Logo weiterlesen.de
Früher ... war ich ein richtiger Ficker

Inhalt

  1. Cover
  2. Inhalt
  3. Über den Autor
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Widmung
  7. Kapitel 1
  8. Kapitel 2
  9. Kapitel 3
  10. Kapitel 4
  11. Kapitel 5
  12. Kapitel 6
  13. Kapitel 7
  14. Kapitel 8
  15. Kapitel 9
  16. Kapitel 10
  17. Kapitel 11
  18. Kapitel 12
  19. Kapitel 13

Über die Autorin

Kurt Molzer, geboren 1968, war Autor einer legendären Aufreißer-Kolumne im GQ-MAGAZIN. Vorher war er BUNTE-Chefreporter und bis vor kurzem Chefredakteur des PENTHOUSE-MAGAZINS. Jetzt ist er einfach nur glücklich verheiratet und stolzer Familienvater.

Für meine Frau, die mit viel Liebe, Verständnis und unendlicher Geduld das Leben an meiner Seite zu ertragen imstande ist.

Hase.jpg

1

Ich heiße Kurt Molzer. Ich hatte einen Traumjob. Ich war der Chefredakteur eines bekannten Tittenmagazins in München. Ich verdiente einen Haufen Geld. Ich wurde verwöhnt von zwei extrablonden Sekretärinnen mit prallen Hintern. Ich fuhr als Dienstwagen einen schwarzen Porsche 911.

An einem trüben Novembermorgen zertrümmerte ich die Karre auf regennasser Fahrbahn mit hundertachtzig Stundenkilometern an einer Leitplanke der A3 zwischen Frankfurt und Köln. »Denk nicht weiter darüber nach«, klopfte mir der Verlagsboss auf die Schulter. »Dynamischen Männern, die so erfolgreich auf der Überholspur durchs Leben rasen wie wir, passiert so was schon mal.« Eine Woche später drückte er mir den Schlüssel für einen grünen Jaguar in die Hand.

Ich erinnere mich an einen Abend mit meinem Freund Carl Joseph im Gasthaus Zur Eisernen Zeit am Wiener Naschmarkt. Carl Joseph ist Steuerberater, seit fünfzehn Jahren verheiratet und Vater von vier Kindern. Er wohnt mit seiner Familie, einem Hund und einem Papagei in einem Reihenhaus am Rand der österreichischen Hauptstadt. Die Gegend ist furchtbar spießig. Hinter Jägerzäunen sieht man Gartenzwerge und bunte Glaskugeln auf Holzstäben.

Carl Joseph sah schlecht aus. Er war blass und hatte dunkle Augenringe. Gegen zehn Uhr beugte er sich über sein sechstes oder siebtes Bier. Dicke Rauchschwaden hingen in der Luft. Die betrunkene Kellnerin, eine vielleicht fünfzig Jahre alte Frau mit kurzen, schwarz gefärbten Haaren, sang eine grauenhaft verzerrte Arie aus La Traviata. Ich fragte Carl Joseph: »Und, was gibt’s privat so Neues?«

Seine Antwort jagte mir einen kalten Schauer über den Rücken.

»Was soll ich dir sagen?«, fing er mit schon etwas schwerer Zunge an. »Die Söhne sind in der Pubertät, ein Alptraum. Der Papagei hält nicht mal nachts seinen dämlichen Schnabel. Kürzlich habe ich ernsthaft überlegt, ihn zu braten und meiner Frau auf den Teller zu legen. Meine Frau, du kennst sie ja, ist eine streitsüchtige, herrische Furie, und es wird immer schlimmer. Ich will sie nicht mehr, ich ertrage dieses abscheuliche Weib kaum noch. Die große Liebe war ein großer Irrtum. Weißt du, was ich machen würde, wenn mich morgen die Polizei oder das Krankenhaus anruft und mir mitteilt, dass meine Alte gestolpert ist und leider von einer U-Bahn überrollt wurde? Ich würde mir eine Flasche vom teuersten Champagner kaufen. Ist das nicht furchtbar?«

Ich wusste nicht, was ich darauf antworten sollte, und blieb stumm. Carl Joseph starrte ins Leere. Dann fuhr er fort: »Mein Leben ist nicht mehr lebenswert. Soll ich dir was sagen? Ich würde meine Familie verraten und verkaufen, um dein Leben führen zu können. Kurt, weißt du eigentlich, was du für ein Glückspilz bist? Du bist der König. Du hast alles. Was willst du mehr? Prost.« Er war den Tränen nah und bestellte bei der Opernsängerin zwei Schnäpse.

Mir wurde nicht erst an jenem Abend klar, dass ich wohl das große Los gezogen hatte. Nicht nur mein Freund Carl Joseph beneidete mich um mein Leben. Alle Männer taten es. Jeden Tag bekam ich Post von den schärfsten Frauen Deutschlands:

Sehr geehrter Herr Molzer! Hiermit möchte ich mich als Nacktmodel für Ihr tolles Magazin bewerben. Anbei ein paar optische Kostproben …

Nacheinander bestellte ich sie zu mir in die Redaktion. Zuerst besprach man die Formalitäten: Gage, Location, Zeitaufwand. Anschließend lud ich zum Abendessen bei Kerzenlicht ein, meist in die Osteria Italiana, Schellingstraße. Bei Saltimbocca alla Romana und reichlich Wein wurden die Damen schnell zutraulich. Wahrscheinlich dachten sie: Nur wenn ich mit dem Chefredakteur ins Bett gehe, darf ich mich später nackt vor der Kamera räkeln.

Ich muss gestehen: Ich tat nichts, absolut gar nichts, um sie von diesem Glauben abzubringen. Geschlechtsverkehr mit unseren Models wurde mir so selbstverständlich wie dem Priester das Bekreuzigen. Es ging ja auch so leicht. Und es geschah immer in der gleichen Suite eines zentral gelegenen Fünf-Sterne-Hotels, die ich für diesen Zweck reservieren ließ – auf Spesen, versteht sich.

Da war zum Beispiel diese Dortmunder Gogo-Tänzerin mit den Traummaßen neunzig-sechzig-neunzig. Achtundzwanzig, pechschwarzes Haar, melancholische Augen. Sie erhoffte sich von Fotos in unserem Heft einen kräftigen Schub für ihre zweifelhafte Karriere. Nachdem ich beim Italiener die Rechnung verlangt hatte, fragte sie mich ganz trocken: »Darf ich davon ausgehen, dass ich als Vorbedingung für Fotoaufnahmen mit Ihnen in die Kiste soll?«

»Sie dürfen.«

Mit der Zungenspitze, sehr kokett, leckte sie sich den von einem Cappuccino übrig gebliebenen Milchschaum von ihrer Oberlippe: »Ich will Ihnen was sagen: Wären Sie ein Typ mit Glatze, Bauch und vielleicht noch einer hübschen Rotzbremse – denn solche Chefredakteure gibt’s ja sicher auch –, würde ich Ihnen hier vor allen Leuten meine Handtasche ins Gesicht dreschen.«

Ich lächelte milde. Sie hielt kurz inne und lächelte ebenfalls: »Aber Ihnen bin ich überhaupt nicht böse. Mit Ihnen macht es mir wahrscheinlich Spaß. Sie gefallen mir.« Darauf duzten wir uns und fuhren ins Hotel. Das Gogo-Girl war devot, biegsam wie eine Katze und stand auf verbale Erniedrigung. Sie bat mich, ihre gespreizten Beine mit aller Kraft nach hinten zu drücken, gegen die Schultern: »Jetzt hast du mich in deiner Gewalt, Herr Chefredakteur. Komm, sag was Gemeines!«

»Was Gemeines?«

»Ja, komm schon, bitte.«

»Hm. Was ganz Gemeines?«

Sie flehte mich geradezu an: »Ja, ja, komm, bitte!«

»Na gut, du bist, warte mal …, hm …, das zweiundvierzigste Flittchen, das sich für ein paar Erotikfotos in diesem Himmelbett von mir flachlegen lässt.« Ich sprach nichts als die Wahrheit. Sie hauchte lüstern: »Oh Gott, ja, oh Gott, das macht mich heiß, uuh.«

Oder die blonde Biochemiestudentin aus dem Münchener Umland, die sich mit der Zurschaustellung ihres entblößten Leibes ein wenig Taschengeld verdienen wollte. Sie kam in kurzem Rock und halterlosen Strümpfen. Leider war ihr Freund dabei. Er hatte ein bartloses Milchgesicht und eine nervtötende Fistelstimme. Seine abstehenden Ohren leuchteten wie zwei kleine rote Laternen. Bubifratze wollte Wachhund spielen. Aber so lief das hier nicht. Wir saßen in meinem Büro.

»Ich muss Sie kurz unter vier Augen sprechen«, sagte ich nach ein paar Begrüßungsworten zu der Kleinen. Sie warf ihrem Begleiter einen hilfesuchenden Blick zu. Der Grünschnabel war der Situation nicht gewachsen. Er tat, als wäre für ihn alles im Lot. Dabei kochte er vor Wut. Seine Freundin erhob sich schließlich verunsichert vom Stuhl und folgte mir auf den Flur.

»Verzeihung«, sagte ich, »es ist nicht üblich, dass beim Vorgespräch Männer dabei sind.«

»Ach so …, warum denn nicht?«, fragte sie verlegen lächelnd.

»Weil ich mich fühle wie der böse Onkel, vor dem die Frauen beschützt werden müssen.«

»Na ja, mein Freund ist ziemlich eifersüchtig.«

Ich blieb unnachgiebig und stellte sie vor die Wahl: »Eifersucht hat in unserer Branche nichts verloren. Entweder er geht, oder wir vergessen die Sache.«

Die Zerrissenheit stand ihr ins Gesicht geschrieben. Sie stammelte: »Aber … ach du liebe Güte, ich meine …, wie soll ich ihm das denn sagen?«

»Wenn Sie wollen, mache ich das.«

»Nein, nein, bloß nicht! Ich … ich bring ihm das schon bei.« Sie verschwand in meinem Büro, während ich draußen wartete. Nach zwei Minuten ging die Tür auf.

»Wie lange dauert es denn ungefähr?«, fragte sie.

»Wird wohl später Abend.«

Sie drehte sich wieder um und schloss die Tür. Nach einer Minute stand sie schon wieder vor mir: »Mein Freund fragt …«

Es reichte mir: »Ich werde nicht dafür bezahlt, Fragen Ihres Freundes zu beantworten.«

Das Mädchen war nun völlig verzweifelt: »Ja, ja, klar …, das verstehe ich natürlich. Es ist mir, ehrlich gesagt, auch langsam peinlich. Warten Sie …, ich bin gleich wieder bei Ihnen, okay?«

Zum dritten Mal ging sie in mein Büro. Eine halbe Minute später stürzte der Wachhund heraus. Er eilte im Stechschritt grußlos an mir vorbei und fletschte seine Zähne. Bevor er in den Fahrstuhl stieg, kläffte er mich an. Ich meinte, »Arschloch« gehört zu haben. Ich lachte still in mich hinein. Es war ein Etappensieg. Mein nächstes Opfer ging in meinem Zimmer nervös auf und ab. Sie wusste nicht, ob sie lachen oder weinen sollte: »Ich habe mich für die Aufnahmen entschieden. Er beruhigt sich.«

»Ganz sicher.«

Sie zeigte sich beeindruckt von meinem luxuriös eingerichteten Büro: TV-Flatscreen, DVD-Player und Stereoanlage. Über einer seltenen Kleeblatt-Sitzlandschaft hing eine alte Landkarte des Großbulgarischen Reiches um 650 n. Chr., die mir ein fetter Zigeuner während einer kurzen Dienstreise ans Schwarze Meer angedreht hatte. Aber das war nicht alles. Hinter meinem Schreibtisch gab es noch eine Tür. Sie führte in einen quadratischen, nicht allzu großen, mit flauschigem Teppich ausgelegten Raum. Darin befanden sich ein Bett, ein Kleiderschrank und ein Bücherregal. Von da aus ging es noch einmal weiter, und zwar in ein Badezimmer mit türkisfarbenen Glasfliesen und mokkabraunem Steinboden. Wenn es spät wurde, konnte ich bequem im Büro übernachten, wie die Kanzlerin.

»Ist ja irre«, sagte sie mit großen Augen, »übernachten Sie oft hier?«

»Ja, leider, mutterseelenallein, nach sechzehn Stunden Arbeit.«

Sie errötete. In der Osteria Italiana stellte sich heraus, dass sie nicht viel Alkohol vertrug. Schon nach zwei Gläsern Wein war sie knülle. Sie scherzte übermütig: »Darf ich ihr nästes Covermädchen sein? Da krie… ich doch bestimmt richti… Kohle? Sagen wir, zehntausend Euro? Was saht der Esperte? Ha… ich das Seug zum Covermädchen?«

»Fürs Cover haben Sie zu wenig Holz vor der Hütte. Da brauchen wir dicke Dinger.« Sie kreischte und griff mit beiden Händen an ihre Brüste: »Über meine Möpse hat sich noch keiner beklagt! Sie sind der Erste!«

»Ich finde, Sie haben sehr schöne Brüste. Sieht man auch auf den Polaroids, die Sie mir geschickt haben. Sie sind nur nicht tauglich für unser Cover, das ist alles.« Sie machte einen Schmollmund und spielte die beleidigte Leberwurst.

Ich wechselte das Thema: »Ihr Freund wartet bestimmt schon ungeduldig auf Sie.«

Das Möchtegern-Coverbabe nahm einen Schluck Grappa und stieß genervt hervor: »Ach, der soll sich erst mal einkriegen.«

»Wie lange sind schon mit ihm zusammen?«

»Acht Monate, hicks.«

»Ich finde, er passt überhaupt nicht zu Ihnen. Er ist ein Eunuch.« Sie lachte so laut, dass die Gäste an den Nebentischen ihre Gespräche unterbrachen: »Ein Onuch, herrlich, mein Freund is’n Onuch! Wegen seiner Stimme, ja? Sie sin… herrlich! Sie sahn mir, dass ich zu kleine Möpse hab un… mein Freund ’n Onuch ist! Sie sin… so lustig! Ach, ich fin… Sie … süß.« Dann entkam ihr ein kleiner Rülpser: »Tschulligung.«

Wir fingen an zu knutschen und waren bald in der Hotelsuite. Sie durchschaute mich: »Sah mal, bumsdu eigentlich alle Frauen, die in dein Magazin wollen?«

Ich knöpfte gerade den BH auf: »Verkrampf dich jetzt bitte nicht.« Zärtlich massierte ich ihren Nacken. Es wirkte. Sie stellte bis zum Ende der Nummer keine lästigen Fragen mehr.

Wir lagen noch lange im Bett, innig umarmt. Der Eunuch war kein Thema mehr. Sie meinte, sie werde ihm den Laufpass geben. Seine Stimme sei tatsächlich unerträglich. Ich traf mich noch mehrmals mit ihr. Beim letzten Date sagte sie dann plötzlich: »Ich wünsche mir ein Kind von dir.«

»Ein Kind? Wir kennen uns, streng genommen, insgesamt noch nicht mal zehn Stunden.«

»Ich will aber einen kleinen Kurt, der so süß ist wie du, ich bin mir ganz sicher.«

Was blieb mir unter diesen Umständen anderes übrig, als ihr nach dem Abschied eine abschreckende Märchen-E-Mail zu schreiben: Liebe Petra, ich will keine Kinder mehr, ich habe genug davon, in jedem Erdteil mindestens eines, gezeugt in der freien Wildbahn, lieblos, mechanisch, alle unehelich, manche im Suff. Ich bin nicht gut für Frauen, auch nicht für Kinder, habe zwar ein gutes Herz, aber einen miesen Charakter. Vergiss mich bitte, du kommst auch ohne großen und kleinen Kurt durchs Leben. Denk dran, was der Literaturgott Henry Miller schon sagte: Die Welt lässt eine gutaussehende Frau nicht verhungern. In diesem Sinne, mach’s gut, adieu.

Von Petra hörte ich nie wieder.

Ich zählte die Damen nicht, die ich im Namen des Verlegers bestieg. Fünfzig oder hundert? Das ist doch irgendwann egal. Und obwohl ich schon nach dem ungefähr fünfzehnten dienstlichen Beischlaf keinen neuen Kick mehr erlebte, machte ich trotzdem immer weiter, so wie ein Hund immer weiter frisst, auch wenn er längst kein Hungergefühl mehr verspürt – bis er früher oder später platzen würde. Beinahe zwanghaft schien mein Vorsatz, keiner der Shooting-Anwärterinnen den kurzen Umweg über meine Bettkante zu ersparen.

Bei so einer Menge verfügbarer Mätressen blieb es nicht aus, dass ich ab und zu auch was mit beträchtlichem Dachschaden erwischte. Besonders verhängnisvoll war die Begegnung mit einer rothaarigen und sommersprossigen Zahnarztassistentin aus Nürnberg. Vierunddreißig Jahre alt, tiefe Stimme. Ich vernaschte sie wie alle anderen auch – jedoch wurden ihre Fotos nie gedruckt. Selbst unserem besten Fotografen gingen die Ideen aus, wie man ihre viel zu breiten Hüften kaschieren konnte. Wir standen in der Redaktion alle um die Aufnahmen herum, der Art Director, mein Stellvertreter, der Chef vom Dienst. Einhellige Meinung: Wenn wir das drucken, lacht die ganze Branche über uns. Ich fragte mich, warum ich mich mit Rotkäppchen überhaupt eingelassen hatte. Antwort: Weil ich an dem Abend stramm wie eine Haubitze war.

Ich rief sie an und erzählte ihr eine Lüge. Unsere New Yorker Verlagszentrale hätte in einem Rundschreiben alle ausländischen Redaktionen angewiesen, nur noch Outdoor-Shootings abzudrucken. Miezen am Strand also, auf grünen Almen oder sonstwo unter freiem Himmel. Da es sich in ihrem Fall unglücklicherweise um eine Studioproduktion handelte, müsse ich, so leid es mir täte, von einer Veröffentlichung absehen. Aber keine Sorge, die Gage sei davon nicht betroffen, alles würde wie vereinbart auf Heller und Pfennig beglichen.

»Du bist mir nicht böse, mein roter Engel, nein?«, raspelte ich Süßholz.

»Du willst mich wohl verarschen, was?«, fauchte sie.

»Aber nein, es kommt ja nicht von mir.«

»Dann setz dich gefälligst durch. Oder hast du keine Eier in der Hose, Herr Chefredakteur? Sollten die Fotos nicht erscheinen, wirst du mich kennenlernen.« Klack. Aufgelegt. Wenn das Geld erst einmal auf ihrem Konto ist, wird sie dich in Ruhe lassen, dachte ich. Es kam anders. Sie startete mit Telefonterror und täglichen E-Mails. Immer die gleiche Botschaft: Fotos abdrucken – oder die Hölle ist los. Ich ließ mich von meinen Sekretärinnen am Telefon verleugnen, änderte meine Handynummer und löschte ungelesen jede ihrer E-Mails.

Aber dadurch verschärfte sich die Lage nur. Sie schickte mir ein wattiertes Kuvert in die Redaktion. Darin waren ein Miniaturskelett und ein von Hand beschriebenes Blatt Papier verpackt: Du wirst büßen. Verlass dich drauf – deine Tage sind gezählt.

Mir wurde klar, dass ich es mit einer Psychopathin zu tun hatte. Ein paar Tage darauf stieg ich morgens in meinen Porsche, um in die Redaktion zu fahren. Erst als ich den Schlüssel ins Zündschloss steckte, sah ich einen im Scheibenwischer eingeklemmten Zettel. Die gleiche Handschrift: Man wollte dich töten letzte Nacht. Ich habe es verhindert. Ich will nicht, dass es so schnell geht. Du sollst Zeit haben, die Todesglocken läuten zu hören. Hörst du sie? Genieße es. Ich bin dir nah. Sehr nah.

An diesem Tag wurde es lang im Büro. Um Mitternacht saß ich noch am Schreibtisch und redigierte einen Text. Plötzlich kreuzte der rote Teufel im Türrahmen auf. Ich dachte, mich trifft der Schlag! Sie hatte einen irren Blick und sagte: »Immer noch bei der Arbeit?«

Instinktiv rollte ich mit meinem Stuhl etwas zurück: »Wie bist du überhaupt hier reingekommen?«

»Die Putzfrau hat mir geöffnet. Weißt du nicht, dass sie nachts da ist? Bläst sie dir keinen, wenn sie unter deinem Tisch sauber macht?«

»Was willst du hier? Du gehörst ins Irrenhaus.«

Sie stürmte auf mich zu und wollte mir ins Gesicht schlagen. Ich wehrte mich und umklammerte fest ihre Handgelenke.

»Du Hund! Du Schwein! Hast mich benutzt und betrogen! Das wirst du büßen! Na warte!«, schrie sie hysterisch. Sie zappelte und krümmte sich in meinem Klammergriff und biss in meinen Unterarm. Immer irrsinniger wurde dieses Weib: »Was ist? Willst du mich wieder ficken? Haha! Das ist es doch, was du willst! Du mieses Schwein! Hahaha!!« Dann ließ sie ein markerschütterndes, wortloses, ununterbrochenes Gebrüll los. Die Putzfrau steckte, bleich vor Schreck, ihren Kopf zur Tür rein.

»Alles in bester Ordnung, kein Grund zur Beunruhigung«, rief ich ihr zu.

In diesem Moment der kurzen Unachtsamkeit gelang es der Irren, die linke Hand freizubekommen und mir eine Ohrfeige zu verpassen, von der ich ein paar Minuten lang taub war.

Alles in bester Ordnung, kein Grund zur Beunruhigung. Ich kam mir vor wie einer der Polizisten in einem amerikanischen Actionthriller, die der Menge von Schaulustigen am Tatort auch immer zurufen: Hier gibt es nichts zu sehen, gehen Sie bitte, gehen Sie alle nach Hause, hier ist alles in bester Ordnung! Dabei sind nach einer wilden Verfolgungsjagd die Schaufenster von einem halben Stadtviertel zertrümmert, an jeder Ecke ein brennendes Autowrack mit einer blutverschmierten Leiche darin. Alles in bester Ordnung, kein Grund zur Beunruhigung.

Als die Putzfrau wieder weg war, verpasste die tollwütige Zahnarztassistentin mir eine zweite Ohrfeige. Dann drehte sie sich auf dem Absatz um, knallte die Tür zu und ließ sich nicht mehr blicken.

Ich hatte als Chefredakteur des Tittenmagazins natürlich auch noch andere Verpflichtungen als die Vielweiberei. Zum Beispiel die Vielfliegerei. Denn ich wurde mit Einladungen in die ganze Welt überhäuft. In manchen Monaten verbuchte ich mehr Flugkilometer als ein Sonderbotschafter der Vereinten Nationen.

Ein solcher Monat war der April 2008. Es war auch der Monat, in dem ich in einem Flugzeug eine folgenschwere Bekanntschaft machen sollte.

Zuerst ging es nach Kapstadt, wo eine britische Auto-Nobelmarke der Presse ihr neuestes Modell präsentierte. Drei Tage machten wir Chefredakteure nichts anderes, als unsere Bäuche in den teuersten Restaurants mit Krokodil-, Antilopen- und Straußenfleisch vollzustopfen, am Hotelpool herumzuhängen und zwischendurch ein wenig mit dem Luxusschlitten durch die Gegend zu rasen.

Nach nicht mal vierundzwanzig Stunden Aufenthalt in Deutschland flog ich nach Darwin, Australien. Der Gastgeber war diesmal ein italienischer Sportwagenhersteller. Eine abenteuerliche Vollgastour nach Alice Springs war organisiert. Tausendfünfhundert Kilometer südwärts ins Landesinnere. Ausflüge mit dem Helikopter und Übernachtung in der Wildnis inklusive. Am letzten Tag torpedierte ich mit zweihundertsechzig Stundenkilometern einen Kakadu. Der Vogel prallte gegen die Windschutzscheibe, wirbelte durch die Luft und landete zweihundert Meter weiter hinten neben der Fahrbahn. Ohne Kopf. Zum Glück durchschlug der Vogel nicht die Scheibe, denn das hätte am nächsten Tag ein unappetitliches Foto mit folgender Schlagzeile in der Lokalzeitung gegeben: Mein Gott, wo ist sein Gesicht? Autofahrer von Kakadu getötet!

Als ich zurück nach München kam, hatte ich erst einmal drei Tage lang in der Redaktion zu tun. Termine mit Anzeigenkunden. Gespräche mit der Verlagsleitung. Das Geschäft wurde mit der Zeit immer härter. Tittenmagazine waren nicht mehr so gefragt. Man(n) sitzt heutzutage vor dem Computer. Das Internet liefert bewegte Bilder mit echtem Gestöhne. Die Gründerväter meines Magazins hätten sich das bestimmt nicht träumen lassen, damals in den achtziger Jahren, als sie sich dumm und dämlich verdienten und einen bedeutenden Kulturmenschen wie den deutschen Dramatiker Rolf Hochhuth als Leiter eines Literaturressorts verpflichteten.

Die nächste Einladung führte mich vier Tage später nach Barcelona. Der Sponsor eines Formel-1-Rennstalls lud zum Grand Prix. Wir Journalisten waren immer im Paddock Club untergebracht, riesigen, bis zu fünfhundert Personen fassenden Räumen oberhalb der Boxenstraße. Man saß an großen, festlich gedeckten Tischen. Hübsche Kellnerinnen in weißen Schürzen servierten Delikatessen und erlesene Spirituosen. Wer nicht zur privilegierten Schicht der Journalisten gehörte, zahlte für ein zwei Tage gültiges Paddock-Ticket dreitausendfünfhundert Dollar. Ein Kollege wankte während des Rennens volltrunken zur Brüstung und wollte von dort auf das Vordach klettern. Sicherheitsmänner in dunklen Anzügen nahmen ihn gerade noch rechtzeitig fest. Er wollte dem Finnen Kimi Räikkönen beim Nachtanken und Reifenwechseln ins Cockpit pinkeln. »Fe…Fe…rrari ge…winnt immer, das kotzt … mich an, das ist … ist stink … langweilig«, lallte er.

Anschließend stand dann noch ein Flug nach Las Vegas in meinem Terminkalender. Ein Interview mit Elton John war vereinbart. Der ewige Superstar gastierte mit seiner Langzeit-Show The Red Piano im Hotel Caesars Palace. Um die Sache zu vereinfachen, ließ ich mir im Caesars Palace ein Zimmer reservieren. Am Morgen nach meiner Ankunft traf ich mich mit dem Manager an der Rezeption. Eine halbe Stunde später sollte das Interview stattfinden. Der Manager war ein Riese mit kahlem Schädel. Er grüßte freundlich und sagte: »Es tut mir leid, aber das Interview mit Elton John kann nicht stattfinden.«

»Wie …?«

»Ich muss Ihnen absagen.«

So ein verdammtes Pech, dachte ich, wahrscheinlich ist Elton John ausgerechnet jetzt erkrankt.

»Darf man fragen, was der Grund ist? Las Vegas liegt für mich ja nicht gerade um die Ecke.«

»Na ja … Elton John hat keine Lust.«

»Keine Lust?«

»Richtig, er hat einfach keine Lust mehr auf das Interview.«

Ich hoffte, dass sich der Kerl vielleicht einen Scherz erlaubte. »Ist das Ihr Ernst?«, fragte ich.

Er verzog keine Miene: »Absolutely.«

»Aber das kann doch nicht wahr sein! Ich hab mich zehn Stunden in den Flieger gesetzt!«

»Das mag alles sein, aber er hat sich’s vor einer Stunde anders überlegt. So was kommt vor bei einem Weltstar. Plötzlicher Stimmungswandel. Er will nicht, da kann man nichts machen. Verstehen Sie?«

»Nein, das verstehe ich überhaupt nicht.«

Er klopfte mir auf die Schulter: »Sie werden es verkraften. Erzählen Sie’s mal Ihren Enkelkindern. Keep cool man.« Dann gab er mir die Hand und verschwand. So flog ich also von München nach Las Vegas, um im Caesars Palace die Matratze zu testen.

Kapstadt, Darwin, Monza, Las Vegas innerhalb von vier Wochen. Ich führte ein Jetset-Leben wie ein junger Prinz. Und es kostete mich keinen Cent.

Aber eines Tages, während einer Reisereportage in Ägypten, hatte ich das Gefühl, satt zu sein von alldem. Ich wohnte im Sieben-Sterne-Hotel Four Seasons in Kairo, am Westufer des Nils. Die PR-Managerin, eine Wiedergeburt der Pharaonen-Gattin Nofretete – ebenmäßige Gesichtszüge, langer Hals, hoheitsvolle Gesten, schwarzer Business-Anzug –, sagte mir während eines Rundgangs nach meiner Ankunft, dass man allein für die Blumenarrangements sechshunderttausend Dollar im Jahr ausgebe.

»Sechshunderttausend Dollar für Blumen, nicht schlecht«, gab ich mich beeindruckt, »davon könnten die Slums von Kairo ein Jahr lang leben.«

Nofretete lächelte sehr gequält. Später saß ich in meiner Suite am Mahagoni-Esstisch und betrachtete gleichgültig die vom Zimmerservice kredenzten kulinarischen Hochgenüsse: Schaumsuppe mit Hummerravioli und kurz gebratenen Thunfisch auf Kartoffel-Olivencreme mit Schneepilzen und Fliegenfischkaviar. Ein kurzer Blick auf die Uhr sagte mir, dass ich in einer Stunde von einem Chauffeur im Rolls-Royce zu den Pyramiden von Gizeh gebracht werden würde. Ich ließ mich lustlos gegen die Rückenlehne des Stuhls fallen. Fliegenfischkaviar und ein wartender Chauffeur im Rolls-Royce waren so selbstverständlich geworden in meinem Leben, wie jeden Morgen in Hemd und Hose zu schlüpfen. Dieser ganze Hokuspokus war auch nicht mehr steigerungsfähig – es sei denn, sie hätten mir die schönste Bauchtänzerin unter der Sonne des Orients für Tausendundeine geile Nacht als besonderen Willkommensgruß unter die Bettdecke gelegt.

Ich zerkaute ein Stück Hummerravioli und sehnte mich nach einer Kaschemme mit vergilbten Wänden in Wien oder München, wo ich ein Butterbrot mit Schnittlauch bekommen würde.

Nach dem Flop mit Elton John saß ich schon am frühen Abend wieder im Flugzeug Richtung München – neben mir zufällig der Redakteur einer deutschen Fernseh-Talkshow. Wir unterhielten uns sehr angeregt über die hübschen Stewardessen. Irgendwann sagte er zu mir: »Sie sind bekennender Macho. Und Sie sind lustig. Ich möchte Sie gern mal in unsere Sendung einladen. Wir machen immer wieder mal was zum Thema Mann/Frau. Hätten Sie Lust?«

»Klar.«

Ich bin aber nicht bloß ein Macho. In mir leben drei Typen: Macho, Dandy, Cowboy. Von jedem nur eine gesunde Portion – damit es nicht zu viel und womöglich peinlich wird. Für den Penthouse-Job war ich wie geboren.

Ich machte ein betont männliches Männermagazin. Das war keine Selbstverständlichkeit mehr. In den Heften der Konkurrenz fand man Tipps zum Auszupfen der Augenbrauen, Tipps für Maniküre und Pediküre, für Faltencremes und Gesichtsmasken. Kataloge für Schwuchteln dürften ähnlich aussehen. Mein Motto dagegen lautete: Männer, lasst endlich wieder Wind und Sand in eure Gesichter!

Ich lebte es vor. Ich kaufte mir ein Pferd und ritt als domestizierter Marlboro-Mann mitten durch München. Brauner Wallach, hochgewachsen, fünfhundertsiebzig Kilo. Ich gab ihm den Namen Hatatitla, der »Blitz«. So hieß Old Shatterhands Rappe. Als Reiter ist man ganz normaler Verkehrsteilnehmer nach der StVO mit allen Rechten und Pflichten. Man braucht keinen Schein, darf in der Stadt überall hin und kennt keine Parkplatznot. Und ich kann reiten wie der Teufel, erblich bedingt. Mein Urgroßvater diente als Rittmeister beim Dragonerregiment No. 4 »Kaiser Ferdinand«, verwundet im Ersten Weltkrieg am 24. August 1914 in der Schlacht bei Krasnik, heute Polen.

Ich brachte Hatatitla in den Stallungen eines Münchener Bürgerhauses unter, in dem vor vielen Jahren ein Fuhrwerkunternehmer residiert hatte. Mein Pferd teilte sich den Stall mit sieben Artgenossen. Ein tschechischer Stalljunge namens Jaromir versorgte die Tiere mit Futter und rief bei Bedarf den Veterinärmediziner herbei.

Wenn ich elegant gekleidet durch die Maximilianstraße ritt, stahl ich der Schickeria die Show. Die Damen, denen ich hoch zu Ross zum Rendezvous entgegenkam, jauchzten vor Freude. Mit einer gazellenhaften Brünetten ritt ich einmal nach mehreren Gläsern Whisky bei Schumann’s in den Englischen Garten. Sie saß hinten und krallte ihre Fingernägel immer fester in meinen Bauch. Es tat langsam weh.

»Brrr!«, rief ich unter einer vom Laternenlicht beschienenen Trauerweide. Hatatitla scharrte mit den Hufen und stand still. Ich stieg ab und fing die Lady in meinen Armen auf.

»Braves Pferdchen, schönes Pferdchen«, sagte sie und tätschelte Hatatitla den Hals.

Dann zerrte ich sie ins Gebüsch und zerriss wie ein Raubein aus dem Wilden Westen ihre Bluse. Auch musste ich ihr ziemlich grob den Mund zuhalten, da vorbeikommende Nachtschwärmer wegen des Geschreis womöglich gedacht hätten, Zeugen einer Vergewaltigung zu sein.

Eines Abends saß ich dann also tatsächlich in der Talkshow, und zwar im Nachtcafé des SWR. Das Thema lautete: Mannsbilder. Sind Softies die besseren Männer? Ich behauptete unter anderem, Männer seien die Schöpfer der Zivilisation, die Beschützer und Ernährer der Frauen. Der ganze Emanzipationskram habe an dieser Tatsache nichts ändern können. Schon am nächsten Tag wurde ich in einem Internetforum als ein die Frauen verachtender, niederträchtiger Mistbock bezeichnet. Auch bekam ich viele wütende E-Mails in die Redaktion. Offenbar hatte ich einen ganzen Haufen militanter, schnurrbärtiger Emanzen aufgescheucht, die ja nur deshalb militante Emanzen wurden, weil ihnen im Lauf der Jahre eben diese Schnurrbärte wuchsen und kein Mann der Welt bereit war, sie auch nur mit der Kneifzange anzufassen.

Eine E-Mail stach aus allen anderen hervor: Lieber Herr Molzer, ich habe Sie gestern zufällig im SWR-Nachtcafé gesehen. Zunächst hat mich an Ihnen die Unproportionalität Ihres Gesichts gestört. Sie haben, wie Sie wissen, eine viel zu große Nase, und im Gegensatz dazu einen unterdurchschnittlich klein geratenen Mund. Kriegen Sie denn problemlos einen Suppenlöffel in diese kleine Öffnung? Ist es Ihnen jemals gelungen, mit diesem Riesenzinken eine Frau zu küssen? Was mich jedoch viel mehr gestört hat, war der Blödsinn, der aus diesem Mund kam. Sie verwendeten das Wort Emanzipationskram und behaupteten, Männer seien auch im 21. Jahrhundert noch uneingeschränkt die Ernährer der Frauen. Glauben Sie das wirklich? Ich jedenfalls hatte und habe es nicht nötig, mich von Ihresgleichen ernähren zu lassen. Ansonsten fand ich Sie leider sympathisch. Mit freundlichen Grüßen, Ihre Lily P.

Es war die merkwürdigste, originellste, ungewöhnlichste, ja vielleicht beste E-Mail, die ich je bekam. Eine durchgehende Beleidigung. Eine Frechheit. Aber so gekonnt und charmant abgemildert durch die letzten sechs Worte: Ansonsten fand ich Sie leider sympathisch.

Natürlich ahnte ich noch nicht, dass diese E-Mail der Anfang vom Ende meines bisherigen Lebens sein würde. Ein Gefühl sagte mir, dass die Verfasserin keinen Schnurrbart trug. Obwohl ich an dem Tag eine Menge Arbeit zu erledigen hatte, las ich die Zeilen immer wieder. Sie gingen mir nicht aus dem Kopf und versetzten mich so sehr in Euphorie, dass ich selbst für diesen unterbelichteten Fotografen, der immer eine kirschrote Lederjacke trug und Siebzigerjahre-Koteletten hatte und unaufgefordert einmal pro Woche vorbeikam, um mir die schlechtesten Nacktfotos aller Zeiten verkaufen zu wollen, ein herzliches »Hallo, Manfred, schön dass du wieder vorbeischaust!« übrig hatte. Am liebsten hätte ich gleich zurückgeschrieben. Ich wusste nur nicht, was. Auch wollte ich dieser Lily P. nicht den Eindruck vermitteln, dass ich nichts anderes zu tun hätte, als auf E-Mails von Nachtcafé-Zuschauerinnen zu antworten. Ich ließ also noch zwei Tage verstreichen. Dann schrieb ich betont lässig: Liebe Lily P., vielen herzlichen Dank für die netten Komplimente bezüglich meiner Physiognomie. Was möchten Sie trinken? Herzlichst, Ihr Kurt Molzer

Auch sie wartete zwei Tage mit der Antwort: Lieber Herr Molzer, Champagner! Herzlichst, Ihre Lily P.

Ich beendete nun das eitle Warten und antwortete sofort: Liebe Lily P., das lass ich mir gefallen. Champagner, wunderbar! Aber wo leben Sie überhaupt? Herzlichst, Ihr Kurt Molzer

Noch am gleichen Tag musste ich dienstlich zu einem Routinebesuch in unser Mutterhaus nach New York. Ich hatte während des Fluges oft an Lily P. gedacht. Wie sie wohl aussehen mag? Wie alt sie wohl sein mag? Wie ihre Stimme wohl klingen mag? Wie sie sich wohl kleiden mag? Ich wusste gar nichts von ihr. Soll ich sie in der nächsten E-Mail um ein Foto bitten? Vielleicht besser. Denn was mach ich, wenn sie aussieht wie das Monster von Spitzbergen? Ich könnte beim Date einfach an ihr vorübergehen. Nein, wie denn, sie kennt mich ja aus dem Fernsehen. Ach was, ich werde kein Foto verlangen, ich will die Spannung aufrechterhalten. Sollte sie wirklich furchtbar hässlich sein, werde ich den versprochenen Champagner mit ihr trinken, aber nur ein Glas, bloß nicht auf eine Flasche einlassen, bloß nicht, so was kann sich quälend in die Länge ziehen.

Nichts beschäftigte mich im Moment jedenfalls so sehr wie Lily P. Im Hinblick auf die bevorstehenden Tage in New York wirkte dieser Umstand aber auch belastend. Denn ich hatte mich mit Lucy verabredet. Lucy war fünf Jahre jünger als ich – und ihr Körper eine Gefahr für die öffentliche Ordnung. Sie arbeitete als Pädagogin in einem Heim für schwer erziehbare Kinder und Jugendliche. Ich lernte sie während eines früheren Aufenthalts an einem Cash-Automaten in der parallel zum Broadway verlaufenden Amsterdam Avenue kennen. Als ich das entnommene Geld in meine Hosentasche stecken wollte, entglitt mir ein Fünf-Dollar-Schein. Lucy, die hinter mir wartete, fing ihn noch in der Luft auf und reichte ihn mir mit einem Gesichtsausdruck, der sagen sollte: War das jetzt nicht toll von mir? Hätten Sie mit so viel Geistesgegenwart einer wildfremden Person gerechnet?

Ich lächelte sie an: »Thank you very much.«

Plötzlich leuchteten ihre Augen auf. Ein spontanes Gefühl sagte mir, dass sie mehr wollte als ein paar Dankesworte. Also lud ich sie zum Lunch ein. Anschließend machten wir einen kleinen Verdauungsspaziergang, und als wir an der Columbia Universität vorbeischlenderten, fragte sie mich ganz unvermittelt, ob ich Lust hätte, ihre kleine gemütliche Wohnung in Queens zu sehen. Hatte ich, ehrlich gesagt, nicht die Bohne. Vögeln, dachte ich, könnten wir viel besser in meinem noblen Hotelzimmer in Manhattan. Warum soll ich mir eine Wohnung in Queens antun?

Weil ich mir jedoch nichts verpatzen wollte und auch angenehm überrascht war, wie schnell sie zur Sache kam, flötete ich: »Oh yes, it would give me great pleasure!«

Im Geist sah ich schon einen stinkenden Kater, der lästig an der Schlafzimmertür kratzt, während sie schreit: »My god, Kört, yes, fuck me harder!« So was hatte ich mal bei einer Braut in Chicago erlebt. Fünfundachtzig Prozent der alleinstehenden Frauen halten sich einen stinkenden Kater – du kannst hinkommen, wo du willst, das ist ein weltweites Phänomen, eine Plage.

Ich bereute die Fahrt mit der Subway nach Queens keine Sekunde. Lucy holte wirklich das Letzte aus mir raus – und sie lebte ohne Kater! Immer wenn ich später in New York war, vögelten wir, bis uns schwarz vor Augen wurde.

Nun aber brachte ich Lucy und Lily nicht unter einen Hut. Auch wenn es verrückt klingen mag: Obwohl ich diese Lily P. noch kein einziges Mal gesehen hatte, war es mir doch so, als würde ich sie mit Lucy betrügen. Lily P. störte meine Vorfreude auf den überwältigenden Sex mit Lucy ganz gewaltig. Aber ich nahm ihr das nicht übel, sondern fragte mich erstaunt: Herr Kurt, was geht bloß in dir vor?

Ich stieg wie immer im Peninsula ab, Fifth Avenue. Gleich nach meiner Ankunft, es war früher Nachmittag, checkte ich meine E-Mails. Sie hatte geantwortet: Lieber Herr Molzer, ich komme aus Wien und lebe auch dort. Und Sie? Im Nachtcafé war die Rede davon, Sie seien Österreicher. Wenn mich mein Gehör nicht getäuscht hat, dürften Sie ebenfalls aus der Wiener Gegend stammen, oder? Ich schlage deshalb vor, dass wir uns in Wien treffen. Was halten Sie davon? Herzlichst, Ihre Lily P.

Liebe Lily P., Sie haben richtig gehört. Ich bin Wiener. Ständig geplagt von Heimweh. Also, übernächstes Wochenende, Samstag, acht Uhr abends, im Daniel Moser, Rotenturmstraße. Einverstanden? Herzlichst aus New York, Ihr Kurt Molzer

Am Abend saß ich mit Lucy im Aureole, einem vorzüglichen Restaurant im Bank of America-Turm, Upper East Side. Lucy sah umwerfend aus. Sie trug einen Hosenanzug mit einem eng anliegenden Jackett. Jede Rille ihrer Brustwarzen zeichnete sich darin ab. Die Gedanken um die geheimnisvolle Frau aus Wien waren bei diesem Anblick im Nu verschwunden. Endlich wieder klarer Kopf! Ich gestand Lucy, dass ich sie gern auf der Stelle vernascht hätte.

Sie lächelte geschmeichelt: »Du solltest öfter nach New York kommen, Kört.«

»Hast du im Moment eine feste Beziehung?«, wollte ich wissen.

»Säße ich dann hier, mit dir?«

»Warum nicht«, sagte ich.

Sie lachte dreckig, nahm meinen Kopf zwischen ihre Hände, zog mich über den Tisch und gab mir einen Zungenkuss.

Wir besuchten anschließend noch mehrere Bars. Es war Lucys Wunsch. Wäre es nach mir gegangen, hätten wir uns gleich nach dem Essen ins Hotel verdrückt. Im Verlaine in der Rivington Street trafen wir Susan, eine ehemalige Arbeitskollegin von Lucy. Susan hatte ein freches Gesicht mit blonden Stirnfransen. Sie trug einen langen Rock und High Heels. Ein Kerl namens Steven lehnte an ihrer Seite. Schwarze Haare, schwarze Augen, schwarzer Vollbart, schwarze Lederjacke. Sieht aus wie einer, der Flugzeuge entführt, war mein erster Gedanke. Aber Steven erwies sich als netter, intellektueller Typ. Er hatte von seinen Eltern eine kleine Buchhandlung in Brooklyn geerbt.

Ich unterhielt mich eine halbe Stunde mit ihm. Wir tranken Gin Tonic. Die Frauen standen etwas abseits. Plötzlich spürte ich, wie Lucy von hinten sanft meine Hüften berührte.

»Darling«, säuselte sie mir ins Ohr, »hättest du Lust auf einen Vierer? Susan und ich wären dabei.«

Sie hatte mich eiskalt erwischt. Ich sah sie erstaunt an. Fassungslos. Eifersüchtig. Wortlos. Offenbar reichte ich ihr nicht mehr. Susan kam herüber und lächelte mich verführerisch an: »Und, was sagst du, Kört?«

Ich zuckte mit den Achseln: »Ich weiß nicht …, es kommt … überraschend.«

Um nicht als gekränkter Liebeskasper dazustehen, sprang ich über meinen Schatten und neigte mich zu Stevens Ohr: »Unsere Frauen wollen von uns beiden in die Mangel genommen werden. Ich meine, sie wollen es von uns beiden besorgt bekommen, abwechselnd, meine ich.«

Er stellte sein leeres Glas auf den Tresen und lachte: »Das kommt bestimmt von Susan. Sie ist unverbesserlich in der Hinsicht. Besonders wenn sie was getrunken hat. Aber von mir aus, gern.«

»Okay, bei mir im Peninsula?«, schlug ich mit der allergrößten Selbstverständlichkeit vor. In Wahrheit wurde mir kotzübel bei der Vorstellung, Lucys dunkelviolett gefärbte Fingernägel in des Buchhändlers Rücken festgekrallt zu sehen. Das Doppelbett im Hotel war breit genug für einen Vierer. Steven packte seine Freundin Susan von hinten. Ich legte mich auf Lucy. Die Frauen begrapschten und küssten sich währenddessen. Susan löste sich bald aus Stevens Griff und dockte bei mir an. Das fand ich durchaus erregend. Aber dann musste ich mit ansehen, wie Steven meiner amerikanischen Freundin den Hintern versohlte. Dabei stöhnte sie laut und lüstern. So laut und lüstern klang sie bei mir nie. Bevor ich Steven einen Kinnhaken verpasst hätte, sah ich weg und vergrub meinen Kopf in Susans Milchhügeln, die lange nicht so steil aufragten wie die von Lucy. Wenig später wollte Susan nun auch mal wieder Steven probieren, und so musste ich zusehen, wie Steven mit jeder Minute mehr zum Star des Abends wurde und meine sexuelle Reputation hier plötzlich nichts mehr wert war. Hart.

Wir wachten alle verkatert auf. Susan und Steven hatten es eilig. Sie schlüpften hastig in ihre Klamotten und verabschiedeten sich. Lucy blieb noch ein Weilchen.

Als wir uns später mit einem langen Kuss voneinander verabschiedeten, knetete ich dabei wie gewohnt ihre Brüste. Aber meine Gedanken waren schon wieder bei Lily P.

»Schade, dass du heute schon wieder abreist. Wann kommst du wieder nach New York?«, fragte Lucy mich mit einem schmachtenden Blick.

»Ich weiß es noch nicht, bald«, antwortete ich zerstreut – und setzte hinzu: »Wirst du nächstes Mal wieder anständig sein? Oder werden wir in einem ganzen Rudel bumsen?«

»Ach, Darling, nimm’s mir nicht übel. Gestern hatte ich einfach Lust, mal was anderes auszuprobieren. Es war doch geil, oder?«

Ich seufzte, gab ihr einen Klaps auf den Hintern, schob sie sanft auf den Flur und schloss die Tür. Dann atmete ich einmal tief durch. Ich schnappte mir meinen Blackberry, legte mich wieder ins Bett und checkte die neuesten E-Mails. Sie hatte geschrieben! Lieber Kurt Molzer, einverstanden, es wird mir eine Freude sein! Bis bald in Wien! Herzlichst, Ihre Lily P. PS: Was treiben Sie in New York?

Was treiben Sie in New York! Ich kam mir ertappt vor und schämte mich. Mein ganzer Körper roch nach zwei Frauen, und aus dem Mund stank ich nach Gin. Lily P., wenn du wüsstest, was für ein Ungetüm ich bin! Du würdest jede meiner E-Mails löschen und meinen Namen für immer aus deinem Gedächtnis streichen. Aber im nächsten Moment war’s mir schon wieder zu dumm. Was soll das? Du machst dich vor dir selbst lächerlich, dachte ich. Diese Lily P. ist doch nichts weiter als ein E-Mail-Phantom. Vergiss sie! Und überhaupt: für ein Blind Date nach Wien zu fliegen! Kommt nicht in Frage! Hast du doch gar nicht nötig, pah! Soll sie doch nach München kommen! Dann leg ich sie flach, und das war’s!

Dieses Gefühlskarussell ging mir allmählich auf die Nerven. Wäre es nicht das Beste, fragte ich mich, Lily P.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Früher ... war ich ein richtiger Ficker" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen