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Freunde, Sex und Alibis

Inhalt

  1. Cover
  2. Inhalt
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Prolog - Die Wahrheit, nichts als die Wahrheit …
  7. Kapitel 1 - Elvis: The Greatest Hits, Vol. 1
  8. Kapitel 2 - Suspicious Minds
  9. Kapitel 3 - It’s Now or Never
  10. Kapitel 4 - Return to Sender
  11. Kapitel 5 - (Let Me Be Your) Teddy Bear
  12. Kapitel 6 - Heartbreak Hotel
  13. Kapitel 7 - A Little Less Conversation (A Little More Action)
  14. Kapitel 8 - Crying in the Chapel
  15. Kapitel 9 - In the Ghetto
  16. Kapitel 10 - (You’re the) Devil in Disguise
  17. Kapitel 11 - Moody Blue
  18. Kapitel 12 - She’s Not You
  19. Kapitel 13 - The Girl of My Best Friend
  20. Kapitel 14 - Don’t Be Cruel
  21. Kapitel 15 - Funny How Time Slips Away
  22. Kapitel 16 - Until It’s Time for You to Go
  23. Kapitel 17 - Burning Love
  24. Kapitel 18 - Blue Suede Shoes
  25. Kapitel 19 - I Can’t Stop Loving You
  26. Kapitel 20 - All Shook Up
  27. Kapitel 21 - For the Good Times
  28. Kapitel 22 - Always on My Mind
  29. Kapitel 23 - You’ve Lost that Lovin’ Feeling
  30. Kapitel 24 - I Just Can’t Help Believin’
  31. Kapitel 25 - That’s Alright, Mama!
  32. Kapitel 26 - Wooden Heart
  33. Kapitel 27 - You Don’t Have to Say You Love Me
  34. Kapitel 28 - The Wonder of You
  35. Kapitel 29 - Elvis Has Left the Building

Über die Autorin

Shari Low blickt auf eine abwechslungsreiche Karriere zurück. Nachdem sie als Nachtclub-Managerin in Großbritannien, Holland, Schanghai und Hongkong Station gemacht hatte, kehrte Shari Low in ihre Heimatstadt Glasgow zurück. Dort lebt sie mit ihrem Ehemann John und ihren beiden kleinen Söhnen. Sie ist heute als freie Schriftstellerin tätig.

Besuchen Sie die Autorin unter www.sharilow.com im Internet.

Shari Low

Freunde, Sex und Alibis

Roman

Aus dem Englischen von
Sylvia Strasser

Prolog

Die Wahrheit, nichts als die Wahrheit …

Ringring!

Ich griff nach dem schnurlosen Telefon. »Jo Grant.«

»Jo, hi, Dan hier. Emmas Dan.«

»Ich weiß schon, welcher Dan, Dan! Ich bin berühmt für meine Fähigkeit, Stimmen wiederzuerkennen. Was gibt’s?«

»Ich störe euch Mädels nur ungern bei euern Schönheitsnachmittagen, aber ich müsste mal kurz mit Emma reden.«

Pause. Lange Pause.

»Oh, äh, Emma … die ist, äh, sie ist gerade im Bad, Dan. Sie, äh, sie schrubbt sich die Gesichtsmaske runter, weißt du. Kann sie dich zurückrufen?«

»Klar. Frag sie, wo sie den Ausweis für die Videothek hat. Sie hat gemeint, es würde spät werden heute Abend, und da dachte ich, ich leih mir einen Bruce-Willis-Film aus.«

»Geht klar, Dan, ich sag’s ihr. Bis dann.«

Ich unterbrach die Verbindung und blies hörbar die Luft aus.

Ich drückte auf die Eins, unter der ich Emmas Kurzwahlnummer gespeichert hatte, und wartete.

Ringring!

»Hallo?«

»Emma, ich bin’s. Wo zum Teufel steckst du denn? Nein, sag’s mir lieber nicht. Warum sage ich dir nicht, wo du nicht bist? du bist nicht in meinem bad und schrubbst dir deine gesichtsmaske ab! Dan hat angerufen, er will wissen, wo der Ausweis für die Videothek ist. Also entweder glaubt er, wir verständigen uns durch Telepathie, oder aber du hast mich schon wieder als Alibi benutzt, damit du mit irgendeinem Typen rummachen kannst, der eindeutig nicht dein Ehemann ist!«

Nachdem ich Luft geholt hatte, fuhr ich fort: »Und – stimmt’s oder hab ich Recht?«

Ein tiefer Seufzer am anderen Ende der Leitung. »Ich geb’s ja zu! Autsch! Ich glaub, ich hab schon eine Kiefersperre vom vielen Knutschen. Sag mal, was genau ist das eigentlich – Kiefersperre?«

»Das kriegt man, wenn die beste Freundin einem ein paar auf den Schnabel haut, weil man sie in irgendwelche niederträchtigen Lügengeschichten mit hineingezogen hat. Du solltest dich was schämen! Noch dazu am helllichten Nachmittag! Und jetzt ruf Dan an und denk dran: Du musst dich anhören, als ob sich dein Gesicht straff und prickelnd frisch wie nach einer Maske anfühlt.«

Damit knallte ich das Telefon hin.

Ringring!

»Jo Grant.«

»Jo, Darling, meine Teuerste, hier ist Margo! Ich wollte mich nur vergewissern, dass du Freitagabend auch nichts vorhast. George hat doch Geburtstag, und ich plane eine kleine Feier. Um sechs. Ja, ich weiß, das ist sehr früh, aber er ist nun mal nicht mehr der Jüngste. Nur ein zwangloses Beisammensein im engsten Familienkreis. Ich meine, du gehörst ja praktisch schon zur Familie. Wie geht es eigentlich meinem wundervollen Sohn? Ich kriege ihn überhaupt nicht mehr zu Gesicht! Sag ihm, er soll den Kuchen mitbringen – falls er die Zeit dafür findet. Ihr zwei Turteltäubchen seid ja so beschäftigt! Kein Wunder, dass ihr keine Zeit zum Heiraten habt …«

»Margo …«

»Ich meine, zu meiner Zeit waren die Hochzeitsvorbereitungen Sache der Mutter und der Schwiegermutter. Und du weißt ja, mir wäre es eine Freude, dir diese Dinge abzunehmen …«

»Margo …«

»Aber ich verstehe natürlich, wenn du das lieber selbst machen willst. Ihr jungen Leute habt eure eigenen Vorstellungen und wisst ganz genau, was ihr wollt. Zu meiner Zeit …«

»margo!«

»Ja, Liebes?«

»Entschuldige, aber ich habe ein Gespräch auf der anderen Leitung«, flunkerte ich. »Wir sehen uns dann am Freitag.«

Ich beendete das Gespräch mit einem Knopfdruck und drückte dann die Zwei, unter der ich eine weitere Kurzwahlnummer gespeichert hatte.

»The Daily Scot, Charles Curtis am Apparat.«

»Charlie, ich bin’s, Jo.«

»Jo, Darling, ich wollte gerade …«

»Spar dir das! Was meinst du, wer mich gerade angerufen hat?«

»Rupert Everett. Er hat gehört, dass du mich kennst, und dich gebeten, ihn mir vorzustellen.«

»Träum weiter! Nein, es war meine angebliche künftige Schwiegermutter, die mich für Freitag eingeladen hat, weil dein Dad Geburtstag hat. Du sollst den Kuchen mitbringen, hat sie gesagt.«

»Verdammt, das passt mir aber gar nicht! Wo soll ich denn so kurzfristig einen Kuchen hernehmen, der etwas ganz Persönliches ist?«

»Was heißt, dir passt das nicht? Ich kann mir auch was Schöneres vorstellen, als mir einen weiteren Abend lang von deiner Mutter Taftmuster ans Haar halten lassen zu müssen, damit sie die Farbe für die Kleider der Brautjungfern aussuchen kann! Pink macht mich zu blass, sagt sie.«

»Na ja, du musst zugeben, bei deinem Teint …«

»Stopp! Tu mir einen Gefallen, Charlie – schenk deiner Mutter endlich reinen Wein ein! Sag ihr, wir werden nie heiraten, sag ihr, ich bin nicht deine Freundin, sag ihr, dass wir uns nie auch nur geküsst haben! Meine Güte, Charlie, wir leben im 21. Jahrhundert! Warum sagst du ihr nicht einfach, dass du schwul bist! Was kann schlimmstenfalls schon passieren?«

»Dass sie einen Herzanfall erleidet und einen frühen Tod stirbt und ich mir den Rest meines Lebens Vorwürfe machen muss. Das kann passieren. Und du weißt, dass ich mit Schuld nicht gut umgehen kann. Mit Trauer auch nicht. Was wirst du Freitagabend eigentlich tragen?«

»Ein Plakat auf der Brust und eins auf dem Rücken und darauf wird stehen: ›Tut mir Leid, Mrs. Curtis, aber Ihr Sohn ist ein verlogener Scheißkerl, und ich bin nicht mit ihm zusammen. Diese Ehre gebührt einem gut eins achtzig großen Typen namens Toby‹.«

»Oh, das ist süß. Hör mal, ich werde mich wahrscheinlich für Malvenfarben mit einem Touch Aubergine entscheiden, also zieh bitte nichts an, was sich damit beißen könnte.«

»Meine Güte, Charlie, dein zweiter Vorname sollte ›Klischee‹ lauten! Ich mach’s nicht, verstehst du?«

»Das ist wirklich ein Jammer. Und ich hatte schon gehofft, du würdest mich anschließend zur vip-Premiere von Apocalypse begleiten. Angeblich haben eine Menge Stars ihr Kommen zugesagt: Cruise, Nicholson, Clooney … Man hat sie mit einem Gratiswochenende in Skibo Castle geködert, weißt du.«

»Das ist glatte Erpressung, Mr. Curtis! Bei der Aussicht auf so viel 1a Testosteron schlägt meine Gebärmutter ja Purzelbäume! Also gut, meinetwegen. Ich mach’s. Aber das eine sag ich dir: Wenn du nochmal versuchst, mir vor deiner Tante Mildred die Zunge in den Mund zu stecken, wirst du die nächsten zwei Jahre beim Zahnarzt verbringen müssen – Clooney hin oder her! Ist das klar?«

»Glasklar, Darling. Küsschen!« Damit beendete er das Gespräch.

Ich legte den Apparat hin, ein wenig behutsamer dieses Mal.

Ringring!

Tiefer Seufzer. Deutliches Zögern. Doch dann siegte meine Neugier.

»Jo Grant.«

»Jo, Michael hier. Nur ganz kurz, ich muss in zehn Minuten wieder im Gericht sein. Scheiße, eher in fünf. Der Richter ist gerade vorbeigegangen, und er sieht aus, als hätte ihm jemand in die Suppe gespuckt. Weswegen ich anrufe – was weißt du über Elvis?«

Pause. »Elvis? Meinst du den toten, der Hamburger über alles liebte, die Hüften kreisen ließ und Suspicious Minds sang? Den Elvis?«

»Genau den.«

»Nichts.«

»Verdammt! Jo, hör zu, du musst mir einen Gefallen tun. Neue Flamme. Großer Elvis-Fan. Kannst du mir eine Biografie und eine CD von ihm besorgen? Bis ich aus dem Gericht komme, sind die Geschäfte schon zu, und ich bin später mit Priscilla verabredet.«

Ich prustete los. »Willst du mich auf den Arm nehmen? Sie ist Elvis-Fan und heißt auch noch Priscilla?«

»Ich versteh nicht, was daran so Besonderes ist.«

»Michael, die Frau von Elvis Presley hieß auch Priscilla.«

»Scheiße! Sie wundert sich bestimmt, dass ich kein Wort darüber verloren habe. Scheiße, Scheiße, Scheiße!«

»Du hast ihr gesagt, du findest Elvis großartig, stimmt’s?«

»Äh …«

»Und dass du dein Leben lang nach einer Frau gesucht hast, mit der du bei Sonnenuntergang zu den Balladen von Elvis kuscheln kannst und mit der du eines Tages drei oder vier kleine Elvisse haben willst, richtig?«

»Äh …«

»Mensch, Michael, du hast versprochen, dass du so was nicht mehr machst! Weißt du noch, das war damals, nachdem du dir sechs Rippen gebrochen hast, weil du der Kleinen in Magaluf erzählt hast, du wärst Wasserskiprofi. Warum musst du solche Lügen auftischen? Warum kannst du nicht einfach ehrlich sein?«

»Wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen!«, konterte er. »Darf ich als dein persönlicher Rechtsbeistand daran erinnern, dass du deinen Lebensunterhalt damit verdienst, Frauen zu unterstützen, die einen verlogenen Lebenswandel führen? Und die nackt in den Armen eines verheirateten Mannes liegen?«

Ich sprudelte schier über vor Entrüstung. »Spiel dich ja nicht als Moralapostel auf, Michael Morris! Zumal das, was diese Frauen tun, oft genug zu einer Scheidung führt, die dir deine Versace-Schuhe sichert. Das heißt, wenn du Sinn für Eleganz hättest und welche tragen würdest.«

»Das war ein ganz gemeiner Tiefschlag, Miss Grant! Mindestens einen Meter unter der Gürtellinie. Okay, du bietest der Gesellschaft also wertvolle Dienstleistungen an, aber das macht dich noch lange nicht zu einer Heiligen, oder?«

»Das mag sein, aber ich bin auch nicht dein privater Einkaufsservice, also schieb dir deine …«

»Sorry, Jo, aber ich muss los. Eine Biografie und eine CD! Du bist ein Schatz! Ich werde so gegen sieben zu Hause sein. Bis dann.«

Er legte auf. Ich stieß einen schweren Seufzer aus und schloss die Augen. Eine Migräne kündigte sich an.

Ich klappte meinen Laptop auf und gab meine Internetadresse www.G.I.N.com ein. Ich wollte einen Blick in das Forum werfen, bevor ich mich auf die Suche nach Elvis machte. Vor einem tief karmesinroten Hintergrund zeichnete sich in großen Lettern die Überschrift ab:

Willkommen

bei

Geliebte in Not

Die Website für die »andere Frau«

Darunter lief von links in kleineren Buchstaben die Zeile über den Monitor:

Wenn er nicht für Sie da ist, wenn Sie ihn brauchen – wir sind es!

G. I. N. – geliebte in not, die Website für die »andere Frau«, war mein Baby und mein Beruf. Eine Art Sammelbecken für die Verzweifelten, die Unmoralischen, die Gerissenen und die Zuversichtlichen. Inzwischen zählten wir zwölftausend Mitglieder, Tendenz steigend.

Ich klickte mich zum Forum durch. Ich steuere nur selten selbst einen Diskussionsbeitrag bei – ich überlasse es lieber den betroffenen Damen, die Website als Plattform für den Austausch mit Gleichgesinnten zu nutzen. Dennoch mache ich eine tägliche Kontrolle für den Fall, dass eine besonders verzweifelte Nachricht eingetroffen ist, die einer sofortigen Antwort bedarf.

Ich lächelte, als ich den Namen der Verfasserin des jüngsten Beitrags las. Von Sally, einer Geliebten aus Cheltenham, trafen seit der Einrichtung der Website regelmäßig Beiträge ein. Ihre letzte Nachricht einige Wochen zuvor bewies – so hatte ich jedenfalls gedacht –, dass sich Geduld und Ausdauer manchmal eben doch auszahlten. Doch jetzt wurde ich eines Besseren belehrt.

Hallo zusammen, hier ist wieder Sally aus Cheltenham. Zuerst einmal möchte ich mich bei allen für die Glückwünsche bedanken, nachdem ich euch letzten Monat mitgeteilt habe, dass Giles endlich seine Frau verlassen wird – nach achtzehn Jahren! Das ist wirklich eine lange Zeit.

Aber leider ist alles ganz anders gekommen, als ich gedacht hatte. Ganz anders, als ich es mir an jedem Weihnachtsfest in den vergangenen achtzehn Jahren, wenn ich allein dasaß und auf seinen Anruf wartete, ausgemalt hatte. Giles hat mich auf die schlimmstmögliche Art betrogen. Wie sich jetzt nämlich herausgestellt hat, unterhält er seit einigen Jahren eine Beziehung zu der vierundzwanzigjährigen, ehemals besten Freundin seiner Tochter und wohnt inzwischen mit ihr zusammen. Ich brauche wohl nicht zu erwähnen, wie niedergeschmettert und enttäuscht ich bin! Mir fallen zu dem Mann, der so lange die Liebe meines Lebens war, eigentlich nur Wörter ein, die eher zum Sprachgebrauch einiger meiner besonders schwierigen Schüler gehören: Der Mann ist ein ausgemachtes Arschloch!

Ich merkte, dass mir die Kinnlade heruntergeklappt war, und machte den Mund wieder zu. Du meine Güte! Langjährige Affären waren keine Seltenheit, aber dass ein Ehemann zwei Geliebte nebeneinander hatte, kam wirklich nicht alle Tage vor. Die arme Sally. All die Jahre voller Versprechungen, voller Hoffnungen, voller Opfer … voller Lügen.

Ich lehnte mich zurück, atmete langsam aus und dachte über den Tag nach. So viele Lügen, so viel Heimlichtuerei … Mein unaufrichtiger schwuler »Verlobter« Charlie, meine ehebrecherische beste Freundin Emma, mein verlogener Mitbewohner Michael, zwölftausend Geliebte von ebenso vielen fremdgehenden Ehemännern … Hielt es denn überhaupt noch jemand mit der Wahrheit? In meinem Leben anscheinend nicht. Meine Welt drehte sich um die instabile Achse unmoralischer Freunde, faustdicker Lügen und eilig zusammengebastelter Alibis.

Ich überlegte, ob ich Sally ein paar mitfühlende Zeilen schreiben sollte, doch dann fiel mein Blick auf die Uhrzeit am unteren rechten Bildschirmrand. Scheiße, schon vier Uhr! Ich musste mich ja noch um Elvis kümmern.

Kapitel 1

Elvis: The Greatest Hits, Vol. 1

www.G.I.N.com, Forum, neuer Beitrag:

Liebe Sally, schnapp dir den Mistkerl, reiß ihm die Klamotten runter und bearbeite ihn mit der Peitsche, bis er quiekt. Und wenn er dich anbettelt weiterzumachen, versetzt du ihm einen kräftigen Tritt in den Arsch. Wenn du willst, mach ich es für dich – das geht aufs Haus.

Ich fühle mit dir,

Domina Domenique

Happy birthday to you, happy birthday to you, happy birthday, lieber George …«

George neigte den Kopf in meine Richtung. »Du kannst Dad zu mir sagen, Liebes, du gehörst ja praktisch schon zur Familie.«

»… happy birthday to you«, beendete ich das Geburtstagsständchen, die letzten Wörter zwischen zusammengepressten Zähnen hervorstoßend, weil Charlie den Arm um mich legte und mich anschmachtete.

George blies die Kerzen aus, bekam einen Hustenanfall und setzte ein Zierdeckchen in Brand. Ein Glas Wasser löste beide Probleme.

Nachdem Margo sich vergewissert hatte, dass ihr Ehemann nicht mitten in seiner Geburtstagsfeier den Löffel abgeben würde, drückte sie ihn in einen Sessel, reichte ihm eine Marzipanschnitte und bereitete sich auf die Attacke vor, mit der ich rechnete, seit ich den Fuß über die Schwelle der Sandsteinvilla im malerischen Bridge of Weir gesetzt hatte. So wie diesen Ort fünfzehn Meilen südwestlich von Glasgow stellt man sich ein typisch schottisches Städtchen vor: eine Hauptstraße mit Fischhändlern, Bäckern und Metzgern, mehr Kirchen als Buchmachern und etlichen Pubs im Stil von Dorfkneipen, wo sich die Einheimischen treffen, schottische Volkslieder singen und aus Gedichten schottischer Dichter zitieren. In Wirklichkeit schauten sie sich in den schickeren Lokalen Sportübertragungen auf Großbildfernsehern an und spielten Bingo in den weniger vornehmen. Aber ich ziehe es vor, an die romantischere Version, die mit Gesang und Gedichtrezitationen, zu glauben.

Margo war in Bridge of Weir geboren und aufgewachsen. Sie freute sich darüber, dass die Stadt bevorzugter Wohnort für wohlhabende Berufstätige geworden war, die in eher ländlicher Umgebung eine Familie zu gründen beabsichtigten. So viel frisches Blut! Und dieser Wohlstand! Und so viel Stoff zum Tratschen! Für Margo war es das Paradies.

Aber zurück zu ihrem geplanten Angriff. Drei, zwei, eins – und schon ging’s los!

»Charles, Josephine, meine Lieben, ich war letzte Woche zum Tee beim Vikar, und er sagte, er habe im Juli noch Termine frei. Ihr solltet euch bald darum kümmern, damit ihr auf jeden Fall einen Vormittagstermin bekommt. Wir waren letzte Woche auf der Hochzeit der Wilkinson-Tochter. Die Feier in der Kirche begann um vier Uhr nachmittags, und an diesem Tag hatte er schon sechs Paare getraut. Hunderte von Leuten waren da mittlerweile über die Gardenien des Vikars getrampelt, und die Lilien in der Kirche waren völlig verwelkt. Ich brauche euch wohl nicht zu sagen, dass die Luft drinnen alles andere als frisch und angenehm war. Manche Leute scheinen von Körperpflege nichts zu halten. Also zu meiner Zeit …«

In Bridge of Weir reden alle so. Alle trinken Tee mit dem Vikar, und alle kennen die Namen jeder Blume in Sichtweite.

Mein Lebenswille schaufelte sich hektisch einen Fluchttunnel – ich konnte ihn graben hören. Charlie hatte sich neben seine Mutter gesetzt, lächelte und nickte zustimmend. Seine Lippen bewegten sich, er faselte irgendetwas davon, dass Lilien »ja so was von out« seien und wir ohnehin mehr zu einem »farbenfrohen frühlingshaften Blumenarrangement aus Glockenblumen und Hyazinthen« neigen würden. Ich unterdrückte einen Seufzer. Ich fühlte mich wie eine der Enten auf dem Wandgemälde im Salon – sie sahen irgendwie deprimiert aus. Verständlich: Wenn ich mir dieses Geschwätz den ganzen Tag anhören müsste, wäre ich auch deprimiert. Im nächsten Moment schalt ich mich meiner Bosheit wegen. Es war ja nicht Margos Schuld. Eigentlich war sie ganz reizend, eine Erscheinung in gelbem Chiffon (der Hut war allerdings ein bisschen übertrieben), die alle in ihrer Nähe überstrahlte. Aus Anlass von Georges Geburtstag hatten sich die üblichen Verdächtigen eingefunden: die Tanten Mildred, Betty und Ophelia; Mr. und Mrs. Wagstaff von nebenan, die rechts von den Tanten auf einem der Chintzsofas saßen und die Qualität der selbst gebackenen Kuchen kritisch in Augenschein nahmen; ihnen gegenüber hatte Cousine Daphne Platz genommen, die mit Argusaugen über ihren Ehemann Philip wachte, weil dieser auf seine alten Tage noch zum Kleptomanen geworden war. (Die drei Kerzenleuchter, die seit seinem letzten Besuch an Weihnachten fehlten, waren nicht wieder aufgetaucht. Weiß der Himmel, wie er es geschafft hatte, sie aus dem Haus zu schmuggeln!)

Charlie thronte zwischen seinen Eltern. Er sah flott aus in seinem malvenfarbenen Anzug von Gaultier und dem Seidenhemd, das vermutlich mehr als die Sofas gekostet hatte. Dazu trug er Wildledermokassins. Er war ein gut aussehender Mann, mein falscher Verlobter. Kaum zu glauben, dass Margo und George, beide klein und schmächtig, diesen blonden, sanft gebräunten, über eins achtzig großen Hünen gezeugt hatten! Vielleicht hatte Margo in ihrer Jugend nichts anbrennen lassen und sich an einem sonnigen Tag in den Sechzigern völlig zugedröhnt und eine heiße Nacht mit einem blonden, potenten, hünenhaften Hippie verbracht. Vielleicht auch nicht. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es in Bridge of Weir jemals Hippies gegeben hat. Wahrscheinlich hat Charlie seine Existenz eher einem Gen zu verdanken, das sich, randvoll beladen mit Eitelkeitschromosomen, von irgendwoher heimtückisch eingeschlichen hat.

Das Erste, was mir in dem Sommer, als ich Charlie kennen lernte, an ihm aufgefallen war, war sein tadelloser modischer Geschmack. Das heißt, eigentlich war mir als Erstes seine Hand aufgefallen, die in der Gesäßtasche von Nicky Caruso steckte, einem schlicht hinreißenden Seifenopernfernsehstar, der kürzlich bei einem Terroranschlag ums Leben kam. Wenn das doch nur meine Hand gewesen wäre – perfekt manikürt und auf Tuchfühlung mit diesem Starhinterteil!

Wir waren auf einer Cocktailparty im Glasgow Hilton aus Anlass des fünfundzwanzigjährigen Jubiläums des Daily Scot. Der Journalist, der über meine Geschäftsidee – geliebte in not, das Onlineforum für die »andere Frau« – berichtet hatte, hatte mich eingeladen. Offensichtlich dachte er, der Name meiner Website sei persönlichen Neigungen entsprungen. Zwischen den Kanapees und den feierlichen Reden vertraute er mir nämlich an, er sei verheiratet, aber seine Frau würde ihn nicht verstehen, und nestelte am Brustband meines schulterfreien Satintops herum. Ich überlegte, ob ich die Bar oder meine Wohnung ansteuern sollte, und entschied mich für die Bar und einen Drink. Ich hockte immer noch an der Bar, als sich die Party aufzulösen begann.

»Einen Wodka Martini, bitte, gerührt, nicht geschüttelt.«

Ich lachte spöttisch in meinen achten Drink hinein.

»Was ist denn daran so komisch?«, fragte die schneidende Stimme links von mir, die den Wodka Martini bestellt hatte.

Ich drehte den Kopf und erblickte den Mann, den ich so glühend um seine Hand beneidet hatte. Wenn ich mir nicht bereits sicher gewesen wäre, dass ich mir nicht die Mühe zu machen brauchte, mit ihm zu flirten, weil ich das falsche Geschlecht hatte, hätte meine Körpersprache ihm zweifellos »verfügbar und interessiert« zu verstehen gegeben.

Er war weit über eins achtzig groß. Sein blondes Haar (sicherlich durch Strähnchen aufgehellt, aber so perfekt, dass man es nicht mit Sicherheit sagen konnte) war nach hinten gekämmt, die Augenbrauen (gezupft?) bildeten einen vollkommenen Bogen über tiefgrünen Augen (Kontaktlinsen?). Ich nahm mir vor, ihn nach seiner Kosmetikerin zu fragen. Sein Körper war muskulös (ohne den Eindruck zu erwecken, dass man mit Steroiden nachgeholfen hatte), und das weiße T-Shirt spannte sich über seinen Brustmuskeln.

Ich lächelte entschuldigend. Oder versuchte es zumindest. »Tut mir Leid. Aber sollte es eigentlich nicht andersherum sein?«

»Darling, es gibt Gefolgsleute und es gibt Anführer. Manche sind Löwen, die ganz vorne im Rudel marschieren und kommandieren, keine Schafe, die hinterhertraben.«

Das war zu viel. Ich bekam einen Lachanfall, bei dem ich ungewollt ganz unfein durch die Nase prustete. Als ich wieder sprechen konnte, ohne Gefahr zu laufen, irgendwelche Körperflüssigkeiten zu verspritzen, sagte ich:

»Reden Sie immer solchen Blödsinn?«

»Darauf können Sie wetten«, erwiderte er, ohne mit der Wimper zu zucken. Lächelnd zog er sich den Barhocker neben mir heran. »Charlie Curtis«, stellte er sich vor und streckte mir die Hand hin. »Reporter beim Daily Scot, Redaktion Boulevard und Lifestyle, immer up to date, informiert und interessant und«, fügte er wehmütig hinzu, während sich sein Blick auf den Fernsehstar heftete, der gerade mit einem für seinen ausschweifenden Lebensstil bekannten Bühnenschauspieler den Saal verließ, »seit kurzem der abservierte Expartner von Nicky Caruso.«

»Jo Grant. Geschäftsführerin der geliebte-in-not-Website, vor kurzem Abserviererin eines Ihrer schleimigen Kollegen.«

Charlies Augen leuchteten spöttisch auf. Ich sollte später herausfinden, dass ich mit diesem einen Satz, der Klatsch, Sex und pikante Skandalgeschichten verhieß, sozusagen gleich mehrere Knöpfe bei ihm gedrückt hatte.

Er beugte sich zu mir herüber und raunte mir verschwörerisch zu: »Nun, Miss Grant, es ist mir eine Freude, Sie kennen zu lernen. Ich habe das unbestimmte Gefühl, dass wir uns prächtig verstehen werden.«

Wir stießen miteinander an. So hatte ich es jedenfalls in Erinnerung. In Wirklichkeit verfehlte ich sein Glas meilenweit, weil ich bereits viel zu tief in meins geguckt hatte, und schüttete ihm drei Eiswürfel, zwei Kirschen, ein Papierschirmchen und den Rest meines Drinks in den Schoß. Aber Charlie war so neugierig geworden, dass er alles mit einer achtlosen Handbewegung auf den Fußboden fegte, anstatt schreiend aufzuspringen und zur nächsten Reinigung zu rennen.

Seitdem plauderten wir täglich miteinander. Es schien, als hätten die Götter uns zusammengeführt. Die Götter des Klatsches, der gegenseitigen Zuneigung und der Mode, meine ich. Und offenbar auch die Götter der Hochzeitstorten, der Hüte von Philip Treacy und der Partyzelte, dachte ich, als ich meine Aufmerksamkeit wieder der Unterhaltung zuwandte, die sich immer noch um Hochzeiten drehte, wie ich genervt feststellte.

»Aber Mutter, dein Brautkleid passt Jo nie im Leben! Obenrum hat sie sechsunddreißig und um die Hüften achtunddreißig, während du vierunddreißig hattest – eine sehr zierliche Vierunddreißig –, als du zum Altar schwebtest.«

Ich verdrehte die Augen. Das war der komplette Irrsinn! Ich hatte mitgeholfen, ein hyazinthengeschmücktes Brautmonster zu erschaffen, das zur Schlachtbank, sprich: zum Traualtar, geführt werden sollte. Was hatte ich mir nur dabei gedacht, als ich eingewilligt hatte, dieses Theater mitzumachen und Charlies Verlobte zu spielen? Dieses verdammte Weihnachten! Man sollte es verbieten! Das Fest der Liebe und all dieser Quatsch!

An einem Weihnachtsfest hatte alles angefangen. Ich war an Weihnachten immer schon sentimental gewesen. Das war seit meiner Kindheit die schlimmste Zeit des Jahres für mich – früher, weil meine Familienverhältnisse fatal an den Stoff griechischer Tragödien und an jene gestörten Beziehungen erinnerten, wie man sie sonst nur aus dem britischen Königshaus kennt, und später, weil ich an Weihnachten immer allein war. Deshalb hatte ich mich damals auch so über Charlies Einladung gefreut, das Weihnachtsfest mit ihm im Haus seiner Eltern zu verbringen. Es war ein Weihnachtsfest wie aus dem Bilderbuch: eine wunderbare Familie, großartige Geschenke, ein festliches Essen, viel zu viel Alkohol, ein Nickerchen nach dem Mittagessen, ein Kleptomane, der die Hälfte der Geschenke unter dem Christbaum wegstibitzte … Na schön, das war vielleicht nicht so toll gewesen, aber alles andere war herzerwärmend und bezaubernd. Margo war überglücklich, dass Charlie mich mitgebracht hatte, und so verkündete sie beim Brandy, als sie schon ein wenig angeheitert war, dass ihr zu ihrem Glück und einem vollkommenen Weihnachtsfest nur noch eins fehle: dass ihr lieber Charlie das richtige Mädchen träfe und eine Familie gründete. Was dann geschah, registrierte ich in schemenhaften Bruchstücken: Margo, die Charlie und mich erwartungsvoll anstrahlte; Charlie, der eine Chance witterte, seine geliebte, geistesgestörte Mutter in Ekstase zu versetzen und gleichzeitig dafür zu sorgen, dass sie ihn nicht länger bedrängte, weil er sie noch immer nicht zur Mutter des Bräutigams gemacht hatte; Charlie, wie er aufstand, mich anlächelte, mir einen Heiratsantrag machte und mich dabei die ganze Zeit mit beschwörenden Blicken ansah, damit ich mitspielte …

In jenem Moment (es sollte der einzige bleiben!) hatte ich es für eine gute Idee gehalten, seinen romantischen Antrag anzunehmen. Was war schon dabei? Margo und George waren wirklich ganz reizend, und alle würden glücklich und zufrieden sein. Außerdem hatte ich noch nie ein so schönes Weihnachtsfest erlebt, und ich wollte im nächsten Jahr unbedingt wieder eingeladen werden. Deshalb sagte ich Ja. Natürlich würde ich ihn heiraten, meinen hinreißenden schwulen Freund, den ich nicht einmal dann sexuell erregen könnte, wenn ich mich splitternackt auf die Spitze des Christbaums setzen würde! Entzückensschreie erschollen, die Tränen flossen literweise – und das war nur Charlies Reaktion! Margo konnte gerade noch so unter Gewaltanwendung davon abgehalten werden, im Buckingham-Palast anzurufen und zu verlangen, dass die Queen die Nachricht von der bevorstehenden Hochzeit in ihrer nächsten Thronrede verkündete. Später bereuten Charlie und ich zwar, dass wir uns von der Stimmung des Augenblicks hatten mitreißen lassen, fanden andererseits aber, es würde nicht schaden, unsere »Verlobung« aufrechtzuerhalten. Schließlich profitierten wir alle davon. Charlie, weil Margo nicht mehr in einem fort an ihm herumnörgelte, da er außer Stande schien, ein »nettes Mädchen zum Heiraten« zu finden. Ich, weil ich wie eine Tochter in der liebenden Familie, die ich nie gehabt hatte, aufgenommen worden war. Und Margo, weil sie sich jetzt von früh bis spät Gedanken über wagenradgroße Hüte und Blumenarrangements machen und den Vikar mit Hochzeitsplänen belästigen konnte. Aber inzwischen war sie mir in ihrer Rolle als Schwiegermutter in spe ein bisschen zu aufdringlich geworden, und ich fürchtete, demnächst mit vorgehaltener Waffe ins Brautmodengeschäft gescheucht zu werden, wenn wir diesem Irrsinn nicht ein Ende bereiteten. Ich sah Charlie prüfend an. Wild gestikulierend beschrieb er das ultimative Partyzelt für den Hochzeitsempfang. Als er dann auch noch anfing, die Wasserhähne in den transportablen Toilettenhäuschen zu schildern, die wir uns anliefern lassen würden, hielt ich es für angebracht, ihn auf den Boden der Tatsachen zurückzuholen. Das alles musste ein Ende haben, bevor die Sache völlig außer Kontrolle geriet. Und ich wusste auch schon, wie ich es anstellen würde.

»Du hast vollkommen Recht, Margo«, bekräftigte ich. »Es ist wirklich Zeit, dass Charles und ich die Hochzeitsvorbereitungen in Angriff nehmen. Könntest du nicht einen Termin beim Vikar für uns vereinbaren, sagen wir, nächste Woche, Mittwochabend vielleicht? Passt dir das, Charles?«

Margo strahlte, und die Tanten klatschten begeistert in ihre gichtigen Hände. Cousin Philip nutzte die allgemeine Aufregung, um drei Untersetzer und eine Zuckerdose in seinen Hosentaschen verschwinden zu lassen.

»Das freut mich aber, Liebes, ich kann dir gar nicht sagen, wie mich das freut! Charles, Darling, mach den Mund zu und gib mir das Telefon. Wenn ich mich beeile, erwische ich den Vikar noch, bevor er sich mit seinen Pfadfindern auf den Weg zu seinen Putz- und Aufräumaktionen macht.«

Ich lächelte Charlie zuckersüß an. »Das wäre wunderbar, nicht wahr, Darling

»Charlie, irgendwann musst du wieder mit mir reden. Die Leute werden denken, wir sind schon verheiratet, wenn wir uns noch länger anschweigen.«

Ich schnippte die Asche von meiner Zigarette und warf mir gleichzeitig mit einer ruckartigen Kopfbewegung die langen kastanienbraunen Fransen aus den Augen. Der kunstvoll zerzauste Kurzhaarschnitt, den Fernando mir an diesem Tag verpasst hatte, war zwar trendy, aber wenn ich so weitermachte, würde ich mir ein Augapfelschleudertrauma zuziehen, noch bevor der Abend zu Ende war. Ich hatte mir die Entscheidung, was ich anziehen sollte, nicht leicht gemacht. Es durfte nichts so Schockierendes sein, dass meine angebliche künftige Schwiegermutter hastig nach Servietten suchte, um etwaige anstößige Stellen zu bedecken, musste andererseits aber auffallend genug sein, damit Tom Cruise diese spanische Tussi auf der Stelle sitzen ließ und nach meiner Telefonnummer verlangte. Na ja, träumen war ja wohl noch erlaubt! Es war immerhin einen Versuch wert. Ich meine, wie oft verirren sich schon Superstars aus Hollywood nach Glasgow? Sie beehrten Westschottland doch nur mit ihrer Anwesenheit, wenn ihr Privatjet einen Motorschaden hatte und sie hier notlanden mussten. Zur Filmpremiere im nassen Glasgow kamen sie lediglich, weil der Film auf irgendeiner öden Hebrideninsel gedreht worden war und Scottish Enterprise für sämtliche Unkosten (die Unterbringung auf Skibo Castle mit eingeschlossen) aufkam – schließlich erhoffte man sich von der Anwesenheit der Stars eine Menge Publicity und damit Impulse für den Tourismus.

Was also anziehen – patriotisches Schottenkaro oder wettergerechtes Ölzeug? Die Frage führte mich zu guter Letzt in die Merchant City, das Einkaufsviertel im Stadtzentrum mit seinen gepflasterten Straßen, kleinen, aber feinen Bistros, schicken Bars und Designerboutiquen, wo ich mir ein schwarzes Versace-Kleid leistete, das teurer als eine monatliche Hypothekenrate war. Als ich der Verkäuferin meine Kreditkarte reichte, erfasste mich zugegebenermaßen leichte Übelkeit angesichts meiner Extravaganz. Manchmal fragte ich mich, ob ich mich jemals daran gewöhnen würde, dass ich jetzt Geld hatte. Früher hatte ich mir ausgemalt, was ich alles tun, was ich alles kaufen, wohin ich reisen würde, wenn ich im Lotto gewänne, und jetzt, da ich wohlhabender war als die meisten unbedeutenden Mitglieder des Königshauses, gab ich mein Geld nur höchst ungern aus. Aber in Versace war es gut angelegt, auch wenn das Kleid auf den Quadratzentimeter umgerechnet mehr kostete als eine Luxuswohnung.

Das Kleid, genau.

Also, es war abgesehen von filigranen Ketten aus goldenen »Büroklammern«, die von einem Schulterblatt zum anderen und von einer Hüfte zur anderen verliefen und den Stoff zusammenhielten, komplett rückenfrei. Im Auto schlüpfte ich aus dem schwarzen Angoracardigan, den ich mir für den Besuch bei Charlies Eltern übergestreift hatte, und tauschte die vernünftigen schwarzen Pumps gegen rassige Stilettos, für die mich meine Füße verfluchen würden. Ich fühlte mich einfach großartig. Und ich weiß, dass Charlie mich hinreißend fand. Das konnte er mir allerdings nicht sagen, weil er geschworen hatte, nie wieder ein Wort mit mir zu reden.

»Hör zu, Charlie, es tut mir Leid, ehrlich. Aber so konnte es doch nicht weitergehen, ich wusste mir einfach nicht mehr anders zu helfen. Wie hast du dir das denn vorgestellt – willst du mich vielleicht die nächsten zwanzig Jahre als deine Verlobte ausgeben?«

Seinem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, hatte er sich das genau so gedacht.

»Du meine Güte, Charlie! Was ist, wenn ich jemanden kennen lerne, wenn ich einen Mann heiraten möchte, mit dem ich tatsächlich eine intime Beziehung habe?«

Seine Oberlippe kräuselte sich verächtlich.

»Schön, das ist unwahrscheinlich, ich weiß, aber es könnte ja sein. Bloß weil ich seit geraumer Zeit nicht einmal mehr einen Kerl zum Knutschen gehabt habe, heißt das noch lange nicht, dass ich ein hoffnungsloser Fall bin. Ich bin siebenunddreißig, erfolgreich, wohlhabend und unabhängig! Laut Cosmo stehe ich auf der Liste der begehrtesten Frauen im Land an 74. Stelle. Ein Jammer, dass die männliche Bevölkerung Glasgows offensichtlich nicht Cosmo liest.«

Charlie hatte das Gesicht abgewandt, sodass ich den Ausdruck darin nicht sehen konnte. Ich seufzte leise. So aufgebracht hatte ich ihn nicht mehr erlebt, seit Elton John bekannt gegeben hatte, dass er sein Testament geändert und David Furnish zu seinem Alleinerben eingesetzt habe. Eifersucht ist wirklich etwas Furchtbares.

»Jo, was hast du Charlies Hinterkopf denn so Wichtiges zu erzählen?«

Ich fuhr herum. Emma beugte sich zu mir herunter, gab mir einen Kuss auf die Wange und drückte mich. Gott sei Dank, wenigstens ein vernünftiger Mensch! Jemand, der mich vor Charlies stummem Zorn retten konnte. Der ihm klar machen konnte, was Recht und was Unrecht war und dass er entschieden zu weit gegangen war. Dann erst bemerkte ich, wie Emmas Arm nach hinten zeigte, auf einen Mann, der sie an der Hand hielt und der eindeutig nicht ihr Ehemann Dan war.

Emma fing meinen Blick auf.

»Schätzchen, das ist Marcus. Wir arbeiten zusammen an dem Auftrag für Sanft-und-sicher-Kondome.«

Vermutlich testeten sie das Produkt auch zusammen. Natürlich aus rein beruflichem Interesse. Ich warf einen Blick auf Emmas linken Ringfinger. Kein Ehering. Sie war wieder auf Abenteuer aus.

Ich schüttelte die Hand ihres Begleiters. »Freut mich, Marcus.«

Ich guckte wie ferngesteuert auf seine linke Hand. Auch er trug keinen Ehering, aber mein durch langjährige Erfahrung geschultes Auge entdeckte am Ringfinger einen schmalen Streifen, wo die Haut erkennbar heller war. Da naschte also noch jemand aus fremden Töpfen!

»Was hat er denn?«, fragte Emma, die sich offenbar über Charlies merkwürdiges Verhalten wunderte.

»Ich habe seiner Mutter heute Abend gesagt, sie kann mit den Hochzeitsvorbereitungen beginnen.«

»Oh, herzlichen Glückwunsch!«, rief Marcus, der sich anscheinend lieb Kind machen wollte.

»Er ist schwul«, entgegneten Emma und ich wie aus einem Munde.

Diese Situation war in Marcus’ Benimmfibel ganz offensichtlich nicht behandelt worden, und so zog er es vor, eine unbeteiligte Miene aufzusetzen und zu schweigen. Er tat mir fast Leid.

»Das ist eine lange Geschichte«, sagte ich und fügte in jenem Tonfall, dessen versteckte Aufforderung allen weiblichen Wesen sofort klar ist, hinzu: »Emma, ich muss mal für kleine Mädchen.«

»Gute Idee, ich komm mit!«, erwiderte Emma hastig. »Marcus, leiste Charlie doch solange Gesellschaft, ich bin gleich wieder da. Vermeide am besten alles, was mit Heiraten zu tun hat, sonst geht er noch mit dem Cocktailrührer auf dich los!«

Sie drehte sich um und folgte meinen goldenen Büroklammern zur Damentoilette.

Im Porzellanbeichtstuhl ging ich sofort zum Angriff über.

»Was machst du denn für Geschichten, sag mal? Wo ist Dan? Was hast du ihm erzählt? Sag jetzt bloß nicht, dass ich dir schon wieder als Alibi diene!«

Schweigen.

»Okay, lass mich raten. Du vögelst Marcus, Dan ist zu Hause und glaubt, dass wir beide einen Ikebana-Kurs besuchen, zu dem ich dich überredet habe.«

»Wie gut du mich doch kennst!«

Ich schüttelte tadelnd den Kopf. »Emma, du bist ein Albtraum! Wenn auch ein umwerfender, das muss man dir lassen.« Ich musterte meine beste Freundin mit bewunderndem Blick von der kupferroten elfenhaften Halle-Berry-Frisur bis hinunter zu den Jimmy-Choo-Schuhen. »Ein tolles Kleid! Woher hast du es?«

»Ein Geschenk von Dan zu meinem Geburtstag morgen. Ich weiß, ich weiß, ich sollte ein schlechtes Gewissen haben. Habe ich ja auch. Aber nur ein ganz klein wenig. Keine Vorträge, bitte! Ich bin mir darüber im Klaren, dass ich ein furchtbarer Mensch bin. Aber ich will mich doch nur ein bisschen amüsieren mit Marcus. Ich meine, wir haben ja nicht die Absicht zu heiraten oder so.«

»Erwähn dieses Wort nie wieder«, bat ich zähneknirschend. »Was ich mir heute übers Heiraten anhören musste, reicht mir für den Rest meines Lebens! Aber du hast ganz Recht: Du bist ein furchtbarer Mensch.« Ich drückte sie flüchtig. »Was soll’s, niemand ist vollkommen. Und jetzt komm, du musst mir helfen, Charlie aufzutauen. Sag ihm, er sieht viel besser aus als David Furnish. Das hilft normalerweise.«

Charlie und Marcus waren in ein Gespräch vertieft, als wir zurückkamen. Wunderbar, reden konnte er also immerhin noch! Ich hockte mich auf sein Knie und gab ihm einen Kuss auf die Wange.

»Es tut mir Leid, Charlie, okay? Ehrlich. Ich werde morgen deine Mutter anrufen und ihr sagen, ich hätte kalte Füße bekommen und würde die Hochzeit lieber noch ein wenig aufschieben. Ich sag ihr, du wärst völlig fertig deswegen, dann wird sie dich bestimmt trösten. Du wirst sehen, ich schaff das!«

Charlie murmelte irgendetwas Unverständliches in sich hinein.

»Na schön, aber du musst überzeugend sein«, brachte er schließlich heraus. »Jetzt, wo sie Blut geleckt hat, ist sie nämlich nicht mehr so leicht von der Fährte abzubringen.«

»Ich krieg das schon hin, keine Angst. Und jetzt komm, es wird Zeit, dass Tom Cruise Bekanntschaft mit seiner zukünftigen Frau macht!«

Das Blitzlichtgewitter rechts und links des roten Teppichs hörte schlagartig auf, als Charlie und ich aus der Limousine kletterten, die wir der unrühmlichen, aber geschickten Manipulation seines Spesenkontos zu verdanken hatten. Als die Paparazzi nämlich merkten, dass wir auf der Bekanntheitsskala irgendwo auf den alleruntersten Plätzen rangierten, nutzten sie die Pause bis zum Auftritt der nächsten Hollywoodstars, um sich schnell eine Zigarette anzuzünden.

George Clooney war bereits hineingegangen. Ich erspähte Tom Cruise am Eingang – er schien via Handy einer Verehrerin mit deren Großmutter zu plaudern. Jack Nicholson war noch nicht da. Angeblich war eine Schar Assistenten ausgeschwärmt, um ihn in Glasgows neuester Lapdancingbar aufzustöbern und ihn vor sich selbst und einer Horde spärlichst bekleideter Mädchen zu beschützen.

Tom Cruise – nur etwa zehn Meter von mir entfernt. Natürlich war es lächerlich, aber ich musste es einfach versuchen. Ich meine, wie oft in meinem Leben würde ich ihm noch einmal so nahe kommen? Die Chancen dafür waren in etwa so groß wie die, ihn zu verführen. Aber den Optimisten gehört die Welt! Vielleicht hatte er ja beim Zahnarzt Cosmo gelesen und würde, wenn er mich erblickte, ausrufen: »Hey, sind Sie nicht die Nummer 74 auf der Liste der begehrtesten Frauen Großbritanniens?«

Ich straffte also die Schultern, drückte die Brust heraus, warf mir mit einer Kopfbewegung die Haare aus dem Gesicht und richtete mich zu meiner vollen Größe von einem Meter vierundsiebzig auf – ohne Stilettos: Mit Absatz maß ich gut eins achtzig. Ich kniff die Pobacken zusammen und schob die Hüften nach vorn. Noch drei Meter. Bauch eingezogen, Brustwarzen ausgefahren. Noch eineinhalb Meter. Verführerischer Blick (allerdings nicht zu verführerisch, sonst traten die Fältchen in den Augenwinkeln zu stark hervor). Dreißig Zentimeter. Fünfundzwanzig. Wenn ich in diesem Moment die Hand ausgestreckt hätte, hätte ich ihn berühren können. Ich sah, wie sich seine Brust beim Atmen hob und senkte. Und dass ich ihm von oben auf den Kopf schauen konnte, was mich ein wenig aus dem Konzept brachte (wie groß war er eigentlich?). Ich konnte sein Eau de Cologne riechen, einen leichten, frischen Duft. Ich könnte mich vorbeugen und ihn auf die Wange küssen, dachte ich, als ob er ein Bekannter wäre, den ich jede Woche am Kühlregal bei Tesco treffe. Ja, genau das werde ich tun. Verdammt, jetzt oder nie! Ich berührte seinen Arm, beugte mich mit geöffneten Lippen vor. Mr. Cruise wandte mir ein leicht erstauntes Gesicht zu, zuckte aber nicht entsetzt zurück. Gleich würde ich es geschafft haben. Der Abstand zwischen meinem Mund und seiner Wange verringerte sich. Ich schloss die Augen. Fast da. Mein Herz hämmerte wie verrückt. Nur Millimeter trennten meine Lippen noch von seiner Haut. Eine Tausendstelsekunde noch und ich würde meinen künftigen Ehemann küssen. Mein Herzschlag setzte aus, als ich …

»aaaaaahhh!« Plötzlich begann die Menge zu toben. Das wilde Gekreische erschreckte mich dermaßen, dass ich das Gleichgewicht verlor, umknickte und auf den dunkelroten Samtteppich plumpste wie ein Fahrstuhl, dessen Kabel durchtrennt worden sind.

»Dex! Dex!«, skandierten die Fans in ohrenbetäubender Lautstärke. Jedes weibliche Wesen hinter der Absperrung nahm exakt die gleiche Körperhaltung wie ich wenige Sekunden zuvor ein. Frohlockende Brustwarzen, wohin man auch blickte.

»Ich glaub’s nicht – das ist Dex Diablo!«, stieß mein Begleiter im malvenfarbenen Anzug ehrfürchtig aus. »Was würde ich darum geben, einmal mit ihm …«

»Charlie!«

Aber sein Blick war unverwandt auf den Star geheftet, der gerade aus einer Limousine von der Größe eines Flugzeugrumpfs ausstieg. Jetzt war mir klar, was sie mit der Concorde gemacht hatten, nachdem sie aus dem Verkehr gezogen worden war.

»Ach komm schon, Jo! Du willst mir doch nicht weismachen, dass du nicht auch gern mit ihm bum…«

»Charlie!«

Er drehte sich gereizt um. Dann spiegelte sich Verwirrung auf seinem Gesicht wider.

»Jo? Jo?«

»Hier unten, du Trottel! Und jetzt hilf mir hoch, schnell! Ich glaube, Tom Cruises Leibwächter hat gerade den Sicherheitsdienst verständigt.«

»Charlie, hast du mich zum zweiten Mal an diesem Abend zu deinem Hassobjekt Nummer 1 gekürt, oder warst du die letzten zwei Stunden so in den Film vertieft, dass du kein Wort mit mir wechseln konntest?«, zischte ich ihm zu, als der Abspann über die Leinwand lief. Ich hatte fast gar nichts von dem Film mitbekommen, weil ich den Kopf ständig gesenkt hielt, aus Angst, die Sicherheitsleute könnten mich entdecken und hinauswerfen oder festnehmen wegen tätlichen Angriffs auf einen Megastar. Zu allem Übel saß ich auch noch direkt hinter Dex Diablo. Unter anderen Umständen hätte ich im Dunkeln ein paar Flusen als Andenken von seinem Jackett geklaubt. Dex Diablo war der heißeste schottische Export seit Ewan McGregor: dunkelhaarig, sinnlich, mit einer magischen Anziehungskraft, der keine Frau zu widerstehen vermochte. Und ein hervorragender Schauspieler war er obendrein! Der Mann war ein absoluter Traum. Dass er seine schottische Heimat nicht verlassen wollte, rechneten ihm seine weiblichen Fans hoch an. Wenn er nicht gerade zu Dreharbeiten unterwegs war, wohnte er abwechselnd auf seinem Landsitz in Perthshire und in seiner Glasgower Penthousewohnung. Er war also fast ein Heiliger. Trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb – war er für meinen Geschmack eine Spur zu perfekt, zu sehr Kunstprodukt. Nein, ich würde mich lieber an Tom Cruise halten. Oder mich an ihm festhalten, falls ich je die Chance bekäme.

Die Zuschauer in unserer Reihe kletterten über uns hinweg, weil sie das Kino gleichzeitig mit den Stars verlassen wollten. Sie hatten es sehr eilig.

»Ich werde nie wieder ein Wort mit dir reden, Jo Grant«, stieß Charlie hervor. Seine Stimme klang schrill vor Ärger.

»Genau das tust du aber gerade«, erwiderte ich und grinste vor mich hin. Man sollte sich in Krisen und ähnlich schwierigen Situationen immer wie ein erwachsener Mensch benehmen, finde ich.

Aber Charlie hatte sein Gift noch längst nicht verspritzt. Mit schier sich überschlagender Stimme fuhr er fort: »Jede Wette, dass die Redaktion heute Abend Tom Leyland für die Fotos hergeschickt hat. Er hat deine akrobatische Einlage bestimmt in jeder Phase dokumentiert, und morgen werden die Fotos an jeder Wand in der Redaktion hängen. Charlie Curtis mit beinlosem Flittchen bei Filmpremiere! Oh, so eine Schande! Man muss sich mit dir schämen, Jo Grant!«

»Das sagst ausgerechnet du?«, empörte ich mich. »Steht in lila Wildledermokassins vor mir, und mit mir muss man sich schämen?«

Er ignorierte mich. Ich gewöhnte mich allmählich daran.

Es dauerte eine Ewigkeit, bis wir unsere Limousine inmitten der geparkten Autos gefunden hatten. Ich warf einen Blick auf meine Armbanduhr. Elf Uhr. Noch eine Stunde, dann war dieser Tag endlich vorüber. Gott sei Dank! Heute Morgen hatte ich mich noch so darauf gefreut, aber es war ein genauso katastrophaler Tag geworden wie damals in Goa, als ich mich nach einem verdächtigen Curry vierundzwanzig Stunden mit einer Lebensmittelvergiftung herumgequält hatte.

Als wir im Snap! eintrafen, Glasgows neuester angesagter Bar für die Schönen und Reichen, für die, die so taten, als seien sie es, und für die, die mit jedem ins Bett gingen, der es war, war die Premierenparty bereits in vollem Gange. Zum Glück fiel mein Blick gleich auf Toby, Charlies aktuellen Lover. Ich atmete auf. Endlich jemand, der Charlie von mir ablenken würde!

»Viel Glück, mein tapferer Held«, flüsterte ich Toby zu, als ich ihm zur Begrüßung einen Kuss auf die Wange drückte. »Ich bin auf der Toilette, falls er gewalttätig wird und du Hilfe brauchen solltest.«

Ich eilte so schnell davon, wie meine hohen Hacken es erlaubten. Nicht, dass ich so dringend aufs Klo gemusst hätte, nein, ich sehnte mich lediglich nach einem stillen Ort, an dem ich den Kopf in die Hände nehmen und gegen etwas Hartes schlagen konnte. Eine Toilettenkabine eignet sich bestens dafür, wie ich finde.

Nach etwa einem Dutzend Schritten durchfuhr plötzlich ein heftiger Schmerz meinen Fuß, begleitet von einem unverkennbaren Knirschen.

»Oh, entschuldigen Sie, das tut mir wirklich Leid, ich bin …«

»Auuuuu!«

»… äh, wirklich untröstlich

Meine Güte, wenn Charlie diesen Typ auf mich angesetzt hatte, um mich auszuschalten, war er aber wirklich von der schnellen Truppe. Ein stechender Schmerz jagte meinen Unterschenkel hinauf und strahlte bis zum Oberschenkel aus.

Ich blinzelte den Serienentschuldiger mit schmerzverzerrtem Gesicht an. Er war gut und gern eins achtzig groß, athletisch gebaut und mit einem Kinn ausgestattet, das mich an Brad Pitt erinnerte. Das gewellte hellbraune Haar reichte ihm bis auf die breiten Schultern, die in einem tadellos sitzenden Smoking steckten. Entweder er war ein Prominenter oder aber ein gut gekleideter Rausschmeißer. Ich wusste nicht, was mir lieber war. Wenn er ein Rausschmeißer war, würde ich den Klub wenigstens auf Zahlung eines Schmerzensgeldes verklagen können.

»O Gott, ich glaube, er ist gebrochen!«, jammerte ich.

»Ich hab Ihnen den Fuß gebrochen?« Sein Blick war starr vor Entsetzen.

»Ich spreche von meinem Absatz, Sie armer Irrer«, fauchte ich. »Das sind Manolo Blahniks, die sind praktisch unbezahlbar!«

Er grinste, griff aber nach meinem Arm.

»Kommen Sie, setzen Sie sich. Sie werden sich noch den Knöchel brechen, wenn Sie in diesen Schuhen zu gehen versuchen.«

»Dank Ihrer freundlichen Unterstützung kann das jetzt ja nicht mehr passieren«, gab ich bissig zurück.

Lachfältchen, wo ich nur hinsah. »Das mit dem Absatz tut mir wirklich Leid.«

Widerstrebend ergriff ich seine Hand. Natürlich nur, damit ich besseren Halt hatte. Die Tatsache, dass er ein bezauberndes Lächeln hatte, beeinflusste meine Entscheidung in keiner Weise.

Er führte mich durch die designer- und silikongestylte Menge in den vip-Bereich, wo ich mich vorsichtig auf ein Sofa aus künstlichem Kuhfell setzte. Schon stand wie durch Zauberei ein Glas Champagner vor mir. Sollte ich es austrinken oder lieber mein Bein, das unterhalb des Knies gefährlich anzuschwellen begann, damit kühlen?

»Jackson Smith«, stellte der Unbekannte sich vor. »Und Sie sind …?«

»Schmerzgepeinigt«, erwiderte ich. So leicht würde er mir nicht davonkommen – nicht nach allem, was ich an diesem Abend erlebt hatte.

Sein entschuldigendes Lächeln schwand, seine Miene nahm einen zutiefst bestürzten Ausdruck an.

Ich kapitulierte. »Sie müssen entschuldigen«, sagte ich seufzend. »Ich bin Jo Grant. Normalerweise bin ich nicht so bärbeißig, aber die letzten Stunden waren die reinste Katastrophe.«

»Ich weiß«, sagte er leise. »Ich meine, ich habe Sie gesehen. Vor dem Kino. Sie waren gerade dabei, den Boden aus allernächster Nähe zu inspizieren.«

O Gott! Warum gab es kein Mauseloch in diesem Schuppen, in dem ich mich verkriechen konnte! Ich fasste mich relativ schnell wieder und beschloss, zur Schadensbegrenzung das Thema zu wechseln.

»Okay, Jackson Smith, verraten Sie mir, warum Sie so schick angezogen sind und Zutritt zum vip-Bereich haben? Sind Sie ein verdeckter Ermittler oder ein großes Tier in der Filmindustrie? Sollte ich mich von Ihrer Gesellschaft geehrt fühlen?« Ich sagte das alles mit einem neckischen Lächeln, was mir gar nicht so leicht fiel, weil meine Gesichtsmuskeln es vorgezogen hätten, sich schmerzhaft zu verziehen, so höllisch tat mir mein Bein weh.

»Eigentlich bin ich Sekretär.«

Ich hatte Mühe, ihn zu verstehen. Aus den gigantischen Lautsprecherboxen neben uns dröhnte gerade Madonnas neuester Song.

»Sekretär? Was für ein Sekretär? Staatssekretär?«

Er wirkte leicht geknickt, als er antwortete: »Nein, äh, einfach bloß Sekretär. Na ja, eigentlich bin ich Privatsekretär. Von Dex Diablo.«

Ich hatte das Gefühl, gleich ohnmächtig zu werden, und ich wusste nicht, ob vor Schmerz, vor Verlegenheit meines sexistischen Vorurteils wegen oder vor Entzücken, weil er den Namen des Frauenschwarms der Nation erwähnt hatte.

»Und Sie?«, fragte er, um die peinliche Pause zu beenden. »Was tun Sie so – abgesehen von Bodenturnen, meine ich?«

Ich seufzte. Obwohl mir diese Frage schon so oft gestellt worden war, gelang es mir einfach nicht, meine Arbeit mit ein paar knappen Worten zu umreißen.

Aber Jackson Smith bekundete aufrichtiges Interesse, er war attraktiv und mit Sicherheit eine angenehmere Gesellschaft als mein psychotischer schwuler Verlobter, der mir liebend gern den Hals umdrehen würde. Außerdem war fraglich, ob ich mich jemals wieder von diesem Sofa würde erheben können: Mein Bein, so kam es mir vor, würde garantiert amputiert werden müssen. Ich hatte Zeit und musste nirgends hin. Außer vielleicht in die nächste Notaufnahme.

»Das ist eine lange Geschichte, Jackson Smith. Aber wenn Sie noch ein paar Gläser Champagner organisieren können, werde ich sie Ihnen gern erzählen.«

Das Knacken in meinem Kopf wollte kein Ende nehmen. Ich zog mir stöhnend ein Kissen über die Ohren und kniff die Augen fest zusammen, damit kein Sonnenstrahl durch meine Lider dringen konnte. Es gab wirklich nichts Schlimmeres als einen Champagner-Kater!

Dieser Krach war ja nicht auszuhalten! Gerade als ich blindlings nach irgendetwas Weichem zur zusätzlichen Lärmdämmung tastete, hörte das Knirschen plötzlich auf, und Schritte näherten sich.

»Also wenn man dich so sieht, könnte man glatt zum Abstinenzler werden.«

Ich öffnete vorsichtig ein Auge und blinzelte. Vor mir stand Michael, in der Hand eine Schale Cornflakes. Er mampfte genüsslich und überaus geräuschvoll. Milchspritzer zierten seine Krawatte. Aha, das also war die Lärmquelle! Lausige Cornflakes! Ein Glück, dass er sich nicht für ein komplettes schottisches Frühstück entschieden hatte.

»Und, wie war’s gestern Abend? Gehe ich recht in der Annahme, dass Tom Cruise dich nicht über seine Schulter geworfen und entführt hat, wenn du die Nacht auf unserem Sofa anstatt im Himmelbett der Luxussuite eines Fünf-Sterne-Hotels verbracht hast?«

Ich stemmte mich mühsam in eine sitzende Position hoch, zerriss aber dabei dummerweise die Goldkette, die mein Kleid im Rücken zusammenhielt. Der Stoff rutschte auf einer Seite herunter und entblößte meine linke Brust.

Michael hielt sich mit einer Hand die Augen zu. »O mein Gott, nicht doch! Da vergeht einem ja glatt der Appetit!«

Ich zog den Stoff wieder hoch und hielt ihn fest. »Sorry, Michael«, stöhnte ich und griff mir mit der freien Hand an den Kopf. »Mikey, wenn du mich liebst, bringst du mir ganz schnell Milch, Wasser, Chlorbleiche, egal was, Hauptsache, es ist flüssig, und flößt es mir ein, während du mir vorsichtig die Kopfhaut massierst.«

Er ging und kam Sekunden später wieder herein mit einer kleinen Flasche Evian. »Den zweiten Teil deines Wunschs kann ich dir leider nicht erfüllen, solange du nicht mit Wasser in Berührung gekommen bist – wer weiß, wo du dich herumgetrieben hast«, meinte er lachend.

Ich rang mir ein Lächeln ab.

»Eigentlich war es ein ganz netter Abend«, begann ich. Ich fing Michaels Blick auf. Er starrte entsetzt auf mein Bein, das unter der Decke hervorschaute und jetzt dicker war als das eines Sumoringers. »Abgesehen von einem schmerzhaften kleinen Unfall«, fuhr ich trocken fort. »Ich hab einen Mann kennen gelernt. Einen ganz reizenden. Glaube ich wenigstens.«

»Wie heißt er?«

»Jackson … äh …«

»Five?«, scherzte er in Anspielung auf die Popgruppe.

Ich verdrehte die Augen.

»Smith. Jackson Smith«, sagte ich mit Nachdruck und fügte schwärmerisch hinzu: »Ein toller Mann. Und so süß! Er hat mich mitten in der Nacht zu Pfannkuchen in einen Feinschmeckerimbiss eingeladen.«

»Ich bin beeindruckt. Das erste Date, und er beherzigt schon das Sprichwort ›Liebe geht durch den Magen‹! Ein Frauenkenner, ich seh schon.«

Ich achtete nicht auf ihn. »Wir haben uns für heute Abend verabredet. Und du, was hast du vor? Ich frag nur, weil ich dich nicht mit Priscilla beim Jailhouse Rock auf dem Fußboden überraschen möchte, falls ich ihn mit hierher bringe.«

»Wir treffen uns bei ihr. Sie will sich drei Elvis-Filme für eine lange Elvis-Filmnacht ausleihen. Wenn ich nicht nach Hause komme, weißt du, dass ich mich selbst übertroffen habe.«

»Michael, wann wirst du endlich lernen …?«

Er ließ mich nicht ausreden. »Wenn ich glücklich verheiratet bin und zehn Kinder habe und verbitterte alte Jungfern wie dich nur noch mitleidig belächeln kann.« Er warf einen Blick auf seine Armbanduhr. »Es wird Zeit für mich, ich muss in einer Stunde im Gericht sein. Her mit den blauen Velourslederschuhen«, fügte er augenzwinkernd hinzu. Er besaß überhaupt keine, er wollte mir nur beweisen, dass er seine Hausaufgaben gemacht hatte: Elvis hatte nämlich einmal seine »blue suede shoes« besungen.

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