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Freiheit für Raif Badawi, die Liebe meines Lebens

BASTEI ENTERTAINMENT

Vorwort

Selten wurde die Schizophrenie Saudi-Arabiens so deutlich wie am 9. Januar 2015. Damals erhielt der Blogger Raif Badawi die ersten 50 von insgesamt 1000 gerichtlich angeordneten Peitschenhieben. Er hatte ein Internet-Forum betrieben, in dem sich saudische Bürger frei äußern konnten.

Zwei Tage zuvor hatten islamistische Attentäter in Paris die Redaktion von Charlie Hebdo ausgelöscht.

Zwei Tage später demonstrierten Vertreter der saudischen Regierung in den Straßen von Paris mit – für die Redefreiheit. Vertreter eines Landes, das Raif Badawi gefangen hielt, weil er von eben diesem Grundrecht Gebrauch gemacht hat. 

Mit der Gründung seines Online-Forums habe er, so hieß es, »Islamische Werte verletzt und liberale Gedanken propagiert«. In den Augen der Richter war es eine Beleidigung des Islams und ein Angriff auf den guten Ruf Saudi-Arabiens, dass Raif Badawi einen Ort geschaffen hatte, an dem sich Menschen frei austauschen und diskutieren konnten. 

Bis zum heutigen Tag stellen Raif Badawi und seine Familie ihr persönliches Glück hintan, um das selbstverständliche Recht auf freie Rede in Anspruch zu nehmen. Seine Frau, Ensaf Haidar, verließ mit ihren Kindern das Land, nachdem sie am Telefon bedroht worden war, und lebt heute im kanadischen Exil. Über den Kampf für ihren Mann ist sie zu einer internationalen Bürgerrechts-Aktivistin geworden.

Ich würde gerne versuchen, mir den Mut der beiden zum Vorbild zu nehmen. Ich wünsche mir, dass viele Journalisten und Aktivisten ihrem Vorbild nacheifern und nicht aufhören, sich für das Recht auf freie Rede einzusetzen.

Bei all seinem Mut und seiner Konsequenz konnte Raif Badawi wohl nicht ahnen, wie bedrohlich die freie Rede für ein Regime wie Saudi-Arabien heute ist. Noch 2012 hatte er Hoffnung, seiner Familie bald nach Kanada zu folgen. Dann wurde er noch vor dem Urteil festgenommen. Nun wird er zehn Jahre im Gefängnis verbringen. Hat er diese zehn Jahre abgesessen, verbietet ihm Saudi-Arabien weitere zehn Jahre, das Land zu verlassen. Seine elfjährige Tochter wird er wiedersehen, wenn sie eine 30-jährige Frau ist.

Das Schicksal der Familie, das so viel Schrecken birgt und das Ensaf Haidar in diesem Buch ausführlich beschreibt, hat auch Zauber. Schon die Liebe der beiden war von Beginn an ein – ungeplantes – Aufbegehren gegen das System. Selbst das Private war von Anfang an politisch.

Eines Tages wollte Raif Badawi den Bruder von Ensaf Haidar anrufen. Die Geschwister teilten sich ein Handy, und so war es die Schwester Ensaf, die Raifs Anruf annahm. Die beiden telefonierten heimlich weiter. Aus diesem streng verbotenen Kontakt entstand beiderseitiges Interesse, und irgendwann heirateten sie – aus reiner Liebe. Ein an sich schon revolutionärer Akt in Saudi-Arabien.

Am 9. Januar 2015 wurden die ersten 50 Hiebe für Raif Badawi öffentlich auf dem Vorplatz der Al-Juffali-Moschee in Jedda vollstreckt. 

Alle weiteren wurden bis zur Drucklegung dieses Buches ausgesetzt, zunächst wegen des schlechten Gesundheitszustands von Raif Badawi. Wir dürfen hoffen, dass auch die überwältigende internationale Aufmerksamkeit, mit der wohl niemand rechnen durfte, dazu beitrug, die Strafe bisher auszusetzen. Eine Aufmerksamkeit, zu der auch dieses Buch seinen Beitrag leistet.

Raif Badawi hat viel Unterstützung, Menschen in Deutschland, Frankreich, Russland, Tunesien, den Niederlanden und den USA demonstrieren für ihn, 130 Abgeordnete des Europäischen Parlaments schrieben an König Salman, 18 Nobelpreisträger setzen sich für ihn ein, auch viele Staatsoberhäupter und Regierungschefs, darunter Angela Merkel.

Im Fall von Raif Badawi ist diese Unterstützung besonders wichtig, denn in Saudi-Arabien gibt es viele, die ihm diese Strafe gönnen – sein eigener Vater zum Beispiel. Und die Familie seiner Frau, die eine Zwangsscheidung beantragt hat. »Allah ist groß«, riefen die Zuschauer, als die Hiebe auf seinen Rücken und seine Beine niedergingen.

Ich hoffe, dass dieses Buch dazu beiträgt, dass wir das Schicksal von Raif Badawi, Ensaf Haidar und ihren Kindern Nedschua, Dodi und Miriam nicht vergessen – und dass die Familie sehr bald wieder vereint ist. In Freiheit. 

Jochen Wegner

Chefredakteur ZEIT ONLINE

Libérez Raif
Eine neue Heimat

Das Wetter ist schlecht, als wir im Frühjahr 2015 vor dem Rathaus von Sherbrooke stehen. Es regnet in Strömen. Wie so oft in meiner neuen Heimat Kanada, die in jeder Hinsicht das Gegenteil von der alten Heimat ist.

Heute vor fast drei Jahren wurde mein Mann Raif Badawi in Dschidda verhaftet. Seitdem sitzt er im Gefängnis. Vor einiger Zeit wurde er vor einer großen Moschee in der Stadt öffentlich ausgepeitscht.

»Freiheit für Raif!«, ruft meine Freundin Jane in ihr Megafon. Die anderen Teilnehmer der Demonstration wiederholen ihren Ruf. Es sind ein paar Dutzend treue Wegbegleiter, die sich Woche für Woche mit mir hier versammeln. Wir halten orangenfarbene Plakate mit riesigen schwarzen Buchstaben in die Höhe und schreiben damit Raifs Namen. Wir fordern: »Libérez Raif – befreit Raif!«

Später, als wir in einem libanesischen Restaurant in der Nähe des Rathauses zusammensitzen und uns aufwärmen, kommt Jeff auf mich zu. Er ist Gitarrist der kanadischen Musikgruppe Your Favourite Enemies. Heute ist er zu uns gestoßen, um uns in unserem Kampf zu unterstützen.

Feierlich überreicht er mir einen Beutel mit Briefen. »Das ist Post von unseren Fans, Frau Haidar«, verrät er mir. »Sie wollen Ihnen und Raif Mut machen, damit Sie durchhalten.«

»Merci – danke«, sage ich ihm und nehme gerührt den Beutel entgegen. »Eure Solidarität ist sehr wichtig für uns.«

Inzwischen kann ich glücklicherweise genug Französisch, um mich in dieser Sprache auszudrücken. Das ist noch nicht lange so: Als wir im Herbst 2013 im kanadischen Quebec ankamen, musste ich wie ein kleines Mädchen die Schulbank drücken und neu lernen, mich zu verständigen. Meine Kinder Nedschua, Dodi und Miriam konnten nach unserem vorherigen Aufenthalt im Libanon wenigstens schon ein bisschen Französisch. Ich hingegen sprach nur Arabisch.

Es war nicht die einzige Umstellung, die mir schwerfiel: Seitdem ich aus Saudi-Arabien flüchten musste, hat sich so gut wie alles in meinem Leben verändert. Ich musste erst lernen, als Frau allein so viel Verantwortung für mich und meine Familie zu übernehmen. Auch die nordamerikanische Kultur war mir gänzlich fremd, das Essen roch und schmeckte anders, das kalte Klima setzte mir zu, und ich kannte niemanden in diesem Land, mit dessen gesellschaftlichen Regeln ich nicht vertraut war.

Damit will ich nicht sagen, dass die Menschen, denen ich in Kanada begegnete, unangenehm oder unfreundlich waren. Im Gegenteil: Sie haben mich mit offenen Armen empfangen, und ihre lockere, offene Art fand ich von Anfang an sehr sympathisch. Doch fremd war sie mir trotzdem.

Ich habe unendlich viel Unterstützung in dem Land erfahren, das uns Asyl gewährt hat. Asyl vor dem Staat, in dem ich erzogen und geprägt wurde, in dem viele Menschen leben, die ich liebe. Asyl vor dem Land, das meinen Mann mit dem Tode bedroht. Und ich kann gar nicht sagen, wie dankbar ich dafür bin: Seite an Seite mit Menschen aus der ganzen Welt kann ich mich hier wirksam für die Freilassung meines Mannes einsetzen.

Wie Kinder sind, haben sich Nedschua, Dodi und Miriam viel schneller akklimatisiert als ich. Ich dagegen drohte kurz nach unserer Ankunft in der Fremde in eine Depression abzugleiten angesichts der Grausamkeit und Hoffnungslosigkeit von Raifs Situation.

Doch während ich Gefahr lief aufzugeben, wurde mir klar, was das für eine Verschwendung wäre. Eine Verschwendung an Freiheit, Kraft und Entfaltungsmöglichkeiten. Eine Verschwendung all dessen, für das Raif sich eingesetzt hat. Eine Verschwendung der Liebe, die ich mit ihm erleben darf.

Mein Name »Ensaf« besitzt im Arabischen eine breite Bandbreite an Bedeutungen, die von »Gerechtigkeit« bis »Geduld« reichen. In meinem aktuellen Kampf für Raif habe ich das Gefühl, sämtliche dieser Bedeutungsfacetten dringend zu brauchen. Nomen est omen, sagt man ja.

Früher war ich – verglichen mit jetzt – eine verwöhnte Person. Ein Mensch ohne Sorgen, aber auch ohne Verantwortung. Heute lastet sehr viel auf meinen Schultern. Doch meine Aufgabe hat mich als Person wachsen lassen. Und ich habe gemerkt, wie stark ich sein kann, wenn ich etwas erreichen will. Ich kann meine Gedanken ausdrücken und in der Öffentlichkeit sprechen. All das hätte ich früher, als ich noch bei meinen Eltern wohnte und vor allem und jedem in der Welt behütet wurde, niemals für möglich gehalten.

Insofern habe ich von meinem Einsatz für Raifs Freilassung auch persönlich profitiert: Er hat mich stark gemacht. Stärker, als ich es mir als traditionell erzogene saudische Frau je erträumt hätte. Das ist eine gute Erfahrung.

Ich danke Jeff für die Briefe und probiere den Seidenschal aus, den er mir als Geschenk überreicht. In meinem früheren Leben hätte ich ihn vielleicht als Kopftuch getragen; heute schlinge ich ihn mir lieber um den Hals. »Ich bin euch sehr dankbar, dass ihr euch für Raif und die Meinungsfreiheit einsetzt«, versichere ich ihm.

»Aber das ist doch unsere Pflicht, Frau Haidar«, entgegnet der Musiker lächelnd. »Und bitte grüßen Sie Raif von uns, wenn Sie das nächste Mal mit ihm sprechen.«

Wie unser Kampf ausgehen wird, weiß ich nicht. Gebannt verfolge ich die Nachrichten aus der Heimat, die mich in einem ständigen Wechselbad der Gefühle halten. Mal schöpfe ich Hoffnung, dann verzweifele ich wieder an ihnen. Wird es mir und unseren zahlreichen Unterstützern in der Welt gelingen, meinen geliebten Mann zu retten? Oder werden meine Kinder und ich zusehen müssen, wie die Polizei in Dschidda ihn eines Tages zu Tode prügelt?

Sicher ist nur eines: Meine Kinder und ich werden bis zum letzten Atemzug für ihn kämpfen.

Eine verbotene Liebe

Mein erstes Mobiltelefon war ein silberfarbener Apparat mit Gummitasten. Als meine Schwester Hanan mir das Telefon in die Hand drückte, war uns beiden nicht klar, dass sich mir damit das Tor zur Welt öffnen sollte.

Hanan hatte das Gerät zur Hochzeit geschenkt bekommen und wusste nichts Rechtes damit anzufangen. Einer verheirateten Frau, so glaubte sie, sollte das Festnetz genügen. Aber ich, als Studentin der Koranwissenschaften, könnte damit beispielsweise zu Hause anrufen, falls der Fahrer, der mich täglich von der Uni abholte, mal nicht pünktlich erschien.

Zum ersten Mal hatte ich nun also eine autonome Verbindung zur Welt außerhalb meines Elternhauses. In meiner Heimat, Saudi-Arabien, wo junge Frauen bis zu ihrer Hochzeit wie Kronjuwelen bewacht werden, war das äußerst ungewöhnlich. Zu viel Freiheit gilt als Risiko. Und tatsächlich sollte Risiko von nun an zu einer festen Größe in meinem bis dahin so beschaulichen Leben werden.

Ich hatte die letzten beiden Jahre Koranwissenschaften studiert, allerdings ohne große Ambitionen. Nach der Uni einen Beruf zu ergreifen war in meinem Lebensplan nicht vorgesehen. Mein Vater war ein wohlhabender Mann, und eine Berufstätigkeit seiner Töchter oder Ehefrauen kam für ihn nicht infrage. Wir hatten es schlicht nicht nötig. Er gehörte zu den lokalen Honoratioren meiner Heimatstadt Jaisan und verdiente mit seinem Einrichtungsgeschäft so viel Geld, dass er problemlos ein großes Haus und zwei Familien unterhalten konnte: Zusammen mit meiner Mutter hatte er elf Kinder und zusammen mit einer jüngeren Frau weitere vier. Dass seine Töchter oder Ehefrauen einer Arbeit außerhalb des Hauses nachgingen, schickte sich nicht.

Doch da ich nun ein Handy besaß, riet mir meine Schwester Egbal, ich sollte mich wenigstens bei den Arbeitsbehörden registrieren lassen. »Wenn du dort deine Handynummer angibst, Ensaf, bekommt keiner im Haus etwas mit, sollten sie dich tatsächlich anrufen. Außerdem wartet man wegen der hohen Arbeitslosigkeit sowieso Jahre auf ein Angebot von denen. Versuch doch wenigstens, einen Job zu bekommen.« Egbal ist zwölf Jahre älter als ich – und bereits Witwe, was sie dazu zwingt, wieder bei uns zu Hause unter der Vormundschaft meines Vaters zu leben. Kein Wunder, dass sie mich vorsichtig in Richtung finanzieller Unabhängigkeit schubste.

Der einzige Beruf, den mein Vater mir und Egbal vielleicht erlaubt hätte, war Lehrerin in einer Koranschule. Die Erziehung von Mädchen nach islamischen Wertmaßstäben gilt als edle Aufgabe und ist in meiner Familie mehr oder weniger der einzig akzeptable Beruf für eine Frau. Das traf sich gut: Nachdem ich als Kind selbst auf eine solche Schule gegangen bin – und gerade Koranwissenschaften studierte –, war ich ohnehin für keinen anderen Job geeignet. Ich ließ mich also als arbeitssuchende Religionslehrerin registrieren. Aber ich rechnete nicht wirklich damit, dass das Ausfüllen der Formulare irgendwelche Konsequenzen haben würde. Und eigentlich wollte ich das auch nicht: Ich hatte keine beruflichen Ambitionen oder Träume. Es genügte mir völlig, im Haus meiner Eltern in den Tag hinein zu leben.

Als Egbal und ich nachmittags von unserem Behördengang nach Hause kamen, pfefferte ich meine Abaya, das unförmige schwarze Gewand, das wir außerhalb des Hauses tragen müssen, in eine Ecke und nahm den Gesichtsschleier, den Nikab, ab. Unter der schwarzen Einheitskluft trug ich ein geblümtes Sommerkleid, das für die Temperaturen in Süd-Arabien besser geeignet war. Ich nahm mir eine Cola aus dem Kühlschrank und verzog mich in mein Zimmer. Im Fernsehen lief gerade eine türkische Soap, bei deren Familiendramen ich irgendwann einfach wegdämmerte. Als ich wieder aufwachte, sah ich, dass ich einen Anruf verpasst hatte.

Das konnte nur die Arbeitsvermittlung gewesen sein. Die Frau aus dem Amt hatte ja gesagt, dass sie sich melden würde, wenn sie eine offene Stelle hätte. Aber das ging mir jetzt definitiv zu schnell. Eigentlich hatte ich mich bereits auf einige Jahre Ferien eingestellt: abends bis in die Puppen fernsehen, morgens ausschlafen … die Zeit genießen, bis mich meine Familie verheiraten würde und ich dann die Pflichten einer Ehefrau erfüllen müsste.

Ich wartete also mit meinem Rückruf bis Feierabend und wollte der Behörde nur kurz auf den AB sprechen. Also drückte ich zwanzig Minuten nach fünf Uhr die Rückruftaste:

»Hallo?«, meldete sich eine männliche Stimme.

»Oh, äh, hallo«, stammelte ich. »Ich hatte Ihre Nummer auf dem Display. Hatten Sie mich angerufen?«

»Nein«, behauptete der junge Mann am anderen Ende der Leitung. »Nicht, dass ich wüsste …«

»Ach so. Na dann, Entschuldigung. Auf Wiedersehen.«

Hastig legte ich auf. Ich schämte mich in Grund und Boden. Ich hatte einen wildfremden Mann angerufen! Einfach so. Was, um Himmels willen, würde er von mir denken?

Während ich mir Vorwürfe machte, klingelte das Telefon erneut. Ich starrte auf das Display – und mein Herz machte einen Satz. Dieselbe Nummer.

Hatte er nicht eben noch behauptet, er habe meine Nummer nie gewählt? Warum tat er es dann jetzt? Reflexartig nahm ich das Gespräch an.

»Hallo«, sagte er erneut. Seine Stimme klang sympathisch, weich und voll.

»Hallo«, antwortete ich kühl.

»Du hast eine schöne Stimme«, sagte er schüchtern. »Hättest du vielleicht Lust, ein bisschen mit mir zu telefonieren?«

»Selbstverständlich nicht!«, entgegnete ich empört. Meine Sorge war berechtigt gewesen. Er hielt mich bestimmt schon für eine leichtsinnige Frau. »Ich habe doch gesagt, dass ich nur versehentlich angerufen habe. Ich habe mich entschuldigt.«

»Ach, komm. Nur kurz«, bat er.

»Nein, ganz bestimmt nicht!«

Entschlossen drückte ich ihn weg. Das Telefon klingelte abermals. Eilig stellte ich den Ton ab, damit meine Familie nichts davon mitbekam. Meine Brüder wären alles andere als erfreut gewesen, wenn sie gewusst hätten, dass ein Fremder mir nachstellte. Um ganz sicher vor ihnen zu sein, verschloss ich vorsichtshalber meine Tür.

Jetzt machte mein Handy Lichtsignale: Fasziniert sah ich zu, wie die Beleuchtung des Displays bei jedem unterdrückten Klingelton ansprang. Wie eine Taschenlampe, die Morsezeichen aussandte: »SOS. NIMM BITTE AB

Ich verbrachte den ganzen Abend damit, die Lichtbotschaften meines Handys zu beobachten. Insgesamt rief mich der Mann – wer auch immer er war – 25 Mal an. Er wollte einfach nicht aufgeben. Und natürlich imponierte mir das.

In Saudi-Arabien haben wir normalerweise keinerlei Gelegenheit, mit dem anderen Geschlecht in Kontakt zu treten. Ab der Pubertät dürfen wir Mädchen nur noch von Kopf bis Fuß verschleiert unser Elternhaus verlassen. Und nie dürfen wir ohne Begleitung unterwegs sein. Die Schulen – aber auch alle anderen Bereiche des täglichen Lebens – sind streng nach Geschlechtern getrennt, um Unverheirateten jede Möglichkeit einer zufälligen Begegnung zu nehmen. So befinden sich im Haus meiner Eltern etwa zwei Wohnzimmer: eines für männliche Besucher, ein anderes für weibliche Besucher. Wenn mein Vater oder meine Brüder Besuch erwarteten, verzog ich mich in ein anderes Zimmer, damit die Männer mich nicht zu Gesicht bekamen. Die einzigen Männer, mit denen ich bis dahin gesprochen hatte, waren mein Vater und meine sieben Brüder. Selbst mit meinen Verwandten – etwa meinen Cousins, Onkeln oder den Ehemännern meiner Schwestern – ging ich äußerst reserviert um.

Kein Wunder also, dass ich es aufregend fand, als dieser Fremde mich anrief. Seine Hartnäckigkeit schmeichelte mir. Hatte er nicht gesagt, dass ihm meine Stimme gefällt? Vielleicht hatte er sich in ihren Klang verliebt. In einer ägyptischen Serie war das auch einmal einem Mann und einer Frau passiert.

Wer war er bloß, und wie war er an meine Nummer gekommen? Vor einigen Tagen hatte sich mein jüngerer Bruder Yassir mein Handy ausgeliehen. Konnte es sein, dass mich irgendein Freund meines Bruders anrief, dem Yassir diese Nummer gegeben hatte? Würde mein Bruder so unvorsichtig sein? Ich hatte von Fällen gehört, in denen sich junge Männer einen Spaß machen, indem sie die Stimme der Frau, die sie verbotenerweise anrufen, heimlich aufnehmen. Das ist äußerst fatal für die Frau: Der Anrufer konnte sie jederzeit mit dieser Tonbandaufnahme erpressen. Es ist, als besitze er ein Nacktfoto von ihr. Solche Beweise für einen vorehelichen Kontakt können bei uns Hochzeitspläne platzen lassen und Scheidungen provozieren.

Trotz dieses Risikos konnte ich der Versuchung letztlich nicht widerstehen. Als das Telefon kurz vor Mitternacht erneut aufflackerte, drückte ich die grüne Taste. Ich bemühte mich, meine Stimme streng und verführerisch zugleich klingen zu lassen. »Was soll das?«, stellte ich den Fremden zur Rede. »Was verspricht du dir davon, hier Terror zu machen?!«

Er war wohl ziemlich überrascht. Bevor er antworten konnte, sagte ich: »Bitte lass diesen Unsinn«, und legte auf. Aber natürlich rief er ungefähr eine Minute später wieder an. Und natürlich ging ich erneut ans Telefon.

»Was willst du?«, fragte ich ihn böse.

»Ich will nur mit dir reden«, flehte er. »Bitte!«

»Wer bist du überhaupt?!«

»Ich heiße Raif Badawi.«

Doch während mittlerweile die ganze Welt weiß, wer Raif Badawi ist, sagte mir der Name damals natürlich noch nichts. Das sollte sich jedoch gleich ändern. Raif betrachtete meine Frage als Aufforderung und begann ungefragt, sein Leben zu erzählen.

Raif war 18 Jahre alt und kam ursprünglich aus der Hai’l-Region im Nordwesten des Landes. Er hatte sowohl in Riad als auch in Dschidda gelebt, danach in El-Chamiz und zuletzt hier in meiner Heimatstadt Jaisan, die ganz im äußersten Süden des Landes liegt. Er wohnte bei einem Freund und war Teilhaber von dessen Baufirma. Die beiden kauften und renovierten Häuser, um sie dann mit Gewinn weiterzuverkaufen. Offenbar war dieser Freund, Turad, ein Bekannter meines Bruders. Und da sie alle immer mal wieder die Handys der anderen Jungen benutzten, war es wohl zu der Verwechslung der Nummern gekommen.

Fasziniert hörte ich Raif zu, während er mir den Vorhang zu dieser fremden Welt aufzog: der Welt der Männer, die sich eigenständig bewegen durften, arbeiteten und in seinem Fall sogar von zuhause auszogen. Das war für mich als Frau völlig unvorstellbar. Und ich mochte den Klang seiner Stimme, die sanft und freundlich zu mir sprach.

Auf seine Fragen hin begann ich, auch von mir zu erzählen: Ich nannte meinen Namen, verriet ihm, wer mein Vater war und wo meine Familie wohnte. Irgendwie konnte ich nicht anders, als dieses Risiko einzugehen.

Da unser Telefonat nach saudi-arabischen Maßstäben ein krimineller Akt ist, hatte ich große Angst, erwischt zu werden. Bei jedem kleinsten Geräusch unterbrach ich unser Gespräch. »Psst, einen Moment«, flüsterte ich dann, ließ das Telefon unter meinem Kopfkissen verschwinden und hielt den Atem an. Horchte da etwa jemand vor meinem Zimmer? Würde gleich meine Mutter hereinkommen? Doch zum Glück war es jedes Mal falscher Alarm.

Mit diesen Unterbrechungen redeten wir die ganze Nacht durch. Über unsere Vorlieben, unsere Neigungen und unsere Lieblingsmusik. Ich verriet ihm, dass mir die Liebeslieder der ägyptischen Sängerin Umm Kulthum gefielen. Raif verstand sofort, was ich meinte. Er schwärmte ebenfalls für die Diva. Besonders mochte er »Sir til hubb – der Weg der Liebe«. Mein Lieblingssong war: »El hubb kulu – die ganze Liebe«. Raif bat mich, ihm das Lied vorzusingen. Er behauptete, es nicht zu kennen, was ich ihm keine Sekunde lang glaubte. Trotzdem ließ ich mich auf sein Spiel ein: Ich würde singen, wenn er ebenfalls sänge. Raif schluckte, damit hatte er wohl nicht gerechnet. Nachdem er sich von seinem Schrecken erholt hatte, bat er mich, den Anfang zu machen.

Das tat ich tatsächlich: Ich zog mir die Bettdecke über den Kopf und begann darunter leise für Raif zu singen:

»El hobb kulluh habayt fik

El Hobb kulluhWa zamani kulluh ana ishtu likZamani Kulluh …«

… intonierte ich im Stile der großen Interpretin und versuchte, meine Stimme verführerisch klingen zu lassen.

»All the love I loved was yours.

All the love.And all my time I lived for you.All my time …«

Raif war völlig hingerissen. Aber ich pochte nun meinerseits darauf, dass jetzt er an der Reihe sei. Raif ist ziemlich schüchtern. Deshalb fiel es ihm schwer, und er sang nicht wirklich. Aber er rezitierte den Text. Er kannte die Worte seines Lieblingsliedes auswendig, trug sie mir vor wie ein Gedicht:

»Toul omri baakhaaf min al hob …«

»All my life I’ ve been afraid of love, the talk of love and the
injustice of love to it’s companions. I know stories full of pain,
tears and cries of agony. Lovers melted but never repented.
All my life I’ve been saying: No, I’m not up to yarning, and the
nights of longing and my heart is not up to it’s torture.
I met you, I found you changing all my life.
I don’t know how I loved you, I dont’t know how, my life.
From a whisper of love I found myself in love.
I found myself in love, melting in love.
Melting in love day and night; day and night at it’s doorstep.«

Erst als draußen die Vögel zu zwitschern begannen, verabschiedeten wir uns. Und kaum wachte ich morgens auf, rief mich Raif schon wieder an. Seit dieser ersten gemeinsamen Nacht gab es für uns keinen Zweifel: Wir beide gehörten zusammen.

Die nächsten Tage verbrachte ich auf einer großen rosa Wolke. Nach außen ging ich zwar meinen normalen Beschäftigungen nach. Wie immer goss ich morgens die Rosen im Hinterhof, blätterte in meinen Modezeitschriften, half meiner Mutter beim Kochen, servierte meinem Vater seine Limonade im Büro, empfing nachmittags meine Schulfreundin Wahiba zum Tee und gab bei der Schneiderin einen Strampelanzug für das Baby meiner Schwester in Auftrag. Aber für mich fühlte sich plötzlich alles ganz anders an: Die Rosen rochen süßer, die Farben leuchteten intensiver als sonst. Die Kleidermodelle betrachtete ich unter dem Aspekt, ob sie Raif gefallen würden. Überhaupt dachte ich immerzu und immerfort an Raif. RAIF – der Name steht im Arabischen für »der Mitfühlende«. Das passte zu der sanften Stimme am Telefon.

Natürlich reichten uns SMS und Telefonate schon bald nicht mehr. Raif wollte unbedingt wissen, wie ich aussah, und leider hatten wir keine Telefone mit Kamera. Ein Treffen lag natürlich außerhalb des Denkbaren. Also schmiedeten wir andere Pläne. Ich lebte damals mit meiner Familie in einem großen, dreistöckigen Haus im Zentrum von Jaisan. Meine drei älteren Schwestern hatten bereits geheiratet, kamen aber oft zu Besuch. Von meinen sieben Brüdern lebten die jüngeren noch bei uns. Außerdem hatte mein Vater nach der Ehe mit meiner Mutter noch zwei Mal geheiratet. Seine zweite Frau verstieß er so schnell, dass ich sie kaum kennenlernte. Aber die dritte lebte mit ihren kleinen Kindern ganz in unserer Nähe, im hinteren Teil des Hauses. In der unteren Etage befand sich sein Möbelgeschäft. Es war also ein stetes Kommen und Gehen, und man war nie wirklich allein.

Wie alle Frauen-Zimmer lag meines in dem von der Straße abgewandten Teil. Es war von außen komplett uneinsehbar. Die Räume meiner Brüder hingegen gingen nach vorne raus. Im Zimmer meines Bruders Yassir gab es ein Fenster, das zur Straße zeigte und dessen unterer Teil mit arabesken Holzschnörkeln verziert war, die neugierige Blicke von unten zwar erschwerten – sie aber nicht gänzlich unmöglich machten. Wenn ich mich Raif zeigen wollte, musste es von diesem Zimmer aus sein.

Die passende Gelegenheit kam an einem Freitag. Als ich sah, dass meine beiden Brüder Yassir und Adil unser Haus in Richtung Moschee verließen, schickte ich Raif eine SMS: »Bist du in der Nähe?« Er antwortete sofort. »In fünf Minuten steh ich vor deinem Haus.«

»Bitte, Allah, mach, dass wir nicht erwischt werden!«, schickte ich ein Stoßgebet zum Himmel. Obwohl Allah tendenziell wahrscheinlich eher auf der Seite meines Vaters und meiner Brüder stehen mochte. Fieberhaft suchte ich nach Ausreden für den Fall dass Yassir früher zurückkommen sollte. Doch mir wollte nichts Überzeugendes einfallen. Ich war ganz einfach verrückt, so ein Risiko einzugehen!

Und schon klingelte mein Handy. Es war natürlich Raif. »Ich bin fast da«, verkündete er fröhlich.

Ich warf einen prüfenden Blick in den Spiegel: Ich trug ein langes, geblümtes Kleid. Meine Haare hatte ich nach hinten gebunden. Meine Brille hatte ich abgesetzt, damit mein Profil hübscher aussah. Würde ich ihm überhaupt gefallen?

»Ich biege gerade in eure Straße«, sagte Raif am Telefon.

»Okay, dann komm ich jetzt nach vorn«, versprach ich cooler, als ich mich fühlte.

Ich nahm eine Blume aus einem Strauß roter Nelken, den mir meine Schulfreundin Wahiba am Vortrag gebracht hatte. Als ich Yassirs Zimmer betrat, hörte ich bereits die Geräusche eines Wagens, der vor unserem Haus parkte. Raifs Wagen? Bei dem Gedanken begann mein Herz wahre Purzelbäume zu schlagen.

Er stieg aus und schlug die Autotür mit Schwung zu. Jetzt stand er direkt vor unserem Haus und starrte nach oben. Aufgrund der Arabesken, die das Fensterglas durchzogen, und meiner Kurzsichtigkeit konnte ich ihn nur schemenhaft erkennen: ein junger Mann von zarter Statur mit halblangen, schwarzen Haaren. »Wo bist du?«, fragte seine Stimme aus dem Telefon.

Schüchtern machte ich einen Schritt aufs Fenster zu, damit zumindest mein Kopf von unten sichtbar würde. »Bist du das?«, fragte Raif. »Bist du das wirklich? Du siehst umwerfend aus!«

»Du kannst mich doch gar nicht richtig sehen!«

»Doch, ich sehe, dass du wunderschöne Augen hast«, behauptete er kühn.

Ob das nun stimmte oder nicht, es gefiel mir. Ich öffnete das Fenster und warf ihm die Nelke hinunter. Raif hob die Blume auf, roch an ihr und ließ sie schnell in seiner Jackentasche verschwinden.

»Danke, meine Liebste«, sagte er andächtig. »Ich werde sie stets bei mir tragen.«

Ich schloss hastig das Fenster. »Fahr jetzt wieder«, drängte ich.

»Ja, natürlich …« Er warf mir noch einen letzten, sehnsüchtigen Blick zu, bevor er sich wieder in sein Auto setzte und den Motor anließ.

»Ensaf, pass gefälligst auf!«, schimpfte meine Mutter, als ich die Marinade auf den Küchenboden verschüttete, die eigentlich für ihre Hähnchenkeulen bestimmt war. Seit dem ersten Treffen war ich total durch den Wind. Meine arme Mutter, die sich fest vorgenommen hatte, mir vor der Ehe das Kochen beizubringen, beschwerte sich bitterlich: »Was ist nur los mit dir in letzter Zeit?«, und drückte mir einen Lappen in die Hand, damit ich die Sauerei beseitigte. »Glaubst du vielleicht, dass dich jemals ein Mann haben will, wenn du nicht einmal kochen kannst?«

Raif und ich waren total verrückt nacheinander. Das war los. Wir telefonierten in dieser Zeit bestimmt mehrere Stunden täglich. Wenn wir gerade nicht sprechen konnten, schickten wir uns mit Herzen, Blumen und I love you-Stickern überfrachtete SMS. Ich war total auf mein Handy fixiert: Sobald der Apparat ein Geräusch von sich gab, stürzte ich mich auf ihn, um Raifs Nachricht zu lesen. Das blieb auch meiner Familie nicht verborgen. Meine Schwestern tauschten bereits beredte Blicke, wenn sie mich dabei beobachteten. Insbesondere Hanan, damals hochschwanger, wollte wissen, was los war. Und irgendwie hatte sie auch ein Recht darauf: Immerhin hatte sie mir das Handy ja geschenkt.

Nach der Geburt ihres ersten Sohnes zog Hanan für kurze Zeit wieder zu uns nach Hause. Die Tradition verlangt es, dass meine Mutter und wir Schwestern uns um sie kümmerten, während sie sich von den Strapazen erholte. Zudem richteten wir für sie einen Raum her, in dem sie ihre Gratulanten empfangen konnte. Es herrschte also noch mehr Trubel als sonst. Doch irgendwann gelang es Hanan und Mariam, mich allein in diesem Zimmer zu erwischen.

»Nun erzähl schon, was los ist«, stellte mich Hanan zur Rede. »Warum schaust du dauernd auf dein Handy?«

Ich druckste herum. »Los, raus mit der Sprache«, sagte Hanan. »Uns kannst du ohnehin nichts vormachen.«

Nachdem ich mein Geheimnis einige Wochen lang mit mir herumgetragen hatte, war ich reif für ein Geständnis. Und ich vertraute meinen Schwestern. Also sagte ich ihnen alles.

Sie hingen förmlich an meinen Lippen. »Und wann wird er Vater um deine Hand bitten?«, wollte Hanan als Erstes wissen.

»Darüber haben wir noch nicht gesprochen.«

Die ältere Mariam runzelte die Stirn. »Pass bloß auf«, warnte sie mich, »du weißt, dass dein Ruf auf dem Spiel steht.« Ich glaube, sie hielt es für ihre Pflicht, mich zur Vernunft zu rufen. Anderenfalls würde es später auf sie zurückfallen, wenn sie bei einer Entdeckung als Mitwisserin entlarvt würde. Sie sah mir also streng in die Augen und sagte: »Wenn Vater das herausbekommt, bringt er dich um.«

Nachdem das klargestellt war, nahmen mich die beiden ins Kreuzverhör: Sie wollten wissen, wer Raif war, welchem Beruf er nachging, aus welcher Stadt er kam, wie viele Geschwister er hatte und welche Stellung seine Familie innehatte. Ich antwortete nach bestem Wissen. Doch schon an den Reaktionen meiner Schwestern konnte ich die Schwierigkeiten, die vor uns lagen, ablesen. Es gab ein paar Dinge in Raifs Leben, die meine Familie nicht zufriedenstellen würden: Etwa die Tatsache, dass er bei einem Freund wohnte, weil er sich mit seinem Vater überworfen hatte. Das ist in unserer Gesellschaft sehr ungewöhnlich. Vielleicht wäre es in Zukunft also besser zu behaupten, er lebte bei seinem Onkel?

»Ich würde ihn so unglaublich gerne einmal treffen«, sagte ich.

Die beiden sahen mich erschrocken an. »Mach bloß keinen Unsinn!«, ermahnte mich Mariam. »Du würdest dich und unsere Familie ins Verderben stürzen.«

Ich blickte schuldbewusst zu Boden. »Ich würde ihn einfach mal gerne sehen, damit ich mir sicher sein kann, dass ich ihn liebe … Nicht allein, natürlich …« Ich sah, wie die beiden Blicke tauschten. »Selbstverständlich«, bekräftigte ich, »müsstet ihr beide dabei sein.«

»Wie stellst du dir das vor?«, fuhr Hanan mich an.

»Könntest du ihn nicht mal zu dir nach Hause einladen?« Ich wusste, dass Hanan in ihrer Wohnung tagsüber sturmfreie Bude hatte: Ihr Mann arbeitete, das Baby schlief. »Nur ein kurzes Treffen …«

»Auf keinen Fall«, antwortete sie kategorisch. Aber ihre Stimme signalisierte etwas anderes. Sie verriet mir, dass Hanan genauso neugierig wie ich selbst war. Hanan blickte hilfesuchend zu Mariam.

»Ausgeschlossen«, bestärkte diese meine jüngere Schwester in ihrer Haltung. »Hanan kann nicht einfach einen fremden Mann ins Haus lassen. Was sollen wir denn sagen, wenn ihr Mann plötzlich heimkommt? Hast du daran schon mal gedacht?«

»Nur fünf Minuten«, bettelte ich.

»Du bist egoistisch«, rügte mich Mariam. »Schlag dir diese Sache aus dem Kopf.«

Ich zog die Mundwinkel nach unten. Aber ich verstand meine Schwestern: Sie hatten Angst davor, etwas Falsches zu tun und damit den Zorn unserer Eltern oder ihrer Ehemänner auf sich zu ziehen. Das musste ich akzeptieren. Zumindest musste ich ihnen etwas Zeit geben, bevor ich einen erneuten Vorstoß wagte.

Als ich Raif am Telefon davon erzählte, geriet er ganz aus dem Häuschen. »Wenn ich dir auch nur ein einziges Mal in die Augen sehen darf, werde ich dich mit Blumen und Juwelen überhäufen«, versprach er. Ich sagte ihm, dass er sich damit noch ein wenig gedulden müsse. »Wenn es sein muss«, sagte er, »werde ich mein ganzes Leben lang auf den Moment warten.«

Ungefähr eine Woche später zog Hanan mit dem Baby zurück in ihre eigene Wohnung, ein Appartement in einem Mehrfamilienhaus. Mariam und ich begleiteten sie und halfen ihr, sich einzurichten. Mariams philippinisches Dienstmädchen und ihre beiden kleinen Kinder waren auch mit dabei. Mir erschien diese Gelegenheit günstig, es noch einmal zu versuchen. »Raif würde mir gerne ein Geschenk machen«, sagte ich und setzte dabei eine möglichst unschuldige Miene auf. »Meinst du, er könnte es hier vorbeibringen, Hanan?«

Sie sah mich argwöhnisch an. »Hatten wir dieses Thema nicht schon besprochen?«

»Es ist ja nur, weil er gerade in der Nähe ist …«

»Er darf auf keinen Fall in mein Haus kommen.«

»Und an die Tür?«

Hanan wirkte unentschlossen. Ein Teil von ihr, die alte, unverheiratete Hanan, konnte sich überhaupt nichts Spannenderes vorstellen, als den Schwarm ihrer Schwester in Augenschein zu nehmen. Ein anderer Teil, die Ehefrau und Mutter, fand, dass es zu riskant sei. »Was meinst du?«, wandte sie sich an Mariam.

Die sagte eine Weile gar nichts. Dann entschied sie: »Er soll sein Geschenk bringen – und sofort wieder gehen.«

Hanan erklärte sich ebenfalls einverstanden, auch wenn sie nicht wirklich erfreut aussah. »Aber wenn etwas schiefgeht, hat Mariam es erlaubt«, stellte sie klar. »Nicht ich.«

Ich strahlte. »Es wird nichts schiefgehen«, versprach ich.

Ich schrieb Raif die gute Nachricht per SMS – und teilte ihm Hanans Adresse mit. Er rief mich sofort an. Um den Augen und Ohren meiner Schwestern zu entgehen, huschte ich mit dem Handy ins Bad.

»Ist das wirklich wahr?«, fragte er ungläubig, »ich darf dich sehen?«

»Ja«, flüsterte ich, »komm schnell, bevor die beiden ihre Meinung ändern …«

»Ich bin sofort bei dir, meine Liebste!«, versprach er. »In einer Viertelstunde.«

Es war die bis dahin längste Viertelstunde meines Lebens. Und ich verbrachte sie komplett im Badezimmer. Ich weiß heute noch genau, was ich an diesem Tag trug: eine eng anliegende, weiße Bluse mit fast durchsichtigen Ärmeln und ebenfalls weiße Baggy-Pants, die ich – ganz der europäischen Mode entsprechend – bis unter die Hüfte rutschen ließ. Ich hatte das Outfit erst kurz zuvor in einem neuen Einkaufszentrum erstanden. Es war ziemlich gewagt und sexy. Aber genau so wollte ich mich Raif präsentieren.

Meine Schwestern beäugten mich kritisch. »Meinst du nicht, du solltest vielleicht einen dünnen Schleier tragen?«, fragte Mariam, als ich in diesem Aufzug aus dem Bad kam.

»Wozu denn?«, entgegnete ich. Wieso sollte ich meinen Geliebten mit einem Hejab begrüßen? Meine langen, dunklen Locken wurden von einer Spange zusammengehalten. Das musste genügen. Was wir vorhatten, war ohnehin so verboten, da kam es auf dieses Detail auch nicht mehr an.

Ich fuhr zusammen, als ich das Geräusch der Klingel vernahm. Raif stand bereits vor der Tür. Meine Schwestern brachen vor lauter Aufregung in hysterisches Gekicher aus. »Nun mach ihm schon auf«, drängte Hanan und schubste mich Richtung Eingangsbereich. Mariam zog sie mit sich in eines der hinteren Zimmer. Ich war überrascht: Sie wollte mich tatsächlich mit Raif alleine lassen! Nur einen winzigen Spalt ließ sie die Tür hinter mir offen stehen. Von dort aus behielten meine Schwestern alles im Blick.

Angespannt ging ich zur Tür und öffnete sie. Da stand Raif – und sah komplett anders aus, als ich ihn mir vorgestellt hatte. Vor mir sah ich einen zarten, nicht sonderlich großen Mann mit relativ heller Haut, schwarzem Haar, vollen Lippen und pechschwarzen Augen. Ich könnte nicht sagen, ob der Mann, den ich mir vorgestellt hatte, mehr oder weniger attraktiv war. Mein Fantasiebild war schön gewesen – und der reale Raif war auch schön. Nur eben so ganz anders. Deshalb tat ich mich schwer, in ihm die Person zu erkennen, mit der ich bereits die intimsten Gespräche geführt hatte. Nur seine Stimme war mir vertraut.

Raif war noch eingeschüchterter als ich. Er wusste überhaupt nicht, was er sagen oder tun sollte, sondern starrte mich einfach nur an. »Du bist so schön«, stammelte er, »genau so, wie ich dich mir vorgestellt habe …« Na, wenigstens etwas.

»Danke«, antwortete ich ihm verlegen.

Dann retteten wir uns in das Ritual der Geschenkübergabe. Er breitete seine Gaben vor mir aus: eine Kette mit einem violetten Edelstein als Anhänger. Dazu farblich passend ein Armreif, Ohrringe sowie einen Ring für den Finger. Außerdem hatte er Hosen für mich gekauft: eine weiße, eine braune und eine fliederfarbene. Allesamt viel zu groß. Aber ich beruhigte ihn, dass ich sie in der Schneiderei ändern lassen könne.

Als die Übergabe beendet war, machte er einen Schritt auf mich zu. Er wollte mich wohl umarmen. Aber ich wich instinktiv zurück. Im gleichen Moment merkte ich, wie mich Mariam von hinten aus dem Türspalt am Ärmel zupfte. »Schluss jetzt«, zischte sie, »das reicht!« Ich lief feuerrot an.

»Ich glaube, du gehst jetzt lieber«, sagte ich zu Raif.

»Ja, natürlich. Entschuldigung. Ich wusste nicht …«, er unterbrach sich: »Ich wollte sowieso gerade gehen.«

»Vielen Dank für die Geschenke. Sie sind sehr schön. Du hast genau meinen Geschmack getroffen«, bedankte ich mich hölzern, während ich ihn hinauskomplimentierte.

Kaum war Raif aus der Tür, bestürmten mich meine Schwestern. Sie wollten sofort die Geschenke sehen. Beide zeigten sich sehr beeindruckt von Raif. »Er ist wirklich sehr hübsch«, musste Hanan zugeben. »Und charmant … Schau nur, was er dir alles gebracht hat!«

Auch Mariam ermutigte mich. »Dann mach doch Nägel mit Köpfen«, sagte sie: »Heirate ihn.« Sie hatten leicht reden.

Während des Ramadans schlief ich viele Tage bis zum Mittag. Ich fand es sinnlos, früher aufzustehen. Warum sollte ich mich durch den Tag schleppen und die ganze Zeit nur ans Essen denken, wenn ich bis zum Abend nichts zu mir nehmen durfte? Strategisch viel günstiger war es, die Zeit des Wartens zu verkürzen. Viele machen das so.

Mit Sonnenuntergang wurde es dann auf einmal sehr gemütlich im Haus. Aus der Küche, die meine Mutter den ganzen Tag über streng bewacht hatte, strömte nun der betörende Geruch einer warmen Mahlzeit. Am liebsten mochte ich die dicke, ölige Nudelsuppe mit dem Schuss Pfefferminz, die sie normalerweise gleich zu Beginn des Fastenbrechens serviert. Sie markierte für mich die Rückkehr des Lebens in die Häuser. Denn eigentlich leben wir während des Ramadans nur nachts. Tagsüber warteten wir.

Als meine Mutter eines Abends kurz nach dem Ende des Ramadans in mein Zimmer kam, verriet ihr Blick nichts Gutes. »Dein Vater schickt mich«, sagte sie gereizt. Ich hatte die beiden kurz zuvor in der Küche miteinander streiten gehört. Seit mein Vater vor einigen Jahren seine neue Familie gegründet hatte, war die Stimmung bei uns zu Hause oft angespannt. Aber um das leidige Thema Eifersucht ging es diesmal offenbar nicht.

Meine Mutter redete nicht lange um den heißen Brei herum. »Kennst du einen gewissen Raif Badawi?«, stellte sie mich zur Rede. Ich lief feuerrot an. Das wurde langsam zur Gewohnheit.

»Raif?«, stammelte ich. »Äh, nie gehört …«

»Und wie kommt dieser Kerl bitteschön auf die Idee, um deine Hand anzuhalten?«, kreischte sie. »Kannst du mir das mal erklären?«

»Woher soll ich das wissen? Wer ist er überhaupt?«

»Das weißt du genau.«

»Weiß ich nicht!«

»Lüg nicht.« Sie verpasste mir eine schallende Ohrfeige. Ich fing an zu weinen.

»Sei still! Das hilft dir jetzt auch nicht weiter«, sagte sie wütend. »Gib mir sofort dein Mobiltelefon!«

»Wozu?«

»Weil ich es haben will.« Sie streckte auffordernd ihre Hand aus. Ich umklammerte den Apparat mit beiden Händen. Mit Schrecken dachte ich an all die Liebes-SMS, die Raif und ich hin und her geschickt hatten. All die langen Telefonate, die der Apparat fein säuberlich gespeichert hatte. Mein Handy würde mich unweigerlich überführen.

»Wenn du es mir nicht freiwillig gibst, schicke ich Yassir«, drohte meine Mutter. Sie rauschte aus dem Zimmer. Ungefähr zwei Minuten später – ich hatte gerade genug Zeit gehabt, um alle SMS zu markieren –, hörte ich schon meinen Bruder die Treppe heraufkommen. Mit zittrigen Fingern drückte ich auf »Entfernen« und stopfte mein Telefon in den Spalt zwischen Bett und Matratze. Schon stand mein Bruder im Zimmer. »Gib mir das Handy, Ensaf«, sagte der 17-Jährige gebieterisch.

»Warum sollte ich? Warum mischst du dich da überhaupt ein?« Ich funkelte Yassir böse an, aber er ließ sich nicht beeindrucken. »Hör bloß auf mit dem Unsinn«, warnte er mich. »Vater ist sehr böse.«

Yassir sah sich suchend um. »Also, was ist?«, fragte er. »Rückst du es freiwillig raus? Oder muss ich erst alles auf den Kopf stellen?« Ich gab keine Antwort. Schweigend sah ich zu, wie er die Tür meines Kleiderschranks öffnete und in die einzelnen Fächer schaute. Ich versuchte so zu tun, als ob mich das alles nichts anginge. Innerlich ballte ich die Fäuste vor Wut. Ungeniert inspizierte er mein Nachtkästchen und die Kommode. Er durchwühlte die Schubladen, in denen ich meine Wäsche aufbewahrte. Als er mich bat, vom Bett aufzustehen, schob ich schmollend die Unterlippe nach vorn. Aber ich gehorchte. Yassir hob zuerst die Bettdecke, dann die Matratze. In dem Spalt lag das Handy.

»Dann nimm es halt mit. Ich brauche es sowieso nicht«, sagte ich trotzig.

»Du solltest dich schämen, Ensaf. Du besudelst die Ehre unserer Familie«, entgegnete er. Mein Bruder nahm den Apparat an sich und verschwand aus dem Zimmer.

Erst als ich wieder allein war, brach ich zusammen. Schluchzend legte ich mich in mein Bett und zog mir die Decke über den Kopf. Besonders bedrückend fand ich, dass ich Raif nicht einmal mitteilen konnte, was passiert war.

Mein Tor zur Welt hatte sich wieder geschlossen.

Natürlich wusste ich von Raifs Gespräch mit meinem Vater. Nach zwei Monaten der Geheimniskrämerei hatten wir beschlossen, endlich ganz offiziell ein Paar zu werden. Aber dazu musste mein Vater seine Zustimmung geben. Daran führt in der patriarchalen saudischen Gesellschaft kein Weg vorbei. Denn bis zu ihrer Ehe ist der Vater bei uns per Gesetz der Vormund einer Frau, ganz egal wie alt sie ist. Danach nimmt diese Position ihr Mann ein. Stirbt ihr Mann, so hat erneut ihr Vater das Sagen. Oder ein anderer männlicher Verwandter, etwa einer ihrer Brüder oder sogar ihr Sohn, selbst wenn der noch minderjährig ist. Die saudische Frau ist nie Herrin ihrer selbst. Und die Männer, die über sie bestimmen, betrachten sie quasi als ihr Eigentum. Da ich in diesem System groß geworden bin, hinterfragte ich es zum damaligen Zeitpunkt nicht. Ich war lediglich darauf erpicht, von der Herrschaft meines Vaters in die von Raif zu wechseln, den ich liebte. Deshalb hatte ich Raif ermutigt, die Sache in Angriff zu nehmen.

Das Ende des Ramadans erschien ihm als ein geeigneter Zeitpunkt. In dieser Zeit des Zuckerfestes sind die Leute besonders gesellig. Mein Vater räumt immer einige Möbel aus seinem Laden auf die Straße – und empfängt unentwegt Freunde und Bekannte mit einem Glas Tee und süßem Gebäck zu langen, freundschaftlichen Gesprächen.

Normalerweise gehen Anwärter in Begleitung einer großen Entourage zum Vater der Braut. Er kam mit so vielen Verwandten, dass sie gar nicht alle ins Haus passten, möchte man nach so einem Besuch erzählen können. Drückt die Größe der Gruppe doch die Macht und den Einfluss der zukünftigen Familie der Braut aus. Das konnte Raif schon mal nicht bieten: Da seine Familie sehr weit entfernt von Jaisan wohnte, stand ihm lediglich sein Geschäftspartner zur Seite. Um seriöser zu wirken, gab sich Turad als Raifs Onkel aus. Von seinem Vater, mit dem Raif seit seiner Kindheit auf Kriegsfuß stand, behauptete Raif gleich, er sei bereits verstorben. Verständlicherweise wirkte das alles auf meinen Vater weder seriös noch attraktiv.

Er sagte weder Ja noch Nein zu Raif. Er stellte ihm auch keinerlei Fragen darüber, wer er sei, was er im Leben tat und woher er mich kannte. Schlimmer: Vater sagte überhaupt nichts. Er ignorierte ihn einfach komplett. Obwohl mehrere Zeugen um die beiden herumstanden, tat er so, als sei Raif Luft. Übersetzt bedeutete sein Schweigen so viel wie: Mit Personen in deiner Kategorie rede ich noch nicht einmal über meine Tochter: Du bist meiner Familie nicht würdig. Es war die schlechteste aller möglichen Reaktionen.

Als Raif mir davon am Telefon erzählte, wusste ich, dass uns ein harter Kampf bevorstand, wenn wir unseren Willen durchsetzen wollten. Er sah das optimistischer.

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