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Freigesprochen

Über die Autorin

Alexandra Lange, 34 Jahre, ist Mutter von vier Kindern. Am 23. März 2012, nach drei Jahren Untersuchungshaft, spricht ein französisches Strafgericht sie von dem Vorwurf frei, ihren Ehemann ermordet zu haben. Dabei wurde sie nicht nur von ihren eigenen Anwälten verteidigt. Sogar der Staatsanwalt setzte alles daran, der schwer misshandelten Ehefrau Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Alexandra selbst kann sich bis heute nicht verzeihen, dass es soweit kommen musste und sie nicht den Mut aufbrachte, ihren Mann früher zu verlassen.

Alexandra Lange
mit Laurent Briot

Freigesprochen

Eine misshandelte Frau tötet, um zu leben
Mit einem Nachwort von
Janine Bonaggiunta und Nathalie Tomasini

Aus dem Französischen
von Monika Buchgeister

Für meine über alles geliebten Kinder Séphora, Josué, Saraï und Siméon, damit sie verstehen und mir verzeihen

Inhalt

Prolog: »Sprechen Sie sie frei!«

1 Verstehen und erklären

2 Zwei labile Geschöpfe

3 Abstieg in die Hölle

4 Unter Einfluss

5 Wir steuern auf ein verhängnisvolles Ende zu

6 Ein »ganz normaler« Tag

7 Nach dem Albtraum

Nachwort

Danksagung

Prolog

»Sprechen Sie sie frei!«

Gefängnis oder Hoffnung. Jahre hinter Gittern oder die Möglichkeit, ein normales Leben zu führen. Ich hätte auch schreiben können: »Die Möglichkeit, endlich zu leben.« An jenem Freitag, den 23. März 2012 wird Generalstaatsanwalt Luc Frémiot sein Plädoyer vor den Geschworenen am Schwurgericht in Douai halten.

Ich habe meinen Ehemann getötet.

Ich habe meinen Ehemann im Verlauf eines Streites getötet. Ich habe meinen Ehemann unabsichtlich getötet. Ich habe meinen Ehemann getötet, weil er mich töten wollte. Und dies ist der Zeitpunkt, um darüber Rechenschaft abzulegen.

Die Vorsitzende des Gerichts, Madame Schneider, eine Frau mit kurzen grauen Haaren und einem manchmal harten Blick, die sich mir gegenüber oft sehr kühl verhält, wechselt ein paar Worte mit ihren beiden Beisitzern. Neben diesen haben die sechs Mitglieder der Jury ihren Platz, die nun in Kürze über mein Schicksal befinden werden, und warten wie ich darauf, was ihnen Staatsanwalt Frémiot empfehlen wird. Sollen sie mich ins Gefängnis schicken oder mir die Freiheit schenken? Mich verurteilen oder mich freisprechen?

Ich befinde mich ihm gegenüber, ohne Handschellen. Neben mir sitzt mein Vater, der beschuldigt wird, mir geholfen zu haben, am Ort der Straftat – stümperhaft – Spuren zu beseitigen.

Ich bin erschöpft. Auf den Bänken im Saal sitzen meine Angehörigen, aber auch Leute, die ich nicht kenne, und alle mustern mich gleichermaßen. Bis auf mehr oder weniger schwere Atemgeräusche, ein Hüsteln hier und dort ist nichts zu hören. Die Luft ist stickig. Seit drei Tagen haben Freunde und Fremde dem Bericht über meinen Leidensweg als geschlagene und gedemütigte Frau und den nicht enden wollenden Albtraum meiner Kinder gelauscht. Wie diese mir unbekannten Leute habe auch ich all jenen zugehört, die mir auf diesem Weg immer wieder begegnet sind – meiner Mutter, meinen Freunden, den Freunden meines Mannes, seinen Brüdern … – und die nun in den Zeugenstand traten, um Begebenheiten zu erzählen, die etwas über mich aussagen, um die in unserem »Haus des Schreckens« spürbare Stimmung zu beschreiben oder um Erlebnisse mit meinem Mann zu schildern, dem Mann, den ich geliebt und dem ich am Ende das Leben genommen habe. Ferner habe ich mir die Aussagen aller möglichen Experten angehört, die meine und seine Persönlichkeit analysierten, vor allem aber den Tatort an jenem Juniabend im Jahr 2009, an dem meine Hand ein Messer in seinen Hals stieß.

»Streit« … »Beleidigungen« … »Faustschläge« … »Alkohol« … »Blut« … »Tränen« … »Leid« … »Schmerzen« … »Angst« … Diese Wörter schwirren in meinem Kopf herum. Wie oft sind sie während der dreitägigen Verhandlung gefallen? Hat das Gericht sie auch wirklich gehört? Ermisst es tatsächlich das Gewicht jedes einzelnen dieser Wörter? Fragen über Fragen treiben mich um und nehmen mir die Luft zum Atmen, aber jetzt, am Ende, zählt nur noch eine einzige Frage: Wird Staatsanwalt Frémiot das Gericht auffordern, mich wegen Totschlags zu verurteilen, oder wird er geltend machen – und das hoffen meine Angehörigen –, dass ich eine gepeinigte, bedrohte Frau war, die sich lediglich verteidigen wollte, um ihr blankes Leben zu retten?

Ich spüre die Anwesenheit meiner beiden Strafverteidigerinnen direkt hinter mir. Schützend umfängt mich ihr Blick. Schon bevor ich vor Gericht erscheinen musste, setzten meine Anwältinnen Janine Bonaggiunta und Nathalie Tomasini alles daran, um mich zu beruhigen. Sie kennen den Generalstaatsanwalt und seine Denkweise: Dieser Staatsanwalt hat den Kampf gegen eheliche Gewalt zu seinem persönlichen Kampf gemacht. Seit beinahe zwanzig Jahren steht Luc Frémiot misshandelten Frauen zur Seite. Sein Ruf reicht weit über den Gerichtssaal hinaus: So veranstaltet er Tagungen, um die Öffentlichkeit und die entsprechenden Institutionen (Polizei, Stadtverwaltung etc.) dafür zu sensibilisieren, dass Frauen, die Opfer häuslicher Tyrannei und Gewalt werden, Hilfestellungen benötigen. Er zählt zu denjenigen, die unermüdlich gegen ein Faktum angehen, das sich aus einer der entsetzlichsten Statistiken zum Zustand unserer Gesellschaft ablesen lässt: Alle zweieinhalb Tage stirbt in Frankreich, aber nicht nur dort, eine Frau durch die Gewalt ihres Partners.

Er hat eine ganze Reihe von Prozessen wie den meinigen begleitet. Sein »Engagement« resultiert im Übrigen, so wurde es mir erzählt, aus den Erfahrungen eines Prozesses zu Anfang der neunziger Jahre hier in Douai, vor eben diesem Gericht, das jetzt über mich urteilen muss. Damals saß ein Mann auf der Anklagebank, der seine Frau jahrelang misshandelt hatte, bis er schließlich eines Tages mehrere Kugeln auf sie abfeuerte, weil sie ihn verlassen wollte. Staatsanwalt Luc Frémiot war bestürzt darüber, dass das gesamte Umfeld des Opfers schon lange wusste, was die Frau zu ertragen hatte, aber niemand es wagte, etwas zu unternehmen.

Und noch etwas anderes betont er immer wieder aufs Neue: »In fast allen Fällen ehelicher Gewalt leugnen der gewalttätige Partner und sein Opfer die Gewalt gleichermaßen.« Was mich betrifft, so habe ich lange gebraucht, um diese Aussage zu verstehen: Sie bedeutet, dass auch das Opfer selbst die anormale und furchtbare Seite dessen verdrängt, was es erduldet.

In dieser Hinsicht stelle ich, stellen wir, offenbar keine Ausnahme dar …

Seit drei Tagen sitzt mir der Generalstaatsanwalt genau gegenüber. Er beeindruckt mich in seiner weiten rot-schwarzen Robe. Er ist konzentriert, aufmerksam, und oft spüre ich, wie sein Blick auf mir ruht. Dann beginne ich zu zittern. Männer wie ihn habe ich bisher nur im Fernsehen oder in Zeitungen gesehen. In meinen Augen verkörpern diese Menschen gleichermaßen die Rechtssprechung, das Gesetz und die Moral. Da muss ich wohl nicht weiter betonen, dass ich mir sehr klein vorkomme.

Plötzlich unterbricht die Stimme der Vorsitzenden die Stille: »Herr Generalstaatsanwalt, Sie haben das Wort für Ihr Plädoyer.« Ich richte mich auf meinem Stuhl auf. Mein Vater, der neben mir sitzt, fasst nach meinen Händen und birgt sie in den seinen. Sein Herz schlägt gewiss genauso heftig wie mein eigenes. Jetzt ist nur noch das Rascheln von ein paar Blättern Papier zu vernehmen, auf denen Maître Frémiot seine Überlegungen festgehalten hat.

Er erhebt sich. »Frau Vorsitzende, meine Damen und Herren Geschworenen.« Er senkt den Kopf. Ich habe Angst. »Kommen wir zu den Fakten«, beginnt er seine Rede. »Es ist ein Abend wie jeder andere …« Er wendet sich an die Geschworenen und wiederholt noch einmal eindringlich: »Ein Abend wie jeder andere!« Dann fährt er fort: »Ein Abend voller Gewalt. Ein Abend voller Verzweiflung.« »Es beginnt wie immer«, führt er aus, »er schlägt sie, er packt sie. Sie sind in der Küche. Er versucht sie zu erwürgen …« Er dreht sich zu mir um. Tränen steigen mir in die Augen. Mein Gesicht verzerrt sich. Dann wendet er sich wieder an die Geschworenen. Er berichtet noch einmal von dem Streit, der zwischen meinem Mann und mir ausbrach und der schließlich zu meinem verhängnisvollen Stoß führte: »Sie widersetzt sich! Er hält sie fest! Er schlägt sie! Sie kann sich nicht losreißen, ihr Handlungsspielraum ist zusehends eingeschränkt …« Er hält für ein paar Sekunden inne. »Und dann ist da dieses Messer. Es ist ein Wink des Schicksals, dass sie es ertastet. Sie nimmt es in die Hand …« Er schlägt mit seiner rechten Hand flach auf den Tisch vor ihm, um den entscheidenden Bewegungen Ausdruck zu verleihen, die ich in dieser Tragödie ausgeführt habe. »Sie ergreift also dieses Messer!«, wiederholt er noch einmal, bevor er eine lange Pause macht und ins Leere blickt, als würde er die Szene selbst durchleben. Dann wendet er sich erneut den sechs Geschworenen zu. Vor allem um sie geht es ihm. Denn sie werden »nach bestem Wissen und Gewissen«, wie es heißt, über mein Schicksal entscheiden.

Und dann stellt er die Frage, die die drei hinter uns liegenden Prozesstage auf den Punkt bringt: »Ist Madame Lange nicht vielleicht in dem einen oder anderen Augenblick der Gedanke gekommen, dass ihr Leben in Gefahr ist?« Er will die Zustimmung dieser Durchschnittsbürger erreichen, auf deren Schultern der Urteilsspruch ruht. Drängend insistiert er: »Konnte sie nicht vielleicht auf diesen Gedanken kommen, da sie ja bereits mehrmals mit dem Tod bedroht wurde? Da er ja bereits mehrmals versucht hat, sie zu erwürgen? Konnte sie nicht vielleicht auf den Gedanken kommen, dass Marcelo Guillemin sie an jenem Abend umbringen würde? Aber natürlich konnte sie auf diesen Gedanken kommen!« Die Gefühle übermannen mich. Ich ringe nach Luft. Natürlich glaubte ich, dass ich sterben würde.

»Ganz unbestreitbar kam es dann zu diesem Stoß mit dem Messer …«, fährt er mit leiserer Stimme fort und führt mit seiner linken Hand, die ein unsichtbares Messer zu halten scheint, einen Stoß ins Leere aus. Ich schließe die Augen. Wie gerne würde ich diese schreckliche Szene aus meinem Gedächtnis verbannen!

Er schweigt eine Zeitlang, die mir ewig vorkommt. Mit seinem tiefgründigen Blick fixiert er die Geschworenen – einen nach dem anderen – und ruft aus: »Und da soll ich eine Verurteilung verlangen? Als Anwalt der Gesellschaft soll ich hier nun die Grundprinzipien hochhalten? Man darf nicht töten, nicht wahr?«

Ich habe Angst. Angst vor der Zukunft. Angst vor dem Gefängnis. Angst um meine Kinder. Ein Jahr, fünf Jahre, zehn Jahre … das Strafmaß ist nicht entscheidend. Ich habe bereits fünfzehn Jahre meines Lebens verloren. Zwölf Jahre habe ich an der Seite von Marcelo Guillemin ein Leben geführt, das einem Albtraum glich. Achtzehn lange Monate habe ich bereits in Untersuchungshaft gesessen, bevor ich »unter Auflagen« freikam und noch anderthalb Jahre auf diesen Prozess wartete. Ich bin am Ende. Die ganze Geschichte muss endlich zu einem Abschluss gebracht werden. Ich habe viel zu lange gelitten, ohne darüber zu sprechen. Jetzt muss man mir endlich Gehör schenken! Ich bete. Ich will nicht ins Gefängnis zurück … Ich kann nicht. Ich könnte es nicht mehr aushalten. Und meine Kinder – was würde aus ihnen, wenn man sie erneut der Mutter beraubt?

Staatsanwalt Frémiot fährt fort: »Ja, es kam zu diesem Messerstich. Aber Alexandra Lange hat nur ein einziges Mal zugestoßen! Und genauso sieht Notwehr aus!« Jetzt hebt er den Arm, führt Daumen und Zeigefinger zusammen, um den Geschworenen mit dieser Geste zu bedeuten, dass es hier um den entscheidenden Punkt geht. »Es gab nur einen einzigen Stich! Keinen zweiten, keinen dritten … nur einen einzigen Stich! Es gab keine gezielte Absicht, mit diesem Stich das Herz oder den Bauch zu treffen!« Wieder schweigt er eine Zeitlang, wieder kommt es mir endlos lang vor. Die Erinnerung an diese tragische Szene steht mir immer noch sehr klar vor Augen, sie ist noch keineswegs verblasst. Mein Hals ist wie zugeschnürt, als ginge mir gleich die Luft aus.

»Versetzen Sie sich in ihre Lage!«, wendet er sich nun beinahe flehentlich an die Geschworenen. »Ich beschwöre Sie! Sie müssen das tun! Will man richten, so gehört das dazu!« Er fixiert mich mit seinem durchdringenden Blick. Er scheint zu sagen: »Verdammt noch mal, Sie sind wegen uns hier. Wir sprechen jetzt zwar das Urteil über Sie, aber wir haben es nicht hinbekommen, Ihnen früher zu helfen!« Ich breche zusammen. Ich möchte schreien, weinen, fortlaufen, ich weiß nicht mehr weiter, ich bin verloren. Mein Vater drückt mich fest an sich, wie immer, wenn ich seine Unterstützung brauche.

Der Generalstaatsanwalt sieht mir fest in die Augen:

»Alexandra Lange war immer allein. Sie war immer allein …« Ich versuche, seinem Blick standzuhalten. Ich will ihn nicht enttäuschen. Ich will seiner würdig sein. Er kommt jetzt zum Schluss, das spüre ich. Er sagt: »Und ich, ich will sie heute nicht alleinlassen …« Es liegt beinahe so etwas wie Wut in seinen Worten – eine Wut, die zu seinem Kampf gehört. »Ich will sie nicht alleinlassen!« Er schlägt mit der Faust auf den Tisch: »Ich stehe an ihrer Seite!«

Er beugt sich über sein Pult zu mir herüber, als suchte er förmlich meine Nähe. Nur mühsam halte ich mein Schluchzen zurück. Ich sehe ihn an. Die Stille dieses Augenblicks steigt mir zu Kopf. Mir wird schwindlig. Aus den Augenwinkeln sehe ich, wie links von mir ein Mitglied der Geschworenen verstohlen eine Träne wegwischt. Dann ruft er plötzlich: »Madame Lange, Sie haben in diesem Gerichtssaal nichts verloren, und es ist die Gesellschaft selbst, die Ihnen das sagt!«

Anschließend wendet er sich zu den Geschworenen und ruft mit geballter Faust: »Sprechen Sie sie frei! Sprechen Sie sie frei!«

Ich schließe meine Augen. Mir kommt es vor, als fiele ich in einen Abgrund. Ich spüre die Hände meiner Anwältinnen auf meinen Schultern. Mein Vater presst sich fest an mich und drückt mir einen Kuss auf die Hand. Tränen laufen ihm über das Gesicht.

Welche Entscheidung werden sie treffen? Der Gedanke an das Gefängnis geistert mir hartnäckig im Kopf herum. Meine Anwältinnen umarmen mich. Sie lächeln mir zu und trocknen die Tränen auf meinen Wangen. »Es ist vorbei, glauben Sie uns …« Sie versichern mir: »Dass ein Staatsanwalt mit einer solchen Überzeugung einen Freispruch verlangt, das hat es noch nie gegeben!«

Ich lächle ihnen nun meinerseits zu, aber meine Angst bleibt. Wie lange wird es dauern, bis das Urteil gesprochen wird? Ich weiß überhaupt nicht mehr, wo ich bin. Alles hat sich ungemein hochgeschaukelt.

Das Plädoyer von Staatsanwalt Frémiot war so sehr zu meinen Gunsten ausgefallen, dass meine Anwältinnen sich neu abstimmen mussten, um ihr eigenes Plädoyer in vernünftiger Weise daran anzuschließen. Sie mussten andere Worte und andere Argumente finden, um die Geschworenen endgültig zu überzeugen. Ich sah, wie sie sich lange miteinander besprachen, dann ein paar Sätze, die ich nicht hören konnte, mit dem Generalstaatsanwalt und der Vorsitzenden wechselten und schließlich konzentriert und mit ernsten Mienen die Arena betraten.

Anwältin Bonaggiunta erklärte die Bedeutung von »unter Einfluss stehen« in psychologischer Hinsicht und betonte die Tatsache, dass es »schwierig« für mich gewesen sei, einer solchen Dominanz zu entkommen. Noch einmal beschrieben sie meinen Leidensweg, allerdings sprachen sie jetzt zunehmend »im Namen aller misshandelten Frauen«, und Anwältin Tomasini forderte mit allem Nachdruck, dass in jedem Fall zunächst einmal Notwehr in Betracht gezogen werden müsse. Ihre Worte lauteten: »Dieser Prozess wird für alle Frauen geführt, die nicht mehr weiterwissen, da sie unablässig physischer und psychischer Gewalt ausgesetzt sind, ohne dass es jemand hört oder bemerkt.« Da sah ich, wie eine Frau im Saal sich mit einem Taschentuch über die Augen fuhr.

Und auch jetzt, wo wir nur noch auf die Verkündung des Urteils warten, beginne ich zu zittern. Ich zittere, weil ich weiß, dass nun die alles entscheidende Frage ansteht, auf welche die Geschworenen eine Antwort werden finden müssen: War es Notwehr oder nicht? Die Hölle, die ich durchlebt habe und die mich letztlich zu der nicht wiedergutzumachenden Tat getrieben hat, steht jetzt nicht im Vordergrund. Laut Gesetz ist »Notwehr« eine Reaktion, die sich »proportional zu der Bedrohung« verhält. Im Verlauf der gesamten Anhörungen bemühte sich das Gericht also darum herauszufinden, ob ich mich in jener Nacht des 18. Juni 2009 in Todesgefahr befand und ob der verhängnisvolle Messerstich, den ich meinem Mann versetzte, eine »verhältnismäßige Reaktion« auf seine Gewalt war. Aber schwebte ich nur »an jenem Abend« in Todesgefahr, oder lebte ich nicht vielmehr in »permanenter« Todesgefahr nach zwölf Jahren Ehe mit ständigen Drohungen und Gewalttätigkeiten?

Ich habe sehr gut verstanden, dass der Generalstaatsanwalt, der eigentlich ja auf die Anwendung der gesetzlichen Strafen pochen, also den Angeklagten – in diesem Falle mich – wegen »vorsätzlicher Tötung des Ehemanns« ins Gefängnis schicken soll, klar und deutlich für mich Partei ergriffen hat, doch was werden die Geschworenen sagen? Sind auch sie davon überzeugt, dass ich mich mit diesem Messerstich nur verteidigen wollte und ich niemals eine Tötungsabsicht hegte? Werden auch sie glauben, dass ich aus Notwehr gehandelt habe und deshalb vom Mord an meinem Ehemann freigesprochen werden muss? Schließlich kommt es gar nicht so selten vor, dass eine Jury von Geschworenen einem Staatsanwalt widerspricht …

Ich habe Angst, denn während des Prozesses hatte ich mehrmals den Eindruck, dass man mir nicht glaubte. Vor allem eine Frau verunsicherte mich. Es war die Gerichtsmedizinerin, die den »Tathergang« und den tödlichen Stoß genau unter die Lupe nahm. Sie beschrieb detailliert, dass »die Klinge des Messers dreizehn Zentimeter tief in den Hals eindrang«, die Halsschlagader »vollkommen durchtrennte« und der Tod demzufolge »in wenigen Sekunden« eintrat. Dann benutzte sie ein sehr technisches Vokabular, das ich nicht verstand. Sie hob hervor, dass die Klinge genau dort am Hals in die Haut eindrang, wo das Fleisch sehr weich ist. Ihr Beharren auf diesen Details hinterließ einen seltsamen Eindruck bei mir. Es gelang mir nicht zu entscheiden, ob diese Expertin, deren Ausführungen die Geschworenen aufmerksam lauschten, dem Gericht andeuten wollte, dass ich bewusst getötet hatte, oder ob sie im Gegenteil darlegen wollte, dass das Messer zufällig an der gefährlichsten Stelle eingedrungen war – dort, wo der Mensch am verletzlichsten ist. Dann fügte sie in dem ihr eigenen komplizierten Fachjargon hinzu, dass ein Stoß mit sehr großer Kraft ausgeführt werden müsse, damit die Klinge so tief eindringen könne – gerade so, als wollte sie andeuten, dass mein Gegenüber bei einem derart heftigen Stoß keine Überlebenschance gehabt habe. Ich wollte aufspringen und noch einmal herausschreien, dass ich an jenem Abend zu keinem Zeitpunkt die Absicht hatte zu töten. Ich wollte wieder und wieder beteuern, dass der Stoß in panischer Angst erfolgte und ein Selbstverteidigungsreflex war. Ich hätte ihr gerne erwidert: »Natürlich war der Stoß heftig! Natürlich ist die Klinge dreizehn Zentimeter in seinen Hals eingedrungen! Aber was wollen Sie denn von mir hören? Ich hatte furchtbare Angst, ich war vor Schrecken außer mir!« Das wollte ich ihr am liebsten lauthals entgegenschleudern, beherrschte mich aber. Man muss sich im Gerichtssaal beherrschen können, selbst wenn das Gefühl schlimmster Ungerechtigkeit einen befällt.

Die Vorsitzende des Gerichts, die ich ebenfalls nicht sehr gut einschätzen konnte, kam anschließend auf diese verteufelte Frage der Notwehr zurück. Sie rief mich in den Zeugenstand und stellte mir ihre Fragen:

»Wo befand sich das Messer, Madame Lange?«

»Auf dem Tisch.«

»War das in der Küche, wo Sie beide sich befanden?«

»Ja …«

»Und Sie stießen in Höhe des Halses zu, war es so?«, fuhr sie mit ihren Fragen fort und zeichnete mit ihrer linken Hand den Weg des Messers nach.

»Ja …«

»Sie stießen jedoch sehr heftig zu …«

»Ich hatte Angst«, murmelte ich unter Tränen.

»Das ist klar«, unterbrach sie mich trocken, »aber Sie stießen trotzdem mit großer Kraft zu. Sie konnten sich nicht mehr beherrschen …«

Dem vermochte ich nichts mehr hinzuzufügen. Ich verstand nicht, was sie von mir hören wollte. Hartnäckig fragte sie weiter:

»Hatten Sie Ihre Bewegungen noch unter Kontrolle? Wollten Sie eine andere Stelle als seinen Hals treffen? War es Zufall, dass sie genau diese Stelle trafen?«

»Es war Zufall …«

»Es ist keinesfalls harmlos, ihn dort zu treffen, wie Sie wissen«, erklärte sie und legte erneut ihren Finger an ihren Hals.

»…«

»Sie hätten ihn an den Händen, an den Armen verletzen können, aber Sie haben genau dort zugestoßen … an einer lebensgefährlichen Stelle, das muss ich noch einmal klarstellen …«

»Ich wollte seinen Tod nicht«, stammelte ich mit tonloser Stimme.

Ich war in die Defensive geraten. Ich fühlte mich so allein … ich hatte das schmerzliche Gefühl, dass diese Frau mir nicht glaubte, und außer ihr vielleicht auch andere nicht.

Jetzt stand der Generalstaatsanwalt auf und trat auf mich zu, um mich nun seinerseits zu befragen.

»Fühlten Sie sich an jenem Abend stärker in Gefahr als sonst, Madame Lange? Oder erklärt sich Ihre Tat durch eine Art Unfähigkeit, die seit Jahren ertragene Gewalttätigkeit weiter zu ertragen?«

Da ich nicht antwortete (mir fehlte einfach die Kraft), fuhr er fort, ohne dass mir klar war, ob mein Schweigen ihn verärgert hatte oder ob er mir helfen wollte:

»Waren Sie an jenem Abend am Ende Ihrer Kräfte? Dachten Sie an jenem Abend, dass er Sie töten würde? Das müssen wir unbedingt wissen!«

»Ich war ganz sicher, dass er mich töten wollte …«, brachte ich schließlich, von Schluchzen unterbrochen, hervor.

»Und warum genau an jenem Abend? Benahm er sich anders als jemals zuvor?«

»Ja, so schlimm wie an jenem Abend war es noch nie …«

»Was war so schlimm? Was geschah dieses Mal, was zuvor noch nie geschehen war?«

»Er war vollkommen außer sich vor Wut …«

Während ich die Worte aussprach, stand mir erneut die Szene vor Augen. Ich war kurz davor, ohnmächtig zu werden. Aber der Generalstaatsanwalt ließ nicht locker:

»In welchem Augenblick dachten Sie, dass er Sie töten würde?«

»Als er sagte: ›Ich werde dich erledigen …‹, und sich auf mich stürzte …«

Während wir auf den Stufen des Gerichtes auf die Urteilsverkündung warten, sprechen mir mein Vater, meine Anwältinnen und meine Freundinnen mit aufmunternden Worten Trost zu: »Du schaffst das.« – »Wir sind bei dir.« Alle wollen mich beruhigen. Mein Vater tritt zu mir: »Es wird alles gut, es wird alles gut …« Anwältin Bonaggiunta versichert mir: »Die Geschworenen waren gerührt. Sie sind auf unserer Seite …« Sie müssen die Verwirrung und den Schmerz in meinem Gesicht gesehen haben. Ich schwanke immer noch zwischen Zuversicht und Angst.

Wenn ich mir vor Augen halten will, was zu meinen Gunsten spricht, so muss ich mir nur die Zeugenaussagen all jener in Erinnerung rufen, die während der Ermittlung und des Prozesses beschrieben haben, welche Gewalt ich zwölf Jahre lang ertragen habe und was für ein Mensch mein Peiniger war. Während der drei Prozesstage haben alle Zeugen, die in den Zeugenstand gerufen wurden, einhellig ausgeführt, welches Martyrium ich durchlebt habe, was für ein Monster mein Ehemann war – und das nicht nur während unserer Ehe, sondern auch davor. Sie betonten, dass ich an seiner Seite zu einer »Sklavin häuslicher Gewalt« geworden sei. Manche wagten sogar zu behaupten: »Hätte sie ihn nicht getötet, so hätte sie früher oder später dran glauben müssen.« – »Niemand wird ihm eine Träne nachweinen.« – »Er hat sie so weit getrieben.« – »Das Leben ist so viel angenehmer, seit er nicht mehr da ist.« … Hinzu kamen die Berichte von mehr oder weniger engen Freunden und auch von Nachbarn wie Dominique, die in den letzten Monaten vor der Tragödie unmittelbar neben uns wohnte und den Untersuchungsrichtern gesagt hatte: »Er beleidigte sie immerzu. Er schrie sie an und ließ sie nicht zu Wort kommen. Er tobte. Und oft sagte er, dass er sie irgendwann töten würde …«

Die schrecklichsten Zeugenaussagen waren zweifellos die seiner Familie. Sein Bruder Claude berichtete, dass zum Zeitpunkt der Tragödie keines seiner fünf Geschwister und auch keiner seiner Onkel, Neffen oder Nichten mehr mit meinem Mann geredet habe. Seine Ex-Frau Sylvie schilderte, dass auch sie während ihres »vier Jahre andauernden Albtraums« geschlagen worden sei. Sie fand den Mut zu der Aussage: »Wenn ich Marcelino Guillemin nicht verlassen hätte, so wäre ich vermutlich diejenige gewesen, die ihn getötet hätte. Es lässt sich schwer in Worte fassen, wie böse, gewalttätig und ungerecht er war … Er war einfach teuflisch.« Zum Schluss sagte sie: »Im Gegensatz zu Alexandra bin ich ihm entkommen. Für mich ist Alexandra eine arme Frau, deren Platz draußen und nicht im Gefängnis ist.«

Ich denke auch an ihren Sohn Kévin, der heute zwanzig Jahre alt ist und einige Jahre bei uns lebte. Ein netter Junge, dem das Leben übel mitgespielt hat und der im Zeugenstand furchtbare Dinge über seinen Vater sagte: »Als er starb, ließ mich das vollkommen kalt. Er schlug uns immer und immer wieder.« Und dann sprach er jenen schlichten Satz aus, der mir sehr naheging: »Ich bin heute hier, weil ich etwas für Alexandra tun möchte.«

Auch der Bericht seines Freundes Médhi, Sohn einer Freundin, der hin und wieder bei uns übernachtete, ist mir noch sehr gegenwärtig. Dieser anständige und kräftige junge Mann erzählte, wie er den wahren Charakter meines Mannes entdeckt habe, nachdem er ihm zunächst nur außerhalb unseres Hauses begegnet war: »Marcelino Guillemin hatte mir angeboten, zu ihnen zu kommen, wenn es mir einmal nicht gutgehen sollte. Zwei Wochen vor der Tragödie war das der Fall. Ich wollte Leute um mich haben, und da ging ich zu ihnen, so wie er es mir vorgeschlagen hatte. Es fiel mir schnell auf, dass er hier zu Hause ganz anders war als draußen. Er war gewalttätig gegenüber seiner Frau und auch seinen Kindern. Ohne jeden Grund schlug er sie, trat sie und warf nach ihnen, was ihm gerade in die Finger kam. Immer wieder drohte er damit, sie umzubringen. Die ganze Zeit über war er extrem grob zu ihnen. An der Tagesordnung waren Sprüche wie: ›Ich werde dir alle Knochen brechen.‹ Oder: ›Ich sähe euch lieber tot als lebendig.‹ Er beleidigte und bedrohte Alexandra mit Schimpfworten wie ›dreckige Hure, ich werde dich erledigen‹ und so weiter. Solche Begriffe verwendete er auch vor seinen Kindern, die gerade einmal sieben, neun und zehn Jahre alt waren …«

Schließlich war da noch der für mich unerwartete Beistand von Sabrina, die wie Kévin aus der ersten Ehe Marcelinos mit Sylvie stammte. Sabrina hatte vor Jahren die Beziehung zu ihrem Vater vollständig abgebrochen: Ihre Mutter, die bis zum Schluss Angst vor ihm hatte, hatte ihr untersagt, ihn zu sehen. Aber im Jahr 2007, zwei Jahre vor der Tragödie, war Sabrina wieder aufgetaucht. Sie war mit siebzehn Jahren schwanger geworden und hatte beschlossen, die Nähe ihres Vaters zu suchen. Beide waren glücklich, sich wiederzusehen, und hatten rasch begonnen, regelmäßig miteinander zu telefonieren. Da ich Sabrina kennengelernt hatte, als sie ganz klein war (der Zufall hatte es gewollt, dass ich in den ersten Monaten unseres gemeinsamen Lebens Sylvie und ihren Kindern begegnet war), betrachtete ich Sabrina ein wenig wie meine eigene Tochter und muss gestehen, dass ich glücklich darüber war, sie wiedergefunden zu haben. Sie besuchte uns nun anlässlich der Kindergeburtstage, vor allem derjenigen unserer beiden älteren Kinder, die sie noch kennengelernt hatte, als sie klein war. Sie brachte ihre Tochter mit zu uns, ein süßes Kind, das ich anbetete und das mich seinerseits liebevoll »Mamie« nannte und offenbar ebenfalls sehr mochte.

Ich glaube, dass Sabrina es im Laufe dieser zwei Jahre aufrichtig schätzte, ihren Vater wiedergefunden zu haben. Die Begegnungen mit ihm bedeuteten ihr viel, denn sie hatte kaum Erinnerungen an ihn, wie sie sagte. Und ich muss zugeben, dass ich meinen Ehemann selten so freundlich und sanft im Umgang mit jemandem gesehen habe wie mit ihr, sei es bei ihren Besuchen oder den Telefonaten. Ich erinnere mich auch daran, dass er ihr kurze Nachrichten schickte, die stets liebevoll mit »Papa« unterzeichnet waren und in denen er ihr schrieb, dass er sie liebe. Daran erinnere ich mich deshalb so gut, weil eine solche Ausdrucksweise so selten bei ihm vorkam, dass man sie nicht so leicht vergisst …

Es ist also nicht erstaunlich, dass Sabrina, als sie – wie alle Personen aus unserem näheren Umfeld – nach der Tragödie von den Untersuchungsbeamten befragt wurde, zu den wenigen zählte, die meinen Mann verteidigten. Durch Einsicht in die Untersuchungsakte erfuhr ich zum Beispiel, dass sie unsere Beziehung als »normal« und »unauffällig« beschrieben hatte. »Wenn ich zu ihnen kam, spielten sie meist etwas gemeinsam«, hatte sie genauer ausgeführt. »Sie neckten sich und scherzten. Ich habe sie niemals streiten gesehen.« Außerdem sagte sie: »Ich habe niemals gewalttätige Szenen erlebt, und niemand hat sich bei mir beklagt. Ich habe viel Zeit mit ihren beiden älteren Kindern verbracht, und auch diese haben mir nie irgendetwas gesagt.«

Ihre Zeugenaussage hatte mich zunächst vor den Kopf gestoßen, denn bei einem ihrer Besuche hatte ich Gelegenheit, ihr die Spuren seiner Gewalttätigkeit mir gegenüber zu zeigen. Warum hatte sie diese Begebenheit unerwähnt gelassen? Meine Sorge war aber vor allem: Warum sollte man mir Glauben schenken, und nicht ihr?

Abgesehen von der verständlichen Tatsache, dass ein junges Mädchen seinen gerade wiedergefundenen Vater verteidigen möchte, glaube ich mit dem Abstand von heute, dass sie nicht begriff, welches Ausmaß meine Qualen hatten. Denn während des Prozesses erlitt sie einen regelrechten Zusammenbruch. Nachdem sie über Stunden hinweg den Aussagen aller anderen Zeugen gelauscht hatte, begann sie zu weinen und warf sich in die Arme ihrer Mutter. Als ein Journalist sie vor den Toren des Gerichts fragte, was sie nun zukünftig von ihrem Vater denke, schleuderte sie ihm aufgebracht und zugleich mit tränenerstickter Stimme entgegen: »Ich bin wütend auf ihn, und es geschieht ihm recht, dass er tot ist! Ich bin wütend auf ihn! Bis jetzt war ich wütend auf Alexandra, weil ich meinen Vater gerade erst wiedergefunden hatte und sie ihn tötete! Aber jetzt denke ich, dass es gut so ist, wie es ist … Ja, ich bin nun der Meinung, dass es ihm recht geschah! Weil er so viel Leid verursacht hat …«

Jetzt, wo der Urteilsspruch naht und ich mich beruhigen und mir einreden möchte, dass die Geschworenen mir wohlgesonnen sind, dass sie mich nicht schuldig sprechen und ins Gefängnis schicken werden, kommen mir noch einmal die Sätze des Anwalts unserer Kinder in den Sinn. Die Richter waren der Ansicht, es sei besser, ihnen die Anwesenheit bei diesem Prozess zu ersparen, und so werden sie nun von einem Anwalt vertreten. Er sprach in ihrem Namen und trug die Aussage jedes Kindes einzeln vor. Er begann folgendermaßen: »Es sind wunderbare Kinder, Madame Lange, bravo …«, dann hielt er Photos hoch, auf denen ihre Gesichter zu sehen waren, und mir kamen wieder einmal die Tränen. Meine Lieblinge, meine armen Lieblinge …

Der Anwalt fand schmeichelhafte Worte für Josué, Saraï und Siméon, die drei Kleineren, bevor er mit seinem Finger auf ein Bild von Séphora wies und ausführte: »Sie ist die Große, sie ist dreizehn Jahre alt. In diesem Alter kann man sich an Ereignisse erinnern, man ist in der Lage zu erzählen. Aber als ich sie bat, mir von schönen Erlebnissen mit ihrem Vater zu erzählen, vermochte sie mir nicht zu antworten. Ich ließ nicht locker und zwang sie, noch einmal gründlich nachzudenken.« Jetzt hob der Anwalt plötzlich seine Hand zum Himmel und fuhr fort: »Schließlich antwortete sie mir: ›Ja, irgendwann einmal hat er mir ein Lächeln geschenkt …‹ So sah die Zuwendung aus, die dieser Herr seiner zehnjährigen Tochter zuteilwerden ließ: irgendwann, einmal, ein Lächeln …«

Jetzt flossen meine Tränen, wie sie noch nie während dieser drei Tage geflossen waren, denn einmal mehr wurde mir bewusst, in welcher Hölle ich meine Kinder während all dieser Jahre hatte leben lassen.

Der Anwalt richtete sich nun an die Geschworenen: »Diese unglaubliche Antwort hat mir Séphora gegeben! Und dann stellte ich die Gegenfrage: ›Und wie sah die übrige Zeit aus?‹ Nun, ihre Antwort ähnelte dem, was Sie seit Anfang des Prozesses schon zur Genüge gehört haben.« Er griff nach einem Blatt Papier und begann vorzulesen. »Ich zitiere Séphoras Worte: ›Er sagte, dass nie etwas aus mir werden würde, dass ich eine Nutte sei und dass ich doch auf der Straße arbeiten könne. Er wollte, dass ich nach der 5. Klasse mit der Schule aufhöre, um zu lernen, wie man einen Haushalt führt, näht und kocht.‹ Und dann sagte sie: ›Er fehlt mir nicht. Ich bin jetzt glücklich mit meinem Leben.‹«

Der Anwalt wandte sich jetzt mir zu und kam zum Schluss: »Seit Sie im Gefängnis sind, leben diese Kinder in einem Heim. Aber heute sind es glückliche, ruhige, intelligente Kinder, die fest zusammenhalten und nur einen Wunsch haben: Sie wünschen sich, dass die Justiz ihnen, egal auf welche Weise, ihre Mutter wiedergibt.«

Dieses Warten auf die Urteilsverkündung ist eine Qual. Zum Glück sind meine Anwältinnen bei mir! Sie unterstützen mich und versuchen, mir ein Lächeln abzuringen, damit ich meine Angst im Zaum zu halten vermag. Dennoch stelle ich mir immer wieder das Schlimmste vor, meine Gedanken lassen sich nicht aufhalten, und ich wälze immer wieder aufs Neue all die anderen Aussagen hin und her, die ich so schlecht ertragen konnte, weil ich das Gefühl hatte, man würde mich nicht verstehen. Es schien mir, als könne die Justiz meine Tat nicht verzeihen, und manchmal hatte ich sogar den Eindruck, als bestünden hier und da Zweifel an meiner Aufrichtigkeit. Mir geht nicht aus dem Kopf, dass manche ausgesagt hatten, dass sie »nichts wussten«, dass sie »niemals Gewalttätigkeiten« mir gegenüber gesehen hatten, dass sie sich nicht »an Spuren von Schlägen« auf meinen Armen oder Beinen erinnern konnten und dies ebenso wenig bei den Kindern. Ich habe diesen Zeugen aufmerksam zugehört und werde keinen Groll gegen sie hegen, aber ich weiß, dass sie gelogen haben. Natürlich wussten die meisten Bescheid! Warum haben sie es nicht gewagt, dies im Zeugenstand auch zuzugeben? Ich werde auch denjenigen verzeihen, die nicht die Kraft hatten, gegen meinen gewalttätigen Mann auszusagen, als er noch lebte – was hätte ich wohl an ihrer Stelle getan? –, die mir aber dann vor Gericht zur Seite standen. Nicht verzeihen kann ich denjenigen, die Bescheid wussten und mich dennoch vor Gericht fallen ließen. Zu diesem Zeitpunkt war ihre Haltung schließlich nicht mehr eine Frage des Mutes, sondern der Ehre.

Jetzt ist es so weit.

Die Vorsitzende des Gerichts, Madame Schneider, hat mich mit ernster Miene gebeten, mich zu erheben. Ich muss mich zwingen, die Augen nicht zu schließen. Am liebsten würde ich mich ganz in mich versenken, um den Urteilsspruch nur für mich zu vernehmen – mit meinem Gewissen als einzigem Begleiter.

Man tötet nicht, ohne dass eine solche Tat auf dem Gewissen lastet, ohne dass man Reue verspürt. Auch ich bereue meine Tat. Natürlich bereue ich sie. Und dennoch erscheint mir jede Verurteilung ungerecht. Ich habe die Schrecken des Polizeigewahrsams erlebt, ich habe bereits achtzehn Monate hinter Gittern verbracht, ich habe das Sorgerecht für meine Kinder verloren, sie haben ihre Mama verloren … Auch wenn ich jetzt vielleicht Empörung bei manchem wecke, wage ich die Behauptung, dass dies alles bereits eine harte Strafe war. Wenn ich eine Schuld zu begleichen hatte, so habe ich das bereits getan, so scheint es mir. Deshalb könnte ich es nicht ertragen, wieder ins Gefängnis zurückkehren zu müssen.

Ich bin erschöpft. Seit drei Tagen habe ich versucht, die Tragweite des hier Verhandelten zu ermessen. Ich wollte verstehen, was die einen sagten, was die anderen dachten, ich wollte die Verkettung der Umstände begreifen, die über all die Jahre hinweg unsere Auseinandersetzungen und die Gewalt so eskalieren ließen, und natürlich wollte ich auch verstehen, wie und warum ich am Ende diese furchtbare Tat verübt habe. All diese Gedanken schwirren mir im Kopf herum. Seit Prozesseröffnung habe ich mir lediglich ein paar Minuten Pause gegönnt, wenn die Vorsitzende eine Unterbrechung anberaumte und wir hinausgehen konnten, um etwas frische Luft zu schnappen, oder wenn ich abends allein in der kleinen Wohnung war, in der ich lebe, seit ich unter Auflagen wieder frei bin. Manchmal schaffte ich es sogar, an etwas anderes zu denken als an die Beleidigungen, die Schläge und das Blut, bevor mich der Schlaf übermannte. Aber jetzt kann ich nicht mehr. Ich fühle mich vollkommen leer. Das Ganze muss jetzt zu einem Ende kommen: Gefängnis oder Hoffnung.

Ich hole tief Luft. Ich bin bereit. Die Vorsitzende beginnt: »Die Antworten der Geschworenen liegen nun vor, und wir kommen zur Urteilsverkündung.« Schon diese Formulierung klingt für mich bedrohlich, aber sie fährt bereits fort. »Auf die Frage, ob ein Totschlag vorliegt, hat eine Mehrheit von sechs Stimmen mit ›ja‹ geantwortet.« Was bedeutet das wohl? Werde ich verurteilt? Mir wird übel, aber Madame Schneider kommt bereits zum nächsten Punkt: »Auf die Frage, ob die Tat in Notwehr begangen wurde, hat eine Mehrheit von sechs Stimmen mit ›ja‹ geantwortet.« Mein Blick geht ins Leere. Meine Augen meiden den direkten Kontakt zur Richterin. Zu groß ist die Spannung, zu gewaltig sind die Emotionen. Ich glaube zu ersticken. Ich bin verloren. Sie fährt fort: »Das bedeutet …« Sie hält inne und wendet sich mit ruhigem Ton direkt an mich: »Madame Lange, würden Sie mich bitte ansehen …« Ich hebe den Kopf. »Das bedeutet, dass Sie wegen Schuldunfähigkeit zur Tatzeit vom Vorwurf des Totschlags freigesprochen werden.« (Mein Vater hingegen wird zu einer sechsmonatigen Haftstrafe auf Bewährung verurteilt werden).

Die lastende Stille im Gerichtssaal weicht mit einem Schlag einer allgemeinen Unruhe: Stühle werden gerückt, Absätze klackern, Papierberge werden geordnet, Kleidungsstücke zusammengerafft, überall wird gemurmelt, hier und da fließen auch Tränen. Die Vorsitzende richtet sich auf, schließt bereits die Akten, die sie seit Beginn des Prozesses kaum aus den Augen gelassen hat, und erhebt sich. Ich begreife noch nichts. Alles geht zu schnell. Und dennoch kommt es mir vor, als zögen diese wenigen Sekunden wie in Zeitlupe an mir vorüber. Mein Vater fällt mir um den Hals und drückt mich fest an sich. Er weint. Es sind Freudentränen, die ich auf seinen Wangen sehe. Bin ich freigesprochen? Sieht man in mir das Opfer? Ist tatsächlich alles vorüber? Ich weiß nichts mehr, ich kann es nicht glauben. Meine beiden Anwältinnen kommen um ihr Pult herum und umarmen mich nun ihrerseits. Tränen der Rührung stehen ihnen in den Augen.

Und plötzlich tönt es aus dem Publikum: »Bravo! Bravo!« Dann ist ein weiterer Ausruf zu hören: »Danke!« Jetzt schwillt der Beifall weiter an: »Bravo! Danke!« schallt es mir entgegen. Dazu wird geklatscht. Ich kann kaum glauben, was ich sehe und höre. Vielen meiner Freunde und Verwandten kommen jetzt die Tränen. Aber es spenden mir auch Leute Beifall, die ich gar nicht kenne und die mich während der drei Tage beobachtet haben – vielleicht ganz einfach Liebhaber von Klatsch und Tratsch. Auch von ihnen sind manche sehr gerührt. Mein Blick fällt auf meinen Bruder, dann auf Sylvie, die Ex-Frau des Mannes, den ich getötet habe, die zu einer Freundin geworden ist, dann auf ihre Kinder … Alle sind aufgestanden. Manche trocknen ihre Tränen, andere halten ihre gefalteten Hände vor das Gesicht, als würden sie beten!

Ich frage meine Anwältinnen: »Muss ich nicht zurück ins Gefängnis? Bin ich wirklich freigesprochen?« »Ja, ja, jetzt ist alles vorüber …«, antworten sie mir mit einem strahlenden Lächeln.

Nun brechen alle Dämme in mir. Meine Gefühle überwältigen mich, von allen Seiten werde ich freudig bedrängt und umarmt. Im Getümmel werde ich zum Ausgang des Gerichts geschoben. Sylvie fällt mir um den Hals. Dann ihr Sohn Kévin, der so viele Demütigungen und Misshandlungen durch seinen Vater ertragen musste. Es war letztlich auch ihr Prozess. Der Sieg gehört uns irgendwie allen.

Fernsehteams belagern uns und filmen, wie wir uns unter Tränen umarmen. Ich wende mich um zu Christophe, einem Journalisten der Sendung Von Sieben bis Acht auf dem Fernsehkanal TF1, der mich seit Beginn des Prozesses begleitet und eine Ausnahmegenehmigung zum Filmen der Sitzungen erhalten hat. Ich lächle ihm zu, denn ich weiß, dass dank ihm Millionen von Franzosen Notiz von meiner Geschichte nehmen werden. Ich habe mich darauf eingelassen, weil ich mir sagte, dass meine Geschichte ganz allgemein für die Geschichte aller misshandelten Frauen steht. Sie kann als Beispiel dienen, oder zumindest als Zeugnis. Man muss so viel wie möglich an die Öffentlichkeit bringen.

Ich wollte, dass der Leidensweg von Frauen wie mir bekannt wird. Ich wollte das Schweigen derer anprangern, die Bescheid wissen und dennoch nichts sagen. Ich habe gehofft, dass meine Geschichte all jenen die Augen öffnet, die sich – ohne genauere Umstände zu kennen – immer wieder fragen, warum eine »misshandelte Frau nicht einfach fortgeht«.

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Verstehen und erklären

Juni 2012. Der Prozess liegt nun schon einige Wochen zurück. Von Tag zu Tag tauchen neue Fragen in meinem Kopf auf, die für einen Durchschnittsbürger sehr belastend sein mögen, mir aber im Vergleich zu all den qualvollen Jahren nicht meine prinzipielle Zuversicht nehmen können. Wie wird meine Zukunft aussehen? Welchen Beruf werde ich ausüben können? Wann werde ich wieder mit meinen Kindern zusammenleben dürfen? Wie wird unsere neue Wohnung aussehen? Wie wird mein Leben, mein neues Leben überhaupt aussehen?

Natürlich denke ich vor allem an meine Kinder. Seit meiner Verhaftung befinden sie sich »in Obhut« des Jugendamtes der Stadt Douai. Ich darf sie alle zwei Wochen am Wochenende sehen. Dann besuchen sie mich in einem Wohnheim für soziale Wiedereingliederung, wo man mir nach meiner Entlassung aus dem Gefängnis eine kleine Wohnung zur Verfügung gestellt hat. Während ich diese Zeilen schreibe, klopft mein Herz schon freudig, denn ich weiß, dass ich sie morgen wieder sehen werde, dass wir uns fest umarmen, zusammen zu Abend essen und zusammen lachen werden. Am Samstag werden wir dann gemeinsam ins Schwimmbad gehen, die Eintrittskarten habe ich bereits besorgt …

Ich habe sehr viel nachzuholen mit ihnen. Uns ist so viel Zeit, so viel glückliches Beisammensein entgangen. Beinahe achtzehn Monate lang waren wir während meiner Haft voneinander getrennt, und davor haben wir all die Jahre, die von häuslicher Gewalt geprägt waren, ein Schattendasein geführt. Ich habe sie immer von ganzem Herzen geliebt, sie sind mein ganzer Stolz, und während meines langen Leidensweges waren sie mir stets ein fester Halt. Ich habe alles getan, damit sie möglichst glücklich sind (oder sollte ich eher sagen, »möglichst wenig unglücklich« sind?), aber wir konnten zuvor nicht einmal gemeinsam ins Schwimmbad gehen. Ihr Vater unternahm niemals etwas mit ihnen, nicht einmal ein Picknick mit der Familie oder einen Ausflug mit dem Kindergarten. Unweigerlich befällt mich immer wieder der Gedanke, dass auch sie wegen mir und meines Schweigens einen langen Albtraum durchleben mussten.

Ganz allmählich bringen wir wieder Ordnung in unser Leben. Und ich bin voller Zuversicht und Hoffnung. Denn eine Gewissheit habe ich jetzt endlich: Ich brauche nicht mehr zu befürchten, dass ich meine Kinder nicht aufwachsen sehen werde. Und jetzt will ich Pläne für sie schmieden. Ich will sie zurückgewinnen. Ich will eine Wohnung finden. Ich will neue Kochrezepte ausprobieren, um sie damit zu erfreuen. Irgendwann werden wir wieder alle zusammen unter einem Dach wohnen. Das weiß ich. Der zuständige Jugendrichter, die Sozialdienste, die mich begleiten und mir bei der Resozialisierung behilflich sind, und sogar meine Anwältinnen, die mir auch jetzt noch mit Rat und Tat zur Seite stehen – sie alle ermutigen mich, mein Ziel hartnäckig zu verfolgen. Und ich werde es erreichen. Ich werde wieder aufstehen und erhobenen Hauptes durchs Leben gehen. An erster Stelle für meine Kinder und für mich selbst, aber auch für alle misshandelten Frauen, die dieses Buch vielleicht einmal lesen.

Meine Anwältinnen hatten von Anfang an immer wieder betont: »Dieser Prozess muss von den Medien aufgegriffen werden, denn er hat exemplarischen Wert.« Jetzt, wo alles hinter mir liegt, begreife ich, dass sie recht hatten. Staatsanwalt Luc Frémiot, von dem mein Vater sagte, dass er ihn »am liebsten klonen würde, um mehr Männer wie ihn hier auf Erden zu haben«, die Vorsitzende Richterin Madame Catherine Schneider, die mit einer Ausnahmegenehmigung Kamerateams im Gerichtssaal zuließ, meine Anwältinnen, die meine Kinder jetzt »gute Feen« nennen – wir alle haben einen großen Sieg errungen. Und dieser Sieg ist ein Sieg aller misshandelten Frauen.

Von den meisten Journalisten, die über meinen Prozess berichteten, hörte oder las man Sentenzen wie: »Ein sehr ungewöhnlicher Prozess!« – »Die Justiz hat ein außergewöhnliches Urteil gefällt.« – »Man könnte sagen, dass es sich hier um eine bahnbrechende juristische Entscheidung handelt.« Ich habe fast alles, was über meinen Fall verbreitet wurde, gelesen oder gehört.

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