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Freunde bis 30, dann ...?

Freunde bis 30, dann ...?

Ich saß wieder im 69. Von dieser Kneipe hatte mir meine Mutter vor einigen Wochen erzählt. Hinter vorgehaltener Hand hatte sie mir zugeflüstert, dass dies ein Ort wäre, wo sich Homosexuelle treffen. Homosexuelle – so wie ich einer war. Es hatte lange gedauert, bis meine Mutter es geschafft hatte, dieses schmachvolle Wort in den Mund zu nehmen. Dort, wo ich aufgewachsen war, galt ein Schwuler als ein warmer Bruder. Ich hatte aus guten Gründen vor geschätzten elf Jahren meinem Heimatdorf, das gerade mal dreihundert Einwohner zählte, den Rücken gekehrt und war in die Stadt gezogen: nach Wien. Dort war das Leben anders. Wenn man schwule Locations suchte, musste man nur bei Google die entsprechenden Suchworte eintippen und voilà! Wobei das Internet noch beinahe in den Kinderschuhen gesteckt hatte, als ich nach Wien umgesiedelt war. Damals hatte es tatsächlich noch Menschen gegeben, die Yahoo! als Suchmaschine benutzt hatten und das Wort googeln hatte noch nicht im Duden gestanden. Aber es hatte andere Mittel und Wege gegeben, um problemlos Orte zu finden, wo man sich mit Gleichgesinnten treffen konnte. Studenten waren in der Regel aufgeschlossen und experimentierfreudig, liberal und sozial, antisexistisch und pro-gay. Info-Broschüren und Zeitschriften, die auch Gay-Themen enthielten, waren mir auf meinem täglichen Weg zur Universität hin und wieder in die Hand gedrückt worden. Wien war mir wie ein Ort der Befreiung und der unbegrenzten Möglichkeiten erschienen, wo jeder anders war und deswegen war auch jeder gleich. Aber nun war ich wieder auf dem Land, wo jeder, der anders war, rasch aus dem Rahmen fiel und unnötig Aufmerksamkeit auf sich zog.

Ich trank gerade mein alkoholfreies Bier, da ich mit dem Auto hier war, alleine, ohne eine Begleitung, der ich ein Trinkverbot hätte auferlegen können. Diese Bar war tatsächlich der einzige Ort im Umkreis von vierzig Kilometern, wo man halbwegs anständige Homosexuelle traf, die mindestens genauso oft auf einen schnellen Fick aus waren, wie auf ein anregendes Gespräch. Hier war jeder offen für alles und dankbar für jede Art der Zuwendung. Ich blickte auf mein Handy und erinnerte mich wieder an alte Zeiten. An die Zeiten, als man noch Armbanduhren trug und nicht am Smartphone die Zeit ablas. Ich hatte, vermutlich wie viele hier, eine weite Strecke zurücklegen müssen, um herkommen zu können. Es hatte mich beinahe überrascht, dass meine Mutter von dieser Bar gewusst hatte. Aber wahrscheinlich hatte ihr unsere Nachbarin, die olle Trude, davon erzählt. Zu Trude hatte meine Mutter schon seit Jahren ein besonderes Verhältnis, schließlich teilten die beiden viele Gemeinsamkeiten: sie rannten jeden Sonntag in die Kirche, um den Gottesdienst nicht zu versäumen; sie hatten sich in das patriarchalische System widerstandslos eingegliedert, folglich waren ihnen emanzipatorische Ideen fremd; und die wohl bedeutsamste Gemeinsamkeit: beide hatten sie einen schwulen Sohn.

Wo wir bei Johannes wären, oder wie er sich immer nannte: John. Wir beide hatten viel gemeinsam, genauso wie unsere Mütter. Wir waren beide in einer streng katholischen Familie aufgewachsen und trugen die Namen von Evangelisten: Johannes und Lukas. Wir waren die Heiligsten der Heiligen – zumindest hätten es unsere Mütter gerne so gehabt.

Johannes und ich waren also beide schwul und Nachbarn. Dass in einem Dorf mit dreihundert Einwohnern in zwei benachbarten Häusern zwei gleichaltrige Männer schwul waren, verzerrte jede Häufigkeitsstatistik. Aber deswegen waren wir noch lange kein Paar gewesen. Sein tuntiges Verhalten, das dazu geführt hatte, dass ihm schwul wahrlich auf die Stirn geschrieben war, hatte mich früher häufig irritiert. Er war zudem recht klein und dünn gewesen – bis zu seinem achtzehnten Lebensjahr. Dann plötzlich war er in die Höhe geschossen wie ein Fliederbusch. Als wir uns das letzte Mal gesehen hatten, bei unserem Schulabschluss im Alter von neunzehn Jahren, hatte er mich bereits um drei Zentimeter überragt.

Dennoch waren wir beste Freunde gewesen. Nur hatten wir uns nie angefasst. Echt nicht. Wir hatten nur immer darüber philosophiert, wie schwer es war, eine schwule Beziehung mit jemandem zu führen. Einmal hatten wir uns sogar gemeinsam einen Schwulenporno angesehen. Aber nur einmal! Wir hatten mit steifen Schwänzen und hochroten Köpfen vor dem Fernseher gesessen – ja, damals hatte man sich Pornovideos noch auf VHS angesehen und nicht schnell mal im Internet bekannte Adressen abgecheckt und auf das erstbeste Video geklickt!

Ich hatte mir das Auto meines Vaters geliehen, eigentlich hatte ich es ohne sein Wissen entwendet, und wir waren gemeinsam viele Kilometer gefahren, wo wir sicher sein konnten, auf niemanden zu treffen, der uns kannte. In einer Videothek waren wir in den hinteren Teil geschlichen, der Teil, der durch einen Vorhang abgegrenzt war. Dort hatte sich die Abteilung nur für Erwachsene befunden und wir hatten uns ein Filmchen ausgeliehen. Es hatte tatsächlich nur zwei Filme gegeben, die sich mit schwulem Sex beschäftigt hatten. Die Auswahl war also begrenzt gewesen. Mit bemühter Coolness hatte ich mir den Film geschnappt, während John draußen beim Auto gestanden und gewartet hatte – der Hosenscheißer! Dann waren wir aufgeregt zu mir nach Hause gefahren und hatten uns den Film gemeinsam angesehen. Damals hätten wir es beinahe miteinander getan. Oder zumindest hatte ich es tun wollen. Wir waren beide hart gewesen und hatten an unseren Erektionen gerieben. Die Situation war unerwartet aufregend gewesen: die visuellen Reize am Bildschirm des alten Röhrenfernsehers und John, der sich neben mir selbst befriedigt hatte ... Auf einem alten Sofa in der Garage meiner Eltern hatten wir gesessen. Ich hatte aus den Augenwinkeln zu ihm geschielt und war kurz davor gewesen, mich zu ihm hinüberzubeugen und seinen Schwanz in meinem Mund aufzunehmen. Schließlich hatte das im Film verdammt geil ausgesehen! Ich hatte damals auch tatsächlich meine Hand nach seinem Penis ausgestreckt, aber er hatte mir sehr deutlich gemacht, dass er von mir nicht angefasst werden wollte. Er hatte mir sogar eine runtergehauen. Tatsächlich. Ich war mir vorgekommen wie ein lüsterner, alter Sack.

Ich ließ meinen Blick durch die Kneipe wandern.

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