldig sagte: »Na, haben wir wieder ein bisschen zugenommen, altes Mädchen?« Schon der leiseste Hinweis, sie würde vielleicht nicht mehr genug auf sich achten, reichte aus, um Lou wieder so weit zu verunsichern, wie es in seinen Augen von Zeit zu Zeit gesund für sie war – nur damit sie schön auf Zack blieb und zu schätzen wusste, was sie hatte.

Für einen Außenstehenden hätte das vielleicht grausam ausgesehen – an Sadismus grenzend sogar –, aber Phil Winter hätte allen erklärt, wie sehr sie sich täuschten. Ihm lag seine Ehe am Herzen, und er brauchte die Bestätigung, dass seine Frau das genauso sah und bereit war, ebenfalls ihren Beitrag zu leisten. Er wollte nicht, dass Lou immer weniger auf ihr Aussehen achtete und so endete wie Maureen, die Frau seines Geschäftskollegen Fat Jack, mit der es in einem Tempo bergab gegangen war, als hätte sie in einem Bob gesessen.

Und jetzt, während Lou einen Diätjogurt löffelte, vertilgte er ein Toffee-Apfelgratin mit Calvadossahne, und danach schenkte Lou ihm noch einen schönen doppelten Brandy ein. Wenn ich nicht zu müde bin, dachte er, könnte ich heute Abend vielleicht noch etwas an ihr herumfummeln. Er wusste, dass Lou mehr als dankbar für ein bisschen sexuelle Sicherheit war. Eine verunsicherte Frau gab sich im Bett viel mehr Mühe, hatte er herausgefunden. Für Phil Winter hätte das Leben gar nicht besser laufen können.

Für Lou Winter hätte es besser laufen können – auch wenn sie in den Augen ihrer Mutter einen sehr guten Fang gemacht hatte: Sie besaß ein hübsches Haus, ein prall gefülltes Bankkonto und einen Ehemann, der hart arbeitete und mit dem sie Reisen ins Ausland machte. Eine von Phils attraktivsten Eigenschaften in den Augen seiner Frau war hingegen, wie sehr ihm sein Essen schmeckte. Sie hätte niemals einen Mann heiraten können, der in diesem Punkt heikel war.

Dennoch hatte Lou vor ihrer Heirat eher davon geträumt, in die Augen von Marco Pierre White zu starren, während das Kerzenlicht zwischen ihnen seinen melancholisch-düsteren Blick betonte und er ihr ein kräftig mit Knoblauch gewürztes Stück Ciabatta in den Mund steckte, die Lippen glänzend von Öl, Balsamico und blutrotem Shiraz.

Marco war der einzige Mann, um den sie und ihre alte Freundin Deb sich je gestritten hätten. Lou stand eigentlich gar nicht auf große Männer, so wie Deb, aber er erfüllte so viele andere Erwartungen auf ihrer Checkliste, dass sie in dem Punkt bei Gelegenheit gern ein Auge zugedrückt hätte. Eine leidenschaftliche, für gutes Essen schwärmende Mischung aus Yorkshire-Mann und Italiener … oh, vor allem der italienische Teil …

Bei dem Gedanken an Deb musste Lou lächeln – und an einem plötzlichen Kloß im Hals würgen. Sie hustete, bis er weg war, und wandte ihre Aufmerksamkeit wieder Phil zu. Der Anblick seines glänzenden Kinns und gesättigten Grinsens hatte nicht ganz denselben Effekt auf sie wie das enfant terrible der Gastronomie – aber das war eben das echte Leben. Ihre Träume waren schon lange ausgeträumt.

Lou räumte die Teller zusammen und stellte sie in den Geschirrspüler, knallte die Tür hinter dem Ekel erregenden Minzgeruch zu. Niemand konnte sich auch nur annähernd vorstellen, wie sehr sie Lamm hasste, für wie viel Kummer es stand. Sie drückte auf den Startknopf, und die Maschine setzte sich surrend in Bewegung. Das Spülwasser lief über die Töpfe und Teller und das Besteck und löschte alle Spuren der Mahlzeit aus, genau wie es vor all den Jahren jene Küchenhilfe getan hatte. Aber diesmal verspürte Lou nichts von der Freiheit, mit der sie damals hinaus auf den Spielplatz gesprungen war, und keine Flutwelle der Erleichterung darüber, dass ihre Qual, zumindest für den Augenblick, ausgestanden war.

3. Kapitel

Lou ließ ihre Tasche neben ihren Schreibtisch fallen, schlüpfte aus ihrem Mantel und schickte sich an, sich mit einem Kaffee aus der protzigen neuen Espressomaschine in der Personalkantine zu stärken. Er war sehr stark und sehr schwarz, und obenauf schwamm etwas, was nach Speichel aussah.

»Wer hat dir denn in den Kaffee gespuckt?«, fragte Karen, ihre Komplizin auf der Arbeit, die in diesem Augenblick über Lous Schulter spähte. »Igitt! Was ist das denn?«

Lou lächelte. Ihre Beziehung war nicht so eng wie die, die zwischen ihr und ihrer ehemals besten Freundin Deb bestanden hatte. Außerhalb ihres Arbeitsplatzes, wo ihnen ihr Altersunterschied und ihre Lebensumstände, ihre unterschiedlichen Interessen und Verpflichtungen in die Quere gekommen wären, hätte sie wahrscheinlich nicht überlebt. Aber im Büro war Karen ein echter Kumpel.

Sie arbeitete, genau wie Lou, montags, donnerstags und freitags Teilzeit. Ihre Büroleiterin hatte zwar versucht, das zu ändern, um die beiden voneinander zu trennen, aber das war ihr nicht gelungen. Karen brachte Lou oft zum Kichern mit ihrer Respektlosigkeit, ihrer Herzenswärme, ihrem herrlich affektierten Akzent und ihrem lauten, prustenden Lachen. Außerdem brachte ihr Geplänkel etwas Farbe in ihren Alltag, den ihr gemeinsamer Feind, Nicola »der Hai« Pawson, mit aller Kraft monochrom zu gestalten versuchte.

Nicola war ein schräger Vogel, so viel stand fest. Sie war hübsch und schlank und sah nett aus, bis sie den Mund aufmachte und einen solchen Haufen Metall zum Vorschein brachte, dass sie gut und gern das unverzichtbare Werkzeug eines Klempners hätte sein können. Es gab viele derbe Witze darüber, was sie bei der Betriebsweihnachtsfeier dem Leiter der Buchhaltung, Roger Knutsford, mit diesem Mund angeblich im Aufzug angetan hatte – vor allem als er im neuen Jahr seine Stimme verlor und plötzlich wie ein Eunuch redete.

Karen war der krasse Gegensatz zu Nicola. Sie war die dunkelhaarige Tochter eines Bauern, gebaut wie eine Amazonenkriegerin mit Schultern, die Jonah Lomu bei einem Rugby-Gedränge in die Flucht geschlagen hätten. Aber sie hatte eine wunderschön vornehme, rauchige Stimme, dank guter Gene, ererbten Geldes und einer Großmutter, die Unterricht in Sprecherziehung gegeben hatte. Karen trug die strahlendsten Farben des Spektrums und die rotesten Lippenstifte des House of Fraser und schmückte ihre üppige Erscheinung ohne jeden Versuch, irgendetwas von dem zu verbergen, was sie hatte.

Karen Harwood-Court hatte eine verdammt sexy Ausstrahlung. Es war nicht schwer zu verstehen, wieso sie das Objekt so vieler lüsterner männlicher Blicke im Büro war – nicht dass Karen momentan an einer Beziehung interessiert war. Aber Männer fühlten sich ja immer zu dem hingezogen, was sie nicht bekommen konnten.

»Du scheinst ja heute super entspannt zu sein«, sagte Lou. Sie nippte an ihrem Kaffee und zuckte zusammen, als er ihr durch die Kehle rann.

»Nicola ist nicht da. Spürst du das nicht? Im Zimmer ist es zwanzig Grad wärmer, und über uns schwebt keine einzige Gewitterwolke.« Karens Augen glitten durch den Raum, als würden sie sich an einer spürbaren Leichtigkeit weiden.

Stan Mirfield, der älteste Verwaltungsangestellte, stürmte zur Tür herein und warf seine Aktentasche auf den Schreibtisch, als sei er eine olympische Ziellinie, bei der jede Nanosekunde zählte, was mit Nicola an der Spitze der Abteilung tatsächlich der Fall war. Er lebte irgendwo draußen auf dem Land und hatte kein Auto. Das war kein Problem gewesen, bis der Stadtrat vor ein paar Monaten an den Fahrplänen herumgebastelt hatte. Der erste Bus am Morgen erreichte nun erst um zehn vor neun das Stadtzentrum, sodass Stan nur noch ganze zehn Minuten hatte, um es bis neun ins Büro zu schaffen. Er war physisch und psychisch ein Wrack, bis er die Buchhaltungsetage betrat.

Stan schnaufte wie eine alte asthmatische Dampflok und wischte sich hektisch den Schweiß von der Stirn.

»Beruhigen Sie sich, Stanley, sie ist nicht da«, rief Karen.

»Was sagst du da, Süße?«

»Sie ist nicht da – der Hai. Sie ist heute nicht im Büro.«

»Krank, will ich hoffen«, sagte der normalerweise gutmütige Stan.

»Offenbar. Einer ihrer Pferdefüße ist abgefallen.«

Stan reckte mit einem »Jaaa!« eine Faust in die Luft.

Karen beugte sich zu Lou vor. »Lohnt es sich für ihn eigentlich überhaupt, sich so abzustrampeln? Er wird noch einen Herzinfarkt bekommen, bevor er in Pension geht.«

Sie sahen beide zu, wie Stan sich mit seiner gewohnten Routine an die Arbeit machte. Er würde den ganzen Tag still und tüchtig an seinem Schreibtisch vor sich hin schuften wie eine gut geölte Maschine, und nicht in der Kantine Witze aus dem Internet zitieren, wie es ein hoher Prozentsatz des Personals tat.

»Wenn ich eine Abteilung mit Leuten wie ihm leiten würde, dann wär’s mir doch schnuppe, wenn sie ein paar Minuten zu spät kämen«, fuhr Karen fort.

»Hat er eigentlich mal mit der Personalabteilung geredet, ob er ein bisschen Spielraum bekommen kann?«, fragte Lou.

»Sie hat es offenbar getan«, sagte Karen, wobei sie das »sie« verächtlich betonte. »Stan zufolge hat sie ihm erklärt, Bowman habe gesagt, das sei keine Option.« Sie kräuselte die Oberlippe und zeigte möglichst viel von ihren Zähnen, um Nicola nachzuäffen: »›Die Personalabteilung hat mir gegenüber eindeutig klargestellt, dass Sie nach dem ursprünglichen Vertrag, den Sie unterzeichnet haben, um neun Uhr anfangen müssen. Indem Sie nicht um neun Uhr anfangen, verstoßen Sie gegen diesen Vertrag.‹ Oder so ähnlich. Jedenfalls genug, damit er Angst vor einem Rausschmiss hat, wie üblich.«

»Armer alter Stan«, sagte Lou kopfschüttelnd und quälte sich mit noch einem Schluck Kaffee. »Ich möchte wetten, sie hat den Leuten nicht gesagt, dass der Typ so gut wie nie seine ganze Stunde Mittagspause nimmt.«

»Nein. Dafür hat sie ihm gesagt, dass er nur noch Teilzeit arbeiten soll, aber das hätte Folgen für seine Pension, daher kann er das nicht tun – obwohl sie das natürlich weiß. Okay, an die Arbeit!« Karen rieb sich zur Einstimmung die Hände.

»Hmmm, das sieht ja aufregend aus.« Lou zeigte sarkastisch auf einen riesigen Stapel mit Computerausdrucken, der den Großteil von Karens Schreibtisch einnahm.

»Ich muss eine Anomalie finden. Rogering Roger hat irgendwo hier drinnen zwanzigtausend Pfund verloren und kann sie nicht mehr finden, daher hat er mich Glückspilz dazu auserkoren, sie für ihn zu suchen.«

Roger Knutsford verdankte seinen Spitznamen seinem Ruf, eine Schwäche für Kurven zu haben – aber eher für junge, weibliche als für mathematische.

»So viel dazu, wer hier das Sagen hat. Du solltest einen Teil seines Gehalts von ihm verlangen«, lachte Lou, bevor sie schelmisch fortfuhr: »Natürlich, du könntest immer noch selbst eine Karriere als Steuerberaterin anstreben …«

»Halt den Mund, Lou, leih mir lieber dein Lineal«, seufzte Karen.

Lou zog die Schublade mit ihren Büroutensilien auf, in der ein heilloses Chaos herrschte. Nachdem sie fünf Minuten lang darin herumgestöbert und immer wieder »Augenblick, es muss hier irgendwo sein« gemurmelt hatte, fand sie es schließlich.

Entrümpeln Sie Ihr Leben.

Der Gedanke fuhr Lou plötzlich so klar und deutlich durch den Kopf, als hätte ihn ihr jemand leise und verführerisch ins Ohr geflüstert.

»Was in aller Welt tust du denn da?«

Karen starrte Lou entgeistert an. Ihre Freundin kämpfte mit der Schublade, um sie aus dem Schrank unter ihrem Schreibtisch zu stemmen. Dann drehte sie sie um, kippte den Inhalt auf den Teppich und kniete sich neben dem kleinen Schuttberg hin. Sie konnte gar nicht glauben, dass das alles überhaupt hineingepasst hatte. Die Schublade war wie eine Tardis. Gleich würde Lous Hand vermutlich von einem Dalek eliminiert werden.

»Na ja, da der Hai heute nicht da ist«, keuchte Lou, »mache ich Frühjahrsputz.«

»Der Zeitpunkt könnte gar nicht besser sein. Wir haben den 21. März – den ersten Frühlingstag«, sagte Karen und tippte auf ihren Schreibtischkalender.

»Ja, und an diesem ersten Frühlingstag werde ich etwas tun, was längst überfällig ist.«

»Du wirst doch nicht etwa endlich dieses weinrote Kostüm verbrennen, oder?«, fragte Karen und lachte laut über ihren eigenen Sarkasmus.

»Haha. Nein, ich werde nur ein bisschen alten Krempel ausrangieren«, erwiderte Lou.

»Sag ich doch.«

»Du bist wirklich ein freches Miststück – an meinem Kostüm gibt es nichts auszusetzen.«

Lou stemmte in gespielter Empörung die Hände in die Hüften. Das Kostüm war funktional, wenn auch ein wenig altmodisch, aber sie fühlte sich angenehm unauffällig darin. Frauen in den Zwanzigern hatten andere Kleider im Kopf. Sie wollten sich vom Hintergrund abheben und konnten nicht verstehen, warum jemand anders damit verschmelzen wollte.

»Es ruiniert deine Figur. Du siehst pummelig darin aus.«

»Ich bin pummelig«, sagte Lou. »Außerdem glaube ich nicht, dass irgendjemand von einer Fünfunddreißigjährigen erwartet, eine Modeikone zu sein.«

»Ein Glück!«

»Nimm meinetwegen nur kein Blatt vor den Mund«, sagte Lou gekränkt.

»Im Ernst, Lou. Wer immer dir das verkauft hat, sollte im Morgengrauen erschossen werden. Das heißt – warum so lange warten? Er sollte sofort erschossen werden.«

»Ach, rutsch mir doch den Buckel runter.«

Karen drehte sich auf ihrem Stuhl um, um Lou ihre volle Aufmerksamkeit zu schenken.

»Lou Winter, du hast tolle Haare, tolle Titten und Augen, mit denen du ungefähr wie sechzehn aussiehst. Wenn ich deine Attribute hätte, dann würde ich sie allen deutlich zeigen. Du weißt ja gar nicht, was du an dir hast.« Karen starrte wehmütig auf ihre Brust, sie hatte Körbchengröße A. »Du bist so eine attraktive Frau. Warum zum Teufel willst du dich unbedingt verstecken?«

»Ich verstecke mich ja gar nicht. Aber mit fünfunddreißig …«

»Hör dir bloß mal selbst zu! Fünfunddreißig ist doch kein Alter.«

»Fast sechsunddreißig! Und du bist fünfundzwanzig – du solltest mich steinalt finden!«

»Du besitzt wirklich ein außerordentliches Talent dafür, nicht das Beste aus dir zu machen, weißt du. Du rückst alle anderen ins Rampenlicht, nur nicht dich selbst.«

»Jetzt mach aber mal ’nen Punkt«, rief Lou, aber Karen war bereits in voller Fahrt und hatte nicht die Absicht, sich jetzt noch zu bremsen, selbst wenn sie damit wieder einmal einen von Lous Louismen auslöste.

»Du hättest den Job des Hais haben können, wenn du dich darum beworben hättest. Das heißt, wenn man’s genau nimmt, ist es im Grunde nur deine Schuld, dass wir jetzt alle so beschissen dran sind. Wir hätten alle viel lieber für dich gearbeitet als für diese Stahl-von-Sheffield-Fratze. Es macht mich einfach rasend, zu sehen, wie dein Talent verkümmert.«

»Ach ja?«, entgegnete Lou mit dem Selbstbewusstsein eines Strafverteidigers, der soeben ein Schlupfloch von der Größe Brasiliens in der Aussage eines Schlüsselzeugen der Anklage entdeckt hat.

»Na ja, wenn wir schon beim Thema ›das Beste aus sich machen‹ sind …« Sie krabbelte auf allen vieren hinüber zu ihrer Handtasche, holte eine Broschüre hervor und fuchtelte Karen damit vor der Nase herum. »Hier. Das habe ich dir mitgebracht.«

»Was ist das denn?« Karen nahm den Flyer zögernd entgegen.

»Buchhaltungskurse.«

»Oh, ich habe keine Zeit für diesen ganzen Fortbildungskram.« Karen tat Lous Vorschlag kurzerhand ab.

»Einen Tag in der Woche, mehr nicht.«

»Und wann soll ich mich um meinen Haushalt kümmern?«

»Scheiß auf den Haushalt.«

»Und was ist mit den Kindern?«

»Die sind in der Schule, wie du sehr gut weißt.«

»Und was mache ich in den Schulferien?«

»Na ja, das College wird ja wohl dieselben Ferien haben, oder, Dummerchen? Und deine Mum und dein Dad würden die Kinder auf ihrem Bauernhof zu sich nehmen, das weißt du doch.«

»Und was ist mit den Kosten?«

»Geh doch mal zur Personalabteilung. Die liegen uns doch ständig mit irgendwelchen Kursen in den Ohren, das heißt, sie müssten ein anständiges Budget dafür haben. Und wenn nicht – das ist eine Rieseninvestition in deine Zukunft, das könntest du schaffen. Mit Hängen und Würgen, aber du könntest es schaffen. Betteln, stehlen, borgen – und die Kosten würdest du wieder hereinholen, wenn du dich qualifiziert hast.«

»Falls. Falls ich mich qualifiziere.«

»Ich bitte dich, Karen! Roger Knutsford schickt dir Sachen, die er seinem eigenen Team nicht geben will. Du wirst nicht das geringste Problem damit haben. Du hast ein Händchen für Zahlen, und das weißt du genau.«

»Du kannst viel besser mit Zahlen umgehen als ich. Warum machst du das alles eigentlich nicht selbst?«

»Weil ich kein Interesse an einer Karriere in der Buchhaltung habe, so wie du«, gab Lou zurück. »Gott hat mir vielleicht ein bisschen Talent für Zahlen mitgegeben, aber mein Herz schlägt nun mal fürs Kuchenbacken.«

Karen verbiss sich das Lächeln, das sich ihr aufdrängen wollte. »Du hast dir das alles schön zurechtgelegt, was?« Lou war manchmal einfach zu komisch. So nett und witzig und so ein herzensguter Mensch. Sie hätte eine fantastische Mum abgegeben.

»Im Ernst, diesen Kurs würdest du mit links schaffen«, sagte Lou überzeugt. Gerissen fuhr sie fort: »Und denk bloß, was du dir mit dem Gehalt einer qualifizierten Buchhalterin alles leisten könntest. Du könntest deine beiden Jungen in die allerneuesten Designerklamotten stecken, sie auf eine Privatschule schicken, ihnen Sprechunterricht bezahlen, damit sie eines Tages selbst ihre Büroleiter vor Neid in den Wahnsinn treiben können …«

»Das ist nicht fair!«, rief Karen. Aber Lou hatte sich bereits wie eine Bulldogge an ihrem Thema festgebissen.

»Du könntest von zu Hause aus arbeiten, dir ein Au-pair nehmen …«

»Du bist wirklich eine fürchterliche, manipulative alte Hexe, Lou Winter!«

»Kein Hai, mit dem du dich herumschlagen musst, und deine eigene Kaffeemaschine, die im Hintergrund blubbert …«

»Oh, bit-te!«

»Oder du könntest den Laden hier leiten, könntest Stan das Leben ein bisschen erleichtern, Zoe einen Tag bescheren, an dem sie nicht in Tränen aufgelöst ist.«

»Okay, okay, ich werde es lesen. Wenn …«

Lou wusste, was jetzt kommen würde, aber sie hatte sich bereits damit abgefunden.

»Na los, spuck’s schon aus. Genieß deinen Auftritt.«

»Du verbrennst dieses Kostüm.«

Lou lachte. »Wenn du dich für diesen Kurs einschreibst, verbrenne ich meine sämtlichen Kostüme und kaufe mir stattdessen bauchfreie Tops und Miniröcke.«

»Das würde ich wirklich gern sehen«, sagte Karen und schlug die Collegebroschüre auf. »Jetzt ist meine Neugier geweckt.«

Der Zeitschriftenartikel hatte versprochen, das Ausrangieren unerwünschter Gegenstände würde ihre Stimmung und ihren Energiepegel dramatisch verbessern. Um vier Uhr war Lou allerdings nicht überzeugt davon, dass das Entrümpeln von ein paar Schubladen der einzige Grund war, weshalb sie einen wirklich tollen Tag gehabt hatte. Es konnte auch daher kommen, dass Nicola nicht da war – weshalb alle fröhlicher gelaunt waren, oder daher, dass Freitag war, und zwar kein gewöhnlicher Freitag, sondern der Freitag vor einer Woche, in der sie sich den Montag frei genommen hatte, um einen Teil ihres Urlaubs zu verbrauchen. Aber Lou musste zugeben, dass es doch einen seltsamen Beitrag zu ihrer guten Laune und dem Gefühl, wirklich etwas erreicht zu haben, geleistet hatte.

Es hatte ihr eine gesunde Befriedigung verschafft, all ihre Büro- und Heftklammern ordentlich in ihren Fächern zu sehen, abgelaufene Memos im Papierkorb und die Akten befreit von veralteten Unterlagen. Lou hatte alle Informationen, die sie irgendwann einmal auf Schmierzettel gekritzelt hatte, in ihren Schreibtischkalender übertragen und dann ihre Schreibtischplatte und ihren Computerbildschirm abgewischt. Sie hatte die Augenbrauen hochgezogen, als sie den Schmutz auf dem Lappen sah – ein Jammer, dass das alte Blechgebiss nicht für die Putzkolonne zuständig war. Und als sie am Nachmittag endlich dazu kam, ihre Buchhaltungsarbeit in Angriff zu nehmen, fühlte sie sich an ihrem ordentlich aufgeräumten Arbeitsplatz gleich viel effizienter.

Am Ende des Tages verstaute Lou alles, was sie normalerweise auf dem Schreibtisch liegen ließ, in ihrer Schublade und im Aktenregal. Der Schreibtisch sah so blitzblank aus, dass sie sich fast hinsetzen und wieder mit der Arbeit anfangen wollte.

»Großer Gott«, sagte Karen, als sie den Kopf zu Lou hereinsteckte. »Man braucht ja eine Sonnenbrille, um sich deinen Schreibtisch anzusehen. Hast du dein ganzes Büromaterial bei eBay versteigert?«

»Ich wüsste gar nicht, wie ich das anstellen sollte.«

»Zu viel Technik für euch Rentner, was? Zumindest müsstest du hier jetzt einen Putzjob bekommen.«

Lou lächelte. »Wie aus der Kartoffel gepellt, wenn ich das mal sagen darf.«

»Aus dem Ei gepellt, Lou – wie aus dem Ei gepellt.« Karen lächelte. Lou konnte man eigentlich niemals ohne Aufsicht den Gebrauch der englischen Sprache gestatten.

»Du kannst ja ein gutes Wort für mich einlegen, wenn du dich zur Buchhalterin qualifiziert hast und den Laden hier schmeißt.«

»Quatsch nicht, Süße«, sagte Karen und rauschte zur Tür hinaus wie die Queen an einem freien Tag. »Schönes verlängertes Wochenende, und wir sehen uns – ohne dein weinrotes Kostüm, will ich hoffen – nächste Woche.«

4. Kapitel

Phil aß freitagabends gern Curry, nach seinem gewohnten Training im Fitnessstudio. Ein warmer und exotischer Duft lag in der Küche, während Lou eine Auswahl ihrer selbst gemischten Gewürze in den Topf mit Huhn rührte, das in seiner Knoblauch-Tomaten-Marinade vor sich hin köchelte.

Ihr Handy piepste. Eine SMS von ihrer Freundin Michelle.

BIN AUF DEM WEG, MIR DAVE ZU ANGELN. WÜNSCH MIR GLÜCK.

Das kam etwas überraschend für Lou, denn bei ihrem letzten Gespräch hatte es noch geheißen, er sei ein absoluter Vollidiot und Michelle würde ihn um nichts in der Welt wiederhaben wollen, selbst wenn er über heiße Kohlen liefe, um ihr riesige Sträuße seltener Orchideen zu überbringen. Lou schrieb zurück: VIEL GLÜCK! Doch im Grunde ihres Herzens wusste sie, dass Michelle eine Enttäuschung bevorstand und sie am kommenden Morgen vermutlich in Tränen aufgelöst am Telefon hing.

Michelle hatte seit einer Ewigkeit ein Auge auf den raubeinigen Bauarbeiter Dave geworfen und eines Abends vor zwei Monaten Glück gehabt, als er stockbetrunken gewesen war. Seitdem hatte er sich allerdings jedes Mal höflich, aber hastig verabschiedet, sobald sie in der Nähe war. Michelle hatte sich eingeredet, je öfter er sie zu Gesicht bekäme, desto schneller würde er begreifen, dass sie die richtige Frau für ihn war, und verfolgte ihn daher auf Schritt und Tritt. Offenbar war er der umwerfendste Mann, dem sie je begegnet war, auch wenn sie dasselbe von Colin gesagt hatte – und Liam und John und Gaz und Jez, zwei Ians und einem Daz. Ganz zu schweigen von Todeszellen-Dane, den sie im Internet aufgegabelt hatte (und der darüber hinaus eine »liebenswerte, sanfte Seele auf der Suche nach Liebe von einer guten Christin« war und fälschlich beschuldigt wurde, sechs Tankstellenbesitzer abgeschlachtet zu haben).

Lous Ratschlag, sie solle ihr Interesse vielleicht nicht allzu deutlich bekunden, war von Michelle auf ihre eigene Weise aufgefasst worden. Jetzt strafte sie den armen Dave jedes Mal, wenn sie ihn irgendwo aufgespürt hatte, mit Nichtbeachtung – lachte laut und flirtete schamlos mit jedem, der in ihrer Nähe war. Genau dasselbe hatte Lou mit Andy Batty gemacht, als sie vierzehn war. Aber andererseits war Lou schließlich kaum eine Beziehungsexpertin, und daher stand es ihr nicht zu, Predigten zu halten.

Die Titelmelodie zu Coronation Street lief auf dem tragbaren Fernseher in der Küche und signalisierte die Zeit, die Lou die »Wein-Zeit« nannte. Sie trank immer ein Glas Roten, während sie kochte, aber als sie jetzt den Korkenzieher holte, war es, als sähe sie die Besteckschublade zum ersten Mal.

Gott, die müsste wirklich mal entrümpelt werden, dachte sie, während sie auf all die seltsamen Instrumente starrte, die sie gekauft hatte, um mit ihnen zu experimentieren, aber nie benutzt hatte. Es gab einen Wunderkartoffelschäler, den sie beim ersten Benutzungsversuch aufgegeben hatte, und uralte Küchenspatel, die sie nicht mehr benutzt hatte, seit Phil ihr im vergangenen Jahr zu Weihnachten einen neuen Set geschenkt hatte. Lou öffnete auch die Schublade darunter – die, in der sie Notizzettel, Bindfäden, Tesafilm, Nagelscheren und den ganzen bunt gemischten und vertrauten Krimskrams aufbewahrte, der sonst nirgends hingehörte.

Entschlossen griff sie nach dem alten grünen Haarband, das mit Tinte von einem ausgelaufenen Stift verschmiert war, nahm ein verrostetes Vorhängeschloss mit Schlüssel, das seit einer Ewigkeit darin lag, und ein Faltblatt des indischen Take-aways in der Stadt, der letztes Jahr um die Weihnachtszeit geschlossen worden war, nachdem man in den Bhajees Maden gefunden hatte. Sie warf alles in den Mülleimer, während sie sich fragte, warum in aller Welt sie etwas so Einfaches und Leichtes nicht schon längst getan hatte.

Lou zog die unterste Schublade auf. Sie musste besonders fest an ihr zerren, da sie so vollgestopft mit Lappen war, die sie aus Phils alten Unterhemden und zerschnittenen Geschirrtüchern gemacht hatte. Brauchte sie wirklich so viele? Dann piepste die Küchenuhr und verlangte ihre Aufmerksamkeit, und Lou schob alle Schubladen wieder zu.

»Morgen«, entschied sie.

In seinem Autohandel schüttelte Phil angewidert den Kopf und machte sich auf Schmerzen gefasst.

Sharon Higgins, zweihundertfünfzig Pfund.

Jedes Mal, wenn er den Betrag auf den Schecks in Worten ausschrieb, begann sein Kopf, Berechnungen anzustellen, die wie ein riesiger Löffel tief in ihn eintauchten und den Inhalt seines Magens umrührten. Zehn Jahre lang zweihundert Pfund im Monat, das machte vierundzwanzigtausend Pfund, dazu noch einmal acht Jahre lang zweihundertfünfzig Pfund im Monat, das machte insgesamt achtundvierzigtausend Pfund. Nicht eingerechnet die Tatsache, dass das Miststück irgendwann wieder eine Erhöhung verlangen könnte. Dann bestand auch noch die Möglichkeit, dass die beiden vielleicht eine Vollzeitausbildung machten, bis sie zweiundzwanzig waren. Oder noch länger, wenn sie Ärzte oder irgendwas besonders Schlaues werden wollten. Es war ein schwacher Trost für Phil, dass ihm kein Überraschungsschreiben von der Unterhaltsbehörde ins Haus geflattert war, die ihm verdammt viel mehr Geld abknöpfen würde. Er konnte nur vermuten, dass Sharon sich irgendwelche Sozialleistungen ergaunerte. Achtundvierzigtausend Pfund!

Phil hatte die kleinen Blutsauger nur ein einziges Mal zu Gesicht bekommen, fünf Jahre zuvor, als er und Lou in der Meadowhall Weihnachtseinkäufe erledigten. Er war Sharon und ihrer Mutter und den Kindern vor der Weihnachtsmanngrotte fast in die Arme gelaufen. Nicht ein Wort war zwischen ihnen gefallen. Sharon hatte die Kinder so panisch weggezerrt, als könnte er sie sofort ins Herz schließen, obwohl ihm nichts ferner gelegen hatte. Für ihn waren sie einfach zwei kleine, gewöhnliche, dunkeläugige, blonde Kinder, für die er weder davor noch danach auch nur das Geringste empfunden hatte. Jedenfalls nichts Positives – nur Ärger darüber, dass sie sein Bankkonto vermutlich um eine unaussprechliche Summe erleichtern würden – die Zinsen noch nicht eingerechnet. Er stöhnte.

Zwei Nächte hatte er mit Sharon verbracht. An eine davon konnte er sich überhaupt nicht erinnern, so betrunken war er gewesen. Aber offenbar hatten sie es dreimal getan, was hieß, dass er für jede Nummer sechzehntausend Pfund hinblättern würde!

Er hatte sie eines Abends in Chesterfield kennen gelernt, ein paar Jahre bevor Lou auf der Bildfläche erschien. Sharon, damals zwanzig, war eins dieser typischen Barmädchen gewesen – mit langen Beinen, Riesentitten, blondem Haar und Augen wie große blaue Saphire. Sie hatte ein bisschen zu viel auf den Hüften, aber das war leicht verzeihlich angesichts all ihrer anderen Attribute. Phil hatte sie mit Leichtigkeit hypnotisiert, indem er mit ein paar Geldscheinen wedelte, und drei schicke Essenseinladungen, ein Silberarmband, einen eins zwanzig großen Teddybär und zwei Flaschen Champagner später hatte er sie in seinem Bett.

Sie hatte gesagt, der Champagner sei zu trocken (warum hatte die dumme Kuh das nicht gleich gesagt und ihm die fünfzig Pfund erspart?), und sich stattdessen eine Cola light bestellt, sodass er allein mit dem Schampus dasaß. Er wollte ihn auf keinen Fall vergeuden, nicht bei den Preisen, auch wenn er sich nicht gut mit dem Lagerbier und den Wodkas vertrug, die bereits in seinem Organismus herumschwappten. Aber sie versicherte ihm, er sei fantastisch gewesen.

Beim zweiten Mal sorgte er dafür, dass er stocknüchtern war, aber der Sex war, milde ausgedrückt, eine Enttäuschung gewesen. Sie hatte einen ganz netten Körper, aber sie war eine dieser Nervensägen, die erst noch schmusen und ein stundenlanges Vorspiel wollten, bevor er auch nur annähernd zur Sache kommen konnte. Die Unterhaltung zwischen ihnen war wie das Waten durch Melasse in Betonstiefeln. Außerdem hatte er nicht viel davon gehabt, denn nachdem er sie befriedigte, weigerte sie sich, sich auf dieselbe Weise erkenntlich zu zeigen – offenbar stand sie nicht auf Blowjobs. Am nächsten Morgen war er genervt und gelangweilt und entschied während ihres postkoitalen Frühstücks im Little Chef, dass er sie loswerden musste. Er hatte das Gefühl, sie könnte sich als kostspielige Klette erweisen, wenn er die Verbindung nicht kappte. Er ahnte nicht, wie kostspielig tatsächlich, bis sie fünf Monate später unangemeldet bei dem Autohandel, den er führte, auftauchte, watschelnd wie eine fette Ente und sich den Rücken haltend, schwanger mit nicht nur einem Balg, sondern gleich zweien. Sie seien von ihm, zweifellos. In der Familie Winter hatte es immer wieder Zwillinge gegeben, was ihrer Behauptung sofort Glaubwürdigkeit verlieh. Und sie hatte sowieso ein Ultraschallbild als Beweis dabei.

Zu Phil Winters unbeschreiblichen Erleichterung erklärte sie, er brauche keine Verantwortung zu übernehmen, er würde nicht als Vater auf der Geburtsurkunde genannt werden; er solle das Leben der Zwillinge auch nicht mit regelmäßigen Pflichtbesuchen durcheinanderbringen. Dann machte sie ihr ganzes gutes Werk zunichte, indem sie sagte, sie erwarte jedoch von ihm, sich an einem Teil der Kosten zu beteiligen. Sie ließ das Wort wie einen zwei Tonnen schweren Kieselstein in die Gewässer ihres Gesprächs fallen, und er spürte die Wellen bis zur Bank. Sie nannte ihren Preis – zweihundert Pfund pro Kalendermonat. Bei pünktlicher Zahlung würde sie versprechen, die Unterhaltsbehörde aus der Sache herauszuhalten. Das war der Augenblick, als er sie fragte, ob sie sich sicher sei, dass er der Vater war.

Sie fuhr ihn an wie ein tasmanischer Teufel.

»Was glaubst du eigentlich, wer ich bin?«, schrie sie, während er verzweifelt versuchte, sie zum Schweigen zu bringen. »Du hast mich verführt mit Sprüchen wie ›Du hast die schönsten blauen Augen, die ich je gesehen habe!‹« – an den er sich erinnern konnte – »und ›Wir brauchen keine Kondome, ich habe ihn mir abknipsen lassen!‹« – an den er sich beim besten Willen nicht erinnern konnte!

»Du hast mich benutzt«, spie sie aus, »und dann, als du bekommen hattest, was du wolltest, hast du dich verpisst. Ich habe dir einfach geglaubt, dass du ihn dir hast abknipsen lassen, ich bin nicht auf die Idee gekommen, ich könnte schwanger sein – und als ich es merkte, war es verdammt nochmal zu spät für einen Abbruch. Das heißt, es ist alles deine Schuld, du verlogener Vollidiot.«

Sie war vielleicht strohdumm gewesen, aber Phil hatte in dem Augenblick doch leichte Gewissensbisse gehabt, vor allem als sie zu weinen anfing, während sie Gift und Galle spuckte. Wenn er einen Beweis haben wolle, dann habe sie kein Problem damit, DNA-Tests machen zu lassen und alles über die Unterhaltsbehörde abzuwickeln, tobte sie. Sie drohte ihm mit ihren Onkeln, ihrem Dad, den Zeitungen, Jerry Springer … Er besänftigte sie mit einem Kaffee und einem KitKat und dem Versprechen eines Taxis nach Hause und nahm sich vor, nie wieder ungeschützten Gelegenheitssex zu haben.

Siebeneinhalb Monate nach der Nummer, an die er sich nicht erinnern konnte, erhielt er eine Geburtsanzeige. Es war eine knappe Mitteilung mit ihrer Bankverbindung am Ende. Die Babys seien zu früh zur Welt gekommen, aber wohlauf, sagte sie. Die unausgesprochene Botschaft lautete: Fang an zu zahlen.

Auch wenn er es niemals vor irgendjemandem zugeben würde, hoffte Phil insgeheim, sie wären so früh zur Welt gekommen, dass sie einfach eingingen und ihn davor bewahrten, mindestens die nächsten achtzehn Jahre Schecks zu schicken – und dazu die Briefmarken (es läpperte sich schließlich alles zusammen!). Er hörte nichts mehr von ihr, bis die Kinder zehn waren, als sie ihn um fünfzig Pfund mehr pro Monat bat. Er fügte sich, da es sich nicht lohnte, deswegen einen Aufstand zu machen, vor allem da sein Geschäft so gut lief und die Zahlungen an die Unterhaltsbehörde erdrückend gewesen wären. Ehrlich gesagt, wusste er, bis er Sharon an jenem Weihnachten in der Meadowhall über den Weg lief, nicht einmal, dass sie einen Jungen und ein Mädchen bekommen hatte.

Sharon hatte sich nicht sehr verändert; im Gesicht sah sie vielleicht etwas härter aus, und am Arsch hatte sie abgespeckt. An die Kinder konnte er sich jetzt kaum noch erinnern – nur an die Augen, die rund waren wie Kuckucksaugen. Verdammt boshafte Kuckucke waren die zwei. Sie nisteten in seinem Bankkonto, mit aufgesperrten Schnäbeln, fordernd und unersättlich, und ließen ihn höllisch bluten.

Die Episode mit Sharon und den Kindern hatte einen gewaltigen Umbruch für Phil bedeutet. Bis dahin hatte er ein herrliches Leben geführt. Als Phil und Celia, seine Schwester, noch sehr klein waren, hatten sich ihre Eltern getrennt und ihre Kinder zum Ausgleich mit den schönsten Dingen, die man mit Geld kaufen konnte, nach Strich und Faden verwöhnt. Die Winter-Kinder waren mit einem übersteigerten Selbstwertgefühl, der Gewohnheit, immer ihren Willen zu bekommen, und der Besessenheit von barem Geld aufgewachsen. Sie traten unbeschwert unter dem Eindruck ins Erwachsenenleben ein, dass sie unbesiegbar waren – einem Eindruck, der sich noch verstärkte, als geschäftlicher Erfolg und Geld hinzukamen. Ihr Selbstbewusstsein half Phil und seiner Schwester, die Aufmerksamkeit des anderen Geschlechts auf sich zu ziehen.

Die Tatsache, dass Sharon Phil ausgetrickst hatte, hatte jedoch an seiner Selbstsicherheit gerüttelt und ihn in seinen Grundfesten erschüttert. Seitdem war er stets bestrebt gewesen, größere und bessere Geschäfte zu machen als irgendjemand sonst, um sich zu beweisen, dass er wieder das Sagen hatte, er klammerte sich verbissen an alles, was er besaß. Und nie wieder verlor er den Boden unter den Füßen, wenn er mit einer Frau flirtete. Alles in Phil Winters Leben, Sharon Higgins einmal ausgenommen, musste nach Phil Winters Bedingungen ablaufen. Und dazu gehörte es unter anderem, seine Frau ab und zu ein bisschen aus der Balance zu werfen. Dass sie sie jedes Mal wiederfand, war für ihn der beste Beweis dafür, dass er wieder auf dem richtigen Weg war.

Kaum hatte Phil den Umschlag zugeklebt und mit einer Briefmarke zweiter Klasse versehen, steckte Bradley, seine rechte Hand in der Firma, den Kopf durch die Tür und schwenkte grinsend einen Kfz-Brief.

»Ich hab ihn!«

»Den MG

»Na klar! Die dämliche alte Kuh hat die zwölfhundert in bar genommen, und der junge Colin fährt ihn gleich morgen Früh zu Fat Jack.«

»Du verdammtes Genie! Gibt ’n hübschen Bonus für dich diese Woche, alter Gauner!«

Aber nicht zu hübsch! Einhundert Pfund waren fair – vor allem, da er den Deal mehr oder weniger selbst eingefädelt hatte. Bradley musste nur noch die Formalitäten erledigen und die zaudernde Besitzerin dazu bringen, ihre Unterschrift unter den Papierkram zu setzen. Zwölfhundert in bar – für ein Fahrzeug, das viermal so viel wert sein würde, wenn es aus Fat Jacks Karosseriewerkstatt zurückkam. Und darin war das Beste noch gar nicht enthalten – das personalisierte Nummernschild, das mindestens zehn Riesen wert war. Die Rentnerin, die ihm den Wagen verkauft hatte, glaubte, sie hätte auch ein gutes Geschäft gemacht. Und das hatte sie, denn indem er ihr diese »alte Karre« abnahm, bescherte er ihr im Grunde eine Menge Platz in ihrer Garage und befreite sie von der Sorge, sie versteuern und versichern zu müssen. Außerdem würde sie vermutlich sowieso nicht mehr lange genug leben, um zwölfhundert Pfund ausgeben zu können.

Vielleicht gab es doch einen Gott. Einen guten alten kapitalistischen Gott, der denen half, die sich selbst halfen.

5. Kapitel

Als Lou am Samstagmorgen ihre Gummihandschuhe überstreifte, klingelte das Telefon. Es war Punkt acht Uhr an einem schönen Wäschetag im März für jeden, der Bettwäsche zu wechseln hatte – heiter und windig. Die Bratpfanne war noch heiß von Phils warmem Frühstück, ihr Mann war kaum aus der Auffahrt, und Lou musste nicht erst auf die Anruferanzeige sehen, um zu wissen, dass es Michelle war.

»Hallo, wie geht’s?«, sagte eine quietschfidele Stimme.

»Alles bestens. Du bist ja schon sehr früh auf den Beinen. Geht’s dir gut?«

»Ja, mir geht’s gut«, sagte sie, obwohl das schniefende Crescendo ihrer Stimme genau das Gegenteil verriet.

»Sicher?«

»Neeein …«

Michelle ging es nie gut. Na ja, das stimmte nicht ganz, denn drei Jahre zuvor war es ihr durchaus gut gegangen, als sie und Lou sich bei dem Kochkurs »Indische Küche für Fortgeschrittene« kennen gelernt hatten, zu dem sich Lou angemeldet hatte, um Phil eine Freude zu machen. Das war zu einer Zeit gewesen, als sie verzweifelt versuchte, sich in seinen Augen unentbehrlicher zu machen – und da es keinen Kurs »Blowjobs für Fortgeschrittene« gab, war das das Zweitbeste gewesen.

Lou und Michelle schienen in diesem Kurs die Einzigen zu sein, die ein Ei kochen konnten, und die ständigen Ausbrüche von Verzweiflung ihres leicht aufbrausenden indischen Lehrers mit seinem seltsamen halb asiatischen, halb breiten Barnsley-Akzent lösten Kicheranfälle zwischen ihnen aus, die nach dem Kurs in der College-Cafeteria weitergingen. Sie tauschten ihre Telefonnummern aus, trafen sich ein paarmal außerhalb des Kurses und besuchten sich bald immer häufiger gegenseitig zu Hause – alles so leicht und locker wie ein Biskuitkuchen mit sechs Eiern.

In Lous Herz klaffte eine gewaltige Lücke, die sich nach einer Freundin sehnte, nachdem Deb aus ihrem Leben verschwunden war, und Michelle füllte sie aus. Na ja, zumindest am Anfang. Das Fundament ihrer aufkeimenden Freundschaft war so fest gewesen, dass Lou gar nicht bemerkt hatte, wie sich die ersten Risse zeigten. Risse, die sich rasch zu Gräben zu vertiefen schienen, bis sich schon bald überall Grand Canyons auftaten.

Manchmal schämte sich Lou dafür, dass Michelles ständige Depressionen sie so auslaugten, vor allem wenn sie an das Gekicher und den Spaß zurückdachte, den sie in ihrem Kochkurs gehabt hatten, bevor ihre Freundschaft auf die Probe gestellt wurde. Aber dann dachte sie wieder an ihre eigene Bedürftigkeit in jenen entsetzlichen Monaten, als Deb für sie da gewesen war und ihr zugehört hatte, oft mitten in der Nacht, als sie den Gedanken nicht ertragen konnte, einzuschlafen und wirre Träume zu träumen. Als sie in einem riesigen, leeren, kalten Bett aufwachte. Als sie glaubte, halb verrückt zu sein: egoistisch, selbstsüchtig, außer Stande, irgendetwas außer ihrem eigenen Schmerz zu sehen. Als sie dachte, ihr Kopf würde vor all den Fragen zerspringen, die sie quälten. Als sie sich an alles klammerte, was dieses tiefe Loch in ihr wenigstens zum Teil ausfüllen könnte.

Sie hatte sich wie eine Klette an Deb geklammert, genau so, wie Michelle sich jetzt an sie klammerte. Echte Freundinnen waren füreinander da, wenn sie eine schlimme Zeit durchmachten. Wie könnte Lou es daher auch nur erwägen, Michelle in ihrer Stunde (na ja, es waren viele Stunden) der Not den Rücken zu kehren?

»Ich bin in den Pub gegangen«, schniefte Michelle, »und Dave war da.«

»Und?«

»Ich sagte nur: ›Hallo, du.‹«

»Ich höre.«

Die Auflösung stand kurz bevor; Lou spürte es förmlich.

»Und dann hat er sich vor allen Leuten zu mir umgedreht«, noch mehr Schluchzen und Schniefen, »und hat gesagt … hat gesagt …«

»Jetzt spuck’s schon aus«, drängte Lou.

»… er hat gesagt: ›Hör auf, mir nachzulaufen, kapier’s endlich und verpiss dich, du männermordendes Monster!‹«

Lou zuckte zusammen. Was in aller Welt sollte man dazu am besten sagen? Sie entschied sich, im Nachhinein unklug, für Folgendes: »Ach, na ja, dann war’s das eben.«

»Ist das alles, was du dazu sagen kannst?«, schrie Michelle sie an.

»Ich … ich … ich hab’s nicht so gemeint«, stammelte Lou. »Ich wollte nur sagen, jetzt weißt du wenigstens zweifelsfrei, dass …«, … er kein Interesse an dir hat, wollte sie sagen, »… er nicht der Richtige für dich ist!« Das klang schon freundlicher. »Jetzt kannst du endlich wieder nach vorn blicken.«

»Aber was, wenn er sich heute Morgen denkt: Gott, ich war gestern Abend ein bisschen hart zu ihr – und jetzt ein schlechtes Gewissen und wirklich Mitleid mit mir hat?«

»Willst du denn wirklich einen Mann, der Mitleid mit dir hat?«

»Das ist mir egal, ich will einfach nur ihn.«

»Michelle, vergiss ihn«, sagte Lou so warmherzig und tröstlich wie möglich. »Vielleicht solltest du von den Männern jetzt erst einmal Abstand halten und dir etwas Zeit nehmen, um wieder zu Kräften zu kommen. Bist du denn wirklich schon im Stande, dich wieder zu verlieben?«

»Ich bin nicht die Art Frau, die ohne Mann überleben kann. Manche Leute können das eben nicht. Ich bin nicht dafür geschaffen, allein zu sein!«, schluchzte Michelle.

»Aber du willst doch keinen x-beliebigen Mann, oder? Du sendest Signale aus, die sagen: ›Hallo, ihr Idioten dieser Welt! Kommt und nehmt mich – ich bin aber verletzlich!‹«, sagte Lou.

»Niemand liebt mich, Lou. Ich bin so einsam …«, Michelle zog die Nase hoch, »… außerdem mögen Männer verletzliche Frauen.«

Oh, wie sehr wünschte sich Lou, sie hätte den Mut zu sagen: Bitte werd endlich erwachsen, Michelle! Dieses nervenaufreibende Thema hatten sie bereits zwölfmal durchgekaut. Aber das hätte sie ebenso wenig tun können, wie vor Prinz William Lapdance zu tanzen.

»Ist Einsamkeit denn nicht ein bisschen besser, als so gequält zu werden?«, fragte Lou schließlich.

»Woher willst du wissen, was Einsamkeit ist? Du bist ja verheiratet!«, schluchzte Michelle. Was so witzig war, dass Lou fast selbst angefangen hätte zu schluchzen.

Michelle zerfloss weitere zehn Minuten vor Selbstmitleid. »Hör zu, Lou«, sagte sie dann. »Es ist doch idiotisch, das Geld so am Telefon zu verschwenden. Warum kommst du nicht bei mir vorbei, und ich koche uns was Schönes zum Mittagessen?«

»Ich kann heute Vormittag nicht«, gab Lou zurück. »Ich habe zu tun.«

»Was denn zum Beispiel?«, fragte Michelle leicht gekränkt.

»Na ja, ein paar Sachen im Haushalt, und dann muss ich für Phil das Mittagessen kochen«, sagte Lou, während sie sich fragte, warum sie es überhaupt erklärte.

»Phil, Phil, Phil – du denkst immer nur an Phil«, fauchte Michelle, was, wie Lou fand, schon ein starkes Stück war für jemanden, der eben erst »männermordendes Monster« genannt worden war. Aber Lou wusste auch, wie leicht es war, eine Besessenheit zu entwickeln, bis sie einem als ganz normales, alltägliches Verhalten erschien.

»Es tut mir leid – das war gemein von mir«, sagte Michelle, die nun wieder am Rande eines Zusammenbruchs war. »Ich bin eine grässliche Person. Kein Wunder, dass ich allein bin.«

»Sei nicht albern, du bist überhaupt nicht grässlich, und du wirst schon bald einen liebenswerten Mann kennen lernen, da bin ich mir ganz sicher.«

»Okay, na ja, dann mache ich jetzt mal Schluss.«

»Hör zu, ich ruf dich später wieder an. Unternimm irgendwas Schönes, um dich ein bisschen aufzumuntern – kauf dir irgendwas Verrücktes in der Stadt.«

»Ja, werde ich machen«, stammelte Michelle.

»Kopf hoch – er war es nicht wert. Du kannst etwas so viel Besseres bekommen«, sagte Lou, obwohl sie fand, dass der Typ in Anbetracht der Umstände erstaunlich viel Geduld bewiesen hatte. Von einer Frau mittleren Alters in einem Leder-Minirock und mit anämisch weißen Beinen verfolgt zu werden war nicht unbedingt das, wovon die Männer träumten.

»Bis später, Lou«, schniefte Michelle.

»Bis später, Mish.«

»Wir sehen uns, wenn du nicht mehr so schwer mit Staubwischen beschäftigt bist.« Michelle knallte den Hörer hart auf.

Autsch, dachte Lou, obwohl sie kaum Zeit hatte, sich Schuldgefühlen hinzugeben, da das Telefon im nächsten Augenblick schon wieder klingelte.

»Ich habe dich in die automatische Wahlwiederholung gelegt – das hat ja eine Ewigkeit gedauert«, sagte ihre Mutter pikiert.

»Ich habe mit Michelle geredet.«

»Ach, mit der«, seufzte Renee Casserly missbilligend. »Wann fährst du zum Supermarkt?«

»Na ja, heute Vormittag jedenfalls nicht, ich habe ein paar Sachen zu erledigen.«

»Victorianna will wissen, ob du nicht mehr an deine E-Mails kommst. Sie hat dir geschrieben, aber sie hat noch keine Antwort bekommen, daher hat sie mir gesagt, was sie will.«

Lou hielt sich die Daumen und log: »Ich glaube, ich hab sie nicht bekommen.«

Lou hatte von ihrer Schwester gehört, und es war wieder einmal typisch Victorianna gewesen. In ihrer E-Mail hatte gestanden: Hi, tolles Wetter hier, wie üblich. Hab inzwischen Größe XXS, kannst du das glauben? Fühlt sich einfach toll an. Was macht deine Diät? Kannst du Mum helfen, mir ein paar Sachen zu schicken? (Diät? Kleines Biest!) Danach folgte eine Einkaufsliste, die länger war als ein Giraffenbein und wie üblich ohne ein Bitte oder Danke. Das meiste Zeug auf der Liste bekam ihre Schwester auch in den Staaten. Sie wollte nur den Triumph auskosten, ein Paket von zu Hause zu bekommen. Victorianna genoss den feinen Unterschied, den ihre englische Herkunft ihr verlieh. Sie spielte die große Dame mit oscarverdächtigem Können.

Lous Schwester hatte sich schon x-mal ein »Fresspaket« schicken lassen. Als Dankeschön hatte Lou einmal ein T-Shirt bekommen, in das eine kleine Grundschule gepasst hätte. Das Wort »danke« wurde nicht erwähnt. Victorianna würde im Erdboden versinken, wenn sie es sagen müsste. Ihre Mum hatte ein gerahmtes Foto von Victorianna bekommen, auf dem sie mit ihrem Liebhaber, bei dem sie lebte, posierte – Edward J.R. Winkelstein dem Dritten, mitsamt seinem teuren eingeflochtenen Kunsthaar, das in Farbe und Struktur eine gewisse Ähnlichkeit mit fettreduzierten Cornflakes aufwies. Er sah so aus, wie sich Lou einen Edward J.R. Winkelstein den Dritten vorgestellt hätte. Victorianna sah wie eine jüngere, glamourösere Version von Renee aus.

»Na ja, gib mir Bescheid, wenn du fährst, dann komme ich mit. Sie gibt demnächst eine Dinnerparty und hätte dafür gern ein paar Sachen. Diese Pfefferminz-Schokolade-Blättchen habe ich schon.«

»Okay, Mum. Wie wär’s mit Dienstag?«

»Ja, aber bitte nicht später, sonst bekommt sie das Paket nicht mehr rechtzeitig.«

Wie tragisch, dachte Lou.

»Wir hätten es leicht in der Zeit erledigen können, die du mit dieser Michelle geredet hast. Das hat ja mindestens eine halbe Stunde gedauert. Und du solltest dich um deine E-Mails kümmern. Deine Schwester sagte, sie habe dir vor zwei Tagen geschrieben.«

»Na ja, ich habe noch anderes zu tun, als zu springen, sobald Victorianna es sagt, Mum. Und ein Bitte und Danke und ein Scheck für dich könnten auch nichts schaden. Ist ihr eigentlich nicht klar, wie viel du für diese verdammten Fresspakete ausgibst?«, sagte Lou. »Du hättest das Zeug selbst hinbringen können, bei all dem Geld, das du für Porto und Verpackung ausgibst.« Oder wenn deine geliebte Tochter vielleicht mal den Anstand hätte, dich einzuladen, verbiss Lou sich im letzten Augenblick.

»Ich bin ihre Mutter. Ich erwarte keine Gegenleistung«, sagte Renee spitz.

»Ja, aber sie ist schließlich nicht arm. Sie protzt ständig damit, wie stinkreich sie und ihr Baron Frankenstein sind. In einem ihrer zwölf Zimmer wird es doch sicher noch ein Plätzchen für dich geben.«

»Mit Eifersucht wirst du gar nichts erreichen, Elouise.« Renee verstand Lou völlig falsch.

Lou gab sich geschlagen. »Dann bis Dienstag, Mum, fest abgemacht«, sagte sie seufzend.

»Mach dir nur keine Umstände, wenn du zu viel zu tun hast. Ich kann auch den Bus nehmen.«

Falls du bis dahin jemanden findest, der dich von deinem Kreuz herunterholt, dachte Lou. »Es macht keine Umstände. Ich hole dich am Dienstag um neun ab«, sagte sie erschöpft.

Lou legte den Hörer auf und schwor sich, ihn nicht noch einmal abzunehmen. Offenbar gab ihr jeder, mit dem sie an diesem Telefon sprach, das Gefühl, uneinsichtig und egoistisch zu sein. Sie musste unbedingt diese Entrümpelungsaktion in Angriff nehmen, um sich so gut zu fühlen wie im Büro, nachdem sie dort entrümpelt hatte.

»Okay, an die Arbeit«, sagte sie zu sich mit einem breiten Lächeln, klatschte in die Hände und schüttelte einen großen schwarzen Müllsack auf.

Die Küchenspatel verschwanden als Erstes darin, dann irgendeine Zange, die in der Spülmaschine rostig geworden war, dann ein paar schmuddelige Zahnstocher, die sich aus ihren Verpackungen gelöst hatten. Sie warf die alte Eiswürfelschale, die sie nie benutzte, in den Müllsack. Benutzte Lutscherstiele – wofür in aller Welt hatte sie die bloß aufgehoben? Ein kaputter Melonenlöffel, ein Schablonenpinsel, ein einmal benutzter Reisball und ein stumpfer Gemüseschäler folgten rasch.

Seien Sie knallhart, hatte in dem Artikel gestanden. Fragen Sie sich: Habe ich diesen Gegenstand im letzten halben Jahr benutzt (bei Saisonware – ein ganzes Jahr ansetzen)? Werde ich ihn aller Voraussicht nach in Zukunft je benutzen? Wenn die Antwort Nein ist: Kann er in eine Recyclingtonne, zu einer Wohlfahrtsorganisation, einem Kofferraumverkauf oder bei eBay versteigert werden? Nein? Dann werfen Sie ihn weg, ohne ihn noch einmal anzusehen.

Bei manchen Dingen war sie sich unsicher, zum Beispiel bei dem uralten Dosenöffner, der eher wie ein mittelalterliches Folterinstrument aussah. Er funktionierte schon seit Jahren nicht mehr, aber er hatte am oberen Ende einen praktischen Flaschenöffner. Da Lou sich jedoch nicht mehr erinnern konnte, wann sie das letzte Mal eine Flasche damit geöffnet hatte, schleuderte sie ihn mit der Zielgenauigkeit eines zwei Meter zehn großen Basketballspielers ebenfalls in den Müllsack.

Als die Schublade vollständig geleert war, schrubbte sie sie aus, spülte die Utensilien ab, die sie behalten wollte, und räumte sie wieder ein. Es war schon verrückt, dass etwas so Einfaches wie ein bisschen Entrümpeln ihr so viel Befriedigung verschaffen konnte.

Als Nächstes kippte sie die Krimskramsschublade aus, in die sie, so ihre Vermutung, kaum etwas zurücklegen würde. Ein kaputter Spiegel, fünf Kämme (von denen kein einziger noch alle Zinken hatte), ein bisschen schmuddeliger Tesafilm, billige Bleistifte, die seit ungefähr vier Jahren hätten gespitzt werden müssen, ein vergilbtes Muster für einen Kricketpullover, den sie niemals stricken würde, ein unvollständiger Satz Spielkarten, sechzehn CDs und DVDs, die es bei diversen Zeitungen als Werbegeschenk gegeben hatte, irgendwelcher Krimskrams aus den Knallbonbons vom letzten Weihnachten … alles landete in dem Müllsack, bis auf die Schere und eine Pinzette, von der sie glaubte, sie hätte sie vor Monaten verloren. Sie sammelte alle losen Büroklammern in einer leeren Streichholzschachtel, die sie ebenfalls in der Schublade gefunden hatte, und trug sie zu ihrem Schreibtisch in dem kleinen Arbeitszimmer nebenan.

Räumen Sie gleichzeitig aus und neu ein, diktierte der Artikel. Und die neueste Anhängerin der Religion des Entrümpelns gehorchte.

Als Nächstes nahm Lou sich die Lappenschublade vor. Sie warf all die zerschnittenen alten Unterhemden und zerschlissenen Putzlumpen weg, da sie soeben drei nagelneue Packungen mit feuchten Wischtüchern gefunden hatte, die sich unter all dem anderen Krimskrams versteckt hatten. Lou hatte sich eben hingekniet, um das Schränkchen unter der Spüle in Angriff zu nehmen, als es an der Haustür klopfte.

Sie hoffte, dass es nicht Michelle war – und kam sich augenblicklich treulos und gemein vor. Sie hatte inzwischen wirklich Spaß an der Räumaktion gefunden und wollte nicht wieder endlos durchkauen, was ein Mann wirklich meint, wenn er sagt: Verpiss dich, du männermordendes Monster. Andererseits konnte es auch der Postbote sein.

Lou schlich ans Fenster und warf verstohlen einen Blick hinaus. Es war noch weitaus schlimmer als Michelle und ihre Mutter zusammen. Es war Mr. Halloween höchstpersönlich – ihr Schwager Des.

»O mein Gott«, stieß Lou aus und wich rasch an die Wand zurück, zuversichtlich, dass sie nicht gesehen worden war.

Zu Lous Glück gab es nichts, was verriet, dass sie zu Hause war – es lief kein Fernseher oder Radio, und ihr Wagen stand gut versteckt in der Garage, sodass alles danach aussah, als wäre sie nicht zu Hause. Sie wartete still, bis sie sich ziemlich sicher war, dass er wieder gegangen sein musste – und dann hörte sie zu ihrer Verblüffung und Wut einen Schlüssel im Schloss, die Tür, die aufging, und Schritte in der Diele. Sie würde Phil umbringen, wenn er nach Hause kam. Offensichtlich hatte er genau das getan, was sie sich ein für alle Mal verbeten hatte – Des seinen Schlüssel zu leihen.

Lou konnte nichts mehr machen, jetzt konnte sie sich nirgends mehr verstecken. Und was noch schlimmer war, sie hatte dieses alte weiße T-Shirt an, in dem ihre Titten einfach riesengroß aussahen.

Lou holte tief Luft, stürzte in die Diele und täuschte, die Hände an die Brust geworfen, einen Riesenschock vor, um klarzustellen, wie erschrocken sie war. Sie wagte nicht, es offen zur Sprache zu bringen. Lou war in letzter Zeit einfach zu sensibel für Auseinandersetzungen.

»Ach, Des, du bist es. Was machst du denn hier? Du hast mir einen Mordsschrecken eingejagt.«

»Ich habe geklopft«, sagte ihr Schwager in seinem gedehnten, monotonen näselnden Tonfall, während er mit einem Daumen hinter sich auf die Tür zeigte, »aber ich dachte, du wärst nicht zu Hause. Ich war bei Phil im Geschäft. Er hat mir einen Schlüssel geliehen, nur für den Fall, dass du beim Einkaufen bist.«

»Oh, na schön.« Lou hätte viel lieber ein paar andere, weniger höfliche Dinge gesagt. »Und, was wolltest du denn?«, drängte sie ihn, nachdem sie vergeblich darauf wartete, dass Des sich erklärte. Er besaß kein Gen dafür, durch langes Schweigen in Verlegenheit zu kommen, aber ein großes dafür, Lou eine Gänsehaut über den Körper zu jagen.

»Ich wollte mir nur Phils Golfschläger ausleihen.«

»Okay«, sagte Lou. »Hat er gesagt, wo sie sind?«

»Nein«, antwortete Des hilfreich. Nein.

Lou entschied sich für die schnelle Lösung und rief Phil auf seinem Handy an – nur um den Hinweis zu erhalten, dass die gewünschte Rufnummer im Moment nicht zu erreichen sei und sie es bitte später wieder versuchen möge.

Oh, wie sehr wünschte sich Lou, einer dieser Leute zu sein, die sich nicht zu Höflichkeit verpflichtet fühlten, die ihren Schwager einfach hinauskomplimentieren und ihm sagen würden, er solle später wiederkommen, wenn Phil da war. So war sie gezwungen, von einem Zimmer zum nächsten zu gehen, dicht gefolgt von Des auf seine typische Art, die jeden Respekt vor ihrer Intimsphäre vermissen ließ. Phil sagte, er sei nur zu dumm für so viel Taktgefühl, aber Lou fragte sich manchmal, ob es ihm vielleicht einen Kick gab, sich so unangenehm aufzudrängen.

Wenn Des Winter-Brown vor der Tür stand, konnte man glauben, es sei Halloween. Er war hochgewachsen, hager und leichenblass, hatte krumme Schultern, da er sie immer hängen ließ, und strähniges schwarzes Haar, da er es über die Maßen färbte. Er hatte halbwegs ebenmäßige Züge, aber irgendetwas an seiner seltsamen Stille und der Art, wie er auf einmal dicht hinter Lou stand, ohne sich bemerkbar zu machen, sorgte dafür, dass ihr schon bei der Aussicht auf seinen Besuch graute. Sie hasste es, wie sein Blick zu ihrer Brust hinunterglitt. Am meisten verabscheute sie seine langen, dürren Hände mit den langen, dürren Fingern. Nur Gott wusste, wie seine Zehen aussehen mussten.

Als Phil ihm ein anderes Mal einen Schlüssel geliehen hatte, um irgendetwas aus dem Haus zu holen, hatte Lou unter der Dusche gestanden, als sie unten Bewegung hörte. Sie stellte einen neuen Weltrekord im Sich-Abtrocknen-und-Anziehen auf, bevor sie Des’ »Ich bin’s nur!« die Treppe hochhallen hörte.

»Es war doch nur Des, Lou. Er brauchte nur einen Hammer, er wollte dich nicht nageln«, gab Phil lachend zur Antwort, als sie ihn deswegen später zur Rede stellte.

»Warum hast du ihm denn nicht gesagt, dass er später wiederkommen soll, wenn du zu Hause bist?«

»Du siehst das völlig falsch«, sagte Phil, der gar kein Problem sah.

»Du solltest ihm keinen Schlüssel zu unserem Haus geben!«, zischte Lou verärgert.

»Entschuldige, aber ich denke, du weißt, dass mein Name auf der Eigentumsurkunde steht«, sagte Phil daraufhin in einem gefährlich ungeduldigen Ton. »Du vergisst, dass dieses Haus mir schon gehört hat, lange bevor du auf der Bildfläche erschienen bist.«

»Ich denke, du weißt, dass es, seit wir verheiratet sind, unser Haus ist«, sagte Lou so entschieden wie möglich.

»Ich denke, du weißt, dass wir, wenn du es auf die Spitze treiben willst, zu unserem ursprünglichen Plan einer Gütertrennung zurückkehren und feststellen können, was genau das Gesetz dazu sagt!«

Danach hatte sich Lou nicht länger gestritten.

Lou schaltete das Kellerlicht an. »Du musst nicht mit hinunterkommen, Des. Da unten ist es ganz schön staubig«, sagte sie.

»Ach, das macht mir nichts. Ich helfe dir suchen«, sagte Des. Auf dem Weg nach unten war er die ganze Zeit genau einen Schritt hinter ihr. Sie fühlte sich wie Flanagan mit Allen.

Gott, hier unten sieht’s vielleicht aus, dachte Lou. Wenn sie nicht diesen verdammten Artikel gelesen hätte, hätte sie über das Zeug, das sie im Keller zur Reserve aufbewahrte, einfach hinweggesehen. Aber schon auf den ersten Blick hatte ihr neuer Anti-Gerümpel-Radar bereits zwölf Dinge entdeckt, die sie nie wieder benutzen würden und die einfach weggeworfen werden konnten.

»Nein. Hier sind sie nicht«, sagte Lou und machte auf dem Absatz kehrt, um die Treppe so rasch wie möglich wieder hochzusteigen, in der Hoffnung, dass seine Augen nicht an ihrem Gesäß klebten. Ihr verdammter Ehemann! Sie wusste, dass er Des den Schlüssel genau deshalb gegeben hatte, damit Des gekommen und wieder gegangen sein würde, bevor Phil zum Mittagessen nach Hause kam. Ihr Ehemann konnte die Gesellschaft seines Schwagers fast ebenso schwer ertragen wie Lou.

Jetzt konnten sie nur noch in den Garagen nachsehen, und auf dem Speicher – aber dort hinauf würde Lou nicht steigen.

Sie drückte auf den elektronischen Türöffner des Garagentors, das langsam hochglitt, und sah in den Garagen nach. Lou beschleunigte ihre Schritte, um einen angemessenen Abstand zwischen sich und Freddy Krueger zu bringen.

Gott sei Dank, dachte sie. Erleichterung durchflutete sie, als sie die Golfschläger unter irgendwelchen Abdecktüchern hervorschauen sah, neben einem alten, angeknacksten Plastikgartenstuhl, einem schmuddeligen Tisch, der nie wieder das Tageslicht sehen würde, und dem Skelett eines kaputten Sonnenschirms, der wie eine seit Langem tote Riesenspinne aussah.

Des überließ es ihr, die Schläger selbst hervorzuzerren, da in diesem Augenblick sein Handy klingelte. Die Melodie war Sex Bomb, was schon an sich ein Witz war. Der Trauermarsch hätte besser zu ihm gepasst.

»Hallo, Schatz«, sagte er zu der Anruferin.

Igitt, dachte Lou.

»Ich bin bei Phil zu Hause … Ja, das ist er, aber ich bin hier bei Lou …« Er zwinkerte ihr zu, und Lou schauderte. »Golfschläger … Ich werde hier noch einen Tee trinken, dann mache ich mich wieder auf den Weg … Ach ja? Na, dann sehen wir uns so in einer Viertelstunde.«

Lou hoffte inständig, dass sie die Gesprächslücken falsch gedeutet hatte. Der Gedanke war einfach zu entsetzlich. Und sie tat, als hätte sie das mit dem Tee gar nicht gehört.

»Also, dann viel Spaß mit den Schlägern, Des. Ich hab’s ein bisschen eilig – alle Hände voll zu tun.«

»Celia wollte noch kurz vorbeischauen«, sagte Des, während er die Schläger in seinen Wagen wuchtete. »Sie ist mit den Kindern auf dem Weg von der Meadowhall hierher – ich dachte, ich trinke hier noch einen Tee und warte auf sie.«

Nein, verschwinde, ich will meine Schubladen entrümpeln. Ich will nicht, dass deine Frau mich von oben herab ansieht und mit ihrer neuen Prada-Handtasche prahlt, ich will nicht, dass deine Kinder in meinen Schränken herumschnüffeln, und ich will nicht jedes Mal deinen Atem in meinem Nacken spüren, wenn ich mich umdrehe!, schrie Lou in Gedanken. Laut sagte sie auf ihre verdammt höfliche Art: »Schön. Na, dann werde ich mal Wasser aufsetzen.«

Sie riss sich die Gummihandschuhe mit einer Wut herunter, die sich gegen Phil hätte richten sollen, der ihr das alles eingebrockt hatte, gegen Des, der sich immer so widerlich dicht an sie heranschlich, gegen Celia, die erwartete, dass Lou alles stehen und liegen ließ und sich anhörte, was sie sich wieder für tolle Sachen gekauft hatte und wie sie in jeden zweiten Satz den Namen Jasper Conran einfließen ließ. Aber hauptsächlich richtete sich diese Wut gegen sie selbst, da sie sich von allen anderen mit ihren gedankenlosen, gefühllosen Nagelstiefeln auf der Nase herumtanzen ließ.

Lou wünschte, sie wäre mit ihrer Mutter zum Supermarkt gefahren.

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