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Fremde Männer küsst man nicht!

Michele Dunaway

Fremde Männer küsst man nicht!

1. KAPITEL

Noch nie in ihrem Leben war Christina sich so inkompetent vorgekommen. Dicke, graue Rauchwolken stiegen in der Turnhalle auf, der Feueralarm schrillte durch das Gebäude, und aus der Ferne hörte man auch schon das Signal der nahenden Feuerwehr.

Diesmal war es kein Thanksgiving-Truthahn, den sie vermasselt hatte, sondern die Halloweenparty ihrer Tochter.

„Weinst du, Mom?“, fragte eine zaghafte Stimme hinter ihr, als das durchdringende Alarmsignal endlich verstummte.

Christina sah auf ihre achtjährige Tochter hinunter. Bellas Gesicht war mit einem prächtigen schwarzen Katzenschnurrbart und einem Haarreifen mit Katzenohren aus schwarzem und rosa Plüsch verziert.

„Können wir jetzt weitermachen mit der Party, Mom? Es ist doch gar kein Feuer hier. Nur die Nebelmaschine.“

„Natürlich, Schatz“, antwortete Christina und wischte sich mit dem Handrücken über die Augen. Durch das Fenster der angrenzenden Cafeteria konnte sie sehen, dass ein Feuerwehrwagen auf den Parkplatz eingebogen war. „Wir brauchen die Party nicht abzubrechen. Einige Sachen haben wir ja auch noch gar nicht gemacht. Nur mit dem Gespensterhaus wird das heute wohl nichts.“

„Das macht nichts, Mom!“ Bella drehte sich zu ihren Klassenkameraden aus der zweiten Klasse um, die wie sie selbst verkleidet waren.

„Die Party geht weiter!“, jubelte sie.

„Ihr könnt ja erst mal etwas essen“, schlug Christina vor, als ein Trupp Feuerwehrleute durch die Cafeteria in die Turnhalle gestürmt kam.

Die schweren, feuerfesten Stiefel donnerten über den frisch gewienerten Fußboden.

„Mrs Sims!“, rief Christina zu der anderen Mutter hinüber. „Am besten machen wir jetzt die Erfrischungspause. Meinen Sie nicht auch?“

„Absolut“, stimmte Mrs Sims zu und hatte innerhalb von Sekunden die Kinder zum kalten Büfett an einem der Cafeteriatische bugsiert, wo es zum Knabbern kürbisförmige Kekse und zum Trinken „Hexengift“, ein Gebräu aus Orangensaft, Zitronensorbet und Limonade gab.

Und Christina seufzte und folgte schicksalsergeben den Feuerwehrleuten in die Turnhalle, wo die Männer das rauchumwaberte Gespensterhaus untersuchten. Die Nebelmaschine hatte ganze Arbeit geleistet und mit seinen weißgrauen Schwaden selbst die Rauchdetektoren an den Decken in Angst und Schrecken versetzt …

„Man sagte mir, Sie hätten hier die Leitung“, hörte sie eine tiefe Stimme hinter sich.

Das war nicht ganz richtig. Die eigentliche Organisatorin der Halloweenparty lag mit Grippe zu Hause im Bett. „Stecker der Nebelmaschine in die Steckdose stecken“, hatte zu ihren schriftlichen Anweisungen für die Party gehört. Aber das zählte nicht als Entschuldigung.

Bereit, die volle Verantwortung für das Desaster zu übernehmen, straffte Christina die Schultern. Sie drehte sich um und sah in die klarsten blauen Augen, die sie je erblickt hatte, umrahmt vom Visier eines Feuerwehrhelms. Nur mit Mühe widerstand sie dem Impuls, überrascht einen Schritt zurückzuweichen. „Stimmt“, antwortete sie und zwang sich, dabei selbstbewusst zu klingen.

„Dann sind Sie also verantwortlich für das alles hier?“ Der Feuerwehrmann ließ ihren Blick nicht los, während er mit einer vorwurfsvollen Geste die Szene in der Turnhalle umschrieb. Er wirkte sehr jung.

Womöglich ist er noch ein Teenager, dachte Christina. „Ja“, sagte sie laut und sah ihm möglichst unbeeindruckt in die strengen blauen Augen.

Er war mindestens eins achtzig groß und starrte sie immer noch ärgerlich aus seinem offenen Helmvisier heraus an.

Sie wusste genau, was er für einen Eindruck von ihr hatte: eine hochgewachsene Blondine mit olivfarbenem Teint und goldbraunen Augen, die in einem recht freizügigen Haremsdamenkostüm steckte und kein bisschen wie die hochkompetente Harvard-Juristin aussah. Und schon gar nicht wie die waschechte Mexikanerin, die sie ebenfalls war.

Sie wehrte sich dagegen, wieder einmal als ahnungsloses Dummchen betrachtet zu werden, das einfach nichts auf die Reihe bekam. Diese Rolle hatte sie lange genug gespielt, hatte lange genug mit dem Gefühl gelebt, den Erwartungen, die man an sie stellte, nicht gerecht werden zu können. Das war in Cincinnati, Ohio gewesen, in der Großstadt. Deshalb war sie nun hierher in die tiefste Provinz gezogen, nach Morrisville, Indiana. Hier wollte sie nur noch an ihren eigenen Ansprüchen gemessen werden und sich von niemandem Vorschriften machen lassen. Im Geiste machte sie sich kampfbereit, um jeden eines Besseren zu belehren, der ihr etwas anderes einreden wollte.

Der junge Feuerwehrmann wartete mit sichtbarer Ungeduld darauf, dass sie sich weiter äußerte.

„Ich habe die Nebelmaschine eingeschaltet“, erklärte sie. „Als der Feueralarm losging, wusste ich natürlich sofort, was los war. Ich nehme an, die Dame, deren Anweisung ich befolgte, dachte, die Hallendecke mit den Rauchdetektoren wäre hoch genug.“

„Ist sie aber nicht.“

„Das weiß ich jetzt auch.“ Christina war nicht bereit, sich von diesem Bengel weiter verunsichern zu lassen.

Er nahm mit einer ruhigen Bewegung seinen Helm ab.

Als sie schließlich sein ganzes Gesicht sehen konnte, wurde ihr klar, dass sie sich mit seinem Alter sehr verschätzt hatte. Ende zwanzig mochte er sein, mit sympathischen tiefen Grübchen in den Mundwinkeln, und er machte den Eindruck, als verstecke er ein Lächeln, selbst wenn er so streng dreinschaute wie jetzt. Sie mochte lieber nicht darüber nachdenken, wie er aussehen würde, wenn er tatsächlich lächelte …

Als Nächstes öffnete er gelassen seine schwere Uniformjacke und streifte sie von den Schultern – von sehr muskulösen Schultern.

Christina war jahrelang mit einem Profifootballer verheiratet gewesen. Sie wusste, wie jemand aussah, der auf körperliche Fitness achtete. Was sich da unter dem eng anliegenden Feuerwehr-T-Shirt und den breiten Hosenträgern abzeichnete, war vielleicht nicht Muskelmasse genug, um professionell American Football zu spielen, aber es reichte allemal, um Frauenherzen höher schlagen zu lassen. Auch ihres. Das da war ein sehniger, durchtrainierter Männerkörper, der Schutz und Sicherheit versprach, wenn man sich danach sehnte.

Wenn. Christina Sanchez Jones brauchte aber niemanden, der sie beschützte. Nie wieder wollte sie sich klein und minderwertig fühlen. Sie würde hier in Morrisville allein klarkommen.

Der Mann fuhr sich durch die vom schweren Helm platt gedrückten Haare und verstrubbelte sie ein wenig. „Wir werden den Rauch mit einem Ventilator abziehen. Mehr können wir nicht tun. Sauber machen müssen Sie selbst.“

„Selbstverständlich.“

Christina sah, wie er nur für sich den Kopf schüttelte, als könne er immer noch nicht fassen, wie jemand einen so dummen Fehler machen konnte. Dann wich er einem Kollegen aus, der einen riesigen Ventilator in die Turnhalle trug, um ihn dort neben dem Ausgang aufzubauen. „Die Türen müssen alle eine Weile geöffnet bleiben. Sie haben Glück, dass es für die Jahreszeit noch ziemlich warm draußen ist. Die Halle wird nicht allzu sehr auskühlen.“

„Gut.“ Eine kleine Hand zupfte an ihrem Kostüm, und Christina sah hinunter.

„Dürfen wir uns das Feuerwehrauto ansehen?“, fragte Halloween-Katze Bella hoffnungsvoll für sich und ihre neuen Freunde, die an der Cafeteriatür warteten. Sie zwirbelte aufgeregt ihren langen schwarzen Plüschschwanz. „Bitte, bitte!“

Christina warf dem attraktiven Feuerwehrmann einen entschuldigenden Blick zu. „Schatz, er hat jetzt keine Zeit. Was machst du denn überhaupt hier? Ihr solltet doch alle in der Cafeteria bleiben!“

„Für Kinder habe ich immer Zeit“, sagte der Feuerwehrmann.

Christina warf ihm einen überraschten Blick zu und hielt die Luft an. Er lächelte. Für Bella, nicht für sie. Aber es war ein so atemberaubendes Lächeln, wie sie vermutet hatte. Es veränderte das ganze Gesicht, machte es unwiderstehlich liebenswert und … sehr sexy.

„Na los, kommt mit“, sagte er zu Bella. „Wenn ihr uns schon mal hierhabt, könnt ihr euch auch gleich den Löschwagen ansehen. So heißt das Feuerwehrauto nämlich bei uns.“ Und er ging mit ihr in Richtung Cafeteria davon.

„Wohnst du im Feuerwehrhaus?“, hörte Christina Bella ehrfürchtig fragen und sah den schwarzen Katzenschwanz schlaff und unbeachtet auf dem Boden nachschleifen.

„Aber nein“, antwortete der Mann. „Wir sind eine freiwillige Feuerwehr und kommen alle von zu Hause oder direkt von der Arbeit, wenn unsere Hilfe gebraucht wird.“

„Die Nebelmaschine hat den Feueralarm ausgelöst!“, rief Megan aufgeregt, Bellas neue beste Freundin.

„Und deshalb sind wir gekommen“, nickte er und lächelte dazu, als gäbe es nichts Schöneres für ihn, ausgerechnet jetzt ausgerechnet hier zu sein. Gefolgt von der Traube Kinder trat er hinaus auf den Schulhof, wo der Löschwagen stand.

Ein Leben früher wäre der Mann Christinas Typ gewesen. Kein Zweifel. Aber auch Footballstar Kyle Jones hatte gut ausgesehen. Wenn ein Mann wie ein Märchenprinz aussah, hieß das noch lange nicht, dass er auch tatsächlich einer war.

Sie ging zur Cafeteriatür und sah von dort aus zu, wie einige andere Feuerwehrmänner den Kindern die Ausrüstung des eindrucksvollen Feuerwehrautos zu zeigen begannen.

„Na, da sind sie dann ja wohl eine Weile beschäftigt“, stellte Mrs Sims fest, die ebenfalls an die Tür herangetreten war. „Mit dem Essen waren sie schnell fertig. Die Bastelsachen liegen aber bereit. Wenigstens etwas muss doch heute seinen geplanten Gang gehen. Ich weiß nicht, was Lula sich dabei gedacht hat – eine Nebelmaschine!“

„Ein echtes Fiasko“, pflichtete Christina ihr bei.

„Na ja, Fehler passieren. Machen Sie sich nichts daraus, Christina. Die Jungs sind daran gewöhnt, dauernd irgendwohin zu müssen, wo nichts wirklich Dramatisches passiert. Sie wissen das, wenn sie die Verpflichtungserklärung unterschreiben. Und das alles ohne Bezahlung.“

Christina duckte sich innerlich und bekam nun wirklich Schuldgefühle. „Ich habe gar nicht gewusst, dass es noch freiwillige Feuerwehren gibt.“

Bis vor zwei Wochen hatte sie winzige ländliche Orte wie Morrisville überhaupt nicht wahrgenommen, geschweige denn sich Gedanken darüber gemacht, ob es dort wohl eine Berufsfeuerwehr gab oder nicht. Ganze 4.231 Einwohner hatte dieses Nest. Wenigstens ein Fast-Food-Restaurant gab es.

Als sie sich hier in der ortsansässigen Anwaltskanzlei beworben hatte, war die kurze Stadtbesichtigung in weniger als zehn Minuten vorbei gewesen. Sie hatte genauso lange gedauert, wie man brauchte, um mit dem Auto von der Highwayabfahrt Nr. 74 über den Marktplatz zu den Farmen auf der anderen Seite des Orts zu fahren.

„Sogar Batesville hat nur eine freiwillige Feuerwehr“, erklärte Mrs Sims. „Und die haben viel mehr Einwohner und ein paar große Unternehmen. Die meisten Leute hier in Morrisville haben dort ihre Jobs.“

Das hatte auch Reginald Morris erzählt, der Teilhaber der Kanzlei Lancaster & Morris, der das Vorstellungsgespräch mit ihr geführt hatte. „Wir haben hier zwar auch einige Industrieunternehmen“, hatte er gesagt, „aber das sind alles kleine Fische. Wir brauchen Sie konkret für einen Fall gegen die Morrisville Garment Company, eine Bekleidungsfirma am Stadtrand.

Eine Diskriminierungssache gegen den Arbeitgeber, eingeleitet von einigen Spanisch sprechenden Arbeiterinnen, meist mexikanischer Abstammung. Wenn wir den Fall gewinnen wollen, brauchen wir jemanden, der fließend Spanisch spricht und ein gutes Verhältnis zu diesen Klientinnen aufbauen kann.“

„Dafür bin ich die Richtige“, hatte Christina geantwortet. Sie war ja selbst Mexikanerin, und sie freute sich darauf, ihren Landsleuten helfen zu können. Diese Frauen hatten weit weniger gute Chance gehabt als sie selbst, um aus ihrem Leben etwas zu machen.

Außerdem hatte Morrisville den Pluspunkt, eine Autostunde von Cincinnati entfernt zu sein, wo ihr Exmann Kyle als Footballgott verehrt wurde, und dabei gerade noch innerhalb des gerichtlich festgelegten „Bannkreises“ zu liegen. Christina hatte nämlich im Scheidungsverfahren einwilligen müssen, zukünftig nicht weiter als fünfundsiebzig Meilen vom Wohnsitz ihres Exmannes entfernt zu leben.

Seit zwei Wochen lebte sie nun in Morrisville, hatte ein Haus gemietet, Bella in der hiesigen Schule angemeldet und die Zeit genutzt, um Kontakt zu einigen Eltern von Bellas neuen Mitschülern zu bekommen. Am Montag, dem 1. November würde sie ihren neuen Job in der Kanzlei Lancaster & Morris aufnehmen.

„Kommt, Kinder!“, rief Mrs Sims neben ihr. „Jetzt ist Bastelzeit!“

„Wir sind schon unterwegs!“, rief Bella zurück, und nach einer herzlichen Verabschiedung von den Feuerwehrleuten setzten sich die verkleideten Kinder tatsächlich in Bewegung.

Christina konnte nicht widerstehen und ging noch einmal zu dem attraktiven Feuerwehrmann. „Vielen Dank für Ihre Geduld“, sagte sie aufrichtig.

Er zuckte nur mit den Schultern, und sein herzerwärmendes Lächeln verschwand. „Gehört zum Job.“

„Ja, aber es ist ja nicht wirklich Ihr Job. Sie machen das freiwillig.“

Seine klaren blauen Augen verengten sich. „Genau. Ich mache das freiwillig. Für die Gemeinde. Und das hier war einer der einfacheren Einsätze.“

„Sie sind also nicht enttäuscht, wenn Sie gar kein Feuer vorfinden?“ Christina wollte das wirklich wissen und ertappte sich dabei, herausfinden zu wollen, was in diesem Mann vorging.

Er verschränkte die Arme vor der Brust. „Einerseits schon. Aber glauben Sie mir, wenn der Adrenalinkick erst einmal vorbei ist, haben wir nicht das Geringste gegen Fehlalarm einzuwenden.“

„Aber Sie haben doch sicher alles stehen und liegen lassen, und das an einem Freitagabend, wenn Ausgehzeit ist!“

„Tja, das gehört auch dazu.“ Er sah, wie der große Ventilator zum Löschwagen zurückgetragen wurde. „Anscheinend ist die Turnhalle wieder rauchfrei. Ich muss beim Einladen helfen. Wenn Sie mich bitte entschuldigen würden?“

Christina sah ihm verblüfft hinterher, wie er zurück in die Turnhalle ging, um beim Wegräumen weiterer Ausrüstungsteile zu helfen. Er hatte sie einfach stehen lassen. Die Arme über ihren entblößten Haremsdamenbauch gelegt, ging sie ihm hinterher und sah zu, wie schließlich die letzten Feuerwehrleute in den Löschwagen stiegen und dieser davonfuhr.

Dabei ließ sie sich noch einmal die Worte durch den Kopf gehen, die sie mit dem gut aussehenden jungen Feuerwehrmann gewechselt hatte. Er war der erste Mann seit Jahren, der ihr Interesse geweckt hatte. Aber ihre Prioritäten hier in Morrisville waren klar festgelegt: Karriere machen und ihre Tochter großziehen. Alles andere war nebensächlich.

Selbst wenn dieser Mann sie ebenfalls interessant fand – nach Verabredungen stand ihr momentan nun wirklich nicht der Sinn. Vermutlich würden sie sich ohnehin so schnell nicht wieder über den Weg laufen.

Bruce Lancaster hängte seine Feuerwehrklamotten samt Helm an die Garderobe und ging in die Küche seines kleinen Ranchhauses. Er hatte alles stehen und liegen lassen, als der Feueralarm einsetzte. Der Fernseher im Wohnzimmer lief noch und zeigte das Sportprogramm, das er vorhin gesehen hatte.

Sein Teller auf dem Couchtisch war natürlich leer. Es hatte Hähnchenbruststreifen gegeben. Dafür lag neben der Heizung ein äußerst zufriedener, weil sehr satter Kater.

Bruce stellte die Papiertüte mit dem Fast Food auf den Küchentisch. Kluge Männer mit verfressenen Katern wussten, dass nach einem Feuerwehreinsatz eine Stippvisite im Drive-in angesagt war.

Er seufzte und steckte sich eine Fritte in den Mund. Die Papiertüte knisterte, als er das Stäbchen herausnahm, und der Kater wurde wach. Wenn die Wahl zwischen Fressen und Schlafen stand, zögerte Boris nicht lange. Neugierig kam er herüber, um die interessanten Gerüche näher zu untersuchen.

Bruce nahm sich noch eine Fritte und legte die Tüte dann zur Sicherheit in die Mikrowelle. Nach Einsätzen duschte er sich immer erst, bevor er aß. Auch wenn es nur blinder Alarm gewesen war.

Er war auf dem Weg zum Badezimmer, als das Telefon klingelte. Er warf einen Blick auf das Display und nahm ab. „Hallo, Granddad.“

„Hallo, Bruce. Ich habe dich heute Nachmittag noch nicht erwischen können. Willkommen zurück. Bist gewappnet für die Besprechung Montag früh?“

„Ja. Ein paar Akten habe ich noch hier zu Hause. Ich will übers Wochenende noch ein paar letzte Notizen machen.“

„Wunderbar. Ich habe deinem Vater gepredigt, auf diese dreimonatige Kreuzfahrt mit deiner Mutter zu verzichten! Ich habe sie immer gern gemocht, deine Mutter, das weißt du. Aber es ist eine Zeit der Entscheidungen für die Kanzlei. Wenn ich noch etwas zu sagen hätte, wäre niemals ein Fremder als neuer Teilhaber geholt worden, schon gar nicht zulasten eines Familienmitglieds. Du wärst an der Reihe gewesen für diese Position. Oder sie hätten wenigstens gleich zwei neue Teilhaberstellen einrichten sollen.

Eine Frechheit, die ganze Sache! Ich werde mir Reginald Morris noch vorknöpfen, davon kannst du getrost ausgehen. Er ist ganz und gar nicht wie sein alter Herr gestrickt. Hat nicht den geringsten Familiensinn, der Bengel. Jede Wette, dein Vater hat gar keine Ahnung von dieser Scharade! Aber wenn er doch Bescheid weiß, dann werde ich ihn enterben müssen. Ganz klar. Wer ist dieser Emporkömmling Chris Jones überhaupt? Harvard-Absolvent, soweit ich gehört habe. Wahrscheinlich so ein Neu-England-Schnösel, der sechs Sprachen spricht.“

Bruce war müde. Normalerweise grinste er, wenn er einer der legendären Tiraden seines Großvaters lauschen durfte. Roy Lancaster war siebzig. Seinerzeit hatte er einen großen Fall vor dem Obersten Gericht der Vereinigten Staaten gewonnen. Sein Vater hatte Lancaster & Morris gegründet, aber Roy war derjenige gewesen, der die Kanzlei zu der angesehenen Anwaltsfirma aufgebaut hatte, die sie heute war.

„Ich weiß nicht, wer dieser Chris Jones ist“, sagte Bruce ruhig. Er hatte wirklich keinen Schimmer. „Ich war während der letzten vier Wochen in Indianapolis, wegen der Benedict-Berufung. Jetzt bin ich gerade den zweiten Tag wieder hier und habe den Typen noch nicht zu Gesicht bekommen. Erst einmal habe ich es überhaupt ins Büro geschafft, seit ich wieder hier bin. Wir brauchen jemanden, der gut Spanisch spricht. Das ist Fakt. Ich bin sicher, wir werden gut miteinander auskommen.“

„Zu meiner Zeit wurde noch erwartet, dass die Leute anständig Englisch lernen, wenn sie hierherkommen“, grummelte sein Großvater. „Nicht dieser weich gespülte Multikulti-Zweisprachen-Quatsch.“

„Sicher werden unsere Klienten auch noch besser Englisch lernen. Immerhin sind sie alle legale Einwanderer. Sie haben die Greencard, und ihre Rechte hier wurden verletzt. Da spielt es keine Rolle, ob sie bereits gut Englisch sprechen oder nicht.“ Bruce fuhr sich durch die Haare. Er hasste es, wenn sie nach einem Feuerwehreinsatz vom Helm platt gedrückt waren. „Können wir vielleicht später weiterreden, Granddad? Ich bin gerade von einem Einsatz zurück, wollte eben unter die Dusche springen.“

„Ah, Feuerwehr. Wie ich das vermisse“, gestand der alte Mann am anderen Ende der Leitung ein, obwohl sein letzter Feuerwehreinsatz mindestens fünfundvierzig Jahre zurücklag. „Große Show? Habe in den Polizeinachrichten nichts gesehen.“

„Bloß eine Nebelmaschine, auf die die Rauchdetektoren in der Grundschule reagiert haben.“

„Ach so.“ Sein Großvater klang enttäuscht. „Sehen wir uns übers Wochenende im Klub? Die Golfsaison ist so gut wie vorbei. Das wird wahrscheinlich das letzte schöne Wochenende für eine Weile. Das Gras wird langsam braun, und im November ist es einfach viel zu kalt für Golf.“

„Ich spiele zurzeit nicht.“

Sein Großvater lachte in sich hinein. „Verstehe. Eine Frau. Na, dann geh mal lieber unter die Dusche.“

„Genau.“ Bruce verabschiedete sich und ließ das Telefon auf das große Doppelbett fallen. Er war seit Monaten solo und hatte noch länger schon keinen Sex mehr gehabt. Die schwierigen Fälle, an denen er gearbeitet hatte, ließen ihm seit einer Weile einfach keine Zeit mehr für Beziehungen. Und von Affären für eine Nacht hatte er noch nie viel gehalten.

Sein letzter Problemfall lag nun beim Bundesgericht. Hoffentlich hatte er jetzt Muße genug, um sich wieder nach Frauen umzusehen. Den Diskriminierungsfall würde Chris Jones erledigen. Dafür war der Kerl schließlich geholt und aus dem Stand zum Teilhaber gemacht worden.

Bruce drehte die Dusche an und stellte sich darunter. Wer weiß, wie lange er noch bei der freiwilligen Feuerwehr bleiben konnte. Am liebsten wäre er ja Berufsfeuerwehrmann in der Großstadt geworden. Aber für einen Lancaster-Jungen kam das nicht infrage. Die Lancasters waren Rechtsanwälte, seit Generationen schon. Einer seine Vorfahren hatte sogar im Congress mit Abraham Lincoln zusammengearbeitet.

Bruce’ Engagement bei der freiwilligen Feuerwehr wurde in der Familie nur akzeptiert, weil die Bürger von Morrisville das sehr schätzten und es der Familie zu noch mehr Ansehen verhalf.

Dass Roy Lancaster in seinen jungen Jahren selbst bei der freiwilligen Feuerwehr von Morrisville gewesen war, hatte es Bruce leichter gemacht, seinen Eltern ihre Zustimmung abzuringen. Sie hatten ein Kind im Alter von vier Monaten verloren, und er war ihr einziges geblieben. Kein Wunder, dass sie schreckliche Angst hatten, ihn bei so einem gefährlichen Hobby zu verlieren.

Er war jetzt neunundzwanzig und noch Junggeselle. Die Mädchen in Morrisville heirateten früh, in seiner Generation gab es keine ledigen Frauen mehr. Und die Großstadtfrauen, die er kennengelernt hatte, wollten nicht hierher in die tiefste Provinz, wo das nächste Einkaufszentrum viele Meilen entfernt lag und es nicht einmal einen Pizzaservice gab. Aber ihm gefiel es.

Er erinnerte sich an die Haremsdame aus der Grundschule. Sie war nicht von hier, das war klar. Und sie war auch keine Weiße, trotz ihrer hellen Haare. Eine Mexikanerin? Gut möglich. Immerhin waren in den letzten Jahren jede Menge Mexikaner hierher nach Indiana gekommen.

Deshalb war es so wichtig, diesen Diskriminierungsfall zu gewinnen und sich damit dem wachsenden Spanisch sprechenden Bevölkerungsanteil als kompetente Interessenvertreter zu empfehlen. Bruce hatte Französisch gelernt. Aber das hatte ihm bisher nur geholfen, wenn er im Chez Jacques in Cincinnati eine Frau beeindrucken wollte.

Sie hatte gut ausgesehen, diese Haremsdame. Besonders ihre goldbraunen Augen hatten ihm gefallen. Augen mit solcher Tiefe sah er nur selten. Am liebsten hätte er sie angelächelt und getröstet, weil sie so verunsichert wegen des Fehlalarms schien. Aber er hatte sich absichtlich zurückgehalten und strenge Autoritätsperson gespielt. Sie hatte ein Kind.

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