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Friends & Horses (2) - Sommerwind und Herzgeflüster

 

„Ich hab ihn!“ Triumphierend tauche ich aus dem Wasser auf, den mit Sand gefüllten Tennisball in der Hand, den wir immer dabei haben, wenn wir zum Baden in die geheime Bucht fahren. Daniel kommt neben mir an die Wasseroberfläche und schnappt nach Luft.

„Jetzt sind wir quitt!“, ruft er und schüttelt lachend seinen Kopf mit den halblangen Haaren, dass die Tropfen nur so spritzen.

„Nicht, wenn ich noch mal gewinne!“, rufe ich und werfe den Ball meiner Urgroßmutter zu, die auf unserer Decke sitzt und das Picknick vorbereitet. Der Ball landet in der Schüssel mit dem Eiersalat, und Uma quietscht ziemlich unurgroßmuttermäßig und fährt zurück. Eiersalat ist in ihren Haaren, auf ihrem Badeanzug, auf der Decke und vermutlich auch auf den selbst gebackenen Zimtschnecken, die sie gerade so hübsch auf einen Teller gelegt hat. Eine Schrecksekunde lang halten Daniel und ich den Atem an, dann prustet Uma los, und Daniel und ich müssen so heftig mitlachen, dass ich mich verschlucke und er sich auf die Zunge beißt.

„Ihr könnt den Fischen bestellen, dass es Eiersalat gibt!“, sagt Uma, nimmt mit spitzen Fingern den Tennisball aus der Schüssel und steht auf. Sie schaut an sich hinunter. „Und zwar jede Menge!“ Sie kommt ins Wasser gewatet. „Hmmm … wer von euch hat geworfen?“

„Er war’s!“ quietsche ich und zeige auf Daniel, der gleichzeitig „Rosa war’s!“ brüllt. Im nächsten Moment sind wir beide lachend und kreischend vor meiner Uroma auf der Flucht, die den gefährlichen Zitterrochen spielt – wen sie als Ersten erwischt, der ist Fischfutter und hat verloren.

„Hey, Schnarchnase!“

Ich hab noch das Lächeln auf den Lippen, das der Traum dahin gezaubert hat, als Ollies Stimme mich aufweckt. „Wir sollten dann langsam zurück, oder nicht?“

„Na klar.“ Ich rapple mich hoch. „Wie lange hab ich geschlafen?“

„Nur ein paar Minuten!“, ruft Daisy vom Ufer und lacht. „Aber wir mussten dich wecken. Dein Schnarchen hat die Pferde erschreckt!“

„Witzig!“

„Ja“, schließt Ollie sich bereitwillig an. „Schau mal Chispa an, sie ist noch ganz verstört!“ Chispa wälzt sich gerade genussvoll auf dem schmalen Kiesstreifen.

Genau dort war das kleine Lagerfeuer. Und auf dem überhängenden Ast, über den Ollie ihre Satteldecke geworfen hat, hingen seine Kleider zum Trocknen. Die Bucht kommt mir nun, da sie von uns dreien und unseren Pferden bevölkert ist, noch viel winziger vor als damals mit Uma.

Für ihn und mich hatte sie genau die richtige Größe. Sokrates scharrt mit dem Huf und sieht mich an, als hätte er meine Gedanken gelesen. Ich stehe auf und kraule meinen Wallach auf der Stirn, ganz oben, am Haaransatz, das liebt er. „Du hast völlig recht, mein Süßer“, flüstere ich. „Für ihn und mich und dich hatte sie genau die richtige Größe.“

Sokrates’ Kopf schmiegt sich an meine Hand und es sieht aus, als würde er zustimmend nicken.

1. Dienstag 2.0

„Zurück … gut … schön … und noch mal! Zurück …!“ Vorsichtig steigt Sokrates rückwärts über die Stangen, ohne eine einzige zu berühren. Er kaut auf seiner und ich auf meiner Unterlippe, beide sind wir hochkonzentriert.

„Super gemacht, Sokrates!“, lobe ich ihn, als er die letzte hinter sich gebracht hat. „Mein Guter, mein Hübscher! Suuuper! Fein! Und jetzt den Slalom!“

Ich lasse ihn einmal im Schritt durch den Hütchen-Slalom gehen, damit er Gelegenheit hat, ihn sich anzusehen. Dann traben wir durch, einmal, zweimal, dreimal. Als das perfekt funktioniert, steige ich ab und verknote die Zügel, damit mein Haflo-Araber sich nicht darin verheddern kann. „Sokrates, follow!“, rufe ich, greife mit der Hand in meine Leckerlitasche und laufe ein Stückchen von ihm weg. Er folgt zögernd, bleibt dann stehen, dehnt den Kopf nach vorn, schnüffelt am Sand des Vierecks. „Sokrates, follow!“, rufe ich erneut. „Leckerli!“ Er wirft mir einen schwer zu deutenden Blick zu, streckt den Hals erneut ganz nach unten und beginnt, mit einem Huf zu scharren.

„Hey! Lass das!“, rufe ich, als ich endlich schnalle, was er vorhat. „Wälzen kannst du dich später, nicht jetzt!“ Ich sprinte zu ihm zurück und ziehe ihn gerade noch am Zügel weiter, bevor er mit den Vorderbeinen einknickt.

„Sokrates, follow!“, versuche ich es erneut und belohne seine ersten zwei Schritte in meine Richtung sofort mit einem Leckerli. Als ich jetzt die Hütchen etwas enger stelle, lasse ich nie mehr als zwei Schritte Abstand zwischen uns. Nach jedem Hütchen kriegt er ein Leckerli, und diesmal folgt er mir ganz brav, bis der neue, schwierigere Slalom fertig ist. Allerdings habe ich den Verdacht, dass das Ganze ohne Leckerli nicht halb so gut funktionieren würde. „Das werden wir wohl noch etwas üben müssen!“, erkläre ich ihm, als ich wieder aufsteige. Nach einer Runde Trab auf dem Hufschlag lasse ich ihn erneut den Slalom laufen. Er macht es brav, nur ein Hütchen fällt um, beim zweiten Durchgang dann gar keines mehr.

„Du bist der Beste, mein Großer!“, erkläre ich ihm, sattle ihn ab und steige dann nochmals auf. Letztes Jahr gab es beim Sommer-Turnier keine Bareback-Aufgabe, aber wer weiß? Es schadet nicht, im Training zu bleiben, sage ich mir und jage im Indianergalopp ein paar Runden durch das Viereck. Dann versuche ich, mich aus dem Galopp vom Pferd zu beugen und den Horse­ball aufzuheben, den ich in der Mitte des Vierecks abgelegt habe. Die Stallkatze wählt genau diesen Moment, um vor uns quer über das Viereck einer Maus nachzujagen, Sokrates schlägt einen erschrockenen Haken, und ich lande unsanft auf dem ­Boden.

„Fürs nächste Mal, mein Junge“, erkläre ich Soki mit einem Seufzer, „es soll so aussehen, dass der Horseball zu mir raufkommt und nicht ich zu ihm runterplumpse. Aber du kriegst Punkte für den kreativen Lösungsansatz.“ Sokrates hört mir interessiert zu und beginnt dann erneut zu scharren.

„Na, meinetwegen, mein Alter.“ Ich nehme ihm Zaumzeug und Trense ab und sehe ihm zu, wie er sich genussvoll im Sand wälzt, vom rosaroten Licht der sinkenden Sonne angestrahlt.

„Das wird schon!“, plaudere ich weiter, als ich Sokrates zurück auf den Paddock führe. „Wenn wir zusammenarbeiten, kriegen wir das dieses Jahr hin, du und ich.“

Mom sitzt unten in der Küche und lernt, als ich heimkomme, so wie meistens an ihren freien Abenden.

Sie schaut von ihren Büchern auf und lächelt mich an. „Alles gut im Stall?“

„Alles im grünen Bereich.“

„Hast du noch Zeit zum Trainieren gehabt?“

Ich nicke. „Wir haben die letzten Sonnenstrahlen ausgenutzt, Sokrates und ich. Gibt’s was zu essen?“

„Gazpacho aus der Hotelküche“, antwortet sie. „Im Kühlschrank.“

Die kalte Gemüsesuppe ist gerade das Richtige nach diesem langen, heißen Tag. Ich esse ein paar Löffel, stelle meinen Teller in die Spülmaschine, schnappe eine Wasserflasche aus dem Kühlschrank und winke meiner Mutter zu. „Ich geh in die Falle.“

Sie murmelt irgendwas, schon wieder völlig in ihre Bücher versunken.

Nach dem Zähneputzen und einer Blitzdusche falle ich erschöpft ins Bett.

Morgen ist Dienstag, habe ich gerade noch Zeit zu denken. Ausmisten, Heulieferung in Empfang nehmen, Mittagessen bei Daisy, nach Hause, Duschen.

Und dann Daniel.

„Ida!“, sagt meine Urgroßmutter und strahlt mich an.

„Nein, Umalein, ich bin’s, Rosa. Und Daniel ist auch hier.“

Einen Augenblick lang ist nur Verwirrung in den hellblauen Augen zu erkennen, die unter den schon fast schneeweißen Haaren hervorstrahlen. Immer noch werden Umas Haare jede Woche von einer Friseurin gewaschen und mit Wicklern gezähmt. Meine Urgroßmutter hat immer noch ganz dichtes, gewelltes Haar, genau wie Ida, meine Mutter. Die beiden sehen einander überhaupt sehr ähnlich, nur ist Uma immer schon kleiner und zarter gewesen als Mom.

Ganz selten ist sie auch jetzt noch so. Aber nicht heute. Ihr fragender Blick hängt noch ein paar Augenblicke an meinen Augen, verliert sich dann in der Ferne.

„Rosa …“, sagt sie nachdenklich. Mein Herz krampft sich zusammen. Das ist meine Uroma, meine süße Uma, die mit Daniel und mir Kekse gebacken und uns im Fluss Schwimmen beigebracht hat. Die immer fröhliche Frau, die den Garten in Schuss gehalten hat und sich über jede neue Rosenknospe freuen konnte wie ein Kind zu Weihnachten. Zu der ich mit allem kommen konnte, jederzeit.

„Ja, Uma“, sagt Daniel und nimmt ihre Hand. Als wir Kinder waren, war er so oft bei uns, sie war genauso seine Uma wie meine. Manchmal kommt es mir vor wie gestern. Manchmal, als wäre es hundert Jahre her. Ich beobachte ihn, wie er sich zu ihr beugt und mit ihr spricht. Er redet mit ganz leiser Stimme, er weiß, dass Uma Ohren wie ein Luchs hat. „Ja, Rosa ist hier, deine Urenkelin. Und ich bin Daniel.“

Etwas flackert in ihren Augen auf. „Rosa und Daniel“, wiederholt sie und lächelt. „Natürlich.“ Für einen Moment ist ihr Blick ganz klar, als sie uns nacheinander ansieht. Mein Herz krampft sich erneut zusammen, aber diesmal ist es nicht wegen meiner Uma. ‚Rosa und Daniel‘, das war eine Einheit, all die Jahre. Sandkastenfreundschaft, beste Freunde, Seelenverwandte. Und beinahe wäre noch etwas anderes draus geworden. Wenn da nicht plötzlich Ollie gewesen wäre. Die zauberhafte, wunderhübsche, unwiderstehliche Ollie. Die man einfach gernhaben muss. Ja, ich hab sie auch gern. Ja, Ollie ist toll. Alle lieben Ollie. Zu dumm, dass ich Daniel auch liebe. Und noch viel dümmer, dass ich zu spät draufgekommen bin. Vielleicht wäre alles anders gelaufen, wenn ich nur etwas früher … Hör schon auf!, unterbreche ich diesen Gedankengang entschlossen. Es ist, wie es ist. Daniel ist mit Ollie zusammen, Punkt. Er und ich sind Freunde, basta.

Daniel sieht mich forschend an. Wer weiß, wie lange ich hier schon stehe und innere Monologe führe.

„Wollen wir ein bisschen nach draußen gehen, Uma?“, frage ich meine Urgroßmutter. „Es ist schönes Wetter. Du bist doch so gern im Garten.“

„Ja, mein Schatz“, sagt sie, aber ihr Blick entgleitet mir schon wieder.

Ich sehe mich nach ihrer Strickjacke um, aber Daniel hat sie schon in der Hand. Sie friert leicht, seit sie so dünn geworden ist. Wir helfen ihr aus dem Fernsehsessel, und Daniel bringt sie zur Tür.

Als wir später Richtung Ausgang gehen, ist es kurz vor sieben Uhr abends. Um diese Zeit haben unsere Dienstage früher immer begonnen, nicht geendet. Es war Ollies Idee, mir „meine“ Dienstage zurückzuschenken, und allein das zeigt schon, wie toll sie ist. Es hilft mir wirklich, zu wissen, dass Daniel am Dienstag nicht mit ihr zusammen ist und ich ihn theoretisch anrufen könnte, ohne dass sie danebensitzt. Aber natürlich machen wir keine DVD-Abende mehr in seinem Zimmer, nebeneinander auf seinem Bett sitzend, in seine alte Patchworkdecke gekuschelt. Natürlich klettere ich nicht mehr durch sein Fenster, und ich übernachte nicht mehr bei ihm. Aber es ist irgendwie immer noch mein – unser – Dienstag.

„Wollen wir noch was trinken gehen?“, fragt Daniel. „Ich bin am Verdursten.“

„Stimmt, ich auch. Gern.“ Ich zögere. Ich bin nicht sicher, ob man das sagen darf, als gute Urenkelin. Dann sage ich es doch. Er ist immer noch Daniel, mein bester Freund. „Es ist verdammt anstrengend mit ihr, ich bin immer völlig fertig nachher.“

„Ja“, antwortet er. „Es ist anstrengend.“ Er lächelt mir zu, ein bisschen vorsichtig, nicht mehr ganz so offen wie früher. Aber vielleicht bilde ich mir das auch bloß ein. „Aber ich bin froh, dass ich da war.“

„Ich auch“, sage ich schnell. „Ich bin jedes Mal froh, wenn ich da war. Ich glaube, sie freut sich über den Besuch, auch wenn sie nachher nicht mehr so genau weiß, wer sie besucht hat.“

„Ich würde nächstes Mal gern wieder mitkommen.“

Ich sehe ihn überrascht an. Es gibt schließlich Witzigeres, das man mit seiner Freizeit anfangen kann, als eine alte Frau im Pflegeheim zu besuchen. Ist es, weil ihm die gemeinsame Zeit mit mir auch fehlt? Er errötet ein bisschen.

„Sie war wie eine Oma für mich, als ich klein war. Und sie hat Pikachu gerettet.“

Pikachu ist der alte Kater von Daniels Mutter – den Namen hat er wegen der schwarzen Ohren. Meine Uma hat ihn, als er ein Kätzchen war, aus dem Fluss gezogen und vor dem Ertrinken gerettet. Ich muss vier oder fünf gewesen sein, das ist also keine zehn Jahre her. Damals war meine Urgroßmutter noch topfit. Ich seufze ganz tief aus dem Bauch heraus.

„Sie ist immer noch da drinnen“, sagt Daniel, und sein Blick ist voller Mitgefühl. „Und vielleicht bekommt sie mehr mit, als wir wissen.“

„Ja, gut möglich.“ Plötzlich fühle ich, wie mir die Tränen kommen. „Manchmal ist es auch besser als heute. Ich vermisse sie nur so schrecklich.“

Daniel sieht mich an und fährt sich ein wenig ratlos mit den gefächerten Fingern einer Hand über die Stirn – die allertypischste Daniel-Geste überhaupt. Was meinen Tränenpegel in diesem Moment eher noch zu erhöhen droht.

„Du brauchst einen Sugar Shake!“, sagt er dann und strahlt, als hätte er soeben die Lösung für alle meine Probleme gefunden. Das Pflegeheim, in dem meine Urgroßmutter lebt, liegt mitten im Grünen, vom Grillental eine halbe Stunde mit dem Rad entfernt, in Richtung Fehring, der nächsten Stadt. Das Sugar ist ein Food-Truck, eine Milchbar auf Rädern, natürlich wieder mal eine Geschäftsidee von Noahs Vater, der dafür sorgt, dass der Coolness-Faktor unserer Wald- und Wiesengegend gegenüber vergleichbar idyllischen Orten enorm ansteigt. Das Sugar ist ein Pop-up-Lokal im wahrsten Sinne des Wortes. Es hat eine Facebook-Seite, auf der immer erst kurz vorher bekannt gegeben wird, wo es als Nächstes Station macht. Und es bleibt nie länger als eine Stunde an demselben Ort.

Daniel hat sein Handy schon aus der Tasche gefischt und tippt, während wir zu unseren Rädern gehen. Eigentlich habe ich bloß Durst, gar keine Lust auf einen Shake. Es ist einer dieser Momente, in denen man auf nichts Lust hat und glaubt, nie wieder auf irgendwas Lust zu haben. Aber dann sieht Daniel mich an. „Bei der Lambacher Mühle!“, sagt er. „Aber nur noch fünfzehn Minuten! Wir müssen schnell sein!“

Er schwingt sich in den Sattel und fährt los, ohne eine Antwort abzuwarten. Ich habe null Bock auf einen Fahrradsprint, vor allem, weil es gut möglich ist, dass wir es gar nicht rechtzeitig schaffen, aber was bleibt mir übrig? Ich steige auf mein Rad und trete in die Pedale, so fest ich kann, um Daniel einzuholen. Noch sind wir auf der Hauptstraße, aber etwa fünfhundert Meter weiter biegen wir auf einen Feldweg, und Minuten später höre ich keine Geräusche mehr von der Straße – nur noch die Vögel, den Wind und das gelegentliche Quietschen meiner Bremsen, die ich endlich mal ölen sollte. Daniel ist immer noch vor mir, ich lege einen Spurt hin, um aufzuholen, und ziehe an ihm vorbei, als er sich gerade nach mir umsehen will.

„Das schaffen wir nie!“, rufe ich ihm zu und biege in den Forstweg ein, der durch den Wald Richtung Fluss führt.

„Nicht, wenn du in diesem Rentnertempo fährst!“, ruft er zurück und überholt mich erneut, obwohl der Weg verdammt eng ist.

„Rowdy!“, brülle ich und trete wie eine Verrückte, um mich nicht abhängen zu lassen.

Wir liefern einander ein Rennen, so wie früher, als wir jünger waren und um die Wette zum Badeplatz gefahren sind. Der Weg wird etwas breiter, und als die Brücke, die kurz vor der Mühle über den Fluss führt, endlich in Sichtweite kommt, ist meine trübe Stimmung wie weggeweht – und das nicht nur, weil ich gerade vorn bin. Daniel und ich lachen und schnaufen und duellieren uns nicht nur per Rad, sondern auch mit blöden Sprüchen.

„Schnecke, dein Name ist Rosa!“

„Sagte der Mann, als er die Schnecke von hinten sah!“

„Ich will dir bloß nicht den Spaß verderben, jeder weiß, dass du nicht verlieren kannst!“

„Das kann ich wirklich nicht, sosehr ich mich auch bemühe!“

„Es heißt Fahr-Rad, nicht Steh-Rad!“

„Ich wäre auf einem Ein-Rad schneller als du!“

Die Mühle steht direkt am Flussufer, und nur ein paar Meter dahinter liegt einer der beliebtesten Badeplätze von Fehring. Meine Oberschenkel brennen, und ich bin total verschwitzt, aber ich fühl mich so gut wie schon lange nicht mehr. Sonst schaffen das nur die Pferde, mich so aus einem Tief zu katapultieren, aber Fanny lahmt seit einer Woche, und Sokrates wird daher von den Hotelgästen doppelt in Anspruch genommen. Ich hasse es, dass die beiden nicht wirklich meine Pferde sind. Aber gerade jetzt, in diesem Moment, geht es mir gut, und das will ich genießen. Jetzt brauche ich den Sugar Shake wirklich – oder noch besser: einen Eisbecher. Und eine Riesenlimo. Da vorn steht der Trailer! Offwhite lackiert mit pastellblauem SUGAR-Schriftzug und hellblau-weiß gestreiftem Baldachin steht er da wie aus den USA der Fünfzigerjahre hergebeamt. Aber das Verkaufsfenster ist schon geschlossen, der Baldachin einge­fahren.

„Heeeey!“, brüllt Daniel, aber das hindert den Truck nicht daran, sich in Bewegung zu setzen. Kein Wunder, es ist halb acht, und langsam geht auch dieser lange, heiße Tag dem Ende zu. Badegäste kommen uns entgegen, zu Fuß und auf Fahrrädern, was das Fortkommen nicht gerade erleichtert. Daniel ist gezwungen, langsamer zu fahren. Der Truck rumpelt bereits über ein Stück Schotterstraße hinauf zum Parkplatz. Wenn er einmal auf der Forststraße ist, haben wir keine Chance mehr, ihn noch einzuholen – und selbst wenn, ist es fraglich, ob der Fahrer für uns stehen bleibt. Um acht muss er an seiner nächsten Location sein, und das Sugar-Konzept geht nur auf, wenn der Truck auch einigermaßen pünktlich ist.

Ich steige vom Rad und schiebe es, um nicht mit den Badegästen zusammenzustoßen.

„Gib’s auf!“, brülle ich Daniel nach. „Den erwischst du nie!“

Statt einer Antwort steht er im Sattel auf und macht Ernst: Im Turboslalom kurvt er an Buggys, Hunden und Liebespärchen vorbei und fängt sich dabei ein paar unfreundliche Blicke ein. Ich schüttle den Kopf und muss grinsen. Eigentlich ist er sehr höflich und rücksichtsvoll. Es scheint ihm verdammt wichtig zu sein, den Sugar-Wagen aufzuhalten und mir meinen Shake zu besorgen. Als ich an der Mühle vorbei bin, ist der Truck außer Sichtweite und Daniel ebenfalls. Der Badeplatz hat sich schon weitgehend geleert, die letzten Gäste packen gerade zusammen. Ein kleines Mädchen mit blau gefrorenen Lippen planscht noch im Wasser herum und weigert sich rauszukommen, obwohl die Mutter mit einem Kapuzenhandtuch in der Hand auf dem Steg auf und ab geht und schimpft. Das Mädchen schüttelt unbeeindruckt den Kopf, klappert mit den Zähnen und taucht unter. Ich verbeiße mir ein Grinsen, als ich an der entnervten Mama vorbei auf den Steg hinausgehe: Daniel und ich waren genauso, meine Uma hat es bestimmt auch nicht leicht gehabt mit uns zwei Wasserratten.

Schließlich ist die Mutter gezwungen, ins Wasser zu waten und das Kind an Land zu zerren. Unter lautstarkem Protest wird es zwangsabgetrocknet und abgeführt. Danach habe ich den Steg für mich allein und Minuten später auch den ganzen Badeplatz. Ich lasse die Füße ins Wasser hängen, lausche dem immer leiser werdenden Stimmengewirr und warte auf Daniel – er kann wirklich verdammt stur sein, wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hat. Hier ist der Fluss ziemlich breit und macht eine Biegung, dadurch ist eine natürliche Sandbucht entstanden, und das Wasser wird nicht gleich so tief. Der Platz ist daher besonders bei Familien mit kleinen Kindern beliebt.

Ich strecke mich auf dem Holzsteg aus, schließe die Augen und lasse die letzten Sonnenstrahlen des Tages auf meinen Lidern tanzen. Mir tut jeder leid, der nicht an einem Fluss lebt. Es ist so schön … so friedlich …

Beinahe wäre ich eingedöst, da höre ich Daniels Stimme. „Verdammt, zu spät. Sie ist schon verdurstet.“

Ich stütze mich auf meine Ellbogen und schirme meine Augen mit der Hand gegen die Sonne ab. Da steht er, triumphierend eine braune Papiertüte mit dem hellblauen Sugar-Schriftzug schwenkend.

„Wow. Wie hast du das denn geschafft? Mit vorgehaltener Waffe?“

„Mit meinem berühmten Charme.“

Ich werfe ihm einen zweifelnden Blick zu. „Hat Ollie den Truck gefahren?“

„Witzig.“

Jetzt habe ich ihm den Spaß verdorben, und das wollte ich wirklich nicht.

Ich greife nach der Papiertüte und packe alles aus, was Daniel mitgebracht hat. Zwei große Papercups mit Deckel, in denen ich Eiswürfel aneinanderschlagen höre – vermutlich Limo. Zwei kleinere Cups, die sich noch kälter anfühlen, also Eis oder Shakes. Und in eine Papierserviette eingeschlagen, zwei fette Brownies. Ich liebe den Sugar-Truck.

„Ich bin echt beeindruckt, vielen Dank. Dein Charme rettet mein Leben. Oder was auch immer es war.“

Daniel grinst wieder. Erst jetzt bemerke ich, dass je ein großer und ein kleiner Becher gekennzeichnet sind – mit einer aufgemalten Rose. Daniel kann fotografieren, aber er kann überhaupt nicht zeichnen, und ich habe schon so eine Ahnung, wem wir den Picknicksegen zu verdanken haben. Sie wird zur Gewissheit, als ich den Deckel des großen Bechers ab­nehme.

„Ich wollte dir eigentlich was anderes holen“, sagt Daniel entschuldigend, „aber …“ Er bricht ab, um das Geheimnis seines „Charmes“ nicht zu verraten.

„… aber Noah hat drauf bestanden“, beende ich seinen Satz.

„Genau.“ Daniel runzelt die Stirn. „Holunder-Minze-Limo mit extraviel Eis und extraviel Minze für die Rose aus dem Grillental.“ Daniel sagt die letzten Worte mit so einer affigen Betonung, dass ich lachen muss. „Ich durfte dein Zeug auch nicht bezahlen“, fährt Daniel ein wenig missmutig fort. „Geht aufs Haus, hat Noah gesagt, und ich glaube, wenn er nicht unter Zeitdruck gewesen wäre, hätte er dir alles selbst vorbei gebracht.“

Noahs Vater gehört natürlich der Truck, aber ich wusste nicht, dass Noah ihn schon fahren darf. Er jobbt zwar schon seit ein paar Jahren im Sommer immer bei allen möglichen Events für seinen Vater, aber den Führerschein kann er erst kürzlich gemacht haben. Sein Vater muss ihm also einiges zutrauen. Vielleicht einfach, weil Noah selbst sich einiges zutraut. Er ist der selbstbewussteste Junge, den ich kenne. Nicht eingebildet. Nur selbstbewusst.

Daniel setzt sich mir gegenüber auf den Steg. „Dabei wollte ich dich einladen!“, murrt er.

Ich sehe ihn verblüfft an. „Das ist doch kein Date!“, sage ich, ohne nachzudenken. Gleich darauf werden wir im selben Moment rot, und ich ärgere mich schon wieder, dass ich meine Klappe nicht unter Kontrolle habe.

„Nein, aber ein Termin“, antwortet er schnell. „Sozusagen beruflich. Ich brauche deinen Rat.“

„Mein Rat ist gratis“, antworte ich. „Den kriegst du, auch ohne mich einzuladen.“

„Das trifft sich hervorragend, weil dein Freund Noah mir ja zuvorgekommen ist.“

Er scheint sich wirklich darüber zu ärgern. Es hört sich sogar ein bisschen so an, als wäre er eifersüchtig. Wenn Iris hier wäre, hätte ihre Diagnose unter Garantie Eifersucht gelautet. Aber Iris ist mit ihrer Familie vor ein paar Wochen weggezogen. Vor so kurzer Zeit, dass ich mich erst noch daran gewöhnen muss, sie und Daisy nicht mehr spontan zum Pancake-Essen einladen zu können. Und daran, dass ihre Stute Ginger nicht mehr in der zweiten Box links steht, wenn ich in den Stall komme. Und daran, dass ich auf dem Heimweg nicht einfach bei ihrem Haus haltmachen und ihr brennende Neuigkeiten erzählen kann.

„Ich weiß den edlen Vorsatz genau so zu schätzen wie die Tat“, erkläre ich Daniel. „Also, worum geht es?“ Ich sehe ihn erwartungsvoll an und beiße genussvoll in meinen Brownie. Vielleicht hat Iris recht, und ich sollte mich wirklich mit Noah verabreden. Er ist witzig, sieht gut aus, und offenbar hat er tatsächlich was für mich übrig. Jedenfalls würde ich an seiner Seite nicht verhungern. Nur schade, dass ich bei seinem Anblick nicht vergesse zu atmen, so wie jetzt gerade, als Daniel wieder einmal mit den Fingern auf diese unverwechselbare Art über seine Stirn fährt. Endlich rückt er mit der Sprache raus.

„Ralph Brandt … Noahs Vater …“, beginnt er schließlich.

„Daniel. Ich weiß, wer Ralph Brandt ist.“ Er ist nervös, und vielleicht könnte ich weniger zickig sein, aber irgendwie habe ich keine Lust.

„Ja, schon klar.“ Daniel holt tief Luft. „Also, er hat einen Fotowettbewerb ausgeschrieben. Für Nachwuchsfotografen unter zwanzig. Das Thema ist Summer Vibes.“

Irre ich mich, oder wird er gerade rot? Denkt er an die „Vibes“ zwischen ihm und Ollie? An die, die plötzlich zwischen ihm und mir waren, bevor Ollie im Grillental aufgetaucht ist? Jedenfalls sieht er mich nicht an.

„Cool“, antworte ich gelassen. „Was kann man gewinnen?“

„Der Gewinn ist kein Geldpreis, sondern ein Fotoworkshop mit einem Top-Fotografen.“

Fotografieren ist Daniels Leidenschaft, und ich glaube, dass er mal richtig, richtig gut wird. Er ist jetzt schon sehr gut, finde ich, aber ich bin vielleicht nicht ganz objektiv. Als ich die Fotos gesehen habe, die er von Ollie gemacht hat – das Licht, das er für sie gezaubert hat, wie er sie in Szene gesetzt, ihren Ausdruck eingefangen hat –, da wusste ich, dass ich das mit den beiden akzeptieren musste.

„Gute Idee“, antworte ich. „So kommen nicht fünftausend Handyschnappschüsse, sondern bloß Beiträge von Leuten, die ernsthaft fotografieren.“

„Genau“, sagt er.

Er rückt immer noch nicht damit raus, also frage ich ihn ganz direkt. „Und wie kann ich dir dabei helfen?“

Er seufzt. „Bei der Fotoauswahl“, sagt er. „Da könntest du mir helfen! Du hast ein gutes Auge, und du kennst meine Fotos besser als jeder andere.“

„Ich fühle mich geehrt“, sage ich mit einem Unterton, als würde ich scherzen – aber eigentlich nur, um zu verschleiern, dass ich wirklich stolz bin. Und dann kann ich es mir doch nicht verkneifen, den Mund noch einmal aufzumachen und zu fragen: „Und was ist mit Ollie? Stimmt mit ihren Augen was nicht?“

„Mit ihren Augen ist alles bestens.“ Er klingt etwas genervt, aber die Frage drängt sich doch auf, oder?

„Aber erstens bist du meine beste Freundin, und ich vertraue deinem Urteilsvermögen …“

Es ist eigentlich schön, dass er mich seine beste Freundin nennt, obwohl er eine „richtige“ Freundin hat. Eigentlich. Ich versuche, mich auf genau das zu konzentrieren, was er sagt, ohne auf das Gedankenkarussell aufzuspringen.

„Und zweitens …?“, frage ich also, als die Pause zu lang wird.

„Zweitens sucht Ollie nicht die besten Bilder aus“, sagt er schnell, „sondern die, auf denen sie am besten aussieht.“

Summer Vibes. Ollie Vibes. Einen Moment lang bin ich froh, dass ich die vielen Ollie-Fotos auf seinem Laptop gesehen habe, obwohl ich natürlich kein Recht hatte, zu stöbern. Wenigstens bin ich gewappnet und weiß in etwa, was auf mich zukommt.

Ich gebe so etwas wie ein amüsiertes Schnauben von mir, als wollte ich sagen: „Mädchen …!“

Tatsächlich sage ich: „Schon klar. Lass mal sehen.“

Er holt mit einem Griff sein I-Pad aus seinem Rucksack, tippt darauf herum und reicht es mir rüber. „Das ist die Auswahl.“

Es ist eine Serie von Ollie und McCartney, ihrem Chihuahua. McCartney ist für einen Chi ziemlich groß – er wiegt über vier Kilo –, und obwohl ich kein Fan von Handtaschenhunden bin, muss ich zugeben, dass er verdammt cool ist: schnell, klug, enorm ausdauernd und dazu auch noch niedlich. Außerdem ist er ein Barometer für Ollies Jungs-Sympathien: Ein Junge, den Ollie mag, wird von McCartney eifersüchtig angeknurrt. Selbst Daniel, den Hunde sonst lieben, hat ein paar Wochen gebraucht, bis er von Ollies Chihuahua akzeptiert wurde.

Ich wische mich durch die Bilder: Ollie und ihr Hund auf einer Luftmatratze im Fluss, Ollie im Bikini am Hotelpool, auf einer Liege, über die sie ein großes gelbes Badetuch gebreitet hat. Auf der Nachbarliege McCartney auf einem winzigen Gästehandtuch in derselben Farbe. Ollie auf Chispa, ihrer wunderschönen falbfarbenen Criollo-Stute, vor ihr im Sattel McCartney. Die Fotos sind alle sehr niedlich. Es sind keine „echten“ Momentaufnahmen dabei, aber Ollie ist so natürlich vor der Kamera – vielleicht merke tatsächlich nur ich, dass da Inszenierung und Vorbereitung dahinterstecken. Und sie ist so fotogen, dass sie einfach auf jedem Foto gut aussieht – das strahlende Lächeln, die großen braunen Augen, die dunkelblonden Locken – und dazu noch ihre Figur.

„Die sind alle süß!“, sage ich zu Daniel.

„Süß“, wiederholt er, so hörbar unzufrieden, dass ich lachen muss.

„Ja, süß, sommerlich, natürlich. Ein bildhübsches Mädchen und ein superniedlicher Hund, mit dem Rezept kannst du gar nichts falsch machen.“

„Na toll“, sagt Daniel in einem Ton, als hätte ich ihn soeben zutiefst gekränkt.

„Daniel“, erkläre ich ihm, ein Grinsen unterdrückend, und fahre in Fotografensprache fort, die ich mittlerweile genauso gut beherrsche wie er. „Du hast das Licht optimal eingesetzt, du hast Bewegungen perfekt eingefangen, die Bilder sind super von der Komposition. Du kannst echt zufrieden sein.“

Sein Gesicht hellt sich auf, und um seine Mundwinkel zuckt es, als wollte er sagen: „Na, siehst du, geht doch!“

„Welches hat am meisten Potenzial?“, fragt er mich.

Ich gehe die ganze Serie noch einmal durch. „Das hier find ich am besten.“ Das Bild zeigt Ollie auf dem Bootssteg vor Daniels Haus, den Fluss im Hintergrund. Der kleine Stich, den mir dieser Anblick auch jetzt wieder gibt, ist nichts im Vergleich zu dem, was der Anblick noch vor ein paar Wochen in mir ausgelöst hätte. Ollie trägt knappe, ausgefranste Jeansshorts, ihre unvermeidlichen bestickten Cowboystiefel – ich würde morden für solche Stiefel! – und überhaupt kein Make-up. Trotzdem erinnert sie an eines dieser Victoria’s-Secret-Supermodels. Sie lacht, und ihr Arm ist in Kopfhöhe ausgestreckt, die Handfläche nach unten. Das ist ihr Signal für McCartney, zu „fliegen“, das heißt, aus dem Stand heraus in die Luft zu springen. Und tatsächlich hat Daniel in dem Moment abgedrückt, als der Hund den höchsten Punkt seines Sprungs – etwas über Ollies Taille – erreicht hat und in der Luft zu stehen scheint. „Hashtag PerfectTiming. Hashtag Sommer. Hashtag Hund. Hashtag BeachBeauty. Hashtag Lebensfreude. Hashtag –“

„Schon gut“, sagt Daniel und lacht. „Ich hab’s kapiert. Du hast recht, ich finde das auch am besten. Ollie meint nur, dass sie auf dem Bild einen komischen Gesichtsausdruck hat.“ Ich betrachte es noch einmal genau. Ollies Augenbrauen sind ein wenig hochgezogen, und man merkt, dass sie gerade etwas zu dem Hund sagt. Wenn man schon beobachtet hat, wie sie diesen Trick mit dem Hund vorführt, weiß man, dass sie „Vuela!“ ruft, „Flieg!“. Das „a“ von „Vuela!“ mischt sich mit ihrem Lachen, und es ist nicht der perfekte Foto-Gesichtsausdruck, den sie sonst auf allen Bildern hat. Aber genau dadurch hebt das Bild sich in meinen Augen von den anderen ab und macht es natürlicher.

„Ich weiß, was sie stört“, sage ich zu ihm. „Aber das ist gerade das Gute an dem Foto. Und sie kann ja wohl nicht ernsthaft behaupten, sie würde nicht gut aussehen?“

Er lacht, sieht das Foto so an, als würde er es zum ersten Mal ansehen, und bekommt dabei einen ganz weichen Ausdruck in den Augen.

„Nein“, sagt er. „Kann sie nicht.“

Am besten plappere ich einfach weiter, dann tut es nicht so weh, und er merkt nicht, was in mir vorgeht. „Ich behaupte ja, es ist nicht möglich, ein schlechtes Foto von Ollie zu machen. Sie ist aus jeder Perspektive fotogen, von jeder Seite, von oben bis unten. Man sollte das unter Strafe stellen, es ist diskriminierend dem Rest der Menschheit gegenüber.“

Daniel lacht. „Daisy ist auch sehr fotogen.“

Danke, Daniel. Ich nehme an, ich bin so etwas wie eine Kartoffel mit Beinen? Obwohl er natürlich recht hat. Unsere Freundin Daisy mit ihren fast hüftlangen glatten hellblonden Haaren, den großen blauen Augen und dem elfenhaft zarten Gesicht sieht auch auf jedem Foto gut aus – aber sie präsentiert sich nicht so selbstbewusst, sie ist eher zurückhaltend. Ollie hat ein viel lebhafteres Temperament, und das kommt auch auf den Fotos rüber.

„Aber sie ist noch im Puppenstadium.“

„Puppe wie Teddybär oder Puppe wie Schmetterling?“

Er lacht. „Wie Schmetterling.“

Und wo bin ich? Noch im Larvenstadium? Oder gar nicht auf dem Weg zum Schmetterling? Vielleicht auf dem Weg von der Kartoffel zur Bratkartoffel?

Ich sehe Daniel dabei zu, wie er sein I-Pad wieder in den Rucksack packt, völlig ahnungslos, wie sehr mich diese Unterhaltung über meine zwei bildhübschen Freundinnen gekränkt hat. Aber wie sollte er das auch mitkriegen? Es ist nicht so, dass ich in seinen Augen schlecht abschneide. Er nimmt mich nur einfach nicht auf diese Art wahr – auch wenn ich einen kurzen Moment lang dachte, das sei anders. Doch dann kam ­Ollie, und ich bin weder Puppe noch Larve für ihn (das Positive: vermutlich auch keine Kartoffel). Ich bin kein Victoria’s-Secret-Model und keine Elfe. Ich bin einfach nur Rosa, seine beste Freundin. Die gute alte Rosa.

Der Shake und die Limo sind ausgetrunken, ich stecke das letzte Stück von meinem Brownie in den Mund und beginne, Servietten und Becher in der Papiertüte zu verstauen. Ich wünschte, ich könnte jetzt zu Iris fahren. Sie fehlt mir. Es ist unmöglich, in Iris’ Gegenwart schlecht drauf zu sein. Ich könnte sie anrufen, entscheide mich aber gleich wieder dagegen. Ich will nicht reden und mich erklären, ich will einfach nur Gesellschaft, die mich aufheitert und ablenkt.

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