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Friesenmorde

Inhalt

  1. Cover
  2. Über den Autor
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Land, Leute und Leichen
  6. Inselschönheit
  7. 1
  8. 2
  9. 3
  10. 4
  11. 5
  12. 6
  13. 7
  14. 8
  15. 9
  16. 10
  17. 11
  18. 12
  19. 13
  20. 14
  21. 15
  22. 16
  23. 17
  24. 18
  25. 19
  26. 20
  27. 21
  28. Jadedistel
  29. 1
  30. 2
  31. 3
  32. 4
  33. 5
  34. 6
  35. 7
  36. 8
  37. 9
  38. 10
  39. 11
  40. 12
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Über den Autor

Theodor J. Reisdorf, geboren 1935 in Neuss, reiste quer durch Europa und Nordafrika, arbeitete in vielen Berufen, machte in Wilhelmshaven das Abitur und studierte Wirtschafts- und Sozialwissenschaften in Hamburg, Köln und Mannheim. Nach dem Abschluss zum Dipl.-Handelslehrer folgte die zweite Staatsprüfung in Bielefeld mit anschließender Lehrtätigkeit in Aachen, Norden und Emden. 1997 wurde er als Oberstudienrat pensioniert. Er wohnt in Ostfriesland und schreibt als »Meister des Friesenkrimis« spannende Romane über Land, Leute und Leichen. Seine Geschichten sind ein mörderisches Muss für alle Nordsee-Fans.

 

»Jan, Ihr Aufsatz spricht für Sie. Er ist typisch. Feingeistiges ist absolut nicht Ihre Kost, selbst wenn ich es Ihnen mit einem silbernen Teelöffel einflößen würde. Ihre Sprache ist ungeschliffen, die Verben sind farblos. Ich will es kurz machen. Ihre Arbeit hat das Niveau Ihres Benehmens in dieser Klasse.«

Jan Fisker war ratlos. Die Oberstudiendirektorin Hanna Hetting, Leiterin des Nordseegymnasiums, unterrichtete in seiner Klasse die Fächer Deutsch und Englisch. Er kam einfach nicht mit ihr klar. Immer wieder schikanierte sie ihn, und das nur, weil er nicht alles schluckte, was diese vertrocknete Jungfer kraft Amtes ihnen erzählen durfte. Gelegentlich versprühten ihre dunklen Augen freundlichen Charme, wirkte sie kumpelhaft und weich, und die Schüler und Schülerinnen fühlten sich ihr nahe, dann liefen die Unterrichtsstunden ohne Magendruck und Ängste.

Aber blitzartig konnten sich die Gesichtszüge der Oberstudiendirektorin ändern. Dann legte sich Falschheit um die großen Backenknochen, und Frau Hanna Hetting mit ihren kleinen vorstehenden Zahnreihen erinnerte die Schüler und Schülerinnen an eine Ratte. Selbst den Angepassten gelang es nur schwer, an dieser platten, knochigen Lehrerin mit dem angegrauten Haar Herzliches zu entdecken.

Bestrafte sie Schüler, dann zeigte sie ihnen deutlich ihre Abneigung. Dabei zog sie das rechte Bein leicht hinkend nach, beugte den platten Oberkörper vor und starrte mit einem Rattenblick irgendwo auf einen Punkt an der Decke, um ihren Hass nicht Auge in Auge loszuwerden.

Nur sehr wenige Eltern nahmen die Aussagen ihrer Kinder ernst, die oft nur mit Widerwillen den Unterricht der Oberstudiendirektorin besuchten. Für sie lag die Schuld der Abneigung zuerst einmal bei ihren eigenen Kindern, denn der Name der Frau Hanna Hetting war in der Kleinstadt Esens so etwas wie ein Markenartikel. Er bürgte für Tüchtigkeit wie Persil für Weiß und Maggi für Würze. Der Ostfriesenkurier brachte ihre wohlgefeilten Reden und Ansprachen ungekürzt, und die Zitate großer Dichter und Denker hieben Achtungskerben in die Köpfe der schlichten Zuhörer. Ihr Ansehen und ihr Ruhm wurden noch dadurch bereichert, dass sie als einzige Dame, dafür aber beherrschend, Mitglied des Kirchenvorstandes von St. Peter war.

Genauso wie die Lehrerin Hanna Hetting ihr Gesicht in Sekunden vom Hexenhaften in das Engelhafte liften konnte, gelang es ihr, ihre Stimme vom schrillen Keifen in einen jubilierenden, fast entweltlichten Wohlklang schwingen zu lassen; wenn sie drei Schritte in der Kirche vor den Chor trat, um ihren Solopart vorzutragen, fand ihre Stimme die Bewunderung der Besucher von St. Peter.

Da das christliche Wirken der Lehrerin in der kleinen Stadt vor dem Deich so reichhaltig war und sie zu einer Autorität der Erziehungskunst wurde, fand auch die Bezirksregierung ein Amt, für das Hanna Hetting wie geschaffen war. Sie gab mit vollen Händen ihr großes Wissen an die Junglehrer weiter, die sie betreute, ausbildete und kraft ihres Amtes auch beurteilte. Denn diese verantwortungsvolle Aufgabe, Junglehrern zu zeigen, wie man die Jugend leitet und lenkt, gehörte in erfahrene Hände.

Die Tüchtigkeit der 42-jährigen Hanna Hetting stand deshalb nie infrage. Gesagt werden muss allerdings, dass immer dann, wenn die Oberstudiendirektorin zu einer beherrschenden Figur wurde, jeweils ein Mann betreten und enttäuscht den Platz räumen musste.

Das verhielt sich auch so, als schließlich nach vielen Intrigen der Leiter des Nordseegymnasiums seinen Schreibtisch räumte, um in der Stader Gegend einen Neuanfang zu finden, denn die Oberstudiendirektorin Hanna Hetting hatte mittlerweile ihr Verbindungssystem so weit ausgebaut, dass sie ihr hinkendes Bein auch in die Dienststuben der Bezirksregierung schleppte und sich dort Hilfe und Gehör verschaffte. Verbittert verließ ihr Vorgänger mit Frau und fünf Kindern die Stadt.

Der Machtkampf hatte sich über Jahre hingezogen. Als Hanna Hetting sich dann triumphierend im Direktorzimmer einrichtete, sann sie nach Rache. Sie verhinderte die Beförderung der Lehrer, die auf der Seite des unterlegenen Schulleiters gestanden hatten. Für ihre angepassten Mitstreiter begannen erfolgreiche Schullaufbahnen.

Auch finanziell besaß die Oberstudiendirektorin Hanna Hetting satte Rücklagen. Außer dem Jagdschlösschen, in dem sie mit ihrer Mutter, vom Dienstpersonal umsorgt, wohnte, besaß sie noch ein ererbtes Haus, das ihr neben Miete auch noch den Lehrerklatsch aus dem Hinterfeld ihres Kollegiums lieferte.

An der Lerchenwiese besaß sie mehrere Grundstücke, und der Landwirt Hininga bezahlte Pacht für den Deichhof.

Landwirt Hininga lebte mit Frau und Sohn Udo alleine auf dem Deichhof. Er hatte hohe Summen in das technische Gerät investiert, und da seine Frau und sein Sohn, soweit sie nicht anderweitig ausgelastet waren, auch auf den Feldern mitarbeiteten, brachte das Familienunternehmen, nach Abzweigung der Pacht, einen recht ordentlichen Gewinn ein. Sohn Udo besuchte das Nordseegymnasium in Esens. Er war ein guter Schüler – bis Dr. Sanders nach Oldenburg versetzt wurde und Frau Hanna Hetting die Klasse 13 c übernahm. Bereits nach den ersten Klassenarbeiten ließ Udo völlig unerwartet seinen Wunsch fallen, Tiermedizin zu studieren. Die Eltern waren entsetzt. Ihr Sohn konnte doch so kurz vor dem Abitur nicht einfach aufgeben!

Landwirt Hininga musste ein klärendes Wort mit der Oberstudiendirektorin sprechen. Die Schulleiterin empfing ihren Pächter mit dem üblichen Blick von oben herab, und kaum saß der Landwirt auf einem zurechtgerückten Stuhl vor dem breiten Schreibtisch, als Frau Hanna Hetting direkt begann:

»Es ist die Sprache. Bei Udo wirkt noch das Ländliche nach. Ihm fehlt der Schliff.«

Der Landwirt fühlte Ärger in seinem Innern, darum warf er ein: »Frau Direktorin, Dr. Sander war mit Udo sehr zufrieden.«

Der Blick der Hanna Hetting stieg hoch. Hininga sah die flachen Zahnreihen, er sah, wie Empörung das Gesicht verdunkelte. »Aber ich bin nicht Dr. Sanders! Dr. Sanders ist – und ich sage bewusst Gott sei Dank – nicht mehr an unserer Schule. Die Jugend muss gefordert werden. Wer das Abitur bekommt, muss sich dem edlem Denken der Bildung verschreiben und Kulturarbeit leisten. Es müssen Bastionen gegen den Kulturzerfall gebaut werden. Herr Hininga, Sie sind ein ausgezeichneter Pächter. Lassen Sie Ihren Sohn in Ihre Fußstapfen treten, denn den Anforderungen einer geistigen Elite ist Udo nicht gewachsen.«

Hininga war verwirrt. Verlegen schaute er zu Boden, ließ seine Prinz-Heinrich-Mütze durch seine schwitzenden Hände rollen. Er merkte, wie ein Gemisch von Respekt, Wut und Hass in ihm hochstieg. Hininga ging. Grußlos trat er auf den Flur.

Auf dem Heimweg überdachte er alles noch einmal, und seine Wut wurde immer stärker. Sie ist eine gefühllose alte Zicke, dachte er. Nichts Menschliches hat sie an sich. Erst recht nichts Frauliches. Die müsste ein Mann mal so richtig durch…prügeln, christlich ausgedrückt.

Die Schulkrise seines Sohnes warf den Landwirt aus seiner friedlichen Bahn. An diesem Abend saß er im »Deichwinkel«. »Oka, bring mir noch ein Bier und einen Korn!«, sagte er zu der Wirtin, als er aus seinen Gedanken hochfuhr.

Der »Deichwinkel« war an diesem Abend nur spärlich besetzt. Zwei ihm unbekannte Trimmer in Trainingsanzügen hockten am Tresen, und in einer Ecke spielten ein paar Männer Skat.

Der »Deichwinkel« lag tatsächlich in den Seedeich eingeklemmt. Die Wirtin hatte bisher der Versuchung widerstanden, den Gasthof zu vergrößern oder zu modernisieren. Dem »Deichwinkel« wurde die alte ostfriesische Gemütlichkeit erhalten.

Hinter dem Tresen war die Wand mit den echten blauen Kacheln gefliest, die Hirten- und Schiffsmotive zeigten. Oka hatte auch noch den alten Tresen in Gebrauch, und die Seebilder mit »Fischkutter auf bewegter Nordsee«, die ihr damaliger Stammgast Foko Foppen ihr als Gegengabe für viele unbezahlte Zechen anvertraute, hingen an derselben Stelle, und Oka rückte sie auch nicht für fünfstellige Angebote heraus. »Das war hier so, das bleibt hier so«, sagte die 65-jährige Oka zu ihren Gästen.

Als Oka dem Landwirt Hininga das Bier und den Korn hinstellte, sah sie, wie Hininga seinen Blick hob und sie seltsam fremd anschaute. Hininga sagte zu ihr:

»Du, Oka, wenn das Weib den Udo schafft, dann bringe ich sie um!«

Dr. Scheiber hatte sich weit über die berufliche Norm am Nordseegymnasium engagiert. Die meisten Nachmittage hatte er gemeinsam mit dem Vorgänger der Hanna Hetting im Büro verbracht. Für den Leiter der Schule war Dr. Scheiber eine große Hilfe gewesen, da er sich in dem Gestrüpp des Verwaltungs- und Schulgesetzes bestens auskannte. Gemeinsam hatten sie auch gegen die hinterlistigen Intrigen der aufwärtsstrebenden Studiendirektorin Hanna Hetting gekämpft, aber dann war der Schulleiter nach Stade versetzt worden. Dr. Scheiber hatte seine ganze Hoffnung auf eine Beförderung zum Studiendirektor gesetzt.

Dr. Scheiber war verheiratet und besaß einen Sohn. In Anbetracht der sich abzeichnenden Beförderung und der damit verbundenen Gehaltserhöhung hatten die Scheibers sich für einen Grundstückskauf und für den Hausbau entschieden und sich mutig verschuldet.

Um die Finanzierung des Eigenheimes zu sichern, unterrichtete Dr. Scheiber als Dozent der Volkshochschule mehrmals in der Woche in den Räumen des Nordseegymnasiums.

Dr. Scheiber betrat das Lehrerzimmer, um einen Blick in sein Brieffach zu werfen. Er nahm den blauen Briefumschlag heraus, schaute auf den Absender und las Bezirksregierung Weser-Ems. Hastig riss er den Umschlag auf und blickte überrascht auf den formularhaften Brief. Er war allein im Lehrerzimmer, und deshalb las er halblaut:

Sehr geehrter Herr Dr. Scheiber,
leider müssen wir Ihnen mitteilen, dass wir für die Besetzung der Direktorenstelle am Nordseegymnasium in Esens einen anderen Bewerber vorgezogen haben. Wir danken für Ihre Bewerbung.

Unterschrift: Leitender Oberschulrat.

Dr. Scheiber spürte, wie sein Mund trocken wurde. Für Sekunden überkamen ihn Schwindelgefühle. Doch dann fing er sich, und laut sagte er: »Zehn Jahre harte Arbeit für die Katz!«

Die Tür des Lehrerzimmers öffnete sich. Jenssen, der Hausmeister des Nordseegymnasiums, trat ein. Der grauhaarige Jenssen grüßte und sagte: »Dr. Scheiber, ich habe heute den neuen Schreibtisch in das Dienstzimmer schaffen lassen. Wann kommt denn die Ernennung zum Studiendirektor?«

Dr. Scheiber reichte ihm den Brief, den er noch in den Händen hielt. Jenssen las. Er war ehrlich entsetzt. »Dieses Weib!«, stieß er hervor.

»Ich habe mich so sicher gefühlt«, sagte Scheiber leise. »Wer hat sich denn da noch beworben?«

»Ich habe gehört, dass sich Herr Brosser beworben hat.«

»Der hat doch acht Dienstjahre weniger als ich!«, rief Dr. Scheiber empört. Er steckte den Brief ein. »Die Alte könnte ich umbringen«, sagte er leise.

Dietmar Schaumburg hatte sich schnell in seinem Beruf zurechtgefunden. Er musste als Studienreferendar zwei Vormittage in Emden das Studienseminar besuchen und am Nordseegymnasium zehn Stunden in der Woche unterrichten. In Emden gab es theoretische Studien in Pädagogik und Beamtenrecht, und jede Unterrichtsstunde musste er schriftlich vorbereiten und abgeben, denn seine Mentorin, die Oberstudiendirektorin Hanna Hetting, war eine strenge Meisterin.

Sie schenkte Dietmar Schaumburg nichts. Da durfte kein Komma an der falschen Stelle stehen. Kam eine kleine Unkorrektheit vor, dann ging ihr Blick zur Decke. »Aber Herr Schaumburg, an welcher Schule machten Sie Ihr Abitur? Das geht doch nicht. So nicht, Herr Schaumburg. So nicht. Nicht mit mir.«

Hanna Hetting saß sehr oft in einer der hinteren Bänke, um zu beobachten, ob Dietmar Schaumburg den Unterrichtsstoff auch mit der notwendigen Härte und Korrektheit den Schülern darbot.

Dietmar Schaumburg hatte feste Vorstellungen vom Lehren und Lernen, aber die Oberstudiendirektorin Hanna Hetting engte ihn immer mehr ein. Er spürte, wie die Schüler und Schülerinnen hoffnungsvoll von ihm eine Mitstreiterrolle erwarteten. Jedoch verstand es Hanna Hetting immer wieder, gelegentlich auch vor der Klasse den Referendar in die Anpassung an ihre Wünsche und Vorstellungen zu treiben. Sie zensierte seine Klassenarbeiten nach, sorgte in den »Pädagogischen Gesprächen« für die Änderungen seiner Noten. Schaumburg musste sich beugen, wollte er nicht seinen Abschluss in Gefahr bringen.

Er bewohnte eine kleine Mietwohnung, von der man bei ihm zu Hause in Dortmund nur träumen konnte. In dem Fischerdorf Neuharlingersiel lag das Haus von Kapitän Oldewurtel in der U-förmigen Häuserzeile, die den Fischerhafen säumte. Vom Giebelfenster des alten Backsteinhauses blickte er auf die an schweren Tauen befestigten Fischkutter und auf den Seenotrettungskreuzer Otto Schüllicken.

Die Miete war nicht hoch, allerdings kam der Mietvertrag nur unter der Bedingung zustande, dass er Maike, der 17jährigen Tochter des Kapitäns Oldewurtel, bei den Schulaufgaben half. Aber es war keine Nachhilfe. Im Gegenteil, Maike war Klassenspitze und sollte es bleiben. Auf Maike waren nämlich neue Aufgaben zugekommen. Sie musste den Vater mitversorgen, da sich ihre Mutter vor nur wenigen Monaten dem Krebs ergeben musste.

Kapitän Oldewurtel und Dietmar Schaumburg verstanden sich auf Anhieb. Es imponierte dem Kapitän, dass der junge Mann standhaft eine Menge Küstenkorn aus den schmalen Gläschen nehmen konnte, ohne dabei lallend den Platz zu verlassen.

Am Nordseegymnasium hatte Dietmar Schaumburg Hilfe bei den älteren Kollegen gefunden. Wichtige Tipps für den Unterricht und gelegentlich Hinweise für die notwendige Anpassung an die Wünsche und Vorstellungen der Oberstudiendirektorin Hanna Hetting gab es bei den Stammtischabenden, an denen die Kollegen den Schulalltag bewitzelten und die von allen Teilnehmern gehasste Schulleiterin mit viel Humor auseinandernahmen.

Sie alle fühlten sich ohnmächtig, der »Alten« die Macht zu beschneiden. Die gestandenen Pädagogen saßen am Tisch wie Verschwörer, um sich vor den gemeinen Angriffen ihrer Chefin Hanna Hetting mit gegenseitigen Absprachen zu schützen. Sie hatten ihre Autos weitab vom Lokal geparkt, denn abends traten die dünnen und staksigen Beine der Oberstudiendirektorin die Pedale des Hollandrades, und das eckige Gesicht suchte nach den ihr bekannten Autokennzeichen ihrer Lehrer vor den Gaststätten.

»Wo kämen wir da hin?«, war ihr regelmäßiger Kommentar zu Stammtischrunden. »Wir Pädagogen tragen eine große Verantwortung vor der Jugend und können uns abends nicht in Kneipen setzen!«

Maike Oldewurtel blieb nicht nur Klassenbeste, sondern sie fand auch neuerlich das Lob der Frau Oberstudiendirektorin.

Maike war ein selbstsicheres Mädchen; langes blondes Haar umrahmte das offene Gesicht. Manchmal wurde deutlich, dass die Oberstudiendirektorin sich zu Maike hingezogen fühlte. Sie hatte sogar geduldet, dass Maike Jeans trug – sie betonten den gut gewachsenen Körper, die langen Beine –, obwohl die Hetting sonst Jeans geradezu verabscheute.

Auch Dietmar Schaumburg hatte einiges für Maike übrig. Sie stellten fest, dass sie dieselbe Musik mochten. Sie unterhielten sich gern miteinander, und bald teilten sie einen großen Teil ihrer Freizeit.

An einem dieser Nachmittage, als beide sich ihrer Lieblingsmusik hingaben, legte Maike plötzlich ihre Arme um seine Schultern. Für Maike und Dietmar begannen unvergessliche Stunden.

In Neuharlingersiel sah man Maike Oldewurtel und den jungen Lehrer Dietmar Schaumburg Hand in Hand den Deich abschreiten. Im Meerwasserhallenbad waren beide Stammbesucher. Nach Trimmrunden im Brust-, Rücken- oder Kraulstil ließen sie ihrem Übermut freie Bahn.

Am Nordseegymnasium übertrug die Oberstudiendirektorin Hanna Hetting dem Referendar Dietmar Schaumburg den Deutschunterricht der Klasse, die Maike besuchte. Hanna Hetting musste sich um Verwaltungsarbeiten kümmern.

An diesem Nachmittag liefen Maike und Dietmar den Deich hinab. Dietmar Schaumburg erreichte als Erster den Sandstrand, umlief im Slalomstil die leeren Strandkörbe und versteckte sich hinter einer leichten Sanddüne. Maike Oldewurtel rannte hinter ihm her, und als sie ihn fand, ließ sie sich neben ihn in den Sand fallen. Dietmar zog Maike an sich und küsste sie.

Dann streifte er ihr den dunkelblauen Pullover über die hochgestreckten Arme. Er öffnete den Hakenverschluss des Büstenhalters und presste seine Lippen auf Maikes kleine, feste Brüste.

Die Oberstudiendirektorin lehnte ihr Hollandrad an das Deichtor und schritt wie ein Soldat über das Gras, den flachen Oberkörper vorgebeugt. Den Kopf hoch erhoben, näherte sie sich den leeren Strandkörben. Das war kein Spaziergang, das war mehr ein Sturmlauf.

»Das ist ja wohl die Höhe!«, zischte Frau Hanna Hetting, als sie das junge Paar sah. Hass strahlte in ihren Augen, als sie sagte: »Herr Referendar Schaumburg, das geht zu weit! Eine Schülerin Ihrer Klasse!«

Dietmar und Maike schreckten aus ihrer intimen Umarmung auf und glichen für Sekunden leblosen Puppen. Dietmar schaute an den Strandkörben vorbei auf die Schulleiterin, die wie ein hässliches Insekt im gelben Sand dem Grün des Deiches entgegenschritt, das rechte Bein stark nachziehend. Maike Oldewurtel streifte den Pullover über und schluchzte.

Als Dietmar Schaumburg am nächsten Morgen das Lehrerzimmer betrat, schritt er geradewegs auf den Tisch am vorderen Fenster zu, an den sich seine Freunde vom Stammtisch vor dem Schulbeginn niedergelassen hatten. Er kam nicht bis zu seinen Kollegen, denn plötzlich stelzte ihm die Oberstudiendirektorin Hanna Hetting entgegen.

Ihre dunklen Augen triumphierten. »Herr Schaumburg, folgen Sie mir in mein Büro!«

In der Pausenhalle standen noch die Schüler und Schülerinnen und warteten auf das Klingelzeichen, als das ungleiche Gespann vorbeizog. An Bemerkungen fehlte es nicht, denn man sah dem verkniffenen Gesicht der Hetting an, dass sie Gift und Galle versprühen wollte.

Dietmar Schaumburg saß vor dem wuchtigen Schreibtisch wie ein Angeklagter. Er sah die Rattenzähne, die sie beim Sprechen freilegte.

»Herr Schaumburg, haben Sie für Ihr Tun eine Erklärung?«

Dietmar Schaumburg, der seine Maike liebte, war bereit, Konsequenzen zu ziehen. Er sah sich nicht als Jungmädchenschänder. Ruhig antwortete er: »Wenn Sie mit ›Tun‹ das meinen, was Sie gestern Nachmittag gesehen haben, dann muss ich sagen, dass ich entsetzt darüber bin, dass Sie uns nachschnüffeln.«

Hanna Hetting zitterte fast vor Wut. »Das ist eine Unverschämtheit! Ich werde mich beim Leitenden Oberschulrat über Sie beschweren! Über Ihr schändliches Verhalten mit einer Schülerin unserer Schule habe ich den Oberschulrat bereits informiert. Ich kann Ihnen sagen, dass auch er äußerst entsetzt ist. In seinem Namen teile ich Ihnen mit, dass Sie vorerst vom Dienst freigestellt sind. Alles Weitere erfahren Sie schriftlich. Sie können gehen.«

Auch Maike Oldewurtel war bereit, den Kampf aufzunehmen. Sie hatte ihrem Vater den Vorfall geschildert. Kapitän Oldewurtel hatte wütend reagiert. Er wollte einen Leserbrief an den Kurier richten und die Hetting beschimpfen. Aber es gelang Maike, den Vater zu beruhigen. Sie war froh, dass er auf ihrer Seite stand.

Die Mitschülerinnen von Maike Oldewurtel bemerkten, wie still sie an diesem Schultag war, aber ihnen fiel noch mehr auf, dass die Oberstudiendirektorin sie ignorierte; sie rief sie auch dann nicht auf, wenn Maike als Einzige die Hand hob. Als Silke Schoolmann dann auch noch fragte, warum denn Herr Schaumburg den Deutschunterricht nicht erteilte, begannen ein paar aufregende Minuten.

Die Oberstudiendirektorin richtete die Augen an die Decke, und ihre Lippen legten die Rattenzähne frei, als sie wohlgeformt erklärte: »Herr Schaumburg ist wegen privater Unzulänglichkeiten, die sich nicht mit dem hohen Amt eines Lehrers unseres Hauses in Einklang bringen lassen, vorerst vom Dienst befreit worden. Ich habe den Deutschunterricht bei Ihnen wieder übernommen.«

Maike Oldewurtel verlor die Nerven. »Das ist eine riesengroße Sauerei!«, rief sie in die Klasse, sprang auf und rannte heulend aus dem Klassenraum.

Die Schüler und Schülerinnen blickten entsetzt in das vor Hass entstellte Gesicht der Oberstudiendirektorin. Sie sahen, wie sie mit schräger Hüfte das rechte Bein schwerfällig hinter sich herzog und zum Korridor stakste und rief: »Maike! Kommen Sie sofort zurück! Das geht zu weit!«

Maike Oldewurtel kam nicht zurück. Frau Hanna Hetting schritt wie eine Marionette mit Seilstörung an das Lehrerpult. Sie ergriff bleich und zitternd das Klassenbuch und verließ wortlos die Klasse.

Die Schüler blieben fassungslos sitzen. Als jedoch einige Zeit verstrichen war und sie die unbeliebte Lehrerin weit genug entfernt vermuteten, da schwoll der Lärm im Klassenraum an.

»Toll! Wer hätte das gedacht! Maike Oldewurtel, die Lieblingsschülerin, hat Mumm bewiesen.«

Am Nordseegymnasium fristete die Schülermitverwaltung ein recht merkwürdiges Dasein. Gesetzlich geregelt und gerechtfertigt wird sie durch das Niedersächsische Schulgesetz, getragen wird sie von den gewählten Sprechern, die zusammen den Schülerrat bilden. Die vom Gesetz vorgesehenen Rechte sind weit gesteckt. Sie sehen selbst die Mitwirkung bei den Gesamtkonferenzen der Schule vor.

Am Nordseegymnasium in Esens aber sah das anders aus. Mutige Schülervertreter hatten sich in den letzten Jahren stets nur Ärger und Nachteile eingehandelt, sie waren über kurz oder lang gestrauchelt und hatten die Schule verlassen.

Der Schülermitverwaltung steht ein Beratungslehrer zur Seite, der zwischen Lehrerkollegium und Schülerschaft ausgleichen und vermitteln soll. Am Nordseegymnasium stand der Beratungslehrer sofort unter Druck, denn die Oberstudiendirektorin sah in jeder Aktion der Schülervertretung nur persönliche Angriffe gegen sich.

Edzard Viena, der jetzige Beratungslehrer, hatte sich in den letzten Jahren durch forsches Auftreten auf den Gesamtkonferenzen für Schüler und Kollegen hervorgetan, was Frau Hanna Hetting überhaupt nicht gefiel. Viena war es mittlerweile gleichgültig geworden, wenn sein Stundenplan, zerrissen durch Springstunden, ihn mehr strapazierte, und er trauerte auch nicht um die dahinschwindenden Aussichten auf Beförderung. Er stritt mutig für die Rechte seiner Schüler.

Studienrat Viena tagte nach Unterrichtsschluss in einem Klassenraum mit den Schülervertretern. Es ging hoch her, denn einige Klassensprecher forderten Maßnahmen gegen den knapp 50jährigen Lehrer Dr. Joosten. Ihm legten die Schülervertreter zur Last, dass er fortwährend in seinem Unterricht die Schüler und Schülerinnen beschimpfte und beleidigte. Beispiele seiner Redensarten: »Blöde Hippen – was wollt ihr hier überhaupt, ihr seid noch zu doof, ein Auto zu waschen, und wollt Abitur machen?«

Die Schüler hatten mehrere Heftseiten solcher Aussprüche gesammelt. Und sie hatten Unterschriften gesammelt – von allen Schülern, die dafür waren, einen anderen Lehrer zu bekommen.

Studienrat Viena wusste, dass der Ärger schon vorprogrammiert war. Aber nach dem Niedersächsischen Schulgesetz musste er sich bei der Schulleiterin Gehör verschaffen, um das Anliegen der Schüler an höherer Stelle vortragen zu können. Viena nahm die Zitatensammlung und die Unterschriftenliste an sich und schlug vor, dass er sich die Aufzeichnungen zu Hause in aller Ruhe anschauen werde, um die Sache dann mit Frau Hetting zu besprechen.

Als Edzard Viena am Nachmittag nach dem Tee die Kladde aufschlug, wunderte er sich über die Genauigkeit, mit der die Schüler die Sammlung angelegt hatten. Alle Zitate enthielten die genauen Orts- und Zeitangaben.

»Du bist ein saudoofes Stück! Bei uns hättest du früher nicht einmal Magd werden können! Und wie ich den reformierten Kram kenne, bekommt so was wie du noch das Abitur.«

Als Edzard Viena die Kladde beiseitelegte, wunderte er sich darüber, dass diese Beleidigungen die Eltern nicht schon längst hochgescheucht hatten. Oder wurde hier eine von den Eltern gewünschte Anpassung zu weit getrieben?

Für Edzard Viena war es klar, dass Schüleraussagen über ihre Lehrer stets mit Vorsicht zu genießen sind, denn wenn junge Menschen mit all ihren Schwierigkeiten dabei sind, in das oft nicht erwünschte Rollenreich der Erwachsenen zumarschieren, und gelegentlich auch zu Hause erfahren, dass es da nicht gerade wie im Garten Eden zugeht, dann wird verständlich, dass die gereizte Fantasie der Schüler und Schülerinnen manches wirre Zeug produziert und sie auch mit ihren Urteilen nicht zimperlich umgehen.

Viena wollte fair sein. Bevor er der Schulleiterin die Kladde vorlegte, wollte er mit Dr. Joosten reden. Der Beratungslehrer lebte erst einige Jahre in Ostfriesland, er kannte die Wohnorte seiner Kollegen nicht und musste ein paarmal nach dem Weg zu Dr. Joosten fragen.

Er war allerdings sehr überrascht, als er seinen Wagen an einem riesigen Misthaufen vorbeisteuern musste, um das niedersächsische Bauernhaus zu erreichen. Als Edzard Viena ausstieg, hörte er hungrige Schweine grunzen und quieken. Dann bemerkte er den stattlichen Schäferhund, der den Hauseingang bewachte und angriffslustig knurrte. Edzard Viena war unsicher. Sollte Dr. Joosten hier wohnen? Während er darüber noch nachdachte, kam ein Mann mit auffallend hohen Gummistiefeln aus dem Stall.

Dr. Joosten!

Viena verließ seinen Wagen und begrüßte Dr. Joosten, der den knurrenden Schäferhund festhielt. Dr. Joosten sagte: »Gehen Sie hinein, meine Frau ist drinnen. Senta tut Ihnen nichts. Ich komme gleich nach. Ich muss nur noch die Schweine füttern, automatisch, versteht sich.«

Als Viena die grüne Eingangstür öffnete und den Korridor betrat, kam es ihm vor, als betrete er ein Museum. Der Korridor war bis in Mannshöhe mit echten Kacheln gefliest, und eine mächtige Holztruhe aus dem 17.Jahrhundert stand rechts in einer Nische.

Aus einer Seitentür kam ihm Frau Joosten entgegen. Die Beine wie Säulen, der Oberkörper breitschultrig und schwammig. Sie drehte in ihren großen Händen ein Küchentuch. Ihr Gesicht war mit kleinen Fettpolstern durchsetzt.

Viena stellte sich vor. Mit rauer Stimme sagte sie: »Mein Mann kommt gleich.« Sie bat den Besucher ins Wohnzimmer. Edzard Viena sagte entschuldigend: »Ich wollte nicht stören. Aber die Schule, wissen Sie?«

»Na, das kenne ich. Mein Mann klagt dauernd. Das ist heute alles nicht mehr wie früher.« Viena nickte höflich. Frau Joosten fuhr fort: »Mein Mann ist bei den Schweinen. Diese Zeit ist ihm heilig.« Dann, als Viena nichts sagte, fuhr sie fort: »Haben Sie meinen Mann im Landfunk gehört? Wir sind dabei, ein Schwein zu züchten, das zwei Koteletts mehr hat als ein normales Schwein. Wir haben in diesem Jahr den ersten Preis vom Bundesverband der deutschen Schweinezüchter bekommen.«

Edzard Viena war sichtlich überrumpelt. Er drehte die Beschwerdekladde in seinen Händen hin und her. Frau Joosten ging nach nebenan und kam mit einem Foto der Sau Flora zurück, das das Schwein des Jahres in Großformat zeigte.

Dann betrat Dr. Joosten das Zimmer. »Ich setze eben Tee auf!«, sagte Frau Joosten und ging hinaus. Die Kollegen unterhielten sich eine Weile über Belangloses, dann brachte die Frau den Tee. Sie deckte den Tisch mit silbernem Kluntjebecher und Sahnekännchen, und als sie die Kluntjes mit dem heißen Tee übergoss, zersprangen sie klirrend.

»Ich will nicht lange um den heißen Brei herumreden«, begann Edzard Viena. »Herr Dr. Joosten, die SMV hat Sie im Visier, weil sich sehr viele Schüler über Ihren Unterrichtsstil beklagt haben.«

Nun fuhr Frau Joosten hoch: »Herr Viena, geht es Ihnen denn nicht auch wie meinem Mann? Er ist kaputt, wenn er vom Dienst kommt. Gott sei Dank findet er Erholung und Ruhe bei seinen Schweinen.«

Edzard Viena nickte. »Natürlich bin auch ich nach sechs Stunden fix und fertig. Aber meine Schülerinnen und Schüler verlassen mit mir zufrieden den Unterricht – zumindest ohne Feindschaft.«

»Herr Kollege, Sie sind jünger als ich«, wandte Dr. Joosten ein. »Wissen Sie, als ich das Abitur machte, forderte man noch etwas von uns. Da gab es keine SMV. Aus meinem Dorf war ich der Einzige, der es geschafft hat. Die machen doch heute aus jedem Idioten noch einen Abiturienten. Dabei bläst der Staat diesen Leuten auch noch das Geld von hinten und vorne rein. Und hier auf dem Hof bekomme ich nicht mal mehr eine Magd! Wir haben eine Inflation der Bildung, Herr Kollege!«

Edzard Viena wollte nicht unhöflich werden, aber solche Ansichten regten ihn auf. »Sie haben doch auch zwei Söhne. Was machen die denn?«

»Meine Söhne besuchen ein Internat. Glauben Sie, ich ließe sie in diesem Haufen, in dem der ganze moderne und soziale Mist gedeiht, herumlaufen? Das Internat kennt noch die klassischen Bildungsziele. Da herrscht Zucht und Ordnung!«

Studienrat Edzard Viena erhob sich. Er reichte Dr. Joosten die Kladde und sagte nur: »Lesen Sie bitte die Kladde und bringen Sie sie morgen mit zum Unterricht! Ich danke für den Tee.«

»Fragt der Oberschulrat ein Mädchen der 8. Klasse: ›Karin, was möchtest du denn werden, wenn du groß bist?‹ Daraufhin antwortet die Schülerin: ›Herr Oberschulrat, wenn ich eine Brust bekomme, dann möchte ich Mutter werden, wenn nicht, dann werde ich Lehrerin.‹«

Ulli Rhef hatte gerade den Witz erzählt, und die Kollegen am Tisch lachten, als sich Oberstudiendirektorin Hanna Hetting wie eine Flunder ins Lehrerzimmer schob.

»Herr Viena. Kommen Sie bitte in mein Büro!«, rief sie scharf, ohne ihn anzuschauen.

Edzard Viena war sehr überrascht, als er das Schulleiterzimmer betrat, denn Soenke Suchow, der dicke Studiendirektor, saß bereits auf einem Sessel seitlich vom Schreibtisch.

»Nehmen Sie Platz!«, herrschte die Schulleiterin ihren Studienrat Viena an. Dann hob sie den Kopf und suchte mit den Augen die Decke.

Soenke Suchow, williger Gefolgsmann der Hetting, handelte auf Stichwort. Als Hanna Hetting das Rattenmäulchen öffnete und fragte: »Herr Viena, kennen Sie diese Kladde und diese Liste?«, zog Soenke Suchow wie ein Zauberer das Heft mit den Schüleranklagen und die Unterschriftensammlung aus seiner Aktentasche.

Viena nickte. »Wenn ich nicht irre, dann ist das die Zitatensammlung der SMV, außerdem die Unterschriften der Schüler, die sich einen Lehrertausch wünschen.«

»Und wieso haben Sie diese Materialien der SMV nicht zuerst mir vorgelegt, bevor Sie mithilfe destruktiver und chaotischer Schüler und Schülerinnen einen Kollegen diffamieren, der sich so um unser Gymnasium verdient gemacht hat?«, blaffte ihn die Hetting an.

Studienrat Viena schoss das Blut in den Kopf. Er setzte zu einer Antwort an, doch die Hetting fauchte: »Jetzt spreche ich! Ich habe mir die Mitglieder Ihres Schülerrates etwas genauer angesehen. Sie haben alle einen Notendurchschnitt unter drei und vier, und es sind auch Sitzenbleiber unter ihnen. Im Gegensatz zu Ihnen, Herr Viena, bin ich in dieser Gegend zu Hause. Ich kenne mich aus in den Familien. Keiner Ihrer Schülervertreter trägt einen guten Namen.«

Studienrat Edzard Viena war sprachlos. So viel Gemeinheit hatte er nicht erwartet. Er sagte empört: »Aber Frau Hetting, die Klassensprecher habe ich nicht gewählt. Ihnen fehlt jedes Demokratieverständnis!«

Ihr Blick hing noch immer irgendwo oben. Auch jetzt sah sie ihn nicht an, als sie völlig ruhig antwortete. »Fast alle Ihre Schülervertreter sind Stammgäste der ›Roten Laterne‹. In diesem Zusammenhang ist das Wort Demokratie wohl völlig überflüssig! Herr Viena, Sie machen sich mitschuldig, unsere gefügte Ordnung in Gefahr zu bringen, weil Sie solche Elemente unterstützen. Ich bin entsetzt darüber, dass Sie solche Kräfte dazu benutzen, ehrenwerte Kollegen bloßzustellen. Ich habe bereits eine entsprechende Meldung an die Bezirksregierung weitergeleitet. Sie können jetzt gehen!«

Edzard Viena sprang auf und rief wütend: »Verdammt noch mal! Das Niedersächsische Schulgesetz schreibt die Wahl und die Rechte der Schüler zwingend vor!«

Der dicke und bullige Soenke Suchow erhob sich und schob vermittelnd ein. »Aber Herr Viena, Sie glauben doch nicht im Ernst, dass wir das Niedersächsische Schulgesetz nicht kennen. Sie können gehen. Frau Oberstudiendirektorin hat keine weiteren Fragen.«

Viena warf die Tür hinter sich zu. Diese Frau ist ein Teufel, dachte er. Und als er den Gedanken weiterführte, sagte er halblaut: »Mit dem Hinken, das könnte sein. Aber ihr fehlt ein Schwanz.«

Dann lachte er plötzlich, obwohl ihn die Wut noch gepackt hatte. »Der fehlt ihr wirklich, und zwar vorne und hinten.«

Die Schülerzeitung Klabautermann feierte in den nächsten Tagen ihren 15. Jahrestag. Eine prachtvolle Ausgabe wurde für das Jubiläum vorbereitet. Es war schließlich die jetzige Schulleiterin Hanna Hetting, die vor 15 Jahren den Klabautermann unter schwierigen Umständen ins Leben gerufen hatte. Als sie damals die erste Ausgabe zusammengestellt hatte, da trugen die Schüler und Schülerinnen noch keine Jeans, und die Jungen hatten ihre Haare exakt gescheitelt. Zu dieser Zeit nahm Hanna Hetting noch ihre Gitarre mit in die Klasse, und vor Unterrichtsschluss sang sie mit den Schülern und Schülerinnen mit Gitarrenbegleitung die schönsten Volkslieder.

Damals waren auch die jungen, aufrührerischen Lehrer noch nicht an der Schule. Sie zählte die alten Namen auf, von denen heute nicht mehr viele auf der Gehaltsliste der Bezirksregierung Weser-Ems standen. Ja, auch Loppersus war lange tot. Er war wie ein Vater zu ihr gewesen.

Heute hatte sich ihr Kollegium vervierfacht! Die Suppe wird ständig verdünnt, stellte sie fest. Sie parkte den Mercedes auf dem für sie reservierten Parkplatz. Es war der nächste am Schultor. Wenn sie den jungen Lehrern nicht die Schranken wies, dann müsste sie sich noch in der Stadt um einen Parkplatz bemühen. »Nicht mit mir«, murmelte sie leise.

Die Oberstudiendirektorin zog den Schlüssel aus dem Zündschloss und sah zu ihrer Überraschung, wie Heie Onninga, ein Mitglied ihrer Klabautermann-Redaktion, von einem nagelneuen Moped stieg. Er klemmte sich Sturzhelm und Lederhandschuhe unter die Arme und verschwand durch das Tor. Die Hetting wunderte sich. Heie konnte die Klassenfahrten nicht mitmachen, weil angeblich sein Bafög nicht reichte. Wie konnte er sich dann ein neues Motorrad leisten?

Sie stieg umständlich aus, wobei sie das rechte Bein ruckartig auf den Boden setzte. Sie nahm ihre Tasche mit den durchkorrigierten Schülerbeiträgen für den Klabautermann und schritt zum Redaktionsraum.

Die Redaktionsmitglieder, Schüler und Schülerinnen der Klassen, in denen sie selbst Deutsch unterrichtete, rückten ihrer Oberstudiendirektorin den Stuhl zurecht. Sie übernahm den Vorsitz. Aus ihrer Tasche holte sie nacheinander zwei Mappen, rot und schwarz. »Ich habe Ihre Beiträge gelesen. Es ist sehr Erfreuliches darunter«, und ihre rechte Hand legte sie auf die schwarze Mappe. »Aber«, fügte sie hinzu. »Es sind auch unmögliche Beiträge dabei, die den guten Geschmack vermissen lassen. Das stimmt mich bedenklich. Solche Gesinnungen hat es an unserem Gymnasium noch nie gegeben.« Dabei lag ihre linke Hand auf der roten Mappe.

Die Redaktionsmitglieder, die sich um die Sympathie der Schulleiterin bemühten, um ihrer eigenen Schullaufbahn zu dienen, hörten ruhig und gelassen hin, denn sie kannten sich aus. Doch dann stutzten sie, als die Hetting ohne sichtbaren Anlass den Kopf hob, zur Decke blickte und mit harter Stimme sprach: »Heie, Sie haben ein neues Motorrad. Sie sind der Schatzmeister unseres Klabautermannes. Wie hoch ist unser Guthaben?«

Heie Onninga erschrak. Verlegen kramte er in seinen Jackentaschen herum. Dann zog er ein abgegrabbeltes Sparbuch hervor und schlug es auf. Mit zittriger Stimme sagte er: »Mit den Werbeseiten der neuen Nummer sind es 1160 DM.«

»Ja, das kommt hin«, antwortete Hanna Hetting, ohne den Blick auf den Schüler zu richten.

Heie Onninga trieb es den Schweiß auf die Stirn.

Dann kam der gezielte Schlag. »Heie, geben Sie mir das Sparbuch!«, forderte die Hetting den Schüler auf.

Heie war nicht fähig, das in rotes Leinen gebundene kleine Heftchen der Kreissparkasse aus seinen verschwitzten Händen zu lösen. Sein Blick war auf die Schulleiterin gerichtet.

Der Nebenmann zog Heie das Sparbuch aus den verkrampften Händen und reichte es Frau Hanna Hetting, die ihren Kopf senkte und ihren Blick auf die Zahlen des aufgeschlagenen Sparbuchs warf. Triumph zog um die faltigen Wangen, freudiger Glanz trat in die schwarzen Augen.

»Null! Null!«, schrie sie in den Raum. »Das habe ich mir gedacht!« Die Oberstudiendirektorin richtete ihren Blick auf Heie, der in sich zusammengesackt mit bleichem Gesicht vor seinem Tisch saß.

Heie war nicht in der Lage, Entschuldigungen anzuführen. Zu sehr hatte ihn der Überrumpelungsangriff getroffen. Die Hetting ließ ihm keine Chance.

»Heie, Sie haben das Geld unserer Klabautermannkasse für Ihren Motorradkauf entfremdet!«

Als Heie sich zusammenriss und stotternd antwortete: »Mein Bafög, es kommt, es ist unterwegs, ganz bestimmt. Damit will ich …«, da unterbrach Hanna Hetting den Schüler, wobei sie ihren Blick wieder hochrichtete: »Heie, Tatsache ist, Sie haben mit dem Geld unserer Schülerzeitung Ihr Motorrad bezahlt. Stimmt es?«

Heie stöhnte: »Ja, aber ich wollte doch mit meinem Bafög …«

Die Hetting hatte kein Verständnis für die naiv geplante Geld- und Kreditaktion. »Heie, Sie haben das Geld veruntreut. Das geht entschieden zu weit. Das Fass ist voll. Ein Schüler unseres Gymnasiums! Heie, Sie sind ein Schandfleck unserer ehrwürdigen Schule!«

Bevor Heie noch etwas sagen konnte, war die Schulleiterin hastig aus dem Raum geeilt.

In die schockartige Stille drang das Wort Scheiße.

Heie sagte leise und beschämt: »Ja, ich habe das Geld genommen. Nächste Woche kommt meine Bafögnachzahlung!«

Einer seiner Freunde sagte: »Mensch, Heie, du hättest doch wenigstens fragen können! Du kennst sie doch!« Eine Schülerin warf ihm vor: »Heie, du hättest dir die Scheißkarre auch später kaufen können.«

Heie konnte nicht antworten. Verwirrt stand er inmitten der Vorwürfe und Ratschläge. Jemand rief ihm zu: »Heie, geh zu ihr, mach ihr das klar.« Heie Onninga schwankte aus dem Zimmer. Er fühlte sich schwach und elend. Er hatte den Griff in die Kasse des Klabautermannes nur getan, weil das Amt ihm die Bafögnachzahlung angekündigt hatte. Nur deshalb hatte er sich seinen lang gehegten Traum schon ein paar Tage eher erfüllt.

Als Heie, von Schuldgefühlen gequält, durch die lange Pausenhalle dem Direktionszimmer entgegenschritt, dachte er an seinen Vater, der seit Jahren als Ratsherr jede Unkorrektheit in Esens hart anging. Natürlich würde er sofort für das Geld geradestehen, aber es würde ein Schock für ihn sein.

Vielleicht kann ich das verhindern, überlegte Heie Onninga, als er vor der Tür der Hetting stand. Vorsichtig klopfte er an. Als er nichts hörte, klopfte er noch einmal. Schließlich drückte er die Klinke und trat ein. Er sah gerade noch, wie die Oberstudiendirektorin den Telefonhörer auflegte.

Sie musterte Heie Onninga höhnisch, legte den Kopf in den Nacken und sprach zur gegenüberliegenden Wand: »Heie, das haben Sie sich selbst eingebrockt. Stehen Sie nun auch zu Ihrer Handlung wie ein Mann, denn Sie sind bereits achtzehn Jahre alt. Ich habe Ihre Unterschlagung eben der Polizei gemeldet.«

Heie Onninga hatte in diesem Moment einen guten Schutzengel, denn als er fassungslos auf die bretthafte Frauengestalt blickte, da spürte er in sich den Wunsch, mit seinen kräftigen Fäusten auf dieses gefühllose Gespenst einzuschlagen. Er fühlte, wie sich seine Hände ballten. Ruckartig drehte er sich um und rannte aus dem Zimmer. »Schnell weg, schnell weg«, keuchte er immer wieder, »sonst bringe ich sie um.«

Jan Fisker spürte, dass Patricia, seine Freundin, ihm gegenüber reservierter war als sonst. Patricia war ein auffallend schönes Mädchen. Sicherlich hätte sie in Italien, dem Heimatland ihrer Eltern, weniger Aufmerksamkeit erregt als hier im kühlen und tristen Ostfriesland. Ihr Teint war stets dunkelbraun, und ihr schwarzes Haar ließ sie in einem Zopf bis über die Hüfte baumeln. Auch am Nordseegymnasium wirkte Patricia exotisch. Wenn sie die dunklen Kulleraugen aufschlug und mit wohlklingendem Akzent die deutsche Sprache lispelte, dann war auch die Hetting bereit, dieser seltenen Schönheit Bewunderung zu zollen.

Als Jan Fisker an diesem Tag die Turnhalle verließ, wartete Patricia auf ihn. Sie gingen gemeinsam zum »Kibitzeck«, dem bevorzugten Treff der jungen Leute. Sie setzten sich an einen kleinen Ecktisch. Verträumt hielt Jan Patricias Hände, und bei einer Cola erzählte Jan von seinem Kummer mit der Oberstudiendirektorin, ohne zu bemerken, dass seine Patricia ein wenig unmutig zuhörte und vor ihm irgendetwas verborgen hielt. Später, auf dem Nachhauseweg, sagte Jan, wie sehr er sich auf die Sommertage freute, weil er dann mit ihr häufiger zum Strand gehen konnte. Er spürte überrascht, wie Patricia nach Ausflüchten suchte.

»Jan«, sagte sie, »wir können uns in Zukunft nicht mehr so häufig treffen. Ich habe meine Freundinnen sträflich vernachlässigt.«

»Du kannst sie öfter mitbringen. Mich stören sie nicht.« Patricia schüttelte den Kopf. »Jan, ich muss auch mehr für die Schule tun. Ich schlage vor, dass wir uns nur noch nach einem festen Zeitplan sehen.«

Jan Fisker kramte seinen Kalender und seinen Stundenplan hervor und arbeitete mit Patricia einen Besuchskalender aus.

Über der Nordsee lag nur Blau. Im Deichgrün leuchteten tausendfach die gelben Blüten des Löwenzahns. Der Frühsommer hatte einen seiner wenigen Prachttage mit Sonnenwärme ausgestattet.

Jan Fisker legte die Schulhefte beiseite. Heute hatte er nach dem Plan keine Besuchserlaubnis, denn Patricia hielt sich streng an die mit Jan vereinbarten Termine. Er holte sein Fahrrad aus dem Schuppen. Auch er wollte bei diesem herrlichen Frühsommerwetter an den Deich radeln, und dabei kam ihm der Gedanke, bei Patricia vorbeizufahren. Vielleicht war sie bereit, heute eine Ausnahme zu machen, um ihn an den Strand zu begleiten. Jan Fisker spürte bereits ein nervöses Kribbeln der Vorfreude. Er radelte über den Markt und bog am Weißen Haus in den Eschenthüner ein.

Vor dem kleinen roten Backsteinhaus, das hinter einer gelb gepunkteten Thujahecke lag, stellte Jan sein Fahrrad ab. Er rannte die drei Stufen zur Tür hoch und drückte den Klingelknopf neben dem kleinen Namensschild Patricia Romanelli.

Er wartete vergeblich auf die vertrauten Geräusche. Auch weitere Versuche blieben erfolglos. Witwe Ailts, die Vermieterin der Wohnung, kam hinter dem Haus hervor.

»Das Fräulein ist weggefahren. Ihre Schulleiterin hat sie abgeholt. Sie sind mit den Rädern weg.«

Jan Fisker stand völlig verwirrt auf der Treppe. Witwe Ailts bemerkte die Überraschung, die ihre Nachricht bei dem jungen Mann hervorgerufen hatte. Deshalb fügte sie noch hinzu: »Sie wollten Picknick machen. Ich nehme an, dass sie zum Deich sind. Mehr kann ich dazu auch nicht sagen!«

»Danke«, sagte Jan Fisker und bestieg nachdenklich sein Fahrrad. Auf dem Wege nach Neuharlingersiel überlegte er immer wieder, wieso Patricia und die Oberstudiendirektorin einen Ausflug machten.

Das ergab keinen Sinn. Was sollte seine Patricia mit der Hetting zu tun haben? Jan Fisker kombinierte, fantasierte und konstruierte. Als er sein Fahrrad am Sieltor abstellte, musste er sich entscheiden. Entweder er ging in die Richtung nach Carolinensiel, dann musste er um den Fischereihafen nach rechts abbiegen, oder er nahm den Weg nach Bensersiel, dann musste er sich links halten. Jan bestieg den Deich und schritt über den Fußpfad dem Nachbarort Bensersiel entgegen. Strandkörbe standen wie zufällig an den Strand geworfen im gelben Sand. In den Körben vergnügten sich die ersten Feriengäste, meist ältere Leute oder Familien mit kleinen Kindern, denn die Schulferien hatten noch nicht begonnen. Jan Fisker spürte die Sonne im Gesicht, aber er konnte sich über die herrliche Weite der Deichlandschaft nicht so freuen wie sonst.

Während er über den Trampelpfad des Deiches schritt, dachte er über die seltsame Fahrradtour seiner Patricia mit der Oberstudiendirektorin nach. Der Strand lag schon lange hinter ihm, und weit vor sich im Meer konnte er die Inseln Wangerooge und Baltrum unter dem klaren Himmel erkennen.

Jan Fisker setzte sich in das Gras der Deichböschung. Langsam glitt sein Blick über den Küstensaum. Gedankenverloren folgten seine Augen dem langen Küstenstrich mit seinen vielen kleinen Ausbuchtungen. Plötzlich stutzte er. Bewegten sich da nicht Menschen hinter der Schilfwand? Jan Fisker erhob sich, um genauer hinschauen zu können. Schräg unter sich entdeckte er hinter dem grünen Schilfbündel zwei Köpfe.

Patricia und die Hetting?

Jan Fisker spürte sein Herz stärker klopfen. Ihm kam es seltsam vor, dass er sich aufregte, nur weil sich vorne am sommerlichen Meer Menschen aufhielten. Schließlich lebte er in einem Feriengebiet, das von vielen Urlaubern hoch eingeschätzt wurde. Langsam schritt Jan Fisker den Deich hinab. Es war, als ob er einer inneren Stimme folgte.

Vor der Schilfwand ging er in die Hocke. Seine Sandalen wurden von Wasserpfützen umspült. Er horchte und vernahm Stimmen. Zwei verschiedene Stimmen. Eine konnte Patricia gehören.

Vorsichtig teilte er mit den Händen die Schilfgräser, um sich durch das versumpfte Dickicht einen Weg zu bahnen. Dabei drang ihm von der kleinen Bucht ausgelassenes Kichern entgegen. Jan Fisker blieb vor Aufregung fast der Atem stecken. Er hob den Kopf, um aus seinem Versteck einen Blick auf die kleine Sandbucht zu werfen.

Als Erstes sah er zwei achtlos hingeworfene Fahrräder, etwas seitlich stand ein geflochtener Weidenkorb. Noch zwei, drei Schritte weiter, dann konnte er mehr sehen.

Und dann traf es ihn wie ein Schlag.

Auf einer karierten Decke lag Patricia, splitternackt, und neben ihr die Oberstudiendirektorin, auch sie textilfrei.

Jan Fisker sah, wie die Hetting über Patricias Brüste streichelte. Jan Fisker stand wie gelähmt da. Seine Patricia und die kirchenfreudige, gnadenlose Schulleiterin bei Liebesspielen im Schilf!

Später wusste Jan nicht mehr, was ihn getrieben hatte, als er seine Lauscherposition aufgab, durch das hohe Schilf stakste und auf den Sandboden der Bucht sprang. Vor den nackten, so verschiedenartigen Frauen blieb er wie angewurzelt stehen. Ein paarmal öffnete er den Mund, aber er bekam keinen Ton heraus. Schließlich krächzte er nur: »Patricia! Du!«

Beide Frauen sprangen entsetzt hoch. Jan Fisker, dem die Nacktheit seiner Freundin vertraut war, blickte angewidert auf den nackten Körper seiner Schulleiterin, die mit verzerrtem Lächeln gegen den wolkenlosen Himmel blickte.

Jan empfand Übelkeit. Er hörte, wie die schnarrende Stimme der Hetting ihm entgegendrang: »Was suchen Sie hier, Jan? Patricia ist über achtzehn. Sie steht zu mir!«

Hanna Hetting stellte sich, die staksigen Beine schräg in den Sand gestemmt, schützend vor Patricia, die ihr Gesicht in den Händen vergrub und kläglich schluchzte, wobei ihr schwarzer Zopf weich an den schönen Brüsten vorbei im Takt der inneren Erschütterung tanzte. Jan Fisker wandte sich ab.

Irgendetwas in ihm war zersprungen. Er lief wie irr durch die Schilfstängel. Er wollte weg, wollte diesen Anblick nicht mehr sehen, und er rannte, bis er glaubte, seine Lunge müsste platzen.

Erst als er den Trampelpfad auf dem Deich erreichte, blieb er stehen. Rote Ringe tanzten vor seinen Augen. Jan Fisker spürte Übelkeit. Er ließ sich in das frische Grün nieder und würgte. Er übergab sich und spuckte den Mageninhalt auf gelben Löwenzahn.

Kriminalrat Kramer schritt in Leer/Ostfriesland über den Bahnsteig, um in den wartenden D-Zug München – Norddeich einzusteigen. Als er am letzten Wagen des langen Zuges das aufgestellte Schild sah, auf dem Zugende stand, musste er lachen.

Er versuchte, daraus einen Ostfriesenwitz zu gestalten. Er formulierte die Frage: Warum steht in Leer/Ostfriesland am letzten Wagen des D-Zuges München – Norddeich das Schild Zugende? Damit die Ostfriesen nicht hinter dem letzten Wagen einsteigen.

Diesen Witz erzähle ich heute Abend am Skattisch, nahm sich Kramer vor und vertiefte sich in seine Zeitung, nachdem er einen Platz gefunden hatte.

Mit dem »ruhigen Job« in der Provinz, wie seine Großstadtkollegen oft hänselnd sagten, hatte er sich auch einige Nachteile eingehandelt. Kramer konnte es sich nicht leisten, seinen Dienst mit dem Blick auf die Uhr zu versehen. Wenn er die Polizeistation verließ, dann kam keine zweite Schicht. Kramer musste zu jeder Tages- und Nachtzeit parat stehen.

Seufzend schlug er die Zeitung zu. Er konnte sich nicht konzentrieren. Der Zug hatte Emden bereits passiert, und als Kramer einen Blick aus dem Fenster warf, sah er die von Wassergräben durchzogenen grünen Wiesen, auf denen die schwarz-weißen Kühe grasten. Jetzt kommt Siegelsum, dachte Kramer, aber dann bremste der Zug unerwartet mit lautem Kreischen. Ruckartig blieb der Zug stehen. Kramer wurde an die gegenüberliegende Wand geschleudert, und seine Tasche flog im Bogen auf den Boden.

Kramer richtete sich auf, legte seine Tasche zurück in das Gepäcknetz, und dann hörte er auf dem Gang hastige Schritte. Aufgeregtes Gemurmel drang in sein Abteil. Hastig schob er das Fenster nach unten und blickte am Zug entlang. An der Diesellok musste irgendetwas Aufregendes passiert sein, denn immer mehr Fahrgäste strömten aus den ersten Wagen nach vorn. Kramer neigte sich etwas weiter vor. Er sah die rote Mütze des Zugführers.

Die berufliche Neugier trieb Kramer aus seinem Abteil. Er lief über die Schottersteine des Schienenstranges, bis er das Menschenknäuel an der Lok erreicht hatte. Als der Lokführer sich umwandte, entstand eine Gasse in der Menge, und dann sah Kramer die Ursache für den Zugaufenthalt.

Kramer stürmte an den Fahrgästen vorbei. Dicht vor der Diesellok, zwischen Schotter und Gras, sah er die Hälfte eines geteilten Menschenkörpers. Kramer schaute genauer auf die Blutlache, auf die verschmierten Jeans. Seine Augen suchten die Unglücksstelle ab, dann entdeckte er den Oberkörper des Opfers unter dem ersten Wagen auf einer Holzschwelle.

Entsetzt blickte Kramer sich um. Seitlich am Bahndamm erbrachen sich einige Reisende, und er sah, wie der Lokführer sich mit der Hand an der Diesellok festklammerte und sich mit der Hand ständig über die Augen rieb.

Der Zugführer lief im Kreise und sagte immer wieder: »Das ist ja entsetzlich!«

Kramers Stimme durchbrach das Entsetzen, die Hilflosigkeit. »Zugführer, verständigen Sie sofort die nächste Bahnstation!«

Der Lokführer löste sich aus seiner erstarrten Haltung und bestieg schwankend die Diesellok.

»Na, los!«, rief Kramer dem Zugführer zu. Er kletterte in den Zug.

Kramer wandte sich an die Reisenden, die den Unglücksort umlagerten. »Meine Damen und Herren, gehen Sie in Ihre Abteile. Ich bin von der Kriminalpolizei!«

Still und betroffen folgten sie der Anordnung. Der Anblick des grausigen Unglücks hatte sie schockartig aufgerüttelt.

Nur noch der Zugschaffner, den Kramer vorher überhaupt nicht bemerkt hatte, stand mit ihm im Dämmerlicht vor der Diesellok. Im gleichen Augenblick gingen im Zug die Lichter an.

Kramer näherte sich der Blutlache und beugte sich über den Torso. Die Ecken einer ledernen Brieftasche lugten aus der Gesäßtasche der Jeans hervor. Kramer zuckte zusammen, als der Strahl einer Taschenlampe auf den Torso fiel. Der Zugschaffner hielt die Dienstlampe unaufgefordert in der Hand, den Kopf abgewendet. Kramer fasste vorsichtig mit Zeigefinger und Daumen eine Ecke der Brieftasche. Seine Finger berührten Blut.

Langsam zog er die Brieftasche aus den Jeansfetzen. Der Schaffner verfolgte mit dem Strahl der Lampe die Bewegungen seiner Hand. Kramer schlug die Brieftasche des Toten auf.

Zwischen den beiden Lederhälften lag ein gefaltetes Papierblatt. Kramer legte die Brieftasche vorsichtig auf den Boden und hielt das Blatt an den Ecken fest, um es zu entfalten. Es war ein DIN-A4-Bogen. Vorsichtig schlug er mit dem Handrücken die Falten glatt, und im Schein der Taschenlampe las er den säuberlich getippten Text:

Liebe Eltern! Ihr habt so viel Hoffnung in mich gesetzt. Ich bin Euch dankbar für Eure Liebe, die Ihr mir geschenkt habt. Ich habe immer versucht, Euch Freude zu machen. Ich wollte Tierarzt werden. Aber meine Lehrerin Hanna Hetting hat mir in Englisch und Deutsch eine 5 gegeben. Nun ist alles aus. Ich habe Euch immer lieb.

Euer Udo.

»Das ist grausam!«, sagte der Zugschaffner leise. Er knipste die Taschenlampe aus, und Kramer hörte, wie der gestandene Mann dumpf vor sich hin schluchzte. Der Schaffner war Vater von zwei noch nicht schulpflichtigen Kindern. Auch Kramer fühlte sich hundeelend. Jetzt, als er begriff, dass der Junge sich vor den Zug geworfen hatte, weil er so verzweifelt gewesen war, dass es für ihn keinen anderen Ausweg mehr zu geben schien, bekam das Unglück eine neue Dimension für Kramer. Er spürte das Blut an seinen Fingern. Ihm wurde übel, er trat zur Seite und übergab sich.

Durch die Stille des Frühsommerabends drang von Norden her das Martinshorn eines Polizeiautos.

Heie Onninga betastete seine Yamaha wie ein Landwirt ein lieb gewonnenes Tier. Dann bemerkte er, dass er seine Sachen in der Schule vergessen hatte. Als er den Raum betrat, in dem die Redaktionssitzung stattfand, unterbrach Hanna Hetting ihren Vortrag und hob den Kopf, als wollte sie nicht in Versuchung geführt werden, den Schüler anzusehen.

Eisiges Schweigen schlug Heie entgegen. Den Redaktionsmitgliedern tat Heie leid, er gehörte zu ihnen, aber bei so viel gebündelter Autorität wagte es keiner, Heie auch nur ein tröstendes Wort mit auf den Weg zu geben.

Als sich die Tür hinter Heie Onninga schloss, saugte Hanna Hetting mit aufgetautem Lächeln die Sympathiegefühle der anwesenden Redaktionsmitglieder ab. Übergangslos sagte sie: »Unser Klabautermann muss Christliches, Edles und Elitäres in die Seelen unserer Schüler tragen, denn unsere Verpflichtung besteht darin, den Geist unseres Nordseegymnasiums weiterzugeben. Wir müssen uns gegen den Schmutz, den man uns von draußen entgegenbringt, zur Wehr setzen. Das ist unsere redaktionelle Aufgabe!«

Genau in diesem Augenblick erklang von draußen das kurze, laute Dröhnen eines Zweitaktmotors durch die geöffneten Oberlichter des Klassenzimmers. Heie hatte seine Yamaha gestartet.

Heie Onninga fuhr über den Marktplatz. Als er die Polizeistation passierte, spürte er Stiche in der Magengegend; er lenkte seine Yamaha auf die Kreisstraße und fuhr in Richtung Neuharlingersiel. Er fuhr die Maschine gedrosselt, denn ihn beschäftigte der Gedanke zurückzufahren, um der Polizei zu sagen, wie es sich mit der schlimmen Beschuldigung der Schulleiterin wirklich verhielt. Aber ihm fehlte das Vertrauen zur Polizeibehörde. Würde man nicht der angesehenen Studiendirektorin mehr glauben als ihm?

Heie fuhr weiter, gab Gas. Er hatte kein Ziel. Wohin sollte er fahren? Nach Hause? Dort würde er nur die üblichen Vorwürfe hören. »Da haben wir es. Haben wir nicht … Das ist das Ende … Wir haben immer nur … Du kannst ja nicht …«

Er kannte diese Vorwürfe. Heie, Sohn eines Ratsherrn, veruntreut Gelder der Schülerzeitung. Seine Eltern würden ihn nicht verstehen. Er dachte an seinen Bruder Alfred, der zu Hause wegen seiner Gewissenhaftigkeit oft gelobt wurde. Er war Abteilungsleiter bei der Raiffeisenbank.

Sein Bruder konnte ihm vielleicht helfen. Vor der Filiale der Raiffeisenbank parkte er seine Maschine und betrat den Schalterraum. Alfreds Arbeitsplatz war leer.

»Ihr Bruder ist auf einer Dienstreise. Ich weiß nicht, wann er zurückkommt. Er inspiziert Computersysteme für unsere Bank«, sagte der Angestellte. Vor der Bank suchte Heie Onninga nach einem neuen Ziel. Er ließ die Yamaha an und fuhr langsam los.

Vom Meer strich ein kühler Wind über die Küste. Heie Onninga lenkte seine Yamaha zum »Deichwinkel«. Er stellte das Motorrad ab und mischte sich am Tresen unter die Gäste. Bei den zwanglosen Gesprächen über Wetter, Benzinpreise, Autos und Bundesliga und beim frisch gezapften Bier vergaß Heie Onninga seinen drückenden Kummer.

Bei Heie zu Hause tobte der Ratsherr Onninga, nachdem der ihm befreundete Polizeibeamte die Anschuldigung der Schulleiterin gegen seinen Sohn telefonisch mitgeteilt hatte. Heies Mutter vergoss Tränen. Für sie stand fest, dass Heie »so« nicht war. »Warum hat die Schulleiterin uns nicht zuerst angerufen? Wir hätten ihr das Geld sofort hingebracht!«, rief sie.

Das sah auch Ratsherr Onninga ein. Nein, die Benachrichtigung der Polizei war keine pädagogische Glanzleistung. Ihm fiel ein, dass Heie oft über die Hetting geklagt hatte. Onninga hatte die Klagen nie ernst genommen; jeder Schüler hatte an seinem Lehrer etwas auszusetzen.

Aber jetzt sah der Ratsherr die Oberstudiendirektorin in einem anderen Licht. »Sie wollte Heie bewusst schaden!« Sein Zorn hatte ein anderes Ziel gefunden, er galt nicht mehr Heie, sondern der Hetting.

Das schlechte Wetter nach dem herrlichen Frühsommertag enttäuschte die Menschen. Dünner Nieselregen fiel, als sich vor der eckigen Backsteinkirche in Dornum der Trauerzug in Bewegung setzte.

Der Sarg von Udo Hininga lag mit Kränzen bedeckt auf dem schwarzen Lattenwagen. Die beiden Schimmel, auf denen Udo Hininga gelegentlich mit sportlichem Ehrgeiz Hürden genommen hatte, zogen den Leichenwagen. Die Kranzschleifen mit den letzten Grüßen bewegten sich in den nassen Böen, die seewärts vom Deich bliesen.

Hinter dem Schimmelgespann schritten kummergebeugt Vater und Mutter, die nicht wussten, woher sie die Kraft nahmen, dieses zeremonielle Schauspiel durchhalten zu können. Engere Verwandte schritten in der zweiten Reihe, und die Dorfbewohner, die seit dem grausigen Unglück viel getratscht hatten, schlossen sich in aufrichtiger Trauer an. Es folgten die Klassenkameraden. Für die meisten war Udo der erste ihnen nahestehende Tote. Hinter den Schülerinnen und Schülern schritt, das rechte Bein nachziehend, die Schulleiterin des Nordseegymnasiums, hinter ihr einige Lehrer. Die Hetting wollte Udo auf dem letzten Weg begleiten, um ihm zu verzeihen, dass er sich als völlig Unbegabter an Lyrik und klassische Literatur herangewagt hatte. Trauer zog ein in die Seele der Hanna Hetting, denn Udo tat ihr aufrichtig leid. Sie verzieh ihm, weil Dr. Sanders die größte Schuld traf. Dieser unmögliche Lehrer hatte Udos schwache Leistungen auch noch mit Drei bewertet und damit den Abschluss signalisiert. Das war gegen Udo ein Unrecht. Aber nicht Dr. Sanders stand heute am Grab, sondern sie.

Auch Jan Fisker folgte in tiefer Trauer dem Schimmelgespann, das die Leiche seines Freundes zog. Udo hatte einen Schritt gewagt, zu dem er zu feige gewesen wäre. Auch sein Weltbild hatte sich sehr verändert. Die tiefe, tiefe Demütigung seiner ersten Liebe hatte ihn stark angekratzt. Jan Fisker spürte in sich den flammenden Hass gegen seine Lehrerin, gegen ihre Falschheit und Scheinheiligkeit. Die Hetting hatte Udo in diese Ausweglosigkeit getrieben. Jan war sich darüber im Klaren, dass sie auch ihn fertigmachen würde.

Nicht mit mir, dachte er zähneknirschend.

Vor dem Friedhofseingang blieb das Schimmelgespann stehen, und sechs in Schwarz gekleidete Männer hoben den Sarg vom Wagen und trugen Udo Hininga zur letzten Ruhestätte. Jan hörte das erschütternde Schluchzen von Udos Mutter. Er schloss die Augen und versuchte, an Udo zu denken. Leise murmelte er: »Udo, tschüs, mach es gut.«

Wie durch einen Watteberg vernahm er die Stimme von Pastor Adams, dem beliebten Schulpfarrer. Ihm lief das Regenwasser durch das zerfurchte Gesicht, und wenn seine Stimme stockte, dann vermischten sich seine Tränen mit dem Regen. Jan fröstelte. Die vom Wind getriebenen Schwaden trübten die Trauergäste gespenstisch ein.

»Fragen wir nicht nach Schuld«, hörte Jan den Pfarrer sagen. »Wir müssen seinen Entschluss akzeptieren, wenn das für uns auch bitter ist. Sicher ist auch, dass wir denen Verzeihung entgegenbringen müssen, die Udo zu diesem Entschluss brachten.«

Weinen und Schluchzen begleiteten die Handgriffe der Sargträger, die die breiten Leinenbänder ruckweise durch ihre Hände gleiten ließen, um den auf Eiche gebeizten Sarg mit Udo Hininga in die kalte Grube zu lassen.

Jan Fisker trieb es Tränen in die Augen. Sein Magen unterlag den Krämpfen, die sein seelischer Schmerz verursachte. Jan wendete sich ab vom Geschehen und ging heulend über den Friedhofsweg.

Nur wenige Meter vor ihm stolzierte die Oberstudiendirektorin Hanna Hetting mit schleppendem Bein und erhobenem Kopf dem eisernen Friedhofstor entgegen.

Die von Studiendirektorin Hanna Hetting veranlasste Beurlaubung aus dem Dienst hatte Dietmar Schaumburg tief getroffen. Ihn wurmte seine eigene Machtlosigkeit. Er fand keine Möglichkeit, sich zu rechtfertigen.

Hinzu kam die Ungewissheit, was aus seiner Ausbildung würde. Er hatte sein Studium an der Universität nur durchgestanden, weil seine Eltern auf vieles verzichtet hatten. Er wollte sie nicht enttäuschen.

Aus seinem Verhältnis zu Maike machte Dietmar Schaumburg keinen Hehl. Den Einwohnern des kleinen Fischerdorfes war das Liebespaar längst vertraut.

Maike selbst hatte in der ersten Zeit den Hass der Hanna Hetting zu spüren bekommen, aber da sie sich noch mehr als früher auf die Schularbeit stürzte und Dietmar Schaumburg jetzt ohne Dienst viel Zeit hatte, mit ihr zu arbeiten und zu pauken, gelang es der Schulleiterin nicht, Maike dem schulischen Ruin näherzubringen. Unter den kontrollierenden Augen der Mitschüler und Mitschülerinnen gab Hanna Hetting den Versuch auf.

Morgens, wenn Maike zur Schule und Kapitän Oldewurtel mit seinem Kutter ausgelaufen war, überkam Dietmar die Ungewissheit. Er hatte eine Eingabe an die Gewerkschaft gemacht, aber er hatte keine Ahnung, ob seine Freunde etwas für ihn tun konnten. Dietmar Schaumburg verließ an einem dieser langen Vormittage sein Zimmer. Tief in Gedanken versunken spazierte er über die roten Steinplatten des Fußweges an der Sielmauer entlang. Gelangweilt beobachtete er eine Möwe, die sich keck auf die Steinplatten vor ihm niederließ. Als Dietmar Schaumburg sich ihr näherte, schwang sie sich mit breitem Flügelschlag hoch und landete auf der Sielmauer.

Der Postbote, der das gelbe Fahrrad vor sich herschob, unterbrach das Spiel mit der Möwe.

»Herr Schaumburg, ich traf Sie in Ihrer Wohnung nicht an. Hier ist ein Einschreiben für Sie.« Er reichte ihm Kugelschreiber und Unterschriftsunterlage, und Schaumburg, völlig überrumpelt, setzte seine Unterschrift auf das Formular.

Er hielt den Brief in der Hand und schaute dem Briefträger nach, der über den Fußweg radelte. »Na, Emma, hast du mir Glück gebracht?«, fragte er die Möwe, die sich aber bereits in den gleitenden Schwarm über dem Siel eingereiht hatte. Dietmar Schaumburg hatte schon gesehen, dass der Brief von der Bezirksregierung Weser-Ems kam.

Neuanfang oder Ende?

Sein Herz schlug schneller, als er den Umschlag aufriss und den Bogen entfaltete.

Sehr geehrter Herr Schaumburg,
die Ereignisse an Ihrem Schulstandort Esens veranlassten mich, Sie innerhalb der nächsten drei Tage nach dem Ausstellungsdatum an das Ubbo-Emenius-Gymnasium in Jever zu versetzen. Ihre Dienstbezüge werden weiter bezahlt. Ihre Ausbildung zum Studienassessor wird als nicht unterbrochen angesehen.

Leitender Oberschulrat Peffke

Wie ein Kind hüpfte Schaumburg über die roten Bodensteine. Er warf die Arme hoch und blickte auf die segelnden Möwen. Er hatte das Gefühl, so frei zu sein wie sie, und weil ihm eine schwere Last genommen war, fühlte er sich leicht, als ob er fliegen könne.

Gott sei Dank hatte er Vater und Mutter die blamable Berufssituation verschwiegen. Nun musste er nicht mehr vor der hexenhaften Hanna Hetting kuschen. Und das Ubbo-Emenius-Gymnasium in Jever, märchenhaft! Eine Schule mit pädagogischen Freiheiten, offen für Experimente junger Lehrer. Das war für Schaumburg mehr als ein Lottogewinn. Das war einfach Glück.

»Danke, Emma!«, schrie er den kreisenden Möwen nach, dann hüpfte er in die Wohnung zurück.

Am liebsten wäre er sofort nach Esens gefahren, um Maike die Neuigkeit mitzuteilen, doch dann wurde ihm bewusst, dass die Schulleiterin das als Provokation ansehen konnte. Dietmar Schaumburg besann sich anders.

»Heute schmeiße ich eine Party. Das ist mir die Sache wert!«, rief er übermütig. Er warf sich aufs Bett, und während er genussvoll eine Zigarette rauchte, überlegte er sich die Namen der Gäste, die er einladen wollte. Zuerst dachte er an seine Kollegen vom Stammtisch, dann ging er die Namen durch, die er von Maikes Bekanntenkreis für akzeptabel hielt. Als Gastgeber wollte sich Dietmar Schaumburg nicht lumpen lassen. Er drückte die Zigarette aus, nahm ein Blatt und schrieb die Gäste- und Getränkeliste nieder. Dann überlegte er, ob er auch eine Kleinigkeit zum Essen anbieten musste. Nun, das konnte er mit Maike noch durchsprechen. Kapitän Oldewurtel hatte dieser Tage fangfrische Schollen in den Rauch gehängt. Vielleicht würde er sie ihm überlassen.

Um 19 Uhr fanden sich die ersten Gäste ein. Dietmar Schaumburg hatte diesen frühen Termin gewählt, weil Maike einige Schüler und Schülerinnen eingeladen hatte, mit denen sie einige gemeinsame Kampferlebnisse gegen die Schulleiterin verband. Zu ihren Gästen zählte auch die neu gewählte Schulsprecherin und Chefredakteurin vom Klabautermann, Patricia Romanelli, mit der sie gemeinsam die Klasse besuchte. Dr. Scheiber und einige weitere Kollegen hatten die telefonische Einladung absagen müssen, weil sie an diesem Abend für die Volkshochschule unterrichteten. Aber auch sie hatten es nicht versäumt, Dietmar Schaumburg zu gratulieren. Auch Maikes Vater hatte früher als sonst seinen Kutter im Hafen vertäut. Er war ohne Wissen um die glückliche Wende rechtzeitig zu Hause. Kapitän Oldewurtel freute sich über die gute Fügung, und er hätte sicherlich höhere Opfer gebracht, als die gewünschten Räucherschollen dem Abend beizusteuern. »Min Jung«, hatte er gesagt, »wenn deine Gäste wollen, dann können sie sich rund und fett essen an meinen Schollen.«

Schon beim Empfang an der Tür stellten Dietmar und Maike fest, dass die Gäste in guter Stimmung waren. Maike hatte mit Rücksicht auf die vielen Lehrer ihre Stereoanlage gedämpft und ließ nicht nur die Hitgruppen vom Plattenteller erklingen, sondern sie spielte auch das Ostfriesenlied und hatte Aufnahmen des Auricher Shanty-Chores parat.

Kurz nach halb neun klingelte ein Nachbar, der schräg gegenüber wohnte. Ein Partybesucher hatte den Wagen vor seiner Einfahrt abgestellt. Dietmar Schaumburg nahm den Zettel mit dem Autokennzeichen und bat den Nachbarn um etwas Geduld.

Es war der Wagen von Edzard Viena. Der Vertrauenslehrer saß mit einigen Schülerinnen im hinteren Teil des Zimmers, und Dietmar Schaumburg sah, dass sie mit roten Köpfen heiß diskutierten. Studienrat Viena durchsuchte seine Taschen, dann sagte er: »Dietmar, in meiner Lederjacke steckt der Schlüssel. Fahr du doch eben meinen Wagen weg. Wir haben hier gerade ein interessantes Thema.«

»Wird gemacht, Edzard«, antwortete Dietmar und ging in den Flur, um an der Garderobe aus Vienas Lederjacke den Autoschlüssel zu nehmen. Wegen des Regens hingen an den Garderobenhaken viele Jacken, Parkas und leichte Mäntel. Dietmar Schaumburg griff mit ausgestreckten Händen in das Kleidergewirr, um Vienas Lederjacke zu suchen. Plötzlich stutzte er, als seine Hände auf kaltes Metall stießen. Es war ein spitzer Gegenstand, und beinahe hätte er sich geschnitten. Er schob ein paar Mäntel beiseite, um nachzusehen, was er da in der Hand hielt.

Überrascht entdeckte er in einer breiten, aufgesetzten Innentasche einer Jacke den Horngriff eines seltenen Dolches. Im Licht funkelte die breite Schneide, und er sah auf dem geweihartigen Griff eingravierte Kreise, die in sich Kreuzbalken trugen.

Komisch, was Leute alles in ihren Taschen mit sich herumtragen, dachte Dietmar Schaumburg, steckte den Dolch wieder zurück und setzte seine Suche nach der Lederjacke fort. Schließlich fand er die Autoschlüssel, eilte durch die Regenschwaden zu dem Opel Commodore, der die Einfahrt versperrte, und fuhr den Wagen einige Hundert Meter weiter. Als er das Haus wieder betrat, schüttelte er sich den Regen aus den Haaren und wischte sich mit einem Taschentuch die Nässe aus dem Gesicht. Kapitän Oldewurtel kam aus der Küche.

»Frische Schollen, selbst gefangen, mit Buche geräuchert!«, rief er und jonglierte ein Riesentablett herein. Er trug seinen blauen Seemannspullover und natürlich die unvermeidliche Prinz-Heinrich-Mütze. Maike reichte Teller und Besteck. Die Schollen wurden zum Höhepunkt einer gelungenen Party, und danach verließen die meisten Gäste das Fischerhaus. Gegen zehn Uhr hockten Dietmar Schaumburg, Maike und Kapitän Oldewurtel mit einigen wenigen Freunden zusammen, weil es ihnen noch zu früh war, den schönen Abend schon zu beschließen.

Jan Fisker war an diesem regnerischen Abend trotz des steifen Nordwest mit seinem Fahrrad von Esens nach Neuharlingersiel geradelt. Er hatte erfahren, dass der Referendar Schaumburg eine Party gab, und irgendwer hatte ihm auch gesagt, wer daran teilnahm – seine Exfreundin Patricia.

Jan Fisker konnte Patricia nicht vergessen. Er verzieh es der Hetting nicht, dass sie seine Liebe zu dem schönen Mädchen in solch einer »schweinischen« Art erniedrigt hatte.

Aber es gab noch einen anderen Grund, mal zu sehen, was es auf der Party gab … Als er sein Fahrrad am Sieltor abstellte, ging er zu Fuß bis zur Ecke. Von dort hatte er den Eingang des Fischerhauses im Blickfeld.

Jan Fisker sah, wie der Referendar Schaumburg das Haus verließ und in ein Auto stieg, um kurz darauf wieder ins Haus zurückzukehren. Jan Fisker ging vorsichtig die Stufen hoch, die Schaumburg eben genommen hatte. Ohne sich genau über das klarzuwerden, was er tat, öffnete er die unverschlossene Tür. Er schlich sich in den Korridor und drängte sich eng an die Mäntel der Garderobe. Von hier aus konnte er einen Blick in das Wohnzimmer werfen, aber er sah Patricia nicht. Er drückte sich gegen die Garderobe, um nicht sofort entdeckt zu werden, denn dann hätte ein Beobachter sehen können, wie er sich an den Mänteln und Jacken zu schaffen machte …

Seit Jan Fisker die Hetting und seine schöne Freundin an jenem denkwürdigen Sommertag überrascht hatte, ließ Hanna Hetting ihn in der Schule in Ruhe, und er war klug genug, seinen Hass in Grenzen zu halten und seine Entdeckung zu verschweigen. Diese Taktik trug erste Früchte. Die Schulleiterin zensierte zum ersten Mal einen Aufsatz mit dem ersehnten Ausreichend. Seine Zulassung zum Abitur rückte zur Freude seiner Mutter in erreichbare Nähe. Jan Fisker passte sich an.

Patricia wusste zwar, dass Jan Fisker litt, aber das störte sie nicht. Ihr schmeichelte es, von der Oberstudiendirektorin verführt worden zu sein. Die Frau strahlte Beherrschung und Macht aus, und mit ihr hatte sie die Liebe anders erlebt, berauschend, ohne jede Skrupel. Und noch etwas hatte Patricia in den letzten Wochen erfahren: dass sie die Schulleiterin beherrschen konnte. Das war ein herrliches Gefühl, das verlieh ihr Selbstvertrauen, das erweiterte ihren Horizont. Dass die einflussreiche Frau nicht genug von ihrem jungen, frischen Körper bekommen konnte, machte Patricia stolz.

Sie war fast immer in der Nähe der Schulleiterin. So kam es auch, dass Patricia an jenem Donnerstag das Tablett mit Tee, Kluntjes, Sahne und Gebäck in das Direktorzimmer trug, in dem die Hetting die Studiendirektoren Palters, Brosser, Suchow und Rosenberg mit statistischen Zahlenmaterialien beschäftigte.

Gewandt deckte Patricia den Tisch, gab Sahne und Kluntje in die Tassen und goss allen Tee ein.

Patricia spürte, dass die Blicke der Männer jede ihrer Bewegungen verfolgten. Wenn sie sich über den Tisch lehnte, streckte sich ihr graziler Körper, und die Nippel ihrer festen Brüste drückten sich deutlich gegen den dünnen, anschmiegsamen Stoff der Bluse. Patricia wusste, dass sich ihre Brustwarzen versteiften, und sie wusste auch, dass das den verschämt-lüsternen Blicken der Oberstudiendirektorin nicht entgehen würde.

Sie musterte die Männer, und ihr Blick blieb am wuchtigen Körper von Soenke Suchow hängen. Sie sah, wie er mit seinen langen und dicken Fingern auf die kleinen Tasten des Taschenrechners hämmerte. Patricia Romanelli fand das enorm erotisch. Sie stellte sich vor, wie es wäre, wenn er sie mit diesen Fingern berührte, wenn er sie am ganzen Körper streichelte. Sie hatte noch nie etwas mit einem älteren Mann gehabt. Konnte sie auf einen Mann ebenso wirken wie auf die Hetting?

Soenke Suchow hatte natürlich keine Ahnung von dem Liebesverhältnis seiner Chefin zu dieser Schülerin. Als er die Blicke des schönen Mädchens auf sich gerichtet sah, versteckte er sein Interesse an Patricia nicht mehr. Seine Kollegen hatten sich längst wieder in die Zahlenkolonnen vertieft, er konnte also ungeniert mit den Augen den prallen Po der Schülerin abtasten, die kleinen festen Brüste, die die Bluse zum Zerplatzen spannten.

»Danke, Patricia. Der Tee ist ausgezeichnet«, sagte Hanna Hetting eine Nuance zu scharf. Suchow wusste sofort, dass die Schulleiterin sein Interesse an Patricia bemerkt hatte.

Patricia warf noch einen kecken Blick auf Suchow, dann wandte sie sich zur Tür, ohne die Hetting anzusehen. »Ist sie nicht eine Augenweide?«, fragte die Oberstudiendirektorin, als Patricia die Tür hinter sich geschlossen hatte. »Patricia ist eine ausgezeichnete Schülerin. So etwas Akkurates und Pflichtbewusstes ist heute selten.«

Suchow nickte. Seine Gedanken hingen weniger an der vorzüglichen Schülerin, sondern mehr an dem Kindweib Patricia, das so ungezwungen flirten konnte.

Nach einer knappen Stunde hatten sie die Statistik überprüft. Die Zahlen stimmten, die Querrechnungen brachten die Beweise. Suchow verabschiedete sich und ging zum Parkplatz. Er stieg in seinen Mercedes und fuhr auf die Ausgangsstraße in Richtung Bensersiel. In Bensersiel hatte er gebaut.

Als er an der Kreuzung einbog, rieb er sich verwundert die Augen. Träumte er, oder stand da tatsächlich die kesse Patricia?

Sie war es. Und sie hielt den Daumen hoch.

Suchow stoppte. Patricia eilte an die offene Autotür. »Herr Suchow, nehmen Sie mich mit? Ich muss nach Bensersiel, eine Freundin besuchen.«

»Selbstverständlich.« Suchow fragte sich, ob die Begegnung wirklich so zufällig war, oder ob Patricia ihm »aufgelauert« hatte. Nicht dass er sich beklagte – im Gegenteil. Seine Frau arbeitete im Frisiersalon »Brigitte« in Esens, sie kam erst nach neunzehn Uhr nach Hause. Ihre Ehe war kinderlos, und seine Frau wollte lieber arbeiten, als zu Hause »versauern«, wie sie es nannte. Suchow hatte daher nachmittags genügend Zeit, und jede Abwechslung war ihm willkommen.

Er fuhr langsam wieder an. »So, eine Freundin willst du besuchen«, sagte er nach einigen Minuten des Schweigens.

Patricia antwortete nicht. Sie legte den Kopf ein wenig schief und lächelte ihn an, und als er das Lächeln erwiderte, räkelte sie sich, drückte das Kreuz durch und brachte ihre Brüste voll zur Geltung.

»Ich habe den ganzen Nachmittag Zeit«, sagte Suchow. »Ich brauche mich nicht auf die Schule vorzubereiten, und Arbeiten habe ich auch nicht nachzusehen. Sollen wir nicht ein bisschen spazieren fahren?«

Das junge Mädchen lächelte. Wer hätte gedacht, dass sie bei Suchow so schnell zum Ziel kommen würde? Wie aus Versehen berührte Patricia den Oberschenkel des Lehrers. Das war ihre Antwort auf seine Frage.

Suchow bog kurz vor Bensersiel von der Kreisstraße auf einen Feldweg ab, der vor dem Deich endete. Er schaltete den Motor aus und wandte sich Patricia zu. Das Mädchen erschauerte, als die langen, dicken Finger des Studiendirektors über die zierlichen Schultern strichen, in den Ausschnitt der Bluse griffen und die festen Halbkugeln liebkosten.

Sie ließ alles mit sich geschehen, sie zwängte sich aus ihren engen Jeans und weidete sich an ihrer eigenen, mehr aber noch an der Wollust des älteren Mannes, der mit jedem Kleidungsstück, das er ablegte, jene künstliche Würde verlor, auf die er sich im Nordseegymnasium so viel einbildete.

Suchow war zufrieden wie ein Kater, der am frühen Morgen wohlverrichteter Dinge nach Hause humpelt. Dass die attraktive Patricia sich ihm so hemmungslos hingegeben hatte, bestätigte seine Männlichkeit. Die schöne Italienerin hatte ihm soeben bewiesen, dass er noch nicht zum alten Eisen gehörte.

Er fuhr zum Inselanleger und setzte Patricia dort an der Hafenmauer ab. Sie versprach ihm, morgen gegen 16 Uhr hier im Hafengelände auf ihn zu warten.

Als Suchow am Morgen mit seiner Frau Hilde gefrühstückt hatte, sagte er wie nebenbei: »Ach, Hilde, mir fällt ein, heute Nachmittag kommt eine Schülerin zum Nachhilfeunterricht. Ich dachte mir, die paar Mark kann ich mir gut mitnehmen.«

Hilde Suchow war das gar nicht recht. »Soenke, du sollst doch keine Nachhilfe mehr annehmen. Ich verdiene auch, und du weißt, dass es mir lieber wäre, wenn du im Haus etwas mit anfassen könntest. Heute ist Freitag. Du könntest die Wäsche erledigen, und unsere Küche muss auch dringend gemacht werden.«

»Aber Hilde, das sind doch Bagatellen«, beruhigte Suchow seine Frau, und er war froh, als sie aufstand.

Suchow setzte seine Frau Hilde am Salon »Brigitte« ab und fuhr zum Nordseegymnasium.

Heute gab er nur einige Stunden Unterricht, dafür musste er sich aber mit Verwaltungsarbeiten entsprechend länger beschäftigen. Immer mehr Schriftkram fiel an. Da es am Nordseegymnasium eine Stundenausfallquote von über zwanzig Prozent gab, die gerade die naturwissenschaftlichen Fächer betraf, wurden die Schüler der unteren Klassen jeweils im Wechsel nur in Biologie, Chemie oder Physik halbjährlich beschult. Für die andere Hälfte musste der Unterricht ausfallen. Da aber viele Fahrschüler das Gymnasium besuchten, mussten sie in den Freistunden beaufsichtigt werden.

Suchow hörte gegen 12.45 Uhr das Läuten zum Schulende. Die Schüler und Schülerinnen verließen lärmend die Schule. In Scharen radelten sie vom Hof, und der ersten lauten Welle von Motorengeräuschen folgte eine zweite, die nach lauten Startknattern dann langsam abebbte. Suchow suchte das Büro der Schulleiterin auf.

Zu seiner Überraschung sah er Patricia vor dem Schreibtisch sitzen. Für einen Augenblick stockte ihm der Atem, aber dann sah er Patricia lächeln, und er wusste, dass alles in Ordnung war.

Die Hetting, ihr graues Haar lag exakt im Pagenschnitt, sortierte mit knochigen Händen Unterlagen aus einem Schnellhefter. Mit der Miene der Chefin, mehr befehlend als bittend, sagte sie: »Herr Suchow, machen Sie heute Nachmittag die Vertretungspläne. Hier sind die Meldungen. Ich möchte nicht, dass der Unterricht ausfällt. Setzen Sie vor allem die jungen Kollegen ein, denn denen geht es viel zu gut. Zu meiner Zeit war das noch anders. Herr Viena kann auch eine Stunde übernehmen, denn was der sich wieder auf der letzten Konferenz geleistet hat, das verstößt ja nun wirklich gegen den Geist unseres Hauses.«

Sie schob Suchow die Akten zu, dann stand sie hölzern auf und verließ das Zimmer. Patricia folgte ihr, drehte sich aber unbemerkt um und signalisierte Soenke Suchow mit einem koketten Augenaufschlag intime Vertrautheit.

Suchow ging gedankenvoll in sein Büro. Er konnte die Arbeit nicht zu Hause erledigen, denn da fehlten ihm die großen Überblicktafeln. Wenn er sich beeilte, dann konnte er um 16 Uhr fertig sein. Er wollte die Verabredung mit Patricia nicht platzen lassen.

Er schaffte sein Pensum. Um 15.20 Uhr ging er mit dem Vertretungsplan zum Zimmer der Oberstudiendirektorin. Er klopfte an und drückte die Tür auf.

Frau Hetting schaute nicht auf. Wortlos blickte sie auf ein beschriebenes Blatt. »Hier sind die Pläne, Frau Hetting«, sagte er.

»Danke, legen Sie sie hierher«, antwortete sie und tippte mit ihrer knochigen Hand auf die Schreibtischkante. Suchow legte die Papiere ab und wollte gerade gehen, als der Kopf der Chefin nach hinten ruckte und die Augen, von Furchen umgeben, die Decke suchten. Dann bewegten sich die verkniffenen Lippen.

»Herr Suchow, mein Einfluss und mein Einsatz hat Sie in Ihre Position gebracht. Ich finde Ihr Verhalten unangemessen und befremdend.«

Suchow zuckte zusammen. Er hatte zwar ein schlechtes Gewissen, aber wenn Patricia nicht geplaudert hatte, konnte die Alte nichts wissen. Und wenn Patricia geplaudert hätte, wäre die Hetting bis jetzt nicht so still geblieben. Tastend sagte er: »Ich verstehe nicht, was Sie meinen, Frau Hetting.«

»Herr Suchow, dann muss ich eben deutlicher werden«, sagte sie scharf, den Blick immer noch an der Decke. »Sie sind verheiratet. Ob glücklich oder nicht, spielt keine Rolle. Das ist jedenfalls kein Grund, der entschuldigen könnte, dass Sie Patricia, meine Lieblingsschülerin, so verwirren. Sie gehen da etwas zu weit. Halten Sie sich zurück, damit Patricia auf dem Pfad ihrer Persönlichkeitswerdung nicht unnütz belastet wird ...

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