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Frieda Finch & das Glitzem im Wald

Die Autorin Susanne Kauschinger, Jahrgang 1974, lebt mit ihrem Mann und ihren beiden Töchtern in Deggendorf.

Derzeit arbeitet sie überwiegend als Qigong Lehrerin.

Die Inspiration für die Geschichte "Frieda Finch & das Glitzern im Wald" kam ihr, als sie eine ihrer Töchter beim Spielen im gegenüberliegenden Waldstück beobachtete.

„Wie beneidenswert, sich seine Welt so auszumalen, wie man sie haben möchte - das mache ich jetzt auch. Dann hat es einfach unglaublich viel Spaß gemacht, alles niederzuschreiben. In unserer modernen, digitalen Welt ist es wichtig, den Kindern die Schönheit und Wohftat der Natur näherzubringen und sie auch als Erwachsener nicht zu vergessen.“

(Susanne Kauschinger)

Inhaltsverzeichnis

1. Das Ding in der Astgabel

2. Die wundersame, glitzernde Begegnung

3. Grenzland zwischen Mensch & Wandu

4. Opas sonderbare Geschichte

5. Die Lüge und das geheime Haus im Wald

6. Anna ist sauer

7. Freundschaft gerettet, Geheimnis gewahrt!

8. Oh nein, Oma funkt dazwischen!

9. Waldgeist und Hausgeist

10. Ein Tag ohne Athron

11. Unerwarteter morgendlicher Besuch

12. Was Mut und Freundschaft bedeuten

1. Das Ding in der Astgabel

„Ey Finch, hast du noch einen dieser supergesunden Betonriegel? Die waren eigentlich nicht sooo schlecht!“, schreit Fritz Holzhammer, ein blonder Junge aus meiner Klasse, in der großen Pause zu mir herüber. Frech mustert er mich mit seinen strahlend blauen Augen. Er hatte sich gestern wieder einmal eines der selbst gebackenen, riegelähnlichen Knäckebrote meiner Mutter aus meiner Brotzeitbox geschnappt. Ohne zu fragen, versteht sich. Wie immer macht er sich dann darüber lustig, wie extrem hart diese Dinger sind. Er hat recht. Man beißt sich wirklich fast die Zähne aus. Aber sie schmecken und sind, wie alles, was meine Mama in der Küche produziert, echt gesund! Trotzdem kocht sie auch Dinge, die nicht so lecker sind. Dinge, bei denen man nicht so genau weiß, was das eigentlich sein soll… Da wünsche ich mir schon ab und zu Capri Sonne und Donuts, aber leider sucht man so etwas vergebens bei mir. In meiner Brotzeitbox gibt es selbst gebackene Brote aus ökologischer Landwirtschaft und Obst von glücklichen Bäumen. Etwas anderes kommt ihr nicht in die Papiertüte. Ist ja soweit alles ganz in Ordnung, aber auch ein bisschen anstrengend und manchmal echt peinlich. Wie heute zum Beispiel. „Ich habe nur Karotten und Fenchel“, rufe ich zurück. Fritz verzieht das Gesicht und meint wenig begeistert: „Das iss mal lieber selber!“ Anna, meine beste Freundin, sieht leider auch nicht so aus, als wollte sie mir etwas Fenchel abnehmen.

Ich muss lachen, weil beide so lustige Grimassen schneiden. Mein Gelegenheits-Pausenbrotdieb dreht sich um und läuft zurück zu seinen Freunden. Seine Haare stehen wie Igelstacheln in alle Richtungen weg, echt komisch! Ich finde, dass das zu ihm passt. Denn er ist zwar frech, aber nie gemein. Ich mag ihn irgendwie, auch wenn ich das nie sagen würde - nicht einmal Anna.

Der Winter hat sich schon längst verabschiedet, aber es ist immer noch sehr kühl auf dem Pausenhof. Alle tragen noch ihre dicken Winterjacken und warmen Wollmützen. Jeder wartet schon sehnsüchtig auf richtiges T-Shirt-Wetter. Ein Hauch von Frühling liegt aber bereits in der Luft. So eine besondere Mischung, aus modrigem Laubboden und den frischen zarten Trieben der Pflanzen. Tief atme ich diesen Duft ein und genieße die ersten Sonnenstrahlen. Doch die kitzeln mich so stark in der Nase, dass ich lautstark niesen muss. „Gesundheit“, sagt Anna belustigt. Ich will mich bedanken, da erwischt es mich wieder. Als ich die Niesattacke überstanden habe, lachen wir beide. Anna und ich kennen uns seit der ersten Klasse und sitzen seitdem auch nebeneinander. Wir sind beide zehn Jahre alt und gehen in die vierte Klasse. Anna und ihre Eltern kommen ursprünglich aus der Ukraine. Sie kann deshalb auch, neben Deutsch, Ukrainisch sprechen. Ich beneide sie dafür, in einer Sprache zu sprechen, die die anderen nicht verstehen. Mein Vater ist zwar in England geboren, aber er ist schon als Kind nach Deutschland gekommen. Er spricht nur noch englisch, wenn sein Fußballclub verliert und er lauthals flucht. Das sei befreiender in der Muttersprache, behauptet er. Außerdem glaubt er, wir Kinder würden es dann nicht verstehen. Somit bin ich mit englischen Schimpfwörtern aufgewachsen, die ich nicht benutzen darf. Das kann man nicht gerade als “zweisprachig aufwachsen“ bezeichnen!

Die Glocke läutet und wir trotten zurück ins Schulgebäude, um nach drei endlos erscheinenden Unterrichtsstunden später wieder den Weg nach Hause einzuschlagen. Ich habe Glück, ich habe es nicht weit. Es sind nur zehn Minuten zu Fuß. So kann ich mir das nervige Warten auf den Bus sparen. Heute gehen Kati und Jana den Weg mit mir. Sie sind eine Klasse über mir im selben Gebäude. Beide wohnen in derselben Straße wie ich, der Eichenstraße, und manchmal spielen wir zusammen, aber mittlerweile gehen wir uns oft ganz schön auf die Nerven. Jana spielt sich ständig als eine Art Anführerin auf. Dabei gibt es da gar nichts anzuführen. Sie will uns andauernd vorschreiben, was wir spielen, wer mitmachen darf und wer nicht. Das war eigentlich schon immer so. Doch jetzt bin ich wohl in einem Alter, in dem ich dazu keine Lust mehr habe. Wir schlendern ohne Eile den Heimweg entlang. Während die beiden laut miteinander schwatzen, hänge ich meinen Gedanken nach.

Seit ich ein halbes Jahr alt bin, lebe ich mit meinen Eltern, Cordula und Peter, und meinem großen Bruder Erik in der Eichenstraße. Der Name dieser Straße hat sicherlich etwas mit dem anliegenden Waldstück zu tun - meinem Wald, bestehend aus vielen hohen alten Eichen und einigen anderen Bäumen und Pflanzen. Wenn ich sage „mein Wald“, meine ich nicht, dass er mir gehört. Er gehört so zu mir wie ein guter alter Freund. Der beste Freund! Seitdem ich denken kann, zieht mich dieses Fleckchen Erde magisch an. Oft schaue ich einfach nur von meinem Zimmerfenster aus hinüber und träume vor mich hin. Er liegt direkt vor unserem Haus und immer, sobald ich Zeit habe, gehe ich dort hin. Wir leben zwar in einer Kleinstadt nahe dem Zentrum, aber trotzdem ist es sehr ruhig in unserer Ecke. Wenn ich aus dem Fenster blicke, sehe ich Eichhörnchen, Eichelhäher, Raben und sogar Rehe. Es ist einfach der Ort, an dem mich niemand stört und alles möglich zu sein scheint. Nicht alle Kinder aus meiner Straße spielen im Wald. Einige der Mütter haben Angst vor Zecken und sind nicht scharf auf dreckige Klamotten. Da meine Eltern eher zu der Sparte „Ökos“ gehören, darf ich mich schmutzig machen. Meine Mama strahlt, wenn ihre Tochter in der Natur spielt. Na ja, irgendwie ist meine Familie etwas anders als der Rest hier, so richtig passen wir nicht hierher, aber was soll’s, ich fühle mich trotzdem sehr wohl.

„Wisst ihr was?“, meint Jana. „Wie wär‘s, wenn wir uns später vor meinem Haus treffen und „Tanzakademie“ spielen? Ich hab da gestern was Cooles im Fernsehen gesehen! Die Schritte weiß ich noch ganz genau. Ich bin dann die Tanzlehrerin und bringe sie euch bei!“ Kati und ich sehen uns an. Eigentlich habe ich ja nichts vor und es wäre schon in Ordnung, ein bisschen bei ihr herumzuhüpfen. Hin und wieder macht das ja auch Spaß. Aber sie macht eben ständig auf „oberwichtig“, obwohl Tanzen nicht gerade zu ihren Talenten gehört. Janas Oma stopft uns immer mit Süßigkeiten voll und ich muss aufpassen, dass Mama das nicht sieht. Nicht, dass ich so etwas gar nicht essen darf, aber bei Janas Oma bekommt man so viel, bis einem fast schlecht wird.

Kati, die sowieso alles tut, was Jana will, nickt. Wir schlendern gerade an unserem Waldstück vorbei, meine Blicke schweifen beiläufig durch die Baumkronen, als ich abwäge, ob ich mitmache oder nicht. Ich hätte schon mal wieder Lust auf eine Ladung Chips, Gummibärchen und danach ein fettes Eis…

Da, plötzlich, fällt mir etwas Merkwürdiges auf, das ganz weit hinten, schlecht zu sehen, hoch oben an einem Ast hängt. Es ist schwer zu erkennen, aber von hier sieht es fast aus, als wäre es so etwas wie ein Indianerschmuck. Ich versuche, nicht zu offensichtlich hinzustarren, weil ich nicht möchte, dass Kati und Jana es bemerken.

„Na, was ist? Kommst du dann oder wie?“, hakt Jana nach.

„Eher nicht“, antworte ich kurz entschlossen. „Ich habe heute viele Hausaufgaben auf und das dauert länger.“

„Aha…“ So ganz nimmt sie mir das nicht ab, aber was soll sie schon dagegen sagen. Unsere Wege trennen sich. Kati, die schräg gegenüber von mir wohnt, und Jana, deren Haus gleich hinter unserem liegt, gehen zu ihren Haustüren. Als beide weg sind, versuche ich, noch einmal einen kurzen Blick auf dieses komische Ding zu werfen, das ich vorhin gesehen habe, aber man kann von hier aus nichts erkennen. „Mäuschen“, ruft mich Mama mit meinen etwas zu klein gewordenen Spitznamen durch das gekippte Küchenfenster. Mist! Ich muss reingehen. Ich esse so schnell wie möglich und dann ab in den Wald, um zu sehen, was das für ein seltsames Teil ist, das da im Baum hängt, bevor es jemand anderes bemerkt. „Na, wie war es in der Schule? Habt ihr Mathe rausbekommen?“, fragt meine Mutter, während sie die dampfenden Schüsseln auf den Tisch stellt.

„Nein, Gott sei Dank nicht!“, antworte ich voller Erleichterung. „Ach, so wild wird’s schon nicht gewesen sein, wenn das dein Bruder sagt, mache ich mir wirklich Sorgen! Aber deine Noten sind doch bisher alle ganz ordentlich, Frieda.“

Erik ist mein älterer Bruder. Er ist sechzehn und echt komisch drauf. Ich sehe ihn zwar nicht mehr so oft, weil er viel mit seinen Kumpels unterwegs ist oder an seinem Roller herumschraubt. Wenn er da ist, verkriecht er sich in seinem Zimmer, hört angsteinflößende Musik und raucht heimlich aus dem Fenster. Ich ertappe ihn manchmal dabei, wenn ich auf einen Baum klettere, und erpresse ihn ab und zu damit. Ich weiß, das ist echt fies, aber sehr wirkungsvoll.

„Mama, ich muss schnell essen und dann will ich ein bisschen in den Wald, bevor ich Hausaufgaben mache, okay?“ „Schnell essen gibt’s nicht - sondern langsam, aber wenn du erst ein wenig frische Luft brauchst nach der Schule, das verstehe ich.“ So etwas versteht meine Mutter immer. Das ist praktisch.

Es gibt Grünkernknödel und Kartoffelbrei. Klingt jetzt nicht so lecker, ist aber eines der Sachen, die echt gut schmecken. Ich stopfe mir hastig zwei Knödel in die Backen und löffle den Kartoffelbrei auf. Danach schlüpfe ich in eine alte Jeans, ziehe meine türkise Fleecejacke an und setze die geringelte, bunte Mütze auf und dann ab in den Wald. Der Waldboden ist feucht und es hängen dicke Wassertropfen an den Sträuchern. Ich kämpfe mich langsam durchs Gehölz, das unter meinen Füßen knackt. Angestrengt versuche ich, den Baum wiederzufinden, an dem dieses gemusterte Ding hängt. Die wenigen Sonnenstrahlen, die durch die Äste fallen, fühlen sich so gut auf meinem Gesicht an.

Die Vögel um mich herum singen ihr erstes Frühlingslied.

Ich kann den Frühling kaum erwarten.

Wie ein Adler durchforste ich jeden Winkel in den Baumkronen nach dem geheimnisvollen Etwas.

Da – endlich!

Ich sehe das graublaue Ding in einer Astgabel hängen. Mein Herz klopft.

Ich bin ziemlich aufgeregt. Ich spüre, dass ich gerade etwas Außergewöhnliches entdeckt habe.

Es sieht wirklich ein bisschen aus wie Indianerschmuck.

Es hat die Form eines Gürtels, der mit Federn geschmückt ist, die mit Lederbändern verflochten sind. Nicht wie so ein Faschingszeug aus Plastik einer Spielzeugabteilung.

Nein, so ECHT!

Eher so wie aus einem Kostümfilm oder eines dieser schönen Märchen, die immer zu Weihnachten im Fernsehen laufen.

Ich stehe da und denke nur: „Ich muss da rauf! Ich muss das haben!“

Aber Mann, das ist richtig hoch. So richtig gefährlich hoch. Ich klettere ja gern auf Bäumen herum, aber bei diesem hier sind die Äste so weit oben, dass ich sie gar nicht mit meiner Körpergröße erreichen kann. Mein Objekt der Begierde hängt auch nicht gerade so, dass ich es irgendwie herunterschießen könnte.

Also - wie um alles in der Welt komme ich jetzt da hinauf?

Auch will ich Erik nicht fragen, der würde da sicher leichter hochklettern können. Aber das hier will ich mit niemandem teilen.

Mir kommt eine Idee.

Der erste Ast, den ich erreichen kann, ist so weit oben, da brauche ich etwas, auf das ich mich stellen kann. Ich laufe zu dem Versteck, das sich die Jungs aus der oberen Straße vor langer Zeit gebaut haben. Dort stehen immer noch vier leere Bierkästen, die sie als Hocker benutzt haben. Die hole ich mir nun und staple sie übereinander. Es dauert eine Weile, bis ich zweimal hin und her gelatscht bin.

Mir wird langsam ganz schön warm.

Ich stecke meine Fußspitze vorsichtig in die Tragelöcher der Kästen, um so bis zum ersten Ast zu gelangen. Es schaukelt alles hin und her, vor Anstrengung die Balance zu halten, wird mir richtig heiß unter der Fleecejacke.