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Fremdes Land und neues Glück: Wo das Glück zu Hause ist

Sandra Field

Fremdes Land und neues Glück: Wo das Glück zu Hause ist

Aus dem Englischen von Dorothea Ghasemi

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder

auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich

der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Alle handelnden Personen sind frei erfunden. Übereinstimmungen mit lebenden

oder verstorbenen Personen wären rein zufällig.

1. KAPITEL

„Sehen Sie sich die Aussicht an“, rief Nell. „Bitte, Wendell, können Sie nicht einen Moment anhalten?“

„Das ist nur Tundra“, sagte ihr Begleiter. „Da gibt es nicht viel zu sehen.“ Dennoch trat er auf die Bremse, sodass der alte Transporter zum Stehen kam.

Sie öffnete die Tür und stieg aus. Staunend schaute sie sich um.

Ich bin nach Hause gekommen, dachte sie. Hierher gehöre ich.

Obwohl sie dies in den letzten beiden Wochen öfter gedacht hatte, war es ihr noch nie so bewusst geworden wie jetzt. Von dem Augenblick an, als Nell in St. John’s das Flugzeug verlassen und die kühle Meeresluft eingeatmet hatte, hatte Neufundland, die Insel vor der Ostküste Kanadas, ihr Herz erobert und ihre Fantasie beflügelt.

Irgendwie muss ich es schaffen, hier zu bleiben, dachte Nell.

Sie konnte nicht mehr in die Niederlande zurückkehren, denn das beschauliche Leben, das sie dort geführt hatte, war mittlerweile in weite Ferne gerückt, weil sie sich in den vergangenen Wochen so verändert hatte.

Wendell räusperte sich vernehmlich. „Können wir weiter, Miss? Ich muss rechtzeitig in Caplin Bay sein, um das ganze Zeug aufs Küstenboot zu verladen.“

Als sie sich zu ihm umdrehte, schimmerte ihr kastanienbraunes Haar im Sonnenlicht. Sie schätzte ihn auf über siebzig. Seine Sachen waren in einem genauso schlechten Zustand wie sein Transporter, aber mit seinen hellblauen Augen war er als junger Mann vermutlich unwiderstehlich gewesen, und in den letzten drei Stunden hatte er sie mit haarsträubenden Gespenster- und Schmugglergeschichten unterhalten. „Ich werde eine Weile hier bleiben“, erklärte sie impulsiv. „Ich hole nur meine Sachen aus dem Wagen.“

„Sie wollen hier bleiben? Warum?“

Weil es so schön ist, dass ich auf der Stelle sterben könnte? Weil ich den Moment, wo ich das Küstenboot besteige, um nach Mort Harbour zu fahren, so lange wie möglich hinauszögern will?

„Ich möchte Fotos machen“, erwiderte sie wenig überzeugend. „Es ist so schön hier.“

Wendell kratzte sich das bärtige Kinn. „Ich würde Sie nicht so gern hierlassen, Miss. Das hier ist nicht St. John’s. Außerdem werden Sie schlecht wegkommen, weil kaum Verkehr ist.“

„Ich bin es gewohnt, zu trampen. Außerdem habe ich mein Zelt und Proviant dabei.“ Nachdem Nell ihm zugelächelt hatte, eilte sie zum hinteren Teil des Wagens, um ihren Rucksack herauszunehmen. Dann ging sie zur Fahrerseite und streckte dem alten Mann die Hand entgegen. „Vielen Dank fürs Mitnehmen, Wendell. Es hat mich sehr gefreut, Sie kennenzulernen. Vielleicht sehen wir uns in Caplin Bay wieder.“

„Passen Sie auf sich auf, Miss.“ Wendell hatte einen erstaunlich kräftigen Händedruck. Er zwinkerte ihr noch einmal zu, bevor er in einer Abgaswolke losfuhr. Während das Motorengeräusch leiser wurde, ging sie an den Straßenrand und schaute sich um.

Bis Wendell um die letzte Kurve gebogen war, hatte die Straße durch bewaldetes Land geführt, doch nun begann die Tundra. Felsnasen aus Granit waren von niedrigen Büschen und rosafarbenem Schaflorbeer umgeben, und in den Mulden wuchsen kleine Lärchen. Die zahlreichen kleinen Seen glitzerten in der Nachmittagssonne, und die Stille war beinahe greifbar.

Nell atmete tief die frische, klare Luft ein. Vielleicht würde man sie in Mort Harbour willkommen heißen …

Als sie aus den Augenwinkeln eine Bewegung wahrnahm, wandte sie den Kopf. Auf der linken Seite, wo die Felsen zum Horizont hin immer steiler wurden, war gerade ein Karibu aus dem Unterholz gekommen.

Jemand hatte ihr erzählt, dass die Karibus sich im Sommer normalerweise in höheren Lagen aufhielten, um den Fliegen zu entkommen. Mit vor Aufregung klopfendem Herzen überquerte sie die Straße und den Graben daneben. Da die Karibus nicht besonders scheu waren, konnte sie mit etwas Glück ein Foto von dem Tier machen.

Nell war lange genug auf Neufundland, um zu wissen, dass es sehr gefährlich sein konnte, von der Straße abzuweichen, vor allem mit einem schweren Rucksack auf dem Rücken. Daher nahm sie den Rucksack in der ersten Mulde ab und versteckte ihn in einem Busch. Nachdem sie ihren Fotoapparat, ein paar Äpfel und eine Wasserflasche in den kleinen Rucksack getan hatte, marschierte sie damit weiter, über Felsen, nasses Gras und Torfboden. Als sie stehen blieb, um sich mit Mückenschutz einzureiben, sah sie durchs Fernglas, dass ein Junges neben dem Karibu aufgetaucht war.

Sie stand bis zu den Knien inmitten von rosafarbenen Lorbeerblüten, und in der Nähe sang ein Vogel. Sekundenlang fühlte sie sich eins mit ihrer Umgebung.

Schließlich sah sie noch ein Karibu, bei dem es sich ebenfalls um eine Kuh handelte. Alle drei begannen nun zu grasen. Vorsichtig näherte Nell sich den Tieren, bis sie einige Lärchen erreichte. Daneben befand sich ein Granitfelsen, neben den sie sich setzte. Die Beine ausgestreckt, hob sie wieder das Fernglas an die Augen, um die Tiere zu beobachten. Ihr Hufgeklapper hallte über die Tundra, und ihr dichtes weißbraunes Fell glänzte in der Sonne.

Die Zeit verging. Nell aß einen Apfel und machte mehrere Fotos. Plötzlich hörte sie in der Ferne ein Motorengeräusch, und kurz darauf sah sie auf der Straße einen Wagen, der schließlich genau auf ihrer Höhe hielt.

Nell kauerte sich noch tiefer in ihr Versteck und beobachtete, wie der Fahrer ausstieg. Es war ein Mann, und er hatte ein Fernglas um den Hals. Sie hoffte, dass er nur einmal hindurchschaute und dann weiterfuhr, denn sie wollte ihre Einsamkeit mit niemandem teilen.

Stattdessen schloss er jedoch leise die Wagentür und ging über die Straße auf die Tiere zu. Selbst aus dieser Entfernung konnte sie sehen, dass er leicht humpelte.

Plötzlich wurde ihr bewusst, dass sie ihn anstarrte, als wäre er ihr Todfeind. Normalerweise war sie nicht so menschenscheu, aber seit jenem Tag Ende Mai, als sie beschlossen hatte, den Dachboden ihres Elternhauses in Middelhoven aufzuräumen, war nichts mehr wie früher. In einer alten Truhe hatte sie das Tagebuch ihrer Großmutter Anna gefunden, der sie nur einmal als Kind begegnet war und an die sie sich nur dunkel erinnerte. Sie hatte es mit nach unten genommen und es in einem Rutsch durchgelesen.

Das war vor zwei Monaten gewesen, doch ihr kam es wie eine Ewigkeit vor.

Beunruhigt stellte Nell fest, dass der Mann direkt auf sie zukam, und verfluchte ihn. Es erschien ihr wie eine Ironie des Schicksals, ausgerechnet in dieser Einsamkeit gestört zu werden.

Mittlerweile war er so dicht herangekommen, dass sie seine Schritte auf den Felsen hörte. Außerdem sah sie, dass er Jeans trug und ein kariertes Hemd, dessen Ärmel aufgekrempelt waren. Das Fernglas hatte er sich lässig über die Schulter gehängt. Seine Größe, seine kräftige Statur und seine grimmige Miene verursachten Nell leichtes Unbehagen. Er sah aus, als würde er zur Beerdigung seines besten Freundes gehen.

Sie musste etwas unternehmen, sonst würde er gleich über sie stolpern. Unwillkürlich verspannte sie sich und überlegte, ob sie sich räuspern und ihn damit auf sich aufmerksam machen sollte, bevor sie aufstand.

Doch das Problem löste sich von allein, denn im nächsten Moment rutschte der Mann aus und griff instinktiv nach dem Stamm der nächsten Lärche. Als sie sich umdrehte, um ihm zu helfen, begann er zu fluchen, und zwar auf Französisch.

Nell besann sich auf ihren Sinn für Humor, der sie schon oft in Schwierigkeiten gebracht hatte. Daher sagte sie ebenfalls einige Schimpfwörter auf Französisch, die sie früher einmal in Paris aufgeschnappt hatte, während sie aufzustehen versuchte.

Daraufhin wirbelte der Mann herum, und ehe sie sich’s versah, hatte er sie gepackt und drückte sie an den Felsen. Seine Finger bohrten sich schmerzhaft in ihre Schultern, und sein Gesicht war nur wenige Zentimeter von ihrem entfernt. Seine Augen funkelten wie die eines Wahnsinnigen.

Er ist verrückt, ging es ihr durch den Kopf. Ich habe die weite Reise gemacht, um von einem Psychopathen ermordet zu werden.

Allerdings hatte sie auf ihren Trips durch Europa einiges gelernt, und sie gehörte nicht zu den Menschen, die sich in ihr Schicksal ergaben. Blitzschnell versuchte sie, ihm das Knie in den Unterleib zu rammen.

Doch er wich ihr aus, und bevor sie wieder zutreten konnte, zog er sie hoch und schüttelte sie. „Was, zum Teufel, sollte das?“, fuhr er sie an. „Wie kommen Sie dazu, hier herumzuschleichen?“

Obwohl sie wusste, dass es besser gewesen wäre, keine Gegenwehr zu leisten, versuchte sie, ihn wegzustoßen. „Sind Sie verrückt? Wie kommen Sie dazu, mich einfach anzugreifen? Außerdem schleiche ich nicht herum. Ich habe die Karibus beobachtet.“

„Sie kleine Närrin! Ich hätte Sie umbringen können.“

Da er sie immer noch schüttelte, trat sie ihm gegen das Schienbein. „Lassen Sie mich los!“

Der Mann fluchte wieder, diesmal auf Englisch, hielt aber inne. Ihre Schultern hielt er nach wie vor umklammert. Insgeheim musste sie zugeben, dass sie dankbar dafür war, denn sie wusste nicht, ob ihre Beine sie getragen hätten.

Nachdem er einmal tief durchgeatmet hatte, sagte er ausdruckslos: „Zum Teufel noch mal!“

Nell stand reglos da, während sie beobachtete, wie seine dunkelblauen Augen wieder einen normalen Ausdruck annahmen. Ihr Zorn verflog ebenso wie ihre Angst. Der Mann schloss sekundenlang die Augen und schluckte schwer. Dabei ließ er die Schultern sinken, sodass sie das Gewicht und die Wärme seiner Hände spürte.

Nun wusste sie, dass er kein Psychopath war.

„Schade, Sie haben einige sehr wirkungsvolle Schimpfwörter vergessen“, meinte sie betont locker. „Französisch kann wirklich sehr ausdrucksstark sein, nicht? Ich wollte übrigens gerade aufstehen und mich bemerkbar machen, als Sie ausgerutscht sind.“

„Müssen Sie mich daran erinnern, verdammt?“, entgegnete der Fremde wütend.

„Müssen Sie mich so anschreien, verdammt?“

„Sie schreien ja auch.“

„Kein Wunder.“

Im Sonnenlicht schimmerte ihre Haut golden. Er atmete wieder einige Male tief durch und betrachtete ihr Gesicht, als hätte er noch nie eine Frau gesehen und als wollte er sich ihre Züge für immer einprägen.

Nell stand reglos da. Ihr war, als würde er auf den Grund ihrer Seele blicken.

Schließlich sagte er leise: „Als ich klein war, haben wir immer blaue Binsenlilien gepflückt und unserer Lehrerin die Sträuße geschenkt. Kennen Sie die Pflanze? Die Blüten sind sternförmig und blauviolett. Ihre Augen erinnern mich an sie.“

„Oh.“ Sie spürte, wie sie errötete, und versuchte, nicht daran zu denken, dass er der attraktivste Mann war, dem sie je begegnet war.

Allerdings zerstörte er den Zauber des Moments, indem er die Hände sinken ließ und fortfuhr: „Sie haben die Karibus auch von der Straße aus gesehen. Deshalb hatten Sie sich versteckt.“

Die Tiere hatte sie ganz vergessen. Als sie zu dem betreffenden Felsvorsprung schaute, stellte sie fest, dass sie verschwunden waren. „Sie sind weg“, bemerkte sie enttäuscht.

„Ich habe sie verscheucht, als ich ausgerutscht bin.“

„Ich glaube eher, dass Sie sie verscheucht haben, als Sie auf mich losgegangen sind. Ein hungriger Wolf ist nichts gegen Sie.“

„Es gibt keine Wölfe auf Neufundland.“

„Dann ein Bär“, beharrte sie.

„Bären hungern im Sommer nicht.“

Seine dunklen Augen funkelten amüsiert, und Nell fragte sich, welches Attribut am ehesten auf ihn zutreffen mochte. Umwerfend? Fantastisch? Sexy? Oder alle drei? „Sie können sich gern bei mir entschuldigen“, erklärte sie schließlich.

Als er zögerte, sah sie, dass er wieder ernst wirkte. Als attraktiv konnte man ihn nicht gerade bezeichnen, dafür waren seine Züge zu markant. Er schien einiges durchgemacht zu haben.

„Ich … habe mich vor einigen Monaten am Bein verletzt“, erwiderte er stockend. „Seitdem bin ich kaum gewandert. Es macht mich wahnsinnig, wenn ich wie ein Kleinkind hinfalle.“

„Sie meinen, ganze Kerle stolpern nicht über Steine?“

„Ganze Kerle können zumindest auf eigenen Beinen stehen.“ Frustriert presste er die Lippen zusammen.

Er hat einen schönen Mund, dachte Nell. „Sprechen Sie weiter“, sagte sie schnell. „Eine Entschuldigung beinhaltet immer die simplen Worte ‚Es tut mir leid‘.“

„Ich habe Ihnen doch gerade erklärt, warum ich wütend war“, brauste der Mann auf. „Soll ich es Ihnen schriftlich geben?“

„Schon möglich, aber es erklärt nicht, warum ich morgen überall blaue Flecken haben werde.“

„Sind Sie Französin?“

„Nein, Holländerin. Wechseln Sie nicht das Thema.“

„Sie sprechen sehr gut Englisch“, meinte er argwöhnisch.

„Sind Sie von der CIA? Oder halten Sie sich für den neuen James Bond?“

„Ich bin nicht von der CIA.“

„Dann sind Sie Polizist.“

„Nein. Sie sind die hartnäckigste, neugierigste Frau, der ich je begegnet bin.“

„Nur weil Sie so ausweichend sind“, erinnerte Nell ihn freundlich. „Greifen Sie eigentlich jeden an, dem Sie begegnen. Oder haben Sie es nur auf Frauen abgesehen, die kleiner sind als Sie?“ Sie war knapp eins fünfundsiebzig groß, und er überragte sie um mindestens zehn Zentimeter.

Er fuhr sich durch das dichte, wellige schwarze Haar, das ihm bis zum Nacken reichte. Seine Nase war ein wenig schief, und außerdem war er unrasiert und hatte Falten auf der Stirn.

„Die letzten Jahre habe ich an einigen unwirtlichen Orten verbracht“, sagte er schließlich langsam. „Orte, an denen man erst handelt und dann Fragen stellt. Sie haben mich erschreckt. Ich hatte nicht einmal Zeit zum Nachdenken.“ Er lächelte. „Deswegen habe ich Sie bewegungsunfähig gemacht.“

„Das kann man wohl sagen.“

Nun kniff er die Augen zusammen. „Sie sprechen wie eine Kanadierin. Sind Sie wirklich Holländerin?“

„Ich habe Englisch von einem kanadischen Ehepaar gelernt, das in meinem Heimatdorf gewohnt hat“, erwiderte sie. „Ich warte übrigens immer noch.“

„Worauf?“

„Wie wär’s damit? Petronella Cornelia Vandermeer, es tut mir furchtbar leid, Ihnen einen solchen Schrecken eingejagt zu haben, und ich entschuldige mich für mein Verhalten. Das würde für den Anfang reichen.“

Der Mann streckte die Hand aus. „Ken Robert Marshall.“

Er hatte einen kräftigen Händedruck, und sie hätte sich in seinen blauen Augen verlieren können. „Man nennt mich Nell.“ Sie versuchte, ihm die Hand zu entziehen.

„Es tut mir wirklich leid, Nell. Bestimmt habe ich Ihnen Angst eingejagt.“

Nell ließ die Hand in seiner. „Mir ist das Wort Psychopath durch den Kopf gegangen.“

Ken lachte zerknirscht, was ihn viel jünger machte. „Sie haben auch ziemlich schnell reagiert.“

„Und Sie sind mir blitzschnell ausgewichen.“

„Stimmt. Sonst hätte ich für den Rest meines Lebens Sopran gesungen.“

Schließlich zog sie die Hand doch zurück. „Unter Ihrem linken Ohr sitzt eine Mücke.“

Er verscheuchte das Insekt. „Ich habe mein Mückenschutzmittel im Wagen gelassen.“

„Ich habe etwas dabei.“ Sie nahm die Flasche aus ihrem Rucksack und reichte sie ihm. Als er sich Hals und Arme einrieb, ertappte sie sich dabei, wie sie ihn wie gebannt beobachtete. Durch ihre Arbeit hatte sie viele Männer aus allen europäischen Ländern kennengelernt – weltgewandte Franzosen, sexy Italiener, umwerfende Norweger, tolle Ungarn. Doch noch nie hatte sie sich so zu einem Mann hingezogen gefühlt wie zu diesem.

Als er ihr die Flasche zurückgab, sagte Ken: „Wo steht Ihr Wagen? Auf der Straße habe ich ihn nicht gesehen. Deswegen war ich auch so überrascht.“

„Ich habe keinen Wagen. Ich bin getrampt.“

Er runzelte die Stirn. „Allein?“

Nell schaute sich um. „Sieht ganz so aus. Außerdem haben Sie doch gesagt, dass es auf Neufundland keine Wölfe gibt, stimmt’s?“

„Auf Neufundland wohnen nicht nur Heilige.“

„Sie reden wie mein Vater.“ Kaum hatte sie die Worte ausgesprochen, bereute sie es.

„Erzählen Sie mir nicht, wie ich mein Leben leben soll – wollten Sie das damit sagen?“ Als sie nickte, fügte er leise hinzu: „Das Problem ist, ich bin es gewohnt, Anweisungen zu erteilen, und man gehorcht mir. Also werde ich Sie hinfahren, wo Sie wollen, Petronella Cornelia – als eine Art Wiedergutmachung.“

„Und was ist, wenn ich nach St. John’s will?“ Zur Hauptstadt waren es ungefähr acht Stunden Fahrt.

„Da Sie hier offenbar ausgestiegen sind, weil Sie die Tundra zum ersten Mal gesehen haben, müssen Sie auf dem Weg nach Süden gewesen sein. Daher gibt es nicht viele Möglichkeiten: Caplin Bay, St. Swithin’s, Salmon River, Drowned Island … das war’s.“

„Und wohin fahren Sie?“

„Caplin Bay.“

Nell biss sich auf die Lippe. Wendell war auch nach Caplin Bay gefahren. Vielleicht war es Zeit für sie, sich ebenfalls auf den Weg dorthin zu machen. Schließlich musste sie nicht das nächste Küstenboot nach Mort Harbour nehmen. Sie konnte einige Tage in Caplin Bay zelten und währenddessen eine Strategie entwickeln.

„Ich will auch nach Caplin Bay“, erwiderte sie deshalb.

„Gut. Lassen Sie uns gehen.“

Doch als Ken sich abwandte und das Gewicht auf das linke Bein verlagerte, gab es unter ihm nach, und er verzog gequält das Gesicht. Nell hielt ihn daraufhin fest und stützte sich auf den nächsten Felsen, aber er befreite sich sofort aus ihrem Griff.

„Sagen Sie es schon“, meinte sie. „Dann geht es Ihnen gleich besser.“

„Sie lassen nicht locker, stimmt’s?“

„Wäre es Ihnen lieber, wenn ich hysterisch werde oder das hilflose Weibchen spiele?“ Sie rang die Hände und jammerte: „Oh Ken, wo tut es denn weh?“

Er lachte widerstrebend. „Schon gut. Leider ist mein Repertoire an französischen Flüchen erschöpft. Und meine Mutter wäre entsetzt, wenn sie erfahren würde, dass ich Sie auf Englisch verflucht hätte.

„Deutsch kann auch sehr ausdrucksstark sein. Wenn Sie wollen, bringe ich Ihnen ein paar Schimpfwörter bei. Ich glaube, Sie könnten es brauchen.“

Vorsichtig setzte er einen Fuß vor den anderen. „Ausnahmsweise einmal sind wir uns einig.“

„Wir haben den ganzen Weg nach Caplin Bay.“ Ken hatte nicht nur dunkle Haare und dunkle Augen, sondern auch eine dunkle Vergangenheit, wenn sie sich nicht irrte.

„Wissen Sie was? Eine Frau wie Sie ist mir noch nie begegnet.“

„Meine Mutter hat immer behauptet, ich sei schwatzhaft.“

Offenbar hatte er ihr etwas angemerkt, denn er fragte leise: „Lebt sie nicht mehr?“

„Sie ist vor vier Monaten gestorben.“

„Das tut mir leid.“

Es klang aufrichtig. Du darfst nicht weinen, sagte sich Nell. Nicht hier, nicht in Gegenwart eines Fremden. „Lassen Sie uns gehen“, erwiderte sie leise.

„Vielleicht würde es Ihnen auch nicht schaden, ein paar Schimpfwörter zu lernen.“ Als sie mit Tränen in den Augen zu ihm aufblickte, kam er auf sie zu und strich ihr das Haar aus dem Gesicht. „Sie haben wundervolles Haar. In der Sonne glänzt es wie Kupfer.“

Sie riss sich zusammen und hob das Kinn. „Nein, es ist viel zu glatt und zu fein. Deswegen trage ich auch immer einen Zopf.“

„Es ist wunderschön, Nell“, sagte er ruhig.

Als er ihr eine Strähne in den Zopf steckte und dabei ihren Nacken streifte, erschauerte Nell. Obwohl sie Ken gerade erst kennengelernt hatte, machte er ihr schon wieder Angst. „Wissen Sie was? Der Wolf ist gerade wieder auf Neufundland heimisch geworden.“

Er zuckte zusammen, sodass sie ihre harten Worte sofort bedauerte. „Lassen Sie uns von hier verschwinden“, erklärte er schroff. „Sie gehen voran.“

Dass er ihre Hilfe nicht wollte, hatte er zwar nicht ausgesprochen, aber sein Gesichtsausdruck sprach Bände.

Nell setzte ihren Rucksack auf und kletterte aus der Mulde. Ohne sich umzudrehen, marschierte sie los und verfluchte sich dabei im Stillen für ihre unbedachten Worte.

2. KAPITEL

Während Nell weiterging, hörte sie, wie Ken ihr folgte. Im Grunde überraschte es sie nicht, dass sie so entsetzt reagiert hatte. Hatte nicht ihre Mutter ihr diese Angst vor Männern vermittelt?

Nein, nicht vor Männern, sondern vor Sex, verbesserte sich Nell.

Und deshalb war sie mit ihren sechsundzwanzig Jahren immer noch Jungfrau, obwohl sie auf ihrer Reise von Frankreich nach Italien ständig mit irgendwelchen Männern ausgegangen war.

Mit finsterer Miene stapfte Nell durch den Schaflorbeer, ohne etwas von seiner Schönheit wahrzunehmen. Dass sie noch Jungfrau war, wusste niemand. Wahrscheinlich werde ich es mit achtzig immer noch sein, dachte sie wütend, während sie eine Mücke von ihrem Handgelenk verscheuchte.

„Schauen Sie mal, Nell, der Adler!“

Erschrocken drehte sie sich um. Ken stand einige Meter hinter ihr und zeigte zum Himmel. Als sie nach oben blickte, sah sie einen Adler, der dort seine Kreise zog. Nachdem sie ihn eine Weile durchs Fernglas beobachtet hatte, hörte sie, wie Ken zu ihr kam. Daraufhin ließ sie das Fernglas sinken und blickte ihn an. „Es tut mir leid, Ken. Ich hätte den Witz mit dem Wolf nicht machen sollen.“

Geistesabwesend rieb er sich seinen linken Oberschenkel. „Ja, das war plump.“

„Wenn man den Adler beobachtet, wird einem klar, wie unzulänglich man im Grunde ist.“

Nun lächelte er jungenhaft. „Lassen Sie uns eins klarstellen. Ich bin kein Psychopath, und Sie sind keine Ziege.“

Nell nahm ihre Wasserflasche aus dem Rucksack. „Darauf trinke ich.“ Sie nahm einen Schluck und reichte ihm dann die Flasche. Als er trank, ließ sie den Blick über seinen kräftigen Hals abwärts schweifen, über seine muskulöse Brust und seinen flachen Bauch bis zu seinen langen Beinen. „Was macht Ihr Knie?“, erkundigte sie sich betont sachlich.

„Es ist besser.“ Er gab ihr die Flasche zurück. „Danke, Nell.“

„Ich kann Sie stützen.“

„Es geht schon.“

Wieder wirkten seine Züge hart. Sie wusste nicht, was es bedeutete, hasste es aber schon jetzt. „Gibt es hier viele Adler?“

„Mittlerweile wieder, ja.“

„Es ist der erste, den ich gesehen habe.“

Als sie weiterging, reduzierte sie bewusst das Tempo. Zehn Minuten später sprang sie über den Graben und stand wieder auf der Straße.

Dort drehte sie sich um und streckte Ken die Hand entgegen. Nach kurzem Zögern ergriff er sie und ließ sich von ihr über den Graben helfen. Wieder rieb er sich das Bein, und auf seiner Stirn standen feine Schweißperlen. „Die Sonnenuntergänge sind hier bestimmt herrlich.“

„Sie müssen nicht so verdammt taktvoll sein“, entgegnete er schroff. „Wo sind Ihre Sachen?“

Sie spürte, wie sie errötete. „Die habe ich ganz vergessen. Ich bin gleich wieder da.“

Wenige Minuten später saßen sie im Wagen. Während der Fahrt brachte Nell Ken einige Schimpfwörter auf Deutsch und Niederländisch bei. Außerdem erzählte sie ihm von ihrer Tätigkeit als Übersetzerin und ihrer Zusammenarbeit mit einigen multinationalen Konzernen. Erst als sie schließlich wieder bergab fuhren und die Häuser von Caplin Bay in Sicht kamen, fiel Nell auf, dass Ken überhaupt nichts von sich erzählt hatte.

Schnell schaute sie sich um. Der kleine Ort lag an einer Bucht. Das Küstenboot war nirgends zu sehen. An der Landspitze am Ende der Bucht gab es einen Sandstrand. Dort wollte sie zelten. „Können Sie mich am Lebensmittelgeschäft absetzen?“, fragte sie.

„Wollen Sie nicht in der Pension übernachten?“

„Nein, ich will zelten.“

„Nell, es ist Samstagabend. Meinen Sie, es wäre klug?“

Klüger, als in Ihrer Nähe zu bleiben, dachte sie. „Ich kann es mir nicht leisten, in einer Pension abzusteigen“, erwiderte sie stattdessen geduldig.

„Dann lassen Sie mich Ihnen wenigstens einen Hamburger spendieren.“

„Es ist gleich sechs. Ich muss mir noch Lebensmittel kaufen und mein Zelt aufbauen.“

„Sie sind ganz schön stur. Wie lange wollen Sie hier bleiben?“

Von Mort Harbour wollte sie ihm nicht erzählen. „Einen Tag vielleicht“, meinte sie ausweichend.

Ken betrachtete sie aus zusammengekniffenen Augen. „Sie wollen mich nicht wiedersehen. Das versuchen Sie mir doch zu sagen, stimmt’s?“

„Ich habe keine Ahnung, warum Sie so wütend sind. Wir sind uns zufällig begegnet, ich weiß überhaupt nichts über Sie, und nun gehen wir wieder unserer Wege.“

Das glaubst du doch selbst nicht, sagte sie sich im Stillen.

Vor dem Lebensmittelgeschäft bremste er scharf und schlug mit der Hand aufs Lenkrad. „Wollen Sie wirklich, dass wir uns nie wiedersehen?“

Was sie sich am meisten wünschte, war, auf wundersame Weise in das Wohnzimmer ihres Großvaters in Mort Harbour zu gelangen und sich einen Platz in seinem Herzen zu erobern. Schließlich war sie um die halbe Welt gereist und hatte ihre gesamten Ersparnisse geopfert, nur um ...

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