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Friesischer Tod

Über den Autor

Theodor J. Reisdorf, geboren 1935 in Neuss, reiste quer durch Europa und Nordafrika, arbeitete in vielen Berufen, machte in Wilhelmshaven das Abitur und studierte Wirtschafts- und Sozialwissenschaften in Hamburg, Köln und Mannheim. Nach dem Abschluss zum Dipl.-Handelslehrer folgte die zweite Staatsprüfung in Bielefeld mit anschließender Lehrtätigkeit in Aachen, Norden und Emden. 1997 wurde er als Oberstudienrat pensioniert. Er wohnt in Ostfriesland und schreibt als »Meister des Friesenkrimis« spannende Romane über Land, Leute und Leichen. Seine Geschichten sind ein mörderisches Muss für alle Nordsee-Fans.

Der Wind war lau und trieb Nieselregen vor sich her. Oberstudienrat Folin betrat das »Café ten Cate« und hängte seine feuchte Jacke an den Garderobenhaken. Er stöberte in einem Stapel Zeitschriften und entschied sich schließlich für den neuen Focus. Das Lokal war nur mäßig besetzt, und so konnte Folin an einem der begehrten Fensterplätze Platz nehmen.

Er bestellte ein Kännchen Kaffee und stopfte seine Pfeife. Während er darauf wartete, dass die junge Kellnerin ihm den Kaffee servierte, blätterte er flüchtig in dem Magazin. Ein Artikel im Wirtschaftsteil weckte sein Interesse. Gut gelaunt zündete er die Pfeife an, zog ein paarmal daran und vertiefte sich in die Lektüre.

Der vierundfünfzigjährige Lehrer, der an der Ten-Doornkaat-Schule unterrichtete und dort als Fachmann für Rechnungswesen, Steuer- und Bilanzrecht galt, hatte ein spitzes, freundliches Gesicht; sein Bart war bereits leicht ergraut. Das Haar, das sich am Hinterkopf fast ganz gelichtet hatte, trug er kurz. Er war schlank und nur mittelgroß.

Folins Unterricht war gut – wenn er es wollte. Doch dies war nicht immer der Fall. Die Scheidung von seiner Frau, die Zwangsversteigerung des gemeinsam erbauten Hauses, die Beiträge zum Studium der Söhne und die Unterhaltszahlungen an seine Exfrau, die in Oldenburg mit einem Vertreter für Kosmetika zusammenlebte, belasteten ihn sehr. Folin war stets in Geldnot. Das, was er mit Kursen, Seminaren und Vorträgen nebenbei verdiente, brauchte er dringend.

Er verfügte über eine überdurchschnittlich gute Allgemeinbildung, war sehr belesen, redegewandt, schlagfertig und humorvoll. Manfred Folin, der von den meisten Manni gerufen wurde, galt über die Grenzen seiner Heimatstadt Norden hinaus in Lehrerkreisen als liebenswerter »Pädagogikclown«, der jedoch mit allen Wassern gewaschen war.

Der Oberstudienrat unterbrach seine Lektüre, als jemand ans Fenster klopfte. Er legte die Pfeife beiseite und blickte in das ernste Gesicht seines Koordinators Oelerius, der mit dem Zeigefinger auf seine Armbanduhr tippte und fragend die Schultern hob. Folin lächelte freundlich zurück und zeigte Oelerius den aufgeschlagenen Focus, woraufhin das Gesicht des Studiendirektors vom Fenster verschwand. Seelenruhig schenkte sich Manni Folin Kaffee nach, griff wieder zur Pfeife und rauchte. »Arschloch«, murmelte er und vertiefte sich erneut in den Artikel.

Folin hatte Oelerius nie gemocht. Der Schulleiter Dottinga jedoch zog ihn für die freie Stelle des Direktor-Stellvertreters in Betracht. Das war für das Kollegium leicht nachvollziehbar, denn Dottinga, der stets um Harmonie und Ausgleich bemüht war, besaß nicht die nötige Härte, um sich gegenüber den Lehrern und Schülern konsequent durchzusetzen. Er brauchte einen »Wadenbeißer« an seiner Seite, der für Disziplin und Ordnung an der Schule sorgte.

Manni Folin legte den Focus zur Seite, bezahlte und verließ das Café. Seufzend trat er in den Nieselregen und ging zur Schule.

Im Lehrerzimmer herrschte die übliche Hektik. Die Kollegen, mit denen Manni Folin befreundet war, tranken Tee und unterhielten sich. Folin gesellte sich zu ihnen.

»Hallo, Manni, hast du draußen unterrichtet?«, wollte Klaus Derichs wissen, blickte auf die feuchte Jacke und grinste. Die Kollegen lachten.

»Hast du einen neuen Witz auf Lager, Manni?«, fragte Annika Wörns.

Folin dachte einen Augenblick nach. Ich hoffe, ich kann ihn noch zu Ende erzählen. Ich habe nämlich gleich eine ›Audienz‹. Also: Die Maurer feiern Richtfest. Hinni trinkt mächtig einen über den Durst. Schließlich muss er spucken und bekotzt sich prompt. Er jammert schrecklich, denn er hat Angst vor seiner Frau. Der Polier beruhigt ihn, steckt ihm einen Fünfzigmarkschein in die Tasche der Maurerjacke und sagt: ›Komm, Hinni, ich bring dich nach Hause. Sag deiner Frau, ich hätte dich bespuckt.‹ Fürsorglich führt er Hinni zu seinem Wagen und fährt ihn nach Hause. ›Du Schwein, wie siehst du denn aus?‹, schimpft Hinnis Frau, kaum hat sie ihm die Tür geöffnet. Hinni lallt: ›Der Polier hat mich … bespuckt … Er … Konnte nichts dafür … Er hat mir fünfzig Mark in meine Jacke gesteckt.‹ Seine Frau greift in die Tasche der Maurerjacke. ›Das sind aber zwei Fünfziger‹, sagt sie überrascht. ›Ja, in die Hose gemacht hat er mir auch.‹«

Die Kollegen brachen in schallendes Gelächter aus. Als der Direktor plötzlich an den Tisch trat.

»Spaß muss sein!«, meinte er jovial und ging auf Folin zu. »Es klingelt gleich. Begleiten Sie mich bitte für ein paar Minuten in mein Büro!«

Folin zwinkerte seinen Kollegen zu und folgte Dottinga in die Pausenhalle. Sie gingen am Verkaufsstand des Hausmeisters vorbei, den kurz vor Unterrichtsbeginn immer noch Schüler umlagerten.

»Es hat geklingelt!«, rief der Direktor böse.

Wenig später betraten sie das Sekretariat. Die Sekretärinnen schauten nicht auf. Dottinga öffnete die Tür zu seinem Dienstzimmer und zeigte auf den breiten Tisch.

»Bitte«, sagte er und nahm an seinem Schreibtisch Platz. Folin setzte sich ebenfalls. Der Chef schaute ihn verärgert an. »Herr Folin, erst vor wenigen Tagen saßen Sie hier, weil Sie Ihre Klasse bereits um elf Uhr entlassen hatten«, bemerkte er vorwurfsvoll.

Folin nickte und warf seinem Chef einen leidenden Blick zu. »Es war die Galle. Ich befürchtete eine ernsthafte Kolik«, antwortete er.

»Und was hat heute ihr Wohlbefinden beeinträchtigt? Kollege Oelerius sah Sie im ›Café ten Cate‹! Sie hätten zu diesem Zeitpunkt zwei Stunden Wirtschaftslehre in der HHA halten sollen«, sagte Dottinga gereizt.

Folin seufzte. »Ich finde es unangebracht, dass Sie Ihren Stellvertreter in spe hinter mir herspionieren lassen, während ich meinen dienstlichen Verpflichtungen nachkomme«, bemerkte er mit geschürzten Lippen. Gelassen strich er sich über den Bart.

»Ach, Sie glauben doch nicht etwa …«, wollte der Direktor widersprechen.

»Doch«, unterbrach Folin ihn ruhig. »Nach den Rahmenrichtlinien bin ich dazu verpflichtet, einen Praxisbezug zum allzu theoretischen Lehrstoff herzustellen. Ich behandle zurzeit mit der Klasse das Thema ›Angebot und Nachfrage‹. Während meines Caféaufenthaltes liefen meine Schüler mit einer von mir aufgestellten Einkaufsliste durch die Lebensmittelmärkte, um Preisunterschiede zu registrieren.«

Dottinga verzog spöttisch den Mund. »Es hinterlässt keinen guten Eindruck, wenn die Lehrer unserer Schule während des Dienstes Cafés besuchen.«

Folin erhob sich. »Meine Klasse wartet auf mich. Sicherlich, den Kaffee hätte ich auch im Lehrerzimmer trinken können, doch da schmeckt er mir nicht. Außerdem wird man dauernd gestört, wenn einer Ihrer Offiziere seine Kontrollrunde dreht«, erwiderte er anzüglich.

Der Schulleiter blickte ihn durchdringend an.

»Herr Folin, tragen Sie demnächst Ihre Stadtbesuche in die Wanderliste ein, die Herr Oelerius in meinem Auftrag führt!«

Nach diesen Worten begleitete er Folin zur Tür.

Manfred Folin schritt gelassen durch die Pausenhalle. »Arsch«, murmelte er vor sich hin und dachte dabei an Oelerius. Er sah Keno, Jasper und Enno, die Coladosen in den Händen hielten und vor dem Verkaufstresen des Hausmeisters mit einigen Schülerinnen herumalberten. »Marsch, Marsch, in die Klassen, der Chef ist unterwegs!«, sagte Folin streng und zwinkerte dem Hausmeister zu.

Die Schülerinnen stoben davon.

»Sehen wir heute einen Film?«, wollte Keno wissen.

Folin nickte. »Trinkt eure Cola aus. Ich komme gleich«, meinte er und ging zum Lehrerzimmer.

Die Kollegen befanden sich bereits im Unterricht. Folin nahm das Klassenbuch aus dem Regal und suchte den Lehrmittelraum auf. Dort griff er nach dem Videofilm und schob das fahrbare Fernsehgerät über den Flur in das Klassenzimmer, in dem er nun Unterricht halten sollte.

Die Schüler saßen bereits auf ihren Plätzen. Dennoch herrschte Freizeitstimmung – kein Wunder nach den zwei Stunden Bankrechnen bei der Kollegin Seibold, die dafür bekannt war, ihren Unterricht anspruchsvoll zu gestalten, und die ein hartes Regiment führte.

Oberstudienrat Folin schloss das Fernsehgerät an. »Wir hatten über die Notwendigkeit strenger Disziplin und Ordnungsstrukturen innerhalb verschiedener Lebensgemeinschaften gesprochen. Der Film ›Herr der Fliegen‹ zeigt Ihnen, wie verhängnisvoll sich das Fehlen solcher Stabilisatoren auf das Zusammenleben auswirken kann.«

Nachdem er das Gerät eingeschaltet hatte, machte er es sich auf einem Stuhl bequem und döste vor sich hin. Er hatte den Film schon x-mal gesehen. So konnte er sich für seinen privaten Unterricht am Abend schonen; gleichzeitig lieferte der Film in der Tat einen guten Beitrag zum Unterrichtsstoff.

Die Schüler folgten fasziniert der Handlung. Nur Jasper, Enno und Keno, das Chaos-Trio, störten mit albernen Bemerkungen. Sie hatten die Beine auf die Tische gelegt. Das ging selbst dem gutmütigen Folin zu weit.

Er trat an das Fernsehgerät und schaltete es ab. »Jasper, Enno und Keno: raus!«, befahl er.

Die drei Störenfriede setzten in aller Ruhe ihre Baseball-Kappen auf und verließen mit provokanten Blicken den Klassenraum.

Als der Schulgong das Ende der sechsten Stunde verkündete, war der Film noch nicht zu Ende. Dennoch beendete Folin die Vorführung.

»Können wir den Film nach der Pause nicht weitergucken?«, bat eine Schülerin.

»Oh, ihr habt gleich noch zwei Stunden Englisch. Ich versuche, mit Frau Kamps zu sprechen«, meinte Manni.

Die Schüler verließen die Klasse. Folin schrieb noch etwas ins Klassenbuch und suchte danach das Lehrerzimmer auf. Dort wartete Studiendirektor Oelerius bereits auf ihn.

»O Gott, nicht schon wieder«, murmelte Folin und stellte das Klassenbuch ins Regal.

»Herr Kollege, Sie haben drei Schüler vom Unterricht ausgeschlossen und damit gegen Ihre Aufsichtspflicht verstoßen. Ich gehe davon aus, dass Sie die entsprechenden Eintragungen ins Klassenbuch gemacht haben«, sagte er.

»Was soll diese Korinthenkackerei?«, entrüstete sich Folin.

Oelerius schüttelte den Kopf, als Folin grußlos und zornig an ihm vorbeiging und das Lehrerzimmer verließ, dann nahm er das Klassenbuch aus dem Regal, setzte sich an einen Tisch und kontrollierte die Eintragung.

Ordnungsstrukturen als Voraussetzung gesellschaftlicher Stabilität, las er und suchte vergeblich nach den Namen der Schüler, die er auf dem Pausenhof angetroffen hatte. Sie hatten mit leeren Coladosen gekickt und waren pampig geworden, als er sie aufgefordert hatte, die Dosen zum Müllkorb zu bringen.

Anna Kamps hatte nach der Pause in der Bankklasse BKA II Unterricht. Oelerius schaute sich um und entdeckte sie an einem der Tische. Sie löffelte gerade einen Joghurt und las konzentriert in einem Lehrbuch. Die Lehrerin schaute ihn fragend an, als er zu ihr trat und sie ansprach:

»Frau Kamps, hier ist das Klassenbuch. Gestatten Sie eine Frage. Die Schüler Jasper, Enno und Keno sind mir unangenehm aufgefallen. Wie verhalten sie sich bei Ihnen im Unterricht?«

Die Lehrerin stellte den geleerten Becher auf den Tisch, griff nach einem Taschentuch und wischte sich den Mund ab. Sie trug ihr Haar zu einem Pferdeschwanz gebunden und sah gut aus. Der scharfe Hund, dachte sie und ahnte, dass es mal wieder um Manni ging. »Wie meinen Sie das?«, fragte sie und schlug das Lehrbuch zu. Sie mochte den karrierehungrigen Gefolgsmann des Chefs nicht.

Oelerius stand abwartend vor ihrem Tisch und hielt immer noch das Klassenbuch in den Händen. Er trug ein gelbliches Jackett, ein blaues Oberhemd, eine hellbeige Krawatte und braune Cordjeans.

In seinem hageren Gesicht las sie das Misstrauen, das er ihr entgegenbrachte. »Die Klasse ist lieb und nett«, antwortete sie. »Es kommt schon mal vor, dass die drei sich als Klassenclowns betätigen.«

Die Schulglocke ertönte. Anna Kamps erhob sich und nahm das Klassenbuch entgegen.

»Kollege Ralke ist Klassenlehrer der BKA II. Er befindet sich auf einer Fortbildungsveranstaltung. Ich habe bei der Durchsicht des Klassenbuchs einige Unstimmigkeiten entdeckt. Doch das nur nebenbei. Ich bitte Sie, mir Mitteilung zu machen, ob die genannten Schüler heute an ihrem Unterricht teilnehmen«, erklärte Oelerius, verließ das Lehrerzimmer und ging unverzüglich ins Sekretariat, um sich die Daten der drei Störenfriede aushändigen zu lassen. »Nicht mit mir«, sprach er leise vor sich hin und nahm sich vor, die aufsässigen Schüler zur Verantwortung zu ziehen.

Onno Oelerius, Studiendirektor und Direktor-Stellvertreter in spe, trug sein rötlich blondes Haar, das bereits von einigen Silberfäden durchzogen war, nackenlang. Er hatte ein herbes Gesicht mit einer länglichen Nase, die ihn ein wenig verwegen wirken ließ, und war groß, kräftig und sportlich. Oelerius war ein ausgesprochener Saunafan und ein begeisterter Segler, auch wenn weder seine Frau noch seine Kinder sich etwas aus seinem Hobby machten. Zurzeit überwinterte seine Yacht »Pauker« in Norddeich in einem Bootsschuppen.

Oelerius verbrachte einen Großteil seiner Freizeit mit den Renovierungsarbeiten. Stunde um Stunde stand er in einer zugigen Halle vor der aufgebockten Yacht, denn die Segelsaison wurde bald eröffnet. Am fünfzehnten April war Ansegeln. Dann wurde das Schiff zu Wasser gelassen.

Die Schüler schätzten den Lehrer, obwohl er streng und unbeugsam war, wenn es um die Beurteilung von Leistungen ging. Für den Schulleiter Dottinga war Oelerius sogar ein echter Glücksfall. Er engagierte sich, sorgte dafür, dass an der Schule Disziplin und Ordnung herrschten und kannte kein Pardon, wenn er Schüler oder Kollegen antraf, die sich – aus welchen Gründen auch immer – etwas zuschulden kommen ließen.

***

Jasper Weiler lenkte seinen Polo auf den Parkplatz der Ostfriesischen Sparkasse. Es war kalt an diesem Februarmorgen. In der Nacht hatte es gefroren. Jasper blieb im Wagen sitzen, blickte auf das Gebäude der ehemaligen Kornbrennerei, das im Schatten des aufkommenden Morgenlichts lag, und wartete auf seine Freunde.

Nach wenigen Minuten parkte Keno seinen Golf neben dem Polo, stieg aus und setzte sich neben Jasper auf den Beifahrersitz. Nun fehlte nur noch Enno. Die meisten anderen Angestellten würden erst zwanzig Minuten nach ihnen zum Dienst kommen, zu Fuß oder mit dem Fahrrad, nur wenige mit dem Auto. Die Freunde liebten es, vor Dienstbeginn noch in der Kantine bei einem Kaffee und einigen Zigaretten zusammenzusitzen und herumzualbern.

In diesem Moment lenkte Enno seinen alten Kadett auf den Parkplatz und stieg aus. Er begrüßte seine Freunde gerade überschwänglich, als der Leiter der Ostfriesischen Sparkasse in seinem BMW vorfuhr und die Aufmerksamkeit der jungen Männer auf sich lenkte.

Diplomkaufmann Klaus Mönchs trug wie immer ein elegantes Jackett und eine dunkelblaue Hose. Er war fast sechzig, recht klein und stämmig und hatte graues Haar. Sein Gesicht wirkte faltig, seine graublauen Augen aber funkelten lebhaft. Er nahm seine Aktentasche vom Sitz, verschloss den Wagen und näherte sich den Auszubildenden.

»Moin, Herr Direktor«, grüßten die Freunde fast gleichzeitig. Der Chef hob den Kopf und blickte in die Gesichter der jungen Leute. »Moin! Als wir jung waren, haben wir Holzschuhe getragen und mit allem herumgekickt, was rund war, aber nicht mit Coladosen«, sagte er spöttisch.

Den Auszubildenden verschlug es die Sprache. Ihre gute Laune war wie weggeblasen.

»Wir haben Englisch gelernt, um uns bei den wenigen Reisen zurechtzufinden. Heute ist ohne Englischkenntnisse keine berufliche Karriere mehr denkbar«, fuhr Mönchs fort.

»Hat Herr Oelerius etwas …?«, begann Jasper unsicher.

Der Chef nickte.

»Wir haben uns nicht korrekt verhalten, stimmt. Aber der Studiendirektor hat auch nicht den richtigen Ton gefunden. Er hat uns beleidigt und uns des Schulhofes verwiesen«, kam Enno seinem Freund zu Hilfe.

»Das ist Ihre Version. Sie haben sich geweigert, die Coladosen in den Mülleimer zu werfen«, widersprach Mönchs.

»Wir waren verärgert. Wenn er uns höflich gebeten hätte …«, meinte Jasper.

»Und Herr Folin?«, fragte Mönchs.

»Sein Unterricht ist langweilig. Ständig zeigt er Filme, die wir schon kennen, und plustert sich auf, wenn wir seinen Unterricht kritisieren«, warf Keno vorwurfsvoll ein.

»Ich werde mit Studiendirektor Oelerius Rücksprache nehmen und mache Sie darauf aufmerksam, dass wir uns bei der Auswahl aus der Menge der Bewerber für Sie entschieden haben, weil Ihre Zeugnisse und Ihre Testergebnisse gut waren und Sie im Vorstellungsgespräch den Eindruck vermittelt haben, unsere Erwartungen erfüllen zu können. Ich bitte Sie, das bei Ihren weiteren Berufsschulbesuchen zu beachten«, sagte der Chef und wandte sich dem Angestellteneingang zu.

»Das ist ja noch mal gut gegangen«, murmelte Jasper erleichtert.

»Der Oelerius ist eine Drecksau!«, zischte Keno wütend, der nicht damit gerechnet hatte, dass der Lehrer sie in der Bank anschwärzen würde.

Die drei Auszubildenden verließen den Parkplatz und betraten das Gebäude. Sie fanden noch Zeit, in der Kantine einen Kaffee zu trinken und eine Zigarette zu rauchen.

»Wir haben Folin in die Pfanne gehauen«, stellte Jasper fest.

»Den nimmt doch keiner ernst«, entgegnete Enno.

Keno nickte. »Du musst nur seine Kontonummer in den Bankcomputer eingeben, dann weißt du Bescheid«, sagte er und grinste.

***

Malte Oelerius bewohnte ein kleines Appartement in einem Wohnblock auf der Hein-Jansen-Straße in Aachen. Es war einundzwanzig Quadratmeter groß und erfüllte alle Ansprüche, die Malte als Student an seine Unterkunft stellte. Ein WC mit Dusche gab es dort, eine kleine Küchenzeile und ein Wohnschlafzimmer mit Liege, Schreibtisch, Sessel, Stühlen und Regalwänden. Eng wurde es nur, wenn Maltes Freundin Maria sich über Nacht bei ihm einquartierte.

Maria Eggenkamp arbeitete in Düren als Therapeutin in den Krankenanstalten, die im Volksmund »Klapsmühle« genannt wurden. Sie war katholisch, nahm sich, inspiriert vom Gebot der Nächstenliebe, besonders gern schwerer Fälle an und fand dabei ihre Erfüllung. Die vierundzwanzigjährige Maria aus Neuss war anspruchslos, hilfsbereit, selbstbewusst und zweifelte nicht an den Glaubensgrundsätzen der katholischen Kirche. Sie war hübsch und hatte eine gute Figur, lehnte jedoch Make-up und jede Art von modernem Styling ab. Dafür wanderte sie für ihr Leben gern durch die Wälder der Voreifel. Bei diesen Wanderungen mied sie Cafés und Restaurants, sondern aß im Freien selbst geschmierte Brote und trank Kaffee aus der Thermoskanne. So hielt sie es auch, wenn Malte sie bei ihren Streifzügen durch die Natur begleitete.

Diese Einstellung zum Leben war Malte völlig fremd. Seine Eltern waren beide Lehrer. An finanziellen Mitteln hatte es ihnen nie gefehlt, und abgesehen von der Konfirmation, die ihm genügend Bares beschert hatte, um sich ein Mofa zu kaufen, war über Gott, Gottes Schöpfung und Nächstenliebe nie gesprochen worden.

Malte, der das intellektuelle Gehabe seiner Eltern skeptisch zu hinterfragen begann, stellte fest, dass ihre Moral und ihre Geisteshaltung ein Flickwerk ihrer berechnenden Denkweise waren und sich bei näherem Hinsehen als Eigennutz entpuppten.

Seine Eltern – hauptsächlich sein Vater – hatten ihm zum Maschinenbaustudium geraten, weil die Zeichen der Zeit auf Fortschritt standen und Ingenieure gute Zukunftsaussichten hatten.

Bei Maria waren die Weichen von Anfang an anders gestellt gewesen. Ihre Mutter hatte sie und ihre drei Brüder großgezogen. Da war »höhere Bildung« völlig ausgeschlossen gewesen. Sie lasen Bild, arbeiteten in einfachen Berufen und gingen in die Kirche, wenn sie keinen Sonntagsdienst hatten.

Und Maria gestand Malte offenherzig, dass sie gern Nonne geworden wäre, wenn nicht »das eine« sie gestört hätte. Daraufhin hatte sie Malte geküsst und mit ihm geschlafen.

***

Gegen vierzehn Uhr lenkte Oelerius seinen BMW auf die Einfahrt des reetgedeckten Bungalows in Großheide. Der Wind war kalt. Er nahm seine Schultasche, ging zur Haustür, schloss auf und betrat den Korridor.

Dort hängte er seinen Trenchcoat auf einen Bügel und trug die Tasche in sein Arbeitszimmer im ersten Stock.

Nachdem er die Heizung aufgedreht hatte, ging er wieder nach unten. Auf dem Küchentisch fand er eine Mitteilung seiner Frau:

Das Essen steht fertig auf dem Herd. Wärme es auf. Ich habe bereits gegessen. Bin zum Tee zurück. Vertretungsunterricht.

Mettje war Deutschlehrerin und unterrichtete in Norden am Fabricius-Gymnasium.

Oelerius schaltete den Herd an und rührte mit dem Kochlöffel in den Töpfen. Als das Essen heiß genug war und dampfte, lud er sich Grünkohl, Kartoffeln, Mettwürste, Kasseler und Pinkel auf den Teller und genoss das herzhafte friesische Gericht. Er spülte anschließend das Geschirr, stellte die Reste in den Kühlschrank und ging in sein Arbeitszimmer.

Sogleich setzte sich Oelerius an den Schreibtisch. Die Klassenfahrt nach Berlin musste noch vorbereitet werden. Er hatte vom »Jugendhotel« bereits die Bestätigung der Anmeldung erhalten. Oelerius griff zum Telefonhörer, wählte die Nummer eines Busunternehmens, bestellte einen Bus und bat die Angestellte, das komplette Angebot samt Rückbestätigung an das Schulbüro zu faxen. Der Chef musste noch unterschreiben.

Ganz in seine Überlegungen vertieft, vernahm Oelerius das Geräusch eines Wagens, der vor dem Haus parkte. Mettje kam vom Unterricht nach Hause. Onno Oelerius schaute auf die Uhr. Um sechzehn Uhr dreißig hatte er eine Konferenz. Er hatte noch Zeit. Interessiert studierte er den Veranstaltungskatalog des Berliner Kulturamtes und führte eine Vorauswahl durch.

Im Schillertheater wurde »Der kaukasische Kreidekreis« von Bertolt Brecht aufgeführt. Das Schauspielhaus gab »Warten auf Godot« von Samuel Beckett. Oelerius beschloss, noch mit dem Deutschlehrer Rücksprache zu nehmen.

»Der Tee ist fertig«, rief seine Frau im Erdgeschoss.

Oelerius steckte die Konferenzunterlagen in seine Tasche und ging nach unten. Mettje hatte in der Küche den Tisch gedeckt. Die Teekanne stand schon auf dem Stövchen.

Onno setzte sich, legte ein Kluntje in die Tasse und goss sich Tee ein. Seine Frau nippte nur an ihrer Tasse. Sie schaute ihn an, als müsste sie ihm etwas beichten.

»Ist was?«, fragte er irritiert.

Mettje nickte bekümmert.

»Gab es Ärger in der Schule?«, hakte Onno nach.

»Malte hat angerufen. Er will die Fakultät wechseln«, sagte sie leise.

»Was will er?«, murmelte Onno entgeistert. Ihm schoss das Blut ins Gesicht.

»Wie ich bereits sagte: Er gibt das Ingenieurstudium auf. Wir hätten es ihm aufgeschwatzt, behauptet er. Maschinenbauer will er nicht werden! Er beabsichtigt, Sozialwesen und Sozialpädagogik zu studieren«, antwortete Mettje. Ihre Hände zitterten.

»Ist er denn von allen guten Geistern verlassen? Er hat das Vordiplom doch schon bestanden! Und nun will er sich diesen Jammerlappen, diesen Weltrettern anschließen? Das soziale Elend bekämpfen! Pah!«, polterte Oelerius los.

»Onno, schrei doch nicht so! Ich habe ihm gesagt, er soll sich das noch einmal überlegen und mit dir darüber sprechen!«, versuchte Mettje ihren Mann zu beruhigen.

»Da gibt es nichts zu besprechen. Will er etwa Schwererziehbare betreuen? Sich mit Drogenabhängigen rumschlagen? Kriminelle resozialisieren?« Oelerius stand auf. Die Enttäuschung stand ihm ins Gesicht geschrieben.

Mettje kamen die Tränen. »Er will die Wohnung aufgeben und zu einer Freundin ziehen«, fuhr sie schluchzend fort.

»Zu einer von diesem linken Gesindel?«, schimpfte Onno.

»Ich bin auch von Malte enttäuscht. Dennoch halte ich es für besser, mit ihm zu reden!«, erwiderte Mettje.

»Und Maike? Ausgeflippt! Statt zu studieren, turtelt sie mit einem heruntergekommenen, alten Kneipier herum und kellnert in seiner Pinte! Mir reicht es!«, rief Oelerius, nahm seine Tasche, schlug die Tür hinter sich zu und ging zu seinem Wagen. Der Wind blies ihm kalten Regen entgegen.

Während der Fahrt zur Schule ließen Onno die Gedanken an seinen Sohn nicht los. Malte war gerade dabei, den sicheren, von den Eltern vorgezeichneten Weg zu verlassen. Dabei hatte er sie schon mehr als hunderttausend Mark gekostet! Sie hatten sein Vordiplom bereits gefeiert! Oelerius fühlte eine grenzenlose Leere in sich. Was hatten sie falsch gemacht?, fragte er sich, ohne darauf eine Antwort zu finden. Schließlich gab er seiner Frau die Schuld. Sie hatte die Kinder verzärtelt, ihnen jeden Wunsch erfüllt. Nun standen sie als Pädagogen vor einem Scherbenhaufen.

Oelerius bemühte sich, den Kummer, der in seinem Inneren tobte, zu verdrängen. »Ich gehe auf die Sechzig zu. Meine Jahre sind gezählt. Schluss mit der Ausbeutung! Ich muss langsam an mich denken!«, murmelte er vor sich hin, während er den BMW auf den schuleigenen Parkplatz lenkte.

Er parkte den Wagen neben dem Mercedes des Chefs. Der Wind hatte nachgelassen. Onno blickte zum verhangenen Himmel empor, stieg aus und machte sich auf den Weg ins Sekretariat.

Die Sekretärinnen blickten nur kurz auf, als Oelerius das Zimmer des Schulleiters betrat.

Dottinga erhob sich hinter seinem Schreibtisch und ging Onno entgegen. »Kollege Ralke holt rasch das Klassenbuch. Er wird gleich hier sein«, erklärte der Chef. Er wies auf die Besucherecke. Oelerius nahm Platz, öffnete die Tasche und legte den Schnellhefter auf den Tisch.

Es war angenehm warm im Dienstzimmer. Dottinga schwieg. Das Gespräch mit dem Klassenlehrer kam ihm nicht gelegen.

»Es hätte nichts gebracht, wenn wir Folin dazugebeten hätten. Es ist dir nicht gelungen, ihn zur Aufgabe seines Schlendrians zu bewegen«, sagte Onno Oelerius. Dottinga nickte. In diesem Moment betrat Klassenlehrer Ralke das Zimmer. Er reichte Oelerius die Hand, legte das Klassenbuch vor sich auf den Tisch und nahm Platz.

Hajo Ralke trug einen Bart, der wie sein schütteres Haar grau war. Er war mittelgroß, schlank und besaß einen gepflegten Gesprächsstil, den er mit lebhaften Gesten zu unterstreichen pflegte. Der Klassenlehrer der BKA II war Mitglied der Grünen und gehörte dem Bezirkspersonalrat an.

»Herr Ralke, während Ihrer Abwesenheit hat es Ärger in Ihrer Klasse gegeben. Kollege Folin hat die Schüler Jasper Weiler, Keno Kalkhoff und Enno Harringa während einer Filmvorführung in Gemeinschaftskunde vom Unterricht ausgeschlossen. Er hat den notwendigen Klassenbuchvermerk unterlassen«, trug der Chef vor.

Ralke räusperte sich und lächelte entschuldigend. »Das machen andere Kollegen auch.«

»Leider! Sie verletzen dabei ihre Aufsichtspflicht«, mischte sich Oelerius ein. »Ich traf die Schüler auf dem Schulhof an. Sie kickten mit Coladosen und weigerten sich, sie in den Mülleimer zu werfen. Außerdem untergruben sie meine Autorität mit abfälligen Bemerkungen …«

»Einen Moment bitte«, sagte der Schulleiter und verließ das Zimmer, um eine der Sekretärinnen zu bitten, Tee zuzubereiten.

Oelerius und Ralke schwiegen. Der Klassenlehrer der BKA II mochte Manni Folin, lehnte jedoch wie die Vorgesetzten Folins Laschheiten ab. Deshalb verstand er auch ihr Bestreben, Folin endlich auf die Finger zu hauen. Das war ihnen bisher nie ernsthaft gelungen.

Der Chef betrat mit der Sekretärin Warfenknecht das Dienstzimmer. Sie deckte den Tisch mit dem Service »Ostfriesische Rose«. »Der Tee kommt gleich«, versprach sie beim Rausgehen.

»Herr Ralke, der Vorfall ging noch weiter«, fuhr der Schulleiter fort und setzte sich.

»Die besagten Schüler haben während der siebten und achten Stunde nicht am Englischunterricht teilgenommen«, ergriff Oelerius wieder das Wort.

»Herr Kollege, die Jungs haben die Aufforderung, die Klasse zu verlassen, einfach in ihrem Sinne ausgelegt«, antwortete Ralke und spielte mit seinen Händen.

»Ich habe den Leiter der Ostfriesischen Sparkasse über die Angelegenheit informiert«, erwiderte Oelerius ernst.

»Mönchs sieht das sicherlich nicht so eng«, meinte Ralke.

Oelerius nickte. »Das mag schon sein. Allerdings bat er mich in einem weiteren Gespräch zu prüfen, ob Kollege Folin im Gemeinschaftskundeunterricht nur Videofilme zeigt, wie seine Auszubildenden ihm berichtet haben.«

»Dazu kann ich mich nicht äußern. Sie wissen besser als ich, dass Kollege Folin eigene Vorstellungen von der Unterrichtsgestaltung hat und immer davonkommt, während Sie andere Kollegen wegen kleiner Verfehlungen gleich ins Gebet nehmen«, entgegnete Ralke gelassen.

Frau Warfenknecht brachte den Tee.

»Bitte, bedienen Sie sich«, meinte der Chef.

Sie nahmen Kluntje, schenkten sich Tee ein und griffen zum Sahnetopf. Oelerius nahm eine Packung Zigaretten aus seiner Tasche und bot sie den Kollegen an. Dottinga bediente sich, Ralke winkte ab.

»Ich habe hier weitere Punkte aufgelistet«, sagte Oelerius und hielt den Schnellhefter in die Höhe.

Ralke trank Tee. Er fand es unhöflich, dass der Schulleiter und der Koordinator in seiner Anwesenheit rauchten. »Tragen Sie vor, was Sie aufgelistet haben. Soweit es meine Funktion als Klassenlehrer betrifft, bin ich gerne bereit, mit Ihnen gemeinsam über notwendige Konsequenzen nachzudenken«, erklärte Hajo Ralke missmutig.

Dottinga griff zur Teetasse, nahm einen Schluck und führte seine Zigarette an den Mund. Ralke beobachtete, wie langsam der Rauch zum Fenster aufstieg.

»Manfred Folin hat sich schon einiges geleistet, und es wäre falsch, die Augen davor zu verschließen. Ich bitte Sie, sich genau anzuhören, was Herr Oelerius zu sagen hat«, meinte der Chef.

Der Koordinator drückte die Zigarette im Aschenbecher aus. Er wirkte gestresst, beinahe verbissen. »Es ist auch Ihnen bekannt, dass Folin seine Klassen allzu oft wegen irgendwelcher Kinkerlitzchen in die Stadt schickt. Mal müssen die Schüler Busverbindungen nach Norddeich, Hage oder Großheide erkunden, mal sollen sie nach Firmen suchen, die in Norden an den Litfaßsäulen werben. Folin nutzt diese Zeit zu seiner Entspannung im Café ten Cate. Unseren Kopierer benutzt er für seine vielen Nebentätigkeiten, die er nicht angemeldet hat. Seine Vorbereitungen für die Seminare, die er in Wittmund, Emden und Leer für Bilanzbuchhalter gibt, hat er auf dem PC im Computerraum gespeichert, und offenbar hat er dafür auch den Drucker gebraucht. Der Reserve-PC im Vorbereitungsraum ist verschwunden. Der Aussage des Schulassistenten zufolge hat Folin ihn sich irgendwann für private Zwecke ›geborgt‹. Unverschämterweise telefoniert er dienstags und freitags morgens, wenn er zur ersten Stunde Unterricht hat, vom Telefon im Lehrerzimmer aus mit seinen Söhnen.«

Ralke lächelte ironisch und trank einen Schluck Tee. »Dazu möchte ich nicht Stellung beziehen. Ich gehöre nicht zum Schulpersonalrat. Dass Sie den Kollegen zurechtweisen müssen, denke ich allerdings auch«, sagte er.

»Das werden wir. Wegen der Vorwürfe des Sparkassenleiters werde ich Folin vom Unterricht in der Bankklasse befreien und ihn anderweitig einsetzen«, erklärte der Schulleiter.

Ralke nickte. »Manfred Folin genießt bei den Banken wegen seiner Finanzmisere kein hohes Ansehen.«

»Folin kann in der Berufsfachschule das Fach Buchführung übernehmen«, schlug Oelerius vor. »Ich gehe im Tausch in Ihre Klasse, Herr Ralke.«

Der Schulleiter schenkte Tee nach. »Herr Ralke, Sie gehören dem Bezirkspersonalrat an. Im Vertrauen gesagt, ich habe die Bezirksregierung nicht darüber informiert, dass Manfred Folin nicht nur seine vielen Nebentätigkeiten nicht angemeldet hat, sondern auch seinen Unterricht hat ausfallen lassen und sich krank gemeldet hat, während er als Prüfer am Bilanzbuchhalterexamen teilgenommen hat.«

»Ich teile Ihre Bedenken. Weisen Sie Manfred Folin in die Schranken«, erklärte Ralke nachdenklich, während er mit den schlanken Händen das Klassenbuch auf dem Tisch hin und her bewegte.

»Dem schließe ich mich an«, sagte Oelerius und steckte seinen Konferenzordner in die Schultasche.

»Herr Oelerius wird mit Folin ein ernstes Wort reden«, entschied Dottinga.

»Tun Sie das! Setzen Sie ihn unter Druck!«, stimmte Hajo Ralke zu. »Doch bedenken Sie dabei, dass Folin wegen seiner charmanten und liebenswerten Art die Sympathie des Kollegiums und der Schüler besitzt.«

Oelerius grinste breit. »Und weil ich allen auf die Finger schaue, mögen sie mich nicht!«

»Das haben Sie gesagt«, antwortete Ralke und schmunzelte.

»Übrigens, ich habe das Klassenbuch angeschaut. Da fehlen eine Menge Eintragungen«, erwiderte Onno Oelerius vorwurfsvoll.

»Die werde ich, soweit sie mich betreffen, gleich nachtragen«, versicherte Ralke, lächelte ein wenig geringschätzig und trank noch etwas Tee.

»Herr Ralke, ich werde mit dem Personalrat Rücksprache nehmen und bitte Sie um Diskretion«, sagte Dottinga und erhob sich. »Danke für Ihre Kooperation!«

»Einen schönen Tag noch«, antwortete Hajo Ralke, nickte und verließ das Zimmer des Schulleiters.

***

Der Radiowecker riss Manni Folin aus dem Schlaf. Durch das Fenster des kleinen Schlafzimmers fiel matt das Morgenlicht. Manni blinzelte und rieb sich verschlafen die Augen. Seufzend verließ er das Bett und ging ins Badezimmer hinüber. Nach einer hastigen Katzenwäsche zog er sich an, betrat die Küche und bereitete sich einen Tee zu. Während er eine Scheibe Brot mit Quark bestrich, blickte er auf den Stundenplan, den er in der Küchenzeile an die Wand geheftet hatte.

Manni Folin hatte das Appartement nach der Scheidung von seiner Frau gemietet. Es befand sich am Vosskamp. Bei gutem Wetter konnte er mit dem Fahrrad in zwölf Minuten seine Schule erreichen. Zu Fuß benötigte er doppelt so lange.

Folin hatte an diesem Morgen vier Stunden Unterricht. Hastig beendete er sein Frühstück, holte das Fahrrad aus dem Verschlag und radelte, die Schultasche auf dem Gepäckträger, zur Schule.

Er war wie so oft spät dran. Es hatte bereits geklingelt, als er das Fahrrad abstellte und zum Lehrerzimmer eilte. Niemand hielt sich mehr dort auf. Folin trat an sein Fach und fand eine Mitteilung des Koordinators Oelerius:

Bitte um Rücksprache. Um 11.15 Uhr nach der vierten Stunde.

Folin steckte den Zettel in die Jackentasche, nahm das Klassenbuch aus dem Regal und ging dann in seine Klasse. Die Schüler saßen vor dem Klassenzimmer auf dem Boden und schauten ihn freundlich an. Manni Folin schloss die Tür auf und ließ sie eintreten.

Angesichts der wachsenden Jugendarbeitslosigkeit war ihm von der Schulleitung der Auftrag erteilt worden, die Schüler mit dem Thema »Bewerbungen« und den Erwartungen der Firmen vertraut zu machen. Zu diesem Zwecke stand ihm eine Videokamera zur Verfügung. Folin plante, vor laufender Kamera Vorstellungsgespräche nachzustellen und das Verhalten der »Bewerber« später zu analysieren. Doch dies sollte erst am Ende der Unterrichtsreihe geschehen. Heute hatte er etwas anderes vor.

Folin trat an die Tafel. Mein Lebenslauf, schrieb er und suchte in den folgenden beiden Stunden mit den Schülern nach Inhalten einer Musterdarstellung.

Anschließend unterrichtete er am Fachgymnasium zwei Stunden Rechnungswesen. Nach Unterrichtsschluss suchte Folin die Teeküche auf, füllte eine Tasse mit Tee und setzte sich damit zu den Kollegen ins Lehrerzimmer. Er steckte sich genüsslich eine Zigarette an und trug mit seinen flapsigen Bemerkungen zur allgemeinen Erheiterung bei.

Nach dem zweiten Läuten verließen die Kollegen das Lehrerzimmer und eilten in ihre Klassen. Manni Folin, den so schnell nichts aus der Ruhe bringen konnte, suchte erst einmal die Toilette auf. Mit der Mitteilung des Koordinators in der Hand ging er schließlich zum Büro des Direktorstellvertreters, klopfte an und betrat das Zimmer.

Oelerius saß am Schreibtisch. »Moin«, grüßte er und zeigte auf einen Stuhl am Fenster.

»Moin. Hier ist meine Einladung«, erwiderte Folin spöttisch und nahm Platz.

Oelerius grinste. »Herr Kollege, Sie irren sich. Das ist mehr oder weniger ein Strafmandat«, antwortete er zynisch.

»Ach, habe ich mein Fahrrad falsch geparkt?«, fragte Folin und schmunzelte.

»Herr Kollege, da Sie mich direkt fragen, will ich auch direkt antworten: Ihr Fahrrad hat zu oft Verspätung.« Um seinen Worten mehr Nachdruck zu verleihen, schaute er auf die Uhr. »Sie sind auch jetzt zu spät gekommen«, stellte er fest.

»Ich hatte vier Stunden Unterricht. Die Teepause steht mir zu«, erwiderte Folin verärgert und schaute in das hagere Gesicht des »Günstlings«, der sein Haar nackenlang trug. Es gelang Manni Folin nur schwer, seinen Widerwillen zu verbergen.

»Ach! Sie kürzen doch oft genug ihren Unterricht ab – Unterricht, der den Schülern zusteht«, sagte Oelerius scharf.

Folin seufzte ungeduldig. »Kommen Sie zur Sache! Ich habe gleich noch einen Arzttermin.«

»Herr Kollege, mir ist aufgrund Ihrer vielen Krankmeldungen bekannt, dass Sie Probleme mit Ihrer Gesundheit haben. Das respektiere ich. In Zukunft bin ich aber nicht mehr gewillt, Sie als entschuldigt zu betrachten, wenn Sie Ihren privaten Unterrichtsverpflichtungen nachkommen. Ihre unangemeldeten Nebentätigkeiten übersehe ich, soweit Sie Ihre dienstlichen Aufgaben an unserer Schule nicht vernachlässigen«, sagte Oelerius und blinzelte, denn die Sonne, die durch die Fensterscheiben in das Dienstzimmer schien, blendete ihn.

Auf dem Ölgemälde, das einen aufgebockten Fischkutter bei untergehender Sonne im Watt zeigte, erstrahlten die Farben. Es war die reinste Seeromantik.

Manni Folin erfasste die Situation: Das war ein Schuss vor den Bug.

»Dafür werde ich Sorge tragen. Der Bezirksregierung, als deren verlängerter Arm Sie mich rügen, obliegt aber auch eine Fürsorgepflicht. Ihnen ist zur Genüge bekannt, dass mir die Unterhaltszahlungen an meine ehemalige Frau, die Schulden aus der Zwangsversteigerung unseres Hauses und das Studium meiner Söhne keinen finanziellen Spielraum lassen. Ich werde die letzten Pfennige in einen Strick investieren, um mich zu erhängen, wenn mir diese Nebeneinkünfte nicht mehr zur Verfügung stehen«, erklärte Folin mit ernster Miene. Er strich sich über den Bart, streckte die Beine von sich und blickte Oelerius sorgenvoll an.

Der Koordinator war sichtlich betroffen. »Versehen Sie Ihre Dienstpflichten korrekt. Wir sind ja keine Unmenschen«, antwortete er deutlich entgegenkommender.

»Ihre Frau ist Lehrerin. Sie sind Doppelverdiener. Sie besitzen eine Segelyacht und auf der grünen Wiese in Großheide einen Bungalow mit Reetdach. Niemand macht Ihnen das Haus streitig«, wandte Folin ein.

Oelerius nickte ärgerlich. »Wir haben andere Sorgen«, erwiderte er und dachte dabei an seinen Sohn. Folin war klein und wirkte mit seinen schmalen Schultern und der knabenhaften Figur irgendwie zerbrechlich. War es möglich, dass ihm die Probleme tatsächlich über den Kopf wuchsen und er sich wirklich etwas antat?

»Herr Kollege«, fuhr Oelerius fort, »wir haben bisher stets Verständnis für Ihre Sorgen und Nöte gezeigt, dennoch müssen wir von Ihnen ein wenig mehr Engagement verlangen. Sie haben die Auszubildenden der Ostfriesischen Sparkasse während Ihrer Videoaufführung auf den Schulhof geschickt. Der Leiter der Sparkasse hat sich eingeschaltet. Ich will mich kurz fassen: Er gab zu bedenken, dass Sie im Unterricht zu oft Filme zeigen. Verschonen Sie mich jetzt bitte mit Ihren Einwänden! Ich übernehme Ihren Unterricht in der Bankklasse. Sie unterrichten dafür in der BFS I der Berufsfachschule Buchführung. Die Stundenplanänderung gilt ab Montag.«

Scheinheiliger Patron, dachte Folin und nickte ergeben. Die betreffende Klasse galt als diszipliniert und lernwillig. »Von Banken habe ich eh die Nase voll. Einverstanden«, entgegnete er.

»Ach, dass ich das nicht vergesse: Sie hatten heute Pausenaufsicht«, stellte Oelerius fest.

»Entschuldigung! Das habe ich übersehen«, antwortete Folin und erhob sich.

Oelerius tat es ihm nach. »Auf eine gute Zusammenarbeit, Herr Kollege«, sagte er.

»Ganz meinerseits«, erwiderte Folin und verließ das Dienstzimmer.

***

Mettje Oelerius schloss die Klassentür auf. Die Schüler der Unterprima betraten das Klassenzimmer und setzten sich an die Tische. Der Nordwestwind warf Schneeregen gegen die Fenster.

Mettje setzte sich ans Pult, öffnete das Klassenbuch und prüfte die Anwesenheit. »Heute fehlt niemand«, stellte sie schließlich zufrieden fest.

»Bei dem Wetter!«, warf eine Schülerin ein und hatte prompt die Lacher auf ihrer Seite.

»Nehmt bitte die Lektüre zur Hand. Eure Hausaufgabe bestand darin, das Schlusskapitel aufmerksam zu lesen.« Die Schüler tuschelten und entnahmen ihren Taschen die Bücher.

»Wir wollen heute versuchen, uns dem Roman ›Der Prozess‹ von Kafka gedanklich zu nähern, und uns zu fragen, warum das Werk zur Weltliteratur gezählt wird«, trug Mettje vor. Sie blickte in die Gesichter der Schüler und las darin Unmut. »Die Klausur über den ›Prozess‹ und seinen Autor schreiben wir noch vor den Osterferien«, fügte sie hinzu.

Die Schüler mochten die Lehrerin, die unkompliziert und engagiert den Stoff vortrug und als Mutter zweier erwachsener Kinder stets den richtigen Ton fand.

»Zuallererst eine Frage: Wie hat euch der Roman gefallen?«, wollte sie wissen.

Die Klasse lachte laut und schallend auf.

»Ach«, sagte Mettje und tat enttäuscht.

»Das Buch ist stinklangweilig«, meinte Ulrike.

»Zum Einschlafen«, warf Julius ein.

»Da passiert nichts«, äußerte sich Svenja.

»Ich sehe das anders, doch ich bitte um weitere Wortmeldungen«, erklärte Mettje ernst.

»Der Inhalt ist abstrakt. Mir fällt es schwer, ihn zu verstehen«, meldete sich Antje zu Wort.

Ihre Freundin Susanne nickte. »Der Roman ist irgendwie nicht greifbar. Wenn ich glaubte, jetzt käme die Anklage oder der Richter, dann liefen meine Gedanken ins Leere …«

»Weitere Wortmeldungen?«, hakte Mettje Oelerius nach und lächelte verschmitzt.

»Nur weil Sie uns gezwungen haben, das Buch zu lesen, habe ich durchgehalten. Es hat nichts gebracht«, lautete Julius’ zweiter Beitrag.

»Ich danke euch für die ehrliche Stellungnahme. Wollen wir also versuchen, der Sache auf den Grund zu gehen! Britta, lies bitte die ersten Zeilen des Romans langsam und deutlich vor!«

Das Klingeln unterbrach den Unterricht.

»Das war doch schon recht erfreulich«, stellte Mettje lächelnd fest.

»In der nächsten Stunde machen wir weiter.«

Während die Schüler nach draußen strömten, trat sie ans Fenster und blickte auf den schmutzig grauen Schneematsch, der die Norddeicher Straße bedeckte.

Sie dachte an ihren Sohn Malte, der sich nur wenige Semester vor der Diplomprüfung plötzlich neu orientierte. Mettje wusste nicht, was ihn dazu bewogen hatte, seine Zukunft dort zu suchen, wo es niemals einen Fortschritt gab. Im Mittelalter hatten die Kirchen sich um die Besitzlosen und Opfer der Gesellschaft gekümmert. Die zurzeit stattfindende Entrümpelung des Sozialstaates entließ neue Opfer in die Armut. Für ihren Mann Onno waren all diese vom Leben Benachteiligten gleich ›asozial‹. Ausgerechnet in diesem Umfeld wollte ihr Sohn sich beruflich betätigen …

Und Tochter Maike? Statt nach Höherem zu streben, fühlte sie sich im Kneipenmilieu wohl – an der Seite eines älteren Mannes.

Was hatten Onno und sie falsch gemacht? Sie hatten hohe Ansprüche an die Kinder gestellt. Zu Recht, wie Mettje glaubte. Sie hatten sich und ihre Bedürfnisse stets zurückgestellt, um Malte und Maike eine gesicherte, Erfolg versprechende Zukunft zu ermöglichen.

Noch eine ganze Weile stand Mettje gedankenverloren am Fenster. Schließlich klemmte sie sich die Schultasche unter den Arm und machte sich auf den Weg ins Lehrerzimmer.

***

Manni Folin haderte nur kurz mit dem Prestigeverlust. Doch er war stinksauer auf Oelerius, der ihn regelrecht vorgeführt hatte. Den Unterricht in der Berufsfachschule konnte er routinemäßig abspulen. Dazu benötigte er keine aufwendigen Vorbereitungen. Die Schüler waren zwar nicht sonderlich begabt, dafür aber willig.

Manni Folin war an diesem Morgen früher als gewöhnlich zur Schule geradelt, denn er hatte vom Apparat im Lehrerzimmer aus noch ein wichtiges Telefonat mit seinem Sohn Torsten führen müssen. Nun ging er zu seinem Fach und entnahm ihm einen verschlossenen Umschlag. Absender war die Bezirksregierung Weser-Ems. Er trug den Vermerk: Weiter gereicht. Der Schulleiter.

Folin öffnete den Umschlag und entnahm ihm ein Schreiben. Er las:

Wegen Ihrer häufigen Krankmeldungen und kurzfristigen Unterrichtsausfälle sehe ich mich gezwungen, Ihnen einen Unterrichtsbesuch abzustatten. Ich werde mit Oberstudiendirektor Dottinga einen Termin vereinbaren. Er wird Sie früh genug in Kenntnis setzen.

Gerdes, Leitender Oberschulrat.

Manni Folin war wie vor den Kopf geschlagen. Ihn erfasste eine Hitzewelle. »Das hat mir Oelerius eingebrockt! Dieser Mistkerl!«, schimpfte er. Seine Kollegen waren noch nicht anwesend. Er griff nach seiner Schultasche, holte das Klassenbuch aus dem Regal und ging in die Klasse hinüber. Dort setzte er sich ans Lehrerpult und sinnierte laut vor sich hin: »Nach den vielen Dienstjahren eine Unterrichtsbesichtigung! Herr Saubermann lässt grüßen.« Oelerius punktete wohl schon für seine laufende Bewerbung. Nach und nach beruhigte Folin sich wieder. Er kam zu dem Fazit, dass der leitende Oberschulrat ihm nicht gefährlich werden konnte. Sie waren schließlich in Göttingen Kommilitonen gewesen.

Ernsthafte Folgen hatte er nur dann zu befürchten, wenn auch sein Freund Hans-Bernd sich gezwungen sah, die Nebentätigkeiten von Amts wegen zu unterbinden. Dann konnte nur ein Lottogewinn – eine Erbschaft kam nicht in Betracht – oder ein Strick seine finanzielle Misere beenden. Doch so weit würden sie ihn wohl nicht in die Enge treiben.

Eine Lehrprobe in Anwesenheit des leitenden Oberschulrates, des Direktors und eines Vertreters des Personalrates bereiteten einem Manni Folin keine Magenschmerzen. Dennoch verabscheute er diesen affigen, langhaarigen Oelerius zutiefst und nahm sich vor, ihm bei der erstbesten Gelegenheit eins auszuwischen.

***

Mettje hatte nach dem Abendessen den Kamin angezündet. Draußen fegte ein kalter Nordwestwind der Stärke sechs um das Haus. Onno trank Bier. Mettje hatte eine Flasche Wein geöffnet, sie nippte am Römer. Sie rauchten und blickten in die tanzenden Flammen, die um Buchen- und Birkenscheite züngelten, und genossen an diesem frostigen Abend die Wärme.

»Ich habe erfahren, dass es zwei Mitbewerber gibt. Einer kommt aus Leer, der andere aus Emden. Aber Dottinga schweigt sich aus«, erzählte Onno nachdenklich.

»Du organisierst für ihn den Schulalltag. Er kommt ohne dich doch gar nicht zurecht«, erwiderte Mettje und nippte an ihrem Weinglas.

»Und was ist mit Malte?«, fragte Onno unvermittelt und drückte die Zigarette im Ascher aus.

»Malte hat eine Freundin …«

»Er ist alt genug«, meinte Onno desinteressiert.

»Sie heißt Maria, ist vierundzwanzig und katholisch«, berichtete Mettje, ohne den Blick von den brennenden Scheiten abzuwenden.

»Dagegen habe ich nichts einzuwenden. Und weiter? Was macht sie?« Onno setzte das Bierglas an die Lippen und leerte es in einem Zug. Er stellte das Glas ab und schaute Mettje fragend an.

»Sie arbeitet als Therapeutin in einer Heilanstalt in Düren und betreut geistig Behinderte.«

Onno lächelte spöttisch. »Ach! Von daher weht der Wind! Eine Taschenbuchausgabe der Mutter Theresa! Mit ihr will er die Ungerechtigkeiten in der Welt bekämpfen!« Ärgerlich entnahm er dem Korb eine weitere Flasche Bier.

»Es hat keinen Sinn, Malte weiterhin zu quälen«, wandte Mettje ein und bemühte sich, gelassen zu wirken.

»Quälen nennst du das, wenn der Tunichtgut uns klarzumachen versucht, dass er seine Chancen, die ihm eine Laufbahn als Diplomingenieur eröffnet, nicht wahrnimmt? Herrgott noch mal! Hunderttausend Mark hat uns sein Studium schon gekostet! Er soll sein Examen machen! Danach kann er sich als Diplomingenieur von mir aus als Bettelmönch auf Wanderschaft begeben«, schimpfte Onno.

»Deine Ratschläge kommen zu spät. Er hat sich bereits exmatrikuliert und sich an der Fachhochschule für Sozialpädagogik eingeschrieben«, antwortete Mettje.

Onno sprang auf. »Ich rufe ihn an«, rief er wütend.

»Wir haben seine Telefonnummer nicht. Er ist umgezogen«, sagte Mettje. »Ich habe bereits den Dauerauftrag für das Appartement annulliert.«

Onno war enttäuscht. Er setzte sich wieder in den Sessel, starrte in den Kamin, trank Bier und schwieg.

»Unser Sohn ist erwachsen. Er hat ein Recht auf einen Sinneswandel«, sagte Mettje den Tränen nahe.

»Da haben wir es wieder. Du bist eine Glucke! Breite weiterhin deine Flügel über ihm aus. Malte muss endlich lernen, ein ganzer Kerl zu werden!«, sagte Onno erregt.

»Du hast immer nur gefordert, ihm keine Wahl gelassen und ihm das Ingenieurstudium aufgezwungen«, konterte Mettje.

»Und du hast ihn verzärtelt! Aus ihm eine Memme, einen Schwächling gemacht! Er ist wie du ein Jammerlappen!«, schrie Onno mit hochrotem Kopf.

»Spiele bei deiner Klassenfahrt den Helden. Ich verdiene mein Geld selbst und werde zu Malte stehen!«, sagte sie und verließ weinend den Sessel am offenen Feuer.

***

Folin stand an der Tafel und sah Marion zu, die unter seiner Aufsicht die mit der Klasse entwickelten Buchungssätze in die T-Konten eintrug.

Der Unterricht machte Spaß. Die Schüler arbeiteten begeistert mit und fanden beim Buchen Orientierungshilfen an der Tafel.

Folin legte großen Wert auf Genauigkeit und Sauberkeit der schriftlichen Ausführungen. Für die Benutzung eines Tintenkillers gab es Punktabzüge, ebenso für das Überschreiben von Zahlen und für durchgestrichene Zeilen. Draußen trieb ein kalter Nordwestwind bauschige Wolken über den Himmel.

Die Freude war groß, als etwa fünfzehn Minuten vor dem Ende der Unterrichtsstunde der dem Kapital zugefügte Geschäftsgewinn die Schlussbilanz zum Stimmen brachte.

Die Schüler packten ihre Schultaschen und erhoben sich hinter ihren Tischen.

»Moment! Noch hat es nicht geklingelt!«, sagte Folin mit fester Stimme.

»Können wir nicht schon gehen?«, quengelte eine Schülerin und lächelte den Lehrer charmant an.

»Uschi, der Chef sieht rot. Er wartet nur darauf, mich zu erwischen«,

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