Logo weiterlesen.de
Frostseelen

BASTEI ENTERTAINMENT

Figuren- und Namensübersicht

ADEPTEN AN DER AKADEMIE DER GILDEN

Thea Namenlos, Brennerin

Eleni Orestis, Heilerin

Marius Orestis, der Jüngere, Brenner, Elenis Cousin

PRÜFER

Marius Orestis, der Ältere, Vorsitzender der Brennergilde, Marius’ Vater

Ismene Agadei, Brennerin, ehemalige Rektorin der Akademie der Gilden in Athos

Amphion, Lehrer in Leibesertüchtigung

Antonis, Lehrer in Triebkontrolle

REKRUTEN

Zoe, Brenner-Rekrutin

Agata, Brenner-Rekrutin

Toni, Brenner-Rekrut

Myk, Brenner-Rekrut, ehemaliger Minen-Arbeiter

Dyk, Brenner-Rekrut, ehemaliger Minen-Arbeiter

ATHOSIANISCHE SOLDATEN

Zenon Castor, Kommandant der Ersten Division, Brenner

Liroi, Zweiter Kommandant der Ersten Division, Heiler

Louk, Hauptmann der Ersten Division, Brenner

Malefi, Hauptmann der Ersten Division, Brennerin

Aris, Hauptmann der Ersten Division, Heiler

Kostas Orestis, Kommandant der Achten Division, Elenis Vater

Ian, Hauptmann der Achten Division, Theas Verlobter

Olaf, Fährtensucher und Kopfgeldjäger in Diensten der athosianischen Armee

NØRLAENDER

Anders Eriksson, Vereiser

Kazimir Borgersson, Anders’ Ziehvater, Seher

Jönnika Fredriksdotter, auch Ma Fredrik genannt, Wirtin vom Einsamen Bergfall, Anders’ Tante, Seherin

Trondur, Waffenhändler

Geir Borgersson, Bruder von Kazimir, Gelehrter

Gurli Vinnandotter, Wirtschafterin von Geir Borgersson

Askil Frodursson, Clanführer aus dem Grenzland

Fenris, Oberster Njard-Priester

Zoya, Priesterin des Njard

DIE VIER HOHEN GESCHLECHTER VON ATHOSIA

Agadei

Castor

Leontes

Orestis

DIE ACHT DIVISIONEN DER ATHOSIANISCHEN ARMEE

Erste Division, Sondereinheit aus Brennern und Heilern, in der Hauptstadt stationiert. Im Kriegsfall verstärkt die Erste Division die anderen Divisionen im Feld.

Zweite bis Fünfte Divisionen, ländliche Truppen in den vier Provinzen

Sechste Division, die Marine

Siebte Division, Grenzeinheit im Süden

Achte Division, Grenzeinheit im Norden

GÖTTER DER NØRLAENDER

Svarog, der Spieler, Gott des Frühlings und der Liebe

Synnøve, die Lebenspendende, Göttin des Sommers und der Magie

Tyr, der Weise, Gott des Herbstes und der Erkenntnis

Njard, der Verzehrer, Gott des Winters und des Todes

Sie kommen.

Ich kann sie spüren, so wie ich den kalten Wind auf meiner Haut spüre.

Bloße Füße knirschen auf Eis. Schemen schälen sich aus dem Schneetreiben. Tastende Hände. Bleiche Gesichter, überzogen von Flechten aus Frost.

Der Vereiser steht neben mir. Seine Miene ist ruhig. Über seiner Hand rotiert ein Eiszapfen, ein gläserner, todbringender Stachel.

Das ganze Töten, will ich flüstern. Wann hört es endlich auf? Doch ich sage es nicht.

In seinen Rabenaugen lese ich die Antwort, und ich muss sie ihm glauben, weil ich es sonst nicht ertrage.

Sie sind schon tot. Wir bringen sie nur nach Hause.

Kapitel 1

Das Feuer prickelt auf meiner Haut wie ein warmer Frühlingsregen. Ich hebe die Hand und lasse die Flamme höher lodern.

»Jetzt!«

Ich balle die Finger zur Faust. Ein Feuerball schießt über den Hof. Noch ehe er die Zielscheibe erreicht, wirbele ich herum und lasse den nächsten aus meiner Faust schnellen, dann noch einen. Eins, zwei, drei, vier. Es knallt in rascher Folge. Während ich mich in der Luft drehe, erglühen die getroffenen Metallmänner dunkelrot. Fünf, sechs. Meine Füße tanzen über die heißen Pflastersteine. Sieben.

Funken stieben auf, als der letzte Feuerball über das Ziel hinausschießt und in eine Wand prallt. Eine Gruppe Adepten flattert kreischend auseinander wie ein Schwarm grauer Tauben.

»Mist.« Ich lasse die Faust sinken. Ich habe sie erneut verfehlt. Die siebte Zielfigur scheint mich höhnisch anzugrinsen.

Eleni, die geduckt zu meinen Füßen ausgeharrt hat, springt auf die Beine. »Alles in Ordnung?«, ruft sie besorgt zu den Adepten hinüber. Die vier halbwüchsigen Jungen und Mädchen ziehen aufgebrachte Grimassen und klopfen sich die Glut aus den Tuniken. Mich schauen sie dabei lieber nicht an. Dafür wirft Eleni mir einen missbilligenden Blick zu. »Du hättest warten können, bis sie vorbei sind.«

»Ich hatte ja nicht vor, sie zu treffen.« Ich senke den Kopf und massiere meine linke Hand. Mein Feuer ist erloschen, aber das Prickeln ist noch da und gleicht jetzt mehr einem nervösen Stechen.

»Thea, du bist verrückt«, erklärt meine Freundin mit der Ernsthaftigkeit, mit der sie all ihre unumstößlichen Wahrheiten verkündet.

»Ach ja?« Ich kneife die Augen zusammen. »Einmal noch.«

Ich fixiere nacheinander die sieben Ziele. Es sind menschliche Silhouetten aus Metall, die mich umzingeln wie ein Ring finsterer Feinde. Ihre rußige Schwärze stammt von den Flammen, die tagtäglich bei den Übungsstunden dagegen donnern. Feuerbälle von offensichtlich fähigeren Brennern als mir. Doch ich gebe nicht auf. Bereit für einen weiteren Kampf, Metallmänner? Ich stelle mich in Position.

Eleni verdreht die Augen, dann kauert sie sich mit einem Seufzen zurück auf den Boden. Sie wird meine Zeit messen und außerdem beobachten, ob ich die seit Jahrhunderten festgelegte Schrittfolge einhalte. Darüber mache ich mir allerdings am wenigsten Sorgen.

Ein Flüstern lässt mich stocken. Meine Patzer haben Aufmerksamkeit geweckt. In den Schatten der Säulengänge rund um den Übungshof sammeln sich Adepten, und ihre Blicke piken wie Lanzenstiche auf meiner Haut. Unwillkürlich ziehe ich die Schultern ein. Aufgerichtet überrage ich die meisten von ihnen, doch ich hasse es aufzufallen.

Erneut balle ich die Hand zur Faust. Tief in meinem Bauch züngelt das Feuer wie eine schwarze Kobra. Ein verführerisches, tödliches Reptil, das darauf lauert zuzustoßen.

Meister Antonis würde über diesen Vergleich die Nase rümpfen. Der Feuertrieb ist nichts als ein komplexes Werkzeug, das es mit Geist und Disziplin zu beherrschen gilt. Seine nasale Stimme tönt in meinem Ohr. Wenn du das nicht lernst, wirst du den Meistertitel nie erringen.

Wenn er wüsste, wie hart ich Tag und Nacht daran arbeite, würde er vielleicht nachsichtiger sein. Doch ich will kein Bedauern. Entschlossen rufe ich meine Gedanken zur Ordnung, forme sie zu einem einzigen, stählernen Impuls.

»Jetzt!« Eleni dreht die Sanduhr um.

Flammen schießen aus meiner Faust. Ihre lodernde Wildheit will mich mitreißen, doch ich packe sie mit aller Kraft, die ich habe. Sie sind von mir geschaffen, um zu gehorchen. Ich zeichne mit den Augen eine Linie in die Luft, die Flugbahn zum Ziel.

Der erste Feuerball schnellt von meiner Hand, dann der zweite. Ich fege über das Pflaster in Sprüngen, die ich inzwischen selbst im Traum beherrsche. Ich liebe den Tanz, doch dem Feuertrieb traue ich nicht. Zwei Mal stocke ich, um die Flammen weiterhin unter meiner Kontrolle zu halten. Immerhin finden dieses Mal alle sieben Bälle ihr Ziel.

Aufatmend löse ich meine Faust. »Und?«

Eleni liest die Ziffern an der Sanduhr ab, dann strahlt sie mich an. »Na endlich! Du hast es geschafft.«

Ich bin also innerhalb der vorgegebenen Zeit geblieben – allerdings habe ich sicherlich keinen neuen Rekord aufgestellt. Wird es für morgen reichen?

»Jetzt ist es aber genug.« Eleni wischt sich über die schweißbedeckte Stirn. Sie ist keine Brennerin wie ich. Die Sonne macht ihr zu schaffen, obwohl sie ihr Haar und ihre Schultern mit einem weißen Tuch bedeckt hat.

Ich packe ihre Hand und ziehe sie hoch. Wir eilen über die flirrenden Pflastersteine zu den schattigen Säulengängen hinüber. Ich überrage Eleni um fast zwei Köpfe. Doch während sie so aufrecht geht wie eine Königin, ziehe ich die Schultern ein und glaube, immer noch kritische Blicke auf mir zu spüren. Trotz meiner Entschlossenheit, alles zu geben, bin ich empfindlicher als sonst, fühle mich so durchscheinend, als hätte jemand meine Haut abgezogen und mich schutzlos in der Sonne zurückgelassen.

Unter dem kühlen Marmor herrscht allerdings Leere. Meine Zuschauer haben sich zerstreut.

Eleni löst das Tuch von ihrem dunkelblonden Haar und streicht den Staub von ihrem Gewand. Letzte Woche hat sie ihre graue Adeptentunika gegen das weiße Kleid einer Heilerin ausgetauscht.

Sie legt den Kopf in den Nacken. »Das ist schon der zweihundertvierzigste Sonnentag in diesem Jahr«, tadelt sie den blauen Himmel über den Säulen. »Und diese Hitze verfälscht sämtliche Messwerte meiner Laborpflanzen.«

Ein Moment lang betrachte ich sie. In dem kunstvoll drapierten Kleid wirkt sie so zart wie eine Porzellanpuppe. Eleni hält sich jedoch für alles andere als zerbrechlich, und tatsächlich kann sie so zäh wie Leder sein. Die Abschlussprüfung der Heiler hat sie als die beste ihres Jahrgangs bestanden. Auf andere wirkt sie allerdings oft merkwürdig, denn sie denkt in ihren ganz eigenen Kategorien, die kaum etwas mit den gesellschaftlichen Auffassungen von Richtig und Falsch zu tun haben, geschweige denn mit Höflichkeit. Ich halte sie schlicht für zu klug für unsere Welt. Das macht sie oft zum Ziel von Bösartigkeit – doch dann bin ich da, um sie zu beschützen.

»Wollen wir etwas essen gehen?«, fragt sie und stemmt die Hände in die Hüften. »Oder sollen wir erst in dein Zimmer? Du hast ein Loch am Saum.«

Ich blicke an mir herab. Ich trage immer noch die graue Tunika der Adepten. Sie besteht aus feuerfesten Enai-Palmfasern, aber vermutlich bin ich irgendwo hängen geblieben. Sie ist mir inzwischen ohnehin zu kurz und zeigt meine knochigen Knie. Ich wollte meine Mutter nicht um das Geld für eine neue bitten, obwohl ich bis vor Kurzem glaubte, sie noch ein Jahr tragen zu müssen. Doch der Krieg hat alles geändert.

»Das brauche ich wohl nicht mehr flicken.« Ich blicke hinauf zu den Fahnen, die über den Mauern der Akademie flattern. Die gekreuzten Schlangen der Heilergilde, grün auf weißem Grund. Die rot-schwarzen Zacken der Brennergilde. Und darüber, seit zehn Tagen gehisst, die leuchtende Sonnenflagge von Athosia, unserer stolzen Republik, die dem Norden den Krieg erklärt hat. In der ganzen Stadt weht sie gelb auf Dächern und Zinnen, eine öffentliche Bekundung der Bürger, dass sie hinter dem Kanzler und seiner schweren Entscheidung stehen.

Jemand applaudiert hinter mir, langsam und peitschend. »Das war eine der leichteren Übungen.«

Die spöttische Stimme lässt mich herumfahren. Ich habe mich geirrt, nicht alle meine Zuschauer sind gegangen. Marius Orestis schlendert den Säulengang entlang. Marius, Elenis Vetter, mit dem sie außer dem gemeinsamen Hohen Blut nichts verbindet. Ihm folgen zwei Kerle und ein Mädchen seiner Anhängerschaft. Obwohl sie ebenfalls Adepten sind, tragen sie selbstbewusst keine feuerfesten Tuniken mehr, sondern maßgeschneiderte graue Gewänder aus feinstem Linnen. Um Marius’ Hals baumelt zudem eine Kette aus gelbglänzendem Chrysos. Nur dass es kein Chrysos ist, sondern ein Imitat, denn schon seit Jahrzehnten darf niemand in Athosia mehr solchen Schmuck tragen.

Marius klatscht immer noch. Seine Hände sind gepflegt, doch die Nägel sind abgekaut. Marius gilt unter den anspruchsvollen Bewohnern unserer Hauptstadt Athos als gutaussehend. Mir sind seine Lippen zu wulstig, seine Züge zu glatt, und seine Muskeln wirken künstlich, als würde er Polster tragen. Er trägt die gelockten Haare zu einer affektierten Frisur nach vorne getürmt, die allerdings die Verbrennung auf seiner Schläfe nicht verbergen kann. Ich habe ihn dort vorhin in der Stunde der Körperlichen Ertüchtigung mit einem glühenden Fußtritt getroffen. So kurz vor den Prüfungen muss ich beim Kampf alles geben. Dass mein Körper zu glühen anfing, war jedoch keine Absicht. Mein Feuertrieb ist relativ schwach, und noch dazu habe ihn nicht gut im Griff, vor allem nicht, wenn ich in Wut gerate – deshalb bin ich als Brennerin höchstens Durchschnitt. Im Nahkampf bleibe ich allerdings ungeschlagen.

»Wie geht es dir, Marius?«, fragt Eleni und legt den Kopf schief, während sie ihren Vetter so interessiert betrachtet, als wäre er eines ihrer Studienobjekte. Wer Eleni kennt, weiß, dass sie niemals ironisch ist. »Soll ich deine Wunde heilen?«

»Bleib mir vom Leib«, zischt er. »Ich rede mit Theferia.«

Marius gehört wie Eleni zum Abschlussjahrgang. Andere wären geschmeichelt, wenn er ihren Namen kennen würde, doch ich nicht. Ich weiß, dass er mir nicht mit Freundlichkeit begegnet. Ich passe weder in seine elitäre Welt, noch füge ich mich in die Herde seiner Bewunderer ein. Seit sechs Jahren bin ich hier, in dieser Bildungsstätte der Auserlesenen. Wenn ich mit hochgeborenen Brennern wie Marius zu tun habe, fühle ich mich jedoch immer noch wie ein Fremdkörper. Denn ich gehöre keinem der vier Hohen Geschlechter an, den vier edlen Familien, aus denen ausnahmslos alle Adepten stammen. Alle außer mir.

Ab morgen wird das jedoch zweitrangig sein. Morgen ist der Tag der Feuerprüfung. Marius wird die Akademie der Gilden gewiss mit Auszeichnung verlassen, und das Geschlecht der Orestis wird ihm eine glänzende Zukunft bereiten. Ich werde wahrscheinlich mehr schlecht als recht durch die Feuerprüfung stolpern und nur aufgrund meiner anderen Fähigkeiten bestehen. Trotz meiner Unzulänglichkeit werde ich jedoch ihm und den anderen Zöglingen endlich gleichgestellt sein. Uns allen wird der Meistertitel gebühren. Und gemeinsam mit Eleni werde ich weit weg von hier neu anfangen, dort, wo es nicht um Herkunft, sondern um Kameradschaft und Tapferkeit geht: in der Armee.

Deshalb gehe ich Marius heute nicht aus dem Weg, sondern bleibe stehen und blicke ihm direkt in die Augen.

»Was willst du?«

»Was ich will?« Er hebt die linke Augenbraue, die zu meiner Schadenfreude leicht angesengt aussieht. »Die Frage ist eher, was du willst. Du willst dem Aufruf des Rektors folgen und morgen freiwillig antreten, um dich danach als Soldatin zu verpflichten? Ich wusste gar nicht, dass du so eine Patriotin bist.«

Natürlich weiß er das nicht. Er weiß gar nichts über mich.

»Oder treibt dich etwas anderes?«, fährt er fort. Er lächelt plötzlich. »Ist es vielleicht Liebe?« Das Wort gleitet über seine lüstern geschürzten Lippen wie Honigmilch. Mir dagegen steigt es bitter in der Kehle auf.

»Dein Verlobter soll Soldat im Grenzgebirge sein, stimmt das? Wie romantisch, dass du in der Stunde des Krieges bei ihm sein willst.« Die beiden Jungen hinter ihm stoßen sich an, das Mädchen kichert.

Ich beiße mir auf die Zunge. Woher weiß er von Ian? Ich habe ihn nur wenigen gegenüber erwähnt, und einzig Eleni weiß alles über uns. Eleni, die sich genauso um mich kümmert wie ich mich um sie.

»Marius, das geht dich gar nichts an«, rügt sie ihn.

»Stimmt«, krächze ich.

Marius’ Lächeln wird breiter. »Vernunft, Disziplin, Gemeinschaft.« Er zitiert die Grundsätze, die über dem Eingang der Akademie eingemeißelt sind. Dem Torbogen, unter dem ich morgen ein letztes Mal hindurchgehen werde – im schwarzen Umhang der Brenner. Ich atme tief durch und versuche, das Feuer in meiner Brust zu besänftigen.

»Worauf willst du hinaus?«, frage ich. Wahrscheinlich ist es falsch, mich überhaupt auf ein Gespräch einzulassen. Doch die Fähigkeit zum Taktieren, die den meisten Adepten in die Wiege gelegt zu sein scheint, geht Eleni und mir leider ab. Allerdings ist es Eleni im Vergleich zu mir auch gänzlich gleichgültig, was die anderen von ihr halten. Nun ist es jedenfalls zu spät, Marius zu stoppen.

»Eine Gemeinschaft sollen wir sein, und als Teil dieser mache ich mir Sorgen um dich«, sagt er. Sein Lächeln ist so falsch, dass ich es ihm aus dem Gesicht schlagen will. »Zuerst deine mangelnde Bereitschaft, dich einzufügen. Du lässt dich mit einem Gemeinen ein? Du scheinst vergessen zu haben, was deine Pflicht ist.«

Ich balle die Fäuste hinter dem Rücken. Marius scheint vergessen zu haben, dass ich selbst eine Gemeine bin. Doch wenn ich einmal den Meistertitel der Brenner errungen habe, werde ich eine Bürgerin sein wie er. Und dann gibt es kein Gesetz mehr, das mich zwingt, mich in der Partnerwahl auf meine Berufsgilde zu beschränken. Nur eine Konvention, und auf die pfeife ich.

»Und jetzt das«, fährt er fort, ohne zu ahnen, was mir durch den Kopf geht. »Du fällst die schwerwiegende Entscheidung, zur Prüfung anzutreten, nicht vernünftig und mit dem Verstand, sondern aufgrund von Gefühlen. Hast du nichts gelernt?«

Ich balle Fäuste so fest, dass meine Finger heiß werden. Marius redet einfach weiter. »Ich will nur verhindern, dass du dich blamierst, Theferia. Ich sehe schon vor mir, wie du Brandlöcher in die Gewänder der Prüfer sengst.« Seine Freunde lachen nun offen. »Dabei mache ich mir nicht nur Sorgen um dich …«, er hebt theatralisch einen mahnenden Finger, »… sondern auch um meinen Vater.«

Der als Vorsitzender der Brennergilde einer der Prüfer ist. Als ob mir das entgangen wäre.

»Wahrscheinlich verstehst du das nicht«, fügt Marius hinzu. »Wie solltest du auch. Wo du doch keinen Vater hast. Und noch dazu missgebildet bist. Ein Finger zu viel, ein Name zu wenig. Kein Wunder, dass du dich mit dem erstbesten Grenzschläger einlässt.«

Ein Finger zu viel, ein Name zu wenig. Der Spottruf, der mir seit sechs Jahren immer wieder begegnet. Er brennt hinter meiner Stirn, als hätte ihn jemand dort eingemeißelt. Eigentlich sollte ich daran gewöhnt sein, doch das bin ich nicht.

Marius’ Fehler ist es, sich beifallheischend zu seiner Gefolgschaft umzuwenden. Im nächsten Augenblick liegt er auf dem Boden, und ich presse sein Gesicht auf die Marmorsteine. Ehe ihm einer seiner Begleiter zu Hilfe eilen kann, habe ich ihn jedoch schon wieder losgelassen und springe mit einem federnden Satz zurück auf die Füße. In jedem meiner Muskeln pulsiert Feuer, und mein verdammter sechster Finger an der linken Hand juckt, als hielte ich ihn in ein Ameisennest. Dieses nutzlose hässliche Anhängsel, das mich auch noch äußerlich vor allen anderen als Sonderling brandmarkt. Laut Eleni stammt der zusätzliche Finger wahrscheinlich aus der Erblinie meines Vaters. Allerdings habe ich außer mir noch nie jemanden mit sechs Fingern getroffen.

Marius’ Freunde helfen ihm auf. Eleni streckt die Hand aus, und streicht über seinen Arm. Als Heilerin reicht ihr eine kurze Berührung, um zu erfahren, ob er verletzt ist.

»Ihm geht es gut«, teilt sie uns mit.

Er schiebt sie beiseite und starrt mich wütend an. Ich lauere wachsam auf jede seiner Bewegungen. Gleichzeitig bin ich wütend auf mich selbst. Habe ich den Verstand verloren? Sie werden mich in Grund und Boden rammen!

Marius winkt jedoch nur mit der Hand, um seine Anhänger von mir zurückzuhalten. Keine Aggression, ein weiterer Grundsatz der Akademie. Er ist zu schlau, um ihn zu brechen, schlauer als ich. Er spuckt mir verächtlich vor die Füße, dann wendet er sich ab.

»Du tust mir leid, Theferia«, sagt er noch im Gehen über die Schulter. »Selbst an der Disziplin scheiterst du, gefühlsduseliges Weib. Du hast es nicht verdient, für unsere Republik zu kämpfen.«

Eleni neben mir schnauft entrüstet, doch ich höre sie kaum. Marius’ Worte machen meine Brust eng und lassen Tränen in meine Augen steigen.

Marius’ Anschuldigungen sind falsch. Ich möchte in den Krieg ziehen, um meinem Land zu dienen. Doch er hat auch ins Schwarze getroffen. Ich lasse mich tatsächlich von meinen Gefühlen beherrschen. Seit Tagen habe ich kaum mehr geschlafen, sondern so verbissen geübt, dass mein ganzer Körper wund ist. Ich habe meine Stunden mit Arbeit gefüllt, um nicht daran denken zu müssen, dass Ian in eine Schlacht ziehen wird, deren Ausgang keiner vorhersehen kann. Ich will meinem Land dienen, ja, aber ich will auch bei ihm sein. Er weiß noch gar nicht, dass ich mich der Armee anschließen will, um ihn beschützen zu können, soweit meine kümmerlichen Brennerfähigkeiten reichen. In meinem Kopf höre ich sein helles Lachen. Du willst mich beschützen, Wildkatze? Dein Schutz ist doch meine Aufgabe. Ian lacht gern und viel. Und ich will ihn wieder lachen hören, bald. Deshalb bleibt mir keine Wahl: Ich muss die Prüfung morgen bestehen.

Kapitel 2

»Verehrte Meister der Brennergilde, verehrtes Prüfungskomitee. Liebe Eltern und Freunde, liebe Adepten. Wir schreiben das Jahr 499 seit Gründung der Republik, und das 494. Jahr der Abschlussprüfungen in diesen ehrwürdigen Hallen.«

Der Rektor spricht von der Kanzel auf über vierhundert Versammelte herab. Da wir, die Prüflinge, leicht erhöht an der Vorderseite der Säulenhalle sitzen, kann ich den Raum gut überblicken. Das Publikum füllt ihn bis in die hinterste Ecke, ein wogendes Meer aus schwarzen und weißen Gewändern, darüber helles Haar, das im Glanz der hereinfallenden Sonne zu leuchten scheint. Die meisten Mitglieder der Hohen Geschlechter von Athosia sind blond, und die Mode schreibt seit einigen Jahren beiden Geschlechtern vor, das Haar wie in alten Zeiten offen und lang zu tragen. Einige haben es zu Löckchen gedreht, die sich um ihre Häupter bauschen wie Lämmerwolle. Sie ähneln damit beinahe gespenstisch den Figuren an den Wänden, die auf ewig erstarrt sind in Mosaiken aus der glorreichen Vergangenheit unseres Landes. So gut wie alle Brenner und Heiler unseres Landes entstammen den vier Hohen Geschlechtern: den Orestis, den Leontes, den Castors und den Agadeis. Diese sind mehr als Sippen oder hochgeborene Familien, sie sind die regierenden Parteien unserer Republik. Die Hohen blieben immer schon unter sich – selbst die Bastarde werden in die Familie adoptiert. Normalerweise. Nur ich bin ein unerwünschter Ausrutscher von einem aus ihren Reihen, der sich entgegen den Gepflogenheiten niemals zu erkennen gab. Und mich dadurch zu einem namenlosen Bastard gemacht hat. Mein sechster Finger fängt an zu jucken, sein Erbe. Ich reibe ihn hektisch. Seit ich ein Kind war, halte ich nach einem Mann mit sechs Fingern Ausschau, doch ich bezweifle inzwischen, ihn je zu finden.

»Dies ist ein wahrhaft außerordentlicher Tag für alle von uns – doch für einige in besonderem Maße«, fährt der Rektor fort. Schweiß rinnt ihm über die Schläfe und tropft auf den Kragen seiner weißen Robe. Als Heiler kann er mit der Hitze nicht so gut umgehen wie wir.

Einst gab es mehr als ein Dutzend Lehrakademien für Brenner und ebenso viele für Heiler, die über die ganze Republik verteilt waren. Wegen der abnehmenden Adeptenzahlen wurden nach und nach immer mehr von ihnen geschlossen, bis es nur noch eine Handvoll waren. Vor einem Jahrhundert schließlich beschlossen die Gilden, Brenner und Heiler zusammen auszubilden, um die Organisation der Lehreinheiten effizienter zu gestalten. Heute gibt es landesweit noch vier gemeinsame Akademien. Unsere hier in Athos ist nicht nur die älteste, sondern auch die renommierteste unter ihnen. Sie wird wie die anderen nun im dreijährigen Wechsel von einem Heiler oder einem Brenner geleitet.

Wie viele Heiler neigt unser Rektor zu gestelzten Sätzen, die klug klingen und wenig aussagen. Ich habe den Verdacht, dass sie das tun, um ihre Patienten zu verwirren – oder zu beruhigen.

Heute funktioniert es nicht, zumindest nicht bei mir. Meine Hände schwitzen, obwohl mir die Hitze eigentlich nicht so viel ausmachen sollte wie ihm.

Der Rektor wischt sich über die Stirn. »Die dreißig Adepten des Abschlussjahrgangs der Brenner treten heute an, um vor den prüfenden Augen des Komitees ihre Fähigkeiten unter Beweis zu stellen. Sieben Jahre haben sie dafür gelernt. Heute wird sich zeigen, ob ihr Können genügt.« Sein Blick gleitet über die Adepten, die auf der Bank vor mir sitzen. Ich sehe nur Hinterköpfe in den Schattierungen von hellblond bis dunkelblond. Manche scheinen zu Boden zu blicken, andere haben den Kopf stolz erhoben. Auch Marius gehört zu ihnen. Ich beneide ihn um seine Selbstsicherheit. Nur einen kenne ich, der ironischerweise ebenso selbstsicher ist: Ian.

»Vernunft, Disziplin, Gemeinschaft«, sagt der Rektor. »So lauten die Leitsätze der Akademie der Gilden. Die Hinwendung zum Denken, das Schärfen des Verstands zu einer Klinge, die Wirklichkeit und Aberglaube voneinander scheidet, das ist das höchste Ziel von Erziehung. Denn Vernunft und Verstand sind die Grundpfeiler unserer Gesellschaft. Sie erheben uns zu fortschrittlichen Menschen, sie brachten unsere Gründungsväter hervor, die einst das Chaos der Dunklen Zeit besiegten und das Fundament unserer Republik legten.«

Ich bin abgelenkt, meine Blicke flattern wie gefangene Schmetterlinge hierhin und dorthin. Es ist nicht schwer, meine Mutter in der Menge zu finden. Ich wusste, dass sie sich einen Platz in der letzten Reihe suchen würde. Und dort erblicke ich ihr braunes Haar und ihr schmuckloses blaues Gewand, ihr sanftes Gesicht, das heute ein wenig verschreckt wirkt. Sie muss sich inmitten der Menschenmenge aus Hochgeborenen verloren fühlen. Wenn nicht Eleni versprochen hätte, sie heute morgen an den Stadttoren in Empfang zu nehmen, sie bei sich zu Hause wohnen zu lassen und sich auch sonst um sie zu kümmern, hätte ich ihr verboten, überhaupt zu kommen. Sie gehört nicht hierher in unsere arrogante Hauptstadt Athos, die sich am Ufer des Sees Hogaisos räkelt wie eine verwöhnte Tigerin. Sie gehört in die weiten Hügel der Provinz Irelin im Westen, wo mehr Schafe als Menschen leben und nur die Ipallin, die als oberste Beamtin unseren kleinen Distrikt regiert, und ihre beiden Töchter blond sind – und ich.

Ich fange Mutters Blick auf und lächele ihr etwas gezwungen zu. Ich bin froh, dass sie hier ist, auch wenn mich bei ihrem Anblick wie immer eine Mischung aus Liebe und Frust durchzuckt. Inzwischen juckt nicht nur mein Finger, sondern mein ganzer Arm. In meiner Nervosität habe ich ihn bereits mit Kratzern übersät, die teilweise bluten. Rasch fasse ich in die Seitentasche meiner Tunika und krame nach dem kleinen Pastillendöschen. Morgens habe ich bereits eine Dosis genommen, doch eine zweite kann heute nicht schaden. Laut Eleni leide ich an einer Stoffwechselstörung, die das Jucken verursacht. Sie hat mir ein Mittel dagegen gemischt, das außerdem die Wundheilung der Kratzer beschleunigt und ein leichtes Betäubungsmittel gegen die Schmerzen enthält. Dass das Jucken stets am Finger anfängt, nennt sie psychosomatisch, was im Kauderwelsch ihrer Gilde sicherlich besser klingt als gestört.

»Wir haben euch auch Disziplin gelehrt«, spricht der Rektor weiter. »Denn Gehorsam und Selbstbeherrschung sind unabdingbar, um die Triebe zu unterwerfen, die euer hochgeborenes Blut mit sich bringt. Und ihr habt es erreicht, sonst wärt ihr heute nicht hier. Ihr habt den Feuertrieb mit eurem Willen gezähmt und ihn zu einem Werkzeug geformt. Einem Werkzeug, das euch zu kostbaren Mitgliedern der Gesellschaft erheben wird, zu würdigen Dienern der Republik und zu Führern des Volkes, je nachdem welchen Beruf die Gilde euch bewilligen wird.«

Der Blick des Rektors wandert eine Reihe nach hinten, zu uns, die wir leicht abgerückt von den anderen auf einer zusätzlichen Bank sitzen. Meine Sitznachbarn beginnen wie auf ein geheimes Signal auf ihren Hintern herumzurutschen. Ich kann ihre Nervosität beinah körperlich spüren. Ich umfasse meine beiden Arme, um mich nicht mehr zu kratzen – und so sitze ich zwischen den Zappelnden reglos aufgerichtet wie eine Steinstatue, die ein wenig zu lang und zu dünn geraten ist. Erst als der Direktor wieder wegschaut, werfe ich mir die Pastille in den Mund. Sie ist bitter und macht meinen Mund taub, doch wenigstens hört der Finger auf, mich zu drangsalieren.

»Wir befinden uns in einer denkwürdigen Situation«, fährt der Rektor fort. Er hebt die Hand zu einer mahnenden Geste und seine Bewegungen wirken plötzlich fahrig, als sei er genauso nervös wie wir. »Krieg herrscht im Norden. Krieg gegen die Barbaren jenseits der Grenze, die all das bedrohen, was wir uns in den letzten Jahrhunderten mühsam aufgebaut haben. Um unsere Republik zu beschützen, brauchen wir unerschrockene Soldaten an den Grenzen. Auf den Appell unseres verehrten Kanzlers haben sich bereits im ganzen Land tapfere Männer und Frauen gemeldet, um unsere Truppen zu verstärken. Auch die Brennergilde hat sich diesem Appell angeschlossen. Denn wer ist mehr zum Soldatentum berufen als die Brenner, deren Feuer jeden Feind das Fürchten lehrt? Vor drei Wochen haben wir nicht nur die Absolventen, sondern Adepten aller Jahrgänge aufgerufen, sich freiwillig für die Armee zu melden. Zwanzig Adepten aus den jüngeren Klassen sitzen nun hier. Zwanzig mutige junge Männer und Frauen, die das achtzehnte Lebensjahr erreicht haben. Sie sind bereit, sich vorzeitig der Prüfung zu stellen. Wenn sie als geeignet eingestuft werden, wird ihnen für die nächsten zehn Jahre der Beruf des Soldaten zugeteilt. Denn sie wollen unsere Republik gegen unseren Feind verteidigen – wenn es nötig ist, mit ihrem Leben.«

Bin ich bereit, mein Leben zu geben? Der Gedanke lässt mich einen Moment stocken. Ich bin stolz auf das Land, in dem ich lebe. Ich bin stolz darauf, dass bei uns Frieden und Ordnung herrscht, dass bei uns nicht ein ungebildeter Despot regiert, sondern der Gemeinwille, der das Beste in uns allen hervorbringen soll. Außerdem weiß ich, dass ich begünstigt bin. Die Republik hat mir die Möglichkeit gegeben, diese Ausbildung zu absolvieren. An jedem Tag, an dem ich hart an mir arbeite, bin ich mir dessen bewusst. Und ich bin bereit, dafür etwas zurückzugeben. Ja. Ich nicke unwillkürlich. Das ist ein Leben wert.

*

Während sich die Gäste mit Häppchen im Atrium erfreuen, brüte ich mit den anderen Kandidaten über den Pergamenten der schriftlichen Prüfung. Ich kann es mir nicht leisten, sie auf die leichte Schulter zu nehmen, und bin froh, dass ich mit Eleni ordentlich gepaukt habe. Wir werden nicht nur in der mathematischen Disziplin geprüft, sondern auch in Geschichte und politischer Philosophie. Das Interesse für Philosophie hat Eleni und mich damals zusammengebracht. Sie machte großen Eindruck auf mich, als sie sich mit wippendem Zopf von ihrem Schreibpult erhob und Meisterin Anna aufforderte, das Gesetzeswerk doch bitte richtig zu zitieren. Danach intonierte sie selbst den Text so exakt, als würde sie ihn ablesen. Es war mein erster Tag an der Akademie der Gilden, und sie hatten mich versehentlich dem höheren Jahrgang zugewiesen. Ich hielt Eleni Orestis für eine hochrangige Respektsperson unter den Adepten, mindestens die Wortführerin ihres Jahrgangs. Es kostete mich allen Mut, sie nach der Stunde zu bitten, mir den Text noch einmal zu erklären. Erst später fand ich heraus, dass die Leute sie genauso als Sonderling betrachteten wie mich.

Ich schiebe die Erinnerung beiseite. Die erste Prüfungsaufgabe lautet: Beschreibe die Grundsätze des Gemeinwillens in drei Sätzen.

Fünf Zeilen habe ich Platz für die Antwort. Ich kaue kurz auf meiner Feder, dann schreibe ich:

Der Gemeinwille dient dem Besten aller. Der Wille des Einzelnen strebt dagegen nur nach dem Besten für sich selbst. Erst durch Wissen und Gesetz kann sich der Mensch von der Eigensucht lösen und wird zum Bürger, der mit Verstand und Gemeinsinn dem Volk dienen kann – und damit schlussendlich auch am besten sich selbst.

Ich lese meine Antwort durch und bin zufrieden damit.

In den nächsten Fragen geht es um die Geschichte und Funktionsweise unseres Regierungssystems. Vor fünf Jahrhunderten war unser Land von Chaos regiert. Tyrannen, die oft auch noch Brenner waren, ließen ihre Untertanen im Namen roher Götter niedermetzeln und behandelten Frauen nicht besser als Vieh. Doch vier Familien beschlossen, sich dagegen zu wehren und eine neue Ordnung zu erschaffen. Für die Brenner und Heiler unter ihnen gründeten sie die Gilden, sie setzten die Herrschaft des Verstandes anstelle religiösen Wahns und schrieben ein Gesetzeswerk, das für alle Menschen gleichermaßen galt. Damit legten sie den Grundstein unserer Republik.

Die Hohen Geschlechter sind die Nachkommen dieser vier Gründerfamilien und jener, die sich ihnen damals anschlossen. Wer zu ihnen gehört, ist nicht nur hoch angesehen, sondern oft auch vermögend. Der Rat der Ältesten Bürger, der unseren Kanzler wählt, setzt sich zusammen aus Mitgliedern dieser vier Hohen Familien – die von den einfachen Bürgern gewählt werden. Den Status eines Bürgers erlangt allerdings bei Weitem nicht jeder. Früher dachte ich, allein die Angehörigen der vier Geschlechter seien Bürger, doch das stimmt nicht. Man muss nur ein eigenes Stück Land und mindestens einen Sklaven besitzen und im Wahlamt von Athos registriert sein. Da es jedoch eine ordentliche Anzahl Denare kostet, die Urkunden zusammenzubekommen und sich persönlich in Athos registrieren zu lassen, gibt es in den Provinzen wenige Bürger und viele Gemeine. Ich werde mal wieder eine Ausnahme sein. Wenn ich die Prüfung heute bestehe, wird mir als Brennermeisterin der Status einer Bürgerin zuerkannt, obwohl ich weder Land besitze noch zu einem Hohen Geschlecht gehöre.

Die wissenschaftliche Basis der Vererbung, auf die wir die beiden Triebe zurückführen, ist der Kern des nächsten Frageblocks. Ich vervollständige Schaubilder, die aufzeigen sollen, wie sich unsere Population innerhalb der riesigen Bevölkerung von Athosia entwickelt. Unglücklicherweise werden wir seit Generationen immer weniger und die Triebe immer schwächer. Warum das so ist, fragt uns der Prüfungsbogen nicht, denn darüber zerbrechen sich unsere Gelehrten bisher ergebnislos die Köpfe.

Ich überfliege die nächsten Fragen, die sich um unsere Rechtsprechung drehen und bleibe an einer der letzten hängen.

Beschreibe die drei Wege der Chrysosförderung der Gilden und erläutere die jeweiligen Vor- und Nachteile.

Eine ganze Seite habe ich mit Text zu füllen. Dabei hat mich das Thema nie interessiert. Frauen wird selten der harte Beruf der Metallgewinnung zugewiesen, außerdem bin ich eindeutig die Falsche für den Bergbau: Dunkle, enge Gänge beklemmen mich. Als Sucherin für das gelbglänzende Chrysos eigne ich mich auch nicht, denn meine Sinne für das Metall sind nicht fein genug. Wir alle wurden letztes Jahr darauf getestet. Fähige Sucher sind rar, und es herrschen Gerüchte, dass unsere Vorräte an Chrysos beständig schrumpfen, weil die Adern in den Minen versiegen und keine neuen gefunden werden. Ich möchte mir nicht ausmalen, wie sich das auf den Krieg auswirken könnte. Chrysos ist unsere kostbarste Waffe und unser wertvollster Besitz, und es wird von den Schatzmeistern der Gilden streng rationiert. Mit ihm kann der schwächste Adept den fähigsten Meister übertrumpfen. Eine Fingerspitze Chrysoskörner auf der Zunge genügt, um einen Saal voller Kranker zu heilen oder einen Brenner für eine Stunde in einen Flammenwerfer zu verwandeln.

Ich beantworte die Frage oberflächlich und hoffe, dass den Prüfern die Antwort genügt.

Nachdem ich die Schriftbögen abgegeben habe, sind wir angehalten, auf unseren Plätzen zu warten, bis wir einzeln aufgerufen werden. Also verharre ich stumm und tausche hilflose Blicke mit den anderen Kandidaten. Eine Ewigkeit vergeht. Wir werden immer weniger, am Schluss sind wir nur noch eine Handvoll. Ich werde als Vorletzte vor das Komitee gerufen. Sie warten im Übungshof auf mich – dort, wo ich am Vortag noch trainiert habe. Vor der Tür kontrolliert Meisterin Anna, unsere Philosophielehrerin, meine Kleidung und sogar meinen Mund. Sie nimmt mir mit einem strengen Blick meine Pastillendose ab. Es gibt immer wieder Versuche, Chrysoskörner in die Prüfung zu schmuggeln. Ich kann die Versuchung verstehen, denn inzwischen zittern meine Hände so sehr, dass ich überzeugt davon bin, keinen einzigen Feuerball mehr formen zu können. Doch ich habe weder die Beziehungen noch das Geld, um mir illegal etwas von dem Metall zu beschaffen.

Mit so staksigen Schritten wie ein Storch trete ich vor das Komitee. Ein blank polierter Tisch trennt mich von ihnen, der mir so lang und breit erscheint wie eine Bühne. Die Gesichter der Meister liegen im Schatten eines aufgespannten Segels, und ich muss gegen die Sonne blinzeln, um etwas zu erkennen.

Ich identifiziere Meister Marius Orestis den Älteren, Elenis Onkel und der Vorsitzende der Brennergilde. Er ist von muskulöser Statur wie sein Sohn, doch damit enden die Ähnlichkeiten schon. Er hat eine gerunzelte Stirn und graue Augen, deren strenger Blick mich ganz zu durchdringen scheint. Neben ihm sitzt die alte Meisterin Ismene Agadei, die bis vor zwei Jahren Rektorin der Akademie war. Ihre zerfurchte Miene macht einen erschöpften Eindruck, und ihr schwarzes Kleid wirkt verstaubt. Meister Antonis sitzt auf ihrer anderen Seite. Ich ignoriere ihn und blicke lieber Meister Amphion an. Er blinzelt mir zu. Er ist der Lehrer in Leibesertüchtigung und hat mich dieses Jahr dem höheren Kurs zugeteilt, der eigentlich für die Adepten des Abschlussjahrgangs gedacht ist.

Als ich zuletzt den Mann neben ihm anschaue, stockt mir der Atem. Meister Zenon Castor. Er ist der Kommandant der Brennersoldaten – der Ersten Division in der Armee von Athosia. Außerdem ist er angeblich ein enger Vertrauter des Kanzlers. Sein hellblondes Haar ist streng zurückgekämmt und verleiht seinem schmalen Gesicht ein asketisches Aussehen. Er trägt keine schwarze Robe, sondern Soldatenkleidung: Stiefel, Hosen, eine Lederweste über einer kurzen Tunika, und auf den Schultern einen schwarzen Umhang, der mit einer kunstvollen Fibel verschlossen ist. Obwohl er bestimmt an die vierzig ist, gibt es viele Adeptinnen, die für ihn schwärmen. Einst habe ich heimlich davon geträumt, dass er mein Vater sein könnte. Sein Blick gleitet gelangweilt über mich hinweg, und ich schäme mich für die kindlichen Fantasien.

Meister Marius räuspert sich. Er blättert in den Akten, die vor ihm liegen.

»Theferia …«, sagt er. Erst jetzt bemerkt er offensichtlich, dass kein Nachname in den Unterlagen steht. Er mustert mich mit gerunzelter Stirn. Etwas in seinem Blick, eine abschätzende, wissbegierige Kälte lässt mich frösteln. Er ist nicht nur der Gildenvorsitzende, sondern auch ein hochrangiger Gelehrter an der Universität. Er leitet dort die Fakultät der Abstammungslehre, die sich mit der Geschichte der Hohen Geschlechter und der Vererbung der Triebe beschäftigt. Wahrscheinlich ärgert er sich, meine Herkunft nicht zu kennen. »Den Unterlagen entnehme ich, dass du trotz deines Alters noch nicht zum Abschlussjahrgang gehörst«, knurrt er. »Warum das?«

Ich krümme mich unter seinem kritischen Blick. »Der Feuertrieb hat sich bei mir erst mit dreizehn gezeigt«, murmele ich. »Unsere Ipallin hat dann einen Meister in der Stadt verständigt. Bis dieser in unseren Distrikt kam, um mich zu testen, dauerte es mehrere Wochen …«

»Gut, gut.« Er winkt ab. »Bringen wir es hinter uns.«

Ich sinke noch ein Stück in mich zusammen. Wie konnte ich so dumm sein zu glauben, dass ich eine Meisterin sein könnte? Ich bin niemand, nur eine unbegabte Hochstaplerin im Vergleich zu diesen hochgeborenen Brennern.

Jäh spüre ich Meister Amphions missbilligenden Blick. Mit dem Kinn macht er eine auffordernde Geste. Steh nicht da wie ein buckliger Krüppel, schimpfte er mich oft genug. Er hat recht. Obwohl mir kaum danach ist, straffe ich die Schultern und richte ich mich zu meiner vollen Größe auf.

»Welche zwei Übungen in der Kampfkunst möchtest du zeigen?«, fragt Meisterin Ismene freundlich.

»Die Abwehr der Rekruten und Der Angriff der Nomaden.« Ich stakse zu dem Ring an Zielscheiben hinüber. Meister Amphion hat mir zu diesen Bewegungsfolgen geraten. Sie sind körperlich anspruchsvoll, aber die Abfolge der Feuerbälle und Flammenstöße ist nicht allzu schwierig.

Ich schließe die Augen. Es dauert einige Augenblicke, bis ich meinen Puls so weit beruhigt habe, dass ich fähig bin, mich zu konzentrieren. Gehorche mir, beschwöre ich den Trieb in meinem Inneren. Wenigstens heute. Ich brauche alle Kraft, um das Feuer aus mir hervorzulocken, das sich tief in mir versteckt hat. Endlich schwebt ein kümmerlicher Feuerball über meiner Hand. Ich setze mich in Bewegung. Die Zeit zerbricht in Einzelteile: Sprung, Schritt, Drehung, Wurf …

Als ich zum Ende komme, atme ich auf. Zwei Feuerbälle haben geflackert, doch alle haben ihr Ziel erreicht. Auch die zweite Übung bringe ich ohne gröberen Schnitzer hinter mich.

Sie gönnen mir keine Pause.

Schon knurrt Meister Marius: »Feuerschild.«

Ich schließe erneut die Augen und ziehe in Gedanken einen Kreis um mich. Feuer gießt sich aus meiner Hand auf den Boden und flammt entlang der Linie in die Höhe, umgibt mich wie eine Rüstung, die mich vor Angriffen schützt. Meine Haut prickelt unter den Flammen, doch sie verbrennt nicht. Ich zähle stumm. Immerhin zehn Sekunden kann ich den Schild aufrecht halten, dann bricht er zusammen und erlischt auf den Pflastersteinen.

»Glühende Hand«, befiehlt Meister Antonis. Er deutet auf eine Reihe von hüfthohen Holzstecken, die auf der Seite des Hofs in die Erde gesteckt sind.

So rasch eile ich hinüber, dass ich fast über meine eigenen Füße stolpere. Irgendeiner der Prüfer stößt ein Seufzen aus. Ich strecke die Hand nach dem ersten Stecken aus. Der Seufzer hat mich so aus dem Konzept gebracht, dass ich erst einmal tief durchatmen muss. Dann spüre ich der Wärme in meinem Inneren nach, dem Trieb, der in meiner Vorstellung direkt unter meinem Herzen in einer dunklen Höhle pulsiert. Mühsam dirigiere ich ihn in meine Hand, die warm wird und schließlich zu glühen beginnt. Ich schließe die rot leuchtenden Finger um den ersten Stock. Er beginnt zu zischen und zu knacken, und schließlich schlagen Funken aus dem Holz. Als er sicher brennt, wende ich mich dem nächsten Stock zu. Nach dem vierten Stock merke ich, wie meine Kräfte allmählich erlahmen. Zwar gerate ich nicht außer Atem, sondern pulsiere weiter im Rhythmus des Feuers, doch meine Hand wird schwer und das Prickeln auf meiner Haut weicht einem unangenehmen Stechen. Ich hätte noch eine Pastille schlucken sollen. Zwei noch! Sechs sind die Mindestanforderung. Früher waren es einmal zehn. Ich kratze alle meine Entschlossenheit zusammen.

Als der sechste Stock endlich brennt, kann ich die Hand kaum mehr halten. Ich lasse sie fallen und das Glühen erlischt beinahe sofort. Unauffällig massiere ich das Handgelenk, um das Stechen zu vertreiben. Meister Antonis kräuselt geringschätzig die Lippen.

Meisterin Ismene fordert mich als Nächstes auf, einen armlangen Metallstab zu einer Schleife zu verbiegen. Dies erfordert nicht nur große Hitze, sondern auch Geschicklichkeit. Ich setze an, doch ich bin zu hastig. Der Stab zerbricht.

Ich bin verloren. Enttäuschung über mich selbst erstarrt in meiner Kehle zu einem schwarzen Ascheklumpen, während ich darauf warte, dass ihr Urteil mich vernichtet.

Meister Zenon ergreift das Wort. Er hat eine helle Stimme, die die Luft durchdringt wie ein Dolchstoß.

»Flammengestalt.«

Ich reiße ungläubig die Augen auf. Auch die anderen Prüfer scheinen überrascht.

»Kommandant, bist du dir sicher, dass …«, setzt Meister Amphion an.

»Sie will Soldatin werden, um ihr Land zu verteidigen?«, unterbricht ihn Meister Zenon rüde. »An den Grenzen, wo ein einziger Augenblick entscheidet über Tod oder Leben, Sieg oder Niederlage? Bisher habe ich nichts gesehen, was mich von ihrer Eignung überzeugt. Sie kann das noch ändern. Flammengestalt.«

Er schaut mich aus zusammengekniffenen Augen an, bevor er den Blick abwendet, als hätte er schon entschieden, dass ich versage. Würde ich ihn nicht bewundern, würde ich ihn jetzt mit Inbrunst hassen.

Flammengestalt bedeutet, sich selbst und seinen gesamten Körper in eine lebende Fackel zu verwandeln. Das schaffen kaum die besten Adepten, und auch Meister scheuen den Einsatz dieser gefährlichen Waffe, wenn sie nicht gerade die Hilfe von Chrysos dazunehmen.

Ich senke den Blick. Ein altes Bild steigt wie Galle in mir hoch. Die verkohlten Balken eines Stalls. Rauch, der wie ein Leichentuch darüberliegt. Der Gestank von verbranntem Fleisch.

Die Lehrjahre haben zwar gezeigt, dass mein Trieb recht schwach ausgeprägt ist, doch ich traue ihm nicht. Mehr noch, ich fürchte mich vor ihm, und deshalb habe ich mehr als alle anderen geübt, ihn unter Kontrolle zu halten. Jetzt bleibt mir allerdings keine Wahl mehr. Ich strecke meine Arme in die Höhe, spanne die Muskeln in meinem Körper an wie einen schussbereiten Bogen. Wenn Ian jeden Tag an der Grenze im Norden kämpfen kann, dann kann ich es hier und jetzt ebenfalls! Laut schreie ich meine Furcht heraus. Dann lasse ich all die mühsam aufgerichteten, inneren Schranken fallen.

Hitze schießt in mir empor, umhüllt erst meine Hände, dann meine Arme, meinen Nacken, zischt mein Rückgrat hinunter, über meine Hüften. Feuer tobt durch meinen Körper mit einem wütenden Lodern. Ich keuche vor Grauen. Im Bruchteil einer Sekunde habe ich jede Kontrolle verloren. Die Hitze verzehrt mich, verglüht all meine Gedanken, mein Sein.

»Halt!« Jemand wirft etwas über mich. Ich schreie auf vor Schmerz. Es zischt wie verdampfendes Wasser. Doch kein Wasser kann das Feuer eines Brenners löschen. Ich falle auf die Knie und ringe nach Atem. Ein fein geschmiedetes Netz überzieht mich. Argyr. Das Metall fühlt sich unerträglich kalt auf meiner Haut an. Kalt und taub, als würde es mir das Leben aussaugen. Obwohl mir jede Bewegung wehtut, springe ich auf und schüttle es ab. Ich wanke, so schwach fühle ich mich. So wie das gelbe Chrysos unseren Trieb stärkt, lähmt das fahlgraue Argyr ihn. Doch ich wusste bisher nicht, dass seine Berührung einer Folter gleichkommt. Auf meiner Haut hat das Netz weiße Abdrücke hinterlassen, wie der zu feste Griff einer grausamen Hand.

Strenge Furchen durchpflügen Meister Marius’ Stirn. Meisterin Ismene hat die Hand vor den Mund geschlagen, und Meister Antonis blickt schockiert drein.

Meister Amphion steht aufrecht hinter dem Tisch. Seine Schultern beben. Ich glaube, dass er das Netz geworfen hat. Doch er schaut nicht mich an, sondern Meister Zenon.

»Das war knapp«, stößt er hervor. »Und unnötig.«

Zenon zuckt mit den Schultern. »Dafür haben wir die Sicherheitsvorkehrungen.« Seltsamerweise schaut er zufrieden drein. »Selbstverständlich hat sie die Kontrolle verloren. Etwas anderes habe ich nicht erwartet. Doch immerhin war sie beherzt genug, es zu riskieren.«

Ich senke den Kopf. Habe ich mich nun gut oder schlecht geschlagen? Doch das spielt wahrscheinlich keine Rolle mehr. Ich fühle mich leer und ausgehöhlt.

Die Prüfung ist allerdings noch nicht vorbei. Die letzte Aufgabe ist zugleich die größte Herausforderung, denn auf ihr habe ich von Anfang an meine Hoffnung gegründet. Jeder Prüfling darf sich auf ein Gebiet spezialisieren. Mit flirrenden Leuchtkugeln jonglieren, Feuer spucken, zierliche Eisenelemente schmieden, chemische Experimente durchführen oder eine flammende Rede halten, uns sind kaum Grenzen gesetzt, um zu zeigen, wo unsere Stärken liegen und wo wir unsere Zukunft innerhalb der Brennergilde sehen.

»Thea«, sagt Meister Amphion sanft. Er schiebt ein Glas Wasser über den Tisch. Gierig stürze ich es hinunter. Allmählich kehrt die Kraft in meine Glieder zurück. Mein Lehrmeister greift hinter sich und zieht einen langen Eisenstab hervor. Mein Atem stockt. Das ist nicht der zerkratzte Speer aus Eisenerz, mit dem ich geübt habe. Es ist Meister Amphions Waffe, eine filigrane Lanze aus gefälteltem Stahl, die er nie aus der Hand gibt.

»Du hast einen Schattenkampf mit dem Speer vorbereitet«, sagt er so sachlich, als sehe er mein Erstaunen nicht. »Du hast fünf Minuten Zeit.«

Ich packe die Lanze, die wunderbar ausbalanciert in meiner Hand liegt. Jetzt geht es um alles oder nichts, das weiß ich genau, als ich in die skeptischen Gesichter des Komitees blicke. Und ich bin bereit, alles zu geben.

Die Meister mögen das, was nun folgt, Kampf nennen, doch ich nenne es Tanz. Ich schließe die Augen. In meinem Inneren ertönt eine Melodie. Drängelnd, beharrlich, schwungvoll. Jedes Mal höre ich sie, wenn ich tanze, und ich habe längst aufgehört, mich drüber zu wundern. Die Töne sind wie Sonnenstrahlen, die mich durchdringen und wärmen. Es kommt mir vor, als würden sie mich zu einer anderen machen, wild und fröhlich und hell, und gleichzeitig so unfehlbar und stark wie die Sonne selbst.

Die Lanze zittert in meiner Hand, als spüre auch sie den Sog des Liedes. Ich atme ein letztes Mal tief ein, meine Augen sind immer noch geschlossen. Dann gebe ich dem Drängen in mir nach. Mit einem Satz katapultiere ich mich durch die Luft. Die Lanze wird unter meinem Griff lebendig, sie glüht und zischt und bewegt sich unablässig. Ich wirbele herum, dann springe ich erneut, so weit und so hoch, wie ich kann. Ich bin nur ein Mensch, doch im Tanz fühle ich mich wie ein anderes Wesen. Meine Füße, Arme und die Lanze in meinen Händen zeichnen verschlungene Muster, folgen dem Klang der Töne, die tief in mir aufsteigen.

Zuletzt drehe ich mich so schnell, dass die Welt verschwimmt. Die Lanze schraubt sich in meinen Händen empor, als wolle sie die Sonne aufspießen. Ich gebe ihr nach und lasse sie fliegen, stoße mich selbst ab, als wolle ich die Erde von meinen Füßen streifen. Doch statt der Lanze in die blauen Weiten zu folgen, schlage ich einen Salto und lande im Handstand. Lachend sehe ich die Lanze einen funkensprühenden Bogen beschreiben. Auch sie kommt zurück zu mir. Ich schnelle empor und fange sie, ehe sie den Boden berührt.

Ich höre überraschte Rufe, die das Komitee ausgestoßen haben mag oder auch der Wind. Alle Laute verblassen hinter den Klängen des Lieds.

Und dann folge ich einem plötzlichen Impuls. Die Lanze wirbelt ein weiteres Mal durch die Luft. Ich springe in die Höhe und packe die Waffe im letzten Augenblick. Der letzte Ton verklingt.

Ich knie auf dem Tisch. Direkt vor Meister Zenons Gesicht verharrt die Lanzenspitze.

»Was …«, brüllt Meister Marius auf. Ich schaue nicht ihn an, sondern Zenon. Der Befehlshaber unserer Streitkräfte ist nicht zurückgewichen, hat nicht einmal gezuckt. Doch in seinen hellblauen Augen blinkt zum ersten Mal ein Gefühl. Verblüffung.

Langsam atme ich aus. Ich senke den Blick und lege die Lanze nieder, dann gleite ich vom Tisch hinab, verbeuge mich und verlasse den Hof.

Kapitel 3

In Athos wird es im Spätsommer bereits früh dunkel. Ich lehne an einem der offenen Bögen des Säulengangs und beobachte, wie die ersten Sterne aufleuchten, während wir auf die Verkündung der Prüfungsergebnisse warten. Die meisten Absolventen stehen in Grüppchen beisammen und flüstern beklommen. Ich habe weder Lust noch Kraft, mich unter sie zu mischen.

Dann ist es so weit. Die Türen öffnen sich. Zwei Lehrer geleiten uns in die von Menschen gefüllte Halle. Mit gesenktem Kopf vermeide ich jeden Blickkontakt, während ich mir meinen Platz auf der Bank suche.

Die Abschlussrede des Rektors höre ich kaum. Als Meister Marius die Namen derer vorliest, die die Prüfung bestanden haben, halte ich es kaum noch aus. Und dann fällt mein Name. Ich kann es nicht glauben. Ich sitze da wie betäubt, sicher, dass ich mich verhört habe. Um mich herum ertönt nervöses Fußtrommeln, Aufatmen, Stöhnen, Freudenseufzer. Irgendwann wird geklatscht, die frisch gekürten Meister um mich herum springen auf, Menschen jubeln, diskutieren, wuseln durch den Raum wie eine Horde Affen. Ich bleibe einfach sitzen.

Dann spüre ich Elenis Hand auf der Schulter. Sie beugt sich zu mir herunter, umarmt mich. Ihre blauen Augen strahlen.

»Ich wusste, dass du es schaffen würdest!«

Es ist so unglaublich, dass ich es erst jetzt wirklich begreife, als sie es ausspricht. Sie haben mich tatsächlich bestehen lassen. Ich erwidere die Umarmung, vergrabe mein Gesicht in ihrer Schulter. Als ich aufblicke, sehe ich Mutter vor mir stehen. Sie lächelt und fährt sich zugleich mit der Hand über die tränenfeuchten Augen. Über ihrem Arm liegt ein schwarzes Stück Stoff.

Ich springe auf und lasse mich auch von ihr umarmen. Es ist eine ungewohnte Berührung. Ihre Hände sind leicht wie Federn an meinem Rücken, und ihr seidiges braunes Haar kitzelt mich am Kinn. Sie ist noch kleiner als Eleni.

»Herzlichen Glückwunsch«, wispert sie. Selten spricht sie laut, und ihre Bewegungen sind so sachte, als fürchte sie stets, etwas zu zerbrechen. Wie ihrer Großmutter und ihrer Mutter vor ihr wurde ihr mit achtzehn der Beruf der Weberin zugewiesen, und bei all ihrer Behutsamkeit ist sie so unermüdlich wie das Schiffchen, das zu Hause jeden Tag die Webstuhlreihen entlangtanzt. Fast jede Frau aus unserem Dorf trägt im Winter eines ihrer feinen Wolltücher, gewebt in einem Reigen aus Pastelltönen.

»Ich habe dir etwas mitgebracht.« Sie nimmt den Stoff von ihrem Arm und schüttelt ihn, sodass er sich zu seiner ganzen schwarzen Pracht entfaltet. Ein Umhang. Aus dicker, fest versponnener Wolle ist er, und er riecht nach Heimat, nach den Schafen von Irelin.

»Magda hat die Wolle selbst ausgesucht und gesponnen, Alma und Irma haben sie gefärbt. Ich habe den Stoff gewebt und genäht.«

Ich schlucke. Magda ist Ians Mutter, Alma und Irma zwei seiner Schwestern. Ihre Familie züchtet die prächtigsten Schafe in ganz Irelin. Zuletzt habe ich sie in den verregneten Wintermonaten besucht, die ich jedes Jahr zu Hause verbringe, weil die Akademie geschlossen ist. Die Frauen in Irelin arbeiten alle hart, doch die Frauen aus Ians Familie sind wie Wirbelwinde, die über die Weidegründe fegen. Wenn sie ihre knappe Ruhezeit in die Arbeit an diesem Umhang investiert haben, muss ich ihnen tatsächlich etwas bedeuten.

»Los, nimm ihn«, fordert Mutter mich auf. Und ich nehme ihn aus ihrer Hand, lege ihn um meine Schultern und schließe die metallene Fibel an meiner Kehle. Der Umhang reicht mir bis zu den Waden, hat Ärmel und sogar eine Kapuze. Und die Wolle ist von so perfekter Qualität, dass sie überhaupt nicht kratzt, sondern weich wie Daunen auf meiner Haut liegt. Noch nie habe ich so etwas Wertvolles besessen.

»Mit ihm werde ich mich im Norden fühlen wie auf einem Sommerausflug«, scherze ich.

»Hoffentlich.« Mutters feuchte Augen glänzten eben noch vor Stolz, jetzt sehe ich Trauer darin.

»Ich habe auch etwas für dich«, sagt Eleni etwas forsch und lenkt meinen Blick so auf sie. Sie zieht ein kleines Päckchen aus ihrer Umhängetasche, gehüllt in zartes Pergament, und drückt es mir in die Hand.

Überrascht packe ich es aus. Eleni ist vermögend, doch sie schätzt Besitz so gering ein, dass sie eher selten auf die Idee kommt, andere könnten sich über Geschenke freuen. Außerdem weiß sie, dass ich niemals etwas Wertvolles von ihr annehmen würde. Doch was ist das? Ratlos drehe ich ihr Geschenk zwischen den Fingern. Ein Behältnis, groß wie ein halber Handteller, dunkelbraun und nachgiebig wie Leder, doch viel glatter und zäher. Es riecht leicht verbrannt.

»Das ist Plasté«, erklärt Eleni. »Ein neues Brennverfahren der Universität, das erlaubt, aus Baumharz einen halbfesten Stoff herzustellen. Ich habe daraus eine Pastillendose für dich anfertigen lassen. Wasserfest und belastbar. Schau.« Sie nimmt mir das Behältnis aus der Hand und öffnet den Verschluss. Darin glänzen fahl Hunderte von meinen Pastillen. »Es ist äußerst praktisch. Der Vorrat sollte für zwei Monate reichen.«

»Danke, Eleni.« Ich freue mich darüber, wenn auch nicht so wie über den Umhang. Doch jetzt hält mich nichts mehr in den Mauern der Akademie. »Raus hier«, rufe ich und packe Mutter und Eleni an den Armen. »Lasst uns feiern.«

*

Davon habe ich in den letzten Wochen so oft geträumt, dass mir der Moment wie ein Traum erscheint: Mit dem schwarzen Umhang einer Meisterin um die Schultern trete ich unter dem Torbogen der Akademie hindurch. Statt der grauen Tunika trage ich ein dünnes, gefälteltes Kleid, dessen Farbe zwischen Grau und Anthrazit changiert. Es ist das einzige Gewand im Stil unserer Hauptstadt, das ich mein Eigen nenne. Mein glattes hellblondes Haar habe ich zu einem Knoten gedreht und mit einer Spange befestigt, die die gelbe Farbe unserer Republik trägt.

Die Nacht ist warm und von Lichtern erfüllt. Sie nimmt mich so freundlich auf wie eine lang vermisste Gefährtin. Es fühlt sich an, als wäre ich eine Ewigkeit nicht mehr draußen gewesen. Am liebsten will ich vorwärtsstürmen und tanzen. Doch ich bremse meine Schritte, um Mutter die Gelegenheit zu geben, sich umzuschauen. Obwohl sie einige der Straßen schon von heute Morgen kennen muss, als Eleni sie vom Stadttor zu ihrem Haus und dann in die Akademie gebracht hat, betrachtet sie ihre Umgebung mit großen Augen.

Wir spazieren die breiten Alleen unserer Hauptstadt entlang. Alles an Athos ist großzügig: Die weiß verputzten drei- und vierstöckigen Gebäude mit Dachgärten, Innenhöfen und getönten Fenstern, die Gehsteige, die von hohen Platanen gesäumt sind, die glatten Steinplatten, auf denen unsere Sandalen bei jedem Schritt klappern, und die luftigen Säulengänge mit Sitzbänken und kleinen Wasserbecken, die tagsüber Schatten und Erholung bieten. Im Sommer leuchtet Athos so gleißend hell, dass die Menschen tagsüber die Straßen meiden. Abends erwacht die Stadt allerdings zum Leben. Auch jetzt herrscht Geschäftigkeit. Reiter auf Pferden oder Kamelen zockeln vorbei. Leute kommen uns entgegen oder passieren uns, die meisten scheinen es eilig zu haben. Sie sind so zahlreich, dass sie von den Gehsteigen auf die Straße ausweichen. Viele sind hellhaarig, und fast alle tragen gelbe Schals oder Haarbänder, um wie ich ihren Patriotismus zu bekunden.

Ich habe es geschafft, möchte ich ihnen zurufen, und für einen Augenblick glaube ich es fast selbst. Ich gehöre zu euch, ihr stolzen und kaltblütigen Bürger von Athos.

Eine ältere Frau, deren schweres blondgraues Haar zu einer komplizierten Frisur aufgetürmt ist, straft mein Lächeln mit einem Stirnrunzeln. Mit gesenkten Schultern hastet sie an mir vorüber, und hinter ihr sehe ich plötzlich all die anderen nervösen Gestalten, die gebeugten Köpfe und verschlossenen Mienen, die meinen Blicken ausweichen. Ihr Anblick reißt den brüchigen Schleier meines Glücks nieder. Was zählt mein kleiner Triumph? Es herrscht Krieg. Er muss im Norden noch schlimmer wüten, als ich angenommen hatte.

Die einzigen, die ausgelassen scheinen, sind ein paar kleine Jungen, die mit Wasser aus einem der gefliesten Zierbrunnen nach den Passanten spritzen. Gerade als wir einen Bogen um sie schlagen und auf die Mitte der Straße zusteuern, tauchen vier Ordner auf und zücken ihre Knüppel. Wie Wassertropfen stieben die Jungen auseinander, doch sie sind nicht schnell genug. Während wir rasch weitergehen, verwandeln sich ihre Rufe in Schmerzensschreie.

»Achtung!«, ruft ein paar Minuten später jemand hinter uns. Sofort weichen die Passanten um uns herum auf die Gehsteige zurück. Meine Mutter dreht sich um und reißt die Augen auf. Sie verharrt so gebannt, dass ich sie aus dem Weg ziehen muss.

»Elefanten«, flüstert sie und starrt die beiden großen Tiere an, die mit schlenkernden Rüsseln die Straße hinabstapfen, geführt von Bediensteten, die den Passanten Warnungen zurufen. Zwei Reiter sitzen auf hölzernen Podesten, die von Sonnenschirmen überspannt sind. Sie tragen die gelben Roben der Ältesten Bürger, und ihre herrische Haltung zeugt von ihrer Wichtigkeit. Mich irritiert, dass sie sich beide ein Tuch vor Mund und Nase gebunden haben – als ob sie unerkannt bleiben wollten.

»Warum verhüllen sie sich?«, fragt da auch Eleni.

»Vielleicht wegen der Seuche«, antwortet Mutter.

Ich fahre zu ihr herum. »Welche Seuche?«

»Hast du nicht davon gehört?«, fragt sie verwirrt. »Auf dem Pferdewagen von Irelin hierher haben sie von nichts anderem geredet. Von den Männern, die zwangsrekrutiert werden, und von der unheilbaren Krankheit, die an der Nordgrenze ausgebrochen ist. Die Barbaren bringen sie unter unsere Soldaten, damit diese nicht mehr kämpfen können.« Sie legt sich einen Ärmel über den Mund. Ihre braunen Augen huschen hin und her wie die eines beunruhigten Tieres. »Vielleicht hat sich die Seuche schon bis hierher ausgebreitet.«

Habe ich die letzten Tage so abgeschieden verbracht, dass mir solche Neuigkeiten tatsächlich entgangen sind? Ich öffne den Mund zu einer neuen Frage, doch Eleni kommt mir zuvor.

»Es gibt keine unheilbaren Krankheiten. Zumindest nicht für die Heilergilde«, sagt sie entschieden. »Ich habe meinen Gildenmeister danach gefragt. Er sagt, dass unter den Barbaren tatsächlich eine Krankheit wütet, doch sie wird bereits von tapferen Heilersoldaten katalogisiert und gebannt. Und sie wird niemals zu uns gelangen, denn die Grenze ist streng bewacht. Die Gerüchte über Zwangsrekrutierungen sind indes nichts als Versuche der Aufrührer aus Irelin und Dunmark, die Moral der Truppen zu untergraben.«

Mutter nickt und verfolgt das Thema nicht weiter, nimmt den Ärmel jedoch nicht von ihrem Mund. Ich blicke den vermummten Ältesten hinterher. Ein dunkles Gefühl steigt in mir auf, wie eine Vorahnung. Zum ersten Mal bange ich davor, was mich an der Grenze erwarten wird.

Hinter den Elefanten drängen die Menschen wieder auf die Straße. Jemand stößt seinen Ellenbogen in meine Rippen, ein anderer tritt mir auf den Fuß. Als hätte mir Mutters Erzählung die Augen geöffnet, sehe ich immer mehr Menschen, die sich Tücher vor die Münder gebunden haben. Ihre Augen blitzen argwöhnisch darüber hervor.

»Hier entlang!« Eleni winkt. Ich packe Mutter am Arm und ziehe sie hinter mir her. Eleni bahnt sich so zielstrebig ihren Weg, dass die Leute ihr tatsächlich ausweichen. Um sie nicht zu verlieren, drängle und schubse ich mir meinen Weg frei. Die Vermummten schrecken vor Berührungen zurück, als wären sie Bisse.

Zu Beginn unserer Freundschaft weihte mich Eleni in ein System ein, mit dem sie schon als Kind die Straßenzüge von Athos in ihrem Kopf sortierte. Ich habe es nicht einmal in Grundzügen begriffen. Wir folgen ihr durch eine der ruhigeren Seitenstraßen. Beklommen schaue ich mich um. Düstere Gesichter schwimmen in den Schatten und werden nur dann und wann von den Lichtern der Öllaternen erhellt. Keiner sieht uns an, jeder sucht nur rasch seinen Weg. Einige von ihnen tragen so schwer an Einkäufen, als erwarteten sie eine Hungersnot.

Erst als wir an die breiten Treppen gelangen, die hinunter zum Seeufer führen, atme ich etwas auf. Laternen beleuchten die marmornen Terrassen, die den See säumen, und dahinter schimmern die Wellen wie tausend Perlen.

Als wir die Uferpromenade erreichen, kramt Mutter in ihrer Tasche, dann wirft sie eine Münze in den See.

»Für Frieden«, flüstert sie. Ein paar Passanten blicken auf. Elenis Augen weiten sich ungläubig.

»Nicht!«, zische ich und ziehe Mutter schnell weiter. Ihre abergläubische Geste entlarvt sie nicht nur als Provinzlerin, sie ist auch gefährlich: Hier in Athos wird das Religionsverbot wesentlich strenger gehandhabt als in Irelin.

Erst fünfzig Schritte weiter beachtet uns niemand mehr, und ich lasse sie los. Jenseits der Lichter der Stadt verschwindet der See Hogaisos im Dunst der Nacht. An seinem anderen Ende fließt der Fluss Aisos in den See und auch wieder hinaus, aber so weit kann man im Dunkeln nicht mehr sehen. Sterne sprenkeln den Himmel wie Glühwürmchen, nur im Westen, wo sich der Berg Kalaos erhebt, ist der Himmel schwarz.

Vor hunderten Jahren pilgerten die Menschen auf seinen Gipfel und brachten Opfer für die Götter dar. Sie beteten vor allem, dass der Hogaisos nie austrocknet, der die Stadt mit lebenswichtigem Wasser versorgt. Mutters Münzwurf mag ein Relikt dieser dunklen Zeit sein. Dass der See auch ohne diese Opfer nicht versiegt, ist für mich ein Beweis, dass keiner dieser Götter jemals existiert hat – ebenso wenig wie die mächtigen Alvae, an die Mutters Ahnen in Irelin einst glaubten. Ich verschränke die Arme und wende mich ab von der gleichgültig ruhenden Wasserfläche. Nicht irgendwelche Fabelwesen, sondern wir selbst müssen für Frieden sorgen.

Wir folgen der Uferpromenade und kommen an den monumentalen Stahlstatuen der vier Gründer vorbei. Hoch aufgerichtet und streng blicken ihre makellosen Gesichter über den See, und ihre gefältelten Roben glänzen wie poliert im Licht der vier ewigen Feuer, die zu ihren Füßen brennen. Die besten Kunstschmiede der Brenner haben die Standbilder einst geschaffen, ebenso die Flammen, die wahre Meister mit so viel Feuertrieb gespeist haben, dass sie nie erlöschen. Sie sollen uns immer an die Macht und Weisheit der vier Hohen Familien gemahnen.

Hinter ihnen erheben sich die Regierungsgebäude, deren Türen für Bürger stets offen stehen. Die Versammlungshalle der Ältesten Bürgerschaft, die Bibliothek der Wissenschaften mit der Universität, an der die größten Gelehrten unserer Republik forschen, das Amt der Rechtspflege und schließlich der Palast des Kanzlers selbst. Meine Augen folgen ehrfürchtig den klaren Linien der Säulen, die einer strengen Ordnung folgen und gleichzeitig so leicht wirken, als würden sie schweben.

»Zügig gehen! Stehen bleiben ist nicht gestattet!« Eine Patrouille scheucht uns weiter. Diese Männer sind keine Ordner, die mit Knüppeln bewaffnet sind, sondern tragen Helme und Schwerter und die gebleichten Ledertuniken von Soldaten.

»Warum sollen wir nicht stehen bleiben?«, fragt Eleni laut. »Das ergibt doch keinen Sinn.«

»Sei still«, flüstere ich und zerre sie weiter. Ich verstehe zwar auch nicht, was das soll – schließlich sehen wir nicht gerade wie Spione aus dem Norden aus –, aber ich will keinen Ärger. Ich scheine heute keine andere Aufgabe zu haben, als meine Begleiterinnen vor Schaden zu bewahren. Eleni folgt mir, wenn auch leise murrend. Wenn sie etwas unvernünftig findet, kann sie bockig sein wie ein Kind. Erst kurz vor unserem Ziel beruhigt sie sich wieder. Ihr Zuhause befindet sich direkt am Seeufer, dort wo die obersten Bürger von Athos wohnen.

Eleni ist nicht nur eine Orestis und die Nichte meines Gildenvorsitzenden, sondern ihr Großvater ist ein Ältester Bürger und das Oberhaupt dieser mächtigen, weit verzweigten Familie. Anders als die Regierungsgebäude ist Elenis Heim von einer hohen Mauer umgeben. Dahinter verbirgt sich eine fremde Welt, die mir in ihrer Dekadenz nicht besonders behagt.

Ein Dutzend stummer Sklaven heißt uns mit Verbeugungen willkommen. Sie reichen uns feuchte Tücher, mit denen wir uns Gesicht und Hände reinigen. Anschließend eskortieren uns drei von ihnen auf verschlungenen Wegen durch die riesige Parkanlage, vorbei an Palmenhainen und Vogelvolieren, versteckten Weinlauben und einem Amphitheater. In den Bäumen turnen halbzahme Affen und keckern frech. Unterwegs treffen wir dreimal weitere Orestis, ebenfalls begleitet von stillen Eskorten. Eleni ignoriert ihre Verwandten allerdings.

Endlich erblicke ich die kleine Villa, in der sie gemeinsam mit ihrem Vater lebt – zumindest an den wenigen Tagen im Jahr, an denen er zu Hause ist. Er ist Kommandant in der Armee und, seit ich Eleni kenne, an der Grenze stationiert.

Die Eskortsklaven verabschieden sich mit einer Verbeugung von uns. Sie haben tatsächlich keine andere Aufgabe, als die Mitglieder der Hohen Familie durch den Garten zu ihren jeweiligen Häusern zu geleiten – oder, wie Eleni einmal ohne jede Ironie meinte, auf Wunsch auch auf Händen zu tragen. Wenn die Orestis das ummauerte Areal verlassen, bleiben ihre Sklaven jedoch zurück. Der Anblick ihrer geschorenen Köpfe ist in der Öffentlichkeit von Athos nicht erwünscht. Ich hörte einmal, sie nutzen für ihre Dienstgänge ein Netz aus verborgenen Gassen und geheimen Pfaden, das sie über Dächer und durch Keller führt, durch ein Gewirr von Hinterhöfen, das nicht einmal ihren Herren vertraut ist. Weiß überhaupt jemand, wie viele von ihnen unter uns leben, verborgen hinter den Türen von privaten Anwesen und Ämtern, Thermen, Theatern und Lyzeen? Ich denke, es sind mindestens doppelt so viele, wie es Bürger gibt, und ihre Ahnenreihen reichen wohl ebenso weit zurück wie die der Hohen Geschlechter.

Eleni betrachtet ihre Sklaven so indifferent wie ihr Mobiliar, und ich versuche erfolglos, es ihr gleich zu tun. Mutter beobachtet argwöhnisch, wie die drei stummen Männer sich entfernen. In Irelin verfügt nur die Ipallin, unsere ranghöchste Beamtin, über Sklaven.

Ein Haussklave bringt uns zu einer gedeckten Tafel im Innenhof. Eleni hat bei der Speisenwahl auf ihr bemerkenswertes Gedächtnis zurückgegriffen: Ich erkenne all die Gerichte wieder, von denen ich in den letzten Jahren sagte, dass sie mir schmecken.

Wir betten uns auf gepolsterte Liegen rund um die niedrige Tafel, dann greifen wir zu. Die Kombinationen wirken abenteuerlich, doch das stört Eleni und mich nicht – und Mutter verliert zumindest kein Wort darüber. Zu gegrilltem Fisch essen wir überbackenen Käse und Kümmelkringel, wir tunken Walnussbrot in eine schwarze Pilzpaste und knabbern dazu an gesottenen Raupen, Eidechsenschenkeln und handtellergroßen Feuerbohnen, die mit Olivenreis gefüllt sind. Dazu schwelgen wir in einer Auswahl bunter Salate aus Lotusblüten, Palmherzen und Zitronengras, wie ich sie erst in Athos kennengelernt habe. Wenn die Hauptstädter überhaupt ein Laster haben, dann ist es Essen. Alkohol ist dagegen verboten, genauso wie alle anderen Rauschmittel, die unseren Verstand in dunkle Zeiten zurückwerfen würden.

Ich erkläre Mutter jede einzelne der exotischen Früchte, die sie aufmerksam mustert, ehe sie sie probiert. Als mich Eleni bittet, flambiere ich sogar die Desserts. Unter meinen Fingern tanzt eine Flammenkugel über das Tablett mit den Glasschüsseln und schmilzt die Zuckerkronen zu knusprigen Krusten. Die Sklaven stimmen in den Applaus von Eleni und Mutter ein.

»Das ist unglaublich«, flüstert Mutter, und mir wird bewusst, wie selten sie bisher meinen Feuertrieb sah. Sie kostet das Dessert, dann legt sie den Löffel behutsam auf dem Tisch ab. »Ich hoffe, dein Feuerzauber wird dich im Norden beschützen.«

Ich schlucke ernüchtert. »Das ist kein Zauber.« Das Essen ballt sich wie ein Lehmbrocken in meinem Magen zusammen.

Eleni setzt sich auf ihrer Liege auf. »Ich werde auf sie aufpassen«, sagt sie ernst zu meiner Mutter. »Versprochen.«

Ich kann nicht anders, ich muss lachen. Sogar Mutter lacht, obwohl sie höflich versucht, es zu verbergen.

»Das habe ich ernst gemeint!«, ruft Eleni empört, und ich beiße mir auf die Zunge, um mein Lachen zu unterdrücken. Ich will sie nicht beleidigen, denn ich weiß, dass ihr Versprechen keineswegs aus der Luft gegriffen ist. Ich mag größer und stärker sein als sie, doch sie ist die Heilerin. Eine Schramme zu entfernen, indem sie ihre Hand darauf legt, ist für sie nur eine Fingerübung.

Meine Heiterkeit verfliegt. So sehr ich mich freue, dass Eleni sich auch als Rekrutin gemeldet hat – schließlich stehen ihr mit ihren Fähigkeiten und ihrer Herkunft viele beruflichen Möglichkeiten offen –, so sehr bange ich um sie, auch wenn ich versuche, diese Gedanken zu verdrängen. Sie wird an der Front genauso gebraucht wie jeder Brenner, vielleicht sogar dringender. Außerdem liegt ihr der Militärdienst durch ihren Vater vermutlich im Blut. Doch selbst wenn sie ein Lazarett schwer verwundeter Soldaten zu heilen vermag, wenn dieses Lazarett von Feinden überrannt wird, ist sie hilflos. Erst recht, wenn sie dann den Kopf verliert. Sie kann zwar ein perfektes System ersinnen, um Heilkräuter zu klassifizieren, doch das Chaos des Krieges wird sie nicht bezwingen können. Dabei bringt nichts sie so sehr aus der Fassung wie Unordnung.

Sie sagt allerdings, sie weiß, worauf sie sich einlässt. Ich hoffe, das stimmt.

Um die Wogen zu glätten, stellt meine Mutter Eleni eine Frage, und sie beginnt voller Eifer von ihren Forschungen zu erzählen, die sie in einem eigens eingerichteten Laboratorium hinter dem Haus betreibt. Stets sucht sie dort nach neuen Heilmitteln, und ihr Verstand rastet nie. Ich bin mir sicher, dass es nicht mehr lange dauern wird, bis sie als die klügste Gelehrte ihrer Gilde gilt. Wenn sie den Krieg überlebt.

»Ich mache einen letzten Rundgang, um mich zu verabschieden«, sagt Eleni plötzlich, springt auf und gibt meiner Mutter etwas steif die Hand, mir nickt sie zu. »Wir sehen uns morgen früh.«

Schon im Morgengrauen werden wir in der Kaserne erwartet. Die Formalitäten der Einschreibung haben wir bereits vor ein paar Tagen hinter uns gebracht, und unter der Voraussetzung, dass wir unsere Prüfungen bestehen, nannte man uns den morgigen Tag als Beginn unseres Militärdienstes. Ich habe mich so sehr auf die Abschlussprüfung konzentriert, dass ich das beinahe vergessen habe. Nun kann ich kaum glauben, dass es so schnell geht, und ich weiß nicht, ob ich mich deshalb fürchte oder es nicht mehr erwarten kann.

»Elenis Vater ist Hauptmann im Norden, oder?« Mutters Frage durchbricht meine Gedanken.

»Kommandant«, antworte ich. Ich nippe an meinem Saft, doch der schmeckt inzwischen schal. »Er befehligt die Achte Division, Ians Einheit an der Grenze.«

Mutter verweilt in Gedanken immer noch bei Eleni. »Sind ihre beiden Eltern Heiler?«

»Ihr Vater weist nur geringe Spuren des Triebs auf«, antworte ich. »Ihre Mutter war eine bekannte Heilermeisterin, ist jedoch schon lange tot.«

Eigentlich müsste ich ihr das bereits erzählt haben, doch vielleicht erinnert sie sich nicht daran. Ihre Gedanken sind für mich eine verschlossene Welt.

»Von wem verabschiedet sie sich dann?«, fragt sie weiter.

Ich hebe die Schultern. Ich vermute, Eleni gibt dem Sklaven, der ihr in den Laboratorien zur Hand geht, letzte Instruktionen. Zwar sind ihre Verwandten so zahlreich wie eine eigene Stadtbevölkerung, doch außer ihrem Vater steht sie keinem von ihnen nahe. Familie bedeutet in den Hohen Geschlechtern von Athos nicht das Gleiche wie in Irelin. Das kann ich meiner Mutter jedoch unmöglich sagen. Die Tatsache, dass wir beide auch nicht unbedingt eine typische irelinische Familie sind, hing schon immer wie ein Schatten über unserer Beziehung.

Wir blicken auf die Reste unseres Festgelages und hängen unseren Gedanken nach. In der Disziplin des Schweigens war meine Mutter immer schon Meisterin, und auch ich bin nicht mehr in gesprächiger Stimmung.

»Begleitest du mich auf mein Zimmer?«, unterbricht sie irgendwann die Stille. »Ich möchte dir noch etwas geben.«

Ich nicke und frage mich, was das sein könnte. Mit dem Mantel hat sie mir bereits ein viel wertvolleres Geschenk gemacht, als ich je erwartet hätte.

Wir erheben uns, was den Sklaven als Signal dient, aus den Schatten zu treten, in denen sie bewegungslos verharrt haben. Sie räumen den Tisch ab und weichen uns dabei so geschmeidig aus, als wären sie Wasser, das um uns herum fließt. Dabei heben sie in keinem Moment ihren Blick. Nur die beiden Papageien, die in einem Käfig neben der Tür des Gästetrakts wohnen, reißen bei unserem Herankommen die Schnäbel auf und starren mich an, als wäre ich eine Erscheinung.

»Hier entlang«, wispert Mutter, und ich folge ihr zur Treppe und zu einem Zimmer im dritten Stock.

Dort angekommen setze ich mich auf das verschwenderisch breite Bett, das nichts mit meiner Pritsche in der Akademie gemein hat. Mutter bleibt stehen. Sie mustert mich mit einem seltsamen Blick, wehmütig und distanziert zugleich, als wäre ich eine Fremde, die sie an jemand anderen erinnert. Plötzlich ist mir beklommen zumute.

»Du hast etwas für mich?«, frage ich lauter als beabsichtigt.

Sie fährt so abrupt herum, als hätte ich sie bei etwas Verbotenem erwischt. »Natürlich.«

Sie öffnet einen Schrank und wühlt hektisch in ihrem Gepäck, das nur eines der vielen Fächer füllt. Schließlich bringt sie einen Lederbeutel zum Vorschein. Jäh werden ihre Bewegungen wieder so vorsichtig, wie ich es gewohnt bin. Mit spitzen Fingern reicht sie ihn mir.

Nervös betaste ich ihn, dann ziehe ich die Schnur auf. Glatt und schwer gleitet etwas gelblich Glänzendes auf meine Handfläche.

Eine Münze. Ich starre sie an, atemlos und zunehmend fassungslos. Das Feuer in meinem Inneren züngelt gierig, meine Haut beginnt zu glühen. Erst einmal habe ich so etwas berührt, doch ich weiß sofort, was es ist.

»Chrysos«, flüstere ich. »Mutter, das ist illegal.«

»Ich weiß«, sagt sie. Ihre Miene ist so blass, als hätte sie das Essen nicht vertragen. »Er sagte, ich soll sie dir geben, wenn du so weit bist.«

»Wer?«, flüstere ich. Doch ich weiß bereits, von wem sie spricht. Von ihm, dessen Namen sie niemals verriet, obwohl wir immer und immer wieder darüber stritten, obwohl ich deshalb mehrmals von zu Hause wegrannte und ein anderes Mal einen ganzen Monat nicht mit ihr sprach. Sie verriet ihn auch nicht, als ich das erste Mal brannte und die Ipallin sie mit Gewalt dazu zwingen wollte.

Auch jetzt nennt sie keinen Namen. »Er gab mir die Münze vor vielen Jahren. Er sagte, ich solle sie im Geheimen verwahren und dir in Zeiten äußerster Not geben. Ich glaube …«, sie stockt. »Ich glaube, im Krieg kannst du sie brauchen.«

Jäh werde ich wütend. Ich will die Münze auf den Boden werfen und sie zu Staub zertreten, ich will meine Mutter anschreien, was ihr einfällt, nach all den Jahren des Schweigens mit so einem vergifteten Geschenk zu kommen.

»Bist du wahnsinnig?«, zische ich. »Sie könnten mich dafür hängen!«

Mutter wird noch bleicher. »Das habe ich nicht gewusst«, flüstert sie. »Dann gibst du sie wohl besser deiner Gilde zurück.«

»Schlechte Idee«, fauche ich. »Wenn ich sie dem Schatzmeister aushändige, wird er fragen, woher ich sie habe. Und dann werden sie dich hängen.«

Sie schweigt, die Augen weit aufgerissen. Ich kann den Anblick nicht ertragen. Ich wende mich ab und starre die Münze an, drehe sie zwischen meinen Fingern, obwohl ich sie am liebsten fallen lassen würde. Sie fühlt sich heiß und irgendwie unangenehm an, als sauge sie meine Wärme in sich auf. Sie ist klein, etwa zweifingerbreit, und ihre Farbe ist matt und nachgedunkelt. Wie alt mag sie sein? Seltsame Ornamente bedecken beide Seiten, ein verschlungenes Muster, das mir fremd ist und doch etwas in mir anrührt, als hörte ich eine leise Melodie, als tanzte ich einen traurigen Tanz.

Ich werfe sie abrupt auf das Bett.

»Nimm sie wieder mit, Mutter«, flüstere ich. »Ich will sie nicht.«

Sie schweigt immer noch. Schatten überziehen ihr Gesicht. »Ja natürlich«, sagt sie schließlich und greift danach, steckt sie wieder in den Lederbeutel und in ihre Reisetasche. Dann kommt sie zu mir und nimmt mein Gesicht in beide Hände. Ihre Finger sind kalt.

»Es tut mir leid.« Sie küsst meine Stirn, und als sie mich wieder anschaut, glänzen Tränen in ihren Augen. »Es tut mir leid, dass ich dich damit behelligt habe.« Sie zögert einen Moment, bevor sie weiterspricht. »Ich möchte mich nicht im Streit von dir verabschieden, Thea. Du bist doch meine einzige Tochter.«

Ich schlinge die Arme um sie, wie ich es seit meiner Kindheit nicht mehr getan habe, vergrabe mein Gesicht an ihrem Hals und rieche ihren Duft nach Honig und Wolle und Holz.

»Ich weiß«, murmele ich.

»Komm wieder«, sagt sie so erstickt, dass ich ihre Stimme kaum verstehe. »Komm wieder mit Ian. Dann richten wir eine Hochzeit aus und feiern den Frieden.«

Ich wünschte, ich könnte etwas Fröhliches erwidern, wünschte, ich könnte in die Zukunft sehen in eine Zeit nach dem Krieg. Doch ich drücke sie noch ein bisschen fester und schweige. Wir wissen beide, dass jedes Versprechen heute Abend eine Lüge wäre.

Kapitel 4

In dieser Nacht träume ich zum ersten Mal seit Langem wieder von früher.

Ich bin dreizehn und treibe mich mit Ian und ein paar anderen auf der Wiese hinter dem Gutshof von Conors Eltern herum. Conor ist Ians bester Freund, doch mich mag er nicht besonders. Ich glaube, er ist eifersüchtig, weil Ian und ich seit letztem Sommer so viel Zeit miteinander verbringen. Außer Conor sind heute noch zwei Jungen aus der Nachbarschaft bei uns, außerdem die Schwestern Maeve und Cianna, die hochgeborenen Töchter der Ipallin unseres Bezirks. Sie sind wunderschön mit ihren leuchtenden Locken, und je fröhlicher sie über Ians Witze kichern, desto gezwungener wird mein eigenes Lachen.

Eigentlich reicht mir Ians Gegenwart, ich brauche seine Freunde nicht, die versuchen, mich mit ihren dummen Sprüchen zu reizen und hinter meinem Rücken über mich spotten.

Ian merkt nichts von den Spannungen. Er lümmelt auf der Wiese, einen Grashalm zwischen den Zähnen und reißt einen Witz nach den anderen.

»Was habt ihr mit diesem Ungetüm vor?«, neckt er die Schwestern und tippt mit dem Fuß gegen einen großen Papierdrachen, der die zähnebleckende Fratze eines Widders zeigt. Dieser Widder ist das alte Wahrzeichen von Irelin, das man nur noch selten sieht, denn die gelbe Sonnenflagge der Republik gilt als das einzige offizielle Staatensymbol. »Den kriegt ihr niemals in die Luft.«

Cianna, die jüngere der Schwestern, streicht mit einer gezierten Bewegung über ihren Rock, der wie ein Fächer um sie im Gras ausgebreitet ist.

»Wir haben den Drachen im Keller gefunden«, zwitschert sie mit ihrer leisen, mädchenhaften Stimme.

Maeve nickt schelmisch. »Wir dachten, einer von euch will vielleicht versuchen, ihn steigen zu lassen«, verkündet sie. »Oder fühlt ihr euch ihm nicht gewachsen?«

Die Jungen blicken sich an. Ich weiß genau, was in ihnen vorgeht.

»Oh doch.« Conor springt auf. »Ich werde euch zeigen, wie hoch der Widder fliegen kann!«

Er packt die Drachenschnur und rennt den Hang hinab. Der Papierwidder rutscht auf der Wiese hinter ihm her. Hartnäckig versucht Conor, ihn in die Luft zu bekommen, doch er schafft es nicht. Er ist zu langsam, außerdem weht nicht ein einziges Lüftchen.

Bald fängt Ian an zu lachen, und die anderen stimmen mit ein. Ich lache auch, doch heimlich wende ich meinen Blick ab von Conor und beobachte Ian mit seinem wuscheligen honigbraunen Haar, den blaubraun gesprenkelten Augen und dem Grübchen im Kinn. Ich mag es, wenn er lacht. Seit einigen Wochen schon spüre ich ein warmes Kribbeln, wenn ich ihn ansehe, ein Glühen tief in meinem Bauch, das sich über Hände und Wangen ausbreitet, wenn ich nicht aufpasse. Ich bin süchtig nach diesem Gefühl, auch wenn es mich beunruhigt. Mich beunruhigen auch die Rußflecken auf meinen Kleidern, die jeden Tag wiederkehren und der leise Brandgeruch, den ich immer in der Nase habe, obwohl ich nirgends ein Feuer sehe. Ich schiebe es auf die Sommerhitze, die offenbar allen mehr zu schaffen macht als mir.

Plötzlich steht Conor vor mir. Er schnauft und ist ganz rot im Gesicht vom Herumlaufen mit dem Drachen.

»Lach nicht so blöd«, fährt er mich an, als hätten die anderen nicht ebenfalls gelacht. »Du kannst es auch nicht besser.«

Ich zucke mit den Schultern. Ich habe keine Lust, mich mit ihm zu streiten.

»Und ob sie es kann«, behauptet Ian plötzlich und springt auf. »Sie rennt schneller als du.«

Conor schnaubt. »Sie ist nur ein Mädchen.«

Maeve stößt einen Laut aus, der gar nicht mädchenhaft klingt, doch keiner der Jungen beachtet sie.

»Wollen wir wetten?«, ruft Ian. »Ich sage, sie schafft es.« Er grinst mich siegesgewiss an.

»Pah!« Conor verschränkt die Arme. »Ich setze zwei Denar, dass sie’s verbockt.«

»Ich halte dagegen.«

Ich verfolge das Gespräch mit einem Stirnrunzeln. Ich freue mich über Ians Vertrauen in meine Fähigkeiten, doch eigentlich möchte ich Conor nicht noch mehr verärgern. Ian lässt mir allerdings keine Wahl.

»Los, Thea!« Er packt mich an der Hand und zieht mich in die Höhe. »Zeig es ihm.«

»Ja, zeig es ihm«, ruft auch Maeve hinter mir, als wären wir Freundinnen.

Ich streife meine Sandalen ab und ergreife die Drachenschnur. Meine nackten Füße trommeln auf dem trockenen Gras, als ich losflitze, die abschüssige Wiese hinab und auf den Wald zu, dessen dunkle Tannenhaine mein zweites Zuhause sind. An der Grenze unseres Distrikts beginnt der Deamhain, so wird dieser riesige, uralte Wald seit jeher genannt. Seine Dickichte und Moore gelten als gefährlich, und man raunt von riesigen Untieren in seinen Tiefen, sodass sich die wenigsten Ireliner weiter als einen Steinwurf hineintrauen. Doch ich glaube die Geschichten nicht. Ich mag seine kleinen Lichtungen, auf denen es einsam ist, aber niemals still.

Hinter mir höre ich, wie Ian und Maeve mich anfeuern und beschleunige noch, renne so schnell ich kann. Ian stößt einen Jubelschrei aus, als der Drache hinter mir wie ein Vogel in den blauen Himmel steigt.

Als ich irgendwann zum Stehen komme, habe ich den Waldrand schon fast erreicht. Die Tannen winken mir zu, doch heute beachte ich sie nicht. Die anderen sind nur noch kleine Spielfiguren weit oben am Hang. Ian wirft mir einen frechen Handkuss zu, der mich erröten lässt, dann wendet er sich ab und geht in Richtung Gutshof. Maeve und Cianna folgen ihm. Weil sie alle am höchsten Punkt der Wiese stehen und das Land zum Haus wieder abfällt, verschwinden sie rasch aus meinem Blick. Bis ich den Drachen eingesammelt und den Hügel wieder hinaufgestapft bin, sind die drei nirgends mehr zu sehen.

Nur Conor und die beiden anderen Jungen warten auf mich. Conor reißt mir den Drachen aus der Hand.

»Da war Wind«, behauptet er mürrisch.

»Von wegen.« Ich habe auch meinen Stolz. »Wo sind die zwei Denar?« Wo ist Ian, will ich eigentlich fragen, doch ich traue mich nicht.

»Vergiss es.« Er stemmt die Hände in die Hüften und grinst plötzlich. »Ich habe nicht mit dir gewettet. Ich wette nämlich nicht mit Gören. Und mit Bastardgören schon gar nicht.«

Seine Freunde lachen. Wut brodelt in mir hoch wie kochendes Wasser. Ich springe nach vorne und schlage ihm die Faust in den Bauch. Mit einem Ächzen taumelt er zurück, stolpert über einen Stein und fällt auf den Hintern.

»Das Geld«, verlange ich. »Gib es mir!«

Er stößt einen Wutschrei aus und stürzt sich auf mich. Ich weiche seinem plumpen Angriff aus. Notgedrungen habe ich ein paar Erfahrungen mit Prügeleien. Bevor Ian letztes Jahr aus irgendeinem Grund beschloss, sich mit mir anzufreunden, musste ich mich oft gegen die Häme der anderen Kinder zur Wehr setzen. Eigentich weiß ich, dass ich vorsichtig sein sollte, wenn die anderen in der Überzahl sind, doch heute habe ich das außer Acht gelassen. Und sofort muss ich dafür büßen. Arme schlingen sich von hinten um mich, ein Faustschlag in die Nieren lässt mich keuchen.

»Lasst mich los«, schreie ich, doch gegen drei Jungen, die alle ein Jahr älter sind als ich, komme ich nicht an.

»Du dummes Luder!«, brüllt Conor.

Sie zerren mich über die Wiese zu den Pferdeställen. Conor öffnet die Tür zu einem leeren Verschlag und schubst mich hinein. Ich falle auf die Knie. Nur einzelne Sonnenstrahlen dringen zwischen den Holzbohlen hindurch. Es ist stickig und stinkt nach trockenem Mist. Pferde wiehern ganz in der Nähe. Als ich mich aufrapple, drängen sich alle drei Jungen in den engen Verschlag.

Conor packt meine Arme und drückt mich gegen die Wand. »Du denkst, du kannst mich ungestraft schlagen?«, keucht er. Seine Augen glitzern im Dämmerlicht. »Nur weil du Ian um deinen sechsten Hexenfinger gewickelt hast?« Seine Fingernägel bohren sich in meine Haut. Ich zische und versuche, nach ihm zu treten, doch er presst mich so fest gegen die Wand, dass ich mich kaum rühren kann. Er riecht nach Schweiß. Auch die anderen Jungen rücken näher.

Das ist nicht mehr nur eine Prügelei, irgendetwas ist anders als sonst. Unter meine Wut mischt sich Angst.

»Lasst mich gehen«, rufe ich.

»Magst du uns etwa nicht?«, fragt Conor. Die anderen Jungen kichern. Ihre Stimmen klingen heiser. Auf Conors Zeichen packen sie mich von beiden Seiten an den Armen, sodass er mich loslassen kann.

»Was tust du denn für zwei Denar?« Sein Gesicht ist nun ganz nah. »Wie die Mutter so die Tochter, nicht wahr?« Ich spüre seine Finger. Sie krabbeln wie Ameisen über meinen Bauch, dann schieben sie sich unter den Stoff meines Kittels. Ich erstarre.

»Nein!«, keuche ich und beginne verzweifelt mich zu wehren, doch die Jungen lassen mich nicht los.

Conors Finger sind unerbittlich, seine Berührungen brennen auf meiner Haut wie Schnitte mit einem Messer. Und dann – nein, da darf er mich nicht berühren. Ich kann nicht verstehen, was er da tut, ich kann nicht mehr denken, da ist nur noch Panik. Und Schmerz, als er seine Finger in mich zwingt. In diesem Moment zerbirst etwas in mir. Hitze rast durch meinen Körper wie ein Flammenstoß. Die Welt vor meinen Augen erglüht in einem gleißenden Licht. Ich reiße den Kopf in den Nacken und schreie, kreische so schrill und durchdringend, dass mein Kopf klirrt wie zerbrochenes Glas. Andere Stimmen mischen sich darunter, die ebenfalls schreien, jemand schlägt mir ins Gesicht, und ich falle nach hinten, wo plötzlich keine Wand mehr ist, nur Hitze und Licht, das mich verzehrt.

Ich schrecke mit einem Keuchen aus dem Schlaf. Meine Tunika klebt an meinem verschwitzten Körper, und ich fröstele, obwohl mich die Hitze aus meinem Traum durchpulst.

Immer noch ist es Nacht. Ich bin allein in der Kammer in der Akademie. Die drei leeren Pritschen neben mir wirken im Dunkeln wie Särge. Rasch stehe ich auf und eile in den Baderaum, wasche meinen Körper an einem der Wasserbecken, die jeden Abend von Sklaven befüllt werden. Mondlicht zeichnet geisterhaft mein Gesicht und meine Schultern im Spiegel nach. Ich bin bleich, wirke fast so hell wie meine Haare, meine Lippen sind blutig gebissen, und meine Augen wirken noch größer als sonst.

Conor und einer der anderen Jungen haben es damals nicht mehr aus dem Stall geschafft, ebenso die Mehrzahl der Pferde. Wahrscheinlich wäre auch ich in dem Feuer gestorben – nicht an den Flammen, sondern am Rauch –, wenn Ian mich nicht gerettet hätte. Ian, der mit den Schwestern fortgegangen war, um von Conors zwei Denar, die er bereits erhalten hatte, Limonade für uns zu kaufen. Er hat mich aus dem brennenden Stall gezogen, ohne zu wissen, dass ich das Feuer verursacht hatte. Zuerst hielten es alle für ein Wunder, dass ich zwar schwach, aber nahezu unverletzt war. Nachdem der überlebende Junge zu sich kam und erzählte, was passiert war, standen allerdings rasch die Ordner vor Mutters Tür.

Auch Dreizehnjährige können in Athosia für Mord gehängt werden. Ich habe es nur Maeves und Ciannas Mutter, der Ipallin, zu verdanken, dass ich noch lebe. Ihre Familie gehört zum Hohen Geschlecht der Agadeis und in ihrem Stammbaum gibt es sowohl Heiler- als auch Brennerblut, deshalb wusste sie gleich, womit sie es zu tun hatte.

Heiler waren früher schon ab und zu in unseren Distrikt gekommen und hatten gegen Geld ihre Dienste geboten. Doch Brenner hatten die wenigsten Dorfbewohner bisher getroffen, obwohl jeder zahlreiche Geschichten und Berichte über sie kennt. Es macht die Leute stolz, dass jetzt eine von diesen beinahe mystisch verehrten Bürgern aus ihren Reihen kommt. Gleichzeitig fürchten sie mich für das, was ich getan habe, genauso wie ich mich selbst fürchte. In diesem Zwiespalt lebe ich, und auch meine Verlobung mit Ian letzten Winter hat nicht viel daran geändert.

Sie werden dich mögen, wenn sie dich erst besser kennenlernen, hat Ian zu mir gesagt. Wenn wir uns nach meiner Armeezeit auf dem Hof meiner Eltern niederlassen.

Ich bin mir nicht sicher, ob er recht hat. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob ich wirklich mit ihm dorthin zurückkehren will. Doch das habe ich ihm noch nicht verraten, und jetzt ist ohnehin alles anders.

*

Ein paar Stunden später streiche ich ein letztes Mal das Laken über meiner Pritsche glatt. Ich schließe ein letztes Mal meine Kleidertruhe und gebe den Schlüssel kurz darauf an der Pforte ab. Meine wenigen Habseligkeiten trage ich in einem Beutel über meiner Schulter.

Als ich die Akademie verlasse, kündigt sich der Morgen mit einem grauen Schleier an. Meine Sandalen klappern laut auf den leer gefegten Straßen. Auf den Dächern sehe ich schattenhafte Gestalten huschen, Sklaven, die das Tagwerk ihrer Herren vorbereiten. Ein paar Papageien flattern eine Zeit lang hinter mir her und verspotten mich keckernd. Ich bin zu müde, um sie zu verscheuchen, und irgendwann geben sie die Verfolgung auf, versammeln sich stattdessen keifend und raufend auf den Balustraden der Säulengänge, von wo die Ordner sie später sicher wieder verjagen werden.

Nach einem zügigen Fußmarsch sehe ich schließlich die Mauern der Kaserne, die sich wie dunkle Gewitterwolken auftürmen. Vier Wachtürme säumen den quadratischen Bau, und von den Zinnen weht wie ein einsamer Leuchtpunkt im Dämmergrau die gelbe Flagge.

Als ich das eiserne Haupttor erblicke, beschleunigen sich meine Schritte, dann bleibe ich so abrupt stehen, dass sich der schwarze Umhang um meine Waden bauscht.

Halb verborgen in einer Seitengasse stehen Marius und sein Vater. Marius trägt einen nagelneuen, schwarz glänzenden Umhang und sein so perfekt proportioniertes Gesicht ist blasser als ein Lammfell. Die beiden sind so vertieft in ihr Gespräch, dass sie mich nicht zu bemerken scheinen. Ihre Stimmen sind gedämpft, doch als ich vorsichtig näher komme, höre ich Zorn darin schwingen. Sie streiten.

Fünfzehn Schritte bin ich noch entfernt, als Marius’ Vater herumfährt und mich entdeckt. Er schließt den Mund und blickt mich so grimmig an, als wäre ich ein Eindringling in seinem Haus. Marius streift mich nur mit einem kurzen Blick und wendet sich ab.

Ich grüße sie mit einem höflichen Nicken, das keiner von ihnen erwidert, dann gehe ich eilig weiter. Mein Herz schlägt hart wie ein Schmiedehammer. Das letzte Wort, das Marius’ Vater benutzte, bevor er mich entdeckte, war Seuche.

Meine Gedanken überschlagen sich, und ich bemerke erst, dass ich das eiserne Tor erreicht habe, als mich ein Soldat rüde am Arm packt. Ich nenne ihm meinen Namen, den er mit einer Liste abgleicht, bevor er mich passieren lässt. Immer noch schlägt mein Herz viel zu laut.

Ich gehe unter dem Torbogen hindurch, dann bleibe ich stehen. Mit einem tiefen Atemzug versuche ich, mich zu beruhigen. Doch das reicht nicht. Ich fingere Elenis Plasté aus meiner Tasche und schlucke eine der taub machenden Pastillen.

Hinter mir betritt Marius die Kaserne. Er hat den schwarzen Umhang fest um seine Schultern geschlungen und wirkt, als würde er frieren. Er geht an mir vorbei, als wäre ich nicht da. Will er sich etwa auch verpflichten? Der Gedanke ruft Schauder bei mir hervor, aber auch widerwilligen Respekt. Das Leben in der Armee gilt als noch härter als das in den Minen, und jeder fängt – egal wie erhaben seine Herkunft ist – als einfacher Rekrut an. Deshalb wird die Soldatenlaufbahn meist von weniger begüterten Brennern eingeschlagen, oft Provinzler aus Nebenzweigen der Hohen Geschlechter, die die Meisterprüfung zum Teil gar nicht abgelegt haben. Keiner erwartet von einem so Hochgeborenen wie Marius, dass er in die Armee eintritt. Jetzt glaube ich zu wissen, warum er mit seinem Vater gestritten hat. Der Gildenvorsitzende wollte seinen Sohn daran hindern, in den Krieg zu ziehen. Aber warum hat er über die Seuche gesprochen? Gibt es da nicht bessere Argumente? Oder ist diese Krankheit doch nicht so harmlos, wie Eleni glaubt?

Langsam setze ich mich wieder in Bewegung. Ich kann das mulmige Gefühl, das diese Gedanken in mir auslösen, nicht abschütteln. Jeder Schritt über den gekiesten Kasernenhof kostet mich Überwindung. Doch ich kann nicht mehr zurück. Mit jedem Atemzug sage ich mir, dass ich für mein Land jeder Gefahr ins Auge blicken kann, und als ich den Hof endlich überquert habe, geht es mir wieder besser. Entschieden nenne ich dem zuständigen Hauptmann meinen Namen.

Es gibt nichts, das besser organisiert ist als das Ämterwesen von Athos. Der Hauptmann verfügt bereits über alle offiziellen Belege. Die Urkunde der Akademie, die meinen Meistertitel bestätigt. Ein Dokument der Stadt Athos, das meine Bürgerschaft ausweist, mitsamt Namen, Beschreibung und Geburtsdatum. Er lässt mich ein weiteres Dokument unterschreiben, das meine Ankunft bestätigt, dann drückt er mir einen Zettel in die Hand, und ich muss mich in die Schlange der anderen Rekruten einreihen, die sich durch den tristen ...

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Frostseelen" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen