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Titel

Inhalt

  1. Vorwort
  2. 1. Endstation
  3. 2. Rückblick
  4. 3. Muskeln, Frauen und – Koks
  5. 4. Observiert
  6. 5. Kebab für Brasilien
  7. 6. Flughafen Amsterdam Schiphol
  8. 7. Enthüllung
  9. 8. Angekommen
  10. 9. Pläne schmieden
  11. 10. Zugriff
  12. 11. Zwischenstation
  13. 12. Policia Federal
  14. 13. Hausdurchsuchung
  15. 14. Ohne Wahl
  16. 15. Daniele
  17. 16. Konsul Grafe
  18. 17. Der Anruf
  19. 18. Allein
  20. 19. Der Innenhof
  21. 20. Besuch
  22. 21. Es wird noch schlimmer
  23. 22. In der Auffangzelle
  24. 23. Fax aus Deutschland
  25. 24. Herr Grafe
  26. 25. Sehnsucht
  27. 26. Nichts geht mehr
  28. 27. Die Begegnung
  29. 28. Drei Worte
  30. 29. Der Direktor
  31. 30. Im Hospital
  32. 31. Post aus La Palma
  33. 32. Gefängnistrakt Vier
  34. 33. Konsul Grafe bemüht sich
  35. 34. Gefängnisalltag
  36. 35. Brief an meine Jele
  37. 36. Hauptkommissar Ralf Becker
  38. 37. Selbstjustiz
  39. 38. Die erste Anhörung
  40. 39. In Deutschland
  41. 40. Ein unerwartetes Wiedersehen
  42. 41. Anwaltsbüro Rose
  43. 42. Fürchte dich nicht
  44. 43. Brief an Jele
  45. 44. „Deine große Schwester Eva!“
  46. 45. Hilferuf
  47. 46. Volksfest im Anibal Bruno
  48. 47. Zellenalltag
  49. 48. Die Verhandlung
  50. 49. Jele schreibt
  51. 50. Tagebucheintrag und Gefängnispost
  52. 51. Eva
  53. 52. „Gib nicht auf! Deine Eva“
  54. 53. 22. Juli 97
  55. 54. Endlich draußen
  56. 55. Rückflug mit Hindernissen
  57. 56. Zu Hause

Vorwort

Im Sommer 2011 traf ich Thomas Milleker das erste Mal. Ein gut gebauter, durchtrainierter, braun gebrannter, sportlich elegant gekleideter Mittfünfziger mit glattrasiertem Kopf und Sonnenbrille saß vor mir und erzählte mir in schwäbisch eingefärbtem Hochdeutsch seine Lebensgeschichte. Seine anfängliche Bemerkung, ich solle mich von seinem harten Äußeren nicht täuschen lassen, weil in ihm ein ganz weicher Kern schlummere, bewahrheitete sich bei jedem Satz. Er erzählte mir, wie er „aus purer Dummheit“ in einen millionenschweren Drogencoup hineingeschlittert war. Dabei wollte er vor 14 Jahren bei seiner Reise nach Recife in Brasilien eigentlich nur mit seinem Freund und Bodybuilding-Kollegen eine Kebab-Imbisskette eröffnen und ein neues Leben anfangen. Seine innere Betroffenheit klang in seiner Stimme wider, als er mir von seiner Verhaftung und der anschließenden Verwahrung im Anibal Bruno, dem wohl schlimmsten Gefängnis der Welt, erzählte. Und als er mir beschrieb, wie er im Gefängnis fast gestorben wäre, dann aber dort, an dem dunkelsten aller Orte, in tiefster Finsternis, eine Begegnung mit Gott gehabt hatte, die sein Leben im wahrsten Sinne des Wortes völlig veränderte, war er tief berührt. Wischte er sich an dieser Stelle eine Träne weg oder rieb er sich einfach nur so die Augen? Ich machte mir eifrig Notizen und war fasziniert von dieser Welt, die sich mir gerade durch die kurzen Erzählungen des Thomas Milleker eröffnete. Meine Neugier war geweckt und ich wollte mehr hören, detailliertere Beschreibungen des Erlebten, und ich bekam große Lust, das Gehörte für die große, weite Welt niederzuschreiben. Ich wollte sie Anteil nehmen lassen an einer einzigartigen Lebensgeschichte, in der Drogen, Korruption, Überlebenskampf und ein liebender Gott die Hauptrollen spielten.

Wieder zu Hause, schickte Thomas Milleker mir einen Ordner zu, in dem er sämtlichen Schriftverkehr, alle Dokumente und auch Zeitungsberichte, die mit seinem Fall zu tun gehabt hatten, aufbewahrte. Diese Zeitzeugen tauchen immer wieder in meiner Erzählung auf. Alle zitierten Briefe und Briefauszüge sind ebenfalls authentisch. Außerdem telefonierten Thomas und ich regelmäßig. Ich ließ mir von ihm eine Episode nach der anderen erzählen, die ich dann zu Papier brachte und ihm entweder zuschickte oder beim nächsten Telefonat vorlas.

Als ich ihm wieder einmal ein Buchkapitel nach Fertigstellung vorgelesen hatte, herrschte erst einmal große Stille am anderen Ende der Leitung. Dann sagte Thomas: „Ist das schon alles? Ich würde gerne noch mehr hören. Es ist gerade so spannend!“

Das war das größte Lob, das mir jemand hätte aussprechen können. Er, der Protagonist dieses Buches, konnte es nicht abwarten, das nächste Kapitel vorgelesen zu bekommen!

Um möglichst viele Seiten des Erlebten zu beleuchten, telefonierte ich mit der damals zuständigen Polizeibehörde, dem Anwaltsbüro Rose und sprach mit Thomas’ Schwestern. Bei meinen Internet-Recherchen stieß ich sogar auf „den Kannibalen“, den ich aus Thomas Erzählungen schon kannte, und auch auf eine detaillierte Beschreibung seiner „Zelle“. Keine dieser Detailbeschreibungen ist also dazugedichtet. Allerdings habe ich einige Stellen, die niemand der Beteiligten durch eigene Erzählungen schildern konnte, selbst aufgefüllt. Damit der Leser sie von den authentischen Berichten unterscheiden kann, habe ich sie in kursive Form gesetzt. Die Namen aller Beteiligten habe ich verfremdet, außer die der Familie unseres Protagonisten: Thomas Milleker.

Esther Dymel-Sohl

Es war im Sommer 2006. Deutschland war im Fußballfieber. Ein Freund lud mich zu einer Public-Viewing-Veranstaltung in eine Kirche ein. „In einer Kirche Fußball schauen, darf man das?“, war mein erster Gedanke. Ich hatte eine bestimmte Vorstellung, wie Kirche und Christen sein sollten.

Ich nahm die Einladung dennoch an und staunte nicht schlecht. Die Veranstaltungen waren anders als erwartet, und auch wenn ich mich so gar nicht für den Fußball interessierte, für die Menschen, die vor Ort waren, umso mehr.

In mir begann etwas aufzukeimen: Der Wunsch nach Glauben und Leben. Was mir schon immer Mühe gemacht hatte, war die Widersprüchlichkeit zwischen Frömmigkeit und Alltag im Leben vieler Menschen. Oft hatte ich den Eindruck, man kann nur in einer Kirche richtig fromm sein. Das machte mich sehr betroffen. Denn in meinem Leben habe ich auf dramatische Art und Weise erlebt, dass Gott mitten im Leben zu Hause ist. Ja, mitten in meinem Leben! Diese Kirche zeigte mir, dass es eben kein Widerspruch sein muss! Ich schloss mich dieser Kirche an und erlebte wertvolle Jahre der Ermutigung und Stärkung meines Glaubens.

Der kleine Keim von damals wuchs zu einer immer stärkeren Pflanze heran. Der Wunsch, meinen Mitmenschen die Geschichte einer bestimmten Phase meines Lebens mitzuteilen, mündete in dem Anliegen, dieses Buch zu verfassen. Was ich hier dokumentiere, soll deutlich machen: Gott ist da. Immer. Zu jeder Zeit. Er ist kein Gott des Widerspruches, sondern des Lebens. Auch wenn scheinbar alles aus den Fugen gerät: Er ist da.

Ich möchte den Leser einladen, sich mit mir auf das Wagnis einzulassen, Glauben und Leben im Alltag zu erleben. Meine Geschichte ist speziell, dramatisch, notvoll und doch voller Hoffnung. Und ich bin von dem Wunsch getragen, dass sich auch für den Leser Widersprüche des Lebens auflösen und dass Hoffnung wieder in den Fokus gerückt wird.

An dieser Stelle möchte ich ausdrücklich Frau Esther Dymel-Sohl danken. Ohne sie wäre das Buch nicht das, was es jetzt ist: Ein Dokument meines Herzens! Sie wurde mir als Autorin empfohlen und ich bin ausnahmslos von ihrer Kompetenz überzeugt. Am meisten hat mich ihre Fähigkeit beeindruckt, sich emotional und mental auf meine Geschichte einzulassen.

Irgendwann fragte ich sie einmal: „Sag mal, warst du im Gefängnis oder ich?!“ Es ist ihr tatsächlich gelungen, aus meinem Herzen heraus zu schreiben. Außerdem hat sie in überdurchschnittlicher Fleißarbeit Recherchen angestellt und mit Behörden, Büros und meiner Familie telefoniert, um die Authentizität meiner Geschichte zu untermauern. Dinge, die „zwischen den Zeilen“ geschehen sind, haben wir miteinander rekonstruiert und interpretiert und in kursive Schrift gesetzt.

Noch einmal will ich es unterstreichen: Gott ist kein Widerspruch. Im Gegenteil: Auf einmal ist er da!

Thomas Milleker, Langenbrand, 2016

1. Endstation

Der Wärter nimmt mir die Handfesseln ab und gibt mir einen Stoß in die Auffangzelle, bevor er die Zellentür mit Getöse hinter mir wieder verriegelt. Eine unheimliche Stille empfängt mich. Etwa 100 Augenpaare stieren mich an; Panik steigt langsam in mir hoch – kalt und klamm. Am liebsten würde ich schreien, in die Zelle hineinbrüllen, dass ich unschuldig bin, doch irgendetwas schnürt mir die Kehle zu: Angst. Wie eine Person steht sie neben mir, übermächtig, ja riesig, meine Kehle in ihren ausgemergelten Händen. „Reiß dich zusammen!“, sage ich mir immer wieder lautlos, fast schon mantraartig: „Nun reiß dich schon zusammen!“ Furcht kann man sich hier im „Anibal Bruno“, dem brasilianischen Staatsgefängnis von Recife, am wenigsten leisten. Und so richte ich mich mit letzter Kraft innerlich auf, mache mich gerade und schaue in die Runde.

Etwa 100 Männer drängen sich in einer 60 Quadratmeter großen Zelle dicht an dicht. Neugierige Blicke durchdringen mich. Neugier, gepaart mit Wut über die eigene Ausweglosigkeit. Was soll ich jetzt machen? Ich spreche kein Portugiesisch und offensichtlich bin ich in der Runde auch der einzige Europäer. Mit Deutsch oder Englisch werde ich nicht weit kommen. Mein Bündel mit den Sachen, die ich mit in die Zelle nehmen durfte, umklammere ich, als wolle ich mich daran festhalten. Zahnbürste, Schreibzeug, drei T-Shirts, eine Hose und vier Unterhosen sind alles, was mir an Habseligkeiten geblieben ist. Und nun?

Plötzlich löst sich ein mittelgroßer Brasilianer aus der Menge und kommt auf mich zu. Er ist gehbehindert und zieht ein Bein nach. Die anderen Inhaftierten machen ihm Platz, kleinlaut, leise, ja fast schon unterwürfig. Ich blicke ihn an, in sein finsteres Gesicht, und mir läuft der Angstschweiß den Rücken hinunter. Was wird nun passieren? Wird mich der Unbekannte windelweich prügeln oder was hat das zu bedeuten? Ich setze alles daran, meinem Blick eine gewisse Festigkeit zu verleihen, auch wenn mir die Knie schlottern und ich am liebsten in mich zusammensacken würde.

Kurz vor mir stoppt der Brasilianer und gibt mir per Handzeichen zu verstehen, ihm zu folgen. Trotz seines Gehfehlers ist sein Gang Ehrfurcht gebietend. Er, der König, weiß, wo er hinwill, und seine Untertanen weichen ihm aus. Ich torkele hinterher, mir ist schwarz vor Augen und wenn ich mich nicht gleich setzen kann, breche ich hier inmitten der Meute zusammen. Der König der Zelle gibt mir zu verstehen, ich solle mich direkt an die Wand setzen. Ein anderer muss mir laut fluchend Platz machen. Was für ein Glück: Hier kann ich mich wenigstens zwischendurch anlehnen. Mir ist klar, dass ich soeben einen sonst hart umkämpften Platz zugewiesen bekommen habe. Ich sinke zu Boden, lasse mich an der kühlen Wand ganz langsam nach unten gleiten. Unmissverständlich macht der König mir klar, dass er als Anerkennung seiner Organisation meine T-Shirts und die Hose haben wolle, und sofort wechseln meine wenigen Habseligkeiten ihren Besitzer. Dafür habe ich für die nächsten Tage einen persönlichen Beschützer.

So langsam gewöhnen sich die eher dunkelhäutigen Zellengenossen an mich blassen Neuzugang und schnell wenden sich die Insassen wieder ihrem gewohnten Tagesablauf zu: Überall palavern sie, diskutieren erhitzt darüber, ob jemand sich zu breit macht, schreien sich an, schubsen und schlagen um sich. Andere sitzen einfach nur da wie ich und scheinen sich ihrem Schicksal ergeben zu haben. Wie gelähmt hocke ich immer noch an dem mir zugewiesenen Platz an der Wand und befinde mich in einem Schockzustand. Erst vor wenigen Tagen saß ich noch auf der Terrasse meiner Eltern in Pforzheim und habe ihnen voller Enthusiasmus von meinem geschäftlichen Vorhaben in Brasilien erzählt. Und heute, am 19.05.1997? Hier sitze ich nun in dem brasilianischen Bundesstaat Pernambuco in einem der berüchtigtsten Gefängnisse des Landes, das eigentlich Platz für 700 Insassen hat, aber mit vierfach so vielen Gefangenen belegt ist. Überfüllt ist auch diese Auffangzelle. Hier können die Häftlinge entweder stehen oder sitzen. An Hinlegen ist nicht zu denken – bei dem Gedränge …

Und so gesellt sich zu der Angst, die von nun an mein ständiger Begleiter sein wird, auch die Hoffnungslosigkeit. Die macht sich in meinem Herzen breit und erfüllt mich mit … nichts. Eine große Leere bemächtigt sich meiner und mir wird klar: Vielleicht ist diese Zelle das letzte, was ich in diesem Leben zu sehen bekomme. Auf der Polizeistation hatte man mir unmissverständlich klargemacht, dass es für mich in diesem Gefängnis keine Gnade geben werde, dass ich verrecken würde, chancenlos, familienlos und heimatlos. Das Anibal Bruno hat kein Mitleid mit mutmaßlichen Drogendealern.

2. Rückblick

Im Herbst 1996 war die Welt für Thomas Milleker noch in Ordnung gewesen. Natürlich mit Höhen und Tiefen, wie das Leben so spielt, aber alles im Rahmen eines durchschnittlichen deutschen Bürgers. Schulabschluss, handwerkliche Lehre, Heirat … Gut, seine Ehe war zwar gerade geschieden worden, und als ob das nicht gereicht hätte, hatte sein Chef ihm kurz darauf auch noch die Kündigung präsentiert. „Aber so etwas kommt in den besten Familien vor“, entgegnete der Monteur a. D., wenn ihm jemand auch nur den Anschein von Mitleid entgegenbringen wollte. Dabei wischte er unangenehme Erinnerungen einfach mit einer Handbewegung weg. Zack, wisch, vorbei.

Neues Leben, neues Glück, war seine Devise. Wieso sollte man sich mit Dingen belasten, die man sowieso nicht ändern konnte? Ein ewig Gestriger wollte der Vierzigjährige bestimmt nicht sein. Heute wollte das Leben gelebt werden.

Aber tief in seinem Inneren pochte die Sehnsucht. Die Sehnsucht nach Liebe und Lebenssinn. Als sich sein zwei Jahre älterer Bruder Christoph telefonisch meldete, um sich nach ihm zu erkundigen, kam der ganze Lebensfrust zutage.

„Wollte mich mal melden, Bruderherz. Wie geht’s dir?“

„Bescheiden ist noch zu positiv ausgedrückt. Mir geht es richtig schlecht. Ich weiß einfach nicht, was ich machen soll. Mir fällt die Decke auf den Kopf!“

„Wie wäre es mit Sport? Krafttraining würde doch zu dir passen! Dann hast du Ausgleich und bist vorerst beschäftigt.“

„Gar nicht so übel, dein Vorschlag. Werd’s mir überlegen. Danke für deinen Anruf!“

Dass dieser wohlgemeinte Rat sich in kürzester Zeit zum ausgewachsenen Fluch entpuppen würde, hatte wohl keiner der beiden erwartet.

3. Muskeln, Frauen und – Koks

Heiko Heller war Chef des Fitnessclubs in Pforzheim, bei dem ich mich nach dem Telefonat mit meinem Bruder einschrieb. Er war Anfang dreißig und sprühte vor Energie und Tatendrang. Mit allem, was ein Mann sich wünschte, konnte er aufwarten: Geld, Muskeln, Frauen und Autos. Wir beide verstanden uns auf Anhieb, empfanden fast so etwas wie Seelenverwandtschaft. Plötzlich machte mein Leben wieder Sinn, denn ich wusste, wofür ich morgens aufstand. Trainieren wurde zu meinem Lebensinhalt. Außerdem traf ich hier im Sportstudio täglich interessante Leute mit noch interessanteren Tätigkeiten. Millionärssöhne trainierten neben Zuhältern und Kleinkriminellen und alle hatten nur ein Ziel: Muskelaufbau pur; einige setzten dafür auch die notwendigen Testosteron-Präparate ein.

Wir waren eine eingeschworene Gemeinschaft, die zusammen trainierte und immer wieder auch zusammen kokste. Aus dieser explosiven Mischung von Sport und Drogen entstand die wahnwitzige Idee, mit Prostituierten aus Osteuropa Geld zu verdienen. Mein Bruder Christoph, der selbst jahrelang seinen Körper mit Bodybuilding gestählt hatte, hatte gewollt, dass ich durch den Sport nicht auf dumme Gedanken kam. Doch hier in Heikos Fitnessclub wartete eine idiotische Idee nach der anderen auf mich. Ich wollte leben, ich wollte glücklich sein und war bereit, alles dafür zu tun! Ganz tief in mir regte sich allerdings auch Widerstand: Wollte ich wirklich mitverantwortlich sein, wenn es darum ging, Frauen aus dem Ausland zu holen und sie auf den Strich zu schicken? Nein, das konnte ich mit meinem Gewissen dann doch nicht vereinbaren. Deshalb sah ich zu, dass ich aus dieser Nummer schnell wieder rauskam.

Ich trainierte wie ein Besessener und hatte nur noch mein Aussehen im Kopf: Eitel bis zum Scheitel. In diesen Wochen nahm auch mein Kokskonsum immer mehr zu. Schließlich befand ich mich vier Wochen im Dauerrausch, voller Euphorie und Energie, so lange, bis mir das Blut aus der geschundenen Nase lief.

4. Observiert

Kriminalhauptkommissar Ralf Becker fluchte: „Wer zum Teufel hat die Kamera ausgemacht?“ Betretenes Schweigen. „Irgendein Idiot hat das Aufladekabel gezogen!“ Er kontrollierte die Aufnahmen. Zum Glück fehlten ihm nur 10 Minuten. Seit nunmehr einem Jahr observierte die Pforzheimer Kriminalpolizei das Sportstudio von Heiko Heller.

Von der gegenüberliegenden Wohnung auf der anderen Straßenseite hatten die Beamten einen direkten Blick in den Eingangsbereich des Fitnessclubs. Sie wussten genau, wer dort ein- und ausging und wie lange jeder blieb. Außerdem hatten sie seit knapp fünf Monaten zwei verdeckte Ermittler in das Studio eingeschleust, Telekommunikationsüberwachung inklusive. Darüber hinaus wurden die Kennzeichen der vor dem Studio abgestellten PKW überprüft, sowie deren Halter.

Es war Anfang 1997. In Kürze würde die Pforzheimer Polizei den Fall an die Landespolizeidirektion Karlsruhe übergeben müssen, weil der „Fall Heiko“ eine Nummer zu groß geworden war. Die Kollegen dort waren einfach fachkompetenter, wenn es um die Sachbearbeitung von Betäubungsmitteldelikten in diesem Ausmaß ging. Zwei Tonnen Kokain sollten in nächster Zeit von Brasilien den Seeweg über den Atlantik mit Ziel Kroatien antreten. Von dort sollte der Millionendeal auf dem Landweg nach Holland gebracht werden. Heiko war bei Polizei und Staatsanwaltschaft einschlägig bekannt. Doch noch hielten sich die Beamten zurück. Denn bald schon sollte der große Coup starten und dann sollte es dem deutschen Drogenbaron richtig an den Kragen gehen. „Dafür wird er sitzen und zwar jahrelang!“, war Becker sich sicher.

5. Kebab für Brasilien

Seit einer halben Stunde war ich wieder in meinem Element. Hier im Fitnessstudio standen mir auf 400 Quadratmetern Fitnessgeräte und Hanteln in allen Größen zur Verfügung, um meinen Körper zu stählen. Auf einen Zuwachs von Kraft legte ich dabei als Bodybuilder weniger Wert. Ich wollte meinen Körper modellieren: Auf die Masse kam es mir an. Und so achtete ich darauf, dass ich zwischen den ständigen Wiederholungen der Trainingssätze auch die notwendigen Erholungspausen einlegte. Heiko hatte mich eindringlich davor gewarnt, meinen Körper zu hart zu trainieren. Das wäre kontraproduktiv und würde am Ende gar zu einem Muskelabbau führen. Ich ließ meine Muskeln spielen und betrachtete mich dabei in den überall montierten Spiegeln.

„Nicht übel, Großer!“, rief Heiko mir im Vorbeigehen zu, blieb kurz vor seiner Bürotür stehen, drehte sich um und gab mir mit einem Wink zu verstehen, ihm in sein Büro zu folgen.

Er schloss die Tür hinter mir und bot mir einen Sitzplatz an. Etwas merkwürdig kam er mir vor, so als wolle er mir irgendeine offizielle Mitteilung machen. In seinem Büro hatte ich noch nicht oft gesessen. Meistens hielten wir uns im Gerätebereich auf, laut prahlend, schwitzend und schmutzige Witze reißend. Mein Blick glitt durch den Raum: Klein war er und ein wenig zu schlicht, wie mir schien. Das passte eigentlich gar nicht zu meinem sonst so luxusbegeisterten Freund. Komisch, dass mir das noch nicht früher aufgefallen war.

An der Wand hingen Poster von Bodybuildern. Vince Gironda … der musste doch mittlerweile auch schon an die 80 sein. Was für ein Wegbereiter! Dorian Yates, der seit 1992 bis heute, Anfang 1997, bereits viermal Mr. Olympia geworden war. Arnold Schwarzenegger, Lou Ferigno …

Heiko unterbrach meinen Gedankenfluss. Mit leuchtenden Augen erzählte er mir von seiner neuen Geschäftsidee: Kebab nach Brasilien! Eine Imbisskette wolle er dort aufbauen, die Südamerikaner auf den Geschmack von Döner bringen und ganz groß in das Fastfood-Geschäft dort einsteigen. Aus seiner Schublade zog er die Entwürfe des Logos: Ein fünfzackiger, blauer Stern auf gelbem Grund mit einem gelben Q in der Mitte des blauen Sterns. Q für Quebape. Und da war sie wieder, die Seelenverwandtschaft. Ich war begeistert! Von der lukrativen Idee, von meinem großartigen Freund und von der Erfolg versprechenden Aussicht, zu neuen Ufern aufbrechen zu können! Endlich raus aus der Prüderie Pforzheims, weg von den kleinkariert denkenden Deutschen, ein für alle Mal meine Beziehungskisten, die einen am Ende doch nur unglücklich machten, hinter mir lassen. Es war, als würde mir plötzlich die Welt offen stehen. Brasilien war Musik in meinen Ohren.

Er habe ein Startkapital von 35.000 D-Mark zusammenkratzen können und wollte wissen, wie viel ich denn beisteuern könne. 4.000 D-Mark waren zwar nicht viel, aber immerhin besser als gar nichts. Er habe Beziehungen in Brasilien, die uns bei der Geschäftsgründung von Nutzen sein würden. Südamerika sei durch und durch korrupt und ohne Vitamin B laufe dort nichts. Ob ich bereit sei, mit ihm das Wagnis einzugehen? Einen Augenblick zögerte ich, doch dann schlug ich ein. Ich hatte nichts zu verlieren, ganz im Gegenteil: Mal sehen, was sich daraus entwickelte. Abenteuerlust erfasste mich, Vorfreude auf das Unbekannte, und ich dachte an Sonne, Sand und Samba. Das musste gefeiert werden – mit einer Straße Koks.

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