Logo weiterlesen.de
Fremde Gäste

Über dieses Buch

London, 1922. Die 28-jährige Frances Wray und ihre Mutter sind gezwungen, Untermieter in ihrem Stadthaus aufzunehmen, um über die Runden zu kommen, seit der Vater und die beiden Brüder im Krieg gefallen sind. Mit der Ankunft von Lilian und Leonard Barber, einem modernen jungen Ehepaar, ändern sich die Atmosphäre und die Routinen des Hauses auf ungeahnte Weise. Und als sich eine zarte Liaison zwischen den beiden jungen Frauen anbahnt und das anfängliche Misstrauen des Ehemannes in blanken Hass umschlägt, nimmt eine Tragödie unaufhaltsam ihren Lauf …

Über die Autorin

Sara Waters stammt aus Wales und lebt als freie Schriftstellerin in London. In UK ist sie längst ein Star mit einer begeisterten Leserschaft. Nun hat sie auch im Ausland für Furore gesorgt: Ihr für den Booker Prize und den Orange Prize nominiertes, in unzähligen Rezensionen hochgelobtes, für eine Verfilmung optioniertes neuestes Werk, The Little Stranger, wurde in 35 Länder verkauft.

Sarah Waters

FREMDE
GÄSTE

Roman

Aus dem Englischen
von Ute Leibmann

BASTEI ENTERTAINMAENT-Logo

BASTEI ENTERTAINMENT

 

Für Judith Murray,

in Liebe und Dankbarkeit

Erster Teil

1

Die Barbers hatten angekündigt, dass sie gegen drei kommen wollten. Es ist, als würde man auf den Beginn einer Reise warten, dachte Frances. Ihre Mutter und sie hatten den ganzen Vormittag immer wieder angespannt auf die Uhr geschaut. Gegen halb drei hatte Frances noch einmal wehmütig die Zimmer durchgewischt – zum letzten Mal, wie sie glaubte –, anschließend hatte sie versucht, sich innerlich für das zu rüsten, was da kommen würde, darauf war eine Phase zunehmender Ernüchterung gefolgt, und nun, um beinahe fünf Uhr, war sie schon wieder hier und lauschte dem Widerhall ihrer eigenen Schritte. Sie verspürte keinerlei Sympathie für die karg möblierten Zimmer und wartete nur noch ungeduldig darauf, dass das Ehepaar endlich ankam und einzog, damit sie es hinter sich hatten.

Sie stand am Fenster des größten Raumes, der noch vor Kurzem das Schlafzimmer ihrer Mutter gewesen war und jetzt den Barbers als Wohnzimmer dienen würde, und blickte auf die Straße hinaus. Es war ein sonniger, aber diesiger Nachmittag. Der Wind wehte kleine Staubwolken vom Bürgersteig und der Straße auf. Die stattlichen Villen auf der anderen Straßenseite starrten ihr mit sonntäglicher Leere entgegen – doch das taten sie eigentlich an jedem Tag der Woche. Hinter der nächsten Straßenecke befand sich ein größeres Hotel, und gelegentlich kamen Autos und Pferdedroschken auf ihrem Weg dorthin durch diese Straße; manchmal spazierten auch Leute am Haus vorbei, vielleicht um frische Luft zu schnappen. Doch alles in allem blieb Champion Hill eher für sich. Die Häuser hatten große Gärten mit dicht belaubten Bäumen. Man würde niemals vermuten, dass gleich am Fuße des Hügels das schäbige Camberwell lag. Und man konnte sich erst recht nicht vorstellen, dass nur ein paar Kilometer weiter nördlich London war, Glanz und pralles Leben.

Sie hörte ein Motorengeräusch und wandte den Kopf. Ein Lieferwagen näherte sich dem Haus. Das konnten sie doch wohl nicht sein? Sie hatte mit einem Pferdewagen gerechnet oder sogar damit, dass das Ehepaar zu Fuß ankommen würde. Aber tatsächlich: Der Lieferwagen hielt mit ohrenbetäubend quietschenden Bremsen am Straßenrand, und jetzt konnte sie auch die Gesichter in der Fahrerkabine ausmachen, die zu ihr emporschauten: der Fahrer, Mr Barber und in der Mitte zwischen beiden Mrs Barber. Plötzlich fühlte sie sich hinter ihrer Fensterscheibe wie auf einem Präsentierteller und hob zaghaft lächelnd die Hand zu einem Gruß.

Dann ist es nun also so weit, sagte sie sich, das Lächeln immer noch im Gesicht festgefroren.

Es war ganz und gar nicht wie der Beginn einer Reise, eher wie das Ende, wenn man gar nicht aus dem Zug aussteigen will. Widerstrebend verließ sie ihren Platz am Fenster, ging die Treppe hinunter in die Eingangshalle und rief mit übertriebener Fröhlichkeit in den Salon: »Sie sind da, Mutter!«

Während sie die Vordertür öffnete und auf die Vortreppe hinaustrat, waren die Barbers aus dem Lieferwagen gestiegen und schon damit beschäftigt, ihre Sachen von der Ladefläche herunterzuholen. Der Fahrer, ein junger Mann, half ihnen dabei. Genau wie Mr Barber trug er einen Blazer und einen gestreiften Schlips. Er hatte auch ein ähnlich schmales Gesicht und leger frisiertes Haar ohne Pomade, sodass Frances einen Moment lang unsicher war, bei welchem der beiden Männer es sich eigentlich um Mr Barber handelte. Sie war dem Ehepaar erst ein Mal begegnet, an einem regnerischen Aprilabend vor knapp zwei Wochen, und da war der Ehemann direkt aus dem Büro gekommen und hatte Regenmantel und Melone getragen.

Doch jetzt erinnerte sie sich wieder an seinen rötlichen Schnauzbart und den rotgoldenen Ton seiner Haare. Der andere Mann hatte blondes Haar. Die Ehefrau, die beim letzten Mal eher schlicht und unscheinbar gekleidet gewesen war, trug nun einen fransenbesetzten Rock und einen dunkelroten Pullover. Der Rocksaum endete bestimmt fünfzehn Zentimeter oberhalb ihrer Knöchel. Der Pullover war lang, und obwohl er keineswegs eng anlag, betonte er doch die Rundungen ihrer Figur. Ebenso wie die beiden Männer trug sie keinen Hut. Ihr dunkles Haar war kurz geschnitten; vorn lockte es sich über ihre Wangen, im Nacken dagegen war es so kurz, dass es an eine raffiniert geschnittene schwarze Kappe erinnerte.

Wie jung sie aussahen! Die Männer wirkten kaum älter als Schuljungen, und dabei hatte Frances bei ihrer letzten Begegnung geschätzt, dass Mr Barber etwa in ihrem Alter war, sechsundzwanzig oder siebenundzwanzig. Mrs Barber hatte sie auf dreiundzwanzig geschätzt. Jetzt war sie sich nicht mehr so sicher. Während sie den gepflasterten Vorgarten durchquerte, hörte sie ihre aufgeregten, sorglosen Stimmen. Sie hatten einen Schrankkoffer vom Wagen geladen und so unvorsichtig abgesetzt, dass Mr Barber sich dabei offensichtlich die Finger eingeklemmt hatte. »Jetzt lach doch nicht!«, rief er seiner Frau gespielt vorwurfsvoll zu. Da erinnerte sie sich wieder an ihren aufgesetzt kultivierten Akzent, der klang, als hätten sie ihn mühevoll in der Sprecherziehung eingeübt.

Mrs Barber ergriff seine Hand. »Lass mal sehen. Ach, da ist doch gar nichts!«

Er zog die Hand wieder zurück. »Ja, jetzt ist da nichts. Aber warte mal ein paar Minuten ab. Menschenskind, das tut vielleicht weh!«

Der andere Mann rieb sich die Nase. »Seht mal.« Er hatte Frances am Gartentor erblickt. Die Barbers wandten sich, immer noch lachend, um, sodass es plötzlich schien, als gelte das Gelächter ihr, was nicht sehr angenehm war.

»Da sind Sie ja«, sagte sie und trat zu den dreien auf den Bürgersteig hinaus.

Mr Barber, immer noch halb lachend, erwiderte: »Ja, da sind wir! Und wie man sieht, schaden wir schon dem Ansehen der Straße!«

»Ach, das erledigen meine Mutter und ich schon.«

Mrs Barber sprach mit größerer Ernsthaftigkeit. »Es tut uns leid, dass wir erst so spät kommen, Miss Wray. Ich weiß gar nicht, wo die Zeit geblieben ist. Sie haben doch hoffentlich nicht auf uns gewartet? Man könnte wirklich meinen, wir wären aus dem nördlichsten Winkel Schottlands angereist.«

Tatsächlich waren sie aus Peckham Rye gekommen, keine zwei Meilen entfernt. »Manchmal dauern die kürzesten Reisen eben am längsten«, sagte Frances.

»In der Tat«, stimmte Mr Barber zu. »Vor allem, wenn Lilian dabei ist. Mr Wismuth und ich waren Punkt eins abfahrbereit. – Das ist übrigens mein Freund Charles Wismuth, der uns netterweise den Lieferwagen seines Vaters zur Verfügung gestellt hat.«

»Ihr wart gar nicht fertig!«, rief Mrs Barber, während Mr Wismuth grinsend vortrat und Frances die Hand schüttelte. »Miss Wray, die beiden waren wirklich nicht fertig!«

»Wir haben doch längst auf dich gewartet, während du immer noch deine Hüte sortiert hast!«

»Wie auch immer«, sagte Frances, »nun sind Sie ja hier.«

Möglicherweise hatte ihr Tonfall ein wenig kühl geklungen. Die drei jungen Leute wirkten plötzlich, als habe man sie gescholten, und mit einem Blick auf seinen verletzten Fingerknöchel begab sich Mr Barber wieder zur Ladefläche des Lieferwagens. Über seine Schulter hinweg gelang es Frances, einen Blick auf das zu erhaschen, was sich im Wagen befand: ein Durcheinander von prall gefüllten Koffern, ineinander verhakten Stuhl- und Tischbeinen, etliche Bündel Bettzeug, gerollte Teppichläufer, ein tragbares Grammofon, ein Vogelkäfig aus Weidenrohr, ein bronzeglänzender Aschenbecher auf einem Marmorständer. Die Vorstellung, dass alle diese Gegenstände gleich in ihr Haus getragen würden – und dass diese Leute, die nicht ganz dem Ehepaar aus ihrer Erinnerung entsprachen, die jünger und unbesonnener waren, sie gleich hereintragen und aufstellen und sich darin häuslich einrichten würden –, diese Vorstellung löste einen Moment lang Panik in ihr aus. Was um alles in der Welt hatte sie nur getan? Plötzlich hatte sie das Gefühl, als öffnete sie Dieben und Eindringlingen das Haus.

Aber es gab ja keine andere Lösung, um das Haus überhaupt zu halten. Mit einem entschlossenen Lächeln trat sie zum Lieferwagen und bot ihre Hilfe an.

Die Männer wollten jedoch nichts davon wissen. »Kommt gar nicht infrage, Miss Wray.«

»Nein, wirklich, das ist nicht nötig«, versicherte auch Mrs Barber. »Len und Charlie kümmern sich darum. Es ist ja auch kaum was zu tun.« Dabei betrachtete sie die Gegenstände, die sich um sie herum sammelten, und tippte sich nachdenklich mit dem Finger an den Mund.

Nun erinnerte sich Frances wieder an diesen Mund: ein Mund, der, wie sie für sich gedacht hatte, mehr aus dem Außen als einem Innen zu bestehen schien. Heute trug er einen Hauch Farbe, den sie beim letzten Mal nicht gesehen hatte, und jetzt fiel ihr auch auf, dass Mrs Barbers Augenbrauen schmal und in Form gezupft waren. Diese modischen Details verstärkten noch ihr Gefühl der Unsicherheit; sie kam sich altjüngferlich vor mit ihren hochgesteckten Haaren, dem kantigen Körper und der Bluse, die sie in den Rock mit der hochgeschnittenen Taille gesteckt hatte, wie es zu Kriegszeiten Mode gewesen war. Schließlich war der Krieg schon seit vier Jahren vorüber. Als sie sah, wie Mrs Barber, ein Tablett voller Zimmerpflanzen im Arm, mühsam versuchte, ihre Hand durch den Griff einer Basttasche zu schieben, sagte sie: »Lassen Sie mich wenigstens die Tasche tragen.«

»Oh, das schaffe ich schon.«

»Also, irgendwas kann ich wirklich tragen.«

Schließlich bemerkte sie, dass Mr Wismuth ihr den hässlichen Standaschenbecher aus dem Wagen reichte. Sie nahm ihn entgegen, ging damit durch den Vorgarten und hielt die Haustür auf. Mrs Barber folgte ihr vorsichtig die Treppen zum Eingang hinauf.

Auf der Schwelle zögerte sie jedoch einen Moment, schaute an dem Farnkraut auf ihren Armen vorbei in die Eingangshalle und lächelte.

»Es ist genauso hübsch, wie ich es in Erinnerung habe.«

Frances wandte sich um. »Tatsächlich?« Wenn sie sich umblickte, schrie ihr von überall nur Unaufrichtigkeit entgegen: die Schrammen und Risse im Putz, die sie mühevoll übertüncht hatte, die kahle Stelle, vor der einmal die große Standuhr platziert gewesen war, die sie bereits vor sechs Monaten hatten verkaufen müssen; der blank geputzte Gong, der schon seit Jahren nicht mehr genutzt wurde, um zu den Mahlzeiten zu rufen. Sie wandte sich zu Mrs Barber um, die immer noch zögerlich an der Schwelle stand. »Treten Sie doch ein. Es ist jetzt auch Ihr Haus.«

Mrs Barber hob die Schultern, biss sich auf die Lippen und hob die Augenbrauen, um ihre freudige Erregung anzudeuten. Als sie vorsichtig in den Flur trat, traf ihr Absatz sofort eine lose Fliese und setzte diese in Bewegung. Sie kicherwte verlegen: »Ach du je!«

Frances’ Mutter tauchte an der Tür zum Salon auf. Vermutlich hatte sie gleich dahinter gewartet und sich innerlich auf ihren Begrüßungsauftritt vorbereitet.

»Herzlich willkommen, Mrs Barber«, grüßte sie mit einem Lächeln. »Was für hübsche Pflanzen! Das ist doch Tüpfelfarn, nicht wahr?«

Mrs Barber manövrierte Tablett und Tasche so in eine Hand, dass sie ihr die andere reichen konnte. »Ich muss gestehen, ich habe keine Ahnung.«

»Ich glaube schon. Es ist Tüpfelfarn – wirklich hübsch. Haben Sie gut hierhergefunden?«

»Ja, danke. Es tut uns leid, dass wir so spät dran sind.«

»Ach, das macht doch nichts. Die Zimmer laufen Ihnen ja nicht weg. Jetzt müssen wir Ihnen unbedingt erst mal einen Tee anbieten.«

»Oh, machen Sie sich bitte keine Mühe.«

»Aber Sie müssen einen Tee trinken. Man hat doch immer gern Tee, wenn man umzieht, und dann kann man die Kanne nicht finden. Ich bereite etwas vor, während meine Tochter Ihnen oben alles zeigt.« Sie betrachtete mit zweifelndem Blick den Aschenbecher. »Du hilfst auch mit, Frances?«

»Es erschien mir nur recht, da Mrs Barber so schwer beladen war.«

»Aber nein, Sie brauchen wirklich nicht zu helfen«, sagte Mrs Barber, kicherte wieder nervös und fügte hinzu: »Das wäre wirklich zu viel verlangt.«

Frances, die vor ihr die Treppen emporstieg, dachte: Wie sie lacht!

Am oberen Treppenabsatz angekommen, mussten sie wieder kurz innehalten. Die Tür zu ihrer Linken war geschlossen – sie führte in Frances’ Schlafzimmer, das einzige Zimmer im Obergeschoss, über das sie und ihre Mutter noch verfügen würden –, doch alle anderen Türen standen offen, und das sattgelbe Licht der Nachmittagssonne fiel durch die beiden Zimmer an der Frontseite des Hauses bis fast zum Treppenflur. Es zeigte unbarmherzig die Risse in den Teppichen, hob aber zugleich den Glanz des Regency-Parketts hervor, das Frances in dieser Woche mehrere Vormittage lang mit gebeugtem Rücken gebohnert hatte, bis es leuchtete wie dunkler Toffee. Mrs Barber zögerte, die polierten Dielen mit ihren hochhackigen Schuhen zu überqueren. »Das macht nichts«, sagte Frances. »Die Oberfläche wird ohnehin bald wieder stumpf.« Doch Mrs Barber erwiderte entschlossen: »Nein, ich will das Parkett nicht verderben«, stellte ihre Tasche und das Tablett mit den Pflanzen auf den Boden und streifte die Schuhe ab.

Sie hinterließ kleine feuchte Fußabdrücke auf dem Wachs. Ihre Strümpfe waren schwarz, am dunkelsten im Zehen- und Fersenbereich, wo die Seide mit aparten kleinen Verstärkungen versehen war. Während Frances in der Tür stehen blieb, betrat Mrs Barber das größte der Zimmer, wo sie sich genauso aufmerksam und anerkennend umblickte wie im Eingangsflur und jedem antiken Detail ein wohlwollendes Lächeln schenkte.

»Was für ein hübsches Zimmer! Es kommt mir sogar noch größer vor als beim letzten Mal. Len und ich werden uns darin verlaufen! Bis jetzt hatten wir doch nur unser Schlafzimmer bei seinen Eltern. Und deren Haus ist – nun ja – nicht wie dieses hier.« Sie ging durch das Zimmer zum linken Fenster, dem Fenster, an dem Frances noch vor ein paar Minuten gestanden hatte, und hielt die Hand zum Schutz gegen die Sonne vor die Augen. »Sehen Sie nur, wie schön die Sonne scheint. Beim letzten Mal, als wir hier waren, war es ganz bedeckt.«

Frances trat neben sie. »Ja, in diesem Zimmer hat man am meisten Sonne. Ich fürchte bloß, der Ausblick ist nichts Besonderes, obwohl wir so weit oben sind.«

»Aber man kann doch ein bisschen Grün zwischen den Häusern hindurch sehen.«

»Zwischen den Häusern, ja. Und wenn Sie nach Süden schauen – da runter …«, sie deutete mit der Hand in die entsprechende Richtung, »dann können Sie die Türme vom Chrystal Palace sehen. Sie müssen näher an die Scheibe kommen … Können Sie sie jetzt sehen?«

Einen Moment lang standen sie dicht nebeneinander, Mrs Barbers Gesicht berührte fast die Scheibe, ihr Atem beschlug das Glas. Ihre Augen unter den dunklen Wimpern blickten suchend in die Ferne und verharrten dann. »Oh ja, da!« Sie klang entzückt.

Doch im nächsten Moment trat sie einen Schritt zurück, blickte auf die Straße hinunter und sagte mit gutmütigem Spott in der Stimme: »Da, schauen Sie sich nur Len an – wie der herumjammert! Er ist richtig schwächlich!« Sie klopfte gegen die Scheibe und rief gestikulierend nach unten: »Lass Charlie das lieber tragen! Komm rauf und schau dir die Sonne an! Die Sonne. Siehst du nicht? Die Sonne!« Sie ließ die Hand sinken. »Er kann mich nicht hören. Egal. Wie komisch es ist, unsere Sachen da stehen zu sehen. Richtig armselig sieht das aus – wie auf einem Flohmarkt! Was mögen sich bloß Ihre Nachbarn denken, Miss Wray?«

Ja, was mochten die sich denken? Frances konnte schon die neugierige Mrs Dawson von gegenüber sehen, die so tat, als richtete sie etwas an der Verriegelung des Wohnzimmerfensters. Und da war auch Mr Lamb, der in High Croft ein Stück hügelabwärts wohnte. Er hielt in seinem Spaziergang inne und betrachtete verwirrt die prall gefüllten Koffer, die verbeulten Blechkisten, die Taschen, Körbe und Teppichläufer, die Mr Barber und Mr Wismuth der Bequemlichkeit halber an die niedrige Gartenmauer gelehnt hatten.

Sie sah, wie die beiden Männer ihm zunickten, und hörte sie grüßen. Mr Lamb zögerte und konnte sie offenbar nicht recht einordnen, vielleicht wegen ihrer gestreiften Krawatten.

»Wir sollten helfen gehen«, schlug sie vor.

Mrs Barber erwiderte: »Ja, ich gehe schon.«

Doch als sie das Zimmer verlassen hatte, ging sie nicht nach unten, sondern schlenderte in das benachbarte Schlafzimmer. Und von dort aus betrat sie das letzte Zimmer, das kleine Hinterzimmer, das gegenüber von Frances’ Schlafzimmer an der Biegung der Treppe lag. Frances und ihre Mutter nannten diesen Raum immer noch »Nellys und Mabels Zimmer«, obwohl dort seit 1916 weder Nelly noch Mabel noch irgendwelche anderen Hausmädchen gewohnt hatten, denn alle waren damals in die Munitionsfabriken gegangen. Inzwischen war das Zimmer in eine Küche umgewandelt worden, mit Anrichte und Spülbecken, mit Gasbeleuchtung und einem Gasofen sowie einem münzbetriebenen Gaszähler. Frances hatte selbst die Tapete überstrichen und den Boden abgebeizt. Den Küchenschrank und den Tisch mit der Aluminiumplatte hatte sie aus der Spülküche im Erdgeschoss nach oben geschleppt, als ihre Mutter einmal unterwegs war und ihr nicht dabei zuschauen konnte.

Sie hatte ihr Bestes getan, alles richtig zu machen. Doch als sie jetzt sah, wie Mrs Barber umherging und alles in Besitz nahm, wie sie überlegte, was hierhin und was dorthin sollte, kam sie sich eigenartig überflüssig vor, so als sei sie ein Geist ihrer selbst geworden. Verlegen sagte sie: »Ja, wenn Sie jetzt alles haben, was Sie brauchen, werde ich mal nach dem Tee schauen. Ich bin unten, falls es irgendwelche Probleme gibt. Am besten kommen Sie gleich zu mir, wenn etwas ist, und nicht zu meiner Mutter. Und … ach ja …« Sie hielt inne und griff in ihre Tasche. »Die gebe ich Ihnen lieber jetzt gleich, ehe ich es vergesse.«

Sie zog die Hausschlüssel aus der Tasche, zwei separate Schlüsselbunde. Es kostete sie Überwindung, die Schlüssel abzugeben, sie tatsächlich dieser Frau in die Hand zu legen – dieser jungen Frau, einer nahezu völlig fremden Person, die erst durch ein Inserat in der South London Press in ihr Leben getreten war. Doch als Mrs Barber den Schlüssel entgegennahm, neigte sie den Kopf in einer Geste der Anerkennung, die zeigte, dass sie die Tragkraft des Moments erkannte. Und sie sagte mit überraschendem Zartgefühl: »Danke, Miss Wray. Vielen Dank, dass Sie alles so hübsch hergerichtet haben. Ich bin sicher, dass Leonard und ich uns hier sehr wohlfühlen werden. Ja, das werden wir bestimmt. Ach ja, ich habe Ihnen natürlich auch was mitgebracht«, fügte sie hinzu, während sie die Schlüssel in ihre Basttasche räumte. Sie reichte ihr einen zerknitterten braunen Umschlag.

Darin befand sich die Miete für zwei Wochen. Achtundfünfzig Schilling. Frances konnte schon das Knistern der Geldscheine und das Klimpern der Münzen hören. Sie bemühte sich um einen geschäftsmäßigen Gesichtsausdruck, während sie den Umschlag von Mrs Barber entgegennahm und ihn dann betont beiläufig in die Tasche steckte – als könne sie dadurch den Eindruck vermitteln, dass das Geld eine reine Formsache sei und nicht das Wesentliche, das Herzstück, der schäbige Kern der ganzen Angelegenheit.

Während die Männer unten keuchend eine schwere Nähmaschine mit Tretkurbel vorbeischleppten, schlüpfte sie kurz in den Salon, um einen raschen Blick auf das Geld zu werfen. Sie löste die Gummierung des Umschlags – und da war es, das ganze Geld, so wirklich, so ganz und gar ihres, dass sie am liebsten die Lippen gesenkt und die Scheine geküsst hätte. Sie faltete den Umschlag wieder zusammen, steckte ihn in die Tasche und ging mit beflügelten Schritten durch die Eingangshalle und den Flur in die Küche.

Ihre Mutter stand am Herd und hob gerade den Kessel von der Kochplatte. Dabei hatte sie den leicht gehetzten Gesichtsausdruck, den sie immer bekam, wenn sie allein in der Küche war, wie ein Passagier auf einem havarierten Kreuzfahrtschiff, den man gerade in den Maschinenraum gerufen und damit beauftragt hat, die Druckluftanzeigen zu beaufsichtigen. Sie reichte den Kessel in Frances’ ruhigere Hände weiter und machte sich daran, das Teegeschirr, Milchkännchen und Zuckerdose zusammenzusuchen. Sie stellte drei Tassen mit Untertassen auf ein Tablett für die Barbers und Mr Wismuth, dann zögerte sie mit zwei weiteren Untertassen in der Hand. Mit gesenkter Stimme fragte sie Frances: »Was meinst du, sollten wir mit ihnen Tee trinken?«

Frances zögerte ebenfalls. Wie waren die Gepflogenheiten in einem solchen Falle?

Ach, wen scherte das schon. Schließlich hatten sie das Geld. Sie nahm ihrer Mutter die Untertassen ab. »Nein, damit wollen wir lieber gar nicht erst anfangen. Nachher wird das noch zur Gewohnheit. Wir bleiben im Salon, die können ihren Tee oben bei sich trinken. Ich stelle ihnen noch einen Teller mit Keksen dazu.« Sie nahm den Deckel von der Keksdose und wollte hineingreifen.

Doch dann zögerte sie wieder. War Gebäck wirklich notwendig? Sie legte drei Kekse auf einen Teller, stellte diesen neben die Teekanne – im nächsten Moment jedoch überlegte sie es sich anders und nahm ihn wieder herunter.

Aber dann musste sie an die freundliche Mrs Barber denken, wie sie behutsam über den gebohnerten Boden gegangen war; sie dachte an die raffiniert genähten Fersenverstärkungen ihrer Strümpfe – und stellte den Teller wieder auf das Tablett zurück.

Die Männer liefen eine weitere halbe Stunde die Treppen rauf und runter, und danach konnte man längere Zeit hören, wie Möbel über den Boden geschleift und Kisten und Koffer hin- und hergeschoben wurden. Mitunter riefen sich die Barbers von einem zum anderen Zimmer etwas zu, und einmal dröhnte kurz laute Musik aus dem tragbaren Grammofon, woraufhin Frances und ihre Mutter sich entsetzt ansahen. Doch um sechs machte sich Mr Wismuth auf den Heimweg, klopfte kurz an die Salontür, um sich höflich zu verabschieden, und nachdem er fort war, wurde es ruhiger im Haus.

Allerdings war deutlich zu spüren, dass das Haus nicht mehr dasselbe war wie noch vor zwei Stunden. Frances und ihre Mutter saßen mit ihren Büchern an der Flügeltür zum Garten, um noch das letzte bisschen Tageslicht zu erhaschen, denn in den letzten Jahren hatten sie sich solche kleinen Sparmaßnahmen angewöhnt. Doch über diesem Zimmer – einem hübschen Raum, der sich über die gesamte Tiefe des Hauses erstreckte und durch Doppeltüren unterteilt wurde, die sie im Frühjahr und Sommer offen ließen – lagen zwei Zimmer der Barbers, ihr Schlafzimmer und ihre Küche, und während Frances die Seiten ihres Buches umblätterte, wurde sie sich der Anwesenheit des Ehepaares über ihnen zunehmend bewusst, störend und ungewohnt wie ein Staubkorn im Auge.

Eine Zeit lang gingen sie im Schlafzimmer auf und ab, sie hörte, wie Schubladen geöffnet und wieder geschlossen wurden. Doch dann betrat einer von ihnen die Küche, und nach einer gezielten Pause erklang ein schepperndes Geräusch, wie das uhrwerkartige Schlucken eines Monsters aus Metall. Ein Schluck, zwei Schlucke, drei Schlucke, vier. Sie starrte verwirrt zur Decke empor, bis sie begriff, dass dort oben Schillingstücke in den Zähler geworfen wurden. Kurz danach hörte man Wasser laufen, und dann erklang ein weiteres eigenartiges Geräusch, eine Art Pulsieren oder Hecheln, vermutlich wieder der Zähler, durch den nun das Gas lief. Wahrscheinlich hatte Mrs Barber einen Kessel Wasser aufgesetzt. Nun war ihr Mann bei ihr. Man hörte gedämpfte Stimmen und Gelächter … Frances ertappte sich bei dem Gedanken: Die fühlen sich offenbar ganz wie zu Hause.

Dann wurde ihr die Tragweite dieser Worte bewusst, und ihre Stimmung sank.

Während sie in der Küche ein kaltes Abendbrot improvisierte, kam das Ehepaar herunter und klopfte an die Küchentür; zuerst sie, dann er: Die Toilette war draußen im Hof, nur über die Hintertür zu erreichen, und sie mussten jedes Mal die Küche durchqueren, um dorthin zu gelangen. Sie verzogen entschuldigend das Gesicht, Frances entschuldigte sich ebenfalls. Vermutlich war diese Gegebenheit den Barbers ebenso unangenehm wie ihr. Doch bei jeder neuerlichen Begegnung nahm ihre Zuversicht ein bisschen mehr ab. Selbst die achtundfünfzig Schilling in ihrer Tasche verloren allmählich ihre Zauberkraft, und ihr schwante, wie hart sie sich dieses Geld würde verdienen müssen. Sie war einfach nicht auf den Anblick und die Geräusche der Barbers vorbereitet gewesen, die von Zimmer zu Zimmer gingen, als gehörte das Haus ihnen. Als Mr Barber beispielsweise von seinem Besuch auf dem stillen Örtchen zurückkehrte, hörte sie, wie er in der Eingangshalle stehen blieb. Sie fragte sich, was ihn da wohl aufhalten könne, riskierte einen Blick in den Durchgangsflur zwischen Küche und Eingangshalle und sah, dass er die Bilder an den Wänden musterte wie ein Museumsbesucher. Während er sich vorbeugte, um einen Kupferstich der Kathedrale von Ripon aus der Nähe zu betrachten, griff er in seine Hosentasche und zog ein Streichholz hervor, mit dem er sich dann in aller Seelenruhe zwischen den Zähnen herumstocherte.

Ihrer Mutter gegenüber ließ sie nichts von alldem verlauten. Sie hielten sich ungerührt an ihr gewohntes Abendprogramm, spielten nach dem Abendessen einige Partien Backgammon, tranken um Viertel vor zehn jede eine Tasse wässrigen Kakao und machten sich dann an ihre allabendliche Runde – das Zusammenräumen, Falten, Aufschütteln, Zuziehen und Abschließen –, die das Zubettgehen einleitete.

Frances’ Mutter verabschiedete sich als Erste. Frances verbrachte noch einige Zeit in der Küche, räumte auf und kümmerte sich um den Herd. Sie ging zur Toilette, deckte den Frühstückstisch; sie brachte die Milchkanne in den Vorgarten und hängte sie neben das Gartentor. Doch als sie wieder im Haus war und das Gaslicht im Flur herunterdrehte, sah sie, dass unter der Schlafzimmertür ihrer Mutter noch ein Lichtschein hervordrang. Obwohl sie für gewöhnlich nicht mehr zu ihrer Mutter hineinging, wenn diese sich für die Nacht zurückgezogen hatte, schien das Licht sie zu rufen. Sie klopfte an die Tür.

»Darf ich reinkommen?«

Ihre Mutter saß aufrecht im Bett, die Haare gelöst und zu Zöpfen geflochten, die herabhingen wie ausgefranste Seile. Vor dem Krieg war ihr Haar braun gewesen, so sattbraun wie Frances’ Haare, doch im Laufe der letzten Jahre war es immer stärker ausgeblichen und spröde geworden, und jetzt, mit fünfundfünfzig Jahren, hatte sie das weiße Haupt einer alten Dame. Einzig ihre Augenbrauen schwangen noch dunkel und entschlossen über ihren hübschen nussbraunen Augen. Sie hatte ein Buch auf dem Schoß, ein Reisebüchlein mit dem Titel Kreuzworträtsel und andere Denksportaufgaben, und versuchte sich gerade an der Lösung eines Akrostichons.

Als Frances eintrat, ließ sie das Buch sinken und betrachtete sie über die Gläser ihrer Lesebrille hinweg.

»Alles in Ordnung, Frances?«

»Ja. Ich wollte bloß mal hereinschauen. Aber mach ruhig mit deinem Rätsel weiter.«

»Ach, das ist nur ein bisschen Zeitvertreib, damit ich gleich besser einschlafen kann.«

Doch sie blickte wieder auf die Seite herab, und anscheinend war ihr eine Lösung eingefallen, denn sie probierte das Wort lautlos vor sich hin buchstabierend aus, während sie den Stift über die Kästchen bewegte. Die ungenutzte Betthälfte neben ihr war flach wie ein Bügelbrett. Frances streifte die Hausschuhe ab und legte sich darauf, die Hände hinter dem Kopf verschränkt.

Dieses Zimmer war noch vor einem Monat das Esszimmer gewesen. Frances hatte die alte rote Tapete überstrichen und die Bilder umgehängt, doch genau wie bei der neu eingerichteten Küche im Obergeschoss war das Ergebnis nicht ganz zufriedenstellend. Die Schlafzimmermöbel ihrer Mutter standen so unbehaglich herum wie unwillkommene Besucher bei einer Abendeinladung; es schien ihr, als sehnten sie sich nach ihren gewohnten Dellen im Boden des oberen Zimmers. Zudem hatten einige Esszimmermöbel in diesem Raum bleiben müssen, weil sich im Haus kein anderer Platz für sie fand, und infolgedessen wirkte der Raum vollgestellt, irgendwie unzeitgemäß, und ließ – wenn auch nur vage – an das Krankenzimmer eines älteren Menschen denken. Es erinnerte sie an die Besuche bei siechen Großtanten während ihrer Kindheit. Eigentlich fehlt nur noch der schwache Geruch nach Nachtstuhl und eine Glocke, mit der sie die altjüngferliche Tochter herbeiklingeln kann, dachte sie.

Schnell verdrängte sie dieses Bild wieder. Aus dem Obergeschoss konnte man hören, wie einer der Barbers durch das Wohnzimmer lief – Mr Barber, vermutete sie, nach dem forschen, kräftigen Klang der Schritte zu urteilen. Mrs Barbers Gang klang gemessener. Sie schaute zur Zimmerdecke empor und folgte den Schritten mit ihrem Blick.

Ihre Mutter blickte ebenfalls empor. »Ein Tag der Veränderungen«, sagte sie mit einem Seufzer. »Packen sie immer noch aus? Wahrscheinlich sind sie ganz aufgeregt. Ich kann mich noch erinnern, wie dein Vater und ich hier eingezogen sind, damals waren wir auch ganz aufgeregt. Das Haus scheint ihnen zu gefallen, meinst du nicht?« Sie senkte die Stimme. »Das ist ja immerhin etwas.«

Frances erwiderte in ebenfalls gedämpftem, beinahe verschwörerischem Tonfall: »Ihr jedenfalls gefällt es, sie scheint ihr Glück kaum fassen zu können. Bei ihm bin ich mir da nicht so sicher.«

»Es ist ja auch ein schönes altes Haus. Ein eigener Hausstand – das ist viel wert, wenn man frisch verheiratet ist.«

»So ganz frisch verheiratet sind sie doch eigentlich nicht, oder? Haben sie nicht gesagt, dass sie schon seit drei Jahren verheiratet sind? Gleich nach dem Krieg, nehme ich an. Aber Kinder haben sie nicht.«

Der Tonfall ihrer Mutter änderte sich beinahe unmerklich. »Nein.« Und einen Moment später, so als ob der eine Gedanke unweigerlich zum nächsten führte, fügte sie hinzu: »Ein Jammer, dass die jungen Frauen von heute alle meinen, sie müssten sich schminken.«

Frances nahm das Buch in die Hand und betrachtete das Akrostichon. »Ja, das ist es. Und noch dazu an einem Sonntag!«

Sie spürte den prüfenden Blick ihrer Mutter. »Denk bloß nicht, dass ich es nicht merke, wenn du dich über mich lustig machst, Frances!«

Im Obergeschoss lachte Mrs Barber. Irgendein leichter Gegenstand fiel herunter oder wurde auf den Boden geworfen und rutschte über das Parkett. Frances gab die Beschäftigung mit dem Rätsel auf. »Was glaubst du, aus welchen Verhältnissen sie wohl kommt?«

Ihre Mutter klappte das Buch zu und legte es beiseite. »Wer?«

Sie deutete mit dem Kinn nach oben. »Na, Mrs B. natürlich. Ich könnte mir vorstellen, dass ihr Vater so eine Art Filialleiter ist, oder? Die Mutter ist wahrscheinlich sehr bemüht, zu Hause hören sie »Indian Love Lyrics« auf dem Grammofon. Vielleicht hat sie noch einen Bruder, der es in der Handelsmarine zu was gebracht hat. Klavierunterricht für die Mädchen. Einmal im Jahr ein Ausflug in die Royal Academy.« Sie gähnte, verbarg das Gähnen hinter ihrem Handrücken und fuhr fort: »Ein Gutes hat es ja, dass sie so jung sind! Sie können uns nur mit dem Leben bei seinen Eltern vergleichen. Sie werden nicht merken, dass wir keine Ahnung von dem haben, was wir hier machen. Solange wir unsere Rolle als Hauswirtinnen überzeugend spielen, wird man sie uns auch abnehmen.«

Ihre Mutter zog ein gequältes Gesicht. »Musst du das denn so drastisch formulieren? Man könnte meinen, du wärest die Pensionswirtin vom ›Haus Meerblick‹ in Worthing.«

»Aber es ist doch keine Schande, Hauswirtin zu sein, jedenfalls nicht in der heutigen Zeit. Ich für meinen Teil habe vor, als Hauswirtin mein Bestes zu geben.«

»Wenn du nur dieses Wort nicht dauernd benutzen würdest!«

Frances musste lächeln. Doch ihre Mutter zupfte nervös an der seidenen Einfassung der Bettdecke herum, und ihr Gesicht hatte einen Ausdruck echter Verzweiflung angenommen. Frances wusste genau, dass sie kurz davor war auszurufen: »Ach, das hätte deinem Vater das Herz gebrochen!« Und da Frances beim Gedanken an ihren Vater selbst jetzt, fast vier Jahre nach seinem Tod, noch immer den Drang verspürte, mit den Zähnen zu knirschen, zu fluchen oder etwas entzweizuschlagen, wechselte sie rasch das Thema. Ihre Mutter war an der Organisation von zwei oder drei Wohlfahrtsaktivitäten der Gemeinde beteiligt, nach deren Entwicklung sie sich jetzt erkundigte. Sie unterhielten sich einige Zeit über den nahenden Wohltätigkeitsbasar.

Als Frances merkte, dass sich die Gesichtszüge ihrer Mutter wieder entspannten und sie lediglich müde und alt aussah, erhob sie sich vom Bett.

»Hast du alles, was du brauchst? Möchtest du vielleicht einen Keks, falls du nachts aufwachst?«

Ihre Mutter bereitete sich auf das Einschlafen vor. »Nein, ich möchte keinen Keks. Aber könntest du bitte das Licht ausschalten, Frances?«

Sie hob die Zöpfe von den Schultern und ließ den Kopf in die Kissen sinken. Ihre Brille hatte kleine Abdrücke auf ihrem Nasenrücken hinterlassen. Als Frances die Hand ausstreckte, um die Lampe zu löschen, hörte sie wieder Schritte aus dem Zimmer über ihnen, und ihre Mutter richtete ihre braunen Augen zur Decke.

»Man könnte fast denken, dass Noel oder John Arthur da oben wären«, murmelte sie, während das Licht erlosch.

Ja, tatsächlich, dachte Frances einen Augenblick später, als sie im dämmrigen Flur verharrte, das hätte man wirklich denken können, denn nun roch es auch nach Zigarettenrauch, und sie hörte Männergemurmel aus dem oberen Korridor, gefolgt von klappernden Männerpantoffeln. Und plötzlich, ohne jede Vorwarnung, als habe sie einen unerwarteten Stoß an der falschen Stelle erhalten, verspürte sie ein schmerzhaftes Ziehen im Herzen. Wie die Trauer einen immer noch überfallen konnte, nach all der Zeit. Sie musste am Fuß der Treppe innehalten, während der Schmerz sie durchfuhr. Wenn doch nur, dachte sie beim Emporsteigen der Stufen, wenn doch nur oben am Treppenabsatz einer ihrer Brüder wäre: der hagere, belesene, aber ein bisschen weltfremde John Arthur zum Beispiel, der in seinem braunen Bademantel von Jaeger und den derben Sandalen immer wie ein schrulliger Mönch gewirkt hatte.

Doch oben stand nur Mr Barber, eine Zigarette in den Mundwinkel geklemmt. Er hatte das Jackett abgelegt, die Hemdsärmel hochgekrempelt und machte sich an einem abscheulichen Objekt zu schaffen, das er offenbar gerade im oberen Flur aufgehängt hatte, eine Mischung aus Barometer und Kleiderbürste, in grellem Orange lackiert. Solche grellen Farbtupfer gab es überall, stellte sie zu ihrer Bestürzung fest. Es war, als hätte ein riesiges Maul eine Tüte bunter Bonbons gelutscht und dann das Haus abgeleckt. Der verblichene Teppich im ehemaligen Schlafzimmer ihrer Mutter war unter falschen Perserteppichen verschwunden. Rund um den schönen Trumeauspiegel war ein fransenbesetzter indischer Schal drapiert worden. Ein Bild an der Wand schien ein weiblicher Akt im Stile Lord Leightons zu sein. Der Vogelkäfig aus Weidenrohr drehte sich langsam an einem Band, das mit einem Haken an der Decke befestigt war. Im Käfig thronte ein künstlicher Papagei aus Seide und gefärbten Federn auf einer Pappmascheestange.

Das Licht im Treppenhaus war voll aufgedreht und zischte wie ein wütendes Tier. Frances fragte sich, ob das Ehepaar bedacht hatte, dass sie und ihre Mutter dafür zahlen mussten. Sie begegnete Mr Barbers Blick und sagte in einem Tonfall, der die grelle Fröhlichkeit der Einrichtung spiegeln sollte: »Haben Sie sich schon fertig eingerichtet?«

Er nahm die Zigarette aus dem Mundwinkel und unterdrückte ein Gähnen. »Fix und fertig, Miss Wray – ich jedenfalls. Mir reicht’s für heute. Ich habe meinen Teil getan und die Heiligtümer nach oben geschleppt. Das Hübschmachen überlasse ich Lilian. Sie liebt das – sie ist Weltmeisterin im Dekorieren!«

Frances hatte ihn zuvor noch gar nicht genauer betrachtet. Sie hatte sein Auftreten auf sich wirken lassen – die scherzhafte Nörgelei, die ihn begleitete wie ein musikalisches Thema – und dabei kaum auf seine körperliche Erscheinung geachtet. Im schwachen Licht des Korridors nahm sie nun auch sein Äußeres wahr, die penible Gepflegtheit des Büroangestellten. Ohne Schuhe war er nur ein paar Zentimeter größer als sie. »Schwächlich«, hatte seine Frau ihn genannt, doch dafür wirkte er zu lebhaft. Er hatte rötliche Bartstoppeln und winzige Pickelnarben im Gesicht, seine Kieferpartie war schmal, die Zähne standen ein wenig zu dicht aneinander. Er hatte rotblonde, kaum wahrnehmbare Wimpern. Die Augen selbst waren von einem durchdringenden Blau und machten ihn irgendwie zu einer attraktiven Erscheinung, beinahe gut aussehend – jedenfalls attraktiver, als sie zunächst gedacht hatte.

Sie wandte den Blick ab. »Also, ich gehe jetzt zu Bett.«

Er kämpfte mit einem neuerlichen Gähnen. »Sie Glückliche! Ich fürchte, Lily ist immer noch dabei, unseres zu dekorieren!«

»Ich habe die Lichter unten gelöscht. Der Glühstrumpf im Flur ist ein bisschen schwierig zu bedienen, deshalb dachte ich, ich mache das Licht selbst aus. Aber wahrscheinlich hätte ich Ihnen lieber zeigen sollen, wie es funktioniert.«

»Dann zeigen Sie es mir doch jetzt«, schlug er vor.

»Nun ja, meine Mutter versucht gerade einzuschlafen. Ihr Zimmer ist gleich unten neben der Treppe.«

»Ach so. Ja, dann zeigen Sie es mir morgen.«

»Das mache ich. Ich fürchte bloß, dass es im Treppenhaus dunkel ist, wenn Sie oder Mrs Barber heute noch mal nach unten müssen.«

»Ach, wir finden uns schon zurecht.«

»Vielleicht nehmen Sie sich eine Lampe mit?«

»Das ist natürlich eine Idee! Oder – wissen Sie was?« Er grinste. »Ich schicke Lil vor, an einem Seil. Und wenn’s irgendwelche Schwierigkeiten gibt, dann … zieht sie einmal kurz!«

Er hielt den Blick auf sie gerichtet, während er den kleinen Scherz äußerte. Doch irgendetwas an seiner Art war befremdlich und verunsicherte sie. Sie zögerte mit der Antwort, und er führte die Zigarette zum Mund, wandte sich ab, um daran zu ziehen und den Rauch in eine andere Richtung zu blasen, fixierte sie dabei aber immer noch mit seinen lebhaften blauen Augen.

Dann änderte sich sein Verhalten von einem Moment zum anderen. Die Tür zum Schlafzimmer wurde geöffnet, und seine Frau stand da, mit einem Bild in den Händen – einem weiteren Akt Lord Leightons, wie Frances befürchtete –, woraufhin ihr Mann den nächsten spöttischen Kommentar abgab.

»Mein Gott, Weib, bist du immer noch zugange!«

Sie lächelte Frances zu. »Ich möchte doch nur, dass es überall hübsch aussieht!«

»Die arme Miss Wray möchte aber schlafen gehen. Sie ist gekommen, um sich über den Lärm zu beschweren.«

Ein Schatten senkte sich über Mrs Barbers Miene. »Oh, Miss Wray, das tut mir leid!«

»Sie haben gar keinen Lärm gemacht«, beeilte sich Frances zu sagen. »Mr Barber macht nur Spaß.«

»Eigentlich wollte ich den Rest morgen machen. Aber jetzt, wo ich einmal angefangen habe, finde ich einfach kein Ende.«

Plötzlich kam es Frances im oberen Flur unglaublich eng vor, wie sie zu dritt da standen. Würden sie sich jetzt jeden Abend hier begegnen und Höflichkeiten austauschen müssen? »Lassen Sie sich ruhig Zeit«, sagte sie mit aufgesetzter Fröhlichkeit. »Allerdings …«, sie hatte sich schon auf ihre Tür zubewegt und hielt wieder inne, »Sie denken doch bitte daran, dass meine Mutter unten in dem Zimmer schläft?«

»Aber ja, natürlich«, sagte Mrs Barber. Und »Ja, selbstverständlich denken wir daran«, wiederholte ihr Mann betont ernsthaft.

Frances wünschte, sie hätte kein Wort darüber verloren. Mit einem verlegenen »Na dann, gute Nacht« öffnete sie die Tür zu ihrem Schlafzimmer. Sie ließ sie einen Moment offen stehen, während sie die Kerze auf dem Nachttisch anzündete, und als sie die Tür wieder schließen wollte, sah sie Mr Barber, der im Flur an seiner Zigarette zog und zu ihr herüberschaute; er lächelte sie an und wandte sich dann ab.

Nachdem sie die Tür geschlossen und den Schlüssel leise im Schloss gedreht hatte, fühlte sie sich schon wohler. Sie streifte ihre Hausschuhe ab, zog Bluse, Rock, Unterwäsche und Strümpfe aus – und war schließlich wieder sie selbst. Wie eine korpulente Matrone, die sich ihres Korsetts entledigt. Sie reckte die Arme empor und blickte sich im Halbdunkel des Zimmers um. Wie herrlich ruhig und leer es hier drinnen war! Auf dem Kaminsims standen zwei silberne Leuchter und sonst gar nichts. Das Bücherregal war zwar voll mit Büchern, aber alle standen ordentlich in Reih und Glied, auf dem dunklen Dielenboden lag ein einziger kleiner Teppich; die Wände waren hell – sie hatte die Tapete entfernt und sie weiß getüncht. Selbst die gerahmten Drucke strahlten Ruhe aus: ein japanisches Zimmer, eine Landschaft von Caspar David Friedrich, verschneite Berggipfel vor einem blassvioletten Hintergrund, die man im Kerzenlicht gerade eben noch erahnen konnte.

Gähnend tastete sie nach den Haarnadeln auf ihrem Kopf und zog sie heraus. Sie füllte die Waschschüssel, wusch sich mit einem Lappen das Gesicht, den Hals und die Achseln, putzte sich die Zähne und rieb sich Vaseline auf die Wangen und die angegriffenen Hände. Da sie die ganze Zeit über Mr Barbers Zigarette gerochen und der Geruch sie ganz unruhig gemacht hatte, öffnete sie schließlich die Schublade ihres Nachtschränkchens und holte eine Dose Tabak und ein Päckchen Zigarettenpapier heraus. Sie drehte sich eine kleine Zigarette, zündete sie an der Kerze auf dem Nachttisch an, stieg ins Bett und pustete die Kerze aus. Sie rauchte gern so – nackt zwischen den kühlen Bettlaken, während nur die glühend rote Zigarettenspitze ihre Finger in der Dunkelheit erhellte.

Heute war das Zimmer natürlich nicht ganz dunkel: Vom Korridor fiel ein dünner Streifen Licht unter ihrer Tür herein. Was machten sie da draußen gerade? Sie konnte das Gemurmel ihrer Stimmen hören. Womöglich diskutierten sie, wo sie das schauderhafte Bild aufhängen sollten. Wenn sie jetzt einen Nagel in die Wand hämmerten, würde sie hingehen und etwas sagen müssen. Wenn sie das Licht auf dem Treppenabsatz so stark aufgedreht ließen, würde sie ebenfalls etwas sagen müssen. Sie probierte im Geiste verschiedene Satzanfänge aus.

Es tut mir leid, aber ich muss Sie darauf hinweisen …

Erinnern Sie sich noch, dass wir kürzlich besprochen haben …

Vielleicht könnten wir …

Es wäre besser, wenn …

Ich fürchte, ich habe einen Fehler gemacht.

Nein, das durfte sie nicht denken. Dafür war es nun zu spät. Dafür war es eigentlich schon seit Jahren zu spät.

Schließlich schlief sie doch noch gut. Sie wachte um sechs am nächsten Morgen auf, als in der Ferne die ersten Fabriksirenen losgingen. Sie döste noch eine Stunde vor sich hin und wurde schließlich von einem hektischen, an einen Bohrer erinnernden Ton aus ihrem verworrenen Traum gerissen. Verschlafen wie sie war, konnte sie das Geräusch erst gar nicht einordnen, doch dann ging ihr auf, dass es sich um den rasselnden Wecker der Barbers handelte. Es schien keine Minute her, dass sie hier gelegen und dem Gemurmel des Paares auf dem Weg ins Bett gelauscht hatte. Nun bekam sie das Ganze in umgekehrter Reihenfolge mit: Murmelnd und gähnend erhoben sich die Eheleute; sie schlichen die Treppe hinunter in den Hof, klapperten dann in ihrer Küche herum, kochten Tee und brieten sich etwas zum Frühstück. Sie zwang sich, alles aufmerksam zu verfolgen, das zischende Geräusch des Specks in der Pfanne, das Klappern des Rasierers, der an der Spüle abgeklopft wurde. Sie musste sich daran gewöhnen, sich den Gegebenheiten anpassen – denn so würden ihre Tage von nun an immer beginnen.

Die achtundfünfzig Schilling fielen ihr wieder ein. Während Mr Barber seine Sachen fürs Büro zusammensuchte, stand sie auf und zog sich leise an. Er verließ das Haus um kurz vor acht; zu diesem Zeitpunkt war seine Frau bereits wieder in das gemeinsame Schlafzimmer zurückgekehrt. Frances wartete noch ein paar Minuten, damit es nicht zu offensichtlich war, dass sie Mr Barbers Aufbruch abgepasst hatte, schloss dann ihre Zimmertür auf und stieg die Treppe hinunter. Sie kehrte die Aschereste aus dem Ofen und fachte ein neues Feuer an. Anschließend ging sie auf die Toilette im Hof, kehrte wieder ins Haus zurück, wünschte ihrer Mutter einen guten Morgen, bereitete den Tee zu, kochte Eier. Und während all dieser Verrichtungen rechnete sie still vor sich hin. Nachdem ihre Mutter und sie gefrühstückt hatten und der Esstisch abgeräumt war, setzte sie sich mit ihrem Haushaltsbuch an den Sekretär und ging den Stapel Rechnungen durch, der sich im Laufe des letzten Jahres hinten im Buch angesammelt hatte.

Der Metzger und der Fischhändler müssen sofort eine große Summe ausgezahlt bekommen, beschloss sie. Die Wäscherei, der Bäcker und der Kohlenhändler konnten mit kleineren Beträgen hingehalten werden. Die Grundsteuern für das Haus wären in ein paar Wochen fällig, zusammen mit der vierteljährlichen Gasrechnung, die höher als sonst ausfallen würde, denn darin enthalten wären die Kosten für den Einbau des Herdes und des Gaszählers sowie für Rohre und Leitungen, die im ersten Stock verlegt worden waren. Und auch für weitere Maßnahmen, die sie für den Einzug der Barbers getroffen hatten, musste noch Geld bezahlt werden: für Leimfarbe und Lack beispielsweise. Es würde drei oder vier Monate dauern, bis mindestens August oder September, ehe sich die Mieteinahmen als Reingewinn auf dem Familienkonto darstellen würden.

Immerhin im August oder September – das war besser als nie, und so räumte sie das Haushaltsbuch in gehobener Stimmung wieder beiseite. Der Mann von der Bäckerei kam, gefolgt vom Metzgersjungen, und endlich einmal konnte sie Brot und Fleisch guten Gewissens entgegennehmen und nicht mit dem Gefühl, als sei sie in zwielichtige Händel mit nicht bezahlter Ware verwickelt. Das Fleisch war ein Lammnacken, den konnte sie später in einem Eintopf verwenden. Sie hatte kein großes Interesse am Essen, weder an seiner Zubereitung noch am Verspeisen selbst, doch während des Krieges hatte sie ein gewisses, aus der Not geborenes Geschick zum Kochen entwickelt; jedenfalls gefiel ihr die praktische Herausforderung, aus einem billigen Stück Fleisch mehrere Mahlzeiten zubereiten zu müssen. Ähnliches empfand sie im Hinblick auf die Hausarbeit: Auch dort fand sie Gefallen an eher abseitigen Tätigkeiten wie dem Entrußen des Ofens oder dem Reinigen von Geländerstangen – Arbeiten, welche Planung, eine gewisse Strategie, besondere Chemikalien oder spezielle Werkzeuge erforderten.

Die meisten ihrer Haushaltspflichten waren allerdings eher profan. Das Haus war durch und durch unpraktisch ausgestattet, hier Bilderschienen, da Stuckarbeiten und überall kunstvolle Sockelleisten, die mehr oder weniger täglich abgestaubt werden mussten. Das Mobiliar bestand durchgängig aus dunklem Holz, was ebenfalls regelmäßiges Abstauben erforderlich machte. Ihr Vater hatte eine Vorliebe für das »gute alte England« gehabt, einen Stil, der ganz und gar nicht zu den verspielten Regency-Elementen des Hauses selbst passte, und in beinahe jedem Winkel befand sich ein jakobinischer Stuhl oder eine Kommode – »Vaters Sammlung«, wie diese Stücke zu Lebzeiten des Vaters genannt wurden. Ein Jahr nach seinem Tod hatte Frances diese Möbel schätzen lassen und erfahren, dass es sich dabei durchweg um Fälschungen aus viktorianischer Zeit handelte. Der Händler, der ihnen die Standuhr abgekauft hatte, bot ihnen für den ganzen Schwung drei Pfund. Sie hätte das Geld am liebsten dankend eingesteckt, um die unseligen Möbel aus den Augen zu haben, doch darüber hatte ihre Mutter sich ereifert. »Egal ob sie echt sind oder nicht«, hatte sie gesagt, »das Herz deines Vaters hat daran gehangen!« Eher seine Dummheit, hatte Frances im Stillen gedacht. Also waren die Möbel im Haus geblieben, was zur Folge hatte, dass sie mehrmals wöchentlich im Krebsgang die guten Stücke umrunden und mit dem Staubtuch die Windungen wackliger Tischbeine und Schnörkel und Rauten der grob gedrechselten Stühle abreiben musste.

Den schwersten Teil der Hausarbeit sparte sie sich für jene Vor- und Nachmittage auf, an denen sie sicher sein konnte, dass ihre Mutter aus dem Haus war. Da heute Montag war, hatte sie sich viel vorgenommen: Den Montagvormittag verbrachte ihre Mutter immer beim Gemeindepfarrer, und während ihrer Abwesenheit konnte Frances sich das gesamte Erdgeschoss vornehmen.

Kaum war die Eingangstür zugeschlagen, krempelte sie auch schon die Ärmel hoch, band sich eine Schürze um und verbarg die Haare unter einem Tuch. Als Erstes nahm sie sich das Schlafzimmer ihrer Mutter vor, dann begab sie sich zum Staubwischen in den Salon – eine endlose Tätigkeit, so schien es ihr. Wo um alles in der Welt kam der ganze Staub nur her? Es kam ihr beinahe so vor, als ob das Haus den Staub aus sich selbst hervorbrachte, so wie ein Körper Schweiß absondert. Sie konnte minutenlang Teppiche oder Kissen ausschlagen – und immer noch kam Staub heraus. Im Salon stand eine Vitrine mit fest schließenden Glastüren, doch selbst das Porzellan darin staubte ein und musste abgewischt werden. Gelegentlich verspürte sie den Drang, jede einzelne der verschnörkelten Tassen herauszuholen und entzweizuschlagen. Einmal hatte sie aus lauter Verzweiflung eine der apfelwangigen Staffordshire-Figuren geköpft: Sie hatte den Kopf zwar rasch wieder angeklebt, doch er saß immer noch ein wenig schief.

Heute verspürte sie dieses zerstörerische Verlangen nicht. Sie arbeitete mit energischer Effizienz, trug Handfeger und Kehrblech vom Salon die Treppe hinauf und arbeitete sich dann Stufe für Stufe wieder nach unten. Anschließend füllte sie einen Eimer mit Wasser, holte ihre Kniematte und begann den Boden im Eingangsflur zu wischen. Dafür verwendete sie nur Essig. Seife hinterließ Streifen auf den schwarzen Fliesen. Das erste, nasse Reiben war wichtig, um den Schmutz zu lösen, doch wirklich entscheidend war der zweite Teil, wenn sie den ausgewrungenen Lappen in einer geschmeidigen, nahtlosen Bewegung über den Boden gleiten ließ. Da! Wie herrlich jede einzelne Fliese glänzte. Der Glanz würde innerhalb von fünf Minuten wieder verschwinden, wenn die Oberfläche trocknete; doch schließlich war alles im Leben hinfällig. Entscheidend war nur, die wenigen glanzvollen Momente richtig zu würdigen. Es hatte keinen Sinn, sich mit den abgenutzten Stellen aufzuhalten. Sie war jung, körperlich fit und gesund. Sie hatte … ja, was hatte sie schon? Kleine Freuden wie diese hier. Kleine Erfolge in der Küche. Die Zigarette am Ende des Tages. Den Kinobesuch mit ihrer Mutter am Mittwoch. Regelmäßige Ausflüge in die Innenstadt. Hin und wieder gab es Phasen, in denen sie eine gewisse Ruhelosigkeit verspürte, aber wer hatte die nicht? Sie hatte Wünsche und Sehnsüchte … Doch die waren überwiegend körperlicher Natur, und sie war keineswegs so gehemmt, dass sie sich nicht zu helfen gewusst hätte. Es ist schon erstaunlich, dachte sie, während sie die Kniematte und den Eimer weiterschob und sich eine neue Parzelle des Bodens vornahm, es ist erstaunlich, wie einfach und zufriedenstellend man sich dieser Sache selbst annehmen kann. Mitten am helllichten Tag, sogar wenn ihre Mutter im Haus war. Sie brauchte nur ein paar Minuten in ihrem Schlafzimmer zu verschwinden – vielleicht als kleine Pause beim Schälen von Pastinaken oder während sie darauf wartete, dass der Teig aufging.

Eine Bewegung am Treppenabsatz ließ sie zusammenfahren. Sie hatte die Mieter völlig vergessen. Nun blickte sie auf und sah durch das Geländer Mrs Barber zögerlich die Treppe herunterkommen.

Sie spürte, wie sie errötete, gerade so, als hätte man sie auf frischer Tat ertappt. Doch Mrs Barber wurde ebenfalls rot. Obwohl es schon weit nach zehn Uhr war, hatte sie immer noch ihr Nachthemd an, darüber trug sie eine Art japanischen Morgenmantel aus Satin – Kimono hieß so etwas, glaubte Frances. Mrs Barbers Füße in den türkischen Pantoffeln waren nackt. Sie trug ein Handtuch und einen Kulturbeutel. Während sie Frances grüßte, schob sie sich eine vom Schlaf platt gedrückte Haarlocke aus dem Gesicht und sagte dann schüchtern: »Ich habe überlegt, ob ich vielleicht ein Bad nehmen dürfte.«

»Ach so«, erwiderte Frances. »Ja.«

»Aber nur wenn es keine Umstände macht. Ich bin wieder eingeschlafen, nachdem Len zur Arbeit gegangen ist, und …«

Frances erhob sich vom Boden. »Es macht keine Umstände. Ich muss nur den Badeofen für Sie anmachen. Meine Mutter und ich machen ihn tagsüber normalerweise nicht an. Das hätte ich vielleicht gestern Abend noch erwähnen sollen. Können Sie hier rübersteigen? Sie müssen einen kleinen Sprung machen.« Sie stellte den Eimer beiseite. »Schauen Sie, hier ist eine trockene Stelle.«

Mrs Barber war indessen weiter die Treppe hinuntergestiegen. Sie errötete noch tiefer und starrte peinlich berührt den Staublappen auf Frances’ Kopf an, ihre hochgerollten Ärmel und rot leuchtenden Hände, die Matte zu ihren Füßen, auf der immer noch die Abdrücke ihrer Knie sichtbar waren. Diesen Blick kannte Frances nur zu gut, sie konnte ihn schon nicht mehr sehen, denn sie war ihm allzu oft begegnet: in den Gesichtern der Nachbarn, der Handwerker und der Freundinnen ihrer Mutter, die zwar allesamt den schlimmsten Krieg in der Geschichte der Menschheit überstanden hatten, aber dennoch aus irgendeinem Grund nicht damit zurechtkamen, wenn eine Frau aus gutem Hause die Arbeit einer Putzfrau verrichtete. Aufmunternd sagte sie: »Sie erinnern sich doch noch, dass ich Ihnen erzählt habe, wir hätten keine Hilfe? Ich habe das ernst gemeint. Das Einzige, was ich nicht mache, ist die Wäsche, die geben wir zum größten Teil raus. Doch um alles andere kümmere ich mich selbst. Ob Böden wienern oder Silber polieren – es gibt nichts, worauf ich mich nicht verstehe!«

Endlich erschien ein Lächeln auf Mrs Barbers Gesicht. Doch als sie die Bodenfläche sah, die noch gewischt werden musste, schien sie erneut peinlich berührt zu sein, wenn auch aus anderem Grunde.

»Ich fürchte, Len und ich haben hier gestern alles schmutzig gemacht. Das war wirklich gedankenlos!«

»Ach«, sagte Frances, »diese Fliesen werden von ganz allein schmutzig. So wie alles in diesem Haus.«

»Wenn ich mich angezogen habe, wische ich für Sie weiter.«

»Das kommt gar nicht infrage. Sie haben Ihre eigenen Zimmer, die Sie in Ordnung halten müssen. Wenn Sie es ohne Zimmermädchen schaffen, warum sollte ich das nicht auch? Außerdem würden Sie staunen, welche Wunder ich mit dem Mopp bewirken kann. Moment, ich helfe Ihnen.«

Mrs Barber war an der untersten Treppenstufe angelangt und offenbar unsicher, wohin sie ihren nächsten Schritt setzen sollte. Nach kurzem Zögern ergriff sie die Hand, die Frances ihr entgegenstreckte, und machte dann einen kleinen Satz auf die noch nicht gewischte Seite des Bodens. Dabei teilte sich ihr Kimono, enthüllte ein weiteres Stück ihres Nachthemds und erlaubte eine beunruhigende Ahnung von dem rundlichen, wohlgeformten, durch nichts gestützten Körper, der sich darunter verbarg.

Gemeinsam gingen sie durch die Küche in die Spülküche. Dort stand die Badewanne, gleich neben dem Spülbecken. Die Wanne hatte eine ausgeblichene Holzabdeckung, die Frances als Abtropfbrett für das Geschirr nutzte. Mit geübtem Griff hob sie die Abdeckung herunter und lehnte sie an die Wand. Die Wanne war alt und schon mehrmals neu emailliert worden, das letzte Mal hatte Frances den Lack selbst aufgetragen, mit eher zweifelhaftem Ergebnis: Die unregelmäßige Oberfläche des Eisens erinnerte entfernt an Lepra-Geschwüre, was ihr heute ganz besonders ins Auge fiel. Auch der Badeofen der Firma Vulcan wirkte ziemlich furchteinflößend: ein grünlicher genieteter Kessel auf drei gebogenen Füßen. Um etwa 1870 musste er das Spitzenmodell des Herstellers gewesen sein, doch inzwischen sah er eher aus wie ein Gefährt aus einem Jules-Verne-Roman, gebaut, um darin eine Reise zum Mond anzutreten.

»Ich fürchte, er ist ein bisschen launisch«, sagte sie und erklärte Mrs Barber den Mechanismus. »Sie müssen an diesem Hahn drehen, dürfen aber auf keinen Fall diesen hier bewegen; wenn Sie das tun, fliegen wir womöglich alle in die Luft. Hier muss man ihn anzünden.« Sie riss ein Streichholz an. »Am besten schaut man währenddessen in die andere Richtung. Mein Vater hat nämlich dabei schon mal seine Augenbrauen eingebüßt. Da!«

Mit einem Zischen hatte die Flamme zum Gas gefunden. Der Kessel fing an zu ticken und zu rattern. Sie betrachtete ihn stirnrunzelnd, die Hände in die Hüften gestemmt. »Er ist ein richtiges Ungetüm. Tut mir leid, Mrs Barber.« Sie blickte sich in der Spülküche um – die altmodische Steinspüle, der Kupferkessel in der Ecke, die Leichenhausfliesen an der Wand. »Ich wünschte wirklich, das Haus wäre für Sie moderner eingerichtet.«

Doch Mrs Barber schüttelte den Kopf. »Ach bitte, so dürfen Sie nicht denken.« Sie schob sich eine weitere Haarlocke hinter die Ohren; dabei bemerkte Frances, dass sie Ohrlöcher hatte, kleine Vertiefungen in ihren Ohrläppchen. »Das Haus gefällt mir so, wie es ist. Es ist eben ein Haus mit Geschichte, nicht wahr? Ich finde, die Dinge müssen nicht immer nur modern sein. Sonst hätten sie gar keine Persönlichkeit, keine Eigenheiten.«

Und da war sie wieder, dachte Frances, diese Freundlichkeit, die nette Art, das Feingefühl. Lachend entgegnete sie: »Na ja, was die Eigenheiten betrifft, so hat dieses Haus eher zu viele!« Dann fügte sie etwas weniger flapsig hinzu: »Aber ich bin froh, dass es Ihnen gefällt. Sehr froh. Ich mag das Haus eigentlich auch, obwohl ich das immer wieder mal vergesse. Doch wir sollten diesen Badeofen lieber nicht zu heiß werden lassen, ohne dass wir Wasser durchlaufen lassen, sonst ist am Ende womöglich gar kein Haus mehr übrig – und wir sind auch nicht mehr da, um uns daran zu erfreuen. Kommen Sie jetzt allein zurecht? Wenn die Flamme ausgeht – und das tut sie leider manchmal –, rufen Sie mich ruhig.«

Mrs Barber lächelte und zeigte dabei ihre geraden weißen Zähne. »Ja, das tue ich. Vielen Dank, Miss Wray.«

Frances überließ sie ihrem Schicksal und begab sich wieder an das Wischen des Bodens. Die Tür zur Waschküche schloss sich hinter Mrs Barber und wurde leise von innen verriegelt.

Die Tür zwischen Küche und Durchgang zur Waschküche war allerdings nur angelehnt, und während Frances den Wischlappen wieder aufnahm, konnte sie überdeutlich hören, wie Mrs Barber sich auf ihr Bad vorbereitete: Die Kette klapperte gegen den Wannenrand, dann folgte das stotternde Einlaufen des Wassers. Der Vorgang dauerte ziemlich lange, wie ihr schien. Was die Benutzung des Badeofens anging, so hatte sie sich in eine kleine Notlüge gerettet. Es war keineswegs so, dass ihre Mutter und sie den Badeofen häufig benutzten, dazu war ihnen der Betrieb zu teuer, vielmehr bereiteten sie sich ihr Badewasser im Warmwasserkasten des altmodischen Küchenherdes zu. Tatsächlich badeten sie auch höchstens einmal in der Woche und verwendeten dabei oft beide dasselbe Badewasser. Falls Mrs Barber vorhatte, täglich solche extensiven Bäder zu nehmen, würde sich ihre Gasrechnung verdoppeln.

Endlich wurde das Wasser abgestellt. Man hörte ein Plätschern und das leicht quietschende Geräusch von Fußsohlen, die den Wannenboden berührten, dann folgte ein volleres, satteres Platschen, als Mrs Barber sich in der Wanne niederließ. Danach war es still, man hörte nur noch das gelegentliche »Plink« von Tropfen aus dem Wasserhahn.

Diese Geräusche waren verstörend, genau wie der auseinanderklaffende Kimono, doch am meisten verstörte Frances die Stille. Kurz zuvor, an ihrem Sekretär sitzend, hatte sie ihre Mieter noch unter rein finanziellen Aspekten betrachtet – wie zwei umherwatschelnde Schillinge mit Beinen. Doch Mieter zu haben, dachte sie, während sie rückwärts über die Fliesen rutschte, Mieter zu haben war genau das: diese eigenartige unpersönliche Nähe, dieser halb entblößte Moment, in dem zwischen ihr und der nackten Mrs Barber lediglich ein paar Meter Küche und eine dünne Tür lagen. Ein Bild tauchte vor ihrem inneren Auge auf: das wohlgerundete Fleisch, das sich in der Hitze des Bades rötete.

Sie rückte auf der Kniematte hin und her, packte ihren Lappen und scheuerte mit energischen Bewegungen den Boden.

Die Wände der Spülküche waren immer noch vom Dampf beschlagen, als ihre Mutter um die Mittagszeit zurückkehrte. Frances erzählte ihr von Mrs Barbers Bad, und ihre Mutter blickte sie ungläubig an.

»Um zehn Uhr? Im Morgenmantel? Bist du sicher?«

»Das bin ich. Noch dazu aus Satin. Ein Glück, dass du den Pfarrer besucht hast und nicht umgekehrt, oder?«

Ihre Mutter erblasste, erwiderte jedoch nichts.

Sie aßen zu Mittag – überbackenen Blumenkohl – und ließen sich dann im Salon nieder. Mrs Wray machte sich Stichworte für einen Artikel im Gemeindeblatt. Frances arbeitete sich durch einen Flickkorb, neben sich auf die Sessellehne hatte sie die Times gelegt.

Was gab es Neues? Unbeholfen blätterte sie die druckschwarzen Seiten um. Doch es war nur das übliche triste Zeug. Horatio Bottomley stand ein Strafprozess im Old Bailey bevor, weil er die Öffentlichkeit um eine Viertelmillion betrogen hatte. Ein Parlamentsabgeordneter verlangte, dass Kokainhändler ausgepeitscht werden sollten. Die Franzosen schossen auf die Syrier, die Chinesen erschossen einander, eine Friedenskonferenz in Dublin war ergebnislos verlaufen; in Belfast hatte es wieder Tote gegeben … Aber der Prince of Wales nahm gut gelaunt an einem Angelausflug in Japan teil, und die Marchioness of Carisbrooke wollte einen Ball organisieren, »um die Freunde der Armen zu unterstützen«. Das rechtfertigt dann wohl den ganzen Aufwand, dachte Frances grimmig. Sie mochte die Times nicht. Aber sie hatten nicht genug Geld, um eine zweite, weniger konservative Zeitung zu beziehen. Ohnehin fand sie es mittlerweile deprimierend, die Nachrichten zu lesen. In Kriegszeiten, als sie noch jung und naiv war, hätten die Ereignisse sie zu Aktivitätsstürmen hingerissen, sie hätte Briefe geschrieben, an Versammlungen teilgenommen. Doch inzwischen schien ihr die Welt so kompliziert geworden zu sein, dass ihre Probleme jeder Lösung trotzten. Es gab nur ein Durcheinander von Interessenskonflikten; das Ganze erfüllte sie mit einem Gefühl der Sinnlosigkeit. Sie legte die Zeitung beiseite. Morgen würde sie sie zerreißen, die Schnipsel konnten dann zum Anzünden des Feuers dienen.

Wenigstens war es jetzt still im Haus; beinahe so wie früher. Bis eben hatte man dumpfes Poltern und Quietschen gehört, während Mrs Barber weitere Möbel verrückte, doch jetzt musste sie in ihrem Wohnzimmer sein. Und was machte sie da? War sie noch im Kimono? Aus irgendeinem Grunde hoffte Frances das.

Was immer sie auch tat, die Stille oben dauerte an bis zum Spätnachmittag nach dem Tee. Erst gegen kurz vor sechs erwachte Mrs Barber wieder zum Leben, stürmte oben hin und her, offenbar in einem verzweifelten Versuch, alles rasch aufzuräumen; dann fing sie an, in der kleinen Küche mit Töpfen und Pfannen zu klappern. Als Frances eine halbe Stunde später selbst dabei war, in ihrer Küche das Abendessen vorzubereiten, hörte sie das Klappern des Schlosses an der Vordertür und erschrak. Aber das war natürlich Mr Barber, der von der Arbeit nach Hause kam. Diesmal klang er genau wie ihr Vater, als er sich die Füße an der Fußmatte abstreifte.

Er stieg mit müden Schritten die Treppe hinauf und gab oben angelangt ein jodelndes Gähnen von sich, aber fünf Minuten später, als sie gerade die Kartoffelschalen von der Arbeitsplatte sammelte, hörte sie ihn wieder herunterkommen. Das Quietschen seiner Hausschuhe näherte sich durch den Korridor, dann rief er: »Klopf, klopf, Miss Wray!«, und gleich darauf tauchte sein Gesicht in der Tür auf. »Darf ich mal kurz durchgehen?«

Er sah älter aus als am Vortag, sein Haar war fürs Büro mit Frisiercreme flach gekämmt. Ein rötlicher Streifen auf seiner Stirn zeigte an, wo seine Melone gesessen hatte. Nachdem er die Toilette aufgesucht hatte, hielt er sich noch einen Moment im Garten auf, wie sie durch das Küchenfenster sehen konnte. Wahrscheinlich überlegte er, ob er ihre Mutter ansprechen sollte, die im hinteren Teil des Gartens Spargel schnitt. Er entschied sich dagegen und ging Richtung Haus zurück, blieb allerdings kurz stehen und blickte nach oben, musterte das Mauerwerk oder die Fensterrahmen und untersuchte dann irgendeinen Riss oder Sprung auf der Türschwelle.

»Und, wie geht es Ihnen, Miss Wray?«, fragte er, als er wieder die Küche betrat. Sie sah ein, dass sie einem Schwätzchen kaum aus dem Weg gehen konnte. Und vielleicht war es ja gut, wenn sie ihn etwas näher kennenlernte.

»Mir geht es gut, Mr Barber. Und Ihnen? Wie war Ihr Tag heute?«

Er lockerte seinen steifen Hemdkragen »Ach, der übliche Hickhack.«

»Ein schwieriger Tag also?«

»Jeder Tag ist schwierig, wenn man so einen Chef hat wie ich. Ich bin sicher, Sie kennen den Typ: Legt einem ein paar Zahlen zum Zusammenrechnen hin – und wenn dabei nicht das Ergebnis herauskommt, das er gern hätte, gibt er einem die Schuld daran!« Er hob das Kinn und kratzte sich am Hals, während er den Blick auf sie gerichtet hielt. »Angeblich kommt er von einer vornehmen Privatschule. Man sollte meinen, diese Leute wüssten es besser, finden Sie nicht?«

Warum sagte er das wohl? Er konnte sich doch denken, dass ihre Brüder … Aber nein, er wusste natürlich gar nichts über ihre Brüder, sagte sie sich, obwohl er und seine Frau in deren ehemaligem Zimmer schliefen. In dem Versuch, seinen Tonfall zu treffen, erwiderte sie: »Ja, ich habe gehört, diese Typen werden überbewertet. Sie arbeiten im Versicherungswesen, haben Sie gesagt?«

»Ja, das stimmt. Da muss ich meine Sünden büßen!«

»Was machen Sie denn genau?«

»Ich? Ich bin Gutachter für Lebensversicherungen. Unsere Vertreter schicken uns die Anträge für die Versicherungspolicen, ich leite sie an unseren medizinischen Gutachter weiter, und je nachdem, was er sagt, entscheide ich, ob das zu versichernde Leben gut, schlecht oder neutral ist.«

»Gut, schlecht oder neutral«, wiederholte sie, verblüfft über diese Vorstellung. »Dann sind Sie ja eine Art heiliger Petrus.«

»Der heilige Petrus!« Er lachte. »Das gefällt mir! Das ist witzig, Miss Wray! Das werd ich direkt mal bei den Kollegen in der Pearl anbringen!«

Als sein Lachen verstummt war, dachte sie, dass er nun endlich gehen würde. Doch offenbar hatte er den kleinen Wortwechsel als Aufforderung zu weiterer Vertraulichkeit verstanden. Er schob sich in den Durchgang zur Spülküche und lehnte sich gemütlich an den Türpfosten. Es schien ihm Spaß zu machen, ihr bei der Arbeit zuzuschauen. Er betrachtete sie mit seinen blauen Augen, und sie hatte das Gefühl, als taxiere er sie von oben bis unten: ihre Schürze, das Haar, das sich im Kochdunst kräuselte, die hochgekrempelten Ärmel, die rot gescheuerten Fingerknöchel.

Sie hackte ein paar Stängel Minze für die Soße. Er erkundigte sich, ob die Minze aus dem eigenen Garten sei, und als sie bejahte, nickte er in Richtung Fenster. »Ich hab mich draußen gerade mal ein bisschen umgeschaut. Ziemlich großer Garten, was? Sie und Ihre Mutter halten den doch nicht ganz allein in Ordnung, oder?«

»Ach«, erwiderte sie, »wir lassen einen Mann für die groben Arbeiten kommen, wenn …« Wenn wir es uns leisten können, dachte sie. »Wenn es erforderlich wird. Der Sohn des Pfarrers mäht für uns den Rasen. Den Rest schaffen wir gut zu zweit.«

Das entsprach nicht ganz der Wahrheit. Ihre Mutter gab sich redliche Mühe beim Unkrautjäten und Beschneiden. Für Frances hingegen war Gartenarbeit nur Hausarbeit an der frischen Luft, und Hausarbeit hatte sie ohnehin schon genug. Infolgedessen verlor der Garten, der zu Lebzeiten ihres Vaters sehr gepflegt gewesen war, immer mehr die Form und verwilderte. Mr Barber sagte: »Also, ich kann Ihnen dabei gern zur Hand gehen – Sie müssen es mir bloß sagen. Zu Hause helfe ich meinem Vater auch immer mit dem Garten. Der ist allerdings nicht halb so groß wie Ihrer. Nicht mal ein Viertel so groß. Trotzdem macht der alte Herr das Beste draus. Er pflanzt sogar Gurken an, an einem Holzgestell. Richtige Schönheiten sind das – bestimmt so lang!« Er deutete mit den Händen die Länge an. »Haben Sie schon mal über Gurken nachgedacht, Miss Wray?«

»Ja, also …«

»Welche anzubauen, meine ich.«

Verbarg sich hinter seiner Frage etwa eine Anzüglichkeit? Das konnte sie sich kaum vorstellen. Doch sein Blick war genauso munter wie am Vorabend, und ebenso wie gestern verunsicherte sie sein Verhalten, sie hatte das Gefühl, dass er sich über sie lustig machte, vielleicht versuchte, sie zum Erröten zu bringen.

Ohne ihm zu antworten, wandte sie sich ab und holte Essig und Zucker für die Minzsoße, und nachdem sie sie fertig angerührt und in eine kleine Schüssel umgefüllt hatte, holte sie den Eintopf aus dem Ofen und steckte ein Messer hinein, um zu prüfen, ob das Fleisch gar war. Sie drehte ihm so lange den Rücken zu, bis er den Wink endlich verstand und sich vom Türrahmen löste. Es kam ihr so vor, als grinste er, während er die Küche verließ. Und kaum durchquerte er den Korridor, begann er vor sich hin zu pfeifen, in einer ziemlich durchdringenden Tonlage. Sie brauchte einen Moment, bis sie die flotte Melodie erkannte, es war das Music-Hall-Lied »Hold Your Hand Out, Naughty Boy«. Das Pfeifen wurde leiser, während er die Treppen hinaufstieg, doch ein paar Minuten später ertappte sie sich selbst dabei, wie sie die Melodie vor sich hin pfiff. Sie hielt gleich inne, doch es war, als hätte er einen hartnäckigen Geruch hinterlassen: Egal was sie auch anstellte, das unselige Lied ging ihr den ganzen Abend nicht mehr aus dem Kopf.

2

In den folgenden Tagen wurde noch häufiger fröhlich gepfiffen. Auch erklang des Öfteren jodelndes Gähnen vom Treppenabsatz. Geniest wurde ebenfalls – jenes lautstarke maskuline Niesen, das so klingt, als würde jemand in seine Hand brüllen, und an das Frances sich noch aus der Zeit mit ihren Brüdern erinnern konnte; ein Niesen, das merkwürdigerweise niemals einzeln kam, sondern in einer ganzen Salve, die unweigerlich in einem trompetenden Schnäuzen der Nase endete. Dann waren da noch der ständig hochgeklappte Toilettensitz sowie leuchtend gelbe Spritzer und feucht gekräuselte rötliche Haare am Rand der Toilettenschüssel selbst. Zu guter Letzt hörte man jeden Abend Punkt halb zehn das Klappern eines Löffels, wenn Mr Barber sich ein Pulver gegen Magenverstimmungen in sein Wasserglas rührte, gleich darauf gefolgt von einem halblauten Rülpser.

Nichts davon war wirklich furchtbar unangenehm. Jedenfalls nicht so unangenehm, dass man es nicht für den Preis von neunundzwanzig Schilling pro Woche tolerieren konnte. Frances nahm an, dass sie sich daran gewöhnen würde, dass auch die Barbers sich an sie gewöhnen würden, dass das Haus wieder in seine alltäglichen Abläufe zurückfinden und sie alle schon irgendwie miteinander auskommen würden, »zusammenrücken«, wie es Mr Barber womöglich formuliert hätte. Es fiel ihr allerdings schwer, sich vorzustellen, wie sie je mit Mr Barber »zusammenrücken« sollte, und sie hatte etliche verzweifelte Momente, in denen sie mit ihrer Zigarette im Bett lag und sich fragte, worauf sie sich da nur eingelassen hatte, was sie dem Haus und sich selbst da angetan hatte und wie sie hatte glauben können, dass dieses Arrangement funktionieren würde.

Wenigstens war Mrs Barber eine angenehme Hausgenossin. Das Bad am späten Vormittag schien ein einmaliger Ausrutscher gewesen zu sein. In der nächsten Zeit hielt sie sich sehr für sich und beschäftigte sich mit besagtem »Hübschmachen« ihrer Zimmer, über das ihr Mann sich vorgeblich beschwert hatte. Sie schlang Bänder mit Perlenstickereien, Spitzenborten und Makrameeornamente um Bilderschienen und Kaminsimse und arrangierte Pfauenfedern in Gefäßen. Auf dem Weg in ihr eigenes Zimmer konnte Frances immer mal wieder einen Blick auf den Fortschritt der Dekorationsbemühungen erhaschen. Einmal, als sie gerade den oberen Flur durchquerte, hörte sie eine Art Glöckchenklingeln, spähte durch die geöffnete Wohnzimmertür des Paares und sah Mrs Barber mit einem Tamburin in der Hand im Zimmer stehen. Das Tamburin war mit langen Bändern geschmückt und wirkte irgendwie zigeunerhaft. Auch Mrs Barbers Kleidung erinnerte an ein Zigeunerkostüm: der Fransenrock, die türkischen Pantoffeln; das Haar hatte sie hochgesteckt und mit einem roten Seidenschal umwunden. Frances zögerte, da sie Mrs Barber nicht stören wollte, doch dann rief sie leise ins Zimmer:

»Wollen Sie die Tarantella tanzen, Mrs Barber?«

Mrs Barber kam lächelnd zur Tür. »Ich überlege immer noch, was ich wohin räumen könnte.«

Frances nickte zum Tamburin hinüber. »Darf ich mir das mal anschauen?« Und als sie das Instrument in der Hand hielt, fügte sie hinzu: »Es ist hübsch.«

Mrs Barber zog die Nase kraus. »Es ist bloß aus einem Trödelladen. Aber immerhin ist es echt italienisch.«

»Mir scheint, Sie haben eine Vorliebe für exotische Dinge.«

»Len sagt immer, ich sei wie eine Wilde. Dass ich eigentlich im Dschungel leben sollte. Aber mir gefallen nun mal Sachen, die aus anderen Ländern kommen.«

Und was soll daran auch verkehrt sein, dachte Frances. Sie schüttelte das Tamburin und klopfte mit den Fingern auf das Schlagfell. Sie wäre gern geblieben und hätte noch mehr gesagt; der Moment schien es irgendwie herauszufordern. Doch es war Mittwochnachmittag, und ihre Mutter und sie hatten ihren Kinobesuch geplant. Widerstrebend gab sie das Tamburin zurück. »Ich hoffe, Sie finden einen guten Platz dafür.«

Als sie wenig später mit ihrer Mutter das Haus verließ, sagte sie: »Vielleicht sollten wir Mrs Barber fragen, ob sie uns heute begleiten möchte.«

Ihre Mutter blickte sie skeptisch an. »Mrs Barber? Ins Lichtspielhaus?«

»Fändest du es besser, sie nicht zu fragen?«

»Na ja, vielleicht wenn wir sie besser kennen. Aber könnte das nicht ein wenig heikel werden? Müssen wir sie dann nicht jedes Mal fragen?«

Frances dachte darüber nach. »Ja, wahrscheinlich schon.«

Die Vorstellung in dieser Woche war ohnehin enttäuschend. Die ersten Filme gingen noch, aber das Kinodrama war furchtbarer Schund, ein amerikanischer Thriller mit fadenscheiniger Handlung. Ihre Mutter und sie stahlen sich noch vor der Schlussszene leise aus dem Kino, bemüht, nicht die Aufmerksamkeit des kleinen Orchesters auf sich zu ziehen, und Mrs Wray sagte wie schon so oft, es sei doch ein Jammer, dass die Lichtspielhäuser heutzutage derart viel Unerfreuliches zeigen würden.

Im Vorraum trafen sie auf eine Nachbarin, Mrs Hillyard. Sie hatte den Film ebenfalls verfrüht verlassen, allerdings von den teureren Plätzen weiter oben. Gemeinsam gingen sie die Straße entlang zurück, und Mrs Hillyard erkundigte sich: »Wie geht es Ihren zahlenden Gästen?« Die Höflichkeit verbot es ihr, den Begriff »Mieter« zu verwenden. »Haben sie sich schon eingelebt? Ich sehe den Mann immer morgens, wenn er in die Stadt geht. Er scheint ein recht wohlgeratener Bursche zu sein. Offen gesagt beneide ich Sie regelrecht darum, wieder einen jungen Mann im Haus zu haben. Und für Sie, Frances, ist es doch sicher angenehm, dass Sie ein paar junge Leute um sich haben, mit denen Sie diskutieren können?«

Frances lächelte. »Ach, die Zeiten, in denen ich viel diskutiert habe, sind vorbei.«

»Aber natürlich. Und ich bin mir sicher, dass Ihre Mutter sehr dankbar ist, dass Sie bei ihr sind.«

An diesem Abend gab es Kronfleisch zum Essen. Frances geriet ins Schwitzen, während sie das Fleisch mit einem Nudelholz bearbeitete, um es zart zu bekommen. Am nächsten Tag, als sie eine Stunde für sich hatte, reinigte sie den Rauchabzug in der Küche vom Ruß. Der Dreck sammelte sich unter ihren Fingernägeln und in den Linien ihrer Handflächen und musste mit Zitronensaft und Salz wieder abgeschrubbt werden.

Am Tag danach, einem Freitag, hatte sie das Gefühl, sie habe sich eine Belohnung verdient. Sie stellte ihrer Mutter ein kaltes Mittagessen und gebuttertes Brot für die Teezeit bereit und machte sich auf den Weg in die Innenstadt.

Sie fuhr immer gern dorthin, wenn sie es möglich machen konnte, mal zum Einkaufen, mal um eine Freundin zu besuchen. Je nach Wetter hatte sie verschiedene Möglichkeiten, den Weg zurückzulegen. Da das schöne Wetter seit der Ankunft der Barbers gehalten hatte, konnte sie diesmal den schönsten Teil des Weges zu Fuß gehen. Sie nahm einen Bus bis Vauxhall, überquerte von dort aus den Fluss und spazierte Richtung Norden, wobei sie spontan die Straßen einschlug, die ihr besonders ins Auge fielen.

Sie genoss diese Spaziergänge durch London. Beim Gehen kam es ihr so vor, als ob sie durchlässig wurde wie ein Schwamm und alle Einzelheiten in sich aufsog oder sich auflud wie eine Batterie. Ja, das war es eher, dachte sie, während sie um eine Ecke bog: kein langsames Kriechen einer Flüssigkeit, sondern ein Prickeln, eine elektrische Aufladung, die Schritt für Schritt durch die Reibung ihrer Sohlen auf der Straße produziert wurde. In diesen prickelnden Momenten, so schien es ihr, war sie ganz und gar sie selbst, und paradoxerweise waren dies zugleich die Momente größter Anonymität. Doch es war die Anonymität, die diese elektrische Ladung erst hervorbrachte. Wenn sie mit jemand anderem durch London ging, verspürte sie dieses Gefühl nicht. Sie fühlte niemals die gleiche erregte Spannung, die sie jetzt empfand, wenn sie beispielsweise den Schatten betrachtete, den ein Geländer über einer Reihe ausgetretener Stufen warf. War es albern, angesichts eines Schattens so zu empfinden? War es schrullig? Schrullig zu sein wollte sie um jeden Preis vermeiden. Doch schrullig wurde ihr Gefühl erst, wenn sie versuchte, es in Worte zu fassen. Solange sie sich damit begnügte, den Moment lediglich zu spüren … Da. Es war, als ob sie eine Saite wäre, die angeschlagen wurde und die einzige reine Note erklingen ließ, für die sie gemacht war. Komisch, dass niemand sonst es hören konnte! Wenn ich heute sterben müsste, dachte sie, und jemand über mein Leben nachdächte, würde er niemals wissen, dass Augenblicke wie dieser, auf der Horseferry Road zwischen einer Baptistenkapelle und einem Tabakladen, die wahrsten Momente darin waren.

Sie überquerte die Straße und ließ dabei ihre Tasche hin- und herschwingen. Über ihr kreisten ein paar Möwen und stießen ihre nach Meer klingenden Schreie aus, die man manchmal mitten in London hören konnte und die immer den Eindruck erweckten, dass hinter der nächsten Straßenecke bereits der Pier lag.

Sie erledigte ihre Einkäufe an den Marktständen von Strutton Ground, ging von einem Stand zum nächsten, ehe sie sich für eine Sache entschied, weil sie sichergehen wollte, wirklich die Sonderangebote aufzuspüren. Am Ende hatte sie drei Rollen Nähgarn, ein halbes Dutzend Seidenstrümpfe zweiter Wahl und eine Schachtel Füllfederspitzen. Der Spaziergang von Vauxhall hierher hatte sie hungrig gemacht, und sie überlegte, wo sie ihren Lunch einnehmen könnte. Oft ging sie bei ihren Ausflügen in die Cafeteria der National Gallery oder der Tate, wo so viel Betriebsamkeit herrschte, dass es möglich war, sich nur eine Kanne Tee zu bestellen und dazu unauffällig das mitgebrachte Rosinenbrötchen zu verzehren. Solche Gepflogenheiten waren allerdings typisch für alte Jungfern, und heute wollte sie keine alte Jungfer sein. Du liebe Zeit, sie war doch erst sechsundzwanzig. Sie suchte sich ein gemütliches Eckcafé und bestellte sich ein warmes Mittagessen: gebratene Eier, Pommes frites und Brot mit Butter, alles zusammen für einen Schilling und einen Sixpence, eingeschlossen ein Penny Trinkgeld für die Kellnerin. Sie widerstand der Versuchung, den Teller mit dem Brot sauber zu wischen, fühlte sich aber volksnah genug, um sich eine Zigarette anzuzünden. Beim Rauchen lauschte sie zufrieden dem Klappern von Geschirr und dem Platschen von Wasser, das aus der Küche im Tiefgeschoss empordrang – dem Wohlklang, den Abwasch hatte, wenn ihn jemand anderes erledigte.

Anschließend spazierte sie zum Buckingham Palace, nicht etwa aus sentimentalen Gefühlen dem Königspaar gegenüber, das sie im Großen und Ganzen für ein Paar dekadenter Blutsauger hielt, sondern nur um das Gefühl zu genießen, dort zu sein, ganz nah am prachtvollen Zentrum des Geschehens. Aus demselben Grund überquerte sie nach einem Spaziergang durch den St. James’s Park die Mall und stieg die Stufen zum Piccadilly empor. Sie spazierte ein Stück die Regent Street entlang, einfach weil die Straße so schön gebogen war, blieb vor den Schaufenstern der teuren Geschäfte stehen und starrte die Preisschilder an: Schuhe für drei Guineen, Hüte für vier Guineen … Ein Laden an einer Ecke verkaufte persische Antiquitäten. Eine verzierte Vase war so groß, dass sich ein Dieb darin hätte verstecken können. Die würde Mrs Barber gefallen, dachte sie mit einem Lächeln.

Nachdem sie den Oxford Circus überquert hatte, gab es keine eleganten Geschäfte mehr. London wechselte wie so oft sein Kostüm – als würde es plötzlich einen Umhang ablegen. Hier herrschte ein schäbiges Durcheinander von Klaviergeschäften, italienischen Lebensmittelläden, Pensionen und Pubs. Doch ihr gefielen die Straßennamen: Great Castle, Great Titchfield, Riding House, Ogle, Clipstone – in Letzterer wohnte ihre Freundin Christina; sie hatte zwei Zimmer im obersten Stockwerk eines hässlichen neuen Gebäudes gemietet. Frances betrat das Haus durch einen braun gefliesten Korridor, grüßte den Portier in seiner Loge, durchquerte den offenen Innenhof und begann den langen Aufstieg. Als sie Christinas Stockwerk erreicht hatte, konnte sie das Klappern ihrer Schreibmaschine hören, ein ununterbrochenes hektisches Tipp-Tipp-Tipp. Sie hielt inne, um Atem zu schöpfen, drückte auf den Klingelknopf, und das Schreibmaschinenklappern hörte auf. Gleich darauf öffnete Christina die Tür und reckte Frances ihr blasses, spitzes Gesicht für einen Begrüßungskuss entgegen. Dabei kniff sie die Augen zusammen und blinzelte.

»Ich kann dich gar nicht richtig sehen! Mir tanzen die Buchstaben vor den Augen. Ach, ich werde bei dieser Arbeit bestimmt noch blind. Warte mal einen Moment, während ich mir die Stirn kühle.«

Sie schlüpfte an Frances vorbei, wusch sich die Hände am Waschbecken auf dem Treppenabsatz und presste sie dann gegen die Stirn. Auf dem Rückweg rieb sie sich ein Auge mit den nassen Fingerknöcheln.

Das Gebäude gehörte einer Baugesellschaft, die Wohnungen an berufstätige Frauen vermietete. Christinas Nachbarinnen waren Lehrerinnen, Stenografinnen, weibliche Büroangestellte; sie selbst verdiente sich ihren Lebensunterhalt, indem sie Manuskripte und Doktorarbeiten für Autoren und Studenten abtippte und gelegentlich andere Schreib- und Buchhaltungsarbeiten verrichtete. Gerade half sie bei einer neuen kleinen Zeitung aus, wie sie Frances erzählte, einem kleinen politisch engagierten Blatt. Sie hatte Statistiken über die Hungersnot in Russland abgetippt, und das ständige Herumfummeln mit den Tabelleneinzügen hatte ihr Kopfschmerzen verursacht. Ganz zu schweigen von den Zahlen selbst – Hunderttausende Tote und Hunderttausende, die immer noch hungerten. Es sei eine schreckliche Arbeit.

»Und das Schlimmste ist«, sagte sie schuldbewusst, »dass ich dabei selbst ganz hungrig geworden bin. Und ich habe nichts zu essen da!«

Frances öffnete ihre Tasche. »Simsalabim! Jetzt hast du was. Ich habe dir einen Kuchen gebacken!«

»Ach, Frances, nein wirklich!«

»Na ja, ein Rosinenbrot! Ich habe es schon die ganze Zeit mit mir herumgeschleppt, und es wiegt eine Tonne! Bitte schön.«

Sie holte das eingepackte Rosinenbrot heraus, knotete die Schnur auf und schlug das Papier auseinander. Als Christina die glänzend braune Kruste sah, wurden ihre blauen Augen groß wie die eines Kindes. Einen solchen Kuchen müsse man unbedingt rösten, sagte sie. Sie stellte einen Kessel auf die Gasflamme, um Teewasser zu kochen, und suchte in einem Schrank nach einem Heizstrahler.

»Setz dich, er braucht noch ein bisschen, um warm zu werden«, sagte sie, während der Heizstrahler tickte und summte. »Aber lass lieber etwas Luft rein, sonst kommen wir noch um vor Hitze.«

Frances musste erst ein Sieb von der Fensterbank räumen, ehe sie den Fensterrahmen hochschieben konnte. Das Zimmer war hell und groß und in modischen, fröhlichen Farben gestrichen, doch auf dem Fußboden standen unordentliche Bücherstapel, überall lagen Papiere herum, und nichts war an seinem Platz. Die Sessel sahen aus wie nachgemachte viktorianische Möbel, einer aus abgewetztem roten Leder, der andere aus verschlissenem Veloursamt. Auf dem veloursamtenen thronte ein Tablett mit den Frühstücksüberresten von zwei Personen: klebrige Eierbecher und schmutzige Tassen. Sie reichte Christina das Tablett, die es leer räumte, kurz abwischte, dann Tassen, Untertassen, Teller und eine schmierige Milchflasche daraufstellte und es ihr wieder zurückgab. Tassen, Untertassen, Eierbecher und Becher waren alle aus Ton, dick glasiert und plump geformt, mit einer ziemlich »primitiven« Anmutung. Christina teilte sich die Wohnung mit einer Frau namens Stevie. Stevie war eigentlich Kunstlehrerin an einer Mädchenschule in Camden Town, versuchte aber gerade, sich einen Namen als Töpferin zu machen.

Es war nicht so, dass Frances Stevie richtiggehend ablehnte, doch üblicherweise richtete sie ihre Besuche so ein, dass sie stattfanden, während Stevie in der Schule war; schließlich kam sie, um Chrissy zu sehen. Sie kannten einander seit Mitte des Krieges. Als der Frieden kam, waren sie perverserweise im Streit auseinandergegangen, doch das Schicksal hatte sie wieder zusammengebracht. Das Schicksal oder der Zufall oder was auch immer hatte es gefügt, dass Frances an einem Septembertag im letzten Jahr vor einem Regenguss in die National Gallery geflohen war, und hatte sie von den flämischen Räumen zu den italienischen Meistern gelenkt, wo sie auf Christina getroffen war, die ebenso durchnässt wie sie selbst skeptisch das Bild Allegorie der Liebe betrachtet hatte. Es war nicht möglich gewesen, ihr aus dem Weg zu gehen. Während Frances noch verdutzt dastand, hatte Christina sich schon umgedreht, und ihre Blicke waren einander begegnet. Nach der ersten Verlegenheit war es schwer gewesen, dieser schier unglaublichen Fügung zu widerstehen, und inzwischen trafen sie sich zwei- oder dreimal im Monat. Manchmal kam ihre Freundschaft Frances vor wie ein altes Stück Küchenseife, das sich durch langen Gebrauch an die Form ihrer Hand angepasst hatte, aber dabei schon so oft zu Boden gefallen war, dass es nie ganz frei von Ruß und Asche war.

Heute bemerkte sie zum Beispiel, dass Christina eine neue Frisur hatte. Bei ihrer letzten Begegnung vor zwei Wochen war ihr Haar schon kurz gewesen, doch heute war es am Hinterkopf noch strenger gekürzt; dazu trug Christina einen geraden Pony auf halber Stirnhöhe und zwei flache, spitz nach vorn gedrehte Locken vor den Ohren. Frances kam dieser Stil allzu gewollt exzentrisch vor. Exzentrisch fand sie auch Christinas Kleid, das mit seinem wirbelnden Muster aus matten Pink- und Grautönen zu den Bloomsbury-Wänden passte. Exzentrisch waren im Übrigen auch die Wände; ja eigentlich die gesamte unaufgeräumte Wohnung. Wenn Frances hierherkam, betrachtete sie diese Unordnung stets mit einer Mischung aus Neid und Verzweiflung und stellte sich vor, wie ruhig, kühl und aufgeräumt die Zimmer wären, wenn sie selbst dort wohnen würde.

Sie verlor kein Wort über den Haarschnitt. Sie blickte über die Unordnung hinweg. Der Kessel fing an zu kochen, und Christina füllte die Teekanne, schnitt das Rosinenbrot in Scheiben, holte Butter, Messer und zwei Toastgabeln aus Messing hervor. »Komm, wir setzen uns auf den Boden, das geht besser«, sagte sie. Also schoben sie die Sessel beiseite und machten es sich auf dem Läufer gemütlich. Frances’ Gabel hatte die Wahrsagerin Mother Shipton als Griff, Christinas Griff zierte eine Geige spielende Katze. Die Drähte des Heizstrahlers hatten sich von Grau über Pink in ein glühendes Orange verwandelt, und es roch intensiv nach versengtem Staub.

Der Kuchen war schnell geröstet. Vorsichtig wendeten sie die Scheiben, bestrichen sie dann mit Butter und hielten die Teller beim Essen dicht unter das Kinn, um die fettigen Tropfen aufzufangen. »Denk bloß an die armen Russen!«, sagte Christina, während sie die Krümel von ihrem Teller sammelte. Das wiederum erinnerte sie an die kleine Zeitung, für die sie arbeitete, und sie erzählte Frances von ihrer neuen Arbeit. Die Zeitung hatte ihr Büro in einem Keller in Clerkenwell, in einem abbruchreifen Reihenhaus. Sie war in dieser Woche zwei Tage dort gewesen und hatte die ganze Zeit über um ihr Leben gefürchtet. »Man kann das Haus ächzen und knarren hören, wie das Haus in Little Dorrit.« Die Bezahlung war natürlich lausig, aber die Arbeit interessierte sie. Die Zeitung hatte eine eigene Druckerpresse; sie würde jetzt lernen, wie man einen Text setzte. Jeder machte ein bisschen was von allem – so lief es dort. Für die beiden jungen Herausgeber war sie bereits »Christina« – und sie nannte die beiden ihrerseits »David« und »Philip«.

Wie interessant das klingt, dachte Frances. Sie hatte nur eine einzige Neuigkeit zu berichten, den Einzug von Mr und Mrs Barber. Tagelang hatte sie sich ausgemalt, wie sie Chrissy das Paar beschreiben würde; in ihrer Fantasie hatten sie beide lange, geistreiche Unterhaltungen über die Barbers geführt. Doch was waren ihre Neuigkeiten verglichen mit dem neuen Haarschnitt, der Hungersnot in Russland und David und Philip …? Sie aß ihren Kuchen auf, ohne etwas zu sagen. Schließlich war es Christina selbst, die sich gähnend rekelte, ihre schmalen nackten Füße reckte wie eine Ballerina und sagte: »Du hast mich hier die ganze Zeit reden lassen wie ein Wasserfall. Was gibt es für Neuigkeiten in Camberwell? Irgendwas Neues muss es doch geben?« Sie klopfte mit dem Finger gegen die Lippe und hielt dann inne. »Wart mal. Inzwischen müssen doch eure Mieter eingezogen sein, oder?«

»In Champion Hill nennen wir sie lieber ›zahlende Gäste‹.«

»Sind sie schon da? Warum hast du mir das denn nicht eher erzählt? Du bist doch wirklich ein stilles Wasser! Und? Wie gefallen sie dir?«

»Ach …« Die scharfsinnigen Bemerkungen, die Frances sich überlegt hatte, waren plötzlich wie weggeblasen. Sie sah nur die nette Mrs Barber vor sich, mit dem Tamburin in der Hand.

»Sie sind ganz in Ordnung«, sagte sie schließlich. »Es ist bloß komisch, auf einmal fremde Menschen im Haus zu haben.«

»Lauschst du mit einem Glas an der Wand?«

»Nein, natürlich nicht.«

»Ich würde das machen! Ich hänge jedes Mal mit dem Ohr am Boden, wenn das Mädchen unter mir Herrenbesuch hat! Das ist lehrreicher als ein Aufklärungsvortrag von Marie Stopes. Wenn die bei mir wohnen würden, deine Mr und Mrs – wie heißen sie noch gleich?«

»Barber, Leonard und Lilian. Len und Lil nennen sie einander.«

»Len und Lil, aus Peckham Rye.«

»Von irgendwoher müssen sie ja kommen.«

»Also, wenn ich die im Nachbarzimmer wohnen hätte, würde ich überhaupt nicht zum Arbeiten kommen.«

»Ich kann dir versichern – der Reiz des Neuen lässt schnell nach!«

»Nun erzähl schon, damit ich ein Bild von ihnen bekomme! Wie ist denn der Mann?«

Frances rief sich den verstörenden Blick aus den blauen Augen ins Gedächtnis. »Ich weiß nicht. Ihn kann ich bisher noch gar nicht richtig einschätzen. Selbstzufrieden. Ein Hahn im Korb.«

»Und die Frau?«

»Ach, viel netter als er. Gut aussehend, weich und wohlgerundet, wie Männer es mögen. Ein bisschen romantisch. Wirklich, ich kann noch gar nichts über sie sagen. Wir begegnen einander auf der Treppe. Wir treffen uns auf dem Treppenabsatz. Alles passiert auf dem Treppenabsatz. Ich hatte ja keine Ahnung, dass es auf Treppenabsätzen so spannend sein kann. Auf unserem geht es zu wie an einem Eisenbahnknotenpunkt. Einer von uns kommt immer gerade dort entlang oder weicht zurück – oder muss auf dem Rangiergleis warten, bis der Weg frei ist.«

»Und wie nimmt deine Mutter die neue Situation auf?«

»Mutter hält sich wacker.«

»Es macht ihr nichts aus, auf dem Esszimmertisch zu schlafen – oder wie immer sie sich jetzt arrangieren muss? Schon komisch, wenn ich sie mir als Vermieterin vorstelle. Hat sie schon heimlich die Post über Wasserdampf geöffnet?«

Darauf erwiderte Frances nichts. Doch Christina schien auch keine Antwort zu erwarten. Sie gähnte wieder, reckte sich und streckte ihre Zehen zu diesen Ballerinaspitzen.

Sie sollten die Heizsonne nicht nutzlos brennen lassen, meinte sie, ohne ein weiteres Stück Rosinenbrot zu rösten. Hatten sie noch Platz für eine zweite Portion? Sie hatten und spießten noch zwei Scheiben auf.

Als sie den Kuchen gegessen und ihren Tee getrunken hatten, hörten sie von der Straße eine Drehorgel spielen. Sie wandten die Köpfe und lauschten. Zuerst klang die Melodie nur wie ein Durcheinander von einzelnen Tönen, doch dann gewöhnten sich ihre Ohren daran, und sie erkannten das Lied »Roses of Picardy« – die banalste Melodie, die man sich vorstellen konnte, aber eines der Lieder aus ihrer Jugend. Sie blickten einander an, und Frances murmelte verlegen: »Dieses uralte Stück!«

Christina jedoch sprang auf. »Komm, wir gehen mal schauen!«

Der Orgelspieler stand auf dem Bürgersteig direkt unter ihrem Fenster, ein ehemaliger Soldat in Trenchcoat und Soldatenmütze, auf seiner Brust waren ein paar militärische Abzeichen zu erahnen. Er transportierte die Drehorgel auf dem Unterteil eines Kinderwagens, sie schien nur mit Stricken darauf befestigt zu sein. Der Klang der Drehorgel war so misstönend, dass die Musik weniger aus dem Kasten aufzusteigen schien, als vielmehr aus diesem herauszuplumpsen, so als seien die einzelnen Töne Gegenstände aus Glas oder Metall, die dem Mann laut scheppernd vor die Füße fielen.

Einen Moment später blickte er auf, entdeckte die beiden Frauen am Fenster und hielt ihnen die Mütze entgegen. Frances holte ihre Handtasche und suchte nach Geld. Sie zögerte einen Augenblick, da sie nichts Kleineres als ein Sixpence-Stück fand, doch dann ging sie ans geöffnete Fenster zurück und warf die Münze hinunter. Der Mann fing sie sehr geschickt mit seiner Mütze auf, steckte sie ein und winkte dann noch einmal mit der Mütze, dabei bediente er unablässig die Orgel mit der anderen Hand weiter, ohne die kleinste Unterbrechung.

Die Sonne hatte die Fensterbank erwärmt. Christina machte es sich bequem, schloss die Augen und reckte das Gesicht der Sonne entgegen. In ihren Mundwinkeln hingen noch einzelne Krümel, und ihre Lippen glänzten von der Butter. Frances lächelte, als sie das Glänzen sah; dann schloss sie ebenfalls die Augen und überließ sich dem Sonnenschein, der Schönheit des Augenblicks und der Melodie, die so schmerzhaft an eine ganz bestimmte Zeit während des Krieges erinnerte.

Die Töne zitterten. Der Mann hatte sich mit der Orgel wieder in Bewegung gesetzt, während er immer noch die Melodie spielte. Als er sich umdrehte, wurde auf dem Rücken seines Mantels ein Schild sichtbar, auf dem stand:

DRINGEND ARBEIT GESUCHT!

MACHE ALLES!

Frances und Christina blickten ihm hinterher, wie er die Straße überquerte. »Was kann man bloß für sie tun?«, fragte Chrissy.

»Ich habe keine Ahnung.«

»Nächste Woche findet eine Versammlung in der Conway Hall statt, zum Thema ›Reichen Almosen angesichts dieser Herausforderung?‹. Sidney Webb wird sprechen – wozu auch immer es gut sein mag. Du solltest auch hinkommen.«

Frances nickte. »Das könnte ich.«

»Du wirst es aber nicht, oder?«

»Ich bin mir nicht sicher, ob es etwas nützt, das ist alles.«

»Da bleibst du lieber zu Hause und schrubbst ein paar Kloschüsseln.«

»Kloschüsseln müssen nun mal geputzt werden – wahrscheinlich sogar die von den Webbs!«

Sie wollte nicht weiter darüber sprechen. Was nützte das schon? Auf alle Fälle konnte sie ihre Gedanken nicht von der Musik abwenden. Die Melodie wurde leiser, als der Mann um die nächste Ecke bog, die letzten Töne schwebten noch in der Luft wie die feinen, aber hartnäckigen Fäden am Rand einer ungesäumten Leinendecke: Roses are shining in Picardy, in the lush of the silver dew. Roses are flow’ring in Picardy, but –

»Da kommt Stevie«, bemerkte Christina.

»Stevie? Wo?«

»Da unten. Da kommt sie.«

Frances beugte sich vor, spähte über die Fensterbank und entdeckte die groß gewachsene, recht gut aussehende Gestalt, die auf den Hauseingang zusteuerte. »Ach«, sagte sie ohne große Begeisterung. »Hat sie heute keine Schule?«

»Die Schule ist drei Tage lang geschlossen. Ein paar unartige Jungen sind eingebrochen und haben die Klassenzimmer unter Wasser gesetzt. Sie ist stattdessen in ihrem Atelier gewesen. Sie hat ein neues, in Pimlico.«

Sie blieben noch einen Moment am Fenster stehen und kehrten dann schweigend auf ihre Plätze am Boden zurück. Der Heizstrahler war jetzt wieder grau und tickte vor sich hin, während er abkühlte. Bald darauf hörte man Schritte auf dem Treppenflur, gefolgt vom Rasseln eines Schlüssels, der ins Schloss geschoben wurde.

Die Tür führte beinahe direkt ins Wohnzimmer. »Hallo, Stinker!«, sagte Christina, als Stevie eintrat.

»Hallo, du!«, erwiderte Stevie. Und dann: »Frances! Schön dich zu sehen. Machst du heute deinen Ausflug in die Stadt?«

Sie trug weder Hut noch Mantel und rauchte eine Zigarette. Ihr kurzes dunkles Haar war aus der Stirn gekämmt, völlig entgegen der Mode. Ihre Kleidung bestand aus einem schlichten Baumwolloverall; die Ärmel hatte sie bis zu den Ellbogen hochgekrempelt, was ihre knubbeligen Handgelenke und Hände betonte. Trotzdem war Frances wieder einmal beeindruckt von ihrer Präsenz, ihrem eigenartigen Elan. Es schien sie überhaupt nicht zu kümmern, ob die Welt sie bewunderte oder für einen komischen Kauz hielt. Sie trug eine klobige Umhängetasche über der Schulter, die sie mit einem dumpfen Plumpsen fallen ließ, während sie sich den Sesseln näherte. Sie musterte den Heizstrahler und die Toastgabeln und lächelte skeptisch.

»Was soll das denn werden? Teestunde im Kinderzimmer?«

»Ja, ist das nicht peinlich?«, erwiderte Christina. Ihr Verhalten hatte sich mit Stevies Ankunft geändert, sie war plötzlich spröde und ironisch, auf eine Art und Weise, die Frances kannte und die ihr missfiel. »Wenn die arme Frances uns besuchen kommt, muss sie jedes Mal ihre eigene Verpflegung mitbringen. Aber wir haben Glück, dass sie so patent ist! Sie tauscht bestimmt ein Stück Rosinenbrot gegen ein paar Zigaretten ein.«

Stevie kramte in einer Tasche nach ihrer Zigarettenschachtel und einem Feuerzeug. »Abgemacht!«

Sie nahm sich ein Stück Rosinenbrot und setzte sich dann auf den Sessel aus Baumwollsamt. Ihr Knie berührte gerade eben Christinas Schulter. Unter ihren Fingernägeln hing noch Ton, sah Frances jetzt, und auf ihrer linken Schläfe war ein schmutziger Daumenabdruck, wie ein blauer Fleck. Christina hatte den Abdruck ebenfalls bemerkt und rieb ihn mit dem Finger ab.

»Du siehst aus wie ein Kaminkehrer, Stevie.«

»Und du«, erwiderte Stevie mit einem wohlgefälligen Blick auf Christinas ungebügelte Kleidung, »siehst aus wie das Flittchen vom Schornsteinfeger!« Sie biss genussvoll in das Rosinenbrot. »Mal abgesehen von deiner Frisur. Wie findest du sie, Frances?«

Da Frances sich gerade eine Zigarette anzündete, antwortete Christina an ihrer Stelle: »Sie findet sie natürlich ganz schrecklich!«

Frances sagte schnell: »Nein, das stimmt nicht. In Champion Hill würde die Frisur allerdings für Wirbel sorgen.«

Christina schnaubte. »Na, das spricht meiner Meinung nach doch für den Haarschnitt! Letzte Woche waren Stevie und ich in Hammersmith. Wie die uns da angestarrt haben! Aber natürlich hat niemand einen Ton gesagt!«

»Das würde in so einer Gegend auch niemand, jedenfalls würden sie es dir nicht ins Gesicht sagen«, meinte Stevie. Sie wischte sich die Kuchenkrümel aus dem Mundwinkel und leckte ihre klebrigen Finger ab. »Weißt du, Frances, ich habe mal auf der Brompton Road gewohnt. Mein Gott – diese vornehmen Leute dort! Mein Nachbar hat für eine der großen Transportfirmen gearbeitet. Seine Frau hatte eine Bibel im Fenster stehen. Sonntags dreimal zum Gottesdienst und so weiter! Doch nachts konnte ich sie durch die Wände streiten hören – es fehlte nicht viel und sie hätten sich mit dem Schürhaken attackiert! Aber das sind die Angestellten – eine Klasse für sich! Sie sehen friedlich aus, sie klingen ganz wohlerzogen, doch unter den ganzen Zierdeckchen und Schonbezügen lauert nur mühsam unterdrückte Rohheit! Nein danke – da sind mir die einfachen, ehrlichen Leute aus den Slums lieber! Die tragen ihre Raufereien wenigstens offen aus.«

Christina streckte den Fuß und stupste Frances mit den Zehen an. »Da hörst du es!« Dann erklärte sie Stevie: »Frances hat jetzt nämlich ihren eigenen kleinen Büroangestellten mitsamt Frau …«

Stevie lauschte der Geschichte vom Einzug der Barbers mit demselben peinlich berührten Gesichtsausdruck, mit dem sie sich wahrscheinlich auch die Symptome einer unangenehmen Krankheit angehört hätte. Frances wechselte das Thema, so schnell sie konnte. Wie lief es gerade in der schillernden Welt der Keramik? Darauf gab Stevie mehr als ausführlich Antwort und berichtete von einer Reihe neuer Muster, die sie gerade ausprobierte. Leider seien sie nicht besonders avantgardistisch, denn im Augenblick habe niemand mehr etwas für Experimente übrig. Die kunstinteressierte Käuferschaft sei seit dem Krieg erschreckend konservativ geworden. Doch dort, wo es möglich war, gebe sie sich alle Mühe, das Figurative ins Abstrakte zu heben … Sie beugte sich über die Lehne ihres Sessels, holte ein Buch aus ihrer Umhängetasche und suchte Bilder und Textpassagen, mit denen sie Frances veranschaulichen wollte, was sie meinte, ja, sie fertigte sogar ein paar Skizzen zur Erklärung an.

Frances nickte und murmelte zustimmend; dabei blickte sie ab und zu Christina an. Diese schaute zu, sagte wenig und spielte an einem Schnürband von Stevies flachen braunen Schuhen herum. Wenn sie den Kopf vorbeugte, sah die Kontur ihres Ponys noch stumpfer aus, und die Locken vor ihren Ohren wirkten so flach und spitz wie die Klingen eines Dosenöffners. Früher einmal war ihr Haar lang gewesen, sie hatte es bauschig um ihr Gesicht frisiert, auf eine Art, die Frances immer zärtlich an eine Ringelblume denken ließ. Diese Ringelblumen-Frisur hatte sie auch getragen, als Frances sie zum ersten Mal gesehen hatte, an einem nieseligen Tag im Hyde Park. Sie war neunzehn gewesen, Frances zwanzig. Mein Gott, wie lange das jetzt her zu sein schien! Nein, nicht lange her – es war vielmehr in einem anderen Leben gewesen, einem anderen Zeitalter, das mit dem jetzigen so wenig gemeinsam hatte wie Pfeffer mit Salz. Christina hatte eine perlenbesetzte Brosche am Aufschlag getragen, und einer ihrer Handschuhe hatte einen Riss gehabt, durch den die rosige Handfläche darunter sichtbar wurde. Ich habe mein Herz verloren, und es ist in diesen Riss gefallen, hatte Frances ihr später immer erzählt.

Endlich ging Stevie die Luft aus. Frances ergriff die Gelegenheit, stand auf und räumte das Geschirr zusammen. Dann ging sie auf den Treppenflur hinaus, um sich die Hände zu waschen. »Danke für die Zigarette«, sagte sie, während sie sich den Hut feststeckte.

Stevie bot ihr die Schachtel an: »Warum nimmst du dir nicht ein paar mit? Die sind doch eine gute Abwechslung zu deinen selbst gedrehten Glimmstängeln!«

»Ach, ich bin mit meinen Glimmstängeln ganz zufrieden.«

»Wirklich?«

Christina sagte in ihrem Bloomsbury-Tonfall: »Lass sie doch eine Märtyrerin sein, Stevie. Es gefällt ihr einfach.«

Sie gingen ohne einen Abschiedskuss auseinander. Unten im Eingangsbereich warf Frances einen Blick auf die Uhr in der Portiersloge und stellte zu ihrer Bestürzung fest, dass es bereits weit nach fünf war. Sie war länger geblieben als beabsichtigt. Sie wäre gern zu Fuß nach Vauxhall zurückgegangen, oder wenigstens bis Westminster, doch zu Hause musste noch das Abendessen vorbereitet werden. Nun bereute sie es, dass sie dem Drehorgelspieler das Sixpence-Stück gegeben hatte, und bekam ein schlechtes Gewissen wegen ihres Lunchs in dem Eckcafé. Daher beschloss sie, einen Penny zu sparen und statt des Busses die Straßenbahn zu nehmen. Sie lief nach Holborn, wo die Straßenbahn in ihre Richtung abfuhr, musste dort eine Ewigkeit warten, bis endlich eine kam, und wurde dann empfindlich durchgeschüttelt während ihrer Fahrt über den Fluss in die engen, geduckten Straßen Südlondons.

Kaum war sie aus der Straßenbahn gestiegen, näherte sich ihr schon ein weiterer Kriegsveteran, der deutlich zerlumpter aussah als der Orgelspieler. Er hinkte neben ihr her, hielt ihr eine geöffnete Baumwolltasche hin und erzählte ihr in allen Einzelheiten von seinen militärischen Verdiensten: Er war mit dem Regiment von Worcester in Frankreich und Palästina gewesen, war bei diesem und jenem Feldzug verwundet worden … Als sie ablehnend den Kopf schüttelte, blieb er stehen, ließ sie ein paar Schritte weitergehen und rief ihr dann hinterher:

»Ich hoffe bloß, Sie stehen nie ohne Geld da!«

Peinlich berührt wandte sie sich um und versuchte leichthin zu sprechen. »Woher wollen Sie wissen, dass das nicht längst der Fall ist?«

Er sah sie empört an, hob hilflos die Hand und ließ sie wieder sinken: »Ihr habt’s doch hübsch bequem gehabt – ihr verdammten Frauen!«, hörte sie ihn sagen.

Die gleiche Ansicht, kaum weniger drastisch geäußert, hatte sie verschiedentlich in den Tageszeitungen gelesen. Als sie zu Hause ankam, war ihre Stimmung auf den Nullpunkt gesunken. Sie fand ihre Mutter in der Küche vor und erzählte ihr von der Begegnung mit dem Soldaten.

»Der arme Kerl«, sagte ihre Mutter. »Er hätte nicht so grob mit dir reden dürfen; das war natürlich falsch. Aber man muss doch Mitleid mit all diesen Männern haben, die in den Krieg gezogen sind und jetzt keine Arbeit mehr haben.«

»Ich habe ja Mitleid mit ihnen!«, rief Frances. »Ich war von Anfang an dagegen, dass man sie in den Krieg schickt. Aber die Frauen dafür verantwortlich zu machen – das ist doch absurd! Was haben wir denn schon gewonnen – abgesehen vom Wahlrecht, mit dem die Hälfte von uns sowieso nichts anzufangen weiß?«

Ihre Mutter machte ein geduldiges Gesicht. Sie hatte sich das alles schon mehrfach anhören müssen. »Na ja, immerhin ist keine verwundet worden. Keine hat eine Kriegsverletzung.« Sie sah zu, wie Frances ihre Einkäufe auspackte. »Du hast nicht zufällig die passenden Nähseiden gefunden?«

»Doch, habe ich. Hier.«

Ihre Mutter hielt die Garnrollen ins Licht. »Ach, braves Mädchen, das sind genau … Oh – aber du hast ja gar nicht die von Sylko gekauft.«

»Diese sind genauso gut, Mutter.«

»Ich finde, Sylkos Nähseide ist einfach die beste.«

»Leider ist sie auch die teuerste.«

»Aber jetzt, da Mr und Mrs Barber hier wohnen, könnten wir doch …«

»Wir müssen immer noch aufpassen«, sagte Frances. »Wir müssen nach wie vor aufs Geld achten.« Sie vergewisserte sich, dass die Küchentür geschlossen war; sie hatten bereits die Stimmen gesenkt. »Ich habe dir doch das Haushaltsbuch gezeigt, weißt du nicht mehr?«

»Doch, schon. Aber Frances … Ich habe mir schon überlegt, ob wir uns nicht wieder ein Dienstmädchen leisten könnten.«

»Ein Dienstmädchen?« Frances konnte ihre Ungeduld kaum verhehlen. »Ja, das könnten wir vielleicht. Aber du weißt doch selbst, wie viel ein anständiges Mädchen für alles heute kostet! Die Hälfte von der Miete der Barbers wäre gleich wieder weg, einfach so. Und währenddessen lösen sich unsere Stiefel auf, wir trauen uns nicht, den Arzt kommen zu lassen, unsere Wintermäntel sehen aus wie aus dem Mittelalter. Und nicht zuletzt würde das heißen – wieder jemand Fremdes im Haus, jemand, den wir erst kennenlernen müssen …«

»Ja, schon gut«, sagte ihre Mutter rasch. »Wahrscheinlich hast du recht.«

»Ich kann mich doch genauso gut um alles kümmern.«

»Ja, ja, Frances. Ich sehe selbst, dass es unmöglich ist. Wirklich. Lass uns nun nicht mehr davon sprechen. Erzähle mir lieber von deinem Ausflug in die Stadt. Ich hoffe, du hast vernünftig zu Mittag gegessen?«

Frances bemühte sich, weniger zänkisch zu klingen. »Ja, das habe ich. In einem Café.«

»Und danach? Was hast du gemacht? Wie hast du den Nachmittag verbracht?«

»Ach«, sagte sie und fügte dann auf gut Glück hinzu: »Ich bin ein bisschen herumspaziert. Dann war ich im Britischen Museum. Da habe ich auch Tee getrunken.«

»Im Britischen Museum? Da bin ich ja schon Jahre nicht mehr gewesen. Was hast du dir angeschaut?«

»Ach, die üblichen Sammlungen. Marmorstatuen, Mumien … diese ganzen Dinge. – Sag mal, wie sieht es mit deinem Hunger aus?« Sie öffnete die Tür zum Fliegenschrank. »Wir haben noch mal Kronfleisch. Das könnte ich durch den Fleischwolf drehen.« Mit dem größten Vergnügen tue ich das, dachte sie.

Doch es bereitete ihr nicht so viel Vergnügen, wie sie gehofft hatte. Das Fleisch war von schlechter Qualität und verstopfte immer wieder den Fleischwolf. Sie hatte vorgehabt, ein einfaches Gericht zu kochen, aber die Zutaten schienen sich gegen sie verbündet zu haben – vielleicht weil sie unzufrieden war: Die Kartoffeln kochten im Topf fest, die Soße dickte nicht richtig an. Und zu allem Überfluss verschwand ihre Mutter wie so oft im kritischen Moment: Sie zog sich immer noch gern zum Abendessen um und steckte sich die Haare noch einmal fest und verschätzte sich dabei mit der Zeit. Als sie wieder aus ihrem Zimmer kam, wurde das Essen bereits in den Schüsseln kalt. Frances rannte fast mit den Tellern zum Esszimmertisch. Und dann noch eine weitere Verzögerung, während ihre Mutter das Tischgebet sprach …

Sie verschlang das Essen, ohne es zu genießen. Anschließend besprachen sie die verschiedenen Termine der nächsten Tage. Morgen mussten sie zum Friedhof: Es war der Geburtstag ihres Vaters, und sie wollten Blumen zum Grab bringen. Am Montag mussten sie daran denken, die Bücher in die Bücherei zurückzubringen. Und Mittwoch …

»Ach ja, am Mittwoch«, sagte Frances’ Mutter entschuldigend, »da bin ich mit Mrs Playfair verabredet. Ich muss sie unbedingt nächste Woche treffen, um die Organisation des Wohltätigkeitsbasars zu planen, und sie kann nur Mittwochnachmittag. Ich fürchte, wir müssen unseren Kinobesuch ausfallen lassen. Oder wir gehen an einem anderen Tag.«

Frances war auf beinahe kindische Weise enttäuscht. Könnten sie stattdessen vielleicht am Montag ins Kino? Aber nein, Montag ging ja nicht, und Donnerstag ging auch nicht. Sie könnte natürlich immer noch allein ins Kino gehen. Oder sie fragte eine Freundin. Sie hatte ja schließlich Freundinnen – nicht nur Christina. Sie hatte auch Freundinnen in Camberwell: Margaret Lamb, die ein paar Häuser weiter wohnte. Oder Stella Noakes, die sie noch aus der Schule kannte. Stella Noakes, mit der sie in einer Chemiestunde mal so furchtbar hatte lachen müssen, dass sich beide in die Flanellunterhosen gemacht hatten.

Doch Margaret war immer so ernst. Und Stella Noakes hieß jetzt Stella Rifkind und hatte zwei kleine Kinder. Womöglich würde sie die Kinder mitbringen. Wäre das ein Vergnügen? Beim letzten Mal war es das jedenfalls nicht gewesen. Nein, da ging sie schon lieber allein.

Aber wie jämmerlich, dass sie in ihrem Alter dermaßen enttäuscht über so etwas war! Sie schob das Essen auf ihrem Teller umher, das ihr nun noch weniger schmeckte als zuvor, und stellte sich Christina und Stevie vor, die just in diesem Moment bestimmt fröhlich bei einer improvisierten Mahlzeit mit Makkaroni oder Brot und Käse beisammensaßen oder sich Fish and Chips geholt hatten. Bestimmt würden sie gleich ins Westend aufbrechen, zu einer dieser geistreichen Veranstaltungen – einer Lesung oder einem Konzert, billige Plätze in der Wigmore Hall –, zu denen Frances und Christina früher auch so gern gemeinsam gegangen waren.

Ihre Laune hob sich etwas, als um halb acht Mr und Mrs Barber das Haus verließen und den Eindruck vermittelten, dass sie bis spät am Abend fortbleiben würden. Kaum hatten sie das Haus verlassen, riss Frances die Esszimmertür auf. Sie lief mehrmals in die Küche und zurück und ging die Treppen rauf und runter, einzig und allein, weil sie es jetzt ungestört tun konnte, ohne Angst, gleich einem der Mieter zu begegnen. Sie zündete den launischen Badeofen an und ließ sich ein Bad ein, und als sie dann im Wasser lag, genoss sie das Gefühl, das Haus wieder für sich zu haben. Sie empfand dieses Besitzgefühl mit dem ganzen Körper, wie ein Ausatmen, ein Entspannen der Nerven, und ließ es im Geiste durch das ganze Haus wandern, durch jedes herrliche mieterlose Zimmer.

Doch um zwanzig vor zehn waren die Barbers schon wieder zurück. Sie traute ihren Ohren nicht, als sie hörte, wie die Vordertür auf- und zuging. Mr Barber begab sich gleich auf den Weg Richtung Toilette und traf Frances prompt in der Küche an, wie sie in Bademantel und Hausschuhen Kakao kochte. Aber nein, erwiderte er ungerührt, als sie ihre Verwunderung darüber zum Ausdruck brachte, dass er schon wieder zurück war, nein, er sei nicht früher nach Hause gekommen als geplant. Lilian und er hätten sich bloß mit einem Freund auf einen Drink am frühen Abend getroffen. Der Freund sei ein alter Kumpel aus der Armee, und sie hatten nur seine Verlobte kennenlernen wollen … Entweder bemerkte er nicht, dass sie ihn nicht ermutigte weiterzureden, oder es kümmerte ihn gar nicht; jedenfalls lehnte er sich gemütlich an den Türrahmen am Durchgang zur Spülküche, der ihm inzwischen zu einer Art Stammplatz geworden war, und erzählte ihr in aller Seelenruhe von seiner Abendverabredung.

»Das Mädchen muss eine Heilige sein«, sagte er. »Aber vielleicht ist sie auch bloß hinter seinem Geld her! Der arme Kerl hat beide Arme verloren, müssen Sie wissen, von hier an abwärts.« Er führte eine Schneidebewegung in Richtung seines Ellbogens aus. »Sie wird ihn beim Abendessen füttern müssen, ihn rasieren, ihm die Haare kämmen müssen – ja, und so manches andere mehr für ihn erledigen müssen.« Er fixierte sie mit seinen blauen Augen. »Da fragt man sich doch, wie das so funktionieren kann, oder?«

Da war sie wieder, dachte sie, die kleine Anzüglichkeit, die sich so zuverlässig meldete wie ein tönender Holzkuckuck aus seiner Uhr. Sie wünschte, er würde es nicht für nötig halten, so zu reden. Sie wünschte, er würde sie in der Küche allein lassen. Sie war sich schamhaft ihres Morgenmantels bewusst, der feuchten Haarsträhnen im Nacken, der behaarten Knöchel. Entschlossen marschierte sie zwischen Arbeitsplatte und Ofen hin und her und flehte ihn im Geiste an, endlich zu verschwinden; doch genau wie beim letzten Mal schien es ihm zu gefallen, ihr bei der Arbeit zuzusehen. Ihr fiel auf, dass sein Gesicht gerötet war. Er roch stark nach Bier und Zigaretten. Sie hatte das Gefühl – vielleicht zu Unrecht –, dass er Spaß daran hatte, sie in dieser ungünstigen Lage zu sehen.

Endlich ging er in den Hof. Sie wusch den Milchtopf aus, trug den Kakao ins Esszimmer und sagte zu ihrer Mutter, während sie ihr die Tasse reichte: »Gerade hat mich Mr Barber wieder erwischt und in ein Gespräch verwickelt. Was für ein unangenehmer Mensch er doch ist. Ich habe mich ja wirklich bemüht, ihn zu mögen, aber …«

»Mr Barber?« Ihre Mutter hatte in ihrem Sessel gedöst und setzte sich jetzt wieder aufrecht hin. »Ich mag ihn eigentlich recht gern.«

Frances setzte sich. »Das kann doch nicht dein Ernst sein, Mutter. Wann siehst du ihn überhaupt mal?«

»Ach, wir haben schon ein paar Mal nett miteinander geplaudert. Er ist sehr höflich. Und immer so vergnügt.«

»Er ist eine Landplage! Ich frage mich wirklich, wie seine Frau an ihn geraten ist! Sie scheint so eine liebenswürdige Person zu sein. Überhaupt nicht so wie er.«

Sie hatten mit gesenkter Stimme gesprochen, in dem geheimniskrämerischen Ton, den sie anschlugen, sobald sie die Barbers in ihrer Nähe wähnten. Doch nun pustete ihre Mutter in die Kakaotasse und antwortete nicht. Frances blickte sie an. »Bist du anderer Meinung?«

»Nun ja«, antwortete ihre Mutter schließlich. »Mrs Barber macht mir auch nicht gerade den Eindruck einer treusorgenden Ehefrau. Sie könnte beispielsweise ihren Haushaltspflichten mit ein bisschen mehr Engagement nachkommen.«

»Treusorgend?«, wiederholte Frances. »Du klingst richtig viktorianisch!«

»Ich habe den Eindruck, dass der Begriff ›viktorianisch‹ heutzutage vornehmlich benutzt wird, um allerlei Tugenden lächerlich zu machen, mit denen sich die Leute keine Mühe mehr geben wollen. Ich habe immer dafür gesorgt, dass das Haus für deinen Vater hübsch in Ordnung war.«

»Besser gesagt: Du hast dafür gesorgt, dass Nelly und Mabel es für euch in Ordnung gehalten haben!«

»Dienstboten machen die Arbeit auch nicht von allein – was du vielleicht wissen würdest, wenn wir noch welche hätten. Man muss sich fortwährend um sie kümmern und sie anleiten. Und ich habe mich immer gut gelaunt und hübsch zurechtgemacht zu deinem Vater an den Frühstückstisch gesetzt. So etwas bedeutet einem Mann sehr viel. Mrs Barber dagegen … Ich wundere mich schon, dass sie sich wieder hinlegt, nachdem ihr Mann zur Arbeit gegangen ist. Und wenn sie sich um den Haushalt kümmert, scheint sie dies immer in größter Eile zu tun, um dann den Rest des Tages für sich zu haben.«

Frances hatte das auch schon gedacht, allerdings voller Neid. Sie wollte gerade den Mund öffnen, um ihrer Mutter eine entsprechende Antwort zu geben, schwieg dann aber. Ihr war aufgefallen, vielleicht ein bisschen spät, wie erschöpft ihre Mutter an diesem Abend aussah. Ihre Wangen wirkten schlaff und trocken wie allzu oft gewaschenes Leinen. Sie brauchte eine halbe Ewigkeit, um ihren Kakao zu trinken, und als sie die Tasse beiseitegestellt hatte, saß sie mit den Händen im Schoß da. Ihre Finger bewegten sich ruhelos aneinander und machten dabei ein Geräusch wie raschelndes Papier; ihr Blick war ins Leere gerichtet.

Nach weiteren zehn Minuten standen sie auf, um zu Bett zu gehen. Frances hielt sich noch eine Weile im Salon auf, rückte alles zurecht und drehte die Lichter herunter, dann trat sie gähnend in den Flur. Doch als sie den Durchgang zur Küche erreicht hatte, hörte sie einen entsetzten Aufschrei. Sie fand ihre Mutter in der Spülküche, wo diese wie erstarrt auf ein zappelndes Etwas im Halbdunkel neben der Spüle blickte.

Schon seit ein oder zwei Wochen wurden sie von Mäusen belästigt, woraufhin Frances Mausefallen aufgestellt hatte. Nun war endlich eine Maus in die Falle gegangen, allerdings hatte es sie sehr unglücklich erwischt: Sie hing mit zerquetschten Hinterbeinen in der Falle fest und machte verzweifelte Versuche, wieder herauszukommen.

Frances näherte sich. »Schon gut, Mutter«, sagte sie mit ruhiger Stimme. »Ich kümmere mich darum.«

»Oje, oje!«

»Schau nicht hin!«

»Sollen wir nicht lieber Mr Barber rufen?«

»Mr Barber? Wozu das denn? Ich kann das doch machen.«

Die Maus wurde noch panischer, als Frances sich ihr näherte; ihre kleinen Vorderfüßchen scharrten erfolglos an dem Draht herum, der sie festhielt. Es hatte keinen Zweck, sie aus der Falle zu befreien; sie war zu schwer verletzt. Doch Frances wollte sie auch keinen so qualvollen Tod sterben lassen. Nach kurzem Zaudern füllte sie einen Eimer mit Wasser und warf das strampelnde Tierchen mitsamt der Falle hinein. Eine einzige silberne Luftblase stieg an die Wasseroberfläche, zusammen mit einem dünnen Blutfaden, so fein wie rotes Baumwollgarn.

»Diese scheußlichen Fallen!«, sagte ihre Mutter, immer noch mitgenommen von dem Ereignis.

»Ja, sie hat Pech gehabt.«

»Was hast du mit ihr vor?«

Sie krempelte einen Ärmel hoch, zog die Falle aus dem Eimer und schüttelte die Tropfen ab. »Ich bringe sie nach draußen, auf den Aschehaufen. Und du gehst jetzt zu Bett.«

Das Wasser hatte das Mäusefell zu feuchten Zacken geformt, doch im Tod wirkte das Tier überraschend menschlich mit seinen schmerzvoll geschlossenen Augen und dem herabhängenden Unterkiefer. Sie befreite den kleinen Körper behutsam aus der Falle und hielt ihn an seinem knorpeligen Schwanz fest. Auf einem Regal neben der Tür befanden sich mehrere alte Mäntel und Schuhe. Sie hielt es nicht für nötig, einen Mantel überzuziehen, aber da das Gras vielleicht feucht war, stieg sie in ein Paar Gummiüberschuhe, die ihrem Bruder Noel gehört hatten, und trat in den Hof. Die Maus am langen Finger vor sich herhaltend stapfte sie zum Rasen hinüber und ging dann vorsichtig über den Steinweg, der durch den Garten führte.

Bei ein oder zwei Nachbarn schien noch Licht aus den Fenstern, doch da der Garten von hohen Mauern begrenzt wurde und eine gewaltige Linde sowie dichte Lorbeerbäume und Hortensien darin wuchsen, war es beinahe völlig dunkel. Sie spürte den Weg mehr, als sie ihn sah, da sie ihn schon so oft gegangen war. Als sie den niedrigen Holzzaun erreicht hatte, der den Aschehaufen zum Schutz umgab, warf sie den winzigen Körper hinüber. Man hörte ein kleines Rascheln, als er aufschlug.

Danach herrschte Stille, ein tiefes, einsames Schweigen, wie es sich manchmal hier auf den Champion Hill herabsenkte, selbst bei Tageslicht. Man konnte sich kaum vorstellen, dass nur einen Steinwurf entfernt in jeder Richtung Häuser standen und darin Familien mit ihren Dienstboten lebten, dass jenseits der Gartenmauer ein Ascheweg war, der im Handumdrehen zu einer Straße führte, einer ganz gewöhnlichen Straße, auf der Busse und klappernde Straßenbahnen fuhren. Frances dachte daran, wie sie an diesem Tag durch Westminster spaziert war, doch sie konnte sich die Stimmung nicht mehr ins Gedächtnis zurückrufen. Alles war jetzt von ihr abgefallen: Mauern, Bürgersteige, Menschen, alles hatte sich aufgelöst. Es gab nur noch Bäume und Büsche, unsichtbare Blumen und das Gefühl, dass irgendwo unterhalb der hörbaren Geräusche eine Art klammheimliche pflanzliche Aktivität stattfand.

Plötzlich war ihr unheimlich zumute. Sie zog den Morgenmantel enger um sich und wandte sich in Richtung Haus.

Da bemerkte sie einen Lichtpunkt, der sich in der Dunkelheit auf und ab bewegte. Gleich darauf roch sie Tabak und begriff, dass es sich bei dem Licht um eine brennende Zigarettenspitze handelte. Als sie die Augen zusammenkniff, erkannte sie eine Gestalt.

Da war jemand in ihrem Garten.

Sie stieß einen leisen Schreckensschrei aus. Doch es war nur Mr Barber. Er kam lachend auf sie zu und entschuldigte sich, dass er sie erschreckt hatte. Es sei so eine schöne Nacht, sagte er, dass er noch ein wenig draußen geblieben sei, um die Luft zu genießen. Er habe sie nicht ansprechen wollen, um sie nicht zu stören. Er hoffe, es mache ihr nichts aus, dass er ein bisschen durch den Garten spaziert sei.

Im ersten Moment hätte sie ihn am liebsten geohrfeigt. Das Blut rauschte ihr in den Ohren, und sie hatte das Gefühl, dass sie bebte wie eine Glocke. Sie hatte angenommen, er sei längst zu Bett gegangen. Offenbar war er schon eine Weile hier draußen – eine halbe Stunde wahrscheinlich. Die Vorstellung, dass er ganz in der Nähe gestanden hatte, während sie sich am Aschehaufen vollkommen unbeobachtet wähnte, gefiel ihr gar nicht. Und warum hatte sie bloß diesen Schreckenslaut von sich gegeben! Wenigstens konnte er im Dunkeln nicht sehen, dass sie Noels Überschuhe trug.

Im Grunde genommen hatte er ja nur das Gleiche getan wie sie, hatte sich von der milden Nacht verführen lassen, ein wenig länger hier draußen zu verweilen. Ihr Zittern ließ nach. Sie erzählte ihm in knappen Worten von der Maus, und er lachte leise: »Armes Kerlchen! Wollte bloß ein Stückchen Käse haben, was?« Er führte die Zigarette zum Mund, die glühende Spitze leuchtete in der Dunkelheit auf und erhellte kurz seine schlanke Hand, den Schnauzbart und sein Fuchsgesicht.

Als die Glut schwächer geworden war, sprach er wieder, und sie konnte an seiner Stimme hören, dass er den Kopf in den Nacken gelegt hatte.

»Eine herrliche Nacht, um die Sterne zu betrachten, Miss Wray! Als Junge wusste ich sehr gut Bescheid über die Sterne, es war ein richtiges Hobby. Wenn der Rest der Familie schlief, bin ich immer heimlich aus meinem Schlafzimmerfenster aufs Dach der Waschküche geklettert. Da habe ich dann stundenlang gesessen, mit einem Buch aus der Bücherei und einer Fahrradlampe ausgerüstet, und die Sterne mit den Abbildungen im Buch verglichen. Mein Bruder Dougie hat mich mal dabei erwischt und dann das Fenster von innen zugemacht, da musste ich die ganze Nacht im Regen draußen sitzen. Solche Nummern hat er immer abgezogen, mein Bruder. Aber es hat sich gelohnt. Ich kannte alle Namen der Sterne: Arktur, Regulus, Wega, Capella …«

Er senkte die Stimme, und es hatte einen gewissen Charme, wie er die Namen der Sterne in der Dunkelheit vor sich hin murmelte. Es war komisch, dort mit ihm zu stehen, im Nachthemd, an diesem einsamen Ort – aber es ist bloß der Garten, dachte sie. Wenn sie in Richtung des Hauses blickte, sah sie die Lichter brennen: Die Küchentür stand offen, Licht fiel aus dem Fenster mit dem halb heruntergelassenen Rollo, und auch aus dem ...

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Fremde Gäste" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen