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Friends & Horses

1. Alles wird anders

„Es wäre perfekt gewesen.“ Ich seufze ganz tief.

Daisy und ich haben bei dem Mauerrest angehalten, der von der Grundstückseinfassung noch geblieben ist, um die Pferde ein wenig verschnaufen zu lassen. Wann die Mauer wohl gebaut wurde? Vor sechzig, siebzig, achtzig Jahren? Mittlerweile ist sie an vielen Stellen brüchig oder ganz in sich zusammengefallen und total von Brombeeren und Schlingpflanzen überwuchert. Hier an dieser Stelle war einmal ein großes Tor, und wenn es nach uns geht, kommt da auch wieder eins hin: Ich stelle es mir hölzern und geschwungen vor, wie aus einem alten Western. Und darauf stünde natürlich die Inschrift „3 Blumen Ranch“. Die Mauer könnte ja auch durch einen weiß gestrichenen Holzzaun ersetzt werden, das sähe cool aus und wäre bestimmt nicht so teuer.

„Ein Zaun wäre noch schöner als eine Mauer“, meint Daisy, und ich schüttle nur mit einem kleinen Grinsen den Kopf. So etwas macht sie öfter. Als würde sie auf etwas antworten, was ich nur gedacht habe.

Wir schirmen beide gleichzeitig unsere Augen gegen die Sonne ab und schauen hinauf zu dem seit Jahrzehnten unbewohnten Haus. Meine Uroma war die Letzte in meiner Familie, die es noch bewohnt erlebt hat. Der frühere Besitzer hatte wohl eine Schwäche für Südamerika und wollte sich hier seinen Traum von einer Hazienda verwirklichen.

Das Haus hat die Zeit besser überstanden als die Einfriedung. Eine Zeit lang wurde wohl noch jemand bezahlt, der es instand gehalten hat. Ein riesiges Anwesen, ursprünglich aus schneeweißem Mauerwerk mit rotem Ziegeldach, großzügigen Treppen, Innenhöfen, Terrassen mit Säulengängen.

Als Kinder haben Daniel und ich ganze Tage hier zugebracht, Verstecken und Vater-Mutter-Kind gespielt (die schwerreiche Variante) und später neue Abenteuer für Zorro erfunden. Natürlich verbotenerweise, immerhin ist es ja Privatbesitz, auch wenn keiner weiß, wem es mittlerweile eigentlich gehört. Damals waren wir noch die „Flusszwillinge“ für die Nachbarn. Daniel ist ein Jahr älter, aber die längste Zeit waren wir gleich groß und immer halb nackt und braun gebrannt. Mit den aschblonden, von der Sonne gebleichten Haaren sehen wir auf alten Fotos wirklich fast aus wie Zwillinge oder zumindest wie Geschwister. Unsere Augenfarbe unterscheidet sich allerdings: Daniels Augen haben ein ganz helles, eigenwilliges Blau, meine dagegen sind blau-grün-grau mit braunen Sprenkeln und sehen immer anders aus, je nachdem, welche Farbe ich gerade trage. Ich nenne es „matschfarben“, denn es erinnert mich an das, was passiert, wenn im Malkasten alle Farben ineinanderlaufen. Meine Freundinnen protestieren, wenn ich das sage, aber das müssen Freundinnen ja auch.

Auf dem riesigen Grundstück jedenfalls könnte man einen privaten Golfplatz anlegen wer weiß, vielleicht wollte der Besitzer das sogar! Hat man Anfang des vorigen Jahrhunderts schon Golf gespielt? Wenn nicht, dann vielleicht Tennis? Ein riesiges Loch war jedenfalls schon ausgehoben, das weiß ich von Uroma. Erkennen kann man es kaum mehr, aber sie meint, man hat damals gespannt gewartet, ob der zugereiste Millionär oder Milliardär den ersten Swimmingpool des Ortes bauen würde. Irgendwas muss passiert sein, denn bevor der überhastet begonnene Bau der Traumvilla abgeschlossen war, hat der Besitzer die Gegend wieder verlassen. Fluchtartig, wie heute noch erzählt wird. Hals über Kopf.

Iris vermutet romantische Gründe und hat sich schon eine ganz verzwickte Liebesgeschichte dazu ausgedacht. Aber mit Iris geht gern mal die Fantasie durch unter anderem deshalb macht es so viel Spaß, etwas mit ihr zu unternehmen. Daisy ist ein bisschen verträumt, und ich bin … hm … wie bin ich eigentlich? Na, sagen wir mal so: Wenn Daisy und Iris und die Pferde nicht wären und natürlich Daniel, dann würde ich wahrscheinlich nur zu Hause sitzen und lesen.

Das hört sich vielleicht langweilig an, aber ich glaube, so langweilig bin ich gar nicht. Und außerdem sind das ja auch ziemlich viele Wenns. Ich könnte mir mein Leben schließlich ohne die Mädels und die Pferde und Daniel nicht vorstellen. Oder ich wollte es mir nie vorstellen. Aber nun werde ich wohl herausfinden müssen, wie das ist, wenn eine Freundin fehlt. Natürlich war nicht damit zu rechnen, dass wir alle hier leben, bis wir alt und grau sind. Aber trotzdem, ohne Iris …

„Iris fehlt mir jetzt schon“, sagt Daisy in die Stille.

Da, sie hat es schon wieder getan! Allerdings ist es gerade nicht so ungewöhnlich, dass ihr dieselben Dinge im Kopf herumspuken wie mir. Seit wir wissen, dass es ernst wird und Iris tatsächlich wegzieht, denken wir beide wohl kaum noch an etwas anderes.

„Und aus unserer Pferderanch wird jetzt auch nichts“, sage ich. „Keine Iris, keine Ranch.“ Kaum habe ich es gesagt, würde ich es am liebsten wieder zurücknehmen. Es klingt, als würde ich ganz nüchtern die „Nachteile“ abwägen, aber so meine ich es natürlich nicht.

Iris und Daisy sind meine besten Freundinnen, eigentlich meine einzigen. Wir kennen uns seit der Grundschule, aber richtig zusammengeschweißt hat uns die Liebe zu Pferden die gemeinsamen Ausritte, die kleinen Turniere in umliegenden Ställen, an denen wir zu dritt teilgenommen, verregnete Ferientage, die wir mit Iris’ Sammlung von Wendy-Heften verbracht haben.

„Ich meine natürlich nicht, dass es mir nur deswegen leidtut, dass sie wegzieht …

Daisy sieht mich mit hochgezogenen Augenbrauen an, und der Blick sagt eindeutig: „Denkst du, ich weiß das nicht, Scherzkeks?“

Sie macht sich nicht mal die Mühe, es auszusprechen.

„Es stimmt ja“, sagt sie achselzuckend. „Meine Eltern haben keine Kohle, deine Mutter auch nicht. Die Einzigen, die die Ranch vielleicht hätten kaufen können, wären Iris’ Eltern gewesen.“

Tatsächlich wissen wir beide nicht, ob Iris’ Eltern sich das riesige Grundstück in dieser genialen Lage mit Blick auf den Fluss wirklich leisten könnten. Daisy und ich haben beide keine Erfahrung mit Geld in größeren Dimensionen. Iris’ Eltern sind Ärzte. Der Vater ist plastischer Chirurg, die Mutter Internistin, beide verdienen fette Kohle und außerdem kommen auch noch beide aus wohlhabenden Familien. Sie haben ein großes Haus mit Garten, Pool und Gästewohnung, drei Fernseher, zwei Autos und fahren ständig in Urlaub. Definitiv sind sie die einzigen Leute, die wir kennen, die die Hazienda vielleicht kaufen könnten. Bei der jährlichen Gartenparty von Iris’ Eltern parken nur dicke Limousinen und ultracoole Sport- oder Geländewagen vor dem Haus. Ist schon komisch, wie Leute mit viel Geld immer mit Leuten zusammenkommen, die auch viel Geld haben. Die Freunde meiner Mutter kommen alle grade so irgendwie durch.

Einmal hab ich versucht, Mom mit einem Hotelgast zu verkuppeln, der mit einem dicken Auto vorgefahren kam, sich gut mit Pferden auskannte und auch sonst ganz nett schien. Na, das ist vielleicht schiefgegangen. Meine Mutter sagt, der Typ war arrogant und hatte keinen Sinn für Humor. Ich sage, es war der Kohlefaktor, der nicht gestimmt hat. Ich glaube, sie hat erwartet, dass er ein Arsch ist, weil er Geld hat, und deshalb hat sie ihm keine echte Chance gegeben.

„Wer weiß, ob Iris’ Eltern die Ranch überhaupt gekauft hätten“, sage ich schließlich laut, damit ich mich etwas besser fühlen kann.

„Iris hätte sie rumgekriegt“, sagt Daisy. „Du weißt genauso gut wie ich, wer bei Reinhardts das Familienoberhaupt ist.“ Daisy lacht ein halbherziges Lachen, das sich mehr wie ein Seufzen anhört.

Weder sie noch ich haben es mit unseren Eltern so leicht wie Iris mit ihren. Und es stimmt: Wahrscheinlich hätte Iris sie irgendwann rumgekriegt, und sie hätten das Anwesen tatsächlich gekauft, vielleicht als Wertanlage, wie wohlhabende Leute das angeblich machen, und hätten es uns in einen Stall umbauen lassen. Oder vielmehr: in eine Ranch mit Weiden und Koppeln, Dressurviereck und Reithalle und allem, was man sich nur wünschen kann, wenn man ein dreizehnjähriger Pferdefreak ist. Aber es ist ziemlich unwahrscheinlich, dass sie Daisy und mir eine Ranch kaufen, wenn sie selbst mit Iris Hunderte Kilometer weit wegziehen. Iris’ Mutter hat die Leitung der Internistischen Abteilung eines großen Krankenhauses angeboten bekommen. Und Iris’ Vater ist Spezialist für Nasenkorrekturen und schöne Nasen sind offenbar überall gefragt. Jedenfalls hatte er kein Problem damit, seine Zelte in Fehring abzubrechen.

„Wenn sie alles bekommen würde, was sie will, dann müsste sie nicht umziehen!“, argumentiere ich. Iris hat sich schließlich wie eine Löwin gegen den Umzug gewehrt.

„Sie müsste auch nicht“, sagt Daisy.

„Was soll das denn heißen?“

„Du weißt doch, was ich meine. Klar, erst hat sie protestiert. Aber am Schluss wollte sie es selbst. Ehrlich jetzt, wie soll sie denn im Grillental eine Schauspielausbildung machen? Klar könnte sie noch eine Zeit lang für Gesangsstunden und Tanzunterricht nach Fehring fahren. Aber irgendwann muss sie an eine richtige Schauspielschule.“

„Stimmt. Sie muss in eine große Stadt, wenn sie Karriere machen will. Wir sollten sie unterstützen und ihr kein schlechtes Gewissen machen.“ Ich sage das mehr, um mich selbst moralisch zu stärken. Daisy weiß sowieso immer instinktiv, was das Richtige ist. Und sie ist so verdammt selbstlos. Da übertreibt sie es manchmal. Ich hingegen ich gebe mir zwar Mühe mit der Selbstlosigkeit, aber ganz ehrlich: Auch wenn ich Iris von Herzen alles gönne, was in der fernen und nahen Zukunft auf sie wartet, Selbstlosigkeit ist schon viel verlangt in dieser Situation. Unser Kleeblatt wird zerrissen, unser Traum von einer Ranch platzt, alles verändert sich. Ich steh nicht auf Veränderungen. Meistens, wenn sich was ändert, wird es schlechter als vorher.

„Genau“, meint Daisy und liest zum Glück diesmal nicht meine Gedanken. „Das schlechte Gewissen hat sie ohnehin von selbst.“

Pippin, Daisys gescheckter Wallach, steht schon minutenlang ganz still, die Ohren nach hinten zu seiner Reiterin gedreht, als würde er jedes Wort unserer Unterhaltung verstehen. Fanny dagegen, meiner Haflingerstute, ist unser Gespräch egal. Hier steht Gras, also frisst sie. Ihre Interessen sind ziemlich begrenzt.

Na ja, eigentlich ist sie natürlich nicht „meine“ Stute. Wir könnten uns kein eigenes Pferd leisten. Fanny und Fannys Sohn Sokrates sind sozusagen „Arbeitskollegen“ meiner Mutter. Sie arbeitet an der Rezeption des einzigen richtigen Hotels im ganzen Tal. Es hat einen Streichelzoo, zu dem die Pferde mehr oder weniger zählen – sie werden für Kinder-Reitstunden und Gästeausritte verwendet. Es darf jeder Hotelgast rauf, der will, unabhängig davon, ob die Leute reiten können oder nicht. Entsprechend wird dann an den Zügeln gerissen und mit den Fersen an Pferdebäuche getrommelt bis zum Abwinken – ich versuche immer, möglichst wenig davon mitzukriegen. Na, jedenfalls darf ich Fanny und Sokrates zwischendurch „reparieren“ – also dafür sorgen, dass die eigentlich gut ausgebildeten Pferde nicht vergessen, wie es ist, wenn ein guter Reiter auf ihnen sitzt.

Ich sage das nicht, um anzugeben – ich kann wirklich sehr gut reiten. Meine Tante Anita hat es mir beigebracht. Sie hat früher jede Menge Pokale im Springreiten gewonnen. Das Talent und die Begeisterung habe ich wohl von ihr geerbt. Anita ist die Schwester meiner Mutter. Sie ist zwar zwölf Jahre älter als ich, aber immer noch sechs Jahre jünger als meine Mom, und sie versteht uns irgendwie beide. Meine Tante ist spitzenklasse, und ich vermisse sie schrecklich. Sie hat nach der Hotelfachschule ein paar Jahre hier im Hotel gearbeitet und bei uns gewohnt bis ich elf war. Dann ist sie diesem französischen Koch begegnet und wenig später mit ihm nach Frankreich gegangen. Noch so eine Veränderung, die keine Verbesserung war.

Aber zurück zu den Pferden: Fanny ist einundzwanzig, also schon ein älteres Semester, auch wenn sie noch topfit ist. Sokrates ist sechs, ein „Weideunfall“ Fannys mit einem Araber. Er hat echt Temperament. Wenn ich mit Sokrates arbeiten dürfte, wie ich wollte, könnte ich in einem Jahr ein richtig gutes Pferd aus ihm machen! Aber wie die Dinge liegen, muss ich froh sein, wenn die Pferde mal frei sind und ich überhaupt zum Reiten komme. Die teuren Sprungstunden sind nicht mehr drin, seit Mom beschlossen hat, ihr Studium weiterzuführen, das sie damals meinetwegen abgebrochen hat. Scheint nur fair, oder? Sie musste meinetwegen ihr Hochschulstudium sausen lassen, um uns beide mit einem Job durchzubringen. Nun muss ich für sie auf meine Reitstunden verzichten. Na ja. Es mag fair sein und nach ausgleichender Gerechtigkeit klingen, aber ich bin trotzdem wütend deswegen.

„Komm, das reicht mit der Sentimentalität für heute“, meint Daisy. „Außerdem muss ich am Nachmittag auf die Kleinen aufpassen, meine Mutter hat einen Arzttermin.“

„Sie ist doch nicht etwa schwanger?“, frage ich sofort besorgt.

Daisy grinst. „Es ist ein Zahnarzttermin“, sagt sie. „Also, ich glaube eher nicht.“

Ich schnaube erleichtert, und Daisys Grinsen wird noch etwas breiter. Meine Sorge ist nicht unberechtigt: Daisys jüngste Schwester kam für alle Beteiligten ziemlich überraschend vor dreieinhalb Jahren, weswegen Mila, Daisys Mutter, sie „Niyati“ nannte, was auf Hindi „Schicksal“ bedeutet. Damals besuchte sie einen Bollywood-Tanzkurs, den Speiseplan bestimmten Currys und Dal, und Mila malte eine ganze Serie von Bildern, die sich um das OM-Schriftzeichen drehte.

Daisys sechsjährige Schwester heißt Anisa – „Prinzessin“. Der Name kommt ursprünglich aus dem Arabischen und ist ein Souvenir von einer Afrikareise. Im Anschluss daran malte, kochte, tanzte und trommelte Mila afrikanisch.

Daisy meinte irgendwann: „Ich kann froh sein, dass ich vor der esoterisch-exotischen Phase geboren bin.“

Abgesehen davon, dass Daisys Mutter sich derzeit neben anderem esoterischen Kram intensiv mit Astrologie beschäftigt und man sich ernsthaft Sorgen machen müsste, wie sich das auf die Namensgebung eines wehrlosen Babys auswirken würde („Venus“? „Aquaria“?), wird Daisy schon jetzt ständig zum Babysitten herangezogen. Also, aus meiner Sicht hat sie genug Geschwister. Es wundert mich auch nicht, dass Daisys einzige ältere Schwester Alana (ich weiß nicht, aus welcher Phase der Name stammt) sich bei der ersten Gelegenheit von zu Hause abgeseilt hat. Babysitten ist nun mal kein Lebensinhalt, wenn man siebzehn ist.

Es hat echt Vorteile, ein Einzelkind zu sein.

Pippin wendet auf eine leichte Drehung von Daisys Oberkörper, ohne dass sie mit Schenkeln oder gar Zügeln irgendetwas tun muss. Ich beobachte sie neiderfüllt, während ich mit Fanny, die keine Lust hat, dem fetten Klee vor ihrer Nase den Rücken zuzuwenden, einen kleinen Machtkampf ausfechte. An den Zügeln zerren kann jeder, ich will aber, dass sie wieder lernt, ordentlich auf den Schenkel zu reagieren eine Herausforderung bei einem Pferd, das ständig von Anfängern „geritten“ wird.

Schließlich gewinne ich doch und hole Daisy ein.

„Wollt ihr heute noch was machen?“, frage ich und hoffe insgeheim, dass sie „Nein“, sagt. Es ist Iris’ vorletzte Woche vor der Übersiedlung, aber es ist auch Dienstag, und da haben Daniel und ich unseren traditionellen Zwillingsabend. Die letzten zwei Wochen musste er ausfallen, einmal hatte Daniel was für die Schule zu tun, einmal musste ich im Hotel bei einer Veranstaltung aushelfen. Natürlich hätten die Mädels im Zweifelsfall Vorrang, aber andererseits würde ich heute echt gern …

„Nein, du kannst ruhig zu Daniel“, sagt Daisy. Ich werde rot, dabei gibt es gar keinen Grund dafür. Sie sagt das ohne eine Spur von Ironie, sie weiß eben einfach, dass ich deshalb frage.

„Iris hat Abschiedstreffen mit ihrer Tanzklasse. Und ich hab meinem Vater versprochen, bis morgen das neueste Kapitel zu lesen.“

Bernd, Daisys Vater, ist Kulturjournalist. Er bespricht Buch-Neuerscheinungen und schreibt fürs Feuilleton der regionalen Tageszeitung, manchmal auch für Zeitschriften. Das macht er aber nur, um etwas zum Haushaltsbudget beizutragen wirklich wichtig ist ihm sein Roman, an dem er seit Jahren schreibt und der nie fertig zu werden scheint. Die vorhandenen Kapitel hat er schon an jede Menge Verlage geschickt ohne Erfolg, aber er glaubt immer noch an den großen Bestseller.

Zum Glück verkauft Mila alle paar Monate mal ein Bild, sonst würde die Familie vermutlich verhungern. Aber Mila ist echt cool, was das angeht. „Er muss nun mal schreiben“, hat sie zu Daisy gesagt. „Sonst ist er nicht glücklich. Ich würde auch nicht aufhören zu malen, wenn plötzlich niemand mehr meine Bilder kaufen wollte. Geld ist nicht so wichtig.“ Drum gibt sie es immer mit vollen Händen aus, wenn sie gerade welches hat Daisy hat ihr Pferd in so einer Füllhornphase nach einem besonders guten Bildverkauf bekommen. Nun muss sie zwar ihr gesamtes Taschengeld sparen und kleine Jobs machen, um in den „Dürremonaten“ die Einstellgebühr selbst bezahlen zu können, aber das ist Pippin ihr wert.

Meine Mutter hat zu Geld leider eine andere Einstellung deshalb habe ich wohl auch noch kein eigenes Pferd. Aber sie und ich sind nun mal allein, ohne Sicherheitsnetz, und an unserem kleinen Haus ist ständig was zu reparieren. Bis vor einem halben Jahr haben wir den Kredit für die Reparaturen nach dem letzten Hochwasser zurückgezahlt. Es hat eben seinen Preis, direkt an einem Fluss zu wohnen. Aber es ist auch verdammt cool. Wir haben unseren eigenen Anlegesteg und einen eigenen Badeplatz. Ich habe sicher meine halbe Kindheit im und auf dem Wasser verbracht. Und der Wasserstand wird sehr selten so hoch, dass unser Haus wirklich in Gefahr ist in den zehn Jahren, die wir hier wohnen, war das zweimal der Fall. Beide Male musste der Keller ausgepumpt werden.

An eine Nacht erinnere ich mich genau. Ich war neun, und es hatte seit Tagen nonstop geregnet. Der Keller stand schon unter Wasser, und es regnete immer noch weiter, so viel, dass wir Angst um das Haus haben mussten. Uroma hatte ihr ganzes Leben da verbracht, und das Wasser war nie so hoch gestiegen. Tante Anita war gerade im Urlaub, und Mom und ich haben diese kritische Nacht am Fenster in meinem Zimmer im ersten Stock zugebracht und nichts anderes gedacht als „Lass es aufhören zu regnen, bitte lass es aufhören zu regnen!“.

Um drei Uhr morgens hat es tatsächlich aufgehört, kurz bevor das Wasser über unsere Schwelle kam. Seit damals denke ich, dass am Beten vielleicht doch etwas dran ist egal, ob man sich an Gott oder Petrus oder das Universum oder sonst jemanden wendet. Das Bitten an sich bewirkt ja vielleicht was.

Wir beobachteten den Himmel, bis die Regenwolken sich so weit verzogen hatten, dass wir die ersten Sterne funkeln sehen konnten, dann schliefen wir beide erschöpft auf meinem Bett ein. Als wir am späten Vormittag von der Sonne aufwachten, die mein Zimmer durchflutete und die sich seit fast zwei Wochen nicht mehr gezeigt hatte, sahen wir, dass der Wasserstand sich gesenkt hatte. Mom war so glücklich und erleichtert, dass sie beinahe zu weinen anfing. Und dann gab’s unser Lieblingsfrühstück, amerikanische Pancakes mit Heidelbeeren, etwas flüssiger Sahne und Ahornsirup.

Ich ertappe mich dabei, wie ich mir ein Hochwasser wünsche, um wieder mal so einen entspannten Tag mit meiner Mutter zu haben. Momentan ist sie nur gestresst und hat ständig was an mir auszusetzen. Und wenn ich zurückmotze, ist die Pubertät schuld. Meine natürlich.

Daisy dreht sich zu mir um und grinst mich an. „Hör auf zu grübeln! Wer zuerst bei der Linde ist!“ Und schon galoppiert Pippin los, die Anhöhe hinauf.

„Heee!“, rufe ich Daisy nach. „Das gilt nicht!“ Dann lasse ich Fanny die Zügel ganz lang und stehe in den Steigbügeln auf, sobald sie losgaloppiert.

„Verklag mich!“, gibt Daisy über die Schulter zurück, hält sich in Pippins Mähne fest, und der Schecke geht noch schneller.

Aber Fanny darf man nicht unterschätzen – klar ist sie älter als Pippin, aber sie läuft nicht gern hinterher, das stachelt ihren Ehrgeiz an. Und was sie jetzt zeigt, ist ein Renngalopp, den man der Haflingerdame auf den ersten Blick nicht zugetraut hätte. Ich kann nicht anders, ich muss laut herauslachen, und einen Moment lang bin ich einfach nur glücklich, dass ich hier im Grillental aufwachse und in diesem Moment über die schönste Galoppstrecke der Welt sausen darf! Links vom Weg fällt der Hang zum Fluss ab, der diesen Sommer viel Wasser führt, wild und reißend sieht er aus, einfach Hammer. Rechts schwingen sich sanfte Wiesen hinauf bis zum Waldrand. Das Wetter ist herrlich, die Sommerferien haben gerade erst begonnen, und Fanny läuft, nein, fliegt jetzt neben Pippin durch die Landschaft. Und da drüben auf der anderen Seite wohnt Daniel. Ich freu mich auf heute Abend. Daisy schaut zu mir, lacht übers ganze Gesicht, und ich strahle zurück. In diesem Moment ist das Leben perfekt.

Als ich wenig später im Windfang unseres Hauses meine Turnschuhe abstreife, immer noch ein Lächeln im Gesicht beim Gedanken an unseren Schlussgalopp, kommt meine Mutter mir entgegen.

„Hey“, sage ich abwartend. Meine Mundwinkel wandern automatisch nach unten, und ich muss sie mit Gewalt wenigstens auf Halbmast halten. Sonst heißt es wieder, ich sei ein launischer Teenager. In letzter Zeit war Mom so oft schlecht drauf, dass ich immer erst auslote, ob heute ein Tag zum Plaudern ist oder einer, an dem ich am besten schnell in mein Zimmer verschwinde, damit sie nicht auf die Idee kommt, mir lange Vorträge über irgendetwas zu halten.

„Hey, Schatz.“ Langer Seufzer. Okay, es kommt also etwas, aber sie hat eigentlich keine Lust darauf, es anzusprechen. Wenn ich vielleicht ganz schnell nach oben verschwinde …

„Ich dusch mich nur schnell“, sage ich hastig. „Ich brauch nichts zu essen, ich bin dann gleich wieder weg.“

„Wohin denn?“, fragt sie, und einen Moment lang lichten sich die Wolken um ihre Stirn, und sie scheint selbst erleichtert, dem ausweichen zu können, was sie offenbar nicht sagen will. (Nein, ich kann nicht Gedanken lesen, das ist mehr Daisys Spezialität. Aber meine Mutter und ich leben schon so lange zu zweit sie kann mir nichts vormachen, und ich ihr auch nicht. Na ja. Jedenfalls nicht oft.) „Machst du was mit Iris und Daisy?“

„Nein, heute nicht. Die haben beide was anderes vor. Und es ist Dienstag.“

Uh, ganz falsche Antwort, offenbar. Die Wolken sind wieder da.

„Also Daniel?“, fragt sie.

„Ja, Daniel“, sage ich und wende mich ab, um weiteren Diskussionen auszuweichen. Was soll das? Sie mag Daniel, mochte ihn immer schon. Früher hat sie immer gesagt: „Ich dachte nicht, dass Jungs wie er noch gemacht werden.“ Es klang fast ein wenig eifersüchtig. So, als täte es ihr leid, dass mein Vater nicht so war wie Daniel. Und sonst wohl auch keiner. Ich bin schon mit einem Fuß auf der Treppe, da geht es los.

„Wegen Daniel, Rosa, muss ich mit dir reden.“ Ich wende mich nicht um, noch nicht.

„Muss das jetzt sein? Ich wollte möglichst früh bei ihm sein, wir haben eine lange DVD-Liste aufzuholen.“

„Ja“, sagt sie, jetzt schon ein wenig ungeduldig. „Das muss jetzt sein.“

„Also, was ist mit Daniel?“, frage ich sie und drehe mich widerwillig zu ihr um.

Sie holt tief Luft. „Du kannst nicht mehr einfach so bei ihm übernachten“, sagt sie ganz schnell, als wollte sie es hinter sich bringen. „Und du kannst auch nicht mehr ständig durch sein Fenster klettern.“

„Sagt wer?“, frage ich mit hochgezogenen Augenbrauen.

„Sagt Vera.“ Vera ist Daniels Mutter. Sie mag mich, sie ist fast so etwas wie eine zweite Mutter für mich nur letztens hat sie mal so eine kryptische Bemerkung gemacht, dass Daniel und ich unseren Freundeskreis erweitern sollten oder so. „Und ich sage das auch. Ihr seid keine kleinen Kinder mehr. Es ist einfach … unpassend.“

„Sagt wer?“, wiederhole ich. „Frau Strehle, die nichts anderes zu tun hat als den ganzen Tag mit ihrem Feldstecher vom Fenster aus alles zu beobachten, was das Pech hat, in ihrer Reichweite zu sein? Oder Daniels Großmutter, die einmal im Jahr zu Besuch kommt und dann glaubt, sie hat das Recht, an allem rumzumeckern?“

Meine Mutter seufzt. „Was ist denn schon dabei?“, fragt sie. „Du gehst durch die Vordertür wie alle anderen Menschen auch, und nach dem letzten Film fährst du mit dem Rad nach Hause. Oder mit dem Boot. Ich hol dich auch, wenn’s spät wird. Du rufst mich einfach an und

„Ich will aber nicht, dass du mich abholst“, unterbreche ich, und der Rest meiner flügelleichten fröhlichen Sommerstimmung verabschiedet sich. „Ich will kommen und gehen, wann ich will, so wie immer. Ich weiß nie vorher, wie spät es wird. Wir reden, wir sehen uns Filme an, manchmal wird es spät, und wir pennen ein. Was soll daran nicht in Ordnung sein?“

„Dass ihr beide in Daniels Bett einpennt. Dass es nach außen hin, wie gesagt, unpassend wirkt. Kannst du das nicht einfach akzeptieren, statt ein Riesendrama draus zu machen?“

Wer macht hier ein Riesendrama draus?“, gebe ich zurück. „Und seit wann ist es so schrecklich wichtig, was andere Leute denken? Daniel und ich sind nur Freunde, das weißt du ganz genau. Da läuft nichts Romantisches, Heimliches oder Unpassendes. Ich weiß das, du weißt das. Wo ist das Problem?“

Damit wende ich mich wieder ab und gehe die Treppe hinauf.

„Die Leute reden, kapierst du das nicht? Das hier ist ein kleiner Ort! Und im Hotel kriege ich dann Gerüchte und Anspielungen zu hören!“ Mit jeder Stufe, die ich mich weiter entferne, wird ihre Stimme lauter. „Verdammt noch mal, Rosa, kannst du nicht mal an jemand anderen denken als immer nur an dich selbst?“

Ich antworte nicht, gehe in mein Zimmer und knalle die Tür hinter mir zu. Wieder einmal. Seit sie mit ihrem Studium angefangen hat, ist sie echt nur noch schlecht drauf. Ich mache nicht genug im Haushalt, ich bin unhöflich zu den Hotelgästen (ja, bin ich, wenn sich so ein Großstadtklops auf Fanny setzt, die gutmütige alte Stute mit der Gerte traktiert, gleichzeitig an den Zügeln reißt und sich dann wundert, dass sie nicht nur nicht galoppiert, sondern auch unruhig wird. Und dann kommt noch die Mutter des Wunderkinds dazu und erklärt, das Pferd sei bösartig!). Außerdem rede ich nur mehr in Halbsätzen mit ihr (ja, man sieht ja, was dabei rauskommt, wenn das Gespräch länger dauert!), und, und, und. Und jetzt passt ihr plötzlich auch meine Freundschaft mit Daniel nicht mehr.

Iris meint, meine Mutter braucht bloß wieder einen Mann. Dann wäre sie entspannter, und unsere Probleme würden sich alle von selbst lösen. Sie hat mir bei jeder Gelegenheit Männer gezeigt, die vielleicht zu meiner Mutter passen könnten, und Pläne geschmiedet, sie zu verkuppeln. Aber ich habe abgeblockt. Erstens sind meine eigenen Erfahrungen damit, meine Mutter zu verkuppeln, eher entmutigend. Zweitens: Was, wenn Iris falschliegt? Wenn meine Mutter sich nicht „entspannt“, sobald sie wieder einen Mann hat? Dann habe ich eine anstrengende Mutter und einen Stiefvater am Hals, der sich womöglich als Autoritätsfigur aufspielt. Nein, danke. Mal abgesehen davon, dass meine Mutter, so wie sie derzeit drauf ist, sowieso in die Kategorie „unvermittelbar“ fällt.

Als ich wenig später frisch geduscht aus dem Bad komme, höre ich, wie unten gerade die Haustür zugeschlagen wird, und gleich darauf das metallische Quietsch-Klimpern, als Mom ihr altes Rad von der Hauswand nimmt und anschiebt. Sie fährt zum Abenddienst ins Hotel und kommt wahrscheinlich erst nach mir nach Hause außer ich entscheide mich, heute bei Daniel zu übernachten. Vorteil: Ich muss nicht spätabends heimradeln oder -rudern. Nachteil: Selbst wenn ich meiner Mutter noch einen Tag lang aus dem Weg gehen kann, muss ich mir bei der nächsten Begegnung mit ihr wieder anhören, was für ein Egomonster ich bin. Am besten, ich lasse das einfach auf mich zukommen und treffe die Entscheidung erst in letzter Sekunde.

Im Vorbeigehen schnappe ich saubere Jeans vom Wäschetrockner und nehme das oberste Top aus dem Schrank, ein gelbes, verwaschenes, mit einem kleinen roten Johannisbeermarmeladefleck vorn, der nicht mehr rausgeht. Ein paar Bürstenstriche durch meine noch nassen Haare, und ich bin ausgehbereit. Neben meiner Zimmertür hängt ein großer alter Spiegel mit weiß lackiertem Holzrahmen, der noch von meiner Urgroßmutter ist. Als ich jetzt einen kurzen Kontrollblick hineinwerfe, stört mich der rote Fleck auf dem Top plötzlich doch. Und man sieht auch die BH-Träger, was ja nicht stören würde, wenn es nicht ein uralter, ausgeleierter Hello-Kitty-BH von Anita wäre, der mir eigentlich schon zu klein ist. Ich ziehe das Top über den Kopf, nach kurzem Zögern hake ich auch den BH auf, ziehe stattdessen den neuen cremefarbenen mit den kleinen rosa Blümchen und der Spitze vorne an und darüber das hellblaue Top, das so gut zu meinen Augen passt. Mit diesem Top überwiegt das Blau in ihnen, und meine frühsommerliche Bräune kommt gut zur Geltung.

Ich stehe vor dem Spiegel und sehe mein Spiegelbild mit gerunzelter Stirn an. Hallo? Gebräunter Teint und Augenfarbe? Ich schüttle über mich selbst den Kopf. Das Gerede meiner Mutter hat mich wohl doch irgendwie weichgeklopft. Es ist Daniel, Himmel noch mal. Es ist kein Date. Lipgloss nehme ich trotzdem, aber nur weil ich raue Lippen habe.

Fahrrad oder Boot?, frage ich mich, als ich kurz vor Sonnenuntergang aus dem Haus trete. Es ist warm, wolkenlos, windstill, und ich entscheide mich für das Boot.

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