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Frostnacht

Arnaldur Indriðason

Frostnacht

Island-Krimi

Aus dem Isländischen von
Coletta Bürling

BASTEI ENTERTAINMENT

Vorbemerkung:

In Island duzt heutzutage jeder jeden. Man redet sich nur mit dem Vornamen an. Dies wurde bei der Übersetzung beibehalten.

Namen, Personen und Begebenheiten in diesem Roman sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind nicht beabsichtigt und rein zufällig.

Bin ich es denn, der noch lebt,
oder bin ich der, welcher starb?

Steinn Steinarr, aus »Í kirjugarði«

Eins

Sie konnten zwar schätzen, wie alt er war, doch weitaus schwieriger war es, festzustellen, aus welchem Teil der Welt er stammte.

Sie gingen davon aus, dass er etwa zehn Jahre alt war. Er trug einen grauen Kapuzenanorak, der offen stand, und eine Hose in grünen und braunen Tarnfarben, die an Militäruniformen erinnerte. Auf dem Rücken hatte er einen Schulranzen. An einem Fuß fehlte der Stiefel, und sie sahen, dass in der Socke ein Loch war. Ein Zeh lugte heraus. Der Junge hatte weder Handschuhe noch Mütze an. Sein schwarzes Haar war bereits am vereisten Untergrund festgefroren. Er lag auf dem Rücken, mit dem Gesicht zur Seite gedreht, die gebrochenen Augen schienen auf den Boden zu starren. Die Blutlache unter ihm war schon fast zu Eis geworden.

Elínborg kniete bei der Leiche nieder.

»Großer Gott«, stöhnte sie, »was geht in dieser Stadt eigentlich vor?«

Sie streckte die Hand aus, als wolle sie die Leiche berühren. Es hatte fast den Anschein, als habe sich der Junge dort zum Schlafen hingelegt. Der Anblick setzte ihr zu, sie schien nicht wahrhaben zu wollen, was sie sah.

»Nicht anrühren«, sagte Erlendur ruhig. Er und Sigurður Óli standen neben der Leiche.

»Ihm muss kalt gewesen sein«, murmelte Elínborg und zog ihre Hand zurück.

Es war Mitte Januar. Bis zur Jahreswende war der Winter erträglich gewesen, aber dann hatte die Kälte mit voller Wucht eingesetzt. Wie eine eisige Faust hielt sie die Erde umklammert, während der Nordwind um das Gebäude heulte und pfiff. Der Schnee stob über den Boden dahin und hatte sich hier und da zu kleinen Wehen angehäuft, von denen der oberste und feinste Schnee weitergeblasen wurde. Der Wind kam direkt vom Nordpol und war schneidend kalt, er drang bis unter die Kleidung und ging durch Mark und Bein. Erlendur schauderte und vergrub die Hände in den tiefen Taschen seines Wintermantels. Der Himmel war schwer verhangen, und obwohl es erst kurz nach vier war, wurde es bereits dunkel.

»Warum werden solche Militärhosen für Kinder hergestellt?«, fragte er.

Sie standen dicht bei der Leiche. Das Blaulicht der Streifenwagen zuckte über den Wohnblock und die umliegenden Häuser.

Einige Passanten waren bei den Autos stehen geblieben. Die ersten Reporter hatten sich eingefunden. Die Leute von der Spurensicherung machten Aufnahmen vom Tatort, und die Blitze der Kameras zuckten mit dem Blaulicht um die Wette. Man machte Skizzen von der Stelle, wo der Junge lag, ebenso von der nächsten Umgebung. Das war die erste Phase der Ermittlung.

»Solche Hosen sind in Mode«, entgegnete Elínborg.

»Hast du was dagegen, dass Kinder solche Hosen tragen?«, fragte Sigurður Óli.

»Ich weiß nicht«, sagte Erlendur. »Ja, ich finde es merkwürdig«, erklärte er dann.

Er sah an dem Wohnblock hoch. In einigen Wohnungen waren die Leute trotz der Kälte auf den Balkon hinausgetreten und starrten nach unten. Andere zogen es vor, drinnen zu bleiben, und begnügten sich damit, aus den Fenstern zu schauen. Die meisten Hausbewohner waren aber noch bei der Arbeit, und in ihren Fenstern brannte kein Licht. Man würde mit sämtlichen Bewohnern des Hauses sprechen müssen. Von dem Zeugen, der das Opfer gefunden hatte, wussten sie, dass der Junge in diesem Haus wohnte. Vielleicht war er allein zu Hause gewesen und auf dem Balkon herumgeklettert und heruntergefallen. In dem Fall würde es als tragischer Unfall registriert werden. Mit dieser Vorstellung konnte Erlendur sich eher anfreunden als mit dem Gedanken, den er nicht zu Ende denken mochte: dass der Junge ermordet worden war.

Er blickte sich um. Der Garten um den Wohnblock herum machte keinen gepflegten Eindruck. Mitten auf dem Grundstück befand sich ein kleiner Spielplatz mit zwei Schaukeln, von denen die eine kaputt war; der Sitz hing herunter und wurde vom Sturm durch die Luft gewirbelt. Außerdem gab es eine altersschwache, ursprünglich rot lackierte Rutschbahn, die inzwischen aber rostig und fleckig war, und eine einfache Wippe, deren Sitze aus Holzbrettern bestanden. Das eine Ende war am Boden festgefroren, das andere ragte wie ein überdimensionaler Gewehrlauf in die Luft.

»Wie müssen den anderen Stiefel finden«, sagte Sigurður Óli.

Alle drei blickten auf die löchrige Socke.

»Wie ist so etwas möglich«, seufzte Elínborg.

Mitarbeiter der Kriminalpolizei suchten das Grundstück nach Spuren ab, es wurde jedoch immer dunkler, und auf dem hart gefrorenen Boden schien es keine Abdrücke zu geben. Auf dem Rasen, der mit einer dicken Eisschicht bedeckt war, guckten nur an ein paar Stellen noch Grasbüschel heraus. Der Amtsarzt hatte den Tod festgestellt und suchte jetzt beim Haus Schutz vor dem Nordwind, wo er sich eine Zigarette anzündete. Er war sich nicht sicher, was den präzisen Zeitpunkt anging, aber wahrscheinlich war der Tod innerhalb der letzten Stunde eingetreten. Er wies darauf hin, dass man im gerichtsmedizinischen Institut Körpertemperatur und Frostgrade miteinander abgleichen müsste, um die genaue Zeit des Todes zu ermitteln. Auf den ersten Blick hatte der Arzt die Todesursache nicht ausmachen können. »Möglicherweise ein Sturz«, sagte er und schaute an dem düsteren Gebäude hoch.

Niemand hatte die Leiche angerührt. Der Gerichtsmediziner war bereits unterwegs. Wenn er es einrichten konnte, kam er selber zum Tatort, um sich gemeinsam mit den Kriminalbeamten ein Bild zu machen. Erlendur war beunruhigt über die Tatsache, dass sich inzwischen immer mehr Leute an der Giebelseite des Hauses versammelten und im scharfen Licht der Blitze die Leiche sehen konnten. Autos verlangsamten im Vorbeifahren das Tempo, Augen saugten die Szenerie in sich auf. Die Leute von der Spurensicherung waren damit beschäftigt, kleine Scheinwerfer aufzustellen, damit der Tatort besser sondiert werden konnte. Erlendur wies einen der Polizisten an, das Gelände abzuschirmen. Von unten gesehen hatte es den Anschein, als seien alle Balkontüren auf den Etagen, die für einen solchen Sturz infrage kamen, geschlossen, ebenso wie die Fenster. Der Wohnblock war ein ziemlicher Koloss, sechs Stockwerke mit vier Treppenaufgängen. Das Gebäude wirkte heruntergekommen. Die Eisengeländer an den Balkons waren verrostet, der Außenanstrich war verblichen und blätterte an nicht wenigen Stellen ab. Von dort, wo Erlendur stand, sah er, dass in mindestens zwei verschiedenen Wohnungen die große Scheibe des Wohnzimmerfensters einen Sprung hatte. Niemand hatte sich darum gekümmert, sie auswechseln zu lassen.

»Ob das etwas mit Ausländerfeindlichkeit zu tun hat?«, fragte Sigurður Óli, der auf die Leiche hinunterschaute.

»Ich glaube, wir sollten uns nicht vorab auf etwas festlegen«, entgegnete Erlendur.

»Könnte es sein, dass er an der Fassade hochgeklettert ist?«, fragte Elínborg und schaute an dem Wohnblock hoch.

»Kinder kommen auf die unglaublichsten Einfälle«, sagte Sigurður Óli.

»Wir müssen in Erfahrung bringen, ob er tatsächlich hier an den Balkons herumgeturnt ist«, sagte Erlendur.

»Woher er wohl stammt?«, überlegte Sigurður Óli.

»Meiner Meinung nach ist er asiatischer Abstammung«, antwortete Elínborg.

»Also kann er Thailänder sein, Philippiner, Vietnamese, Koreaner, Japaner oder Chinese«, zählte Sigurður Óli auf. »Sollten wir nicht lieber davon ausgehen, dass er Isländer ist, bis sich etwas anderes herausstellt?«, sagte Erlendur.

Sie standen schweigend in der Kälte neben dem Jungen, um den herum sich der Schnee anhäufte. Als Erlendurs Blick wieder auf die Schaulustigen am Ende des Hauses fiel, wo die Polizeiwagen standen, zog er sich den Mantel aus und breitete ihn über die Leiche.

»Ist das korrekt?«, fragte Elínborg und sah zu den Kollegen von der Spurensicherung hinüber. Im Grunde genommen durften sie sich nicht in der Nähe des Opfers aufhalten, bevor sie die Erlaubnis dazu erhalten hatten.

»Keine Ahnung«, sagte Erlendur.

»Nicht gerade professionell«, erklärte Sigurður Óli.

»Hat denn noch niemand den Jungen vermisst?«, fragte Erlendur, ohne auf Sigurður Ólis Bemerkung einzugehen. »Hat niemand hier in diesem Viertel nach einem vermissten Jungen in seinem Alter gefragt?«

»Das hab ich bereits auf dem Weg hierher recherchiert«, entgegnete Elínborg. »Nein, bei der Polizei ist keine Meldung eingegangen.«

Erlendur schaute auf seinen Mantel hinunter. Ihm war kalt.

»Wer hat ihn gefunden?«

»Der Junge wurde in einen der Treppenaufgänge gebracht«, sagte Sigurður Óli. »Er hat auf uns gewartet, nachdem er uns mit seinem Handy verständigt hatte. Heutzutage scheinen ja alle Kinder Handys zu haben. Er sagt, dass er nach der Schule die Abkürzung quer über das Grundstück genommen und dabei die Leiche gefunden hat.«

»Ich unterhalte mich mit ihm«, sagte Erlendur. »Überprüft, ob ihr irgendwelche Spuren des Jungen hier im Umfeld finden könnt. Wenn er geblutet hat, könnte das durchaus der Fall sein. Vielleicht war es kein Sturz.«

»Ist das nicht Sache der Spurensicherung?«, brummte Sigurður Óli, aber das überhörten Elínborg und Erlendur.

»Er scheint nicht hier beim Haus angegriffen worden zu sein«, sagte Elínborg.

»Und seht zu, dass ihr den anderen Stiefel findet«, sagte Erlendur und setzte sich in Bewegung.

»Der Junge, der ihn gefunden hat …«, sagte Sigurður Óli. »Ja?«, sagte Erlendur und drehte sich um.

»Er ist ebenfalls dunk…« Sigurður Óli zögerte.

»Was?«

»Er ist auch eines von diesen Zuwandererkindern«, sagte Sigurður Óli.

Der Junge saß auf den Stufen in einem der Treppenaufgänge, eine Polizistin stand bei ihm. Neben sich hatte er eine gelbe Plastiktüte, in der zusammengeknüllte Sportsachen waren. Er starrte Erlendur misstrauisch an. Sie hatten ihn nicht in einem der Streifenwagen warten lassen, weil das womöglich dazu geführt hätte, dass man ihn mit dem Tod des Jungen in Verbindung brachte.

Das Treppenhaus war dreckig, und der damit verbundene Gestank vermischte sich mit Zigarettenrauch und Essensgerüchen aus den einzelnen Wohnungen. Der Fußbodenbelag bestand aus zerschlissenem Linoleum. Die Wände waren mit etwas bekritzelt, was Erlendur kaum entziffern konnte. Die Eltern des Jungen waren noch bei der Arbeit, aber man hatte sie verständigt. Der dunkelhäutige Junge hatte schwarzes, glattes Haar, das noch feucht vom Duschen war, und große, auffallend weiße Zähne. Er trug Jeans und einen Winteranorak und hielt seine Mütze in der Hand.

»Scheußliche Kälte draußen«, sagte Erlendur und rieb sich die Hände.

Er erhielt keine Antwort.

Erlendur setzte sich neben den Jungen, der Stefán hieß und dreizehn Jahre alt war. Er wohnte im nächsten Block. Seine Mutter stammte von den Philippinen.

»Du musst doch geschockt gewesen sein, als du ihn gefunden hast«, sagte Erlendur nach längerem Schweigen.

»Ja.«

»Und du weißt, wer er ist, du hast ihn sofort erkannt?«

Stefán hatte der Polizei gesagt, wie der Junge hieß und wo er wohnte, nämlich in diesem Block, aber in einem anderen Treppenaufgang. Die Polizisten waren immer noch damit beschäftigt, seine Eltern ausfindig zu machen. Niemand antwortete auf das Klingeln. Über die Familie wusste Stefán nur, dass die Mutter des Jungen »Süßigkeiten machte« und dass er einen Bruder hatte. Er gab an, den Jungen nicht besonders gut gekannt zu haben, genauso wenig seinen Bruder. Die Leute seien auch erst vor Kurzem da eingezogen.

»Er wurde Elli genannt«, erklärte der Junge. »Er hieß Elías.«

»War er tot, als du ihn gefunden hast?«

»Ja, das glaube ich. Ich hab ihn geschüttelt, aber er rührte sich nicht.«

»Und du hast die Polizei angerufen?«, sagte Erlendur, der es für angebracht hielt, den Jungen etwas aufzumuntern. »Das hast du gut gemacht, das war genau richtig. Was meinst du damit, wenn du sagst, dass seine Mama Süßigkeiten macht?«

»Sie arbeitet in so ’ner Fabrik, wo sie Süßigkeiten herstellen.«

»Hast du eine Ahnung, was mit Elli passiert ist?«

»Nein.«

»Kennst du irgendwelche Freunde von ihm?«

»Nicht so richtig.«

»Was hast du getan, nachdem du ihn geschüttelt hast?«

»Nichts«, sagte der Junge. »Ich hab bloß bei der Polizei angerufen.«

»Du kennst also die Nummer?«

»Ja. Wenn ich aus der Schule nach Hause komme, bin ich ganz allein zu Haus, und Mama will wissen, was ich mache. Sie …«

»Was?«

»Mama hat mir gesagt, ich soll sofort die Polizei anrufen, wenn …«

»Wenn was?«

»Wenn irgendwas passiert.«

»Was glaubst du, was hier passiert ist?«

»Keine Ahnung.«

»Du bist hier in Island geboren?«

»Ja.«

»Elli auch, oder weißt du nichts darüber?«

Der Junge, der bislang nur auf das Linoleum gestarrt hatte, sah zu Erlendur auf.

»Ja«, antwortete er.

Elínborg flog mit der Außentür in den Hauseingang. Eine dünne Glasscheibe trennte Eingang und Treppenhaus, und Erlendur sah, dass sie seinen Mantel auf dem Arm hatte. Er lächelte den Jungen an und sagte zu ihm, dass er sich vielleicht noch ausführlicher mit ihm unterhalten müsse, stand auf und ging zu Elínborg.

»Du weißt doch, dass du Kinder nur im Beisein der Eltern oder Erziehungsberechtigten oder Leuten vom Jugendamt und wie sie alle heißen verhören darfst«, sagte sie brüsk und reichte ihm seinen Mantel.

»Ich habe ihn nicht verhört«, sagte Erlendur. »Hab ihn nur ganz allgemein nach ein paar Dingen gefragt.« Er sah auf den Mantel. »Hat man den Jungen schon weggebracht?«

»Sie bringen ihn gerade ins Leichenschauhaus. Es handelt sich nicht um einen Sturz. Sie haben eine Blutspur gefunden.«

Erlendurs Gesichtszüge verdunkelten sich.

»Der Junge kam von hinten in den Garten«, sagte Elínborg. »Da ist ein Fußgängerweg. Er sollte normalerweise beleuchtet sein, aber einer der Anwohner hier hat uns gesagt, dass an der einzigen Straßenlaterne dauernd die Birnen eingeschlagen werden. Der Junge ist über den Zaun geklettert, um in den Garten zu kommen. Wir haben Blutspuren am Zaun gefunden. Dort hat er auch seinen Stiefel verloren, wahrscheinlich, als er über den Zaun kletterte.« Elínborg holte tief Atem.

»Jemand hat mit einem Messer auf ihn eingestochen. Er ist wahrscheinlich an einem Stich in den Bauch gestorben. Unter ihm befand sich eine Blutlache, die sofort festfror.« Elínborg verstummte.

»Er war auf dem Weg nach Hause«, fügte sie dann hinzu. »Kann man herausfinden, wo ihm der Stich versetzt wurde?«

»Das wird gerade versucht.«

»Hat man bereits festgestellt, wer seine Eltern sind?«

»Seine Mutter ist auf dem Weg. Sie heißt Sunee und stammt aus Thailand. Wir haben ihr noch nicht gesagt, was geschehen ist. Das wird furchtbar.«

»Du musst bei ihr sein«, sagte Erlendur. »Was ist mit dem Vater?«

»Ich weiß es nicht. An der Wohnungstür sind drei Namen. Der dritte Name ist Niran oder so ähnlich.«

»Wenn ich es richtig verstanden habe, hat er einen Bruder«, sagte Erlendur.

Er hielt die Außentür für Elínborg auf, und sie traten in den Nordwind hinaus. Elínborg wartete auf die Mutter, um mit ihr zum Leichenschauhaus zu fahren. Ein Polizist begleitete Stefán nach Hause, wo seine Aussage zu Protokoll genommen werden musste. Erlendur zog sich den Mantel an und ging wieder in den Garten. Dort, wo der Junge gelegen hatte, war der Boden dunkel.

Gefällt bin ich zu Boden.

Diese Zeile aus einem Gedicht von Jónas Hallgrímsson ging Erlendur durch den Kopf, als er reglos vor der Stelle stand, wo der Junge gelegen hatte. Er starrte zunächst eine Weile darauf und ließ dann seine Blicke an dem düster wirkenden Gebäude entlanggleiten. Schließlich ging er vorsichtig über das Eis hinüber zu dem Spielplatz im Garten, fasste an die kalte Eisenstange der Rutschbahn und spürte, wie die beißende Kälte ihm den Arm hochkroch.

Gefällt bin ich zu Boden,

Gefroren und kann mich nicht lösen.

Zwei

Elínborg begleitete die Mutter des Jungen zum Leichenschauhaus am Barónsstígur. Die kleine, zierliche Frau war Mitte dreißig und wirkte nach einem langen Arbeitstag müde. Das dichte, dunkle Haar umrahmte ein rundes und freundliches Gesicht und war im Nacken zu einem Zopf zusammengebunden. Nachdem die Polizei herausgefunden hatte, wo sie arbeitete, waren zwei Mitarbeiter damit beauftragt worden, sie abzuholen. Sie brauchten geraume Zeit, um ihr zu erklären, was passiert war und dass sie mit ihnen kommen müsse. Als sie bei dem Wohnblock eintrafen, setzte sich Elínborg zu ihr ins Auto und stellte bald fest, dass ein Dolmetscher notwendig sein würde. Ein Anruf beim Haus für Internationale Kontakte ergab, dass man eine Dolmetscherin zum Leichenschauhaus schicken würde.

Als Elínborg mit der Mutter dort erschien, war die Dolmetscherin noch nicht eingetroffen. Die beiden Frauen betraten unverzüglich das Gebäude und wurden vom Gerichtsmediziner in Empfang genommen. Als die Mutter ihren Sohn erblickte, stieß sie einen Laut des Entsetzens aus und sank Elínborg in die Arme. Sie rief etwas in ihrer Muttersprache, und in diesem Moment betrat die Dolmetscherin den Raum, eine Isländerin in etwa demselben Alter wie die Frau. Gemeinsam versuchten sie und Elínborg, die Mutter zu beruhigen. Elínborg hatte den Eindruck, dass die beiden sich kannten. Die Dolmetscherin sprach in beruhigendem Ton auf die Mutter ein, die vor Schmerz und ohnmächtiger Hilflosigkeit außer sich war. Sie riss sich los, warf sich über ihren Sohn und weinte hemmungslos.

Erst nach geraumer Zeit gelang es ihnen, die Frau aus dem Leichenschauhaus und zum Streifenwagen zu führen, der sie zurück zu ihrem Wohnblock brachte. Elínborg sprach mit der Dolmetscherin darüber, dass die Mutter sich mit ihrer Familie oder Freunden in Verbindung setzen müsse, mit jemandem, der ihr nahestand und dem sie vertraute, um nicht in dieser furchtbaren Situation ganz allein zu sein. Die Dolmetscherin gab das weiter, aber die Mutter zeigte keinerlei Reaktion und antwortete nicht.

Elínborg beschrieb der Dolmetscherin, wie Elías im Garten des Hauses aufgefunden worden war. Sie ging auf die Ermittlung ein und bat die Dolmetscherin, diese Informationen an die Mutter weiterzugeben.

»Ein Bruder von ihr lebt hier in Island«, sagte die Dolmetscherin. »Ich werde mich an ihn wenden.«

»Kennst du diese Frau?«, fragte Elínborg.

Die Dolmetscherin nickte.

»Bist du in Thailand gewesen?«

»Ja, einige Jahre. Ich war zuerst als Austauschschülerin dort.«

Die Dolmetscherin hieß Guðný. Sie war relativ klein, hatte dunkle Haare und trug eine große Brille. Sie hatte Jeans und einen dicken Pullover an, darüber einen schwarzen Mantel. Um die Schultern hatte sie ein weißes Wolltuch gelegt.

Als sie wieder vor dem Wohnblock eintrafen, wollte die Mutter die Stelle sehen, wo ihr Sohn aufgefunden worden war, und sie gingen mit ihr hinters Haus. Inzwischen war es stockfinster geworden, doch die Leute von der Spurensicherung hatten Scheinwerfer aufgestellt und das Gelände abgesperrt. Die Nachricht von dem Mord hatte sich wie ein Lauffeuer herumgesprochen. Elínborg bemerkte zwei Blumensträuße am Giebel des Hauses, vor dem sich immer mehr Leute versammelt hatten. Sie standen bei den Polizeiautos und verfolgten schweigend das Geschehen mit.

Als die Mutter das abgesperrte Gelände betrat, unterbrachen die Mitarbeiter der Spurensicherung ihre Arbeit und sahen sie an. Als sie mit der Dolmetscherin zu der Stelle gekommen war, wo man ihren Sohn gefunden hatte, begann sie wieder zu weinen. Sie kniete sich hin und legte die Hand auf die Erde.

Erlendur war immer noch am Tatort. Er hatte sie beobachtet und trat jetzt aus dem Dunkel heraus.

»Wir sollten jetzt mit ihr hinauf in die Wohnung gehen«, sagte er zu Elínborg, die zustimmend nickte.

Sie standen aber noch eine ganze Weile in der Kälte und warteten, bis die beiden Frauen sich von der Stelle abwandten. Elínborg und Erlendur folgten ihnen zu dem Treppenaufgang, zur Wohnung der Mutter. Elínborg stellte ihr Erlendur vor und sagte, er gehöre zu dem Team, das mit der Ermittlung befasst sei.

»Du würdest wahrscheinlich lieber später mit uns reden«, sagte Erlendur, »aber je früher wir die Informationen bekommen, desto besser, das ist leider eine Tatsache. Je mehr Zeit verstreicht, desto schwieriger wird es, den Täter zu finden.«

Erlendur machte eine Pause und bedeutete der Dolmetscherin, seine Worte zu übersetzen. Er war im Begriff fortzufahren, als die Mutter ihn ansah und etwas auf Thailändisch sagte.

»Wer hat das getan?«, fragte die Dolmetscherin fast gleichzeitig.

»Wir wissen es nicht«, sagte Erlendur, »aber wir werden es herausfinden.«

Die Mutter wandte sich mit angsterfüllter Miene der Dolmetscherin zu und sagte etwas.

»Sie hat noch einen Sohn und macht sich Sorgen, wo er ist«, sagte die Dolmetscherin.

»Hat sie eine Ahnung, wo er sein könnte?«, fragte Erlendur.

»Nein«, sagte die Dolmetscherin. »Er hätte um die gleiche Zeit aus der Schule zurück sein müssen wie sein jüngerer Bruder.«

»Er ist also älter?«

»Fünf Jahre älter«, erklärte die Dolmetscherin.

»Dann ist er wie alt?«

»Fünfzehn.«

Die Mutter ging rasch vor ihnen die Treppen in den fünften Stock hinauf, den zweitobersten. Erlendur war erstaunt, dass es keinen Aufzug gab.

Sunee schloss die Wohnungstür auf und begann zu rufen, noch bevor die Tür ganz auf war. Erlendur vermutete, dass es der Name ihres anderen Sohnes war. Sie rannte durch die Wohnung und sah gleich, dass niemand zu Hause war. Ratlos und seltsam allein blieb sie vor ihnen stehen, bis die Dolmetscherin den Arm um sie legte, sie ins Wohnzimmer führte und sich mit ihr aufs Sofa setzte. Elínborg und Erlendur folgten ihnen, und direkt im Anschluss betrat ein schlanker Mann den Raum, der die Treppe im Laufschritt genommen hatte. Er stellte sich Erlendur als Pastor der Gemeinde und als Sachverständiger in Krisenhilfe vor und bot seine Hilfe an.

»Wir müssen diesen Bruder finden«, sagte Elínborg. »Hoffentlich ist ihm nicht auch etwas zugestoßen.«

»Hoffentlich war er es nicht, der dafür verantwortlich ist«, sagte Erlendur.

Elínborg blickte ihn befremdet an.

»Was dir nicht alles in den Sinn kommt!«

Sie schauten sich in der Wohnung von Sunee um, die aus drei Zimmern bestand. Aus der Diele trat man direkt ins Wohnzimmer, von dort führte ein kleiner Korridor nach rechts zu zwei Schlafzimmern, während die Küche sich neben dem Wohnzimmer befand. Die Wohnung war sauber und ordentlich, und es roch nach asiatischen Gewürzen und exotischer Küche. Überall hingen Fotos an den Wänden oder waren auf den Tischen aufgestellt. Erlendur ging davon aus, dass es sich um die Verwandten der Mutter auf der anderen Seite des Erdballs handelte.

Erlendur stand unter einem roten Papierschirm mit einem gelben Drachen darauf, der als Lampenschirm unter der Decke befestigt war. Als die Dolmetscherin erklärte, einen Tee kochen zu wollen, folgte Elínborg ihr in die Küche. Sunee setzte sich aufs Sofa. Erlendur schwieg unterdessen und wartete darauf, dass die Dolmetscherin aus der Küche zurückkehren würde. Der Priester setzte sich zu Sunee aufs Sofa.

In der Küche erzählte Guðný Elínborg halblaut das, was sie über Sunee wusste. Sie stammte aus einem Dorf, das etwa zweihundert Kilometer von Bangkok entfernt war. In ihrem elterlichen Zuhause hatten drei Generationen sehr beengt unter einem Dach zusammengelebt. Sie hatte viele Geschwister, und im Alter von fünfzehn Jahren war Sunee zusammen mit zwei Brüdern in die Hauptstadt gezogen, wo sie schwer arbeiten musste, die meiste Zeit in Wäschereien. Sie lebte mit ihren Brüdern auf engstem Raum in einer primitiven Unterkunft zusammen, bis sie fast zwanzig war. Danach war sie auf sich selbst angewiesen gewesen, und sie hatte in einer großen Schneiderei gearbeitet, wo billige Kleidung für den westlichen Markt produziert wurde. Dort waren nur Frauen beschäftigt, und die Löhne waren niedrig. Um diese Zeit hatte sie in einem populären Vergnügungslokal in Bangkok einen Mann aus einer ganz anderen Welt kennengelernt, einen Isländer, der einige Jahre älter war als sie. Von Island hatte sie zu dem Zeitpunkt noch nie in ihrem Leben etwas gehört.

Während die Dolmetscherin Elínborg diese Geschichte erzählte und der Pastor tröstende Worte murmelte, ging Erlendur im Wohnzimmer auf und ab. Die Wohnung strahlte einen fernöstlichen Charme aus. In der Mitte der einen Wand befand sich ein kleiner Altar mit Schnittblumen, Räucherstäbchen, einer Schale mit Wasser und einem schönen Bild von einer ländlichen Gegend in Thailand. Seine Blicke schweiften über den Nippes, die Souvenirs und die eingerahmten Fotos, von denen einige zwei Jungen unterschiedlichen Alters zeigten. Erlendur vermutete, dass es der Tote und sein Bruder waren. Er griff nach einem Foto, von dem er annahm, dass es den älteren der Brüder zeigte, und fragte Sunee, ob das richtig sei. Sie nickte. Er bat sie, es für kurze Zeit ausleihen zu dürfen, brachte es zu dem Polizisten an der Tür und wies ihn an, das Foto zu vervielfältigen und an alle Polizeireviere zu schicken, um die Suche nach dem Jungen in die Wege zu leiten, und seine Schulkameraden, seine Lehrer und die Nachbarn zu befragen.

Erlendur hatte gerade sein Handy aus der Tasche geholt, als es prompt klingelte. Es war Sigurður Óli.

Er war der Blutspur, die der Junge hinterlassen hatte, gefolgt. Sie hatte ihn aus dem Garten heraus auf eine wenig befahrene Straße geführt, vorbei an Häusern und Gärten, und endete vor der Wand eines kleinen Transformatorenhäuschens, das mit Graffiti beschmiert war, etwa fünfhundert Meter von dem Wohnblock entfernt, in dem der Junge lebte. Ganz in der Nähe war auch seine Schule. Auf den ersten Blick hatte Sigurður Óli keinerlei Anzeichen eines Kampfes erkennen können. Die eintreffenden Polizisten nahmen in den umliegenden Gärten, auf Gehwegen, Straßen und dem Schulhof mit Taschenlampen die Suche nach der Mordwaffe auf.

»Halt mich auf dem Laufenden«, sagte Erlendur. »Von da aus ist es nicht weit zur Schule, sagst du?«

»Sie liegt eigentlich gleich daneben. Aber selbst wenn die Blutspur hier endet, muss das ja nicht bedeuten, dass der Stich dem Jungen hier beigebracht worden ist.«

»Ich weiß«, entgegnete Erlendur. »Unterhalte dich mit den Leuten in der Schule, mit dem Rektor und den anderen Lehrern. Wir müssen mit den Lehrern des Jungen und mit seinen Klassenkameraden reden. Ebenso mit seinen Freunden hier im Viertel, mit allen, die ihn kannten oder uns etwas über ihn sagen können.«

»Es ist meine alte Schule«, sagte Sigurður Óli und klang etwas flau.

»Tatsächlich?«, fragte Erlendur verwundert, denn Sigurður Óli vermied es möglichst, über sich selbst zu sprechen. »Bist du in diesem Viertel aufgewachsen?«

»Bin seitdem aber kaum je wieder hier gewesen«, sagte Sigurður Óli. »Wir haben nur zwei Jahre hier gewohnt, dann sind wir weggezogen.«

»Und?«

»Und nichts.«

»Glaubst du, dass sich die älteren Lehrer an dich erinnern?«

»Hoffentlich nicht«, sagte Sigurður Óli. »In welcher Klasse war er?«

Erlendur ging in die Küche.

»Wir müssen wissen, in welche Klasse der Junge gegangen ist«, wandte er sich an die Dolmetscherin.

Guðný ging ins Wohnzimmer, sprach mit Sunee und kehrte mit den gewünschten Informationen zurück.

»Hat es hier in diesem Viertel irgendwelche ausländerfeindlichen Ausschreitungen gegeben?«, fragte Erlendur. »Nichts, was bis zu uns im Haus für Internationale Kontakte vorgedrungen wäre«, antwortete Guðný.

»Aber Vorurteile? Hat die Familie davon etwas zu spüren bekommen?«

»Das glaube ich kaum, jedenfalls nicht mehr, als es üblich ist.«

»Wir müssen herauskriegen, ob es hier in diesem Stadtviertel fremdenfeindliche Vorfälle gegeben hat oder unterschwellige Feindseligkeiten«, erklärte Erlendur Sigurður Óli am Telefon und sagte ihm, in welcher Klasse Elías gewesen war. »Auch ob in anderen Vierteln etwas vorgekommen ist. Ich kann mich erinnern, vor nicht allzu langer Zeit von irgendwelchen Zwischenfällen gehört zu haben. Irgendjemand hat zum Messer gegriffen. Wir müssen das mit einbeziehen.«

Der Tee war jetzt fertig, und Elínborg, Erlendur und die Dolmetscherin gingen zurück ins Wohnzimmer. Der Pastor zog sich zurück, und Guðný setzte sich zu Sunee. Elínborg holte sich einen Stuhl aus der Küche. Guðný redete auf Sunee ein, die zustimmend nickte. Erlendur hoffte, sie würde der Mutter erklären, dass die Ermittlung umso schneller vorankommen würde, je früher die Polizei genaue Informationen darüber bekam, was der Junge im Lauf des Tages unternommen hatte.

Erlendur hielt immer noch den Apparat in der Hand. Er wollte das Handy in die Tasche stecken, zögerte aber und starrte es eine ganze Weile an. Er musste an den Jungen denken, den Zeugen, der Elías gefunden hatte und bereits ein Handy besaß, weil seine Mutter sich Sorgen um ihn machte, wenn er nach der Schule allein war.

»Hat ihr Sohn ein Handy besessen?«, fragte er die Dolmetscherin, die seine Worte übersetzte.

»Nein«, erklärte sie.

»Und sein Bruder?«

»Nein«, antwortete Guðný. »Sie besitzen keine Handys. Nicht jeder kann sich so etwas leisten«, ergänzte sie, und Erlendur hatte das Gefühl, als habe sie das aus eigenem Antrieb hinzugefügt.

»Er geht hier ganz in der Nähe zur Schule«, sagte er.

»Ja, beide Jungen sind auf derselben Schule.«

»Wann hat Elías nachmittags frei?«

»Sein Stundenplan hängt am Kühlschrank«, sagte die Dolmetscherin. »Dienstags ist er gegen zwei Uhr fertig«, fügte sie hinzu und schaute auf die Uhr. »Es ist drei Stunden her, seit er sich auf den Heimweg gemacht hat.«

»Was hat er normalerweise nach der Schule gemacht? Kam er direkt nach Hause?«

»Davon geht sie aus«, erklärte die Dolmetscherin, nachdem sie Sunee gefragt hatte. »Sie weiß es aber nicht ganz genau. Manchmal hat er Fußball auf dem Schulhof gespielt, aber meist ist er allein nach Hause gekommen.«

»Was ist mit dem Vater des Jungen?«

»Er ist Schreiner und lebt hier in Reykjavík. Sie haben sich voriges Jahr scheiden lassen.«

»Ja, heißt er nicht Óðinn?«, sagte Erlendur. Er wusste, dass die Polizei versuchte, den Vater des Jungen zu erreichen, der noch nicht über den Tod seines Sohnes in Kenntnis gesetzt worden war.

»Sunee und er haben kaum noch Verbindung. Elías war aber manchmal übers Wochenende bei ihm.«

»Ist ein Stiefvater im Spiel?«

»Nein«, erklärte die Dolmetscherin. »Sunee lebt mit ihren beiden Söhnen allein.«

»Ist der ältere Sohn unter normalen Umständen um diese Tageszeit schon zu Hause?«, fragte Erlendur.

»Sie kommen zu unterschiedlichen Zeiten nach Hause«, leitete die Dolmetscherin Sunees Antwort weiter.

»Es gibt also keine festen Zeiten?«, fragte Elínborg.

Guðný wandte sich Sunee zu, und sie redeten eine ganze Weile miteinander. Erlendur sah, dass die Dolmetscherin Sunee durch ihre Anwesenheit Halt gab. Guðný hatte ihm und Elínborg gegenüber erklärt, dass Sunee fast alles verstünde, was auf Isländisch zu ihr gesagt werde, und dass sie sich auch ganz gut verständlich machen könne, aber sie war sehr korrekt und gewissenhaft, und wenn es ihr notwendig zu sein schien, nahm sie Guðnýs Hilfe in Anspruch.

»Sie weiß nicht ganz genau, was die beiden tagsüber machen«, sagte die Dolmetscherin nach einer Weile, indem sie sich Elínborg und Erlendur zuwandte. »Beide haben einen Schlüssel für die Wohnung. Wenn Sunee Überstunden machen kann, ist sie erst um sechs Uhr in der Süßwarenfabrik fertig, hinzu kommt die Zeit für den Heimweg, sie muss womöglich auch noch einkaufen. Manchmal hat sie die Möglichkeit, noch weitere Überstunden zu machen, und dann ist sie noch später zu Hause. Sie muss so viel wie möglich arbeiten, um die Familie zu ernähren.«

»Sagen sie ihr nicht, wohin sie nach der Schule gehen?«, fragte Elínborg. »Müssen sie ihr nicht bei der Arbeit Bescheid sagen?«

»Sie darf während der Arbeitszeit nicht dauernd herumtelefonieren«, sagte die Dolmetscherin, nachdem sie Sunee gefragt hatte.

»Sie weiß also gar nicht, was die beiden machen, wenn die Schule aus ist?«, fragte Erlendur.

»Doch, das weiß sie. Sie sagen es ihr, aber erst, wenn die Familie abends zusammenkommt.«

»Spielen sie Fußball, oder treiben sie sonst irgendeinen Sport? Trainieren sie irgendwo? Nehmen sie an irgendwelchen Freizeitkursen teil?«

»Der Jüngere hat Fußball gespielt, aber heute hatte er kein Training«, sagte die Dolmetscherin. »Ihr müsst doch sehen, wie schwierig es ist, eine alleinstehende Mutter mit zwei Jungen zu sein«, fügte sie aus eigenem Antrieb hinzu. »Das ist alles andere als ein Zuckerschlecken. Es gibt kein Geld für Hobbykurse. Oder Handys.«

Erlendur nickte. »Du hast gesagt, sie hätte einen Bruder, der auch hier in Island lebt?«, sagte er.

»Ja, ich habe mich mit ihm in Verbindung gesetzt, und er ist auf dem Weg hierher.«

»Gibt es andere Verwandte oder Angehörige, mit denen Sunee reden könnte? Irgendjemand aus der Familie des Vaters? Könnte der ältere Sohn möglicherweise bei ihnen sein? Haben sie Großeltern?«

»Elías war manchmal bei seiner Oma. Sein isländischer Großvater lebt nicht mehr. Sunee hat aber viel Kontakt zu der Großmutter, die hier in Reykjavík lebt. Sie müsste auch benachrichtigt werden, sie heißt Sigríður.«

Die Dolmetscherin erhielt die Telefonnummer von Sunee und gab sie an Elínborg weiter, die ihr Handy herausholte. »Könnte diese Frau nicht hierherkommen, damit Sunee nicht allein ist?«, fragte sie die Dolmetscherin.

Sunee hörte sich an, was Guðný sagte, und nickte zustimmend.

»Wir bitten sie, hierherzukommen«, sagte die Dolmetscherin.

In diesem Augenblick kam ein junger Mann zur Tür herein. Sunee sprang auf und lief ihm entgegen. Es stellte sich heraus, dass es ihr Bruder war. Sie umarmten sich, und als Sunee wieder in Tränen ausbrach, versuchte der Bruder, sie zu beruhigen. Er hieß Virote und war ein paar Jahre jünger als Sunee. Elínborg und Erlendur spürten die Trauer, die die Geschwister umgab, und sahen einander an. Ein Reporter kam schnaufend die Treppe hinauf, aber Elínborg wies ihn ab und begleitete ihn nach unten, sodass nur noch die Dolmetscherin und Erlendur mit den Geschwistern in der Wohnung zurückblieben. Die Dolmetscherin und der Bruder führten Sunee ins Wohnzimmer zurück und setzten sich mit ihr auf das Sofa.

Erlendur ging in den kleinen Flur, der zu den Schlafzimmern führte. Das größere Zimmer gehörte offensichtlich der Mutter, in dem anderen befand sich ein Etagenbett, in dem die Jungen schliefen. Erlendurs Blick fiel auf ein großes Plakat eines englischen Fußballclubs, den Erlendur aus den Zeitungen kannte. Ein etwas kleineres Plakat zeigte eine hübsche isländische Schlagersängerin. Auf einem kleinen Schreibtisch stand ein älterer Apple-Computer, und auf dem Fußboden lagen Schulbücher, Computerspiele und andere Spielsachen wie Pistolen, Schwerter und Dinosaurier. Die Betten waren nicht gemacht worden, und auf einem Stuhl lag ein Kleiderhaufen.

Typisches Jungenzimmer, dachte Erlendur und schob mit dem Fuß eine Socke weg. Die Dolmetscherin erschien in der Tür.

»Was für Leute sind das?«, fragte Erlendur.

Guðný zuckte mit den Achseln. »Ganz normale Menschen«, sagte sie, »Leute wie du und ich. Arme Leute.«

»Weißt du etwas darüber, ob sie wegen ihrer Hautfarbe Feindseligkeiten zu spüren bekommen haben?«

»Das glaube ich eigentlich weniger. Ich weiß zwar nicht so genau Bescheid, was Niran betrifft, aber ich habe den Eindruck, dass sich Sunee mit ihren beiden Söhnen hier gut eingelebt hat. Vorurteile gegenüber Fremden gibt es hier genauso wie überall sonst auch, und höchstwahrscheinlich haben sie auch etwas davon zu spüren bekommen. Nach meiner Erfahrung finden sich die meisten Vorurteile bei Menschen, die keine gute Erziehung genossen haben und über wenig Selbstvertrauen verfügen. Und womöglich unter Verwahrlosung und Vernachlässigung gelitten haben.«

»Was ist mit dem Bruder, lebt er schon lange hier?«

»Ja, seit ein paar Jahren. Er ist ungelernter Arbeiter und hat erst in Nordisland gearbeitet, in Akureyri, er lebt aber seit Kurzem in Reykjavík.«

»Und die beiden haben ein gutes Verhältnis zueinander?«

»Ja, ein sehr gutes.«

»Was kannst du mir sonst noch über Sunee sagen?«

»Sie ist vor rund zehn Jahren nach Island gekommen«, sagte Guðný, »und sie fühlt sich sehr wohl hier.«

Sunee hatte ihr einmal erzählt, dass sie ihren Augen nicht getraut hätte, wie kahl und kalt dieses Land war, als sie mit dem Zubringerbus von Keflavík nach Reykjavík fuhr. Als sie aus dem Flughafengebäude kam, empfand sie die Polarluft wie eine kalte Mauer. Es hatte geregnet, und der Himmel war schwer verhangen gewesen, sodass sie nur die flache Lavalandschaft und schemenhafte dunkle Berge in der Ferne sah. Sie hatte eine Gänsehaut bekommen, die Temperatur lag bei drei Grad. Es war Mitte Oktober gewesen, und sie war bei dreißig Grad Wärme ins Flugzeug gestiegen.

Sie heiratete den Isländer, den sie in Bangkok kennengelernt hatte. Er umwarb sie und lud sie immer wieder ein, und er war höflich. Er hatte ihr auf Englisch etwas über Island erzählt, eine Sprache, die sie nicht besonders gut beherrschte. Er schien genug Geld zu haben und kaufte Geschenke für sie, Kleider und Schmuck.

Als er wieder zurück nach Island musste, beschlossen sie, die Bekanntschaft fortzusetzen. Ihre Freundin, die etwas besser Englisch konnte, korrespondierte für sie mit ihm. Ein halbes Jahr später kam er wieder und blieb drei Wochen, und sie waren die ganze Zeit zusammen. Sie war angetan von ihm und von dem, was er ihr über Island erzählte. Obwohl die Insel klein, abgeschieden und kalt war, lebte dort eine der reichsten Nationen der Erde. Er sagte ihr, was er verdiente, und das war eine schwindelerregend hohe Summe im Vergleich zu dem, was in Bangkok üblich war. Falls sie dorthin zöge und fleißig war, würde sie bestimmt etwas für ihre Familie in Thailand abzweigen können.

Er trug sie über die Schwelle ihres neuen Zuhauses, einer Zweizimmerwohnung an der Snorrabraut, die ihm gehörte. Vom Hotel Loftleiðir aus, wo die Flughafenbusse hielten, waren sie zu Fuß gegangen. Sie hatten eine breite Ausfallstraße überquert, von der sie später erfuhr, dass sie Miklabraut hieß, und waren dann bei eiskaltem Nordwind die Snorrabraut entlanggegangen. Sie trug thailändische Sommerkleidung, eine dünne, seidene Hose, die er ihr gekauft hatte, eine hübsche Bluse, eine helle Sommerjacke und Sandalen aus Kunststoff. Der Zukünftige hatte sie nicht im Geringsten auf die Ankunft in Island vorbereitet.

Die Wohnung war schön, nachdem sie Ordnung geschaffen hatte. Sie bekam Arbeit in einer Süßwarenfabrik. Anfangs stimmte alles in ihrer Beziehung, aber das änderte sich, als sich herausstellte, dass beide dem Partner etwas vorgelogen hatten.

»Inwiefern?«, fragte Erlendur. »Worin bestanden die Lügen?«

»Er hatte das schon einmal gemacht«, sagte Guðný.

»Hatte was gemacht?«

»Sich eine Frau aus Thailand besorgt.«

»Hatte er das schon einmal getan?«

»Manche Männer noch öfter.«

»Und ist das … ist das legal?«

»Es ist nicht verboten.«

»Aber was war mit Sunee? Was hat sie ihm vorgelogen?«

»Als sie schon ein paar Jahre zusammengelebt hatten, hat sie ihren Sohn nachkommen lassen.«

Erlendur sah die Dolmetscherin an.

»Es stellte sich heraus, dass sie einen Sohn in Thailand besaß, von dem sie ihm nie erzählt hatte.«

»Das ist wohl Niran?«

»Ja, Niran. Er hat zwar auch einen isländischen Namen, aber er will Niran heißen und wird auch von allen so genannt.«

»Er ist also ein …«

»Halbbruder von Elías. Er ist Thailänder durch und durch und hat sich sehr schwer damit getan, hier Fuß zu fassen, wie so viele Kinder in einer solchen Situation.«

»Und Sunees Mann?«

»Sie haben sich zum Schluss scheiden lassen.«

»Niran«, sagte Erlendur zu sich selbst, wie um den Klang des Namens zu hören. »Bedeutet das etwas?«

»Es bedeutet ›ewig‹«, entgegnete Guðný.

»Ewig?«

»Thailändische Namen können genau wie die isländischen eine Bedeutung haben.«

»Und was bedeutet dann Sunee?«

»Etwas Gutes«, sagte Guðný. »Eine gute Sache.«

»Hatte Elías auch einen thailändischen Namen?«

»Ja, Aran. Ich bin mir aber nicht sicher, was das genau bedeutet. Ich muss Sunee fragen.«

»Steckt hinter solchen Namengebungen eine Tradition?«

»Thailänder benutzen solche Namen, um die bösen Geister zu verwirren, das ist so der Aberglaube. Kindern werden richtige Namen gegeben, aber dann werden doch nur diese Beinamen verwendet, um die bösen Geister in die Irre zu führen, die den Kindern Schaden zufügen könnten. Sie dürfen den richtigen Namen nicht wissen.«

Aus dem Wohnzimmer erklang Musik. Guðný und Erlendur verließen das Kinderzimmer. Sunees Bruder hatte gedämpfte thailändische Musik aufgelegt. Sunee saß zusammengekauert auf dem Sofa und fing an, halblaut mit sich selber zu reden.

Erlendur blickte fragend auf die Dolmetscherin.

»Sie spricht über ihren Sohn, über Niran.«

»Wir suchen nach ihm«, sagte Erlendur. »Wir werden ihn finden, sag ihr das. Wir finden ihn.«

Sunee schüttelte den Kopf und starrte vor sich hin.

»Sie glaubt, dass er auch tot ist«, sagte die Dolmetscherin.

Drei

Sigurður Óli war auf dem Weg zur Schule und beschleunigte seine Schritte. Die drei Polizisten, die ihm folgten, verteilten sich auf dem Schulhof und dem umliegenden Gelände, um nach der Mordwaffe zu suchen. Der Unterricht war beendet, und das Gebäude wirkte in der winterlichen Dunkelheit düster und tot. In einigen wenigen Fenstern brannte zwar Licht, aber der Haupteingang war verschlossen. Sigurður Óli hämmerte an die Tür. Seine ehemalige Schule war ein dreistöckiger grauer Kasten, an den eine Schwimmhalle und ein Werkraum angebaut waren. Erinnerungen an kalte Wintermorgen kamen Sigurður Óli in den Sinn: Kinder, die in Doppelreihen auf dem Schulhof standen, Schubsen und Anpflaumen, manchmal kam es auch zu Raufereien, bis die Lehrer eingriffen. Regen und Schneestürme und Dunkelheit den ganzen Herbst und den ganzen Winter, bis der Frühling kam, bis es wieder heller und das Wetter besser wurde und die Sonne schien. Sigurður Óli betrachtete den asphaltierten Schulhof, den Basketballplatz und den Fußballplatz, und er glaubte fast, die Rufe der Kinder von damals zu hören.

Er begann, gegen die Tür zu treten, und endlich erschien eine Hausmeisterin, eine Frau um die fünfzig, die die Tür öffnete und fragte, was der Krach zu bedeuten habe. Sigurður Óli stellte sich vor, wies sich aus und fragte, ob der Klassenlehrer der 5d noch in der Schule sei.

»Was ist denn los?«, fragte die Hausmeisterin.

»Nichts«, erwiderte Sigurður Óli. »Weißt du, ob der betreffende Lehrer oder die Lehrerin noch im Haus ist?«

»5d? Das ist Raum 304, im dritten Stock. Ich weiß nicht, ob Agnes schon gegangen ist, ich schau mal nach.«

Sigurður, der sich in dem Gebäude bestens auskannte, war bereits unterwegs zur Treppe und nahm mehrere Stufen auf einmal. Die fünfte Klasse war seinerzeit auch im dritten Stock gewesen, soweit er sich erinnern konnte. Vielleicht herrschte immer noch dasselbe System wie damals, Ende der siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts, als er hier zur Schule gegangen war. Bei der Formulierung in den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts fühlte er sich gleich um zehn lange Jahre älter.

Sämtliche Klassenräume im dritten Stock waren verschlossen, und er nahm die Treppe im Laufschritt. Die Hausmeisterin hatte in der Zwischenzeit im Lehrerzimmer nachgeschaut und wartete jetzt in der Eingangshalle auf ihn, um ihm zu sagen, dass die Lehrerin bereits gegangen war.

»Hast du gesagt, dass sie Agnes heißt?«

»Ja«, sagte die Hausmeisterin.

»Ist der Rektor im Haus?«

»Ja, er ist in seinem Büro.«

Sigurður Óli schubste die Hausmeisterin beinahe um, als er in Richtung Lehrerzimmer losmarschierte. Er konnte sich noch daran erinnern, dass man vom Lehrerzimmer aus direkt in das Büro des Rektors gelangte. Die Tür stand offen, und er stürmte schnurstracks hinein. Er sah sofort, dass sein alter Rektor immer noch im Dienst war. Dieser war im Begriff, nach Hause zu gehen, und band sich gerade einen Schal um den Hals, als Sigurður Óli auftauchte.

»Worum geht es?«, fragte der Schulleiter verwundert.

»Es geht um die 5d«, sagte Sigurður Óli.

»Ja?«

»Da ist etwas vorgefallen.«

»Ist ein Kind von dir in dieser Klasse?«

»Nein, ich bin von der Kriminalpolizei. Ein Schüler aus der 5d wurde vorhin tot vor seinem Haus aufgefunden. Er hatte eine Stichwunde, an der er gestorben ist. Wir müssen mit sämtlichen Lehrern an der Schule reden, vor allem aber mit denen, die uns etwas über den Jungen sagen können, wir müssen …«

»Was sagst du da?«, sagte der Schulleiter mit gepresster Stimme, und Sigurður Óli sah, dass er bleich wurde.

»… mit seinen Klassenkameraden reden, mit den Angestellten der Schule und anderen, die ihn kannten. Wir gehen davon aus, dass er ermordet wurde. Er erhielt einen Messerstich in den Bauch.«

Die Hausmeisterin war Sigurður Óli ins Büro des Rektors gefolgt. Sie stand in der Tür und sog hörbar den Atem ein, wobei sie sich unwillkürlich die Hand vor den Mund hielt und den Kriminalbeamten anstarrte, als würde sie ihren eigenen Ohren nicht trauen.

»Der Junge hat eine thailändische Mutter«, fuhr Sigurður Óli fort. »Gibt es viele solche Kinder in der Schule?«

»Viele solche …?«, sagte der Rektor und sank langsam auf seinen Stuhl. Er ging auf die siebzig zu und war sein ganzes Leben an der Schule gewesen, freute sich aber jetzt darauf, in Pension gehen zu können. Seine ungläubige Miene verriet, dass er überhaupt nicht begriff, was vorging.

»Um wen handelt es sich?«, fragte die Hausmeisterin, die hinter Sigurður Óli stand. »Ist er tot?«

Sigurður Óli drehte sich um. »Entschuldige, aber wir unterhalten uns vielleicht später«, sagte er und machte ihr die Tür vor der Nase zu.

»Ich brauche die Klassenverzeichnisse mit den Adressen und den Namen der Eltern«, sagte er, während die Tür ins Schloss fiel und er sich wieder zu dem Schulleiter umdrehte. »Ich brauche eine Liste sämtlicher Lehrer des Jungen. Ich brauche Informationen über irgendwelche Auseinandersetzungen hier in der Schule, über Cliquen, falls es welche gibt, über den Umgang zwischen den Kindern unterschiedlicher Abstammung und unterschiedlicher Hautfarbe, über alles, was erklären kann, wieso es zu so etwas kommen konnte. Fällt dir in diesem Zusammenhang spontan etwas ein?«

»Mir … mir fällt gar nichts ein, ich kann gar nicht glauben, was du da sagst! Stimmt das wirklich? Das kann doch gar nicht wahr sein!«

»Leider doch. Aber hier ist Eile geboten. Je mehr Zeit verstreicht …«

»Um welchen Jungen handelt es sich?«, fiel ihm der Schulleiter ins Wort.

Sigurður Óli sagte ihm Elías’ Namen. Der Rektor setzte sich an seinen Computer, rief die Homepage auf, dann die Klasse und ein Foto des Jungen.

»Früher kannte ich jedes Kind mit Namen, aber jetzt sind es so viele. Ist er das?«

»Ja, das ist er«, bestätigte Sigurður Óli, der das Foto betrachtete. Als er den Rektor nach Elías’ Bruder fragte, suchte er nach dessen Klasse und einem Bild von Niran. Sie waren sich nicht unähnlich, die beiden Brüder, beide hatten pechschwarzes Haar, das ihnen bis in die Augen hing, einen dunklen Teint und braune Augen. Sie schickten eine Mail an die Polizei mit Nirans Bild als Attachment. Sigurður Óli rief im Dezernat an und gab Anweisung, das Foto mitsamt dem, das Erlendur geschickt hatte, in den Verteiler zu geben.

»Hat es hier in der Schule Auseinandersetzungen zwischen irgendwelchen Gruppen gegeben?«, fragte Sigurður Óli, nachdem er das Gespräch beendet hatte.

»Geht ihr davon aus, dass es etwas mit der Schule zu tun hat?«, fragte der Rektor, ohne die Augen vom Bildschirm abzuwenden. Elías’ Bild füllte ihn aus und lächelte sie schüchtern an. Er blickte nicht direkt in die Kamera, sondern etwas mehr nach oben, als hätte der Fotograf ihm gesagt, er solle hochschauen, oder als sei er durch irgendetwas abgelenkt worden. Er hatte eine hohe Stirn, einen freimütigen Blick und fragende, offenherzige Augen.

»Wir müssen alle Möglichkeiten in Betracht ziehen«, sagte Sigurður Óli. »Etwas anderes kann ich nicht sagen.«

»Hat das etwas mit Rassismus zu tun? Was hast du eben gesagt?«

»Nichts anderes, als dass die Mutter des Jungen aus Thailand kommt«, sagte Sigurður Óli. »Nichts anderes. Wir wissen nicht, was vorgefallen ist.«

Sigurður Óli war froh, dass der Rektor sich offensichtlich nicht an ihn als Schüler erinnern konnte. Er war entschlossen, sich auf kein Gespräch über alte Zeiten, alte Pauker oder darüber, was aus den anderen in der Klasse geworden war, und anderen Quatsch dieser Art einzulassen.

»Bei mir ist nichts auf dem Schreibtisch gelandet«, sagte der Rektor, »oder zumindest nichts Ernstes, und es ist völlig absurd, dass daraus dieses schreckliche Ereignis resultieren könnte. Ich kann einfach nicht glauben, dass so etwas geschehen ist!«

»Das wirst du wohl müssen«, sagte Sigurður Óli.

Der Rektor druckte eine Liste mit den Namen von Elías’ Klassenkameraden aus, die auch die Adressen, Telefonnummern und die Namen der Eltern oder Erziehungsberechtigten enthielt. Er reichte Sigurður Óli die Liste.

»Die Brüder haben im Herbst hier angefangen. Soll ich das nicht auch an die Mail-Adresse schicken, die du mir gegeben hast?«, fragte er. »Das ist entsetzlich«, stöhnte er dann und starrte wie gelähmt auf seinen Schreibtisch.

»Nur zu wahr«, sagte Sigurður Óli. »Ich bräuchte auch die Adresse und Telefonnummer seiner Klassenlehrerin. Was ist hier in der Schule vorgefallen?«

Der Schulleiter blickte ihn an. »Was meinst du damit?«

»Du hast gesagt, dass es etwas gegeben hat, aber nichts Ernstes«, sagte Sigurður Óli, »und dass es unvorstellbar ist, dass so etwas daraus resultiert. Was war das?«

Der Schulleiter zögerte.

»Was war das?«, wiederholte Sigurður Óli.

»Es gibt einen Lehrer an unserer Schule, der sehr dezidierte Äußerungen gegen den Zustrom von Einwanderern von sich gegeben hat.«

»Beispielsweise von Frauen aus Thailand?«

»Auch die. Leute aus Asien vor allem, von den Philippinen, aus Vietnam und solchen Ländern. Er hat da ausgesprochen rigorose Ansichten, aber es geht eben nur um Ansichten. Er würde sie nie auf solche Weise in die Tat umsetzen. Niemals.«

»Aber es ist dir trotzdem eingefallen. Wie heißt er?«

»Das ist absurd!«

»Wir müssen uns mit ihm unterhalten«, sagte Sigurður Óli.

»Er hat die Kinder fest im Griff«, sagte der Rektor, »das ist seine Art. Nach außen hin schroff und rau, aber er hat einen Draht zu den Kindern.«

»Hat er Elías unterrichtet?«

»Irgendwann bestimmt mal. Er ist Isländischlehrer und übernimmt viele Vertretungsstunden, sodass er vermutlich die allermeisten unserer Schüler unterrichtet hat.«

Der Schulleiter nannte den Namen des Mannes, den sich Sigurður Óli sofort notierte.

»Ich habe ihm einmal eine Rüge erteilen müssen. Wir dulden keine Ausländerfeindlichkeit an unserer Schule«, sagte der Schulleiter mit Nachdruck, »das darfst du mir glauben. So etwas lassen wir nicht durchgehen. Hier wird genau wie andernorts über Ausländerprobleme diskutiert, und nicht zuletzt vom Standpunkt derjenigen aus, die ins Land kommen. Hier herrscht vollkommene Gleichbehandlung, das gilt sowohl für die Lehrer als auch für die Schüler.«

Sigurður Óli hatte wieder das Gefühl, dass der Schulleiter zögerte.

»Was ist hier vorgefallen?«, insistierte er.

»Sie sind aufeinander losgegangen«, sagte der Rektor. »Er und Finnur, ein anderer Lehrer, und zwar hier im Lehrerzimmer. Die anderen mussten dazwischengehen. Er hatte irgendwelche Bemerkungen gemacht, die Finnur gegen den Strich gingen. Daraus wurde dann so eine Art Hahnenkampf.«

»Was für Bemerkungen?«

»Dazu wollte sich Finnur nicht äußern.«

»Gibt es noch andere, mit denen wir deiner Meinung nach reden sollten?«, fragte Sigurður Óli.

»Ich möchte niemanden da mit reinziehen, nur weil die betreffende Person irgendwelche Ansichten hat.«

»Du ziehst da niemanden mit rein«, entgegnete Sigurður Óli. »Dass der Junge überfallen worden ist, muss nichts mit irgendwelchen Ansichten zu tun haben, weit gefehlt. Das hier ist eine Ermittlung, und wir brauchen Informationen. Wir müssen uns mit den Leuten unterhalten. Wir müssen feststellen, was hier vorgefallen ist. Das hat nichts mit den Ansichten der Leute zu tun.«

»Egill, der Werken bei uns unterrichtet, war neulich in einen Streit verwickelt. Da war irgendeine Diskussion über die multikulturelle Gesellschaft im Gange oder etwas Ähnliches, ich weiß es nicht mehr. Er regt sich leicht auf. Und er ist immer bestens informiert. Vielleicht solltet ihr euch mit ihm unterhalten.«

»Wie viele Kinder ausländischer Abstammung sind hier an der Schule?«, fragte Sigurður Óli, während er sich den Namen des Werklehrers notierte.

»Schätzungsweise dreißig insgesamt. Wir sind eine große Schule.«

»Und bislang hat es keine nennenswerten Probleme deswegen gegeben?«

»Natürlich gibt es immer mal wieder Vorfälle, aber keine besorgniserregenden.«

»Was genau ist darunter zu verstehen?«

»Spottnamen und Pöbeleien, unbedeutende Raufereien. Nichts, was bis auf meinen Schreibtisch vorgedrungen wäre, aber die Kollegen reden darüber. Sie beobachten natürlich genau, was hier vor sich geht, und greifen im Zweifelsfall ein. Diskriminierungen jeglicher Art sind an dieser Schule unerwünscht, und das ist den Schülern klar. Sie sind auch sehr engagiert und melden solche Dinge gleich, dann greifen wir ein.«

»In jeder Schule gibt’s irgendwelche Probleme, nehme ich an«, sagte Sigurður Óli. »Problemkinder. Mädchen und Jungen, die immer Unruhe stiften.«

»Solche Schüler gibt es in der Tat an jeder Schule.«

Der Rektor sah Sigurður Óli nachdenklich an. »Irgendwie habe ich das Gefühl, dass ich dich kenne«, sagte er auf einmal. »Wie war noch dein Name?«

Sigurður Óli stöhnte innerlich. »Sigurður Óli«, antwortete er.

»Sigurður Óli?«, wiederholte der Rektor nachdenklich. »Sigurður Óli? Warst du hier an der Schule?«

»Das ist lange her. Vor 1980. Und nur ganz kurz.«

»Sigurður Óli?«, murmelte der Rektor ein weiteres Mal.

Sigurður Óli sah, dass der Mann sich an ihn zu erinnern versuchte. Ihm war klar, dass es nicht mehr lange dauern würde, bis der Kerl schaltete. Deswegen verabschiedete er sich hastig. Die Polizei würde wiederkommen und mit Schülern, Lehrern und anderem Personal reden. Er war schon in der Tür, als der Groschen beim Rektor zu fallen schien.

»Warst du dabei, als die große Randale siebenund…«

Den Rest des Satzes hörte Sigurður Óli nicht mehr, da er bereits mit raschen Schritten das Lehrerzimmer durchquerte. Die Hausmeisterin war nirgends zu sehen. So spät am Tag war das Gebäude wie ausgestorben. Eigentlich wollte er geradewegs wieder in die Kälte hinaus, aber dann hielt er inne und blickte nach oben. Er zögerte einen Augenblick, ging dann aber wieder die Treppe hoch, und kurz darauf war er im dritten Stock angelangt. An den Wänden hingen die alten Klassenfotos, versehen mit den Klassenbezeichnungen und den Jahreszahlen. Er fand das Foto, das er suchte, blieb davor stehen und betrachtete sich selbst als zwölfjährigen Schüler. Die Klasse hatte sich in drei Reihen aufgestellt. Er selber stand in der hintersten Reihe und starrte mit ernstem Gesichtsausdruck direkt in die Kamera, in einem dünnen, wild gemusterten Hemd mit ausladendem Kragen und der neuesten Disko-Frisur.

Sigurður Óli starrte lange auf das Foto.

»Entsetzlich«, stöhnte er.

Vier

Erlendurs Handy gab keine Ruhe. Zuerst rief Sigurður Óli an, berichtete ihm über sein Gespräch mit dem Rektor und erklärte, auf dem Weg zur Klassenlehrerin des Jungen zu sein und zu einem anderen Lehrer, der dagegen war, dass Ausländer ins Land kamen. Als Nächstes meldete sich Elínborg, die ihm sagte, ein Zeuge, der im gleichen Treppenaufgang wie Sunee wohnte, glaube, den älteren Bruder tagsüber gesehen zu haben. Der Chef der Spurensicherung schließlich informierte ihn über die Ansicht des Gerichtsmediziners, dass der Junge nur einen Stich aufweise, der mit einem sehr scharfen Gegenstand ausgeführt worden sei, wahrscheinlich einem Messer.

»Mit was für einem Messer?«, fragte Erlendur.

»Die Klinge dürfte ziemlich breit gewesen sein und wohl auch ziemlich dick, aber mit sehr scharfer Schneide«, erklärte der Chef der Spurensicherung. »Es ist keineswegs gesagt, dass der Stich viel Kraft gekostet haben muss. Der Junge könnte am Boden gelegen haben, als er erfolgte. Der Anorak ist hinten dreckig, und er ist auch zerrissen. Da er relativ neu ist, kann das womöglich bedeuten, dass es zu einem Kampf gekommen ist. Er hat wohl versucht, sich zu wehren. Das kann einen nicht überraschen, aber die einzige Verletzung ist dieser Messerstich, der nach Angaben des Arztes in die Leber eingedrungen ist. Der Blutverlust führte zum Tod.«

»Du gehst davon aus, dass keine große Kraftanstrengung notwendig war, um mit dem Messer so tief einzudringen?«

»Wäre denkbar.«

»Es könnte sich also auch um ein Kind oder einen Jugendlichen handeln, einen Gleichaltrigen womöglich?«

»Schwer zu sagen. Fest steht, dass es eine extrem scharfe Waffe war.«

»Und der Zeitpunkt des Todes?«

»Gemessen an der Körpertemperatur ist der Tod etwa eine Stunde zuvor eingetreten, also eine Stunde, bevor er gefunden wurde. Darüber solltest du mit dem Gerichtsmediziner reden.«

»Offensichtlich ist er also von der Schule aus direkt nach Hause gegangen.«

»Es hat den Anschein.«

Erlendur nahm wieder in dem Sessel gegenüber von den Geschwistern aus Thailand Platz. Guðný setzte sich neben sie auf das Sofa. Erlendur gab die Informationen, die er erhalten hatte, an die Dolmetscherin weiter. Sunee hörte schweigend zu. Sie hatte aufgehört zu weinen. Ihr Bruder warf eine Bemerkung ein, und sie sprachen eine ganze Weile halblaut miteinander.

»Worüber reden sie?«, fragte Erlendur.

»Der Anorak war heil, als er heute Morgen aus dem Haus ging. Er war nicht neu, aber er war völlig in Ordnung.«

»Es ist bestimmt zu einer handgreiflichen Auseinandersetzung gekommen«, sagte Erlendur. »Ich kann noch nichts dazu sagen, ob dieser Überfall auf Elías etwas mit Ausländerfeindlichkeit zu tun hat. Soweit ich weiß, gibt es an der Schule etwa dreißig Kinder ausländischer Herkunft. Wir müssen uns mit seinen Freunden unterhalten und mit allen anderen, zu denen er Kontakt hatte. Das gilt auch für seinen Bruder.

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