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Friesische Todessinfonie

Inhalt

  1. Cover
  2. Inhalt
  3. Über den Autor
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Friesische Todessinfonie

Über den Autor

Theodor J. Reisdorf, geboren 1935 in Neuss, reiste quer durch Europa und Nordafrika, arbeitete in vielen Berufen, machte in Wilhelmshaven das Abitur und studierte Wirtschafts- und Sozialwissenschaften in Hamburg, Köln und Mannheim. Nach dem Abschluss zum Dipl.-Handelslehrer folgte die Lehrtätigkeit in Aachen, Norden und Emden. 1997 wurde er als Oberstudienrat pensioniert. Er wohnt in Ostfriesland und schreibt als »Meister des Friesenkrimis« spannende Romane über Land, Leute und Leichen.

Christel Broodhuis besaß bereits als kleines Kind einen übermäßig ausgeprägten starken Willen. Ihre Eltern reagierten auf diese Tatsache oft mit Belustigung und gaben sich alle Mühe, wenn es ihnen nötig erschien, ihr entsprechenden Widerstand entgegenzusetzen. Gewünscht hatten sie sich allerdings einen Jungen und nahmen von daher ihre etwas burschikos hervortretenden Charaktereigenschaften als angeboren hin.

Ihr zweites Kind war in der Tat ein Junge. Er kam zwei Jahre später zur Welt und hieß Arendt. Er lernte bereits früh, mit seiner etwas robusteren Schwester umzugehen, dabei stand Arendt nie in ihrem Schatten. Er zeichnete sich schon als Kind durch sein freundliches Wesen aus, zeigte der Welt stets ein offenes Lächeln, war sehr gutmütig, und schon sehr bald war abzusehen, was aus ihm später einmal werden würde, nämlich ein »feiner Kerl«. Er war überall beliebt und konnte sein letztes Hemd hergeben.

Doch dazu kam es nicht, denn der Papa galt als vermögend und genoss auf der Insel Norderney ein hohes Ansehen. Als Inhaber und Eigentümer des »Preußischen Hofs« sah er seine Aufgabe darin, das elegante Haus zu repräsentieren und stets für seine Gäste da zu sein.

Noch immer hatte Norderney eine historische Anziehungskraft als Sommerresidenz und einstiges Lieblingsbad der preußischen Fürsten.

Renke Broodhuis war das, was man einen gebildeten Menschen nannte. Er war dazu ein angenehmer Gesprächspartner, der es hervorragend verstand, zuzuhören.

Auch seine Frau Maike hatte anderes zu tun, als in der Küche zu stehen, die Rezeption zu führen oder das Dienstpersonal zu beaufsichtigen. Sie hatte einfach da zu sein, an seiner Seite, wenn er sich um seine Gäste kümmerte.

Renke Broodhuis machte auch äußerlich was her. Er war eine stattliche Erscheinung. Auch seine Frau Maike stand dem nicht nach, wenn sie in den langen Röcken der damaligen Mode und einem der vielen Hüte aus Paris die Besucher mit ihrem Lächeln bezauberte. Sie war beschlagen in Kunst und Literatur und konnte selbst in Politik mitreden. Mit ihrem Charme gelang es ihr, die Herzen der Männer zu erobern.

In diesem Umfeld lernte sich auch ihre Tochter zu bewegen. Hier fand die etwas herbe Christel Broodhuis Zustimmung und Anerkennung.

Aber auch der zurückhaltende Arendt Broodhuis wusste mit seinem Himmelsgemüt den Eltern und ihren Gästen zu gefallen. Die Madame Broodhuis und ihr Herr Gemahl konnten stolz auf ihre Kinder sein.

Rein äußerlich ähnelte der Junge dem Vater, während die Tochter der Mutter wie aus dem Gesicht geschnitten war. Es wäre eine Lüge gewesen, zu behaupten, Christel Broodhuis hätte keinen Blick für schöne Männer gehabt und nur auf eine günstige Gelegenheit gewartet. Sie ging auch diese Frage in ihrer emanzipierten Art an.

Sie hatte sich Zeit gelassen, dann aber mit schlafwandlerischer Sicherheit die richtige Entscheidung getroffen. Es war Manfred von Fichtkamp, den sie liebte. Sie fand seine blonden Locken hinreißend. Sein männlich geschnittenes Gesicht mit den grüngrauen Augen, die muskulösen Arme, die breiten Schultern und seine sportlich durchtrainierte Figur waren Grund genug für die Mütter heiratsfähiger Töchter, während der ausführlichen Teetafeln von ihm zu schwärmen.

Für Christel Broodhuis gab es keine Alternative. Für sie stand fest: Manfred von Fichtkamp oder keinen. Das war ihre Art. Sie hatte gelernt, ihre Meinung zu sagen, und war nicht willens, sich ihren zukünftigen Mann von den Eltern aussuchen zu lassen.

Die Natur hatte es auch äußerlich gut mit ihr gemeint. Sie war das, was man schlichtweg eine Schönheit nannte. Bei ihr stimmte alles. Daraus machte sie auch keinen Hehl. Sie legte sich im Sommer auf eine Decke an den Strand, bekleidet nur mit einem Bikinihöschen, ohne darin etwas Anstößiges zu sehen. Sie war schlank und hatte die Körpermaße der jungen Damen, die in den gängigen Modejournalen als Models posierten. Sie kümmerte sich nicht um die verächtlichen, mitunter auch neidischen Blicke der Damen, wenn sie am Damenpfad den Strand passierten. Dabei war sie sich ihrer Wirkung auf ihre Umwelt durchaus bewusst.

Christel Broodhuis und Manfred von Fichtkamp hatten sich an der Universität in Hamburg kennen gelernt. Sie hatte sich eingeschrieben als Grafikerin und gehörte zu der schwach besetzten Riege der Studentinnen, die einer wahren Übermacht männlicher Kommilitonen gegenüberstand. Sie war einfach auf den Medizinstudenten Manfred von Fichtkamp losgegangen, hatte ihm die Hand gereicht und hatte ihn zu einem Spaziergang über den Campus animiert. Das hatte für Gesprächsstoff gesorgt.

Die beiden fielen den Kommilitoninnen und Kommilitonen auch weiterhin auf, wenn sie sich zum Beispiel auf dem Unigelände wie zufällig begegneten, sich an die Hand nahmen und wie Vertraute über das Unigelände spazierten oder sich in der Cafeteria zum Kaffee einfanden.

Obwohl sie sich erst seit kurzem kannten, gewannen die Kommilitonen den Eindruck, ein bereits seit Jahren miteinander vertrautes Paar vor Augen zu haben.

Das Pärchen fuhr oft mit dem Fahrrad ins Grüne und war immer adrett gekleidet. An heißen Sommertagen sah man sie an der Unterelbe beim Baden. In der Stadt begegnete man ihnen Hand in Hand beim Schaufensterbummel, und am Wochenende suchten sie oft ein Kino auf. Die beiden waren schön anzusehen und wirkten erfrischend auf die Betrachter.

Sie konzentrierten sich daneben aber auch auf das Studium und glänzten in ihren Seminaren durch gute Leistungen. Manfred von Fichtkamp trommelte vor den Klausuren schwache Studenten zusammen, übte mit ihnen den Prüfungsstoff und gab sein Wissen weiter.

So verhielt sich auch Christel Broodhuis. Selbst bei kleineren finanziellen Engpässen standen sie ihren Kommilitonen zur Seite.

Der angehende Mediziner und die hübsche künftige Grafikerin wohnten, sah man von den nächtlichen Zusammenkünften bei ihm oder ihr zu Hause einmal ab, nicht zusammen, denn die Menschen standen zu der Zeit auf Sitte und Ordnung. Es war gefährlich, wenn man nicht verheiratet war, in der Wohnung des Partners oder der Partnerin zu nächtigen, da immer die Gefahr bestand, dass Zeitgenossen eine Anzeige erstatteten. Selbst der Vermieter machte sich strafbar, wenn er solche Zügellosigkeiten einreißen ließ.

Ob es an den Wohnungsvermietern lag oder an der Disziplin des jungen Studentenpaares – während ihres gesamten Studiums gab es keine Klagen. Zu den zeitgemäßen Zwängen, wenn auch nicht mit der geschilderten Härte im Gefolge, gehörte auch der so genannte Kleiderzwang. Es hatte schon gesellschaftliche Folgen, nicht mit der Mode zu gehen. Man geriet hoffnungslos ins Abseits, wenn man aus der Reihe tanzte. Dabei spielte das Wetter nur eine geringe Bedeutung. Zu der Zeit trug man, wenn man zum Bildungsbürgertum zählte, Schlips und Kragen zu fast allen Tageszeiten, Gelegenheiten und Wetterlagen. Anzüge standen hoch im Kurs. Sie unterschieden sich im Schnitt und passten sich in der Form dem Zweck an.

So besaß auch Manfred von Fichtkamp zu jeder Gelegenheit die passende Ausstaffierung. Ob Straßenanzug, Sonntagsanzug oder Gesellschaftsanzug, sie alle kleideten ihn hervorragend.

Entsprechend galt es für die Damen, elegante Kostüme zu tragen. Christel Broodhuis bevorzugte sie lang und eng geschneidert. An normalen Wochentagen waren auch Röcke und Blusen mit kurzen Oberjäckchen in Mode, die zu tragen Christel Broodhuis bevorzugte, weil sie ihr mehr Bewegungsfreiheit boten.

Doch da gab es weitere Zwänge, denen die Menschen zur damaligen Zeit ausgesetzt gewesen waren. So nahmen sie es zum Teil als vom Schicksal gegeben an oder als Gotteswunsch, Gebote und Verbote einzuhalten, die nicht immer der Logik standhielten. Es galt als Sünde, freitags Fleisch zu essen. Und am siebten Tage sollte der Mensch ruhen. Mit einer bewundernswerten Geduld und Gleichmut galt es, den Sonntag zu würdigen. Im Vordergrund stand dabei der kirchliche Gottesdienst am Morgen, und danach spazierte die Familie zu den Sehenswürdigkeiten der Stadt. Beliebte Ziele waren die Kaffeehäuser im Grünen. Natürlich im Sonntagsstaat. Diese Pflichten galt es vom Bürgertum einzuhalten, zu dem sich sowohl Christel Broodhuis als auch Manfred von Fichtkamp zugehörig fühlten.

Zu dieser Zeit war es in herrschaftlichen Haushalten üblich, Dienstmädchen und Knechte zu beschäftigen. Auch in Hamburg, wo es bereits eine organisierte Arbeiterschaft gab, sprach man damals von der guten alten Zeit, und auch Christel Broodhuis und Manfred von Fichtkamp kannten es nicht anders.

Natürlich gab es zu dieser Zeit auch Not und Elend. Doch das hilfreiche Dienstpersonal hatte das Gefühl, ob zu Recht oder Unrecht, dass es gebraucht wurde, und akzeptierte mitunter seine Rolle. Selbst am Arbeitsplatz zeigten die ungeschriebenen Gesetze der Hierarchie ihre soziale Wirkung. Es gab zu dieser Zeit noch den Prinzipal und die Herrin. Der gleichmachende Massenkonsum hatte noch nicht Einzug gehalten. Selbst dem kleinbürgerlichen Haushalt verlieh das Dienstmädchen herrschaftlichen Glanz, wenn es die Tür öffnete, den Besucher empfing und nach seinen Wünschen fragte.

Es war gerade die Angestelltenschicht, die sich mit Blick auf ihre Sonderrechte von den Arbeitern absonderte. Dieses so genannte Proletariat grenzte sich immer als eigenständige Klasse gegenüber der Bürgerschicht aus.

Christel Broodhuis und Manfred von Fichtkamp waren die Kinder des typischen bürgerlichen Besitzstandes. Sonntags fuhren die Herrschaften in Kutschen zur Kirche, und während sie dem Gottesdienst beiwohnten, bewachte der Kutscher die Pferde.

Zu dieser Zeit machte Manfred von Fichtkamp sein Examen als Mediziner, und Christel Broodhuis, die als sehr fortschrittlich galt, beendete als Grafikerin erfolgreich ihr Studium. Sie zählten beide fortan zur akademischen Schicht der Bevölkerung, die sich rapide von Jahr zu Jahr vergrößerte. Besonders Renke Broodhuis war stolz auf seine Tochter, war sie doch eine der wenigen Damen der Insel Norderney, die sich als Frau auf der Universität so erfolgreich geschlagen hatte.

Wilhelm von Fichtkamp kam aus Oldenburg. Er war, abgesehen von Unterbrechungen, Berufsoffizier gewesen. Sein Dienstrang war damals Kapitänleutnant zur See bei der Marine in Wilhelmshaven. Für den alten Herrn und seine Familie war es eine Selbstverständlichkeit, dass der Sohn studieren würde.

Wilhelm von Fichtkamp hätte es zwar lieber gesehen, wenn sein Sohn auch eine Militärlaufbahn eingeschlagen hätte, doch mit der gewählten Lösung gab er sich schließlich auch zufrieden. Aus diesem Grunde wurde sein Medizinerexamen von seiner Familie wohl zur Kenntnis genommen, aber nicht viel Federlesen darum gemacht. Es gab zwar eine kleine Feier im engeren Kreis, trotzdem fand es nicht die Beachtung, die es verdient hätte. Immerhin galt das Bestehen des Examens als eine Selbstverständlichkeit und gehörte zur Tradition der Familie.

Gegen die Liaison mit der hübschen Gastwirtstochter hatte er nichts einzuwenden. Die Hochzeit mit der schönen Christel Broodhuis wurde 1964 auf der Insel im großen Stil gefeiert. Die Braut entstammte zwar einer bürgerlichen, aber angesehenen Familie und stellte eine angemessene Partie dar. Der Wohlstand des Vaters war dabei nicht zu übersehen.

Doch da war noch etwas, was der alte Wilhelm von Fichtkamp ins Kalkül gezogen hatte. Christel Broodhuis sah über Gebühr gut aus und liebte den Sport. Das waren Merkmale, die als Voraussetzungen galten, dem Seelord gesunde Enkel zu schenken. Der Stammbaum derer von Fichtkamp war schließlich weit verzweigt und reichte historisch zurück bis zur Schlacht gegen die Türken bei Wien.

Als Wilhelm von Fichtkamp als Befehlshaber der deutschen U-Bootflotte nach Kiel berufen wurde, lebten Sohn Manfred und seine Frau Christel in Oldenburg. Manfred von Fichtkamp promovierte an der Medizinischen Hochschule in Hannover zum Dr. med. und arbeitete danach am Städtischen Krankenhaus in Oldenburg.

Er und seine Frau Christel wohnten während dieser Zeit in einer kleinen Wohnung in der Nähe seiner Eltern. Christel hatte eine Stelle angenommen und arbeitete in Oldenburg bei einem Kinderbuchverlag und ließ sich von der noch rüstigen Schwiegermutter verwöhnen.

Von ihr war bisher noch nicht die Rede. Ilona von Fichtkamp war sieben Jahre jünger als ihr Mann. Sie war eine geborene von Stokasky. Die Familie gehörte dem verarmten polnischen Adel an. Sie besaß eine Ausbildung als Hebamme. Sie war eine herzensgute Frau und liebe Mutter. Ihr Vater hatte bis seinem Tode dem diplomatischen Dienst angehört.

Im Rückblick sagten Manfred und Christel von dieser Zeit in Oldenburg, dass es die schönsten Jahre in ihrer Ehe waren. Das Zusammenleben mit den Eltern verlief harmonisch, wobei zu bemerken war, dass Wilhelm von Fichtkamp die meiste Zeit in Kiel an seinem Marinestandort verbrachte.

Seine größte Freude erlebte er, als Christel ihm nach einer problemlosen Schwangerschaft einen Enkel gebar. Der Kleine erhielt den Namen Garrelt. Er war ein süßer Bengel, der nicht nur seinen Eltern als Quell der Lebensfreude diente, sondern auch die Herzen seiner Großeltern eroberte. Das galt auch für Oma und Opa »Norderney«.

Christel nahm, zwar nur stundenweise, ihre Arbeit beim Verlag wieder auf, weil sich Ilona von Fichtkamp, die Großmutter, mit Liebe und Hingabe der Betreuung ihres Enkels widmete.

Als Garrelt zwei Jahre alt wurde, ging Wilhelm von Fichtkamp geachtet und geehrt in den wohlverdienten Ruhestand. Endlich hatte er Zeit für seinen Enkel.

Um diese Zeit bewarb sich Manfred von Fichtkamp als Oberarzt an das Krankenhaus auf Norderney. Seine solide Lebensführung, seine wissenschaftliche und berufliche Qualifikation waren ausschlaggebend für die Annahme seiner Bewerbung.

Doch dann erwischte es den rüstigen Pensionär. Unfassbar für alle, die ihn kannten, erlitt Wilhelm von Fichtkamp beim abendlichen Fernsehen, er war allein zu Hause, während seine Frau den Enkel hütete, einen Schlaganfall, an dessen Folgen er wenige Wochen später verstarb. Ilona ging der Tod ihres Mannes sehr nahe, und es war wohl kein Zufall, dass sie des Lebens müde wenige Monate später ihrem Mann ins Jenseits folgte.

Das veränderte schlagartig die Situation. Manfred hatte die Stelle als Oberarzt auf Norderney am Krankenhaus angetreten und lebte vorübergehend während des Dienstes bei seinen Schwiegereltern im Preußischen Hof.

Verfahren wurde die Situation dadurch, dass Christel in einer Anwallung von Emanzipation darauf beharrte, bei dem Kinderbuchverlag zu bleiben, der ihr außer einem guten Betriebsklima gute Aufstiegschancen bot. Begünstigt wurde diese Entscheidung durch das kleine Stadthaus in Oldenburg-Wechloy, das Manfred von seinen Eltern geerbt hatte.

Auf Norderney erklärten sich Maike Broodhuis und ihr Mann Renke bereit, ihrer Tochter den Wunsch zu erfüllen. Sie liebten ihren Enkel und waren gerne bereit, den kleinen Prinzen die Woche über zu nehmen und Garrelt und auch dem Vater beste Versorgung angedeihen zu lassen.

Dr. Manfred von Fichtkamp erwarb mit seiner Frau Christel ein Grundstück auf der Insel. Sie bauten auf der Luisenstraße ein stattliches Pensionshaus.

Während Dr. Manfred von Fichtkamp am Norderneyer Krankenhaus mit den Patienten und seinen Kollegen hervorragend zurechtkam, mehr noch, durch sein Engagement zur Seele des Hauses wurde, Christel Fichtkamp mit Erfolg ihre Karriere im Oldenburger Verlag fortsetzte und die Wochenenden bei ihrer Familie verbrachte, trennten sich nach einem Leben für ihren Betrieb Maike und Renke Broodhuis von den Pflichten, die die Führung des Preußischen Hofes mit sich brachten.

Sie übergaben das renommierte Hotel und Restaurant an ihren Sohn Arendt, den Bruder von Christel, und seine Frau Geraldine.

Arendt Broodhuis hatte am Zwischenahner Meer, im »Hof zu Oldenburg«, eine erstklassige Ausbildung zur Führung eines großen Hauses in eigener Regie erhalten. Er führte fortan mit Erfolg den Preußischen Hof, und es gelang ihm, den Kundenstamm zu erhalten und jüngere Gäste aus der neuen Bürgerschicht für sein Haus zu gewinnen.

Auch der kleine Garrelt entwickelte sich prächtig. Er wurde zum Liebling von Oma und Opa. Die gesunde Inselluft, die Freiheit, im Sommer und Winter draußen zu spielen, schufen die Voraussetzungen für ein gesundes Wachstum.

Auch Manfred von Fichtkamp spielte mit seinem Sohn und kümmerte sich um ihn, wann immer er dazu Zeit fand.

Am Wochenende beschlagnahmte Christel den Kleinen fast ganz für sich, um nachzuholen, was sie glaubte, versäumt zu haben.

Es waren für alle Beteiligten glückliche Jahre, die in Zufriedenheit und Gesundheit viel zu schnell vorbeigingen. Norderney erlebte in diesen Jahren einen wahren Ansturm von Urlaubern und konnte kaum Schritt halten mit der Nachfrage. Überall wurde gebaut und renoviert.

Auch Arendt Broodhuis und seine Frau Geraldine vergrößerten ihren Preußischen Hof um einen lukrativen Anbau.

Als Garrelt noch den Kindergarten besuchte, starb die Oma.

Manfred von Fichtkamp war mittlerweile aufgestiegen zum Stellvertreter des Chefarztes. Er überließ die Erziehung und Betreuung seines Sohnes dem rüstigen Opa.

Auch die Mama, die mittlerweile Cheflektorin des Verlages geworden war, hatte nur am Wochenende Zeit, sich ihrem Sohn zu widmen. So wurde der alte Broodhuis zum Dreh- und Angelpunkt in der Erziehung des heranwachsenden Jungen bis zu dem schwarzen Freitag, der in der Tat ein 13. war.

Es war im September an einem schönen Spätsommertag. Renke Broodhuis hatte den fünfjährigen Garrelt am Nachmittag an den Strand begleitet.

Sein Enkel hatte sich mit den Kindern einer Urlauberfamilie angefreundet. Sie hatten bei Flut Dämme gebaut und bei Ebbe das Wasser gestaut. Danach hatten sie ihre Schiffchen mit Sand beladen und die Deiche verstärkt, bis der letzte Wassertropfen versickert war.

Am Spätnachmittag hatte Renke Broodhuis Garrelt an die Hand genommen und war mit ihm zu sich nach Hause gegangen. Opa hatte leckeren Kuchen zu Hause und kochte für sich Kaffee und für Garrelt Kaba. Anschließend las Opa dem Enkel ein weiteres Kapitel aus dem Buch »Tarzan« vor.

Draußen wurde es bereits dämmrig, als Opa das Buch zuklappte und Garrelt für den Heimweg anzog.

»Morgen ist Samstag. Dann hat deine Mama Zeit für dich«, sagte er zu seinem Enkel, gab ihm einen Klaps, ging noch einmal prüfend durch seine Wohnung, schloss die Tür ab und begab sich zur Treppe.

Er nahm die Stufen nach unten. Er hatte den Lichtschalter nicht bedient, da er die Treppe selbst in der Dunkelheit schon unzählige Male mit schlafwandlerischer Sicherheit hinabgegangen war.

Doch als er die letzte Biegung erreicht hatte, blieb sein rechter Fuß an einem Hindernis hängen. Er stieß einen Schrei aus und stürzte die restlichen Stufen nach unten und schlug unglücklich auf den Terrazzo-Boden auf und blieb liegen.

Garrelt saß zu Tode erschrocken unter den Stufen. Er kroch hervor und schrie wie von Sinnen.

Zwei Männer, es waren Feriengäste, stürmten herein und machten Licht. Während der eine dem alten Herrn erste Hilfe leistete, lief der andere in das benachbarte Café und rief das Krankenhaus an.

Der Notarzt erschien bereits wenige Minuten später mit dem Krankenwagen.

In der Hektik kümmerte sich niemand um den kleinen Jungen, der kreidebleich und zitternd zusah, wie sich der Arzt bemühte, das Leben des Renke Broodhuis zu retten. Die Feriengäste nahmen den geschockten Garrelt an die Hand und brachten ihn nach Hause.

Mittlerweile war Christel von Fichtkamp bereits von Oldenburg zurückgekehrt und vernahm aus dem Munde der Urlauber das tragische Geschehen. Sie rannte zu ihrem Bruder, ließ Garrelt bei seiner Tante und eilte mit Arendt zum Krankenhaus.

Dr. Manfred von Fichtkamp hatte bereits eine Notoperation eingeleitet. Sein Schwiegervater hatte außer einer Armfraktur auf Grund des Sturzes einen schweren Schlaganfall erlitten, der seinen Zustand mehr als kritisch erscheinen ließ.

Die operative Entfernung des geronnenen Blutes half nur wenig. Noch in der Nacht vom 13. auf Samstag, den 14. September, verstarb Renke Broodhuis.

Dr. Manfred von Fichtkamp, seine Frau, sein Schwager Arendt Broodhuis und seine Frau bemühten sich, geheim zu halten, dass der Enkel Garrelt im kindlichen Übermut seinem Opa einen Streich spielen wollte, der tödliche Folgen hatte. Die zu Protokoll gegebenen Sätze von den Zeugen blieben ohne Beachtung. Natürlich bedauerte Garrelt seinen Übermut, doch er verdrängte seine Schuldgefühle.

Seine Eltern zeigten sich froh darüber, dass niemand von den Verwandten die Rolle erwähnte, die Garrelt beim Tode seines Großvaters gespielt hatte. Tatsache war, dass er sich unter der frei schwebenden Treppe versteckt und den Großvater am Fuß festgehalten hatte, um ihn zu erschrecken.

Christel und Manfred von Fichtkamp waren gut beraten, als sie sich an Trudi Vambusch wandten, die als arbeitslose Erzieherin noch nicht lange auf Norderney lebte. Sie war die Verlobte des Leiters der Wetterstation und suchte dringend eine Stelle oder Arbeit im pädagogischen Bereich.

Das war ein Glücksfall für beide Seiten. Sie übernahm die ganztägige Betreuung des Sohnes. Das wurde umso notwendiger, da Garrelt bald in die Schule kam.

Sie verstand sich prächtig mit Garrelt. Das Fräulein Trudi Vambusch genoss das Vertrauen der Familie von Fichtkamp, avancierte zur Hausdame mit Schlüsselgewalt und versah gleichzeitig die Rolle einer Hauslehrerin.

Garrelt befand sich in guten Händen, und weder Dr. Fichtkamp noch seine Frau mussten auf ihre beruflichen Verpflichtungen Rücksicht nehmen. An dem guten Verhältnis zu Fräulein Vambusch änderte sich auch nichts, als sie den wissenschaftlichen Mitarbeiter der Wetterstation, Dr. Moritz Merzenich, heiratete. Sie blieb die gute Fee im Hause von Fichtkamp.

Sie stand Garrelt auch zur Seite, als er in Norden das Ulrich-Gymnasium besuchte, und, wie fast alle Schüler der Insel, täglich die Fähre benutzte.

Trudi Vambusch besuchte mit ihm das Hallenbad im Herbst und Winter und sorgte dafür, dass Garrelt genügend Auslauf hatte und Sport betrieb. Seine Schulleistungen waren mehr als zufrieden stellend. Er entwickelte sich zu einem gut aussehenden, kräftigen Jugendlichen, der in die Welt passte. Er hatte eine Menge Freunde und galt als äußerst umgänglich. Und er besuchte regelmäßig das Grab seines Großvaters, ohne unter einer Schuldneurose zu leiden.

Frau Trudi Merzenich fühlte sich vom Schicksal betrogen. Sie bekam keine Kinder und schenkte Garrelt ihre ganze Liebe.

Christel von Fichtkamp war im Verlag mit dem Kinderbuch »Das Pony des Kämpfers« von dem Autor Justus Hüvel ein Weltbestseller geglückt. Sie verstand sich ausgezeichnet mit ihrem Bruder. Deshalb kam es nicht zu Erbstreitigkeiten.

Auch Dr. Manfred von Fichtkamp hatte die Früchte seiner aufopferungsvollen Dienstjahre geerntet. Ihm war die Leitung des Inselkrankenhauses übertragen worden. Damit verbunden war die Ernennung zum Professor durch das Land Niedersachsen. Mit Recht erfüllte diese Tatsache Manfred von Fichtkamp mit Stolz.

Mittlerweile waren die Einkommen in der Bundesrepublik gestiegen, und es lag den Stadtvätern der Insel daran, dass Norderney das blieb, was es schon immer war, nämlich ein Spitzenbad, ein Ort für Erlebnisse und Erholung.

Eine rege Bautätigkeit setzte ein. Eine Menge der alten Bausubstanz machte prächtigen Neubauten Platz. Es entstanden neuzeitliche Kuranlagen. Leider verließen Dr. Merzenich und seine Frau Trudi die Insel und zogen nach Hannover. Der sympathische Wissenschaftler erhielt dort einen Lehrauftrag an der Technischen Hochschule.

Die Trennung von ihnen fiel den von Fichtkamps schwer, hatte sich doch während der vielen Jahre zwischen ihnen eine herzliche Freundschaft entwickelt.

Garrelt war zum jungen Mann herangereift, der keiner Betreuung mehr bedurfte. Er war jetzt in dem Alter, in dem sich die meisten Jugendlichen gegen jede Art von Fremdbestimmung zur Wehr setzten, was in der Regel zu Auseinandersetzungen mit ihnen führte.

So verlief es auch bei Garrelt.

Den Eltern war des Öfteren aufgefallen, dass Garrelt sich nicht mehr mit dem notwendigen Ernst um seine Schularbeiten kümmerte. Hinzu kam, dass Manfred von Fichtkamp seinen Sohn abends spät des Öfteren von der Straße nach Hause holen musste, wenn er sich länger als erlaubt im Kreis zum Teil älterer Jugendlicher aufhielt, die nicht den besten Ruf besaßen.

Der einst hoch gelobte Familienfriede geriet bei diesen Belastungen ins Wanken. Zwar aß Garrelt, wenn er mit dem Schiff von der Schule kam, wochentags bei seinem Onkel Arendt und Tante Geraldine zu Mittag, sie achteten aber nicht darauf, was Garrelt anschließend trieb. Da war niemand mehr, wie früher Trudi Merzenich, die ihn an seine Pflichten erinnerte. Es kam des Öfteren vor, dass er mit einem späteren Schiff von der Schule kam, ohne dass sich seine Tante oder der Onkel für den Grund der Verspätung interessierten.

An den Wochenenden stellte Garrelts Mutter fest, wenn sie geschafft vom Firmenstress zu Hause nach Erholung suchte, dass es ihrem Sohn an Interesse und Schuleifer mangelte. Überhaupt zeigte er zu ihrer Verwunderung ein bisher nicht gekanntes Verhalten und auffällige Laschheiten. Dabei verhielt er sich im Umgang mit ihr oft sehr ruppig.

Er mied ihre Nähe und suchte sein Zimmer auf, wenn sie in seiner Nähe war. Er telefonierte viel und trieb die Gebührenrechnung in erschreckende Höhen.

Bei einem Kontrollgang durch sein Zimmer fand Christel Fichtkamp zu ihrem Entsetzen einschlägige Magazine mit obszönen Inhalten. Sie war entsetzt. Sie stellte daraufhin ihren Sohn zur Rede. Zum einen gab er patzige Antworten, zum anderen sah er in dem Besitz dieser Aktfotos und der Begleittexte weder etwas Verwerfliches, noch fühlte er sich durch die Betrachtung diesbezüglicher Literatur irgendwelchen sittlichen Gefahren ausgesetzt.

Sie beklagte sich tränenreich über das unverständliche Betragen ihres Sohnes bei ihrem Mann. Das führte zu einer lautstarken Auseinandersetzung. Sie musste feststellen, dass ihr Mann weniger streng mit Garrelt umging. Als sie ihm voller Entsetzen die anstößigen Hefte mit den großformatigen Fotos vorlegte, reagierte er mit Humor und sah darin die Bestätigung, dass Garrelt nicht zur Homosexualität neigte, und freute sich darüber.

Was ihm allerdings nicht gefiel, das war das fehlende Schulinteresse seines Sohnes. Da hörte für ihn der Spaß auf. Er nahm sich Garrelt vor.

Für ihn galt es als eine Selbstverständlichkeit, dass Garrelt wie seine Mama und sein Papa das Abitur abzulegen und nach Möglichkeit sogar zu studieren hatte. Manfred von Fichtkamp schwebte vor, dass sein Sohn später wie er als Mediziner auf der Insel praktizieren werde.

Für diese Art der frühen Entscheidung zeigte Garrelt allerdings wenig Sinn. Er versprach aber seinem Vater hoch und heilig, sich seine Worte zu Herzen zu nehmen.

Wie es den Anschein hatte, widmete er sich in der Tat mehr als bisher den schulischen Aufgaben. Doch der Elan erlahmte rasch. Der Gedanke, dass er in jungen Jahren das Fundament für seine berufliche Zukunft legte, war Garrelt fremd. Er dachte bei weitem noch nicht an das Geldverdienen. Geldnot war ihm unbekannt.

Als er noch ein Kind war, hatte sein Opa ihm gekauft, was er sich wünschte. Mutter und Vater gaben ihm stets Geld, wenn er welches brauchte.

Die Vermögenslage derer von Fichtkamp war hervorragend. Sie besaßen in der Nähe der »Franzosenschanze« im Grünen ein solides Einfamilienhaus, auf der Theodor-Fontane-Straße ein Mehrfamilienhaus mit geräumigen Ferienwohnungen und ihre prachtvolle Wohnung auf der Luisenstraße. Selbstverständlich fuhr die Mama einen Mercedes der Spitzenklasse, und auch der Papa hatte einen teuren Wagen in der Garage stehen, mit dem er zweimal am Tag, und zwar während der Mittagspause und abends nach Feierabend, bei Wind und Wetter zum Ostheller fuhr, um dort mit dem Blick auf das Meer und die Dünenlandschaft Abstand von der Arbeit im Krankenhaus zu finden.

Doch Schimpfen und die guten Worte des Vaters hatten nicht gefruchtet. Es kam erneut zu hässlichen Streitigkeiten, die das familiäre Zusammenleben empfindlich belasteten.

Garrelt zeigte sich bockiger denn je. Die entsetzten Eltern erfuhren aus seinem Munde, dass die ihm feindlich gesonnenen Pauker des Ulrich-Gymnasiums in Norden seine Versetzung in die nächste Klasse als stark gefährdet ansahen.

Das rief Dr. von Fichtkamp auf den Plan. Er fuhr nach Norden und sprach mit den Lehrern seines Sohnes.

Deren Meinung war einhellig. Garrelt fehlte das Interesse an den Lehr- und Lernstoffen. Ihn zeichnete eine Lustlosigkeit aus, mit der er den Unterricht über sich ergehen ließ. Meistens saß er wie abwesend in seiner Schulbank. Er störte weder seine Mitschüler noch den Verlauf des Unterrichtes. Nur bei einer Kehrtwendung und genügend Engagement sahen die Lehrer noch eine Chance, dass er das Klassenziel erreichte.

Der Mathematiklehrer gab Dr. von Fichtkamp noch einen Rat mit auf den Weg.

»Meine Kollegen bescheinigen Garrelt eine überdurchschnittliche Intelligenz. Ich schließe mich ihrer Meinung an. Ihr Sohn ist mit meinem Ältesten gut befreundet. Meine Beobachtungen entsprachen dem, was ich Axel entlockte. Garrelt leidet unter einem Problem. Gehen Sie diesem Gedanken nach. Es wäre schade um den Bengel!« Er klopfte dem Arzt freundschaftlich auf die Schulter.

Dr. von Fichtkamp verließ nachdenklich das Gymnasium. Er trank im Café auf der Osterstraße einen Kaffee und ließ das Benehmen seines Sohnes vor seinem geistigen Auge Revue passieren. Dann begriff er, dass der Mathematiklehrer ihm einen wichtigen Hinweis geliefert hatte.

Es war nicht angebracht, über eine Bestrafung nachzudenken. Garrelt litt schon seit längerem unter einem seelischen Problem. Es war nicht damit getan, wenn der liebe Junge ein paar Tränen weinte und glaubte, damit seine Umwelt täuschen zu können.

Es war erstaunlich, dass der Mathematiklehrer genauer orientiert war als er selbst. Er besaß nicht nur das Vertrauen der Schüler, sondern Garrelt war auch der beste Freund seines Sohnes. Über diese Kanäle war die Wahrheit zu ihm durchgedrungen.

Er verließ das Café und fuhr nach Norddeich. Noch vom Fährschiff telefonierte er mit seiner Frau. Während der Überfahrt hatte er Zeit, sich auf das Gespräch mit Garrelt vorzubereiten.

Er verließ das Schiff und fuhr nach Hause. Garrelt stand vor der Tür, als erwarte er ihn. Die Sonne ging unter und hinterließ ein feuriges Abendrot. Es war frisch, und der Wind blies aus nördlicher Richtung. In wenigen Wochen gab es Osterferien.

Sein Sohn sah ihn fragend an, als er aus dem Auto stieg. Dr. von Fichtkamp ging zu ihm und legte seinen Arm um seine Schultern.

»Garrelt, ich muss mit dir sprechen«, sagte er im kameradschaftlichen Ton.

Sie gingen ins Haus.

Garrelt brühte einen Tee auf und hörte zu, was sein Papa ihm zu sagen hatte.

Garrelt hatte tatsächlich ein Problem, was ihn aus der Bahn zu werfen drohte. Ihn bedrückte seit einer für ihn unglücklich verlaufenden Unterrichtsstunde in Religion, als sie über das »Leben nach dem Tode« sprachen, ein quälender Selbstvorwurf. Er fühlte sich schuldig am Tode seines Großvaters. Dieser Gedanke ließ ihn nicht in Ruhe und zermürbte ihn.

Dr. von Fichtkamp reagierte sofort. Als Arzt wusste er um die gefährlichen und anfallartigen Schuldkomplexe, die in eine schwere Depression münden konnten. Er engagierte einen erfahrenen und tüchtigen Therapeuten, dem es nach mehreren Sitzungen gelang, Garrelt von dem Komplex zu befreien.

Seine Mutter und sein Vater zeigten ihm durch ihren hilfreichen Beistand ihre Liebe. Sie begleiteten ihn mehrmals zum Friedhof und legten frische Blumen auf das Grab. Dabei sprachen sie Gebete, und Garrelt bat seinen Großvater um Verzeihung.

Und in der Tat, Garrelt wurde einsichtig und änderte daraufhin sein Verhalten. Für die Eltern gab es keinen Anlass mehr, zu klagen. Die Familieneintracht war wiederhergestellt. Garrelt schaffte seine Ziele, schloss das Schuljahr erfolgreich ab.

Garrelts Misere blieb auf Norderney nicht unbemerkt. Hinter vorgehaltener Hand wurde getuschelt. Von Klapsmühle war die Rede.

Den Prestigeverlust, den die Eltern hinnehmen mussten, nahmen die von Fichtkamps gelassen in Kauf. Das war nicht sonderlich peinlich, denn Garrelt blühte wieder auf. Er hatte wie seine Eltern eine gute Gesundheit. Er spielte Tennis, im Frühjahr und Sommer draußen, im Herbst und im Winter in der Halle. Auch segelte er für sein Leben gern. Er machte sich an Bord der »Felicitas«, einer 14-Meter-Aluminium-Yacht, die seinem Onkel gehörte, als Vorschotmann nützlich. Er gehörte zu den besten Jungseglern des Yachtclubs von Norderney und begleitete die Skipper auf ausgedehnten Törns nach Helgoland und in das benachbarte Holland.

Christel und Manfred von Fichtkamp waren stolz auf ihren Sohn. Ihnen selbst fehlten die Zeit und meistens auch die Lust zum Segeln. Sie zeigten bereits die Spuren des nahenden Alters. Graue Fäden durchzogen ihr Haar. Sie bevorzugten ausgedehnte Spaziergänge zum Ostheller und liebten es, mit dem Fahrrad in die Dünen zu fahren.

In Anbetracht der guten Schulleistungen ihres Sohnes und der Tatsache, dass er bei seinem Onkel Arendt und den Skippern des Yachtclubs gelernt hatte, mit den Winden der rauen Nordsee umzugehen, erfüllten Manfred und Christel von Fichtkamp Garrelt den Herzenswunsch, selbst Eigner eines Schiffes zu sein.

Zu Garrelts achtzehnten Geburtstag war es dann so weit. Am Morgen des 8. Mai 1998, an einem schönen, sonnigen Samstag, reichte Manfred von Fichtkamp seinem Sohn nach dem Frühstück die Hand, drückte ihn an sich, gratulierte ihm zum Geburtstag und ging mit ihm zum Yachthafen.

Dort hatten sich die Mama, Tante Geraldine und Onkel Arendt bereits versammelt. Sie sangen »Happy Birthday to you …«, gratulierten und führten Garrelt über die Stege zum Anlegeplatz mit der Nummer 156. Dort lag eine weiße Segelyacht vertäut. Es war eine »Atlantic Cat«. Das Schiff hatte eine Länge über alles von 8,25 Metern. Das Boot war für eine zwei- bis vierköpfige Crew ausgelegt, konnte aber ohne großen Aufwand zum Einhandsegler umgestaltet werden. Die Aufteilung unter Deck bot mit einer Doppelkoje im Vorschiff, Kleiderschrank und WC genügend Bewegungsfreiheit. Dahinter befanden sich ein Salon mit zwei Längskojen und eine großzügige Pantry. Seitlich an der Wand boten Regale Platz für die Ablage von Karten und Büchern. Davor war die Navigationsecke mit den entsprechenden Geräten eingebaut. Der serienmäßige Dieselmotor hatte zehn PS mit Verstellpropeller. Er war unter dem Niedergang eingebaut.

Die Freude war überwältigend. Christel von Fichtkamp kochte zur Feier des Tages auf dem Gasherd Labskaus, den sie im gemütlichen Salon des Schiffes zu sich nahmen.

Bereits am nächsten Tag segelte Garrelt mit Onkel Arendt zum benachbarten Juist.

An dieser Stelle muss vermerkt werden, dass das teure Geburtstagsgeschenk auch ein Vorgriff auf das Abitur darstellte, denn die schulischen Leistungen von Garrelt waren mehr als zufrieden stellend und das sich nähernde Abitur war mehr oder weniger nur noch eine Pflichtübung.

Die Atlantic Cat lag gut im Wind. Sie ließ sich leicht führen. Dennoch gehörte zur Handhabung des Schiffes eine Portion seemännischen Geschicks. Kenntnisse in Navigation und Vertrautheit mit den Elementen Wind und Wasser, die gerade an der Nordsee für Überraschungen gut sind, gehören zu den Voraussetzungen eines Skippers. Doch daran fehlte es Garrelt nicht.

Dazu ist zu bemerken, dass der Sohn des begüterten Chefarztes eine Menge gleich gesinnter und guter Freunde auf der Insel hatte, mit denen er die Segelleidenschaft teilte. Ein paar freie Hände waren stets vorhanden, die sich an Mast und den Segeln zu schaffen machten und der Crew dazu verhalfen, dass das Segeln mit der Atlantic Cat zur reinen Freude wurde.

Das Krankenhaus auf Norderney diente nicht nur bei Erkrankungen der Atemwege das ganze Jahr über kleinen und erwachsenen Patienten aus aller Welt, sondern hatte unter anderem auch große Erfolge bei der Behandlung verschiedener Hautkrankheiten. Für die Einheimischen bildete es seit Kaiserzeiten eine sichere Adresse bei akuten Erkrankungen aller Art, die nicht zu Hause zu heilen waren. Auch wurde es notwendig, als beliebte Ferieninsel eine Kapazität an Betten für Patienten zur Verfügung zu halten, die während ihres Inselurlaubs ernsthaft erkrankten.

Es war das Bestreben von Dr. von Fichtkamp gewesen, zumindest die herkömmlichen medizinischen Behandlungen den Inselgästen angedeihen zu lassen. Seinem Einsatz war es zu verdanken, dass das Inselkrankenhaus auf dem modernsten Stand war.

Durch die Teuerungswelle der medizinischen Geräte expandierte von Jahr zu Jahr der Etat. Hinzu kam die Nähe des Krankenhausstandortes Norden, der über die hervorragende Fährverbindung mit einem Krankenwagen schell erreicht werden konnte.

Diese Situation rief die Kreistagsabgeordneten auf den Plan, die für einige einschneidende Maßnahmen sorgten, die Dr. von Fichtkamp nicht verhindern konnte. Sie setzten bei allen öffentlichen Stellen den Rotstift an. Das hatte zur Folge, dass mit der Umgestaltung des Inselkrankenhauses mehrere Stellen gestrichen wurden. Unter anderem fiel, abgesehen von kleineren Maßnahmen, zuerst die gynäkologische Abteilung aus Kostengründen der Rationalisierung zum Opfer. Die leitende Ärztin, eine Hebamme und eine Krankenschwester wurden nach Norden versetzt.

Professor Dr. von Fichtkamp ging mit dem Ablauf des folgenden Jahres in den wohlverdienten Ruhestand. Zeitgleich ging auch Christel von Fichtkamp mit einer kräftigen Ausgleichszahlung in Pension, denn mangels eines tüchtigen Nachfolgers verkaufte ihr Chef den Verlag an einen Hamburger Kollegen.

Sie freute sich mit ihrem Mann auf diese geruhsame Zeit. Noch vor dem Ende ihrer Lebensarbeitszeit bestand Garrelt das Abitur, zwar nicht mit einer Traumnote, aber mit einem zufrieden stellenden Ergebnis.

Christel und Manfred von Fichtkamp waren zu Recht stolz auf ihren Sohn. Der von seinem öffentlichen Arbeitgeber während der verflossenen Dienstjahre sehr geforderte Arzt hatte vollstes Verständnis für die Entscheidung seines Sohnes, der es ablehnte, Medizin zu studieren.

Garrelt war unentschlossen. Er spielte mit dem Gedanken, sich den Wirtschaftswissenschaften zuzuwenden. Ihm schwebte eine spätere Beschäftigung im Fremdenverkehr oder bei der expandierenden Reederei vor.

Die Ehe von Arendt Broodhuis und seiner Frau Geraldine war kinderlos geblieben. Auf Grund der harmonischen Beziehungen zu Christel und Manfred von Fichtkamp, vor allem aber zu ihrem Neffen Garrelt, verfügten sie testamentarisch, dass er nach ihrem Tode den »Preußischen Hof« erben sollte.

Garrelt zeigte sich nicht abgeneigt, die Wünsche der Verwandten zu erfüllen. Er war sich allerdings darüber im Klaren, dass bis dahin noch viel Wasser die Insel umspülen würde, und versprach, dass er es auf keinen Fall zulassen würde, dass das erstklassige Restaurant und angesehene Hotel in fremde Hände fallen würde.

Doch noch fühlten sich Onkel Arendt und Tante Geraldine tatkräftig genug, das Haus zu leiten und die damit verbundene Arbeit zu leisten. Soweit es in ihren Entscheidungen lag, wollten sie den Übergabetermin so lange hinausschieben, bis Garrelt sein Studium abgeschlossen hatte, denn es war beschlossene Sache, dass ihr Neffe Wirtschaftswissenschaften studieren werde.

So konnte sich der Wunsch des alten Renke Broodhuis erfüllen, der sich die Fortführung seines Lebenswerkes durch seinen Enkel immer gewünscht hatte.

Garrelt blieb trotz des Wohlstandes seiner Eltern der nette, freundliche Junge. Er war hoch gewachsen, hatte eine sportliche, durchtrainierte Figur und wie seine Mama blondes, gewelltes Haar. Sein Gesicht war gut geschnitten. Er war der Typ, der für die Bundeswehr wie geschaffen schien. Er diente wunschgemäß bei der Marine und kam nach der Grundausbildung im Rahmen seiner Ausbildung auf die Fregatte »Saarbrücken«.

Während seiner Bundeswehrzeit erkrankte seine Mutter schwer. Ihr Mann diagnostizierte Darmkrebs und fuhr mit ihr zu einer weiteren Untersuchung nach Hannover.

An der medizinischen Hochschule machte man Dr. von Fichtkamp und seiner Frau wenig Hoffnung. Selbst die von Professor Hufnagel, einer anerkannten Kapazität auf dem Gebiet der Krebstherapie, durchgeführte Operation brachte keinen Erfolg. Die Krankheit war nicht zu stoppen und wucherte weiter.

Der Krebs beendete das Leben der immer noch schönen Frau und Mutter.

Garrelt befand sich zu dieser Zeit auf der Fregatte »Saarbrücken«. Das Schiff nahm im Mittelmeer an einem Nato-Manöver teil. Es war für ihn eine schmerzliche Zeit. Er sah seine geliebte, zum Skelett abgemagerte Mama noch einmal, kurz bevor sie verstarb, als er von seinem Militäreinsatz zurückkehrte.

Christel von Fichtkamp wurde auf dem Inselfriedhof in einer großen Beerdigung beigesetzt.

Nach dem Tode seiner Mutter nutzte Garrelt jede Gelegenheit, nach Hause zu fahren, wenn er dienstfrei hatte und das Schiff im Kieler Marinehafen lag. Das hatte seinen Grund in der maßlosen Traurigkeit seines Vaters, der mit dem Alleinsein nicht zu Rande kam.

Garrelt stand ihm bei, begleitete ihn nicht nur zum Friedhof, sondern auch auf weiten, ausgedehnten Spaziergängen in die Dünen und zum Ostheller, besuchte mit ihm die Cafés und Restaurants, um ihn abzulenken und aufzumuntern. Dabei erinnerte er seinen Papa an die Worte, die die Mama kurz vor ihrem Tode an ihn gerichtet hatte. Sie hatte sich gewünscht, dass der Papa nicht alleine bliebe.

Eyelske Ukena, die langjährige OP-Schwester des Krankenhauses, war mit einem Realschullehrer verheiratet gewesen, der ebenfalls vor nicht allzu langer Zeit an Krebs verstorben war. Eyelske, die kurz vor der Pensionierung stand, war mit Christel von Fichtkamp eng befreundet gewesen. Diese hatte ihre Freundin gebeten, sich um ihren Mann zu kümmern, von dem sie wusste, dass er nach ihrem Tode nicht mit der neuen Situation klarkommen würde. Sie richtete auch an ihren Mann die Bitte, die restlichen Lebensjahre an der Seite von Eyelske Ukena zu verbringen.

Doch mit diesem Gedanken konnte sich Manfred von Fichtkamp anfangs nicht anfreunden. Er hatte Christel geliebt und wollte, wenn es ihm auch schwer fiel, nach einem erfolgreichen Leben an ihrer Seite alleine bleiben.

Umso überraschter war er, als auch sein Sohn den Gedanken seiner Mama wieder aufgriff und ihn bedrängte, mit Eyelske Ukena, wenn nicht gerade eine Ehe, doch zumindest eine Lebensgemeinschaft einzugehen. Was daraufhin bei einem Stückchen Rumflockentorte und einer Portion Ostfriesentee im Café »Alte Teestube« begann, erlebte die Fortsetzung in einer gemeinsamen Lebens- und Schicksalsgemeinschaft.

Die älteren Herrschaften gewannen wieder Lebensfreude, wurden Stammgäste der Kurkonzerte und verschmähten es nicht, gemeinsam sonntags im Kurcafé zum Tanztee zu erscheinen.

Garrelt segelte mit seiner »Atlantic Cat« oder verbrachte im Herbst und Winter seine freie Zeit im Bootsschuppen, um an seinem Schiff zu arbeiten. Es bereitete ihm Freude, es für die Saison zu überholen.

Im Frühjahr beendete Garrelt seine Zeit beim Bund.

Kurz vor Beendigung der Wehrpflicht erfüllte er sich einen lang gehegten Traum. Er kaufte sich von seinem Sold ein Motorrad der Marke bmw. Es war eine 250er, eine hochklassige Maschine, die das Herz jeden Kenners höher schlagen ließ.

Zwischen Vater und Sohn war es wegen der Anschaffung der bmw zu ernsthaften Auseinandersetzungen gekommen, in die schließlich die Lebensgefährtin Eyelske Ukena schlichtend eingegriffen hatte.

Garrelt hatte nicht nachgegeben und die Maschine unter Abgabe des Versprechens gekauft, sie nach der Rückkehr von der geplanten Tour wieder zu verkaufen, denn er hatte seinen Freunden Hans Werner Schinnenburg und Ewe Ewen zugesagt, mit ihnen eine Motorradtour durch Spanien bis nach Gibraltar zu unternehmen, bevor das Studium begann. Beide waren ebenfalls begeisterte Motorradfahrer.

Hans Werner Schinnenburg galt als ein sympathischer, nüchterner junger Mann, der in Emden im Stadtgartencafé Konditor gelernt hatte und jetzt auf Norderney bei seinem Vater im Café »Deichblick« arbeitete. Er war gesetzt, mittelgroß, hatte ein breites Gesicht und glattes Haar. Er fuhr ebenfalls eine bmw.

Ewe Ewen war sehr schlank, fast dünn. Sein männliches Gesicht war etwas spitz, und er trug sein Haar im Stoppelschnitt. Sein Vater war Krankentherapeut. Er besaß eine Praxis auf der Rheinstraße.

Ewe hatte seinen Wehrdienst bei den Panzern in der Eifel abgedient. Auch er wollte das Studium beginnen. Er hatte sich an der TH in Aachen für das Maschinenbaustudium eingeschrieben. Sein ganzer Stolz war eine 300er Kawasaki.

Die drei Freunde fuhren nicht planlos drauflos. Sie hatten mit Akribie ihre Tour ausgearbeitet. Für die Hinreise nach Gibraltar planten sie die Fahrt über Luxemburg, Paris und Madrid, zurück beabsichtigten sie an der spanischen Küste entlang über die Schweiz die Heimreise anzutreten. Nicht nur aus Kostengründen entschieden sie sich, ein Zelt mitzunehmen.

Auf Norderney war es kalt, regnerisch und windig. Die Temperaturen lagen um die acht Grad. Gut aufgelegt starteten die drei jungen Männer in schützender Lederkleidung ihre Spanientour. Sie drehten einige Runden, ließen die Motoren aufheulen, winkten den Eltern zu, die sich vor dem Deichcafé eingefunden hatten, und fuhren dann mit ihren bepackten Maschinen zur Fähre.

Stolz erfüllte sie, und die Motorräder schenkten ihnen das Gefühl einer grenzenlosen Freiheit.

Erst als sie sich nach drei Übernachtungen in Jugendherbergen der spanischen Küste näherten, bescherte ihnen die Sonne südliche Wärme. Sie riefen alle paar Tage abwechselnd zu Hause an und nahmen damit den Eltern einen Teil der Sorgen. Es gab viel zu sehen unterwegs. Unvergesslich die Städte, darunter Paris, Dörfer in den Bergen und Seenlandschaften.

Doch dann passierte ihnen das große Missgeschick auf der Rückreise in der Nähe vor Malaga.

Es fing harmonisch an und sorgte für hervorragende Stimmung. Am frühen Morgen hatten sie Gibraltar verlassen und waren über die gut ausgebaute Küstenstraße, an den bekannten Badeorten vorbei, in Richtung Malaga gefahren. Die Sonne schien, wie das meistens an der Costa del Sol der Fall ist, vom blauen Himmel. In Estepona machten sie im Schatten einer Kaffeebar Rast, betrachteten die wunderschöne Landschaft und erfrischten sich, als eine junge Frau auf sie zukam.

Sie war in ihrem Alter. Mit ihren Jeans und dem roten Polohemd sah sie sehr niedlich aus. Sie war braun gebrannt und trug einen Rucksack.

»Mein Name ist Simone Willers. Ich bin Studentin. Lehrfach für Realschule, viertes Semester. Könnt ihr mich bis Nerja mitnehmen?«, fragte sie und zeigte auf die abgestellten Motorräder.

Garrelt griff zur Straßenkarte. »Nerja, das liegt zweiundfünfzig Kilometer östlich von Malaga«, sagte er und schaute auf.

»Ja, dort erwartet mich mein Freund«, sagte sie.

Die Freunde sahen sich an und waren sich einig.

»Aber klar. Vielleicht können wir dort zelten«, sagte Ewe Ewen.

»Da gibt es einen Campingplatz, dicht am Carabeo-Strand«, sagte sie.

»Das schaffen wir noch, bevor es dunkel wird«, meinte Hans Werner Schinnenburg. Er trug die Tassen ins Café und bezahlte.

»Okay, Simone, du kannst mit mir fahren«, sagte Garrelt. »Mein Freund nimmt deinen Rucksack.« Er trat an das Motorrad und schob es vom Ständer.

Ewe Ewen befestigte ihr Gepäck auf seiner Maschine. Sie stiegen auf und fuhren los.

Die Küstenautobahn führte mitunter so dicht am Meer vorbei, dass man die anrollenden Wellen vernahm und der Blick bis zum fernen, milchigen Horizont reichte. An den Hängen der Berge befanden sich die vielen Feriendörfer. Schicke Badeorte wie Marbella säumten die Straße. An Malaga, der Provinzhauptstadt mit Flugplatz und Industriebetrieben, ging es vorbei, während die Sonne unterging und ihre Strahlen die Gipfel der Sierra Nevada rot aufleuchten ließ.

Nerja kündigte sich an. Sie verließen die Autobahn und folgten dem Hinweisschild, das die Strände ankündigte. Sie gelangten zur gepflegten, hübschen und breiten Strandpromenade und hielten in der Nähe eines Strandcafés an. Sie stiegen von ihren Motorrädern, bockten die Maschinen auf, setzten sich in die Korbsessel.

Der Blick in die Bucht war überwältigend. Sie bestellten beim Ober Milchkaffee und Croissants. Die Luft roch würzig nach Meer.

Garrelt reichte Simone Willers die Straßenkarte.

»Hier befinden wir uns. Etwa in zwei Kilometern Entfernung hinter dem Strand befindet sich der Campingplatz«, sagte sie.

Der Ober brachte die Bestellung. Die Studentin wollte zahlen.

»Lass stecken. Ich bezahle«, sagte Ewe Ewen.

Sie aß das Croissant, trank den Kaffee und wollte sich verabschieden.

»Ich kann dich noch in die Stadt bringen«, sagte Garrelt.

Simone nickte sofort. »Das wäre nett.«

Sie warf sich ihren Rucksack über die Schulter und saß hinter Garrelt auf, nachdem dieser seine bmw angeworfen hatte.

»Ich bin bald wieder zurück«, sagte er zu seinen Freunden und fuhr los.

Bevor Garrelt sie in der Stadt absetzte, fuhren sie noch ein wenig kreuz und quer, um sich die Stadt anzusehen.

Im Sommer 1982 fischte die »Cap Anamur« an einem stürmischen Tag vor Aufkommen der Dämmerung ein junges Paar aus der offenen See. Es war etliche Seemeilen vor der vietnamesischen Küste. Drei Tage und drei Nächte hatten sich die Schiffbrüchigen in tödlicher Angst an einen Balken geklammert. Hunger und Durst hatten ihnen unmenschliche Qualen verursacht.

Doch erst im Licht der grellen Schiffsscheinwerfer wurde das gesamte Ausmaß der Tragödie sichtbar. Der böige Seewind trieb weitere Wrackteile mit verzweifelten Menschen vor sich her.

Die Besatzung der »Cap Anamur« leistete Schwerstarbeit. Knapp dreihundert Vietnamesen wurden an Bord des deutschen Schiffes nach der Rettung vor dem nassen Tod versorgt. Es waren Männer, Frauen und Kinder auf der Flucht vor den kommunistischen Machthabern. Sie hatten in winzigen Booten, die mehr Nussschalen glichen, das Festland verlassen, um durch ihre Flucht ihr nacktes Leben zu retten. Sie waren auf dem Südchinesischen Meer herumgeschippert auf der Suche nach einem rettenden Ufer.

Sie konnten sich glücklich schätzen, denn im Gegensatz zu den vielen Leidensgenossen, die in den Wellen ertrunken waren, hatten sie den Kurs des deutschen Schiffes gekreuzt. Doch die auf so wundersame Weise gewonnene Freiheit beschränkte sich fürs Erste auf das Schiff, das sie aufgefischt, ihren Durst und Hunger gestillt hatte.

Es gab zu viel Elend in der Welt, und die Staaten wehrten sich gegen zügellose Zuwanderungen. Darum war es nicht verwunderlich, dass die Länder der »Cap Anamur« die Einfahrt in die Häfen verwehrten, nachdem sie Kurs auf Europa genommen hatte.

Wohin mit den Flüchtlingen, die »boat people« genannt wurden, das war die Frage.

Unter dem Druck der wachgerüttelten Öffentlichkeit gelangten sie schließlich in eine neue Heimat.

Njophim Thiem war einer der Flüchtlinge. Er war 1951 in Nha Trang, einer Stadt in der Küstenregion, geboren. Er hatte nach dem mittleren Schulabschluss nichts anderes gelernt, als in Kadavergehorsam und mit der Waffe in der Hand die vermeintlichen kommunistischen Errungenschaften zu verteidigen. Er galt als linientreuer, zuverlässiger Soldat und avancierte zum Leutnant der Infanterie.

Es ist nicht besonders hervorzuheben, dass Njophim Thiem während seiner Dienstzeit in bester körperlicher Verfassung war. Schließlich wurde körperliche Ertüchtigung groß geschrieben. Er war für einen Asiaten sehr groß, hatte einen muskulösen, sportlichen Körper und war das, was man einen gut aussehenden jungen Mann nennt.

Mit seinem forschen Auftreten, nicht nur in Uniform, machte Njophim Thiem auf Frauen einen recht ansprechenden Eindruck. Der Sohn eines verlässlichen und angesehenen Parteifunktionärs neigte weder zur starken Kritik, noch war er als ein Frauenheld in Erscheinung getreten. Er war wie geschaffen für seine ihm übertragene Aufgabe.

Es war seine Art, sich sehr bedeckt zu halten, als er dienstlich mit Fräulein Dinh Thanh bekannt gemacht wurde. Sie bekleidete wie er einen Offiziersrang.

In der Küstenregion hatte es bei den angeblichen Elitetruppen leichte Ansätze von Befehlsverweigerungen und selbst Fälle von Fahnenflucht gegeben, die der Moral der Truppe schadeten. Die Rädelsführer galt es zu überführen und die Loyalität der Truppe zu überprüfen.

Diese Aufgabe fiel den beiden unter Berücksichtigung strengster Verschwiegenheit zu. Bei der Abwicklung des Auftrages kam es gelegentlich zu Meinungsverschiedenheiten, wenn Dinh Thanh die Vorschriften zu eng auslegte. Das brachte manchen Soldaten in schlimme Situationen. Doch sie kannte keine Gnade und erwies sich als echte Vertreterin des herrschenden Systems.

Erste Zweifel an der Richtigkeit ihres Vorgehens kamen ihr, als das Regime ihrem Vater die Rechtsanwaltpraxis schloss, weil er für das Recht einiger Klienten gestritten hatte, die von den Machthabern enteignet worden waren und denen man kapitalistisches Gebaren vorwarf. Es waren alte Freunde, die sich nichts hatten zu Schulden kommen lassen.

Sie vertraute sich ihrem Kollegen Njophim Thiem an, zu dem sie ein freundschaftliches Verhältnis aufgebaut hatte. Er stand ihr bei und unterstützte sie, wo er konnte.

Dinh Thanh geriet immer mehr in dienstliche Schwierigkeiten, wenn sie Soldaten nicht meldete, gegen die sie einen Verdacht hegte. Bei gelungener Fahnenflucht wurde sie zur Verantwortung gezogen.

Auch Njophim Thiem hatte Skrupel, durchzugreifen, wie von ihnen verlangt wurde. Dinh Thanh war eine kluge und belesene junge Vorgesetzte, die in Ho-Chi-Minh-Stadt Psychologie studiert hatte. Sie war aus Begeisterung für ihre politische Gesinnung und aus Liebe zum geschundenen, einfachen Volk, das nur ausgebeutet worden war, in die kommunistische Partei eingetreten. Sie hatte Ideale gehabt und geglaubt, sie würde teilhaben am Aufbau einer gerechten Welt.

Umso enttäuschter war sie, als sie begriff, dass die Machthaber dabei waren, die kleinen Leute zu verraten.

Sie war eine hübsche Person. Ihr dickes Haar trug sie im schlichten Bubikopf. Sie hatte eine gute Figur und wirkte zierlich, ja fast zerbrechlich.

Dinh Thanh und Njophim Thiem fühlten plötzlich die Blicke der Vorgesetzten auf sich gerichtet. Dazu kam der Wink eines Gesinnungsgenossen, der ihnen mitteilte, dass die Obrigkeit Fallen ausgelegt hatte, um sie zu überführen.

Plötzlich ging es um ihr Leben. Ein paar Freunde steckten ihnen Geld zu. Sie kannten den Zeitpunkt und den Ort der Abfahrt eines Fluchtautos zur Küste. In einer der vielen Buchten wartete ein Schiff auf die Flüchtlinge.

Sie gingen trotz widriger Wetterbedingungen mit nur wenig Handgepäck unter allen erdenklichen Vorsichtsmaßnahmen an Bord eines Trawlers. Sie setzten ihre ganze Hoffnung, der Todesstrafe zu entgehen, auf das Gelingen der Flucht und zweifelten keine Sekunde an der Sicherheit des überladenen Fischerbootes.

Sie wussten nicht, dass sich in der Nacht eine Schlechtwetterfront über der See zusammenbraute, die für die Schiffsbesatzung und die zusammengepferchten Passagiere eine große Gefahr darstellte. Doch die Angst, von den heranrückenden Soldaten aufgebracht zu werden, verleitete den Kapitän dazu, das stürmische Wetter zu unterschätzen. Er gab den Befehl »Leinen los!«

Sie stachen in See, verließen die kleine Bucht an der grünen Küste, überladen mit verzweifelten Menschen, die lieber ertrinken wollten als den Häschern des Regimes in die Finger zu fallen.

Unbarmherzig waren sie dem Sturm und den Wellen des südchinesischen Meeres ausgeliefert, die in der schwarzen Nacht mit dem Fischerboot ihr böses Spiel trieben. Es tauchte in ein tiefes Wellental und wurde von den Riesenwassermassen erfasst und in Stücke gerissen.

Viele der Passagiere ertranken, und auch Dinh Thanh und Njophim Thiem drohte schon der nasse Tod. Während sie in den Fluten um ihr Leben kämpften, näherte sich ein Schiff der Unglücksstelle.

Für die meisten Schiffbrüchigen kam jede Hilfe zu spät. Dinh Thanh und ihr Njophim Thiem durften sich dagegen glücklich schätzen. Die Besatzung der Cap Anamur zog sie aus dem Wasser und legte sie in das schaukelnde Rettungsschiff.

Nach einer medizinischen Betreuung, in frischer Kleidung, gesund und voller Optimismus, sahen sie glücklich in ihre Zukunft. Doch da gab es noch Schwierigkeiten. In einem nervenzerreißenden Funk- und Telefonmarathon weigerten sich die europäischen Staaten, die »boat people« zu übernehmen.

Es war das Land Niedersachsen, das sich schließlich bereit erklärte, die vietnamesischen »boat people« aufzunehmen. Dinh Thanh und Njophim Thiem gingen in Hamburg mit ihren Landsleuten dankbar und glücklich von Bord der Cap Anamur. Sie stiegen in die bereitgestellten Busse und fuhren in ihre neue Heimat.

In Norddeich übernahmen die Mitarbeiter des neu erbauten Hauses »Nazareth« die Betreuung der annähernd dreihundert Bootsflüchtlinge. Das Personal ging liebevoll mit den Vietnamesen um, die sich bemühten, sich möglichst schnell an die Gewohnheiten des Heimes anzupassen. Sie waren um die dreißig, jedoch nicht älter als fünfundvierzig. Es handelte sich um intelligente Angehörige des Mittelstandes.

Die Heimleitung ließ ihnen eine Woche Zeit, sich in der neuen Heimat umzusehen. Dann begannen erfahrene Pädagogen mit der Erteilung des Deutschunterrichts. Zusätzlich wurden die asiatischen Flüchtlinge in praxisorientierter Lebenskunde unterrichtet, um eine möglichst schnelle Integration der »boat people« vorzubereiten.

Das Haus »Nazareth« war für diese Aufgabe wie geschaffen. Es lag landschaftlich reizvoll, von einem Park umgeben, nicht weit vom Deich entfernt direkt an der Nordsee. Von dort waren die ostfriesischen Inseln Juist und Norderney mit dem bloßen Auge sichtbar.

Nach den durchlittenen Todesängsten vergossen die Vietnamesen keine Tränen vor Heimweh beim Blick auf das Meer, das sie an ihre Heimat erinnerte. Im Gegenteil, sie waren sich der neuen Freiheit bewusst und strotzten vor Energie und Lebenswillen. Sie wussten, was sie dem Gastland schuldig waren.

Ihre höfliche, bescheidene Art fand die Anerkennung der Mitbürger. Sie waren bemüht, sich in der Öffentlichkeit unauffällig zu geben und sich an das Leben der Deutschen anzupassen. Sie lernten schnell und gut.

Schon nach einigen Monaten vermittelte das Arbeitsamt die ersten Vietnamesen in ihre erlernten Berufe. Die übrigen Flüchtlinge nahmen an den angebotenen Aufbaukursen teil, die sie befähigten, eine Stelle im Handel oder Handwerk anzunehmen.

Diese Loslösung von der Versorgung war verbunden mit der Anmietung einer Wohnung auf dem freien Markt.

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