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Fremdes Land und neues Glück: Im Zeichen des Glücks

Lucy Gordon

Fremdes Land und neues Glück: Im Zeichen des Glücks

Aus dem Englischen von Dorothea Ghasemi

1. KAPITEL

“Olivia, komm schnell! Es ist etwas Schlimmes passiert!”

Olivia blickte von den Schulbüchern zu der jungen Hilfslehrerin Helma, die auf der Schwelle stand. Da diese zu Übertreibungen neigte, beunruhigten deren aufgeregte Worte sie nicht besonders.

“Es ist Yen Dong!”, rief Helma.

Der zehnjährige Dong war der intelligenteste Schüler in Olivias Klasse auf der Chang-Ming-Schule in Peking, aber auch der größte Schlingel. Ständig heckte er irgendetwas aus und setzte dann seinen Charme ein, um einer Strafe zu entgehen.

“Was hat er denn jetzt schon wieder angestellt?”, fragte Olivia.

“Er ist auf einen Baum geklettert.”

“Dann soll er runterkommen. Der Nachmittagsunterricht fängt gleich an.”

“Aber er ist ganz weit oben. Ich glaube, er schafft es nicht allein.”

Olivia eilte in den Garten, in dem die Schüler die Pausen verbrachten, und sah nach oben. Dort saß der kleine Bengel in der Krone des höchsten Baumes und machte selbst in dieser lebensgefährlichen Situation noch ein fröhliches Gesicht.

“Kannst du runterklettern?”, rief sie.

Vorsichtig stellte er einen Fuß auf den nächsten Ast, rutschte jedoch ab und zog das Bein schnell wieder an.

“Okay, hab keine Angst.” Sie versuchte, sich ihre Besorgnis nicht anmerken zu lassen. “Ich brauche eine Leiter.”

Jemand holte eine Leiter, doch zur Bestürzung aller Umstehenden war sie etwa zwei Meter zu kurz.

“Kein Problem”, rief Olivia, während sie den Fuß auf die unterste Sprosse setzte.

Zum Glück trug sie Jeans und keinen Rock, der sie behindert hätte, sodass sie schnell nach oben gelangte. Das nächste Stück stellte allerdings eine Herausforderung dar. Nachdem sie einmal tief durchgeatmet hatte, setzte sie einen Fuß auf den nächsten Ast, der bedrohlich knackte, aber nicht abbrach. So konnte sie sich nach oben ziehen und erreichte einen Moment später Dong, der sie angrinste.

“Es ist sehr schön hier oben”, erklärte er in perfektem Englisch. “Ich kletter gern auf Bäume.”

Unter anderen Umständen wäre sie über seine Sprachkenntnisse entzückt gewesen. In den sechs Monaten, die sie jetzt hier unterrichtete, hatte sie festgestellt, dass Dong von all ihren Schülern die schnellste Auffassungsgabe besaß. Das erfüllte sie mit Stolz, doch momentan gab es wichtigere Dinge.

“Ich auch”, erwiderte sie. “Aber ich komme auch gern sicher wieder nach unten. Also, lass es uns versuchen.”

Vorsichtig begann sie, nach unten zu klettern, und ermutigte ihn, ihr zu folgen. So nahmen sie einen Ast nach dem anderen, bis sie die Leiter erreichten.

“Noch ein Stück, dann haben wir es geschafft”, verkündete Olivia.

Im nächsten Moment fiel die Leiter jedoch um, sodass sie zusammen unsanft auf dem Rasen landeten.

Olivia schrie auf, weil sie sich den Arm an der Baumrinde aufgeschürft hatte, aber ihre größte Sorge galt dem Jungen.

“Bist du verletzt?”

Er schüttelte den Kopf und sprang dann auf. “Nein, mir geht es gut.”

Obwohl es zu stimmen schien, brauchte sie Gewissheit. “Ich bringe dich zu einem Arzt”, erklärte sie deshalb.

Inzwischen war auch die Direktorin nach draußen gekommen. Sie war Ende vierzig und sehr umsichtig. “Gute Idee”, pflichtete sie ihr bei. “Wir wollen kein Risiko eingehen. Es gibt hier in der Nähe ein Krankenhaus. Ich rufe ein Taxi.”

Wenige Minuten später befanden sie sich auf dem Weg zum Krankenhaus. Forschend betrachtete Olivia den Jungen, dem offenbar nichts fehlte. Er grinste, zufrieden mit den Folgen seines Streichs.

Im Krankenhaus zeigte jemand ihnen den Weg zur Ambulanz, wo sie sich in die kurze Schlange einreihten. Eine Schwester reichte Olivia einige Formulare, die sie ausfüllte.

Einem Aushang entnahm sie, dass der diensthabende Arzt Dr. Jian Mitchell hieß. Flüchtig wunderte sie sich über den Namen, denn “Jian” war chinesisch und “Mitchell” englisch.

Wenige Minuten später wurden sie aufgerufen und gingen ins Untersuchungszimmer. Bei dem Arzt handelte es sich um einen großen Mann ungefähr Anfang dreißig mit dunklem Haar und ebensolchen Augen. Seine attraktiven Züge deuteten auf eine europäische oder amerikanische Herkunft hin, verrieten jedoch auch asiatischen Einfluss, eine ungemein faszinierende Mischung, wie Olivia fand.

“Was haben Sie denn angestellt?”, fragte er lächelnd auf Chinesisch, während er sie beide musterte.

“Miss Daley ist auf einen Baum geklettert”, antwortete Dong. “Und als sie nicht mehr runterkam, bin ich hochgeklettert, um ihr zu helfen.”

Entsetzt blickte sie ihren Schüler an, was Dr. Mitchell mit einem jungenhaften Lächeln quittierte.

“War es vielleicht andersherum?”, hakte er nach.

“Und ob”, bestätigte sie. “Als wir die Leiter hinunterstiegen, ist sie mit uns umgefallen.”

Nun überflog er die Formulare. “Sie sind Olivia Daley und unterrichten an der Chang-Ming-Schule?”

“Richtig. Dong ist einer meiner Schüler. Ich glaube zwar nicht, dass er sich verletzt hat, aber ich möchte sicher sein, wenn ich ihn seiner Mutter übergebe.”

“Natürlich. Ich sehe ihn mir mal an.”

Nachdem er den Jungen gründlich untersucht hatte, sagte Dr. Mitchell: “Es scheint alles in Ordnung zu sein, aber ich lasse ihn sicherheitshalber röntgen. Die Schwester nimmt ihn gleich mit.”

“Vielleicht sollte ich ihn begleiten.”

Dong schüttelte jedoch den Kopf und verkündete, dass er schon groß wäre. Sobald er mit der Schwester den Raum verlassen hatte, wandte der Arzt sich auf Englisch an Olivia:

“Und nun möchte ich Sie untersuchen.”

“Danke, das ist nicht nötig.”

“Warum lassen Sie mich das nicht entscheiden?”, erkundigte er sich freundlich.

“Entschuldigen Sie.” Sie seufzte. “Meine Tante sagte immer, ich würde vielleicht noch dazulernen, wenn ich gelegentlich den Mund halten könnte.”

Wieder lächelte er, ging allerdings nicht darauf ein. Schließlich runzelte er die Stirn. “Vielleicht ist es schlimmer, als es aussieht.”

Erst jetzt sah sie, dass ihr Ärmel zerfetzt war.

“Sie müssen die Bluse ausziehen”, fuhr Dr. Mitchell fort. “Ihr Arm scheint nicht nur aufgeschürft zu sein. Ich rufe eine Schwester.”

Dann ging er zur Tür, um eine Schwester hereinzubitten. Sofort erschien eine lächelnde junge Frau, die ihr vorsichtig die Bluse auszog und dabeiblieb, als der Arzt ihren Arm untersuchte. Er hatte große, schmale Hände, und die Berührung wirkte tröstlich und vertrauenerweckend zugleich.

Zu ihrem Leidwesen wurde Olivia zunehmend verlegener. Ihre Bluse war zwar hochgeschlossen, ihr BH hingegen nur ein Hauch von einem Nichts. Auf ihre kleinen, festen Brüste konnte sie stolz sein, und nur einem Mann zuliebe hatte sie sich eine Zeit lang verführerische Dessous gekauft. Und obwohl dieser nun nicht mehr Teil ihres Lebens war, hatte sie die Wäsche behalten.

Nun wünschte sie, sie wäre ihrem Impuls gefolgt und hätte sie doch weggeworfen. Ihre Kurven waren nur für die Augen eines Liebhabers bestimmt, nicht für den sachlichen Blick eines Arztes, der ihre Schönheit gar nicht wahrzunehmen schien.

Allerdings muss es auch so sein, rief Olivia sich ins Gedächtnis. Dr. Mitchell verhielt sich sehr professionell und verdiente Respekt dafür, dass er sie nur dort berührte, wo es nötig war. Dass sie körperlich aber so stark auf seine zurückhaltende Art reagierte, beunruhigte sie zutiefst.

Er hatte die Wunde gesäubert und begann nun vorsichtig, sie zu desinfizieren.

“Es könnte ein bisschen brennen”, erklärte er. “Alles in Ordnung?”

“Ja, ich …”

“Anscheinend tut es mehr weh, als ich dachte. Tut mir leid, ich bin gleich fertig.”

Zu ihrer Bestürzung hatte sie richtig atemlos geklungen. Sie hoffte, er erahnte nicht den Grund dafür.

“Sie lagen richtig mit Ihrer Diagnose”, verkündete er nach einer Weile. “Der Arm muss nur verbunden werden. Schwester?”

Nachdem die Schwester ihr einen Verband angelegt und ihr wieder in die Bluse geholfen hatte, verließ sie den Raum. Dr. Mitchell hatte sich inzwischen an den Schreibtisch gesetzt.

“Wie kommen Sie nach Hause?”, erkundigte er sich mit einem Blick auf ihren zerfetzten Ärmel.

“Kein Problem.” Olivia nahm einen Seidenschal aus ihrer Handtasche und drapierte ihn so, dass er den Ärmel bedeckte. “Ich rufe ein Taxi, sobald ich weiß, ob mit Dong alles in Ordnung ist.”

“Machen Sie sich um ihn keine Sorgen. Ich habe noch selten so ein gesundes Kind gesehen.”

“Ich weiß.” Ein wenig unsicher lachte sie. “Er ist ein richtiger Schlingel. Ständig heckt er etwas aus.”

“Das ist eigentlich nicht schlimm”, meinte er. “Dumm nur, wenn andere es ausbaden müssen und dabei zu Schaden kommen. Ich war früher genauso. Allerdings haben meine Lehrer mir immer nur Vorhaltungen gemacht und nie ihr Leben riskiert, um mich zu retten.”

“Wie hätte ich seiner Mutter gegenübertreten können, wenn ihm etwas zugestoßen wäre?”

“Ihm ist ja nichts passiert – weil er auf Ihnen gelandet ist.”

“Ja, so ungefähr”, räumte Olivia zerknirscht ein. “Aber mich wirft so leicht nichts um. Und nun müssen wir bald zurück, sonst kommt er zu spät nach Hause.”

“Und was ist mit Ihnen, wenn Sie nach Hause kommen?”, hakte Dr. Mitchell nach. “Kann sich jemand um Sie kümmern?”

“Nein, ich lebe allein – und ich komme auch hervorragend allein zurecht.”

Nach einer Pause sagte er: “Da wäre ich mir nicht so sicher.”

“Und warum?”

“Weil es … manchmal gefährlich ist.”

Das klang so rätselhaft, dass sie nachhaken wollte. Doch gerade als sie sich eine Frage zurechtgelegt hatte, hörte sie eine vertraute Stimme sagen:

“Da bin ich wieder!”

In Begleitung einer Schwester, die das Röntgenbild in der Hand hielt, betrat Dong den Raum.

“Hervorragend”, erklärte Dr. Mitchell in einem für Olivias Ohren unnatürlichen Tonfall.

Wie er vorhergesagt hatte, konnte man auf dem Röntgenbild keine Verletzungen erkennen.

“Kommen Sie wieder, wenn Ihnen irgendetwas an ihm auffällt”, fügte er dann in seinem gewohnten Ton hinzu. “Aber das wird nicht der Fall sein.”

Nachdem die beiden gegangen waren, wollte Jian Mitchell den nächsten Patienten aufrufen, überlegte es sich jedoch anders. Er musste einen Moment nachdenken. So ging er zum Fenster und sah hinaus.

Hier oben im zweiten Stockwerk hatte man einen fantastischen Blick auf die Zierkirschen, die in voller Blüte standen. Frühling lag in der Luft.

Eigentlich gab es doch keinen Grund, sich Gedanken zu machen. Olivia Daley war eine starke, unabhängige Frau, die sich nicht um sich selbst, sondern um ihre Schützlinge sorgte. Vielleicht bildete er sich nur ein, dass sie im Grunde sehr verletzlich war und Hilfe brauchte, aber sich weigerte, darum zu bitten.

Mich wirft so leicht nichts um, hatte sie verkündet.

Glaubte sie das wirklich? Er tat es jedenfalls nicht.

Obwohl er nur wenige Minuten mit ihr verbracht hatte, hatte er hinter die Fassade geblickt. Die Traurigkeit und die Leere, die er dort sah, hatten ihn überwältigt. Und er wusste auch, dass sie genauso auf ihn reagiert hatte wie er auf sie.

Olivia Daley war anders als andere Frauen. Inwiefern, vermochte er noch nicht zu sagen, aber er würde es herausfinden. Die mahnende Stimme der Vernunft verdrängte er dabei geflissentlich.

“Ist alles in Ordnung, Dr. Mitchell?”, riss ihn die Stimme der Schwester an der Tür plötzlich aus seinen Gedanken.

Jian riss sich zusammen. “Entschuldigen Sie”, erwiderte er. “Ich … bin jetzt so weit.”

Lächelnd folgte sie seinem Blick nach draußen. “Der Frühling ist wunderschön, nicht wahr?”

“Ja”, erwiderte er leise. “Wunderschön.”

Als sie wieder in der Schule eintrafen, wurden sie bereits von Dongs Mutter Mrs Yen erwartet. Deren Miene hellte sich sofort auf, als ihr Sohn ihr lebhaft zuwinkte.

“Vielleicht sollten Sie morgen freinehmen”, schlug Mrs Wu, die Direktorin, vor, sobald sie endlich allein waren.

“Danke, aber das ist nicht nötig”, lehnte Olivia ab.

“Das hoffe ich. Ich möchte nicht eine meiner besten Lehrerinnen verlieren.”

Seit sie als Englischlehrerin an der Schule angefangen hatte, verstand Olivia sich sehr gut mit ihr und wusste deren Besorgnis zu schätzen. Doch ich brauche keine Schonung, dachte Olivia, als sie ihr Fahrrad holte, um zu ihrer Wohnung zu fahren, die nur zehn Minuten entfernt lag.

Seit sechs Monaten wohnte sie jetzt in Peking. Damals war sie so verzweifelt gewesen, dass sie sich ganz bewusst für das Leben in einem anderen Kulturkreis entschieden hatte, um keine Zeit zum Grübeln zu haben. Inzwischen hatte sie sich gut eingewöhnt und fühlte sich hier sehr wohl.

Wenn sie nach Hause kam, kochte sie sich zuerst immer eine Tasse Tee und schaltete dann den Computer ein, um per Webcam Kontakt mit ihrer Tante Norah in England aufzunehmen, der Verwandten, die ihr am nächsten stand.

In London war es jetzt erst acht Uhr morgens, doch sie wusste, dass ihre Tante sich wie immer den Wecker gestellt hatte, um rechtzeitig bereit zu sein.

Und tatsächlich saß sie bereits im Bett und winkte lächelnd in die Kamera über ihrem Monitor.

Norah war eine alte Dame und eigentlich ihre Großtante, aber immer noch sehr energiegeladen. Da sie nicht so egozentrisch war wie der Rest ihrer Familie, sondern ebenso liebevoll wie lebenserfahren, fühlte Olivia sich ihr von klein an eng verbunden.

“Entschuldige die Verspätung”, sagte sie nun ins Mikrofon. “An der Schule hat sich heute einiges ereignet.”

In scherzhaftem Ton berichtete sie ihr von dem Vorfall am Nachmittag und ihrem Besuch im Krankenhaus.

“Und der Arzt meinte, dir wäre nichts passiert?”, hakte ihre Tante nach.

“Genau. Ich gehe heute früh schlafen, dann bin ich morgen wieder fit.”

“Gibt es jemanden, mit dem du dich triffst?”, wechselte Norah abrupt das Thema.

“Das hast du mich schon ein paar Mal gefragt. Fällt dir nichts anderes ein?”

“Nein, warum auch? Du bist eine attraktive junge Frau und solltest das Leben genießen.”

“Das tue ich auch. Und ich verabrede mich auch gelegentlich. Ich möchte nur keine feste Beziehung. So, jetzt erzähl mir von dir. Bekommst du genug Schlaf?”

Hinter ihrer Frage steckte mehr als nur der Wunsch, das Thema zu wechseln. Norah war schon weit über siebzig, und der einzige Grund, der sie davon abgehalten hätte, nach China zu gehen, war die Angst, sie womöglich nicht wiederzusehen. Norah hatte ihr jedoch versichert, dass sie kerngesund wäre, und sie gedrängt, den Schritt zu wagen und den Mann zu vergessen, der sie ohnehin nicht verdient hätte.

“Ja”, erwiderte sie nun. “Ich habe den gestrigen Abend mit deiner Mutter verbracht und mir ihr Gejammer über ihren Verflossenen angehört. Das hat mich müde gemacht.”

“Ich dachte, Guy wäre ihr Traumpartner.”

“Nicht Guy. Sie hat mit ihm Schluss gemacht – oder er mit ihr. Ich komme da nicht mehr mit. Freddy heißt ihr neuer.”

Olivia seufzte. “Ich rufe sie bei Gelegenheit an und spreche ihr mein Mitgefühl aus.”

“Aber übertreib es nicht, sonst machst du es noch schlimmer”, warnte ihre Tante sie. “Sie ist ein dummes Ding, das habe ich ja schon immer gesagt. Allerdings ist es nicht allein ihre Schuld. Wie konnte ihre Mutter ihr nur so einen Namen geben? Kein Wunder, dass Melisande sich als romantische Heldin sieht!”

“Meinst du damit, Mum wäre nicht weggelaufen, wenn sie einen Durchschnittsnamen gehabt hätte?”

“Wahrscheinlich nicht. Aber sie wäre wohl genauso egozentrisch gewesen. Jedenfalls hat sie nie an dich gedacht, genauso wenig wie dein Vater. Ich habe keine Ahnung, was er so treibt. Angeblich hat er vor Kurzem eine junge Frau geschwängert.”

“Schon wieder?”

“Ja, und er gibt damit an, als wäre er der Erste, dem so etwas gelungen ist. Vergiss ihn, Kindchen. Er ist es nicht wert, dass man überhaupt einen Gedanken an ihn verschwendet.”

Olivia musste zugeben, dass ihre Tante nicht ganz unrecht hatte.

Nachdem sie noch eine Weile miteinander geplaudert hatten, wünschte diese ihr eine gute Nacht. Danach aß Olivia noch eine Kleinigkeit und fiel müde ins Bett.

Doch sie war zu aufgewühlt, um sofort einschlafen zu können. Seltsamerweise gingen ihr Dr. Mitchells Worte nicht aus dem Kopf. Dumm nur, wenn andere es ausbaden müssen und dabei zu Schaden kommen.

Dabei hatte er ihr einen ironischen Blick zugeworfen, als könnte er sich denken, dass sie anderen oft aus der Patsche half. Und damit hatte er sie ganz richtig eingeschätzt.

Solange sie sich erinnern konnte, war sie in ihrer Familie immer die Starke gewesen. Ihre Eltern hatten viel zu jung und Hals über Kopf geheiratet und sich nach kurzer Zeit wieder scheiden lassen. Ihre Mutter war danach noch einmal verheiratet gewesen und hatte sich erneut scheiden lassen, um dann eine Affäre nach der anderen zu beginnen, während ihr Vater sich gleich in flüchtige Beziehungen gestürzt hatte.

Nach der Trennung hatte sie mal bei ihrer Mutter, mal bei ihrem Vater gelebt, je nachdem, wie es ihnen gerade passte. Die beiden hatten sie stets mit Geschenken überhäuft, allerdings eher, um sich gegenseitig zu übertrumpfen, ihr aber nie wirkliche Zuneigung entgegengebracht.

Wenn ihre Eltern keine Zeit für sie hatten, war sie zu ihrer Tante Norah gegangen, die immer ein offenes Ohr für ihre Sorgen und Nöte hatte. Sie hatte sie auch dazu ermutigt, ihre Meinung zu äußern und ihren Standpunkt zu vertreten, während ihre Eltern nur von sich sprachen.

Sie hatte immer bei ihr im Gästezimmer übernachtet und war dann mit sechzehn zu ihr gezogen.

“Wie haben die beiden denn eigentlich auf deinen Auszug reagiert?”, hatte Norah sie damals gefragt.

“Ich glaube, sie haben noch gar nicht gemerkt, dass ich weg bin”, hatte Olivia erwidert. “Er glaubt, ich wäre bei ihr, und umgekehrt. Es spielt auch keine Rolle.”

Sie konnte mit dem Egoismus und der Gleichgültigkeit ihrer Eltern fertig werden, weil Norahs Liebe sie stärkte. Dennoch tat ihr die Erkenntnis, wie wenig sie ihnen bedeutete, wie schon so oft zuvor weh.

“Kommst du eigentlich mit Norah klar?”, erkundigte ihre Mutter sich dann irgendwann. “Ich finde, sie ist ein bisschen … altmodisch.”

Olivia fand, dies wäre bei einer Mutter und einem Vater eine wünschenswerte Eigenschaft. Sie ging jedoch nicht darauf ein, sondern versicherte ihr nur, dass alles bestens wäre, woraufhin ihre Mutter das Thema nicht weiterverfolgte.

Als sie am Abend ihrer Tante von dem Gespräch erzählte, reagierte diese empört.

“Von wegen altmodisch! Nur weil ich selbst über mein Leben bestimme und mich nicht einfach treiben lasse.”

“Sie meint damit, dass du nicht weißt, was Liebe bedeutet.” Als Norah nicht antwortete, fuhr Olivia fort: “Aber sie irrt sich, stimmt’s? Es hat jemanden gegeben, über den du nur nicht sprichst.”

Daraufhin erzählte ihre Tante ihr von Edward, der schon so lange tot war, dass niemand außer ihr sich an ihn zu erinnern schien, und den sie als junge Frau über alles geliebt hatte.

Mit achtzehn hatte sie ihn kennengelernt und sich ein Jahr später mit ihm verlobt. Er hatte als Offizier in der Armee gedient und war ein weiteres Jahr später in einem fernen Land ums Leben gekommen. Seitdem hatte sie keinen anderen Mann mehr geliebt.

Zuerst war Olivia schockiert gewesen. Später hatte sie gelernt, diese traurige Geschichte mit den oberflächlichen Beziehungen ihrer Eltern zu vergleichen, und war über beides gleichermaßen entsetzt gewesen.

Hatte sie dies womöglich im Hinterkopf gehabt, als sie sich verliebte?

Im Nachhinein wurde ihr klar, dass ihr Zynismus, was Gefühle anging, sie nicht geschützt, sondern verletzlich gemacht hatte. Ganz bewusst hatte sie als Teenager jede Romanze vermieden und war immer stolz darauf gewesen, dass ihr deshalb auch niemand das Herz gebrochen hatte. Und genau deshalb war sie dann auf Andy hereingefallen. Sie hatte sich ihm bedingungslos hingegeben und war am Boden zerstört gewesen, als er sie betrog.

So hatte sie hier in China ein neues Leben angefangen und sich geschworen, diesen Fehler nie wieder zu machen. Sie würde sich von den Männern fernhalten und der Liebe und all dem “romantischen Unsinn”, wie sie es insgeheim nannte, abschwören.

Mit diesem tröstlichen Gedanken schlief Olivia schließlich ein.

In dieser Nacht schlief sie jedoch so schlecht, dass sie irgendwann völlig verstört aufwachte und nicht sagen konnte, ob das, was sie geträumt hatte, wirklich passiert war oder nicht. Sie wusste nur, dass es in dieser Welt keine Sicherheit mehr gab.

2. KAPITEL

Als Olivia am nächsten Morgen aufwachte, fühlte sie sich richtig niedergeschlagen, und ihr Anblick im Badezimmerspiegel deprimierte sie. Was war aus der lebenslustigen, schlanken jungen Frau mit dem glänzenden dunkelblonden Haar und den ausdrucksvollen blauen Augen geworden?

“Wahrscheinlich hat es sie nie gegeben”, sagte sie düster zu ihrem Spiegelbild. “Ich sehe älter aus, als ich bin, und mein Haar ist eine Katastrophe. Bestimmt werde ich bald grau.”

Normalerweise trug sie ihr Haar offen, doch an diesem Tag steckte sie es zu einem strengen Knoten auf, was zu ihrer Stimmung passte.

Diese besserte sich auch nicht, als in der Schule alles glattlief. Ihre Schüler nahmen aufmerksam am Unterricht teil, ihre Kolleginnen erkundigten sich mitfühlend, wie es ihr ginge, und Mrs Wu wollte sie sogar nach Hause schicken. Olivia lehnte dankend ab, obwohl sie es gern getan hätte.

Als sie die Schule am Spätnachmittag entgegen ihrer Gewohnheit durch den Seiteneingang verließ, blieb sie plötzlich wie gebannt stehen.

Dr. Mitchell war dort.

Jian Mitchell saß auf der niedrigen Mauer nahe der Vorderseite des Gebäudes. Jetzt stand er auf und begann auf und ab zu gehen, den Blick zum Haupteingang gerichtet, als würde er jemanden erwarten.

Er war größer, als sie ihn in Erinnerung hatte, nicht muskulös, aber dennoch athletisch gebaut. Am Vortag im Sprechzimmer hatte er sehr selbstsicher gewirkt, was heute überhaupt nicht der Fall war.

“Kann ich Ihnen helfen?”, rief Olivia, während sie auf ihn zuging.

Sofort hellte seine Miene sich auf, was ihre Stimmung prompt besserte.

“Ich wollte nur mal nach meinen Patienten sehen”, erklärte er und kam dabei auf sie zu.

“Machen Sie immer Hausbesuche?”

Er schüttelte den Kopf. Seine Augen funkelten humorvoll. “Nur diesmal.”

“Danke. Dong ist schon weg, aber es geht ihm gut.”

“Und was ist mit Ihnen? Schließlich haben Sie sich verletzt.”

“Ach, das waren nur ein paar Kratzer, und ein hervorragender Arzt hat mich versorgt.”

“Trotzdem möchte ich sichergehen”, sagte er lächelnd.

“Ja, natürlich.” Sie trat beiseite, um ihn vorzulassen, doch er blieb stehen.

“Ich habe eine bessere Idee. Es gibt hier in der Nähe ein kleines Restaurant, wo wir uns ungestört unterhalten können.”

Olivia erwiderte sein Lächeln. “Sehr gern!”

“Mein Wagen steht dahinten.”

Zu ihrer Freude fuhr Dr. Mitchell in eine Gegend mit historischem Kern. Im Zuge des Baubooms hatte man ganze Straßenzüge abgerissen und wiederaufgebaut. Sie liebte jedoch die traditionell chinesischen Häuser mit den geschwungenen, reich verzierten Dächern, wie sie hier zu finden waren.

Leider war das erste Restaurant, in dem sie es versuchten, voll. Das zweite ebenfalls.

“Vielleicht sollten wir …”

Dr. Mitchell verstummte, weil jemand ihnen etwas zurief. Als sie sich umdrehten, sahen sie wenige Meter entfernt einen jungen Mann, der ihnen zuwinkte und dann in eine Seitenstraße deutete, in der er Sekunden später verschwand.

“Jetzt bleibt uns nichts anderes übrig. Wir müssen in den Tanzenden Drachen gehen”, erklärte Dr. Mitchell.

“Ist er denn nicht gut?”, erkundigte sich Olivia.

“Doch. Aber ich erzähle es Ihnen später. Kommen Sie.”

Die Fassade des Restaurants war mit farbenfrohen Drachen verziert, deren Augen schalkhaft funkelten. Beim Eintreten stellte Olivia fest, dass der kleine Raum bis auf den letzten Platz besetzt zu sein schien.

“Pech gehabt”, sagte sie.

“Keine Sorge. Sie halten immer etwas für mich frei.”

Und tatsächlich erschien im nächsten Moment der Mann von der Straße wieder, um sie zu einem kleinen Tisch in einer Nische zu führen, der nur für Pärchen bestimmt zu sein schien. Ihr Begleiter dachte offenbar genauso, denn er wandte sich verlegen an den Kellner: “Haben Sie nichts anderes frei?”

“Nein, warum?”, fragte dieser erstaunt. “Hier sitzen Sie doch immer.”

Olivia verkniff sich ein Lächeln, als sie Platz nahm. Dr. Mitchell wurde immer interessanter …

Mit den zahlreichen roten Lampions und den Drachen an den Wänden war das Restaurant sehr gemütlich.

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