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Frisch gepresst

BASTEI ENTERTAINMENT

»Und jetzt wollen wir mal schön feste pressen, gell, Frau Schnidt.«

Das kleine Arschloch, das sich anmaßt, mit mir gemeinsam pressen zu wollen, heißt Dr. Wiedmann und ist an sich so ziemlich der unsympathischste und unleckerste Kerl, der mir in den letzten Jahren über den Weg gelaufen ist. Dummerweise befinde ich mich in einer Art Unterleibsabhängigkeit von ebendiesem Oberlehrertyp mit der Ausstrahlung einer alten Socke. Er riecht leider auch ähnlich. Aber wie soll einer, der jahrzehntelang im Dienste der Menschheit Medizin studiert hat, bei all dem Streß auch noch Zeit für die Körperpflege finden. Im Kopf notiere ich – Geschenk für Wiedmann, wenn er dieses Etwas aus mir rausholt, Deo. Ganz was Feines. Ein richtiges Antitranspirant.

Coole, tolle Frauen, uns allen aus Frauenzeitschriften und Hera-Lind-Romanen bekannt, würden den kleinen Assistenzarzt mit dem Sockenaroma jetzt durch einen schlagfertigen, treffenden – aber niemals gemeinen – Satz locker in seine Schranken verweisen. Dummerweise scheint meine Schlagfertigkeit unter dieser Presserei doch ein bißchen zu leiden. Ich fühle mich, als müßte ich eine Wassermelone scheißen, und wer dabei noch amüsante Konversation machen kann – den möchte ich gerne mal kennenlernen; allerdings erst, wenn das hier erledigt ist. Ich habe mir das Ganze doch ein wenig anders vorgestellt. Was stand da in meinem Geburtsvorbereitungsbuch: »Wer gelassen an die Sache rangeht, für den wird die Geburt das schönste Erlebnis überhaupt.« Wenn das das schönste Erlebnis überhaupt ist, möchte ich niemals ein schlimmes haben.

Christoph wischt mir mit irgendeinem kalten Feudel über die Stirn – es sollte wohl die Stirn sein; vor Aufregung hat er mir das rechte Brillenglas gleich mit eingenäßt. Natürlich trage ich normalerweise keine Brille – ja, aus Eitelkeit, aber bei der Presserei müssen die Kontaktlinsen raus. Leuchtet ein, denn natürlich will ich nicht, daß mir im »schönsten« Moment meines Lebens (haha) die Haftschalen rausfliegen, ich das mühsam Erpreßte nicht mal sehen kann und noch dazu 300 Mark pro Auge irgendwo in einem Kreißsaal plattgetreten werden.

»Wir haben’s gleich, wir haben’s gleich«: Dr. Wiedmann gerät in eine Art ekstatischen Zustand, und Christoph, übrigens mein Lebensgefährte, hat mit seinem Wischläppchen jetzt auch noch das andere Brillenglas erwischt. Wenn der Mann doch sonst auch so treffsicher wäre. Die einzige Person, die noch bei Verstand ist in diesem Raum, nennt sich Angie und war schon bei Hunderten von Geburten dabei. »Kindschen, für mich ist das so wie Spazierengehn, ganz was Normales.« Würde es mich beim Spazierengehen jedesmal so zerreißen, ich schwör’s: Keinen Meter würde ich mehr gehen.

»Nicht in den Kopf pressen, nur nicht in den Kopf«, Wiedmann, der Müffeldoktor, guckt streng, als wäre das echt was Neues, daß Kinder nicht durch den Kopf rauskommen. Wenn ich den nicht hätte; das hätte ja böse enden können – so ’ne Kopfgeburt.

Was sich die Typen so einbilden. Schon im Geburtsvorbereitungskurs. Flammende Plädoyers von angeblich gebildeten Männern für eine sanfte, natürliche Geburt. »Der Schmerz ist doch auszuhalten; ist ja produktiv, gell, also Schmerzmittel kommen für uns nicht in Frage, keinesfalls.«

Selbst den größten Egozentrikern rutscht bei diesem Thema locker flockig ein gemütliches »Wir« über die Lippen.

Oft sind es genau die Kerlchen, die sich für ein lächerliches Weisheitszähnchen drei Spritzen reinhauen lassen. Aber klar, ist ja auch kein produktiver Schmerz. Der Geburtsschmerz ist doch etwas völlig anderes, und vor allem nicht ihr eigener. Aber jetzt nicht zynisch werden: Die Männer leiden ja unter den Wehen fast noch mehr als die Schwangeren. Diese Hilflosigkeit. Das lange Stehen. Und die bohrende Gewißheit, daß »Mann« es selbst besser und schneller könnte, eine zermürbende Sache.

»Ich glaube, Ihre Frau braucht mal ein Preß-Päuschen, Herr Schnidt – flutscht nicht so, das Ganze, lustwandeln Sie doch noch mal ein Weilchen übern Flur«, höre ich den promovierten Muffkopp zu meinem Christoph sagen.

»Hallo, ich entbinde nur – mein Gehirn ist noch intakt –, und wenn hier gleich was flutscht, dann meine Hand in dein Gesicht«, will ich rauspressen, aber schon der Gedanke an Pressen verbietet sich. Gottergeben zerrt mich Christoph von der Entbindungsliege und redet betont munter auf mich ein. »Schau mal, gleich haben wir’s, noch ein halbes Stündchen schön konzentriert, und dann schwupp …«

Fehlt noch, daß er sagt: »Sei ein braves Mädchen.« Beim Über-den-Gang-Schlurfen habe ich das Gefühl, die Erdanziehungskraft hat sich verzehnfacht. Hoffentlich plumpst das Etwas nicht auf dieses schäbige Linoleum. Einfach so. Nach dem Motto: hups, was liegt denn da? Ein Alptraum, schon in den letzten Wochen der Schwangerschaft. Jeder Aufenthalt im Supermarkt. Allein die Vorstellung. Lange Schlange an der Massa-Kasse. Die Fruchtblase platzt. Ungezogene Kinder von fremden Leuten schreien: »Mama, ich glaube, die Frau macht sich gerade in die Hose.« Die Kassiererin ist pikiert: »Korz vor Feierabend so e Schweinerei. Du, Frau Hoffmann, haste ma en Labbe. Des mache Sie aber selbä weg – ich bin net die Putze hier. Auch in Ihrm Zustand kann mer sich net alles erlaube.« Grauenvoll.

Natürlich sind die meisten Fruchtblasen anständig und springen nachts. 80 Prozent oder so. Aber wer garantiert, daß die eigene Fruchtblase nicht zu den restlichen 20 Prozent ge hört? Niemand.

»Da ist doch nix dabei, ist doch absolut natürlich, so ist der Körper nun mal«, hat mich meine Freundin Sabine getröstet, als ich ihr bei einem Gläschen Früchtetee meine Visionen von schwangerschaftlicher Inkontinenz und öffentlichem Blasensprung gebeichtet habe. Aber die gleiche Sabine stellt sich selbst bei den natürlichsten Sachen der Welt ganz schön an. Wenn die ihre Tage hat und wir schwimmen gehen, fragt sie mich etwa 86mal: »Du, sieht man das Fädchen?« Und in weißen Hosen guckt sie sich selbst dermaßen häufig zwischen die Beine – aus Panik, es könnte ein Tröpfchen Blut erscheinen –, daß man meint, der Kopf hängt extra so schief. Jetzt mal ehrlich – was ist ein Klacks Blut gegen 3–4 Liter Fruchtwässerchen an der Massa-Kasse! Nichts, oder? Trotzdem schafft es kaum eine, in ein vollbesetztes Großraumbüro zu gehen und zu fragen: »Hat mal jemand einen Tampon? Super oder vielleicht Extra?«

Obwohl man es eh merkt. Frau kommt in einen Raum. Geht zu einer anderen. Sie tuscheln. Die angesprochene Frau wühlt in ihrer Handtasche. Ballt die Hand zur Faust und drückt der anderen was in die geöffnete Hand, die dann ebenfalls sofort zur Faust wird. Wetten: in 98 Prozent der Fälle ist es ein o.b. Und die restlichen 2 Prozent benutzen Tampax, mit der praktischen Einführhülse. Die geht leider nicht in eine geschlossene Hand. »Aber die Hülse ist doch so hygienisch«, meint Sabine, eine aus der Tampaxfraktion. Bloß: was tun mit der Einführhilfe, wenn man das, was man einführt, an Ort und Stelle hat? Einfach ins Klo, wegspülen und riskieren, daß es die nächsten 14 Male wieder hochgespült wird, möglichst dann, wenn der nette Kollege mal auf einen Kaffee mitkommt. Also: wohin damit: Mülleimer, Sondermüll. Fragen über Fragen.

Soviel zum Thema »Natürlich«. Ist doch komisch. Da reden die mittags im Fernsehen über Sadomaso: »Ja, Herr Müller, Sie kriegen’s gern mit der Neunschwänzigen« – »Ne, Herr Meiser, ich liebe es klassisch, Rohrstock oder Schuhlöffel«, Sex mit Tieren, Drogen und Gewalt. Alles ist möglich: Hauptsache – wir passen gut auf uns auf. Aber seit Jahren warte ich auf Fernsehpastor Fliege und: »Wie menstruiere ich richtig?« oder: »Was soll ich tun: Meine Freundin blutet mehr!« – oder: »Neidische Männer bekennen: Gebt uns unsere Periode.«

Kleiner Vorteil der Schwangerschaft: Kein monatliches Suchen nach alten Unterhosen, denn wer will sich schon an den bewußten Tagen den neuen Spitzenstring für 47,80 ruinieren? Die Werbung hat uns zwar schon häufig erklärt, wie sicher ihre diversen supersaugfähigen Blutungsutensilien sind. Pah, von wegen. Überhaupt, Bindenwerbung. Mit der blauen Testflüssigkeit. Das Letzte. Ständig die Erinnerung: aus euch läuft irgendwas raus, etwas, was wir mal blau darstellen, und dagegen muß man was tun. Nicht, daß ich meine, wir sollten es so ökomäßig einfach laufen lassen.

Aber diese Schamhaftigkeit in einer Welt, in der es laut Bild am Sonntag keine Scham mehr gibt, ist doch komisch. Wobei ich nicht behaupten will, ich würde völlig offen und selbstbewußt mit den Funktionen meines Unterleibs umgehen. So nach dem Motto: »Moin, Herr Kollege, und wie?« – »Fein und selbst?« – »Na ja, bis auf diesen hartnäckigen Ausfluß …«

Undenkbar, oder? Kann aber auch praktisch sein. Die Unterleibstabuzone. Beim Krankmelden. Montags. Anruf im Büro. »Ja, also, ich fühl mich ganz und gar nicht gut. Also, Arbeiten ist undenkbar.« – Der angenervte Chef – »Wo fehlt’s denn, Frau Schnidt?« – Jetzt ein leichtes Drucksen, Räuspern und dann ein genuscheltes »die Eierstöcke«. Ratz-fatz kommt das obligatorische »Gute Besserung«, und der Kerl wird sich hüten, noch mal nachzufragen. Wo schon ganz andere Situationen toppeinlich sind.

Also, meine vierjährige Nichte, Desdemona – das arme Ding, so zu heißen, aber meine Schwester wollte schon immer was Besonderes sein und mußte diesen Trieb an ihrer ersten Tochter ausleben –, also, die kleine Desdemona ist bei Christoph und mir zu Besuch und muß mal. Soll ja vorkommen. Nur Pipi. Das kann sie schon alleine. Wie praktisch, wo wir gerade mit unseren neuen Nachbarn, meiner Schwester und ihrem Gatten im Reihenhausgärtchen hocken und das ein oder andere Stückchen Pflaumenkuchen reinschieben. Plötzlich kommt die aufgeregte Desdemona mit noch offenem Reißverschluß aus dem Haus, schreit durch die gesamte Siedlung: »Mama, Mama, guck mal: Meine Tante benutzt ja noch Windeln« und schwenkt voller Glück eine meiner Slipeinlagen mit den Flügelchen. Angespanntes Gelächter und die Nachbarin macht ein Gesicht, als hätte sie gerade eine Biene verschluckt und einer von uns müßte den lebensrettenden Luftröhrenschnitt gleich vor Ort ausführen.

Kinder, die Desdemona heißen und Slipeinlagen schwenken, was soll bloß aus denen werden? Obwohl sie sowieso nur Mona genannt wird. Hat sich so ergeben, nachdem die hessische Zugehfrau meiner Schwester – eigentlich ist es eine Putzfrau, aber das findet Brigitta, meine Schwester, »irgendwie entwürdigend« – beim Anblick der neugeborenen Desdemona entzückt gerufen hat: »Also, des is die Mona.«

An sich ein nettes Kind. Wenigstens ein Mädchen. Besonders nett ist, daß man sie, wenn sie nicht mehr so nett ist, heimschicken kann. Oder mit musikalischer Früherziehung drohen – die Desdemona haßt. Aber Brigitta, die eigentlich Birgit heißt – »Von der Ausstrahlung her paßt Brigitta besser, ganz andere Aura und so« –, meint: »Ohne verkümmert das Kind.« Ist später chancenlos. Fehlende musikalische Früherziehung kann alles versauen. Drogenabhängigkeit, Schulversagen – tja, mit musikalischer Früherziehung wäre Ihnen das nicht passiert.

Hätte ich selbst bloß welche genossen.

Vielleicht würde ich dann auch geschickter entbinden. Die ersten Versagergefühle keimen in mir auf. Ich mag nicht mehr. Ich will eine Betäubung, Vollnarkose, Ecstasy, Dope jeder Art. Ich stehe in meinem weißen Kittelchen ohne Unterhose auf einem erbsgrün gestrichenen Kreißsaalflur und bettele einen Nicht-Deo-Benutzer an. »Bitte, Dr. Wiedmann, ich halte es nicht mehr aus. Das ›In 10 Minuten haben wir’s‹ ist 4 Stunden her. Geben Sie mir was. Machen Sie einen Kaiserschnitt, befreien Sie mich.« Mein Gott! Ich, eine junge, moderne Frau, Typ Gebildete-junge-Yogurette-Esserin, werde zur devoten Schleimerin. Ekelhaft, dieses Aufgeben jeglicher Prinzipien. Und noch dazu erfolglos. »Wir haben’s doch bald, Frau Schnidt. Jetzt mal zusammenreißen und nicht so hängenlassen«, tadelt mich der Gynäkologe. Ich probiere die etwas autoritäre Variante. Gibt ja Männer, die da besser spuren. »Hören Sie mal gut zu: Heutzutage können sie Herzen verpflanzen, da werden Sie ja wohl dieses Etwas aus meinem Bauch kriegen.«

»Angie«, zitiert er die Hebamme herbei und macht ihr mit Gesten dabei klar, daß ich eine hoffnungslose Hysterikerin bin, »gib der Frau Schnidt mal ein Paracetamol-Zäpfchen.«

Dankbar soll ich dafür auch noch sein. Eine ergebene Versagerin, der ungerechtfertigterweise Gnade gewährt wurde, und das für ein Zäpfchen, das schon Säuglinge ohne Gefahr nehmen können. »Ich will was Richtiges, was dröhnt, und das, bevor die nächste Wehe da ist.« Christoph zischt: »Na, na, mein Walfischchen, jetzt krieg dich mal ein.« Ich bin erleichtert, weil ich endlich einen Grund habe, einen der anwesenden Besserwisser so richtig zusammenzuscheißen. »Von wegen: Walfischchen. Verpiß dich mit deinem Schwämmchen.« Zur Belohnung bietet Angie meinem Lebensgefährten ein Täßchen Cappuccino abseits der Gefahrenzone an. Meint die mich? Bin ich von Wahnsinnigen umgeben?

Bevor ich diese Frage eindeutig klären kann, erscheint ein weiterer Weißkittel. »Rücken frei machen«, erteilt er klare Anweisungen. »Ich setze Ihnen jetzt eine PDA, und dann ist Ruh«, verspricht mir der angebliche Anästhesist.

»Wenn’s wirkt, sind Sie ein Freund fürs Leben«, versuche ich ihn auf meine Seite zu ziehen. »Ist das ’ne Drohung oder ein Versprechen?« Ha, kleiner Witzbold. Vom Typ her eher Modell Barmann in Szene-Kneipe. Koteletten, coole Ausstrahlung. Sieht an sich nicht schlecht aus, der Herr Doktor. »Herr Doktor, das können Sie sehen, wie Sie wollen«, versuche ich einen kleinen Flirt. »Ich bin kein Doktor«, erklärt er mir knapp. Na prima. Ein Nicht-Doktor bohrt mir gerade eine riesige Spritze ins Rückenmark. Angeblich eh irre gefährlich. Das ist wahrscheinlich die Strafe dafür, daß ich in diesem Zustand noch meine Unwiderstehlichkeit testen wollte, der selbst bei vollem Make-up-Einsatz natürliche Grenzen gesetzt sind. Als mir eine leicht fettige Haarsträhne beim Rückenkrummachen ins Gesicht fällt, wird mir bewußt, daß meine Chancen zur Zeit, realistisch betrachtet, gen null streben. Mein Krankenhauskittelchen, hinten modisch geschlitzt, bedeckt gerade mal meinen Riesenbauch, und der Nicht-Doktor hat freien Blick auf meinen leider leicht verpickelten Po. Ich muß dringend mal wieder ein Körperpeeling machen. »So, jetzt müßte es Ihnen gleich bessergehen«, strahlt mich der Beau an.

Er hat zwar keinen Doktor, aber der Mann sagt die Wahrheit. Die Schmerzen lassen nach. Sie sind nicht verschwunden, aber irgendwie eingedämmt. Phantastisch; was für eine Erfindung! Ein Wunder. Komm her, du PDA-Entwickler, und laß dich küssen. Warum habe ich mich bloß so lange gequält? Weil ich eine perfekte Gebärerin sein wollte.

Na, dann bin ich eben keine.

»So, und jetzt der Endspurt, Frau Schnidt«, grummelt der Muffkopp. Die Kreißsaallampen blitzen auf, Christoph, mit einem Rest Cappuccinoschaum im Mundwinkel, hastet herbei. »Walfischchen, alles wird gut.« Wie mich das beruhigt, unglaublich. Doch seit der PDA glaube ich sowieso, daß ich eine Chance habe, diesen Vorgang hier zu überleben. »Leichter wird’s jetzt nicht, wer die Wehen nicht mehr richtig spürt, dem fehlt auch das richtige Gefühl fürs Pressen«, mahnt der gestrenge Wiedmann. Dann presse ich es eben gefühllos heraus. Beim vierten Mal schreit Christoph: »Ich sehe die Haare, es kommt, es kommt.«

Es hat Haare; phantastisch, das gibt Auftrieb. Mit Haaren macht so ein Kind einfach mehr her. Haare, ein echtes Statussymbol bei Neugeborenen. »Hat es Locken?« frage ich voller Verzücken. Bevor man mir antwortet, geht ein Ruck durch mich. So etwa wie bei Alien 2, als Signourey Weaver sich wie verrückt windet, weil das Monster von ihr Besitz ergriffen hat.

Und dann Erleichterung.

Man knallt mir etwas Glitschiges, nicht direkt Ansehnliches auf den Bauch. Aber: ein Alien ist es nicht. »Frau Schnidt, Glückwunsch, Sie haben ein Mädchen.«

Immerhin, vom Besten. Lackschuhe, gemeinsame Frauenabende und Mascarasharing. Mädchen sein ist eine bekannte Größe, und ich gebe zu, ich hab mir eins gewünscht. Als ich einen Blick auf meine Tochter werfen will, einen gründlichen von Frau zu Frau, von Mutter zu Kind, ist sie auch schon wieder weg. Apgar-Werte müssen her, eine Art erste Inspektion. Dr. Wiedmann fuddelt an ihr, meinem Kind, herum. Das arme Ding. »Die restliche Welt riecht besser«, will ich schreien, »legen Sie es weg, sonst kriecht es vor Entsetzen noch zurück« und »Baby, nicht alle Männer sind so«, aber ich verkneife es mir. Schließlich bin ich sensibel. Jedenfalls manchmal.

»4150 Gramm, 54 Zentimeter, Kopfumfang 36«, mit diesen Worten übergibt Wiedmann die Kleine an Christoph. Der guckt, als wäre eben ein Ufo mitten im Kreißsaal gelandet, und stammelt: »Danke, danke, oh, wie süß.«

Wiedmann verteilt die Aufgaben. »Sie und Angie baden das Kind, während ich mal schnell wieder zunähe.«

Oh Gott, er meint mich. »Machen Sie ruhig dauerhaft zu«, scherze ich, er grinst nicht einmal. Stumm streiche ich das Deo. Der kriegt gar nichts. Basta.

»Wie soll sie denn heißen?« – eine Frage an uns junge Eltern.

»Claudia«, sage ich. »Aha«, meint Dr. Wiedmann, »Claudia, was Bodenständiges.«

»So, finden Sie.« Mir doch wurscht, was dieser Depp denkt. In Begeisterungsstürme wird bei diesem Namen keiner ausbrechen. Das ist mir klar. Was soll’s. Christoph, immer gerne nahe dran am Trend, wollte selbstverständlich so was wie Anna, Marie oder Lisa. Keine häßlichen Namen, mit Sicherheit, aber irgendwie langweilig. So wie Max, Sebastian und Alexander. Wer sich heute vor einen Kindergarten stellt und brüllt: »Max, komm sofort her«, hat ratz-fatz ein Dutzend Kinder an der Backe. Und wer möchte schon, daß das eigene Kind Dutzendware ist? Keiner, oder? Absolut unmöglich sind ja diese ›Hey, was bin ich aber kreativ‹-Eltern, die ihr Kind Samsara, Roxalla oder Turgor nennen. Weils auf indianisch »aufgehende Sonne« oder »strahlende Stute« heißt. Oberpeinlich. Allein die Vorstellung: »Das sind Uschi und Hartmut und ihre Tochter Samsara Julietschkah (mit h hinten).«

Was tut man so einem armen Wesen nur an. Mit diesem Namen ist ein biederes Leben fast unmöglich. Da muß man es mindestens zur Künstlerin mit zwei schneeweißen Angorakatzen bringen, sonst führen solche Namen garantiert direkt auf die Couch. Zur Analyse. Was das kostet, wissen alle, die schon mal eine gemacht haben.

Die Ausgabe kann man sich und dem Kind ja nun ersparen.

Ich habe neulich sogar eine ehemalige Schulkameradin getroffen, die ihren Sohn Andrea genannt hat. Andrea. Erst war ich geschmeichelt. Ich heiße nämlich selbst so. Bis mir einfiel, daß da geschlechtermäßig was nicht stimmt. »Hör mal, Gudrun«, versuchte ich es taktvoll, »Andrea ist ein Mädchenname.«

»Aber nicht in Italien«, konterte sie geübt. Da war ich richtiggehend baff. Hatte sich die Akne-Gudrun doch echt einen Italiener geangelt. Gewußt wie. Stille Wasser und so. »Und zieht ihr auch runter? Wohnt ihr am Meer?« Gudrun guckt doof, war schon immer eins ihrer Spezialgebiete. »Wieso Meer? Wieso runterziehen? Wir wohnen immer noch bei den Eltern, unterm Dach, der Jürgen und ich. Den Jürgen kennst du doch, der aus der Parallelklasse mit dem grünen Mokick.« Logisch erinnere ich mich an den Jürgen. Feuchter Küsser, aber super Mokick. Immerhin. »Und warum heißt euer Kind nicht Andreas – mit einem s?« »Weil’s langweilig ist, so heißt doch jeder. Wir wollten was Besonderes. Schließlich ist unser Kind auch was Besonderes.« »Wieso, hat’s zwei Pimmel?« will ich fragen, halte mich aber etwas zurück. Sein Leben lang wird dieser Bub blöd angeguckt. Erst von seiner Mutter, die ja gar nicht anders gucken kann, und dann von allen, denen er sich vorstellt. Wenn der sich mit 24 irgendwo namentlich präsentiert, denkt doch jeder gleich an Transsexualität oder Hormonprobleme. So Eltern und so ein Name. Das Leben kann scheißbrutal sein.

Christoph hat diese Geschichte nur mäßig überzeugt. »Nur weil du schlicht Andrea heißt wie der Sohn von dieser Gudrun, muß doch unser Erstgeborenes nicht gerade Claudia heißen. Ich sehe sie vor mir, furztrocken, langweilig, schlechte Dauerwelle, Bankangestellte«, hat er rumgenölt. Das kann er übrigens super. Nicht richtig ausrasten, toben, streiten und schimpfen, sondern eher larmoyant lamentieren. War mir aber egal. Über Kleinigkeiten diskutiere ich nicht gerne. Wo kommen wir denn da hin. Wir sind ja nicht mal verheiratet.

Wenn er mir in zwei Jahren durchbrennt, sitze ich mit einer Anna Lisa da und wollte eigentlich ’ne Claudia. Nee.

Dr. Wiedmann ist fertig mit Nähen. »Nadelarbeit hab ich schon immer gemocht«, versucht er zu scherzen. »Schön, daß ich Ihnen doch noch so eine Freude bereiten konnte«, versuche ich einen ironischen Konter, der aber leider verhallt, da wir, die neue Kleinfamilie, Vati, Mutti und das Kind, in einen sogenannten Aufwach- und Ruheraum geschoben werden.

»Ich will nicht ruhen, sondern essen, und gib das Baby her«, raunze ich Christoph an. Er legt mir unsere Tochter auf den Bauch. So gewaschen und angezogen sieht sie schon besser aus. Schulnote 3– würde ich sagen. Viele Haare, aber auch viel Nase. Modell Steckdose. Volle Lippen. Glück für das Kind. Ich habe dieses Modell Strich im Gesicht. Schmale Lippen eben. Was das bedeutet, weiß jede: »Ich bin nicht wild und leidenschaftlich, Sinnlichkeit ist mir fremd, ich bin kalt, berechnend und liebe die Macht.« Ist nicht von mir, habe ich aus einem Psychotest – »Was mein Gesicht über mich verrät«. Danke, Gesicht, wirklich toll, so eine Ausstrahlung.

»Christoph, ich habe Hunger, einmal die Eins und dazu das ein oder andere Blatt Salat«, beauftrage ich meinen Lebensgefährten.

»Wie kannst du in einem solchen Moment an Essen denken, in diesen ersten Minuten unserer neuen Familie. Soviel Romantik und Emotion, und du willst dich schon wieder vollfressen, unglaublich«, antwortet der Mann, der es sonst mit Romantik und ähnlichem nicht so hat. Typisch. »Und außerdem, wolltest du nicht direkt nach der Geburt mit der Diät beginnen?«

Jetzt ist aber wirklich Schicht. Der hat sie wohl nicht alle.

»Hör mal, willst du mich sofort nach der Entbindung zur Alleinerziehenden machen, weil ich dich ja leider wegen seelischer Grausamkeit verlassen muß, oder was soll der Scheiß? Schaff mir ’ne Pizza bei, allzuviel hast du ja die letzten Stunden ansonsten nicht zu tun gehabt.« Mann, was der einem auf den Geist gehen kann. Manchmal frage ich mich echt, wieso ausgerechnet ich bei diesem Modell Mann hormonelle Schwächen gezeigt habe. »Los, geh«, keife ich ihn an. Just in diesem Moment erscheint Muffkopp der Nähfreak in unserem Ruheraum. »Progesteronmangel, Herr Schnidt, haben alle nach der Geburt, sinkender Hormonspiegel hat Übellaunigkeit zur Folge. Ganz normal.« Die beiden tauschen Wir-haben’s-nicht-leicht-wir-Männer-Blicke aus. »Wir bringen Sie und Ihre Tochter jetzt mal aufs Zimmer, Frau Schnidt, und da gibt’s dann auch bald lecker Abendessen.«

»Wie immer im Krankenhaus«, zische ich und lasse mich gottergeben zum Lift rollen. Unterwegs rennt Christoph fast in einen werdenden Vater rein. Ungeschicklichkeit hat einen Namen: Christoph. Der Fremde beugt sich übers Bett, als wäre er einer meiner nächsten Verwandten, und strahlt mich an. »Oh, schöne Kind – wie heißt?« –

»Claudia Schnidt«, antworte ich höflich. Der Mann, anscheinend Grieche, klopft Christoph herzlich auf die Schulter und brummt ein: »Macht nichts, nächstes Kind vielleicht Junge.«

Urlaub in Griechenland ist für mich ab sofort gestorben. Ich mag das Essen eh nicht. So fett. Was bildet dieser Idiot sich eigentlich ein. »Ach, Hauptsache gesund«, preßt Christoph hervor und lächelt diesen unverschämten Zeitgenossen auch noch an. Wie schnell Männer sich verbrüdern, ist mir schon immer ein Rätsel gewesen.

Claudia fängt an zu schreien. Nein, zu brüllen. »Unsere Tochter hat Hunger, ja, Mausi Maus, gleich gibt’s Essen, du süße kleine Schnuckelliesel«, entschuldigt sich Christoph bei dem Griechen, und wir rollen weiter. »Station B, Zimmer 3.« Eine Krankenschwester mit leichtem Oberlippenbart erklärt uns, wo wir hingehören. »Hier rein, und geben Sie die Kleine mal her.« Eben rausgepreßt, schon weg.

Natürlich ist der Fensterplatz im 3-Bett-Zimmer schon belegt. Ich liege in der Mitte. Mitte ist immer Mist. Das weiß ja wohl jeder. »Hallo, mein Name ist Schnidt«, stelle ich mich vor. »Tratschner, sehr angenehm«, ruft die Fensterfrau. »Ich bin die Inge«, sagt die am Waschbecken. »Christoph, sei nett und rufe auf dem Weg zur Pizzeria meine Eltern, meine Geschwister und Sabine an. Und organisier mir ein Telefon.« Klare Anweisungen sind die halbe Miete. Davon bin ich überzeugt. »Hast du Kleingeld da?« fragt mich der Kindsvater. Der Mann hat studiert und denkt trotzdem, irgendwo in meiner Einmalnetzunterhose oder unter meinem rückenfreien Kittel könnte ich noch ein paar Münzen haben. Promovierter Jurist auf der Suche nach Kleingeld bei einer Fast-Nackten. »Versuch’s doch«, informiere ich ihn, »vielleicht bin ich ein lebendes Sparschwein und nach einem gezielten Schlag auf meinen Bauch purzeln die Münzen aus mir raus.« Christoph macht ein beleidigtes Gesicht: »Ich glaube das Gebären ist deiner Laune nicht zuträglich«, nörgelt er ins 3-Bett-Zimmer rein und rauscht auch schon ab.

»Nicht aufregen«, säuselt die Waschbecken-Inge, »ist nicht gut für den Milcheinschuß.« »So«, entgegne ich, »umso besser, ich will nämlich gar nicht stillen.« Erschütterung und Fassungslosigkeit beherrschen die Atmosphäre im Raum. »Wie, nicht stillen?« läßt sich Frau Tratschner vernehmen. »Meine Tochter wird ein Flaschenkind«, kläre ich meine Bettnachbarinnen auf und beschließe, die beiden, die gucken, als hätte ich 3–4 Molotowcocktails ins Zimmer geworfen, erst mal sich selbst zu überlassen und die sanitären Anlagen zu testen. Locker schwinge ich mich aus dem Bett, das heißt, ich versuche es, grabsche mir meinen Bademantel und merke, daß mein Kreislauf schon bessere Tage hatte. »Dann halt langsam, Schnidt«, denke ich und tapere auf den Gang. Kurz vor der Toilette, die – wie praktisch – am Ende des Ganges liegt, kommt mir eine strahlende junge Mutti mit Baby auf dem Arm entgegen. »Na«, schaut sie mich teilnahmsvoll an, »wann ist’s denn bei Ihnen soweit?«

Ich brauche einen Moment, bis ich es begreife. Die denkt, ich wäre schwanger. Mit anderen Worten, ich sehe immer noch aus wie im neunten Monat. Ich bin dick. Erst eine Entbindung und dann das. Phantastisch.

»Gestern«, knurre ich sie an und schlurfe weiter. Auf dem Gang geht’s zu wie am Hauptbahnhof. Alle huschen aufgeregt herum, und hinter mehr oder weniger geschmacklosen Tankstellensträußen nuscheln irgendwelche strahlenden Kerle: »Wo bitte gibt’s denn Vasen?«

Sehe ich vielleicht aus wie Krankenhauspersonal oder wie die Fleuropsachverständige der Station? Wer weiß. Im Toilettenvorraum herrscht Discowaschraumstimmung. Heiteres Bademanteltreffen der jungen Mütter. Hier wird richtig angegeben. Durchschnittskindergebärerinnen haben kein leichtes Spiel. Über 9 Pfund oder Frühchen. Das kommt an, erregt Interesse. Heldinnen sind die »Ohne-Narkose-Frauen«. Eine im garantiert ungebleichten Baumwollmantel haut richtig auf den Putz: »Diese PDA-Frauen sind doch Waschlappen.« »Na«, sage ich, »dann machen Sie einer echten Waschläppin mal Platz, meine Blase ist nämlich mittlerweile aus der Narkose aufgewacht.«

Kleiner Lacher für mich. Waren doch wohl noch mehr PDA-Frauen dabei. Mit der PDA ist es ähnlich wie mit dem Lifting. Gibt’s eine zu, sind alle erleichtert. Nachdem ich mich erleichtert habe, wage ich einen ersten prüfenden Blick in den Spiegel. Wie sehe ich als Mutter aus? »Gesicht 97 werde ich damit nicht«, denke ich und watschle von dannen. »Ein paar Stunden Schlaf, und das Leben ist vielleicht wieder mein Freund«, informiere ich meine Zimmergenossinnen, um die nächste Zeit ein bißchen meine Ruhe zu haben. Ich sehe gerade noch, wie die Tratschner vom Fenster und die Waschbecken-Inge sich quer über mein Bett Blicke zuwerfen, und ziehe die Decke bis zu den Ohren. Unter der Bettdecke halte ich es leider nicht lange aus. Zu warm. Ich habe Hitzewallungen, als wäre ich direkt vom Entbinden in die Wechseljahre eingetaucht. Kaum habe ich meinen Kopf wieder ordentlich auf das Kissen gebettet, geht’s los. Erst Frau Tratschner und ihr spektakulärer Kaiserschnitt und dann Inge, die partout im Vierfüßlerstand entbinden wollte und empört ist, daß »so ein High-Tech-Krankenhaus noch nicht mal Fußbodenheizung hat«.

Ich nicke zustimmend, verzichte auf weitere Nachfragen, und da ich wenig Lust habe, das gerade Erlebte noch mal im Detail zu schildern, fange ich mit den elementarsten Krankenhausfragen an: »Wie ist das Essen, warum haben wir kein Fernsehen auf dem Zimmer, und wo kann man rauchen?«

»Das Essen ist Geschmackssache«, meldet sich Inge, »aber immerhin reichlich.« »Also, mir langt’s nicht, aber unten im Erdgeschoß gibt’s einen Kiosk für die Extrakalorien, wir stillenden Mütter brauchen doch Kraft«, unterbricht sie Frau Tratschner und schlürft schnell noch ein Schlückchen Malzbier. »Das gibt eins a Milch«, sagt sie und schaut dabei voller Glück auf ihre Oberweite. Neunzig, Doppel D – mindestens.

Wem’s gefällt. Aber selbst meine sonst eher bescheidenen Brüste haben fatale Ähnlichkeit mit denen von Pamela Anderson. Ein ganz neues Gefühl.

Es klopft. Christoph erscheint. Er hat es tatsächlich geschafft! In seiner Hand ein gigantischer, wundervoller Pappkarton. Was kann allein der Gedanke an eine Pizza für eine Freude machen. »Ich hole dir schnell einen Teller und Besteck«, grinst Christoph und drückt mir den Karton in die Hand. Ich murmele ein »Danke schön« und fange schon mal an. Wäre ja schade, wenn die schöne Pizza kalt würde, nur weil Teller und Besteck nicht rechtzeitig da sind. Und eigentlich essen sowieso nur Leute wie Christoph Pizza mit Messer und Gabel.

Da sind Sardellen drauf. Seit wann hat die Pizza Nummer eins Sardellen? Egal, ich picke die Sardellen runter und lagere sie erst mal auf meinem Nachtschränkchen. Nicht gerade appetitlich, aber besondere Umstände erfordern besondere Maßnahmen.

Da poltert die Oberlippenbartschwester ins Zimmer. Im Arm ein Baby. Bestimmt meins. Nicht, daß ich es sofort erkannt hätte, aber da aus den anderen Betten keine Reaktion kommt, muß es wohl meins sein. »Claudia, bist du es?« Ich rücke etwas, und die Schwester legt Claudia neben mich. Die Haare, die Steckernase, sie ist es wirklich. »Aber keine Pizza fürs Kind«, reißt die dralle Huberta ein Witzchen. »Ne, die kriegt nur die Sardellen, habe ich ihr schon reserviert«, scherze ich zurück und gewinne wenigstens eine Freundin. »Stück Pizza, Schwester Huberta«, frage ich der Form halber meine neugewonnene Freundin, und zu meinem Entsetzen antwortet sie voller Freude: »Gerne« und schnappt sich eins der größten. Leider ist der Belag etwas matschig, und ein Stückchen platscht meiner Tochter mitten ins Gesicht. Ich muß lachen, Schwester Huberta stammelt eine Entschuldigung und pickt der Kleinen, die Pizza anscheinend noch nicht sehr zu schätzen weiß, die Reste von der Stirn. Christoph rauscht mitten ins Chaos mit Teller und Besteck. »Das ist also Pizza, Claudia, und das ist dein Vater.«

Sie fängt richtig an zu schreien. Christoph zaubert mit verzücktem Gesicht eine Riesenpackung Milka hervor. »Ich bin so glücklich, Liebling, und irgendwie auch dankbar«, stammelt er gerührt und legt mir die Schokoladenherzen aufs Kopfkissen.

Da sag mal einer, Werbung funktioniere nicht. Nur im Reklamefilmchen strahlt die junge schöne Mutter, als läge ein Cabrio auf dem Kopfkissen. Ich habe meine Hormone besser im Griff und lasse mich von einer Packung Schokolädchen in mittlerer Preislage nicht aus meinem seelischen Gleichgewicht bringen. Schließlich hatte ich mir mein Rauspreß-Geschenk doch etwas aufwendiger vorgestellt. In einem kleinen Kästchen, mit Samt ausgeschlagen, golden glitzernd, mit fettem Stein obendrauf. Es gibt eben Schmuckschenkmänner und welche, denen so was im Traum nicht einfällt. Christoph gehört zur zweiten Kategorie. Aber wer konnte das ahnen? Männer haben nun mal beim Kennenlernen keine genaue Gebrauchsanleitung beiliegen.

So nach dem Motto: Braucht viele Komplimente, schenkt gerne, hat’s beim Sex lieber dunkel und raucht vor dem Frühstück. Vergöttert Mama und liebt Breitcordhosen ohne Aufschlag.

Wäre doch praktisch. Und würde gröbste Fehlgriffe vermeiden. Daß ich auf Christoph getroffen bin, war so etwas wie ein Riesenmißverständis. Obwohl ich taktischer denn je vorgegangen bin.

Es war vor etwa 2 Jahren. Kurz nach meinem 30. (übrigens ein ätzender Geburtstag mit saublöden Geschenken: Liposomencremes, dumme Sprüche: »Kind jetzt tickt deine biologische Uhr aber schon richtig laut, und du hast nicht mal einen Mann … Jetzt mußt du dich aber mal ranhalten … dir muß wohl einer gebacken werden …« usw.). Mit anderen Worten ein normaler 30. Geburtstag einer Single-Frau. Daß ich knapp 4 Wochen nach diesem denkwürdigen Geburtstag dann Christoph kennengelernt habe, kam eigentlich durch meine Mutter. Denn Mutti, eine resolute und nicht unflotte Person, hat eine alte Schulfreundin. Heidrun. Und diese Heidrun hat einen nach eigenen Angaben wahnsinnig attraktiven und schlauen Sohn, der zufällig noch zu haben ist. 31 und Medizinstudent. Ja, und dieses Fabelwesen, genannt Gregor, und ich wären doch die perfekte Kombination. Meinen jedenfalls Mutti und Heidrun. Haben sie beim gemeinsamen Bridge beschlossen. Mir sind solche Kuppelversuche von hysterischen Müttern (»… Wir werden nie Enkelkinder haben … Alle haben schon welche …«) eher unangenehm. Aber im Fall von Gregor war ich dann bereit, mal eine Ausnahme zu machen. Es ist zwar fast ausgeschlossen, daß irgendwo da draußen auf freier Wildbahn noch einer rumläuft, der so phantastisch ist, wie Gregors Mutter behauptet, aber man weiß ja nie. Also habe ich Mutti in einer schwachen Stunde gesagt, dieser noch zu habende Traumkerl »soll mich halt mal anrufen«. Das hat er dann auch getan. 3 Wochen später. Morgens um halb acht. »Morgenstund hat Gold im Mund«, hesselt es mir ins Ohr. »Hier is de Gregor, un die Mutti meint, du tätst gern ma mit mer fortgehn. Moin mach isch uff die Fete an der Uni, Medizinerfete, obwohl isch ja jetzt schon PJler bin. Es stört misch net, wenn de mitkommst.«

Oberpeinlich, da denkt diese Kreuzung aus Heinz Schenk und Heiner Lauterbach, ich würde mich nach ihm verzehren. Wäre verrückt darauf, mit ihm auszugehen. Wer weiß, was ihm seine Mami, diese Heidrun, Gräßliches über mich erzählt hat. »Ach weißte, Gregor, die Klaa von de Erika (meine Mutter) scheint mer forchtbar allein zu sein, tu doch deiner Mutti ema en Gefalle un führ se einmal aus. Isch mach dir seit Jahrn die Wäsch, da werd des ja wohl ema möglisch sein, des de dich einmal mit der triffst, Burschi, sei en liebe Bub.« Nur so kann es gewesen sein. Grauenvoller Gedanke. Aber da unterbricht er meine Horrorvisionen, Demütigungsgedanken ersten Grades und fragt: »Ei, was is jetzt, kommst de oder net?« Wenn ich jetzt nein sage, verzeiht mir das meine Mutter nie, und ich muß mir die nächsten Jahre anhören, daß ich an allem selbst schuld bin. Ich stoße ein kurzes »Warum nicht« aus und gebe ihm meine Adresse. »Wäre acht Uhr okay?« frage ich.

»In Ordnung«, grummelt Gregor, »ich hup dreima, un dann kommst de runner. Also, moin, acht Uhr.«

Der denkt wohl, wenn er sich bis zur Wohnungstür wagt, reiß ich ihn noch im Flur aufs Linoleum und mache wilde Sachen mit ihm. Sachen, vor denen er wahrscheinlich selbst im größten Grüne-Soße-Rausch noch panische Angst hat. Was das für eine Schlagzeile wäre: Mann wird von halbverdörrter Singelin zu ausschweifenden Spielen genötigt. Wenn der Typ aussieht, wie er spricht, dann gute Nacht. Artig stammele ich: »Also, um acht« und stelle mir vor, wie er direkt nach dem Auflegen Mutti Heidrun anruft und Vollzug meldet. Mein Ruf ist für immer ruiniert. Egal, dem zeige ich es. Ich beschließe, mich so richtig in Schale zu werfen, das große Programm. Der wird noch schmachtend vor mir über den Fußboden robben und »Bitte erhöre mich, du Göttin der Schönheit« stammeln. Welch eine Vorstellung. Wunderbar. Und dann ich: Kühl, aber doch mitleidig, werde ich ihn in seine Schranken verweisen. Bis dahin muß ich allerdings mit der Peinlichkeit leben, daß ich eine Frau bin, die mit Männern ausgeht, deren Mütter sie dazu zwingen.

Am nächsten Nachmittag starte ich das schon erwähnte »große Programm«.

Jede Frau hat so ihr eigenes. Meines beginnt immer mit einem ordentlichen Vollbad. Zur Feier des Tages gibt’s auch für das Wasser was Besonderes: Mindestens 3 Verschlußkappen vom sauteuren Öl. Ein Badezusatz, der eigentlich in die Kategorie »Nehm ich für besser« gehört und deswegen in den meisten Badezimmern so vor sich hin staubt. »Macht samtweiche Haut« – »streichelzart«. Und kostet einen Arsch voll Geld. Egal, war sowieso ein Geschenk. Und der Wiederverkaufswert von eingestaubten Badeölen, welch feiner Herkunft auch immer, hält sich nun mal in Grenzen. Also rein mit dem Zeug.

Im Wasser mache ich mich an die Kürschnerarbeiten. Das Fell muß weg. Meine Beine machen ohne Pelz mehr her. Ich bin nun mal kein Mufflon. Und leider ist auch ohne Haare noch genug an ihnen dran. Gegen ein paar seidige blonde Härchen am Unterschenkel hat niemand etwas, aber wenn schwärzliche Borsten anfangen durch die Nylons zu picken, dann hört der Spaß auf.

Man muß es ja nicht gleich so weit treiben wie die Amis, die eine richtiggehende Haarphobie haben. Eine Frau, die sich mit wildwachsendem Achselhaar an einem amerikanischen Strand blicken läßt, kann wahlweise auch auf die amerikanische Flagge kotzen, das Resultat ist ähnlich. Frankfurt ist zwar weit weg von Amerika, ich habe mich aber trotzdem für ein Leben ohne Achselhaare und Beinpelz entschieden. Es gefällt mir einfach besser. Nix Ideologisches oder so.

Tatjana, eine alte Schulfreundin, findet die schlichte Rasur zwar einen Akt gegen die Frauenbewegung, ein Niederknien vor männlichen Begierden und damit quasi den Anfang vom Ende, aber was guten Geschmack und Erotik angeht, ist Tatjana auch nicht gerade Fachfrau. Sie trägt heute noch Parka und das in Kombination mit Leggings. Mehr muß man dazu wohl nicht sagen. Der Entschluß, sich die Beine zu enthaaren, ist das eine, die Frage nach dem WIE das andere. Der letzte Schrei ist das Teil, das meine Freundin Sabine, eine gründliche, geradezu pedantische Haarentfernerin, benutzt. Sie hat mir ihr extra für Frauen designtes Gerät bei einer Heimvorführung präsentiert. »Okay, beim ersten Mal tut es richtig weh, aber man gewöhnt sich dran, und das Tolle: die Haare werden mit der Wurzel rausgerissen, da hast du dann 2–3 Wochen Ruhe.« »Verlockend«, habe ich gedacht und das Maschinchen, das eine Art Scherkopf vorne drauf hat – wie eine rotierende Pinzette –, sofort ausprobiert. Dieser Selbstversuch war ein kompletter Fehlschlag. Ich kann mir seitdem ungefähr vorstellen, wie es sein könnte, skalpiert zu werden. Jedenfalls am Bein. Auch wenn Sabine noch so sehr darauf schwört – wer foltert sich schon freiwillig selbst? Kein Mann würde eine derart rabiate Methode auch nur in Erwägung ziehen. Ist meine Freundin eventuell eine geheime Masochistin? Macht ihr das Freude? Steigert es ihre Lust? Abgründe tun sich auf. »Willst du drüber reden?« probiere ich es auf die Verständnisvolle. »Über deine Wehleidigkeit«, kontert sie spöttisch, während ich mir einen ihrer Waschlappen schnappe und ihn auf meine malträtierte Schienenbeinhaut klatsche.

»Der ist zwar für untenrum, aber so unten nun auch nicht! Gib meinen Waschlappen her und mach mal halblang, du wirst’s schon überleben.« Ich bin schockiert. Nicht darüber, daß ich mir jetzt im schlimmsten Fall mein Schienbein mit einen ekelerregenden Pilz infiziert habe, sondern daß es wirklich noch Menschen gibt, die Waschlappen benutzen. Erwachsene Menschen. Getrennt nach »Für untenrum« und »Für den Rest«.

Sei tolerant, Schnidt, an einem Waschlappen scheitern keine Freundschaften, auch dieser Industriezweig will leben.

Der Erfolg der Tortur: Ein etwa 5 x 5 cm kleines Fleckchen Haut an meinem Körper ist absolut haarlos. Kahlgeschoren wie für den OP. So umwerfend das Resultat auch sein mag: Eher flechte ich mein Beinhaar zu aparten Zöpfen, als daß ich so ein neuzeitliches Beinskalpiergerät je wieder anrühre. Enthaarungscremes sind indiskutabel für mich. Sie riechen abstrus und sind mir unheimlich. Was, wenn ich morgens im Tran statt zum Schaumfestiger zur Enthaarungscreme greife? Ein Verdacht, den ich auch damals bei der mysteriös haarlosen Caroline von Monaco hatte. Nur stehen mir apart geschlungene Kopftücher weniger gut als Ihrer Hoheit. Heißwachs soll phantastisch sein. Die fast kochende Pampe wird aufs Bein aufgestrichen, trocknet an, und dann reißt man die Wachsplatten mit einem Rutsch runter. Für Frauen wie mich, die kaum ein kleines, angegammeltes Pflaster wieder abziehen können, nicht die geeignete Variante. Deswegen habe ich auch diesmal wieder zur bewährten Einmalrasierer-Methode gegriffen. Beine schnell in der Wanne einseifen, aus dem Wasser strecken und ritsch-ratsch mit dem Rasierer drübergehen. Weg sind die unerwünschten Härchen.

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