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Fromme Gesänge

Vorrede

Karlchen und Jakopp zur Erinnerung an Rumänien

 

POLITISCHE SATIRE

Paul: Wir haben ja das Lächeln, Frau Konik ... das erlösende Lächeln.

Frau Konik: Man kann doch nicht über alles lächeln.

Paul und Konik (zugleich): Über alles! Über alles!

Frau Konik: Meint ihr nicht, dass das ein bisschen gefährlich ist ...?

Konik: Ja ... für die, denen es gilt!

(Gustav Wied)

Der echte Satiriker, dieser Mann, der keinen Spaß versteht, fühlt sich am wohlsten, wenn ihm ein Zensor nahm, zu sagen, was er leidet. Dann sagt er's doch, und wie er es sagt, ohne es zu sagen – das macht schon einen Hauptteil des Vergnügens aus, der von ihm ausstrahlt.

Um dieses Reizes willen verzeiht man ihm vielleicht manches, und verzeiht ihm umso lieber, je ungefährlicher er ist, das heißt: je weiter die Erfüllung seiner Forderungen von der Wirklichkeit entfernt liegt.

Das war eine schöne Zeit, als der einzige »Simplicissimus« – der alter Prägung – frech war, wie die Leute damals sagten. Die satirische Opposition lag im Hinterhalt, schoss ein Pfeilchen oder wohl auch einmal ein gutes Fuder Feldsteine aus dem Katapult ab, und wenn sich der Krämer in der Lederhose und der Ritter im starren Visier umsahen, weil sie einen wegbekommen hatten, gluckerte unterirdisches Gelächter durch den Busch: aber zu sehen war keiner.

Das ist vorbei. Die Satire ist heute – 1919 – gefährlich geworden, weil auf die spaßhaften Worte leicht ernste Taten folgen können, und dies umso eher, je volkstümlicher der Satiriker spricht.

Die Zensur ist in Deutschland tot – aber man merkt nichts davon. In den Varietes, auf den Vortragsbrettern der Vereine, in den Theatern, auf der Filmleinwand – wo ist die politische Satire? Noch ist der eingreifende Schutzmann eine Zwangsvorstellung, und dass ein kräftiges Wort und ein guter Witz gegen eine Regierungsmaßnahme aus Thaliens Munde dringt, da sei Gott vor! Denn noch wissen die Deutschen nicht, was das heißt: frei – und noch wissen sie nicht, dass ein gut gezielter Scherz ein besserer Blitzableiter für einen Volkszorn ist als ein hässlicher Krawall, den man nicht dämmen kann. Sie verstehen keinen Spaß. Und sie verstehen keine Satire.

Aber kann der Satiriker denn nicht beruhigend wirken? Kann er denn nicht die »Übelstände auf allen Seiten« geißeln, kann er denn nicht hinwiederum »das Gute durch Zuspruch fördern« – mit einem Wort: Kann er nicht positiv sein?

Und wenn einer mit Engelszungen predigte und hätte des Hasses nicht –: Er wäre kein Satiriker.

Politische Satire steht immer in der Opposition. Es ist das der Grund, weshalb es bis auf den heutigen Tag kein konservatives Witzblatt von Rang gibt und kein regierungstreues. Nicht etwa, weil die Herren keinen Humor hätten oder keinen Witz. Den hat keine Klasse gepachtet. Aber die kann ihn am wenigsten haben, die auf die Erhaltung des Bestehenden aus ist, die die Autorität und den Respekt mit hehrem Räuspern und hochgezogenen Augenbrauen zu schützen bestrebt ist. Der politische Witz ist ein respektloser Lausejunge.

Es gibt ja nun Satiriker so großen Formats, dass sie ihren Gegner überdauern, ja, der Gegner lebt nur noch, weil der Satiriker lebt. Ich werde nur das Misstrauen nicht los, dass man den Ehrentitel »großer Satiriker« erst dann verleiht, wenn der Mann nicht mehr gefährlich, wenn er tot ist.

Der gestorbene Satiriker hat's gut. Denn nichts ist für den Leser süßer als das erbauliche Gefühl der eigenen Überlegenheit, vermischt mit dem amüsanten Bewusstsein, wie gar so dumm der Spießer von anno tuback war.

Nun gehört aber zur Masse immer einer mehr, als jeder glaubt – und die Angelegenheit wird gleich weniger witzig, wenn's um das Heute geht. Dem Kampf Heines mit den zweiunddreißig Monarchien sieht man schadenfroh und äußerst vergnügt zu – bei Liebknecht wird die Sache gleich ganz anders.

»Ja«, sagt Herr Müller, »das ist auch ganz was anders!«

Ja, Bauer, das, ist ganz was anders – und weil's was anders ist, weil der Kampf gegen die Lebenden von Leidenschaften durchschüttelt ist, und weil die nahe Distanz das Auge trübt, und weil es überhaupt für den Kämpfer nicht darauf ankommt, Distanz zu halten, sondern zu kämpfen – deshalb ist der Satiriker ungerecht. Er kann nicht wägen – er muss schlagen. Und verallgemeinert und malt Fratzen an die Wand und sagt einem ganzen Stand die Sünden Einzelner nach, weil sie typisch sind, und übertreibt und verkleinert –

Und trifft, wenn er ein Kerl ist, zutiefst und zuletzt doch das Wahre und ist der Gerechtesten einer.

Jedes Ding hat zwei Seiten – der Satiriker sieht nur eine und will nur eine sehen. Er beschützt die Edlen mit Keulenschlägen und mit dem Pfeil, dem Bogen. Er ist der Landsknecht des Geistes.

Seine Stellung ist vorgeschrieben: er kann nicht anders, Gott helfe ihm. Amen. Er und wir, die nie Zufriedenen, stehen da, wo die Männer stehen, die die Waffen gegen die Waffen erheben, stehen da, wo der Staat ein Moloch geheißen wird und die Priesterreligion ein Reif um die Stirnen. Und sind doch ordnungsliebender und frömmer als unsre Feinde, wollen aber, dass die Menschen glücklich sind – um ihrer selbst willen.

Ein Büchlein, zu dem dies hier die Vorrede ist, das »Fromme Gesänge« heißt und von Theobald Tiger stammt gibt eine Reisebeschreibung der Route 1913 bis 1919.

Was der Wochenbetrachter der »Weltbühne« in diesen Jahren besungen hat, wurde einer Durchsicht unterzogen; bei der Sichtung entfernte ich, was für den Tag geschrieben wurde und mit ihm vergangen ist.

Weil es aber das Bestreben der »Weltbühne« ist, zwar für den Tag zu wirken, aber doch auch über ihn hinaus, so blieb eine ganze Reihe, vermehrt um anderswo erschienene Gedichte sowie um manche noch unveröffentlichte.

Im Grünen fing's an und endete blutigrot. Und wenn sich der Verfasser mit offenen Armen in die Zeit gestürzt hat, so sah er nicht, wie der Historiker in hundert Jahren sehen wird, und wollte auch nicht so sehen. Er war den Dingen so nahe, dass sie ihn schnitten und er sie schlagen konnte. Und sie rissen ihm die Hände auf, und er blutete, und einige sprachen zu ihm: »Bist du gerecht?«

Und er hob die blutigen Hände – blutig von seinem Blute – und zuckte die Achseln und lächelte. Denn man kann über alles lächeln ...

Und dass inmitten dem Kampfeslärm und dem Wogen der Schlacht auch ein kleines Gras- und Rasenstück grünt, auf dem ein blaues Blümchen, ebenso sentimental wie ironisch, zart erblüht – das möge den geneigten Leser mit dem grimmigen Katerschnurrbart und dem zornig wedelnden Schweif des obgenannten Tigers freundlich versöhnen.

Ignaz Wrobel

AN LUCIANOS

Freund! Vetter! Bruder! Kampfgenosse!

Zweitausend Jahre – welche Zeit!

Du wandeltest im Fürstentrosse,

du kanntest die Athenergosse

und pfiffst auf alle Ehrbarkeit.

Du strichst beschwingt, graziös und eilig

durch euern von Geld und Geist –

Und Gott sei Dank: Nichts war die heilig,

du frecher Hund!

Du lebst, Lucian! Was da: Kulissen!

Wir haben zwar die Eisenbahn –

doch auch dieselben Hurenkissen,

dieselbe Seele, jäh zerrissen

von Geld und Geist – du lebst, Lucian!

Noch heut: Das Pathos als Gewerbe

verdeckt die Flecke auf dem Kleid.

Wir brauchen dich. Und ist dein Erbe

noch frei, wirf's in die große Zeit.

Du warst nicht von den sanften Schreibern.

Du zogst sie splitternackend aus

und zeigtest flink an ihren Leibern:

es sieht bei Göttern und bei Weibern

noch allemal der Bürger raus.

Weil der, Lucian, weil der sie machte.

So schenk mir deinen Spöttermund!

Die Flamme gib, die sturmentfachte!

Heiß ich auch, weil ich immer lachte,

ein frecher Hund

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