Logo weiterlesen.de
Friesische Rache

Inhalt

  1. Cover
  2. Über den Autor
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Prolog
  6. 1 Spätsommer 1990
  7. 2 Spätsommer 1990
  8. 3 Spätsommer 1990
  9. 4 Spätsommer 1990
  10. 5 Frühsommer 2014
  11. 6 Spätsommer 1990
  12. 7 Spätsommer 1990
  13. 8 Frühsommer 2014
  14. 9 Spätsommer 1990
  15. 10 Frühsommer 2014
  16. 11 Spätsommer 1990
  17. 12 Frühsommer 2014
  18. 13 Spätsommer 1990
  19. 14 Frühsommer 2014
  20. 15 Spätsommer 1990
  21. 16 Frühsommer 2014
  22. 17 Spätsommer 1990
  23. 18 Frühsommer 2014
  24. 19 Spätsommer 1990
  25. 20 Frühsommer 2014
  26. 21 Spätsommer 1990
  27. 22 Frühsommer 2014
  28. 23 Spätsommer 1990
  29. 24 Frühsommer 2014
  30. 25 Spätsommer 1990
  31. 26 Frühsommer 2014
  32. 27 Herbst 1990 bis Sommer 1993
  33. 28 Frühsommer 2014
  34. 29 Frühsommer 2014
  35. 30 Frühsommer 2014
  36. Epilog
  37. Ich danke

Über den Autor

Wolf S. Dietrich studierte Germanistik und Theologie und war als Lehrer tätig. Weitere berufliche Stationen bildeten die eines Wissenschaftlichen Mitarbeiters an der Universität Göttingen und die des Didaktischen Leiters einer Gesamtschule. Heute lebt und arbeitet er als freier Autor in Göttingen und an der Nordsee. Wolf S. Dietrich ist Mitglied im SYNDIKAT, der Autorengruppe deutschsprachiger Kriminalliteratur. Weitere Informationen finden Sie auf www.nordsee-krimi.de

Prolog

Ihr letzter Tag auf der Insel sollte unvergesslich werden. Romantisch. Mit einem Picknick in den Dünen, auf einer Decke, im Schutz von Strandhafer und Sanddornbüschen. Vor ihnen würde sich die Nordsee ausbreiten, auf deren Wellen sich die Strahlen der untergehenden Sonne in allen Farben brachen. Sie würden Krabben und Wein und die Wärme des aufgeheizten Sandes genießen. Später würden sie näher zusammenrücken, Zärtlichkeiten austauschen und schließlich – ja, wenn es so sein sollte, würden sie miteinander schlafen. Sie war jedenfalls vorbereitet. Lars war ein attraktiver Junge, der sich seit Tagen um sie bemüht, ihr die Insel gezeigt und ihr das Gefühl gegeben hatte, begehrenswert zu sein. Zwar hatte sie einen Freund, doch der war weit weg und ohnehin noch nicht der Richtige für eine dauerhafte Beziehung. Auch deshalb hatte sie den Vorschlag ihrer Eltern angenommen, noch einmal gemeinsam mit ihnen in den Urlaub zu fahren. Schon bei der Ankunft, auf dem Weg von der Fähre zur Inselbahn, war ihr Lars aufgefallen. Ein sportlicher, braun gebrannter großer Junge in ihrem Alter, vielleicht auch ein, zwei Jahre älter, mit dunkelblondem Haar und braunen Augen. Er hatte offenbar den gleichen Weg gehabt, war mit in den Waggon gestiegen, hatte ihr zugelächelt und gewinkt, als sie mit ihren Eltern die Bahn verlassen, die Straße überquert und das Hotel betreten hatte. Zwei Tage später war sie ihm auf der überfüllten Promenade begegnet, er hatte sie angesprochen, sich vorgestellt, sie zu einem Eisbecher eingeladen. Anschließend hatten sie sich verabredet.

Seitdem waren sie ein paar Mal miteinander ausgegangen. Dabei hatte Lars die Stadt gemieden und war mit ihr zum Strand und durch die Dünen gewandert. Anfangs hatten sie sich nur zum Abschied geküsst, später heftig geknutscht. Einmal wäre es beinahe schon so weit gewesen. Die Küsse waren leidenschaftlicher, dringender und fordernder geworden, sie hatte seine und ihre eigene Erregung gespürt, doch dann war er unerwartet hastig aufgebrochen.

Aber nun hatten sie alle Zeit der Welt. Lars hatte eine Flasche Weißwein und eine große Tüte Krabben mitgebracht. Außerdem – darauf hatte sie bestanden – Gläser, ein Tischtuch und Servietten. Sie hatte einen Korb mit geschnittenem Weißbrot, etwas Käse und zwei Portionen Mousse au Chocolat, die sie dem Hotelkoch abgeschwatzt hatte, vorbereitet.

Anfangs war alles so, wie sie es sich vorgestellt hatte. Auf der Haut spürte sie noch die Hitze des sommerlichen Tages. Der Wind hatte sich gelegt, das Meer war ungewohnt ruhig, seine Wasseroberfläche flach wie sonst nur an südlichen Küsten. Über dem Horizont breitete sich eine dünne Wolkenschicht aus, sie wurde von der Abendsonne in leuchtende Rot-, Orange- und Gelbtöne getaucht, die sich grandios vom Blau des Himmels abhoben. Als sie die Decke ausbreitete, fühlte sich der Sand nicht mehr so warm an, wie sie erwartet hatte, aber das registrierte sie nur am Rande. Noch wärmte die Luft ausreichend, und das leichte Sommerkleid, für das sie sich entschieden hatte, war keineswegs zu dünn. Später würde sie es vielleicht sogar ausziehen. Die Decke war groß genug, um sich zu zweit darin einhüllen zu können.

Lars füllte die Gläser, sie stießen an, und dann zeigte er ihr, wie man die kleinen Garnelen aus der Schale pulte. Der Wein stieg ihr zu Kopf, denn sie trank zu rasch und kam mit dem Essen nur langsam voran, das Fleisch ließ sich nur mühsam herausziehen.

»Was machst du eigentlich«, fragte sie, »wenn du nicht mit Touristinnen über die Insel wanderst und ihnen zeigst, wie man Krabben pult?«

Er zögerte kurz. »Bis vor einiger Zeit bin ich noch zur Schule gegangen. Jetzt studiere ich in Oldenburg.«

»Lehramt?«

»Sport und Mathe.«

»Und was machst du jetzt? Du hast gesagt, du hast wenig Zeit.«

»Ich helfe meinen Eltern im – in der Firma.«

»Bist du auf Borkum geboren?«

»In Emden. Aber ich bin hier aufgewachsen.«

»Beneidenswert.« Sie seufzte. »Das ganze Jahr auf dieser schönen Insel. Das ist ja wie – dauernd Urlaub.«

Er schüttelte den Kopf. »Im Winter kann es ganz schön öde sein. Dann ist hier überhaupt nichts los. Und wenn die Gäste kommen, haben wir alle Hände voll zu tun. Nix Urlaub, nur Arbeit. Von O bis O. Ostern bis Oktober.«

»Was für eine Firma haben deine Eltern?«

»Ein – Bauunternehmen.« Er hatte wieder gezögert, und seine Antwort klang etwas unwillig.

»Entschuldige! Ich frage dich einfach so aus. Aber es interessiert mich schon. Du interessierst mich. Ich frage mich auch, ob du eine Freundin hast. Wenn du hier – oder betrügst du sie?«

Er lachte. »Weder noch. Ich bin zurzeit solo. Aber was ist mit dir? Erzähl doch mal etwas über dich.«

Sie leerte ihr Glas und hielt es ihm hin. Lars schenkte nach. »Also?«

In dem Augenblick wurde ihr klar, dass sie nichts von sich preisgeben wollte. Gerade die Unverbindlichkeit ihres Zusammenseins machte den Reiz aus. Die Fragen hatte sie unbedacht und aus Neugier gestellt, aber genau genommen wollte sie gar nichts Näheres über ihn wissen. Sie nahm noch einen Schluck Wein.

»Vergiss, was ich gefragt habe. Und ich vergesse deine Antworten. Lass uns den Augenblick genießen, so wie er ist. Ohne an das zu denken, was unser Leben sonst bestimmt. Ich fühle mich so herrlich leicht. Ich weiß nichts über dich, du weißt nichts über mich. Niemand weiß, dass wir zusammen sind. Und wir sind niemandem Rechenschaft schuldig. Sie deutete zum Himmel. »Nur die Sterne sehen uns zu. Ist das nicht traumhaft?«

Lars lächelte sie an und nickte. »Du hast vollkommen recht.« Er hob sein Glas. »Auf uns. Ohne Vergangenheit und ohne Zukunft.«

»Bei der Zukunft bin ich nicht ganz sicher. Vielleicht komme ich ja bald wieder auf die Insel.« Sie schob ein paar Krabben in den Mund und schloss genießerisch die Augen. »Schmeckt wirklich lecker. Besonders in Verbindung mit diesem Wein. Aber ich muss aufpassen. Der steigt mir ganz schön zu Kopf. Nachher kann ich – hast du leichtes Spiel mit …«

»Wovon hängt das ab?«, fragte Lars.

»Was?«

»Ob du wiederkommst?«

Sie öffnete die Augen. »Von dir.«

»Wieso von mir?«

Irritiert sah sie ihn an. »Aber wir verstehen uns doch so gut. Und wenn wir nachher auch noch …«

»Dann wird das wohl eher nichts.«

Irritiert sah sie ihn an. »Wie meinst du das?«

»Ich bin zwei.«

Sie lachte. »Was soll das heißen – ich bin zwei? Du bist doch …« Sie brach ab, als sie eine Gestalt entdeckte, die plötzlich hinter ihm auftauchte. Der Junge war etwas kleiner, untersetzt, kräftig. Er trug einen blauen Jogginganzug und war ungefähr in Lars’ Alter. Es war schwer zu schätzen, denn er trug eine Kappe, die sein Haar verbarg und deren Schirm das Gesicht beschattete. »Hallo«, murmelte er und nickte Lars auf eine Art zu, die darauf schließen ließ, dass er ihn kannte.

Sie empfand den späten Besucher als störend und warf Lars einen fragenden Blick zu. Doch bevor sie ihren Unwillen artikulieren konnte, sprang der Ankömmling auf sie zu und stülpte ihr eine Plastiktüte über den Kopf. Gleichzeitig legte sich eine Schlinge um ihren Hals. Sie versuchte aufzustehen, sich gegen den Würgegriff zu wehren, doch ihrem benebelten Kopf gelang es nicht, Arme und Beine zu einer koordinierten Gegenwehr zu bringen. Sekunden später erlahmten ihre Kräfte vollends, und dann wurde es dunkel.

Als sie erwachte, zitterte sie am ganzen Körper. Ihr Kopf schmerzte dumpf, im Unterleib spürte sie ein scharfes Ziehen. Die Zunge klebte pelzig am Gaumen und schmeckte fischig. Sie musste aufstoßen, ein säuerlicher Geschmack kam hinzu.

Sie versuchte sich zu orientieren. Es war Nacht, doch der Mond gab ein wenig Licht. Sie hörte die Wellen rauschen, das Meer musste ganz in der Nähe sein. Über ihr der Himmel war voller Sterne. Unter sich fühlte sie Sand. Um sie herum warfen Dünen weiche Schatten. Langsam kehrte die Erinnerung zurück. Wo war Lars? Wo war die Decke? Die Gläser? Der Korb? Sie hatten Wein getrunken und Krabben gegessen. Und dann? Etwas Unerwartetes, Unheimliches war geschehen, aber warum weigerte sich ihr Gedächtnis, die Erinnerung freizugeben?

Mühsam richtete sie sich auf, tastete nach ihren Schuhen. Ein kühler Windhauch machte ihr bewusst, dass ihr Slip fehlte. Sie fand ihn schließlich am Rand der Mulde, schlüpfte hinein und wunderte sich über klebrige Spuren an den Oberschenkeln. Schließlich fand sie auch die Ballerinas und den Korb. Sie erklomm eine Düne, sah die Lichter der Stadt und machte sich auf den Weg.

Gegen Morgen hatte sie das Hotel erreicht, sich in ihr Zimmer geschlichen und wach gelegen, bis ihre Mutter sie hatte wecken und an die Abfahrtszeit der Fähre erinnern wollen. Stundenlang hatte sie sich zuvor den Kopf zermartert und versucht, die Erinnerung an das heraufzubeschwören, was in den Dünen geschehen war. Ahnungen und Spuren wiesen in eine undenkbare Richtung. Wir sind zwei, hatte Lars gesagt. Nein – ich bin zwei. Was hatte er damit sagen wollen? Und dann war dieser Typ aufgetaucht. Kurz darauf musste sie ohnmächtig geworden sein. Hatten Lars und der Junge mit der Mütze die Situation ausgenutzt? Das wäre – ein dunkles Wort kreiste in ihrem Kopf. Wie eine Drohung. Mit ihren Eltern konnte sie darüber nicht sprechen. Sie würden ihr Vorhaltungen machen, die Polizei rufen, sie zu einem Arzt schleppen. Sie musste versuchen, den Abend und die Nacht zu vergessen. Folgen würde das Ergebnis nicht haben, sie hatte vorgesorgt, weil sie damit gerechnet hatte, dass sie mit Lars – war es ein Fehler gewesen, sich mit ihm einzulassen? Aber er war all die Tage so sanft und zurückhaltend gewesen. Trotzdem hatte er sie – zumindest hatte er zugelassen …

Ihre Gedanken drehten sich im Kreis. Sie ahnte, dass sie zu keinem Ergebnis kommen würde, und sprang aus dem Bett, um erneut zu duschen. Schon in der Nacht hatte sie alle Spuren beseitigt. Den Slip weggeworfen und fast eine Stunde unter den heißen Wasserstrahlen verbracht. Dennoch schien noch immer etwas von diesem Abend in den Dünen an ihrer Haut zu kleben. Und an ihrer Seele. Sie ahnte, dass es sich nicht mit Wasser und Seife abspülen lassen würde, dass ihr letzter Abend auf der Insel unvergesslich bleiben würde.

Während das Wasser über Gesicht und Haare und den gesamten Körper strömte, versuchte sie, sich an die Antworten zu erinnern, die Lars ihr gegeben hatte. Sie würde mit niemandem über diesen Abend sprechen, trotzdem entstand in ihrem Kopf ein Bild, in dem sie im Büro einer Polizeidienststelle saß und einer Beamtin von ihrem Erlebnis berichtete. Strand, Dünen, Krabben, Wein. Eine Plastiktüte, Todesangst. Personenbeschreibung. Ungefähr eins achtzig groß. Gut aussehend, dunkelblond, braune Augen. Etwa neunzehn Jahre alt. Lehramtsstudent an der Uni Oldenburg. Erstes Semester. Mathematik und Sport. In Emden geboren. Eltern Bauunternehmer. Auf der Insel Borkum. Und eine zweite Person. Nein, kein Name, etwas kleiner als Lars, untersetzt. Mehr wusste sie nicht. Nicht einmal, was genau passiert war. Eine Vergewaltigung? Spuren? Nein. Beweise? Keine. In das Wasser der Dusche mischten sich Tränen.

1
Spätsommer 1990

Annie war nicht sicher, ob sie wirklich wusste, worauf sie sich eingelassen hatte. Und je länger sie darüber nachdachte, desto zwiespältiger erschien ihr der Entschluss, diesen Job zu übernehmen. »Du bist die Beste«, hatte Joost behauptet und ihr damit geschmeichelt. »Bei dir stimmt alles. Groß, gut gebaut, blond, blaue Augen.« Nach einem kurzen Blick auf ihren Ausschnitt hatte er ihr zugenickt. »Das mögen die Männer. Du wirst sehen, sie stolpern wie blind in die Falle.« Die Vorstellung gefiel ihr. War sie in ihrem früheren Leben Objekt männlichen Begehrens gewesen, hatte sie inzwischen gelernt, den Spieß umzudrehen und sich Männer nach ihren Wünschen zu suchen. Ob zur eigenen Befriedigung oder für eine Geschäftsidee war zweitrangig. Andererseits war ihr Vorhaben mit Risiken verbunden. Im schlimmsten Fall würde sie untertauchen und sich vor der Polizei verstecken müssen. Aber damit rechnete sie nicht ernsthaft.

Sie wartete mit zahlreichen Urlaubern im Emder Fährhaus auf die Überfahrt mit der Ostfriesland nach Borkum. In den Tiefen ihrer Handtasche kramte sie nach dem Kosmetikspiegel, klappte ihn auf und betrachtete prüfend ihr Gesicht. Während der Schulzeit hatte sie ihr Äußeres als hässlich empfunden. Sie war dünn gewesen, hatte viel zu große Hände und nach innen gerichtete Füße, auf denen sie ungelenk und staksig wie ein Fohlen durch die Welt gestolpert war. Ihre Nase war dünn und spitz gewesen, das Haar weißblond und widerspenstig, sodass an schicke Frisuren nicht zu denken war. Wo sich bei anderen Mädchen Brüste entwickelten, tat sich bei ihr gar nichts. Als ihre Freundinnen anfingen, mit Jungen auszugehen, wurde sie stets übersehen.

Sie bewegte den Spiegel, um Frisur, Augenbrauen, Wimpern und Lippen zu kontrollieren. Es gab nichts zu beanstanden. Mit einem leisen Seufzer klappte sie den Spiegel zu und ließ ihn in die Tasche gleiten. Ja, aus dem hässlichen Entlein war ein stolzer Schwan geworden. Die Wandlung vom unproportionierten Teenager zur vollendeten Schönheit hatte erst begonnen, als sie siebzehn war, dafür war sie umso drastischer ausgefallen.

Erst nach ihrem achtzehnten Geburtstag hatte sie die Wirkung ihres Äußeren auf die Männer bemerkt. Doch als ihr bewusst geworden war, dass sie den Mann ihrer Träume hätte aussuchen können, war sie bereits in die Fänge von Frerich Meiners geraten. Er war der erste Mann gewesen, der sich schon früh und ernsthaft für sie interessiert hatte. Sein proletarischer Charme, sein hartnäckiges und ungestümes Werben hatten sie beeindruckt und sie glauben lassen, ihre Aussicht auf einen festen Freund und möglichen Ehemann zu verspielen, wenn sie ihn zurückwies. Der übermächtige Wunsch, zu gefallen und als Frau anerkannt zu werden, hatte sie alle Bedenken ausblenden und die Einwände ihrer Mutter vom Tisch wischen lassen. Ihr Vater war, nachdem er Frerich unter vier Augen gesprochen hatte, von seinen Bedenken abgerückt. Das war ihr damals sehr seltsam erschienen. Schließlich hatte sich ohnehin jedes Argument erübrigt, weil sie schwanger wurde.

In diesem Jahr war Michail Gorbatschow neuer sowjetischer Generalsekretär geworden, ein Siebzehnjähriger, der Bobbele genannt wurde, hatte in Wimbledon ein bedeutendes Tennisturnier gewonnen, und der CSU-Vorsitzende Franz-Josef Strauß war mit dem DDR-Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker zusammengetroffen. Doch im Alltag der ländlichen ostfriesischen Umgebung spielten weltbewegende Ereignisse keine große Rolle. Stattdessen hatte eine Schwangerschaft auch noch 1985 den Gang zum Traualtar zur Folge. Gegen dieses ungeschriebene Gesetz hatte in ihrem Dorf noch niemand aufbegehrt. Auch Annie verwarf den Gedanken, sich zu widersetzen, sah sie doch in der Ehe eine Chance, ihren frommen und strengen Eltern zu entkommen. Deren Versuche, sie mit Vorschriften, Schlägen und anderen Strafen zu einem bibeltreuen Menschen zu erziehen, hatten eher das Gegenteil bewirkt. Und keines ihrer Gebete war jemals erhört, keiner ihrer kleinen Wünsche erfüllt worden. Nun schien wenigstens der eine große Wunsch nach einem Leben ohne elterliche Drangsal in Erfüllung zu gehen.

Um mit Frerich leben zu können, musste sie sich mit ihm verloben und einen Heiratstermin festlegen. Doch kaum waren sie zusammengezogen, begann ein Martyrium. Frerich erwies sich als brutaler und herrschsüchtiger Liebhaber. Er entwickelte perfide Methoden, mit denen er sie von ihren Freundinnen und insbesondere anderen Männern fernzuhalten und seine Macht über sie zu festigen suchte. Nachdem er begonnen hatte, sie zu schlagen, hatte sie sich entschlossen, die Hochzeit platzen zu lassen. Von ihren Eltern hatte sie keine Hilfe zu erwarten. »Wer in Sünde lebt, muss mit Strafe rechnen«, hatte ihr Vater erklärt. »Ein Christenmensch muss das ihm von Gott auferlegte Schicksal in Demut annehmen und ertragen.«

Annie dachte ungern an jene Zeit. Doch Eindrücke dieser Stadt, in die sie damals geflüchtet war, weckten die Erinnerungen und ließen das Geschehen wie einen Film an ihrem inneren Auge vorüberziehen.

Frerich hatte mit seinen Fußballfreunden in der Dorfkneipe die Übertragung des Endspiels um den Europapokal der Landesmeister zwischen Juventus Turin und dem FC Liverpool sehen wollen. Doch dann hatten englische Fans im Brüsseler Heysel-Stadion den italienischen Block gestürmt und eine Massenpanik ausgelöst, bei der Menschen getötet und verletzt worden waren.

Mit einer Bierfahne polterte er gegen Mitternacht in die Wohnung, riss Annie aus dem Schlaf und lamentierte lauthals über die Ungeheuerlichkeit. Seine Wut richtete sich nicht gegen die Hooligans, sondern gegen die Fernsehanstalt. Weil sie die Direktübertragung abgebrochen hatte. Mühsam befreite er sich von seiner Kleidung, warf sich auf sie und riss ihr das Nachthemd vom Leib. Nachdem er sich an ihr befriedigt hatte, fiel er in einen sichtlich tiefen Schlaf. Annie stahl sich vorsichtig aus dem Bett, wusch sich und zog sich an. Sie steckte das wenige Geld aus der Haushaltskasse und ihren Ausweis ein und verließ die Wohnung.

Über die leeren Straßen des nächtlichen Dorfes erreichte sie den Ortsrand. Hier gab es eine Haltestelle, doch der nächste Bus würde erst wieder am Morgen fahren. Entschlossen machte sie sich zu Fuß auf den Weg in Richtung Emden. Wenn ein Auto kam, versteckte sie sich hinter Gebüsch oder duckte sich in den Graben. Einmal geriet sie ins Stolpern und zerkratzte sich an Zweigen und Ästen das Gesicht.

Irgendwann stoppte ein grauer Kombi, der Fahrer musste sie gesehen haben. »Brauchen Sie Hilfe?« Eine Frauenstimme. Erleichtert, dennoch zögernd, erhob sich Annie und näherte sich dem Fahrzeug.

»Meine Güte, wie sehen Sie denn aus?« Die Frage klang eher nach Unverständnis als nach Mitgefühl. »Kommen Sie! Wir nehmen Sie mit in die Stadt.«

Annie beugte sich hinab, um in den Wagen sehen zu können. Die Frau war schon älter, über vierzig, vielleicht sogar fünfzig. Sie hatte dunkles Haar, braune Augen und war unauffällig gekleidet. Neben ihr saß ein grauhaariger Mann in einer hellen Windjacke. Beide sahen sie mit einer Mischung aus Verwunderung und Neugier an.

Der Mann öffnete die hintere Wagentür. »Steigen Sie ein! Sie holen sich hier sonst noch den Tod.«

Vorsichtig ließ Annie sich auf den Sitz gleiten. Die Tür klappte zu, die Frau fuhr an. Sie beschleunigte zügig, schien eine geübte Fahrerin zu sein. Zwischendurch musterte sie ihren Fahrgast im Rückspiegel. »Was ist mit Ihnen passiert? Hatten Sie einen Unfall?«

Annie schüttelte stumm den Kopf. Für eine Erklärung ihres Zustands fehlten ihr die Worte. Zum Glück blieben weitere Fragen aus. Stattdessen deutete die Frau mit dem Daumen auf ihren Begleiter. »Das ist mein Bruder Harro. Ich heiße Gesine. Nachname Windmöller.«

Erst als sie die Stadt erreicht hatten und unter einer Straßenlaterne vor einem Doppelhaus im Herrentorviertel hielten, richtete die Frau erneut das Wort an sie. »Hat Ihnen jemand etwas angetan? Sollen wir Sie ins Krankenhaus bringen? Oder zur Polizei?«

Die Vorstellung, auf einer Polizeistation den Beamten ihre Personalien mitteilen zu müssen, erschreckte Annie. Ihr Vater würde erfahren, wo sie war. Unwillig schüttelte sie den Kopf. »Nein, keine Polizei. Bitte. Und einen Arzt brauche ich auch nicht. Nur ein bisschen Wasser und vielleicht ein Pflaster.« Sie hob ihre Hände und deutete auf ihr Gesicht. »Das sind nur Kratzspuren. Von den Zweigen im Wald.«

»Also gut. Dann kommen Sie mit! Wir werden Ihre Verletzungen verarzten. Und dann schlafen Sie erst mal. Morgen sieht die Welt schon wieder anders aus.« Sie wandte sich an ihren Begleiter. »Hilf der jungen Frau und bring sie rein! Ich fahre den Wagen in die Garage.«

Annie betrachtete das Haus aus rotem Klinker im Schein der Straßenlampe. Es wirkte ein wenig vernachlässigt. Als fehlten den Besitzern die nötigen Mittel für Renovierungsarbeiten.

Im Inneren setzte sich der Eindruck fort. Tapeten und Möbel, Teppiche und Gardinen schienen aus einer anderen Zeit zu sein. Nachdem die Frau die Wunden behandelt und einen Tee gekocht hatte, den Annie in kleinen Schlucken trank, überkam sie große Müdigkeit.

Gesine begleitete sie nach oben, zeigte ihr das Bad und richtete ein Bett für sie.

Als Annie am nächsten Morgen erwachte, brauchte sie nur Sekunden, um sich an das zu erinnern, was ihr zugestoßen und wo sie gelandet war. Sie sprang aus dem Bett und stürzte zu einem Kleiderschrank, der mit einem Spiegel versehen war. Ihr Gesicht war voller verschorfter Linien. Auch die Handrücken zeigten Spuren von Dornen und spitzen Zweigen. Aber ernsthafte Verletzungen gab es offenbar nicht. Hastig zog sie das altmodische Nachthemd über den Kopf, das Gesine ihr am Abend gegeben hatte. Sie erschrak beim Anblick ihres Körpers. Blaue Flecken an Brüsten und Oberarmen zeigten deutlich, wie Frerich mit ihr umgegangen war. Ob Gesine die Spuren der Misshandlung gesehen hatte?

»Du kannst gern ein paar Tage bleiben«, schlug Gesine am nächsten Morgen vor, während sie Kaffee einschenkte. »Mich interessiert nicht, wer du bist und woher du kommst. Meinen Bruder schon gar nicht. Aber wenn du magst, kannst du mir erzählen, was dir zugestoßen ist. Und deinen Namen solltest du uns schon verraten, wenn wir unter einem Dach schlafen.«

Auf dem Tisch standen Brötchen, Butter, Wurst, Käse, Marmelade. Hungrig griff Annie zu. »Ich heiße Annie«, murmelte sie. »Reicht das für den Anfang?«

Gesine lächelte und nickte.

Das Bild ihrer Retterin verblasste, als über Lautsprecher die Ankunft der Fähre Ostfriesland bekannt gegeben und die Abfahrtszeit nach Borkum angesagt wurde. Schon zuvor waren die wartenden Menschen unruhig geworden, hatten Gepäckstücke aufgenommen, Jacken übergestreift, Kinder auf die Arme gehoben. Nun drängte die Menge zum Ausgang der Wartehalle.

Annie blieb noch eine Weile sitzen, beobachtete das Anlegemanöver, die aus dem Schiff rollenden Wagen und den Fluss der Passagiere, die – überwiegend braun gebrannt – erst zögernd, dann zunehmend zügig, die Fähre verließen. Kaum war der Strom verebbt, wurden die Türen der Halle geöffnet, und die erwartungsfrohe Menge der nächsten Inselurlauber flutete hinaus zu den Gangways, die zur Fähre führten. Als die letzten Reisenden den Ausgang erreichten, griff Annie nach ihrer Tasche und schloss sich ihnen an.

Auf dem Schiff suchte sie eine ruhige Ecke, in der sie ungestört ihren Gedanken nachhängen konnte. Sie hatte versucht, die Tür zur Vergangenheit zu schließen, doch gegen ihren Willen kehrten die Bilder jenes Morgens zurück.

Nach dem Frühstück hatte Gesine sich verabschiedet. »Ich muss ein paar Einkäufe erledigen. Bleib bitte im Haus, wenn ich weg bin. In spätestens zwei Stunden komme ich zurück, dann können wir uns darüber Gedanken machen, wie es mit dir weitergehen soll.« Sie deutete auf das benutzte Frühstücksgeschirr. »Wenn du magst, kannst du spülen. Zieh aber Gummihandschuhe an, damit sich deine Schrammen nicht entzünden!« Sie warf einen Blick auf die Wanduhr, die über der Tür tickte. »Und in einer halben Stunde könntest du Tee aufsetzen. Dann kommt mein Bruder zum Frühstück runter.«

Nachdem Gesine gegangen war, schaltete Annie den altertümlichen Rundfunkempfänger ein, der auf dem Kühlschrank stand. Nach kurzer Zeit erklangen Opernmelodien. Sie drehte an den Knöpfen, fand schließlich einen Sender mit aktueller Musik. Maria Magdalena, gesungen von Sandra. Sie stellte das Radio lauter, sang halblaut mit und machte sich an den Abwasch. Auf die Sängerin folgte Modern Talking mit Cheri, Cheri Lady. Thomas Anders hatte sie bei Ingolf Lück in »Formel Eins« gesehen. Er sah so sanftmütig aus, bestimmt war er ein zärtlicher Mann. Wenn es überhaupt zärtliche Männer gab. Nie hatte sie eine liebevolle Geste ihres Vaters gegenüber ihrer Mutter erlebt. Als kleines Kind hatte er seine Tochter vergöttert und verwöhnt, doch von dem Tage an, an dem sie begonnen hatte, ihm zu widersprechen, waren harsche Zurechtweisungen, Ohrfeigen und Hausarreste zur Regel geworden.

Trotz der Ablenkung durch die Musik und die Bewegung ihrer Hände wurde sie die Szenen der vergangenen Nacht nicht los. Frerichs wutverzerrte Miene, seine groben Griffe und der gewaltsame Liebesakt, die Flucht aus dem Dorf, ihr angstvoll rasendes Herz in der Brust.

Der Gewalt war sie entronnen, aber für wie lange? Irgendwann würde man sie suchen. Wohl auch in der Stadt. Auf Dauer würde sie nicht in Emden bleiben können. Sollte sie versuchen, sich als Kellnerin auf Borkum, Juist oder Norderney durchzuschlagen? Oder ins Rheiderland gehen, nach Jemgum, Bunde oder Weener? Vielleicht über die Grenze nach Holland? Ja, das wäre bestimmt die beste Idee. Im Nachbarland würde niemand nach ihr suchen.

Inzwischen war die Nachricht von ihrem Verschwinden wahrscheinlich im ganzen Dorf verbreitet worden. Aber vielleicht hatte Frerich seinen Rausch noch nicht ausgeschlafen und gar nicht bemerkt, dass sie die Wohnung verlassen hatte. Vielleicht würde er nichts unternehmen, nur zu ihren Eltern gehen. Um sie zurückzuholen. Sie stellte sich ihre Gesichter vor, deren Ausdruck sich von Unglauben über Unverständnis zu Entsetzen wandelte. Schließlich würde ihr Vater Frerich zu dessen Wohnung folgen, um sich selbst vom Verschwinden seiner Tochter zu überzeugen und mit ihm zu beratschlagen, was zu tun sei. Den Gedanken, die Polizei einzuschalten, würden sie rasch wieder verwerfen. Frerich würde mit den Bullen aus Prinzip nichts zu tun haben wollen, und ihr Vater würde es ohnehin vorziehen, seinen Gott um Hilfe zu bitten. Wenn dieser allerdings entschieden haben sollte, seine Tochter dem Schoß der Familie zu entreißen und gleichzeitig der geplanten Hochzeit einen Riegel vorzuschieben, wäre das für ihn auch in Ordnung. Der Wille seines Gottes war nicht hinterfragbar.

Thomas Anders wurde von Opus abgelöst. Live is life. Annie ging mit einer tropfenden Teetasse in der Hand zum Radio, um die Lautstärke noch ein wenig zu erhöhen. Ein Geräusch hinter ihr ließ sie zusammenzucken. Sie fuhr herum, die Tasse glitt aus ihren Fingern und zerschellte auf den Fliesen. Harro Windmöller stand in der Tür. In einem zerschlissenen Bademantel, dessen Streifenmuster dem Grau seiner Haare glich. Erst jetzt erkannte Annie, dass Gesines Bruder deutlich älter war als seine Schwester. Auf seinem faltigen Gesicht breitete sich ein fröhliches Grinsen aus.

»Das wird Gesi nicht gefallen.« Er deutete auf die Scherben. »Das Teeservice stammt noch von unserer Mutter. Ist aber nicht wirklich schade drum. Wäre ganz froh, wenn dieses alte Gerümpel dezimiert würde.« Eine Handbewegung schien die gesamte Küche zu umfassen. »Von mir aus kannst du ruhig noch ein paar Tassen zerschlagen. Scherben bringen Glück.«

»Entschuldigung«, stammelte Annie und begann hastig die Trümmer einzusammeln. »Es tut mir sehr leid.«

»Vergiss das Gelump. Und nimm ein Kehrblech, sonst schneidest du dich noch.« Er bewegte die Hüften im Rhythmus der Musik und kam auf sie zu.

Annie erstarrte, dann wich sie zurück. Was wollte der alte Mann von ihr?

Ihre Finger umklammerten eine Scherbe der Teetasse. Während sie gegen die Spüle stieß und mit der freien Hand hinter sich griff, um vielleicht ein Messer oder einen anderen spitzen Gegenstand zu ihrer Verteidigung zu ertasten, schossen wirre Gedanken durch ihren Kopf. War sie an einen Unhold geraten? Hatten alle Männer nur das eine im Kopf? Selbst dieser alte …

»Was ist los?« Er hob beschwichtigend die Hände. »Hast du Angst?«

Annie antwortete nicht. Sie starrte in das alte Gesicht. Zur Not würde sie ihm mit dem scharfkantigen Stück Porzellan die Wange zerschneiden. Oder den faltigen Hals. Konnte man mit der Scherbe die Schlagader durchtrennen? Plötzlich sah sie den Blutschwall vor sich, spürte, wie die warme, klebrige Flüssigkeit über ihre Hand strömte, am erschlaffenden Körper des Mannes entlang auf den Küchenboden floss und sich dort verteilte.

Entsetzt schlug sie die Hand vor den Mund, um den Schrei zu ersticken, der aus ihrer Kehle fahren wollte. In dem Augenblick ertönte der Klingelton eines altmodischen Telefons. Gesines Bruder deutete auf das Radio. »Mach mal leiser!« Er wandte sich um und verschwand im Flur.

Annie hastete zum Radio und stellte den Ton ab. In der plötzlichen Stille hörte sie zuerst ihren eigenen Atem, dann Windmöllers Worte.

Auf Zehenspitzen bewegte sich Annie in Richtung Flur. Als sie die Tür erreicht hatte, fiel der Hörer auf die Gabel. Windmöller murmelte etwas Unverständliches und drehte sich um. Abwesend starrte er sie an, als ob er sie zum ersten Mal sah. Schließlich schien er sich zu erinnern. »Setzt du mir einen Tee auf? Ich komme in zehn Minuten wieder runter.« Dann wandte er sich zur Treppe. Auf dem Absatz sah er sich noch einmal um. »Kannst die Musik wieder anmachen. Hat mir gefallen. Sonst gibt’s hier immer nur Operntenöre und Sopranstimmen.«

Annie blieb verwirrt zurück. Hatte sie sich in eine absurde Idee verrannt? War Harro Windmöller doch nur ein harmloser, vielleicht sogar gutmütiger alter Mann? Als er im Bademantel vor ihr aufgetaucht und auf sie zugekommen war, hatte sie mit dem Schlimmsten gerechnet.

Unsicher wanderte ihr Blick zwischen der Tür und dem Abwasch hin und her. Sollte sie einfach verschwinden? Aber dann würde sie nach oben gehen und ihre Sachen holen müssen. Vielleicht war es besser, in der Küche zu bleiben. Gegen Zudringlichkeiten würde sie sich hier besser wehren können als in dem kleinen Zimmer, in dem sie geschlafen hatte. Rasch durchsuchte sie die Schubladen, fand ein langes scharfes Messer und legte es griffbereit zwischen das schmutzige Geschirr.

2
Spätsommer 1990

Ein ungewohntes Geräusch schreckte ihn aus dem Schlaf. Es kam aus dem Badezimmer seiner Eltern. Ein schwerer Gegenstand musste auf die Fliesen gepoltert sein. Er setzte sich auf und lauschte. Das Bad befand sich zwischen seinem und dem Elternschlafzimmer. Geräusche drangen gewöhnlich kaum oder nur gedämpft durch die Mauer. Doch jetzt hörte er seinen Vater stöhnen und einen erstickten Schrei seiner Mutter. Rief sie um Hilfe? Nein, es war mehr ein Ausdruck des Entsetzens. Oder der Angst? Enno sprang aus dem Bett und legte ein Ohr an die Wand. Jetzt vernahm er keuchendes Atmen. Was ging dort vor? Schlug der Vater seine Mutter? Der Alte neigte zum Jähzorn, wie Ennos Bruder Tjark, manchmal schrie er sie an, und gelegentlich klopfte er ihr auf die Finger, wenn sie auf ihren Nägeln kaute. Aber echte körperliche Gewalt? Zerrissen zwischen dem Wunsch, seiner Mutter zu Hilfe zu eilen, und der Befürchtung, auf eine unschöne Szene zu treffen, verharrte er. Jetzt vernahm er ein rhythmisches Keuchen. Ein unvorstellbarer Gedanke schoss ihm durch den Kopf. Trieben es seine Eltern im Badezimmer? Mitten in der Nacht? In ihrem Alter?

Irgendwann klappten die Türen von Bade- und Elternschlafzimmer, und es herrschte wieder Ruhe. Enno kehrte ins Bett zurück, fand aber keinen Schlaf. Die Szenen aus dem Bad, von denen er nicht wusste, ob sie nur in seiner Fantasie existierten, kreisten in seinem Kopf, eine seltsame Unruhe hatte ihn erfasst und ließ ihn nicht wieder los. Erst gegen Morgen fiel er in einen unruhigen Dämmerschlaf, durch den ihn wirre Traumfetzen begleiteten. Darin kämpfte er in der Nordsee gegen das Ertrinken an, dann stürzte er in einen Abgrund, dabei fielen ihm sämtliche Zähne aus. Als ihn das Geräusch eines Hubschraubers, der über das Haus flog, weckte, war er erleichtert.

Enno spürte Unruhe im Haus, als er sein Zimmer verließ, um zu duschen. Rasch beendete er seine Morgentoilette und eilte die Treppe hinunter.

Dort hasteten Menschen durch den Flur. Einige Gesichter kannte er, sie gehörten zum Personal, andere waren ihm fremd. Inmitten der Unruhe saß sein Bruder im Schlafanzug auf der untersten Treppenstufe. Er wandte sich um und bedeutete Enno, neben ihm Platz zu nehmen.

Der schüttelte den Kopf. »Was ist hier los? Was machen die Leute hier?«

»Sie holen den Alten ab«, stellte Tjark emotionslos fest. »Er hatte einen Herzinfarkt. Der Hubschrauber bringt ihn aufs Festland. Ins Krankenhaus.«

Die nächtlichen Geräusche aus dem Badezimmer dröhnten in Ennos Kopf. »Warum erst jetzt?«

Tjark hob die Schultern. »Schneller ging’s wohl nicht.«

»Aber das war doch schon in der Nacht«, stieß Enno hervor.

»Woher weißt du das denn?« Eine Antwort schien er nicht zu erwarten und fuhr fort. »Mama hat Doktor Sandhus angerufen. Der konnte wohl nicht viel machen. Deshalb hat er den Notfalldienst informiert und gesagt, dass sie den Hubschrauber schicken sollen. Mit dem Aufzug und Hausmeister Badenhoops Hilfe hat er ihn nach unten gebracht. Stell dir vor, der Alte wollte nicht, dass sie den Fahrstuhl nehmen, sie sollten ihn die Treppe runtertragen.«

»Wo ist Mama?«

Mit einer Bewegung seines Kopfes deutete Tjark in Richtung Personalraum. In dem Augenblick wurde die Tür geöffnet, und ein Mann in einer orangefarbenen Jacke erschien, dahinter ein zweiter. Sie hatten eine Trage zwischen sich, auf der offenbar der Kranke lag. Ennos Mutter folgte den Männern. Noch nie hatte er sie so gesehen. Bleich, mit dunklen Ringen unter den Augen, das Haar wirr. Anscheinend hatte sie sich eilig angezogen und eine Strickjacke übergeworfen, die sie über der Brust zusammenhielt. Als sie ihre Söhne sah, stürzte sie zu ihnen, umklammerte sie und brach in Tränen aus. Während Enno mit den Augen die Trage verfolgte, die von den Rettungssanitätern geschickt über den engen Flur des Hinterhauses zur Außentür dirigiert wurde, befreite Tjark sich aus dem Griff seiner Mutter. »Wird schon werden«, murmelte er. »Die Medizin vollbringt heute wahre Wunder.« Den Satz muss er irgendwo aufgeschnappt haben, dachte Enno und fragte sich, wie gut die Chancen seines Vaters wirklich waren. Dr. Sandhus, der nach der Mutter aus dem Personalraum gekommen war, schien seine Gedanken zu erraten. »Es gibt eine Chance, dass er es schafft.« Dann wandte er sich an Ennos Mutter. »Kommen Sie! Wir nehmen meinen Wagen und fahren mit der nächsten Fähre nach Emden. Wenn wir im Krankenhaus ankommen, wissen die Kollegen vielleicht schon mehr.«

»Ihr müsst euch um den Betrieb kümmern«, bat die Mutter. »Besprecht alles mit Frau Aalderks und macht, was sie sagt.« Zögernd gab sie Enno frei und folgte dem Arzt nach draußen.

Stumm starrten die Jungen auf die Tür. »Wenn der Alte stirbt«, brach Tjark schließlich düster das Schweigen, »wirst du hier der Boss. Aber ich sag’s dir gleich, ich werde dein Partner. Oder du musst mich auszahlen.« Er machte eine Handbewegung, die wohl das ganze Anwesen umfassen sollte. »Mit der Hälfte von – vom ganzen Unternehmen.«

Enno schüttelte den Kopf. »Spinnst du? Ich kann mir nicht vorstellen, dass es so weit kommt. Bestimmt muss Vater ein paar Tage im Krankenhaus bleiben, vielleicht auch einige Wochen. Selbst wenn er dann zwei oder drei Monate nicht arbeiten kann – eine Saison schafft Mama mit Frau Aalderks und Badenhoop allein. Eventuell müssen wir ein bisschen mehr mit ran als sonst. Und im Herbst übernimmt Vater wieder die Regie.«

»Hoffentlich behältst du recht. Wenn die Aalderks hier die Chefin spielen soll, dann gute Nacht. Und Mama kann das eh nicht.« Tjark stand auf. Seine skeptische Miene verzog sich zu einem verschwörerischen Grinsen. »Auf unsere kleinen Strandfeste will ich jedenfalls nicht verzichten.« Mit den Händen machte er eine eindeutige Geste. »Es wird sowieso mal wieder Zeit.«

»Hast du nur das eine im Kopf?« Unwillig stieß Enno seinen Bruder in die Seite. »Vielleicht kümmerst du dich selbst mal um eine passende – Gelegenheit. Mir wird es langsam zu anstrengend, für dich den Lockvogel zu machen. Und zu gefährlich.«

»Aber du hast auch was davon«, knurrte Tjark. »Und was soll daran gefährlich sein? Bisher ist doch immer alles gut gegangen.«

»Es gibt aber keine Garantie, dass das so bleibt. Am besten, du legst dir eine Freundin zu. Mit der kannst du dich dann vergnügen, sooft du willst.«

Tjark packte seinen Bruder an den Oberarmen und schüttelte ihn. »So eine gibt es nicht. Das weißt du genau. Sieh mich an! Ich habe die Visage vom Alten geerbt. Knallrotes Mondgesicht, Albinoaugen, Kartoffelnase, schiefe Zähne. Und diese Haare! Rotfuchs haben sie mich in der Grundschule gerufen. Du dagegen siehst aus wie unsere Mutter als junges Mädchen. Kein Wunder, dass dir die Weiber nachlaufen. Du kannst jede haben. Aber erzähl mir nichts von Freundinnen! Du hast ständig neue, eine geiler als die andere, aber vor mir laufen sie weg.«

Er hatte die Stimme gehoben und die letzten Worte fast gebrüllt. Enno wehrte Tjarks schmerzenden Griff ab. »Schrei hier nicht so rum!«, fauchte er. »Wenn dich jemand hört!«

Tjarks Gesicht war rot angelaufen, und Enno dachte daran, wie abstoßend sein Äußeres wirken konnte. Kein Wunder, dass sich kein weibliches Wesen für ihn interessierte. Nicht einmal die einheimischen. Wahrscheinlich hatte er recht. Ein derart robustes Mädchen, das an seiner hitzigen Art Gefallen finden könnte, gab es wohl nicht. Aber sein Bruder war eine wandelnde Sprengladung. Wenn er nicht hin und wieder zu kleinen Erfolgen kam, wäre es eine Frage der Zeit, bis es eine Katastrophe geben würde. Um das zu verhindern, hatte er sich auf das hässliche Spiel eingelassen. Immer in der Hoffnung, es sei nur vorübergehend. Aber inzwischen waren die nächtlichen Begegnungen mit unbedarften Touristinnen schon fast zur Gewohnheit geworden. Und das Risiko wurde nicht kleiner. Wenn eine von ihnen auf die Idee kam, über ihr Erlebnis zu reden, konnte es gefährlich werden.

»Was ist nun?« Tjark riss ihn aus seinen Gedanken. Mit vorgeschobenem Unterkiefer starrte er ihn herausfordernd an.

»Also gut. Ich werde sehen, was sich machen lässt. Aber nicht heute und morgen. Erst wenn feststeht, dass mit Vater alles so weit in Ordnung ist. Und wenn Mama hier allein die Stellung halten kann.«

»Okay.« Mit zufriedener Miene stieg Tjark die Treppe hinauf. Auf halber Höhe wandte er sich noch einmal um. »Bist doch mein bester Bruder.«

3
Spätsommer 1990

Die Fähre ließ den Dollart links liegen und folgte dem Lauf der Ems, am Neuen Seedeich entlang. Es schien, als nähme sie Kurs auf Delfzijl; die Industrieanlagen der holländischen Stadt tauchten über dem Bug des Schiffes auf. Kurz dachte sie daran, dass Joost dort den Transport der Ware nach Borkum vorbereitete. Schon bald würde die Ostfriesland den Kurs auf Nordwest ändern. Annie hatte sich nach draußen begeben und sich in den Fahrtwind gestellt. Sie genoss die Seeluft, den Geschmack nach Salz und Meeresalgen – oder was immer diesen unverwechselbaren Duft der Nordsee ausmachte, vernahm das Geschrei der Möwen, die der Fähre folgten, und schloss die Augen, um noch einmal in das Jahr 1985 zurückzukehren. Es lag nur fünf Jahre zurück, aber seitdem schien eine Ewigkeit vergangen zu sein.

Annie war den Windmöllers dankbar. Sie hatten sie aufgenommen und ließen sie, ohne etwas von ihr zu verlangen, ganz selbstverständlich in ihrem Haus wohnen. Natürlich machte sie sich im Haushalt nützlich. Was Gesine und Harro annahmen, ohne ein Wort darüber zu verlieren. Entgegen Annies Befürchtung hatte sich der alte Mann als harmlos erwiesen. Vielleicht nicht ganz, zeitweise litt er an Gedächtnisschwäche, und seine Schwester musste ihn gelegentlich an die einfachsten Dinge erinnern. »Das kommt von seiner Kopfverletzung«, hatte Gesine erklärt. »1967 in Berlin, bei der Demo gegen den Schah, als Benno Ohnesorg erschossen wurde, hat er einen Polizeiknüppel über den Schädel bekommen. Lag wochenlang im Koma. Seitdem ist er nicht mehr ganz richtig im Kopf. Um jede Uniform macht er einen großen Bogen. Polizisten sind Feindbilder für ihn.«

Rasch war Annie dazu übergegangen, Gesines alltägliche Anweisungen zu übernehmen. Mit Sätzen wie Vergiss dein Hörgerät nicht! Nimm deine Tabletten! Deine Brille steckt in der Brusttasche oder: Zieh die Jacke über, wenn du nach draußen gehst! kommandierte sie Harro schon bald durch den Tag. Während er bei seiner Schwester häufig unwillig grummelte oder ärgerlich das Gesicht verzog, nahm er von Annie jede Anweisung an und befolgte sie bereitwillig. Gelegentlich betrachtete er sie zweifelnd, als müsste er sich erst vergewissern, wer sie war. Aber dann huschte ein Lächeln über sein Gesicht und er nickte zufrieden. »Du bist ein gutes Mädchen«, ließ er dann verlauten. »Hast was Besseres verdient, als alten Leuten den Haushalt zu führen.« Wenn seine Schwester nicht in der Nähe war, fügte er flüsternd hinzu: »Ich kann dir eine Stelle besorgen. Musst nur sagen, wenn du was anderes arbeiten willst.«

Sie hatte ihn zunächst nicht ernst genommen, doch nach einer Woche begann sie sich danach zu sehnen, das Haus zu verlassen, einen Beruf zu haben und mit anderen Menschen zusammenzukommen. Schließlich ging sie auf sein Angebot ein, bezweifelte aber, dass Harro tatsächlich in der Lage war, ihr einen Job zu vermitteln.

»Welche Art Arbeit hättest du denn für mich?«, fragte sie, nachdem er ihr wieder einmal seinen Satz zugeraunt hatte.

»Ich war in der Gastronomie tätig«, verkündete Harro. »Habe noch gute Kontakte zum Tiffany. Ein Fischrestaurant. In der Nähe der Schweizer Kirche und der alten Bunker. Die suchen immer geschickte und hübsche Mädchen. Wenn eine Kellnerin oder eine Bardame so aussieht wie du, ist das gut fürs Geschäft. Glaube mir, manche Kneipe verdankt einen guten Teil ihres Umsatzes dem Aussehen ihres Bedienungspersonals.«

»Das kommt überhaupt nicht infrage«, empörte sich Gesine, als Annie beim Abendessen das Gespräch auf Harros Vorschlag brachte. »Von wegen Fischrestaurant. Tagsüber vielleicht, aber abends stehen da leichte Mädchen herum, und das Tiffany ist beleuchtet wie ein …« Sie verdrehte die Augen und schüttelte den Kopf.

»Wie ein Puff, wollte sie sagen.« Harro kicherte fröhlich. »Das ist aber nur äußerlich. Vielleicht hat Okko Wilken tatsächlich ein paar Hühner laufen. Aber in erster Linie ist er Restaurantchef. Du kannst da ganz seriös als Kellnerin arbeiten. Ich bin sicher, dass er dich sofort nehmen würde. Wir können ja mal zusammen …«

»Nichts da«, protestierte Gesine. »Ihr geht da nicht hin!« Ihre Augen blitzten Harro an. »Willst du das Mädchen als …«

»Natürlich nicht. Das Tiffany ist ein seriöser Laden. Als ich noch Geschäftsführer war …«

»Ist ziemlich lange her, Bruderherz. Und es waren andere Zeiten. Heute …«

»Ich kann es mir ja mal unverbindlich ansehen«, schlug Annie vor und blinzelte Harro zu. »Ich würde schon gerne wieder arbeiten. Auch, um ein bisschen zum Haushaltsgeld beizutragen.« Sie ließ ihren Blick durch die Küche schweifen. »Ihr schwimmt ja nicht gerade im Geld.«

»Ich finde, du solltest in deinem Beruf als Friseurin arbeiten«, stellte Gesine fest. »Das ist ein achtbares Handwerk.«

Es klang wie ein Schlusspunkt, und Annie hatte das Gefühl, gut daran zu tun, die Diskussion nicht zu vertiefen. Auch Harro zuckte nur mit den Schultern und schwieg. Damit war das Thema fürs Erste erledigt. Aber sie beschloss, sich bei Gelegenheit das Tiffany anzusehen. Friseurin hatte sie gelernt, weil dies der einzige Ausbildungsplatz am Ort gewesen war, der zur Verfügung gestanden hatte. In Aurich, Emden oder Leer in die Lehre zu gehen, hatte ihr Vater nicht zugelassen. Aber nun reizte sie die Aussicht, eine andere Welt kennenzulernen. Zumal diese – zumindest in Gesines Augen – etwas anrüchig erschien.

Später hatte sie bereut, nicht auf sie gehört zu haben. Aber das lag nicht an den Arbeitsbedingungen. Harro hatte Okko Wilken angerufen, und noch am selben Tag war sie zum Tiffany gegangen, kaum dass Gesine das Haus verlassen hatte, um einzukaufen. Der Chef des Etablissements engagierte sie sofort, und schon nach wenigen Wochen galt sie als der heimliche Star des Hauses. Mit Gesine und Harro kam sie überein, auszuziehen, sobald sie eine Wohnung gefunden hatte, denn sie verdiente gut bei Okko Wilken. Doch bevor sie ihren Plan verwirklichen konnte, machte ein Besucher des Tiffany ihr einen Strich durch die Rechnung.

Frerich Meiners war schon nicht mehr nüchtern, als er das Lokal betrat. Annie hatte Dienst an der Bar. Dort war gut zu tun, denn wie fast jeden Abend waren alle Hocker besetzt, und nicht wenige der überwiegend männlichen Gäste standen in der zweiten Reihe. Sie erkannte ihren Ex erst, als er die Theke erreichte und sie mit offenem Mund und aufgerissenen Augen anstarrte.

Beinahe wäre ihr der Cocktail aus der Hand gefallen, den sie gerade einem Gast servierte. In ihrem Kopf entstand sofort das Bild, das Frerich vor sich sehen musste. Seine Verlobte hantierte hinter dem Tresen einer anrüchigen Bar, war nach seinen Begriffen aufreizend gekleidet, geradezu aufgetakelt wie eine Nutte. Annie war, wenn sie Dienst hatte, tatsächlich sorgfältig geschminkt. Ihr Haar war aufwändig hochgesteckt, und sie trug ein eng anliegendes, schulterfreies schwarzes Kleid mit tiefem Ausschnitt. Dazu gehörte ein breiter, blutroter Schal, den sie jedoch wegen des hektischen Betriebes und der Wärme im Schankraum zu dieser späten Stunde abgelegt hatte. Instinktiv griff sie danach, um ihn sich über die Schultern zu legen. Er entglitt ihren Händen, sie bückte sich rasch und fing ihn auf. Die Bewegung gab einen tiefen Einblick in ihren Ausschnitt frei und sorgte für ein anerkennendes Raunen der männlichen Kundschaft.

Als sie aufblickte, hatte sich Meiners bereits umgewandt und drängte durch die Menge der Gäste in Richtung Ausgang. Annie wusste in dem Augenblick, dass er ihren Eltern berichten würde, was er gesehen hatte, um sich anschließend in der Dorfkneipe volllaufen zu lassen und dort dem einen oder anderen Saufkumpan mitzuteilen, in welchen Sumpf seine Verlobte geraten war. Und in ein paar Tagen würden er und ihr Vater im Tiffany auftauchen und sie zur Rückkehr in ihr Dorf überreden wollen. Sie würde Okko Wilken und seine Türsteher bitten, die Augen offen zu halten und diese Gäste gegebenenfalls vor die Tür zu setzen.

Meiners kehrte noch in derselben Nacht zurück. Und nicht in Begleitung ihres Vaters, sondern mit einem Schlägertyp, den er wohl irgendwo in der Stadt oder am Hafen aufgegabelt hatte. Die Männer mussten in der Nähe gewartet haben, bis sie ihren Dienst beendet hatte und das Restaurant verließ.

Wie immer warf sie einen Blick in die Runde, aber wie in jeder Nacht waren die Straßen leer. Die letzten Gäste waren längst davongewankt, die Emder Bordsteinschwalben hatten Feierabend, und rechtschaffene Bürger lagen schon lange im Schlaf. Nur ein kleines dunkles Etwas huschte an der Hauswand entlang und verschwand in der Einfahrt. Im nächsten Augenblick ertönte ein schrilles Fiepen und anschließend ein halblauter Fluch. Dann traten ihr plötzlich die Männer in den Weg. Ein großer, breitschultriger, bärtiger Typ mit einer schwarzen Kappe. Und Frerich. Er grinste verschlagen. »Wenn das deine Eltern wüssten«, stieß er mit schwerer Zunge hervor. »Töchterlein in einem Sündenpfuhl. Vom Alten gäb’s was hinter die Ohren.«

Instinktiv wich Annie zurück. Für Sekunden war sie durch den Schreck wie gelähmt, doch dann besann sie sich auf die einzige Fluchtmöglichkeit, die ihr blieb, zurück ins Tiffany. Hastig wandte sie sich um, doch der Hüne neben Frerich packte sie am Oberarm und schleuderte sie herum. Sie verlor das Gleichgewicht und stürzte aufs Pflaster. Frerich ließ sich auf sie fallen und packte ihre Haare. Gewaltsam drehte er ihren Kopf, sodass sie sein Gesicht direkt vor sich hatte und seinen Atem aus Bierdunst, Fisch und Zwiebeln roch. »Du kommst jetzt brav nach Hause«, zischte er. »Wir haben schließlich noch was vor. Hast du das vergessen, du Schlampe?«

»Das kannst du knicken. Ich komme nicht zu dir zurück.« Annie wand sich unter dem Gewicht ihres Ex. Abscheu und Ekel gaben ihr ungewohnte Kraft, sodass sie sich auf die Seite wälzen und Frerich von sich stoßen konnte. Schneller als er war sie wieder auf den Beinen. Doch schon packte der andere Typ von hinten ihre Ellenbogen und drückte sie hinter ihrem Rücken zusammen. Der Schmerz ließ sie einen erstickten Schrei ausstoßen. Der Mann umklammerte ihren Brustkorb und legte eine seiner Pranken auf Annies Mund.

Schon stand Frerich schwankend vor ihr und starrte sie böse an. »Das wollen wir doch mal sehen«, keuchte er und versetzte ihr eine Ohrfeige. »Ab sofort machst du nur noch, was ich sage, sonst setzt es Hiebe.«

Er wandte sich an seinen Kumpan. »Bring sie zum Auto!«

Sie wurde geknebelt, wie ein Schaf auf dem Weg zum Schlachter an Händen und Füßen zusammengebunden und auf die Ladefläche eines Transporters geworfen, der ganz in der Nähe geparkt war.

Im beginnenden Morgengrauen erreichten sie ihr Heimatdorf, die Männer trugen sie in Frerichs Wohnung und warfen sie im Schlafzimmer auf das Doppelbett. Durch die geschlossene Tür hörte Annie, wie sich der Hüne verabschiedete, kurz darauf erschien Frerich, in der Hand ein Küchenmesser. »Jetzt ein kleines Fickerchen, dann ein großes Nickerchen. Oder umgekehrt.« Kichernd durchtrennte er das Seil an Annies Füßen.

Meiners schloss sie ein, wenn er die Wohnung verließ. Er benutzte ein neues Versteck für den Ersatzschlüssel. Da er sich immer wieder vergewisserte, ob er noch an seinem Platz lag, hatte sie ihn nur unauffällig beobachten müssen und bald herausgefunden, wo er verborgen war. Er steckte zwischen den Seiten der Bibel, die Annies Vater seinem zukünftigen Schwiegersohn zur Verlobung geschenkt hatte. Doch als sie die Wohnung verließ und die Haustür erreichte, erhob sich ein riesiger schwarzer Hund, der sich vor ihr aufrichtete und sie drohend anknurrte. Dabei zeigte er nicht nur seine Zähne, sondern auch unübersehbare Geschlechtsmerkmale. Es gelang ihr nicht, das Tier zu beruhigen oder sich an dem Ungeheuer vorbeizudrücken.

Verzweifelt kehrte sie in die Wohnung zurück. Ihre einzige Verbindung zur Außenwelt war das Telefon. Ihre Eltern hatte sie bereits angerufen, doch ihr Vater sah in ihrer Gefangenschaft eine Strafe Gottes und riet ihr, zu beten und für ihre Sünden um Vergebung zu bitten. Auch die Chefin des Friseursalons mochte ihr nicht helfen, wegen Annies plötzlichen Verschwindens war sie schlecht auf sie zu sprechen. Freundinnen waren nicht erreichbar oder glaubten ihr nicht. Sollte sie die Polizei anrufen? Nein, wenn Frerich davon erfahren sollte, würde er sie grün und blau schlagen. Schließlich versuchte sie es bei Gesine Windmöller. Nachdem die zuerst ihrer Verärgerung über Annies Verschwinden und dann der Erleichterung über ihren Anruf Luft gemacht hatte, hörte sie sich die Geschichte kommentarlos an. Am Ende entstand eine kleine Pause, dann sagte sie: »Gib mir die Adresse! Wir holen dich da raus. Oder sollen wir die Polizei informieren?«

»Nein«, flehte Annie. »Keine Polizei! Das geht hier im Dorf sofort rum.«

»Also gut, wir kommen.«

»Aber der Hund!«, wandte Annie ein und erklärte, wie die Haustür bewacht wurde, wenn Frerich nicht da war.

Gesine sprach kurz im Hintergrund mit Harro. Dann meldete er sich am Telefon. »Was für eine Rasse? Hündin oder Rüde?«

»Männlich. Aber mit Hunderassen kenne ich mich nicht aus. Vielleicht ein Rottweiler?« Sie beschrieb das Tier, so wie sie es in Erinnerung hatte.

»Das ist gut. Das kriegen wir hin. Mach dir keine Sorgen.« Er legte auf, ohne sich zu verabschieden. Annie fragte sich, wie die beiden Alten es anstellen wollten, sie zu befreien. Einer Begegnung mit Frerich Meiners wären sie sicher nicht gewachsen. Die Vorstellung, er könnte Gesine verletzen oder Harro zusammenschlagen, beunruhigte sie zutiefst.

Doch schon am übernächsten Tag klingelte es, kurz nachdem Frerich das Haus verlassen hatte. Annie holte den Schlüssel aus seinem Versteck, drückte auf den Türöffner und zog sich eine Jacke über. Dann stieg sie zögernd die Treppe hinunter. Von unten hörte sie Stimmen. Das mussten Gesine und Harro sein. Eilig nahm sie die letzten Stufen. Als sie den Flur erreichte, stand die Haustür offen, der Hund war verschwunden.

»Komm«, rief Gesine, »wer weiß, wann dein – Kerl – wiederkommt.« Sie wartete mit ausgebreiteten Armen auf Annie. Harro hielt eine Leine, an deren Ende ein ähnlicher Hund wie Frerichs neue Bestie zerrte. Der umkreiste geifernd das Besuchstier und versuchte es zu bespringen. »Und ewig lockt das Weib«, rief Harro. »Geht schon mal zum Auto! Ich komme gleich nach.«

Wenig später saßen sie in Windmüllers Auto und fuhren die Dorfstraße entlang, auf der Ladefläche des Kombi hechelte die Hündin.

»Woher habt ihr die?« Annie deutete nach hinten.

»Ausgeliehen«, lachte Harro. »Von einem Freund. Hatte früher selbst mal eine. Allerdings zwei Nummern kleiner. War oft mühsam, sie vor Nachstellungen männlicher Artgenossen zu schützen. Aber wie man sieht, hat der Trieb ja auch sein Gutes.«

Gesine trat auf die Bremse, weil vor ihnen ein Mann auf die Fahrbahn getreten war, um die Straße zu überqueren. Er hob die Hand und zeigte den Mittelfinger. Annie schrie auf und rutschte nach unten, um nicht gesehen zu werden. Aber Frerich hatte sie bereits erkannt. Mit wutverzerrtem Gesicht näherte er sich dem Wagen.

Die Erinnerung an die Szene ließ Annie unwillkürlich lächeln. Wie in einem Kriminalfilm hatte Gesine das Steuer herumgerissen und Gas gegeben. Mit Haaresbreite war der Wagen an Frerich vorbeigeschossen. Harro hatte begeistert Beifall geklatscht.

»Wohin fahren wir?«, fragte Annie, als sie das Ortsschild passierten. »Ich möchte euch nicht in Schwierigkeiten bringen. Bestimmt holt er jetzt seinen Kumpel, und mit dessen Auto verfolgen sie uns.«

»Wir nehmen die andere Richtung«, sagte Gesine und bog in Richtung Norden ab. »Nach Greetsiel. Da hat Harro – haben wir ein Segelboot liegen. Dort kannst du erst mal übernachten. Und dann sehen wir weiter.«

»Ich möchte eigentlich nach Holland«, flüsterte Annie. »Hier fühle ich mich nicht mehr sicher.«

»Zwei gute Ideen!«, pflichtete Harro bei. »Wir bringen dich mit dem Boot über die Ems. Das kriegt keiner mit. Und es gibt keine Spur, der dieser – Wüstling – folgen kann. Morgen Nachmittag kannst du schon in Delfzijl sein. Fragt sich nur, was du da machen willst. Du musst doch irgendwo unterkommen. Und wieder eine Arbeit finden. Kannst du Holländisch?«

»Ich werde schon klarkommen. In der Gastronomie werden immer Leute gesucht. Bestimmt auch in Holland. Als Kind war ich in den Ferien öfter drüben. Bei entfernten Verwandten meines Vaters. Aber da will ich nicht hin. Die sind völlig abgedreht. Streng religiös. Aber ein bisschen Holländisch kann ich noch, und was mir fehlt, kann ich lernen. Außerdem sprechen die meisten Holländer Deutsch.«

»Wir könnten deinen Segelkameraden anrufen, Harro«, schlug Gesine vor. »Dieser Holländer, mit dem du damals nach Texel gesegelt bist. Wie hieß der noch?«

»Ich kenne keinen Holländer«, widersprach Harro. »Auf Texel bin ich wohl ein paar Mal gewesen, aber mit Okko Wilken. Und zwei Mädels aus dem Tiffany. Das waren tolle Zeiten. In den Siebzigern. Die Holländer waren ja damals schon viel freizügiger. Da ging immer die Post ab. Wir haben uns bekifft und die Sau rausgelassen. Er begann zu singen. Oooohh! Yes sir, I can boogie, but I need a certain song, I can boogie, boogie woogie all night long. Ooooh! Ja, wir haben die Nächte durchgemacht. Und nicht nur Boogie Woogie …«

»Lass den Quatsch!«, schimpfte Gesine. »Denk lieber darüber nach, wie der Holländer hieß!«

Harro zuckte mit den Schultern. »Kann mich nicht erinnern. Du musst dich irren, Schwesterherz.«

Gesine schüttelte den Kopf. »Ich weiß genau, dass ich recht habe. Ich sehe ihn noch vor mir. Irgendwas mit S. Oder T. Und der Vorname hatte den gleichen Anfangsbuchstaben wie der Nachname. Tim, Tilo, oder so ähnlich. Nein, Tiele.« Sie schlug mit der Hand auf das Lenkrad. »Tiele Theunissen. So hieß er. Und er kam aus Delfzijl. Erinnerst du dich nicht?«

»Ach, du meinst Maigret!«, lachte Harro. »Das war ein verrückter Kerl. Hat immer von Georges Simenon erzählt. Angeblich hat der seinen Kommissar in einem Café in Delfzijl erfunden. Deshalb haben sie ihm da ein Denkmal gebaut. Also dem Maigret, nicht dem Simenon. Und bei uns hieß Theunissen wegen seiner Geschichten nur Maigret.«

Greetsiel kannte sie von einem Schulausflug in die Krummhörn. Damals hatten sie den gelb-roten Pilsumer Leuchtturm besichtigt und sich gegenseitig vor den Zwillingsmühlen fotografiert, waren durch die Straßen des Fischerdorfes gestromert und hatten am Kutterhafen Möwen gefüttert. In einem der Andenkengeschäfte des malerischen Ortes hatte sie von ihrem knappen Taschengeld ein Muschelkästchen und einen winzigen Seehund aus echtem Fell erstanden. Als sie ihre Erwerbungen voller Stolz zu Hause vorführen wollte, war sie vom Vater wegen des unnützen Tands geohrfeigt worden.

Am Schulweg fanden Windmöllers einen Parkplatz für den Wagen. Während Harro sich auf den Weg zum Hafenmeister machte, um mit ihm über den Übernachtungsgast zu reden, führte Gesine sie zu dem Teil des Hafens, an dem die Sportboote lagen. Vor einer der Segelyachten, die für Annie alle ähnlich aussahen, blieb sie stehen. Am Bug des Bootes prangte der Name Friesengeist. »Das ist sie. In der Kajüte kannst du bequem übernachten. Morgen Vormittag kommen wir wieder und fahren gegen Mittag raus. Wir haben hier wegen der Schleuse jederzeit Wasser unterm Kiel, aber wenn wir auf die Nordsee wollen, müssen wir trotzdem auf die Tidenzeiten achten.« Sie entfernte eine Sicherungskette, kletterte an Bord und reichte Annie die Hand. »Komm!«

»Fährst du mit?« Annie beunruhigte die Vorstellung, mit Harro allein auf hoher See zu sein.

Gesine nickte. »Ich muss. Bei meinem Bruder setzt manchmal das Gedächtnis aus. Zurzeit weniger. Seit du da bist, hat er seine Sinne ziemlich gut beieinander. Aber ich lasse ihn nicht mehr alleine aufs Wasser. Deswegen wird das Boot auch verkauft. Hat ohnehin zu viel Geld gekostet.«

»Wir machen nur kurz fest«, kündigte Gesine an. »Damit wir im Hafen gar nicht erst registriert werden. Falls dein – Verlobter – doch auf die Idee kommen sollte, nachzufragen, ob hier ein Boot aus Deutschland angelegt hat.« Sie drückte Annie einen Zettel in die Hand. »Hier ist die Adresse von Tiele Theunissen. Er weiß Bescheid und wird dir weiterhelfen. Wir wünschen dir viel Glück. Vielleicht kannst du irgendwann mal anrufen und uns berichten, wie es dir geht.«

Gesine und Harro hatten Tränen in den Augen, als sie Annie auf dem Hafenkai zurückließen und wieder Kurs auf Greetsiel nahmen. Annie winkte, bis sie ihre Gesichter nicht mehr erkennen konnte. Dann wandte sie sich um, atmete tief durch und machte sich auf den Weg in die Stadt. Ihr Ziel war die Botterlaan.

Theunissen wirkte jünger als Harro Windmöller, man sah ihm den Wassersportler an. Das zerfurchte gebräunte Gesicht spiegelte Wind und Wetter der Nordsee, und aus wachen Augen schien die Farbe der Ozeane zu leuchten. Zu Annies Überraschung begrüßte er sie auf Deutsch. »Herzlich willkommen, junge Frau. Harro hat Sie angekündigt. Und er hat nicht übertrieben. Ein herzerwärmendes Wesen kommt zu dir, hat er gesagt.« Mit einer einladenden Geste trat er zur Seite. »Kommen Sie rein!«

Ihr neues Leben nahm rasch Gestalt an. Theunissen war geschieden, die meiste Zeit des Jahres verbrachte er auf den Weltmeeren. Schon bald nach Annies Ankunft verabschiedete er sich zu einem Segeltörn nach Norwegen und überließ sie seinen erwachsenen Kindern, die ein paar Häuser weiter lebten. Marijke und Joost nahmen Annie mit offenen Armen auf. Wieder kümmerte sich ein Geschwisterpaar um sie. Aber diesmal auf ganz andere Weise.

4
Spätsommer 1990

Die Ostfriesland näherte sich dem Borkumer Anleger. Auf dem Deck wurde es unruhig. Annie beobachtete das Anlegemanöver. Schnell hatten die Matrosen schwere Taue auf den Kai geworfen und die Fähre festgemacht. Schon wurde die Rampe für die Fahrzeuge herabgelassen. Motoren starteten, die ersten Autos rollten auf die Insel, und die Passagiere drängten zu den Anlegebrücken. Annie ließ sich Zeit. Ihr Zimmer im Hotel war reserviert. Ihre eigentliche Aufgabe würde erst beginnen, wenn sie einen Geschäftspartner gefunden hätte.

Im Strom der Reisenden erreichte sie die Inselbahn, deren farbenfrohe Waggons bereits auf den Ansturm gewartet hatten. Beim Einsteigen griff ein junger Mann nach ihrer Reisetasche. »Darf ich Ihnen helfen?«

»Sehe ich hilfsbedürftig aus?«, konterte Annie und registrierte freundliche braune Augen in einem schmalen Gesicht unter dunkelblonden Haaren, die bis auf die Schultern fielen. Und eine sportliche Figur. Er erinnerte sie an Thomas Anders, als der noch schlanker war und lange Haare hatte. Ein hübscher Junge, dachte sie. Der könnte mir gefallen. Ein bisschen zu jung, aber für einen Urlaubsflirt …

Er schüttelte den Kopf. »Nein, überhaupt nicht. Trotzdem würde ich Ihnen gern helfen. Wenn Sie zum ersten Mal auf unserer Insel sind, könnte ich Ihnen zum Beispiel ein paar besonders schöne Ecken zeigen. Oder die bekannten Sehenswürdigkeiten erklären. Was immer Sie wollen.«

»Und welche Gegenleistung erwarten Sie?«

»Keine«, antwortete er, verstaute ihre Reisetasche und strahlte sie an. »Wir leben von unseren Gästen, und wenn ich dazu beitragen kann, dass es Ihnen bei uns gefällt, bin ich zufrieden.« Er deutete auf eine Sitzbank. »Bitte!«

Annie ließ sich nieder und musterte den attraktiven Jungen, der so gar nicht nach einem Ostfriesen aussah. Je länger sie ihn betrachtete, desto besser gefiel er ihr. Derart feine und harmonische, fast weibliche Gesichtszüge hatte sie noch nie bei einem Mann gesehen. Gleichwohl empfand sie ihn als eine Spur zu forsch. Aber vielleicht hatten Jungen wie er wenig Gelegenheit, um sich hübsche Touristinnen zu angeln, die nur kurze Zeit auf der Insel ...

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Friesische Rache" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen