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Freiheit bewusstheit verantwortlichkeit

FREIHEIT
BEWUSSTHEIT
VERANTWORTLICHKEIT

FESTSCHRIFT FÜR
VOLKER ZOTZ
ZUM 60. GEBURTSTAG

Edition Habermann

München 2016

Freiheit. Bewusstheit. Verantwortlichkeit.

Festschrift für Volker Zotz zum 60. Geburtstag

© 2016 Edition Habermann

der Lama und Li Gotami Govinda Stiftung, München

ISBN

Hardcover 978-3-96025-009-8
e-Book 978-3-96025-010-4

www.lama-govinda.de

Einführung

TEIL 1: VOLKER ZOTZ - ZUM LEBEN UND WIRKEN

BENEDIKT MARIA TRAPPEN

Freiheit. Bewusstheit. Verantwortlichkeit.

Volker Zotz. Ein Leben für den interkulturellen Dialog

GERHARD WEIßGRAB

Kurze Gedanken und Gratulation in höchster Wertschätzung und Demut.

OTFRIED H. CULMANN

Volker Zotz schrieb über I7I3

PERRY SCHMIDT-LEUKEL

„Der Buddha im Reinen Land“

PETER RIEDL

„Mit Buddha das Leben meistern“

ULRICH DEHN

„Auf den glückseligen Inseln“

PETER WEVELSIEP

Buddhismus in der deutschen Kultur

DANIEL MÜLLER

Führungsstärke durch Selbsterkenntnis

REINHARD KIRSTE

Der Konfuzianismus bei Volker Zotz

Bibliografie der Werke von Volker Zotz

TEIL II: ÜBER ANAGARIKA GOVINDA

HARRY OLDMEADOW

Lama Anagarika Govinda

PETER MICHEL

Der Freiheitsgedanke bei Lama Anagarika Govinda und Krishnamurti

JOCHEN KIRCHHOFF

Der „Fall Govinda“ - Philosophische und sehr persönliche Betrachtungen zu einem deutschen Phänomen

PETER MICHAEL HAMEL

Maitreya für Lama Govinda

KAREL WERNER

Ārya Maitreya Maṇḍala. Ein buddhistischer Vajrayāna Sangha

TEIL III: ZUM BUDDHISMUS

PETER GÄNG

Gier, Hass und Verblendung

MICHAEL GERHARD

Buddha-Natur. Ein Begriff und seine philosophischen Implikationen

WILFRIED HUCHZERMEYER

Sri Aurobindos Kommentare über Buddha und den Buddhismus in The Life Divine

YOSHIN FRANZ RITTER

Buddhismus in Österreich

ANDREAS NEIDER

Buddhismus und Anthroposophie. Wie sich östliche und westliche Meditation ergänzen können

TEIL IV: AUS JAPAN

KUNIHIKO TERASAWA

Der Fall Hirose Akira (1919-1947). Japans buddhistische Jugend im Konflikt mit der Militärgewalt im Zweiten Weltkrieg

MUHŌ NÖLKE

Mein Weg zum Zen

GERHARD KNAUSS

Als erster deutscher Philosophie-Professor im Nachkriegs-Japan

YUKIO KOTANI

Hanjirō Tominaga, Hans Prinzhorn und der Buddha.

Lebensphilosophische Gedanken über Bildung, Verkanntwerden und Offenheit

TEIL V: PHILOSOPHISCHE PERSÖNLICHKEITEN

BENEDIKT MARIA TRAPPEN

Die Andersheit des anderen. Dialektik und Dialog.

Zum Denken Martin Bubers

MICHAEL FRENSCH

Wer war Valentin Tomberg?

MONDRIAN GRAF VON LÜTTICHAU

Armut, Ganzheit, Freiheit – Mensch werden nach Auschwitz? Michael Brink (1914–1947)

WERNER ZIMMERMANN

Oscar Kiss Maerth. Ein Außenseiter und seine Wirkungen

TEIL VI: LYRISCHES UND MEDITATIVES

MUNISH BERNHARD SCHIEKEL

Hongzhi Zhengjue

ZENSHO W. KOPP

Die allumfassende Ganzheit des Seins

FRIEDERIKE MIGNECO

Alles ist anders. Gedichte (2003 – 2006)

ANTONIO-MARIA CARUSO

Le chant de l’aigle. Poèmes

BENEDIKT MARIA TRAPPEN, HEINZ STEIN

Dreizehn Silben

Autoren, Künstler und Herausgeber

Image

Volker Zotz 2016 (Foto: Marlen Neufeld)

GERHARD WEIßGRAB

KURZE GEDANKEN UND GRATULATION IN HÖCHSTER WERTSCHÄTZUNG UND DEMUT

ZUM 60. GEBURTSTAG VON VOLKER ZOTZ

Es ist mir eine große Freude und Ehre, einen Beitrag zu dieser Festschrift zu Ehren des Jubilars verfassen zu dürfen. Umso mehr, da ich bedauerlicherweise keine bedeutende gemeinsame Wegstrecke mit Volker Zotz vorweisen kann. Mein persönlicher buddhistischer Lebenslauf beginnt zwar schon im Jahre 1979, trifft aber erst in den 1990er Jahren zum organisierten Buddhismus in Österreich, für den ich mich seit dem Jahre 2006 als Präsident der „Österreichischen Buddhistischen Religionsgesellschaft“ (ÖBR) engagieren darf.

Trotzdem ist der Moment meiner ersten Wahrnehmung von Volker Zotz schon vor dem Kontakt mit dem organisierten Buddhismus, zwar nicht in Form eines persönlichen Treffens, sondern in Form eines Buches von ihm. Ich weiß nicht mehr in welchem Jahr mir auf der Suche nach der Möglichkeit, mein Verständnis der Buddha Lehre zu vertiefen, ein Buch des Jubilars in die Hände gefallen ist. Freiheit und Glück, mit dem Untertitel: Buddhas Lehren für das tägliche Leben hieß dieses Werk.1 Ich weiß auch nicht mehr genau, wie viele buddhistische Bücher ich bis dahin gelesen hatte, aber dieses Buch gehörte sicher in meinen buddhistischen Anfangszeiten zu einem der wesentlichen – wiewohl ich inzwischen auch weiß, dass Volker Zotz sicher ganz viele, wahrscheinlich noch weit wichtigere Werke verfasst hat. Aber hier muss man die Frage stellen, woran misst sich die Wichtigkeit und Bedeutung eines Buches wirklich? Ist es das wissenschaftliche Niveau, ist es das spezifische Thema oder der Kontext in dem es erscheint? Oder ist es die Wirkung, welche es auf den einzelnen Leser ausübt? Und damit handelt es sich für mich bei diesem Buch jedenfalls um eines mit Bedeutung.

Mit diesem Buch verbinde ich nicht nur das erste Wahrnehmen von Volker Zotz, als einen wichtigen „Weitertragenden“ des Dharma im Westen, sondern auch meine erste, von wenigen persönlichen Begegnungen mit ihm. Es war in den 1990er Jahren und es war im Zuge einer Sangharats-Sitzung der ÖBR. Durch die staatliche Anerkennung des Buddhismus in Österreich seit dem Jahre 1983 gehört es auch zu den Aufgaben der Österreichischen Buddhistischen Religionsgesellschaft, in ihrer Eigenschaft als „Körperschaft öffentlichen Rechts“, darüber zu entscheiden, ob neu ins Land kommende Orden oder Gruppen sich zur staatlich anerkannten buddhistischen Religion zählen dürfen. Bei jener Sitzung ging es um die Anerkennung eines japanischen Ordens und Volker Zotz war als großer Kenner, eben auch der buddhistischen Verhältnisse in Japan, beratender Teilnehmer dieser Sitzung.

Am Schluss der Sitzung sprach ich ihn an, da ich beeindruckt und erfreut war, den Autor eines für mich wichtigen Buches persönlich zu treffen. Ich erzählte ihm, dass ich eines seiner Bücher gelesen hätte und es mir sehr hilfreich auf meinem Dharmaweg ist. Ich würde mich an diese Begegnung heute vielleicht gar nicht mehr erinnern, hätte er mir eine andere Antwort gegeben. Seine damalige Antwort habe ich aber heute noch in den Ohren und sie wird mich auch immer weiter begleiten. Sie hat für mich, vor allem auf den zweiten Blick, wesentlich mehr Inhalt und weise Botschaft, als der erste Blick scheinen lässt.

Er antwortete mir damals auf meine Erklärung, dass ich sein Buch gelesen hätte: „Ach ja, das war zu der Zeit, als ich noch glaubte etwas zu wissen und darüber Bücher schreiben zu müssen.“ Das war, wie gesagt, in den 1990er Jahren.

Es gab danach, vor allem auch im Rahmen meiner Funktion in der ÖBR, noch weitere Begegnungen mit Volker Zotz und unter anderem auch Kooperationen mit dem von ihm ins Leben gerufenen Institut „Kōmyōji“. In allen diesen seinen Aktivitäten ist Volker Zotz ein wesentlicher Faktor für die Entwicklung des Buddhismus im Westen, aber nicht nur. Seine Form des Verständnisses und Zugangs zur Buddha Lehre stellt auch einen unverzichtbaren Baustein dar, um das Wesen dieser Weisheitslehre besser erfassen zu können. Für den Westen mit seiner völlig anderen Denkkonditionierung sind Irrwege der Interpretation östlicher Weisheitslehren fast unvermeidlich. Genau deshalb bedarf es gelehrter Persönlichkeiten, um solche Fehlentwicklungen aufzuzeigen und behutsam auf mögliche andere Verstehens-Wege hinzuweisen.

Volker Zotz ist eine solche Persönlichkeit und daher für alle Menschen im Westen, welche die Lehre des Buddha verstehen wollen, ein ganz wichtiger Wegweiser. Für mich persönlich bleibt sein damaliger Ausspruch über sein „Bücher schreiben“ ein lebensbegleitender Lehrsatz.

Möge er auch für viele andere Menschen zu einer großen Inspiration werden, mögen seine Aktivitäten das Verständnis der Menschen im Westen für die Weisheitslehren des Ostens fördern.

Mit den herzlichsten Wünschen für Wohlergehen, Glück und ein langes erfülltes Leben, in Dankbarkeit und Wertschätzung

Gerhard Weißgrab, Präsident der ÖBR

1 Volker Zotz: Freiheit und Glück. Buddhas Lehren für das tägliche Leben. München 1987

OTFRIED H. CULMANN

VOLKER ZOTZ SCHRIEB ÜBER I7I3

Es hatte in Deutschland lange gedauert, bis eine Monografie über André Breton erschien. Breton spielte eine führende Rolle beim Pariser Surrealismus, der sich nicht als eine Kunstrichtung verstand, sondern als eine Revolution des Geistes: „Die Welt verändern, das Bewusstsein verändern, das Leben verändern,“ lautet verkürzt dargestellt die Haltung der Surrealisten.

1968, als ich dem in Saarbrücken geborenen und mit André Breton befreundeten „militanten Surrealisten“ Edgar Jené in Kaiserslautern half, seine Radierungen zu drucken, erzählte er mir einiges über die Phantasten in Wien und über Breton und die Zusammenkünfte der Surrealisten. An dieser Stelle sei daran erinnert, dass laut einer testamentarischen Verfügung bis zum Jahr 2016 der schriftliche Nachlass von André Breton nicht veröffentlicht werden durfte.

Es war eine entscheidende Tat, als 1990 der Rowohlt-Verlag die hervorragende Bildmonographie aus der Reihe rororo über André Breton von Volker Zotz herausbrachte, die auf meinem Bücherregal eine herausragende Stellung einnimmt.1 Dieses Buch hatte ich auch dabei, als ich im Jahr 1999 während eines Stipendiums in Paris in die Rue Fontaine 42 ging, wo sich Bretons Studio, das einstige Zentrum des Surrealismus, unberührt und verstaubt befinden sollte. Durch eine lange, dunkle Einfahrt gelangte ich in einen Innenhof und zu einem ziemlich heruntergekommenen Eingang B mit einer Wendeltreppe.

Ursprünglich soll an der Tür ein Zettel mit der Aufschrift I7 I3 gewesen sein. Diese Zahl entstand durch die Buchstaben AB, die von Breton schludrig hingeschriebenen Anfangsbuchstaben seines Namens, die dadurch zu einer mysteriösen Jahreszahl wurde – doch dieser Zettel war nicht mehr da, weshalb ich auf gut Glück irgendwo klingelte und darauf wartete, was geschehen würde. Eine ältere Frau öffnete die Tür, hinter der ein asiatisch aussehendes Mädchen stand. Die Frau war Aube, die einzige Tochter von André Breton.

Als Vorstandsmitglied von „LABYRINTHE – Gesellschaft für phantastische und visionäre Künste e.V.“ (Sitz München –Rom) waren und sind wir immer bestrebt, Kontakte zu Künstlern und Schriftstellern zu bekommen, die dem Surrealismus und der Phantastischen Kunst in irgendeiner Weise nahestehen.

Als ich an einem Tag im April 2009 wieder einmal in der rororo-Monografie von André Breton blätterte, fragte ich mich, wer wohl Volker Zotz sei und ich machte mich per Internet auf die Suche. Mit großem Erstaunen las ich bei Wikipedia, dass Volker Zotz zwar in Wien wohnt, aber quasi vor meiner Haustür, in Landau in der Pfalz geboren wurde, wo damals noch seine Eltern lebten. Umgehend schrieb ich ihm eine E-Mail. Einige Tage später traf seine Antwort ein, in der er mir von seinem frühen Interesse am Surrealismus berichtete, das bis in die Gegenwart bestehe.

Im Jahr 2013, anlässlich der Eröffnung der von mir organisierten Biennale „art-imaginär – phantastische und visionäre Kunst“ im Kulturzentrum HERRENHOF Neustadt-Mußbach, durfte ich Volker Zotz dann auch persönlich kennenlernen.

Ich würde mir wünschen, dass das von ihm übersetzte Buch L’ Art magique von André Breton auch in Deutschland veröffentlicht werden würde.

Die besten Wünsche zum Geburtstag!

Image

Otfried H. Culmann und Volker Zotz bei der Eröffnung der Biennale
„art-imaginär – phantastische und visionäre Kunst“ 2013
(© O. H. Culmann)

Auszug aus Otfried H. Culmanns PARIS. Die Unbekannte in der Passage (Edition Daedalus Palatinus 2013, S. 108-109):

„[...] Als ich mich umdrehte, entdeckte ich in der vollkommen menschenleeren und stillen Passage unter einer Glaskuppel, Ecke Wachsfigurenkabinett ‚Musée Grévin’ und Hotel Chopin, die Unbekannte – sie stand dort wie eine Statue. Hatte sie mich wieder die ganze Zeit verfolgt, ohne dass ich es bemerkt hatte? Sollte nun dasselbe Spiel wie vor einigen Tagen weitergehen? Würde ich erneut in rätselhafte Räume gelangen? In Räume, bei denen – wenn ich erwischt werden würde – mit einem Fuß in der Préfecture de Police stünde! Würde ich in eine Geschichte wie André Breton hineingeraten, mit dem Unterschied, dass zwischen mir und der Unbekannten immer eine bestimmte räumliche Distanz blieb?

Nachdem meine Wanderungen durch Paris wegen der Unbekannten immer seltsamere Dimensionen annahmen, holte ich in meinem Appartement die André-Breton-Rowohlt-Monografie des in Landau geborenen Philosophen und Schriftstellers Volker Zotz aus meinem Koffer und las das ‚Nadja’ betreffende Kapitel, um vielleicht dadurch hinter das Geheimnis dieser mysteriösen Geschichte zu kommen, in die ich anscheinend immer tiefer hineinrutschte, zumal sie sich im Umfeld der Straßen, die im Buch genannte werden abspielte.

Im Gegensatz zu mir war Breton der Frau ganz nahe gekommen und er erfuhr durch die Gespräche mit ihr, dass sie hellseherische Fähigkeiten besaß und Dinge aus seinem vergangenen und zukünftigen Leben wusste. Außerdem glaubte sie, dass durch seine Gedanken ihre Gedanken und ihr Handeln beeinflusst würden.

Ihre Wirkung auf andere konnte so erstaunlich sein, dass z. B. ein Kellner in einem Restaurant nicht nur ständig den Wein an ihrem Tisch verschüttete, sondern am Ende elf Teller zerbrochen hatte. Volker Zotz schreibt: „Zwei gewöhnlich voneinander getrennte Wirklichkeiten stoßen aufeinander, verschmelzen zu einer neuen, die ein Tor zum Wunderbaren ist, das einen Blick auf verborgene Dimensionen des Lebens gestattet. Die Begegnung beider war ein Zusammentreffen dieser Art, scheinbar zufällig und doch erfüllt von verborgenem Sinn. Ihm erschien Nadja, um das ganze Verlangen nach dem Wunderbaren auf sich zu konzentrieren.“

1 Volker Zotz: André Breton in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Reinbek bei Hamburg 1990, 2. Aufl. 2007, französische Ausgabe in der Übersetzung von Catherine Métais mit einem Vorwort von José Pierre: André Breton. Paris: Édition d'art Somogy 1991.

PERRY SCHMIDT-LEUKEL

„DER BUDDHA IM REINEN LAND“1

Die auf den ersten Blick verblüffend wirkende Ähnlichkeit zwischen (Jōdo-)Shin-Buddhismus (andere Bezeichnungen: Amida-Buddhismus, Reines-Land-Buddhismus) und Christentum hat immer wieder ein großes christliches Interesse erregt. Die jesuitischen Japan-Missionare des 16. u. 17. Jhd. verwiesen überrascht auf seine Nähe zur „lutherischen Häresie“ und Karl Barth hielt die Ähnlichkeit zwischen Jōdo-Shin und protestantischem Christentum gar für eine providentielle Fügung, weil durch sie deutlich werde, dass über Wahrheit und Lüge zwischen den Religionen allein der „Name Jesus Christus“ entscheide, „wirklich in der ganzen formalen Simplizität dieses Namens“, wie er ausdrücklich hinzufügt. Ist man hingegen nicht bereit, jenen religionstheologischen Exklusivismus zu teilen, der sich hier auf einen zutiefst befremdlich wirkenden Namensformalismus als sein allerletztes Refugium zurückzieht, dann wird sich der Christ durch die Ähnlichkeit zwischen Jōdo-Shin und Christentum in seinem ureigensten Anliegen nicht bedroht, sondern auf unerwartete Weise bekräftigt fühlen.

Der Jōdo-Shin wirkte auf Christen umso verblüffender, als er sich historisch im Rahmen des Buddhismus entwickelt hatte – einer Religion also, in der man gewöhnlich den krassesten Widerspruch zum Christentum verwirklicht sah: kein Gott, keine Seele, dafür aber Glaubenslosigkeit, Selbsterlösung, Daseinspessimismus und Nihilismus. Wohlwollendere christliche Darstellungen des Jōdo-Shin zeigten sich folglich eifrigst bemüht, den Gegensatz zwischen Jōdo-Shin und der übrigen buddhistischen Tradition hervorzuheben, so dass dessen Entstehung aus buddhistischen Wurzeln mirakulös und unverständlich erschien. Das Lob des Jōdo-Shin – so glaubte man – erforderte seine Herauslösung aus dem Buddhismus.

Gibt es inzwischen leise Anzeichen dafür, dass das gängige westlich-christliche Buddhismus-Klischee als Resultat verhängnisvoller Fehlinterpretationen erkannt wird und sich dementsprechend allmählich zu verändern beginnt, so ist damit zugleich auch einer neuen Einschätzung des Jōdo-Shin sowohl in seinem Verhältnis zur buddhistischen Tradition als auch in seiner Nähe zum Christentum der Weg geöffnet. Leider sind jedoch gute deutschsprachige Einführungen in den Jōdo-Shin immer noch eine große Mangelware. Von Shinran, dem Begründer des Jōdo-Shin, liegen kaum Schriften in deutscher Übersetzung vor, und die Informationen in den gängigen religionshistorischen Standardwerken verbleiben in der Regel an der Oberfläche und zeigen überwiegend von Unkenntnis und Unverständnis. Aus theologischer Sicht brachte die Arbeit von Christiane Langer-Kaneko einen bemerkenswerten Fortschritt.2 Umso erfreulicher ist es, dass mit der besprochenen Schrift nun auch eine gute, allgemein verständliche Einführung in den Jōdo-Shin aus der Feder eines (österreichischen) Jōdo-Shin-Buddhisten vorliegt. Zotz’ Buch schließt endlich eine schon lange offene Lücke!

In seiner Darstellung zeigt Zotz die Entwicklung des Amida-Buddhismus aus seinen indischen Wurzeln über seine chinesischen Ausprägungen bis hin zu seiner japanischen Gestalt (in Form der Jōdo-shū Hōnens und der Jōdo Shinshū Shinrans) auf. Da den indischen und chinesischen Entwicklungen fast zwei Drittel des Buches gewidmet sind, ist der Untertitel („Shin-Buddhismus in Japan) leicht irreführend. Er rechtfertigt sich jedoch dadurch, dass Zotz die indischen und chinesischen Erscheinungsformen des Amida-Buddhismus aus der Perspektive Shinrans behandelt. Damit gelingt Zotz ein zweifaches: zum einen macht er deutlich, dass der Amida-Buddhismus aus urbuddhistischen Elementen erwachsen ist und einen kontinuierlich vorhandenen Strang der buddhistischen Tradition bildet; zum anderen zeigt Zotz, indem er die geschichtlichen Entwicklungen aus der Sicht Shinrans reflektiert, dass der Jōdo-Shin sich selbst als zentrale Ausprägung des Buddhismus verstanden hat und verstanden wissen wollte. Mit beidem sind zwei gängige westliche Fehleinschätzungen korrigiert.

Der Schwerpunkt von Zotz’ Darstellung liegt auf der Erläuterung der historischen Entwicklung. Wegen der retrospektiven Anlage vermag er diese jedoch auch als Lehrentwicklung zu explizieren. Dabei kommen fast alle grundlegenden Lehren des Jōdo-Shin zur Sprache. Zotz verdeutlicht, wie sich diese harmonisch aus den älteren buddhistischen Grundauffassungen bilden konnten. Es gelingt ihm, auf einfühlsame Weise besonders jene Lehrgegenstände einsichtig zu machen, die im Westen vor allem dadurch missverstanden wurden, dass man glaubte, sie nur allzu leicht verstehen zu können: So demonstriert Zotz z. B. überzeugend – unter Einbeziehung neuester Quellenforschung -, dass es sich bei den „Buddhaländern“ nicht einfach um primitive Paradiesvorstellungen naiver Volksreligiosität und bei Verdienstübertragung im Zusammenhang mit Bodhisattvagelübden nicht um magische Akte handelt. Deutlich wird herausgestellt, dass aufgrund des spezifisch buddhistischen Verständnisses von „Selbst“ weder der ältere Buddhismus zutreffend als „Selbsterlösungsreligion“ verstanden werden kann, noch der Shin-Buddhismus einfach i. S. einer Fremderlösung. Durchgängig geht es vielmehr um die Erlösung von bzw. angesichts ich-hafter Selbstbezogenheit. Bewundernswert ist, wie es Zotz immer wieder gelingt, komplizierteste Sachverhalte (z. B. das Problem des Verhältnisses von Hingeburt und Rückkehr aus dem Reinen Land oder das Verhältnis von logischer Dialektik und devotionaler Frömmigkeit im Mahāyāna-Buddhismus) in wenigen Sätzen auf schlichte Art zu darzulegen, so dass demjenigen Leser, der mit den Fragen der Shin-Interpretation nicht vertraut ist, überhaupt nicht auffallen dürfte, mit welcher Eleganz und Leichtigkeit er hier gerade in die schwierigsten Aussagen des Shin-Buddhismus eingeführt wird.

Insgesamt zeichnet Zotz ein Bild des Amida-Buddhismus, das sich mit dem Grundverständnis Shinrans und zugleich dem historischen Sachverhalt deckt: In der shin-buddhistischen Tradition verbinden sich das devotionale und das rationale Element des Buddhismus, die beide von Anfang an in ihm präsent waren, zu einer harmonischen Einheit. Die schon bei dem chinesischen Meister Tan-luan (467-542) begonnene und von Shinran vollendete Integration amidabuddhistischer Frömmigkeit und mahāyānistischer logischer Spekulation bezeugt in der Tat, wie „gerade derjenige, der bis an die Grenzen des ihm Möglichen denkt, [...] wieder zu einer unmittelbaren Religiosität finden [kann]. Er steht trotz aller Erklärbarkeit immer neu vor Rätselhaftem und sieht so die letztliche Ohnmacht des Denkens. Darum beugt er sich vor dem Wunderbaren, das ihm in Gestalt des Unendlichen Buddha entgegentritt.“3 Es ist die unbegreifliche höchste Wirklichkeit selbst, die sich nach shin-buddhistischer Auffassung in jenen Menschen und Lehren vermittelt, die alle Wirklichkeit als in ein letztes unüberwindbares Mitleid und Wohlwollen eingehüllt aufzeigen. Zotz scheut sich daher nicht (mit Recht, wie mir scheint) hierfür durchgängig den christlichen Terminus der „Offenbarung“ zu verwenden. Er geht sogar noch einen Schritt weiter und bemerkt: „Will der Mensch, der sich selbst als Person erlebt, die Soheit erfahren, muss diese ihm personhaft erscheinen.“4 Damit wird aus Zotz’ Arbeit klar, dass es für den Buddhismus sehr wohl Wege gibt, zwischen ...

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