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Freier Fall, leben ist gefährlich

Zum Buch

Martin Wallenberg ist ein wohlsituierter Geschäftsmann auf dem Höhepunkt seines Lebens. Durch die blinde Leidenschaft zu einer egozentrischen Frau gerät seine Existenz ins Trudeln und ganz plötzlich muss er erkennen, wie sehr er in einer Scheinwelt gelebt hat.

Fassungslos wird er gewahr, mit welcher Kälte und brutaler Profitgier ehemals gute Freunde seinen Untergang inszenieren.

Zur Autorin

Kerstin Zerfaß, Jahrgang 1962, lebt im Hunsrück und arbeitet als Juristin.

Freier Fall, leben ist gefährlich ist ihr erster Roman.

Martin Wallenberg schreitet durch die große Wohnhalle hinüber in das Speisezimmer, um einen letzten prüfenden Blick auf das erst eben von Elsas Exquisit Catering angelieferte Buffet zu werfen. Nur die erlesensten Köstlichkeiten sind hierauf angerichtet.

Riesige Platten mit Alaska Silber Wildlachs glänzen neben kleinen Porzellanschälchen, in denen überbackene Jakobsmuscheln einen köstlichen Duft verströmen. Für die Fleischesser gibt es ein außergewöhnliches Carpaccio vom Kobe Rind. Dazwischen funkeln Kristallschalen in unterschiedlichen Größen im Licht, die die raffiniertesten Salatkreationen enthalten.

Es gilt einen großen Anlass würdig zu feiern, die komplette Sanierung und Restaurierung der 300 qm großen, seit Generationen im Besitz der Familie befindlichen Altbauvilla der Wallenbergs.

Das 80 Jahre alte Haus, in einem 6.000 qm großen Park gelegen, stand mehrere Jahre leer. Martins Eltern war es viel zu groß. Sie hatten die hohen Unterhaltskosten gescheut, denn das Gebäude war nicht isoliert und es zog an allen Ecken und Kanten. Des Weiteren verfügte die Villa nur über ein Badezimmer und ließ auch sonst jeden Komfort vermissen. Dazu kam, dass die mit Sandstein ausgelegte Wohnhalle nicht mehr zeitgemäß war und Parkett und Holztreppen unbedingt einer Generalüberholung bedurften. Der ehemals cremefarbene Außenanstrich blätterte ab, das Schieferdach war undicht und der parkähnliche Garten verwildert. Die alten Wallenbergs hatten es vorgezogen, sich in einer feinen Seniorenresidenz in einer vornehmen Kurstadt einzukaufen, wo sie auch bis zu ihrem Tode glücklich und zufrieden lebten.

Sodann trat Martin ihr Erbe an, das hauptsächlich aus der Villa und einer Apotheke bestand.

Martin holt tief Luft, er ist überwältigt von sich selbst, hat er nicht alles erreicht!

Er beschließt, sich schon vorab ein Glas vom edlen Champagner zu gönnen und lässt sich in den altenglischen Ledersessel vor dem Kamin gleiten. Dabei achtet er sorgfältigst darauf, seinen eleganten Anzug, den er für dieses Fest extra beim ersten Herrenausstatter der nahegelegenen Großstadt gekauft hat, nicht zu zerdrücken. Er fühlt sich auf dem Höhepunkt seines Lebens! Seine 52 Jahre sieht man ihm nicht an. Er hält sich mit regelmäßigem Sport fit, achtet auf seine Ernährung und ist stolz auf seine große schlanke und athletisch wirkende Gestalt. Zwar hilft sein Friseur beim dunklen Glanz seines durch einen teuren Schnitt immer noch voll wirkenden Haares etwas nach, doch gelingt dies so natürlich, dass damit nur seine innere Jugendlichkeit auch nach außen hin zum Ausdruck kommt. Mit Vorliebe trägt er Anzüge und Schuhe italienischer Designer und seine Hemden im englischen Stil sind ausnahmslos Maßanfertigungen aus feinstem Material.

Schon immer legte er Wert darauf, mit seiner gepflegten Erscheinung seine inneren Charakterzüge widerzuspiegeln: Geradlinigkeit, Ehrlichkeit und unbedingte Verlässlichkeit.

Die Apotheke, seit Jahren im Familienbesitz, bietet ihm die finanzielle Sicherheit für ein angenehmes Leben. Aufgrund der aufwendigen Renovierungsarbeiten hat er sich in letzter Zeit nicht viel um dieses Geschäft gekümmert, doch glücklicherweise stehen ihm sechs langjährige, fähige und loyale Mitarbeiterinnen zur Seite.

Seine gesellschaftliche Position als Präsident des Golfclubs und als Vorsitzender des Reitervereins könnte gefestigter nicht sein. Auch sein soziales Engagement, insbesondere seine üppigen Spenden an die örtliche Feuerwehr und Schule hat ihn zu einem in der Öffentlichkeit geachteten Mann gemacht, dessen Wort Gewicht hat.

Sein persönliches Glück mit seiner zwanzig Jahre jüngeren, bildhübschen zweiten Ehefrau Charlotte ist perfekt.

Seine Gedanken wandern zum Anlass der Feierlichkeit. Zwar haben Sanierung, Umbau und Einrichtung seine gesamten Ersparnisse verschlungen, auch war, um alle Träume verwirklichen zu können, eine Kreditaufnahme erforderlich, doch vereint die Villa nunmehr den größtmöglichen modernen Komfort mit alter gediegener Eleganz. Das Ergebnis hat seine Erwartungen übertroffen! Das Darlehen belastet Martin nicht, wird es doch in Kürze durch die Einnahmen aus der Apotheke abgetragen und somit vergessen sein.

Wie nicht anders zu erwarten, waren mehrere behördliche Genehmigungen notwendig, die den zeitlichen Ablauf zu verzögern drohten, doch die eine und andere Zuwendung an den Stammtischbruder und Bürgermeister Hans Raffke ließen auch diese Probleme wie Schnee in der Sonne schmelzen.

Martin Wallenberg ist durch und durch glücklich und prostet sich selbst zu.

Zur gleichen Zeit steht Charlotte Wallenberg vor dem großen vergoldeten Barockspiegel in ihrem Ankleidezimmer und dreht sich, verzückt von ihrem eigenen Spiegelbild, hin und her. Die Frisur, das Kleid, wie immer ist alles perfekt.

Erwartungsvoll fiebert sie der Ankunft der Gäste entgegen, um endlich ihr neu renoviertes Anwesen vorführen zu können. Mit einem Lächeln auf den Lippen stellt sie sich die neidischen Blicke ihrer Freundinnen vor, brauchte sie sich bei der Auswahl von Tapeten und Möbeln doch keinerlei Gedanken um das Geld zu machen. Martin war mit allem, was sie vorschlug, einverstanden. Es überfährt sie kalt bei der Vorstellung, aufgrund eines begrenzten Budgets bei einem Sessel auf den Preis sehen, oder etwa zwischen zwei Lampen wählen zu müssen. Todunglücklich wäre sie jetzt, hätte sie die beiden sündhaft teuren Elfenbeinkästchen nicht kaufen können, die der Ausstattung der eleganten Empfangshalle nun den Hauch von ganz besonderem Luxus verleihen.

Martin Wallenberg zum Ehemann zu nehmen, war ihre beste Entscheidung. Er verfügt über genug Geld, um alle ihre Wünsche erfüllen zu können, und ist gleichzeitig immer leicht davon zu überzeugen, dieses auch zu tun.

Amüsiert denkt sie an die Zeit ihres Kennenlernens zurück.

Schon bei ihrem ersten Gespräch in der Klause des Reitervereins "Feuriger Araber" war sie von seinem Potential als guter Ehemann überzeugt. Sie erkannte gleich, dass er sich, obwohl er aufgrund seiner gesellschaftlichen Position überall als Respektsperson galt, Frauen gegenüber sehr weich und nachsichtig verhielt. Er war bereits verheiratet, was für sie jedoch kein Hindernis darstellte, sondern gerade anspornte, ihn für sich zu gewinnen. Mit vielen raffiniert ausgedachten Intrigen, lockte sie ihn immer wieder in kleine amouröse Fallen, bis er ihr nicht mehr widerstehen konnte und seine angetraute Ehefrau verließ.

Das gab in der kleinen Stadt natürlich viel böses Gerede, doch ließ sie sich davon nicht abschrecken. Jetzt ist sie schon seit acht Jahren Frau Wallenberg und wird bewundert, geachtet und beneidet. Das ehemalige Geschwätz ist vergessen, so wie sie es damals voraus gesehen hat. Niemand wollte sich die Gunst des reichen und angesehenen Martin Wallenbergs verscherzen. Schnell wurde sie akzeptiert, und bei ihrer Hochzeit war die gute Gesellschaft ausnahmslos vertreten und feierte sie. Martin zu angeln war eine gute Wahl. Selbstverständlich hatte sie sich in der Zeit ihrer Bräutigamschau nicht nur ausschließlich auf ihn beschränkt, sondern streckte ihre Fühler auch anderweitig aus. Doch Martin war in der Kandidatengruppe, von denen natürlich nie einer vom anderen auch nur eine Ahnung hatte, immer ihr Favorit, besonders aufgrund seiner leichten Lenkbarkeit. Die zwanzig Jahre Altersunterschied waren für sie ohne Belang. Größere Vermögen, verbunden mit einer gehobenen Stellung findet man eher bei älteren als bei jüngeren Männern. Man muss eben immer wissen, wo man seine Prioritäten setzt. Außerdem, alt wurden sie alle, ob jetzt oder später war doch egal.

Die Türglocke läutet und reißt beide Eheleute aus ihren Gedanken.

Sofort schwebt Charlotte in ihrer eleganten Chiffonrobe die Treppe hinunter zur Eingangshalle. Bewundernd schaut Martin ihr nach. Obwohl sie die Dreißig überschritten hat, strahlt sie noch immer die mädchenhafte Grazie aus, in die er sich seinerzeit verliebte. Das dunkle Haar fällt in weichen Wellen über ihre Schultern und umrahmt das engelsgleiche Gesicht mit den strahlend blauen Augen. Zwei Stunden hat der Friseur für diesen natürlichen Look gebraucht und dass Kontaktlinsen für die intensive Farbe ihrer Augen verantwortlich sind, ist kaum zu erkennen. Das dunkelrote Kleid eines bekannten französischen Designers umspannt ihren zarten Körper mit einer strassbestickten Korsage und fällt ab der Taille wie eine duftige Wolke zu Boden. Martin erinnert sich an den schrecklichen Moment im Ankleidezimmer, als sich der Reißverschluss des Kleides trotz aller Kraftanstrengungen seinerseits nicht schließen ließ. Denn so zart wie Charlottes Gestalt in diesem Kleid scheint, ist sie schon längst nicht mehr. Nur dank der hohen und teuren Pariser Schneiderkunst kann dieser Eindruck noch hochgehalten werden. Das hat natürlich seinen Preis, und Martin, der kostspielige Garderobe bei seiner Frau gewöhnt ist, überläuft es immer noch kalt bei der Erinnerung an diese Rechnung. Aber für Charlotte ist ihm nichts zu teuer. Sie hat so hart für diesen Tag gearbeitet. Eine ganze Woche lang brütete sie über Prospekten von Eventagenturen, telefonierte dabei hin und her und scheute keine Mühen, um den richtigen Veranstalter auswählen zu können.

Als Erster erscheint wie immer Hans Raffke, weiß der doch aus jahrelanger Erfahrung, dass die Chancen, die erlesensten Teile des Buffets zu erhaschen am Größten sind, je pünktlicher man der Abendeinladung Folge leistet. Raffke, untersetzt, in mittleren Jahren, glatzköpfig, von der Gesinnung her Sozialdemokrat, früher als Juso bekannt, wird von seiner dritten Ehefrau, der unansehnlichen Mittvierzigerin Edelgard begleitet. Edelgard war bis zu ihrer Hochzeit im mittleren Dienst der hiesigen Stadtverwaltung tätig. Raffke, dafür bekannt, hübschen Frauen hinterherzurennen, löste mit der unglücklichen Wahl seiner Gattin bei den Stammtischbrüdern großes Erstaunen aus. Schließlich kam man jedoch überein, dass Edelgard im Besitz belastender Unterlagen über Raffke sein musste, deren Offenbarung und Folgen für ihn weitaus unangenehmer sein würden, als das Leben an ihrer Seite.

Die Herren schlagen sich brüderlich auf die Schulter und die Damen begrüßen sich mit einem hingehauchten Wangenkuss, gefolgt von spitzen Blicken auf das jeweilige Kleid der anderen. Während Martin schon mal den Champagner in die bereit stehenden Kristallkelche perlen lässt, treffen die anderen Gäste kurz aufeinander ein und versammeln sich unter dem riesigen venezianischen Kristallleuchter in der mit weißem Marmor ausgelegten Empfangshalle.

Als jeder Gast ein gefülltes Glas in der Hand hält, legt Martin seinen Arm stolz und zärtlich um Charlottes Taille und ergreift zu einer kurzen Ansprache das Wort.

Er dankt für das zahlreiche Erscheinen, um die Einweihung der Villa Wallenberg zu feiern. Acht Monate dauerte der Umbau. Ihr Zuhause ist jetzt versehen mit den neuesten Errungenschaften der modernen Technik, in Harmonie vereint mit behaglicher Eleganz. Jedes einzelne Stück wurde sorgfältigst ausgesucht und teils aus den entlegensten Winkeln der Welt herangeschafft. Wichtig sei ihnen beiden die Authentizität jedes einzelnen Gegenstandes gewesen.

Verliebt schaut Martin seiner Frau in die Augen, prostet dann seinen Gästen zu und erklärt das Buffet für eröffnet.

Mit seinem Glas in der Hand beobachtet er die illustre Schar, die sich mit voll geladenen Tellern in kleinen Grüppchen zu angeregten Gesprächen zusammenfindet. Einen kurzen Moment genießt er noch den Blick auf die prachtvoll gekleidete Gesellschaft. Alles was in der Stadt Rang und Namen hat ist erschienen. Jeder ist der Einladung gefolgt, keiner wollte sich das gesellschaftliche Ereignis im Hause Wallenberg entgehen lassen. Die Garderobe, vor allem die der Damen, ist entsprechend aufwendig, kostbare Schmuckstücke funkeln im Licht.

Stolz, hier der Gastgeber zu sein, mischt er sich ebenfalls unter die Menge.

Zunächst steuert er auf seinen Stammtischbruder, den Allgemeinmediziner Dr. Jens Paramol zu, der sich angeregt mit dem Gynäkologen Dr. Enrigal unterhält. Das Gespräch dreht sich um das neu auf dem Markt erschienene Hormonpräparat Venusal. Der Hersteller verspricht den Frauen, die diese Tabletten früh genug und regelmäßig, am Besten bereits ab dem vierzigsten Lebensjahr einnehmen, bis ins hohe Alter eine glatte Haut, dichtes Haar, feste Fingernägel, sowie ein straffes Bindegewebe. Auch sollen sich die Konsumentinnen eine mädchenhafte Ausstrahlung bewahren. Das Medikament habe sich als sehr erfolgreich erwiesen, fast jede Frau dieser Altersgruppe, so versichert Dr. Enrigal, bedränge ihn geradezu, ein solches Rezept auszustellen. Auch Martin fühlt sich diesem Pharmazeutikum sehr verbunden, werden doch die Verordnungen meist in seiner Apotheke erworben und seine Gewinnspanne hieran ist beträchtlich. Dennoch wendet er ein, er habe neulich in der Fachzeitung "Der verantwortungsvolle Apotheker" kritische Berichte gelesen, die den Konsum von Venusal mit einer erhöhten Brustkrebsrate, Thrombosen und Schlaganfällen in Verbindung bringen. Hastig wiegelt Dr. Enrigal ab, es sei zwar richtig, dass auch er ein höheres Aufkommen dieser Krankheiten an seinen Patientinnen beobachtet habe, doch sei dies seiner Meinung nach weder ein Indiz, noch ein Beweis, dass das Präparat dies verursacht habe. Außerdem, raunt er mit vorgehaltener Hand seinen beiden Gesprächspartnern zu, verdiene man ja schließlich auch an der Behandlung möglicher Folgeerkrankungen. Mit leuchtenden Augen erzählt er, der Hersteller habe ihn und seine Frau im September zu einer vierzehntägigen Kreuzfahrt im Mittelmeer, inklusive Landausflügen, eingeladen. Er sei informiert worden, dass der renommierte Hormonspezialist Prof. Dr. von Ostroggen diese Reise begleite und regelmäßig wissenschaftliche Vorträge über die Vorzüge von Venusal halten werde.

Martins Augen schweifen durch den Raum und bleiben an den etwas abseits stehenden Eheleuten Kaufmann hängen. Rudi Kaufmann, ein kleiner, kräftiger Mann mit blonden Stoppelhaaren blickt unruhig hin und her, während seine Frau Renate krampfhaft ihre Schuhe mustert. Ihm fällt ein, Charlotte wollte das Ehepaar in letzter Minute von der Gästeliste streichen, ist ihr doch zu Ohren gekommen, Kaufmann, ein Bauunternehmer mit über fünfzig Mitarbeitern, sei in finanzielle Schwierigkeiten geraten und passe damit nicht zu der übrigen Gesellschaft. Martin hat ebenfalls gehört, Kaufmann habe für den Bauträger eines Seniorenheimes hundert Badezimmer, nebst Sanitäreinrichtungen, installiert und vorfinanziert, werde jedoch hierfür keine Bezahlung erhalten, da über den Investor das Insolvenzverfahren eröffnet worden sei. Man munkelt, dies könne Kaufmann die Existenz kosten. Martin bestand jedoch weiterhin auf der Einladung, zumal Kaufmann zweiter Vorsitzender im Golfclub ist und es sich bislang ja auch lediglich um Gerüchte handelt. Es wäre zu peinlich, den Bauunternehmer bei der Einweihungsfeier zu übergehen, sollte sich das Gerede im Nachhinein als haltlos erweisen. Sicherheitshalber beschließt er jedoch etwas Abstand zu wahren und seine Gastgeberpflichten Kaufmann gegenüber erst zu einem späteren Zeitpunkt zu erfüllen.

Er vernimmt die unverkennbare Stimme von Hans Raffke, um den sich eine Gruppe Eltern von schulpflichtigen Kindern geschart hat, die befürchten, dass auch in ihrer kleinen Stadt Gewalt an den Schulen aufkommen wird. Schreckliches hat man schon aus der nächstgelegenen Großstadt vernommen. Raffke tönt, im Fall seiner Wiederwahl werde er selbstverständlich dafür Sorge tragen, dass die Schulen für die Kinder auch weiterhin einen Hort der Sicherheit bieten. Er sei ein absoluter Gegner von Gewalt jedweder Art, ereifert er sich mit überschlagender Stimme, während er sich mit seinem seidenen Taschentuch über die Glatze wischt.

Martin lächelt unwillkürlich, fällt ihm doch ein, wie Raffke in seiner Jugend als überzeugter Juso, vermummt und im Pulk, mit Steinen auf Polizisten warf, deren Aufgabe es war, das Privathaus eines Konzernchefs zu bewachen, dem ein terroristischer Anschlag drohte. Einer der Beamten wurde derart verletzt, dass er bis zum heutigen Tage ein Pflegefall geblieben ist. Inwieweit hierfür Raffke mitverantwortlich war, konnte mit letzter Sicherheit jedoch nie geklärt werden.

Vor dem Kamin erblickt Martin den Architekten Manfred Maurer, der die Pläne für den Umbau der Villa entworfen hat und nun auf Folgeverträge von den begeisterten Gästen hofft, ins Gespräch mit Charlotte vertieft.

Als seine Frau ihn entdeckt, stürzt sie mit einem hellen Lachen auf ihn zu und zieht ihn euphorisch zu Maurer. Aufgeregt berichtet sie von der grandiosen Idee des Architekten, die Parkanlage noch mit einem großen viktorianischen Wintergarten auszustatten. Sie könne bereits vor ihrem geistigen Auge sehen, wie dieser romantische Bau, mit Korbmöbeln und mediterranen Pflanzen eingerichtet, dem Anwesen die letzte Perfektion gebe. Frau Maurer, die sich einen Namen als Landschaftsarchitektin gemacht hat und deren gestalteten Gärten bereits in mehreren Fachzeitschriften lobend erwähnt und bildlich illustriert wurden, wird herangewinkt und nach ihrer Meinung befragt.

Sie ist von dem Einfall ihres Mannes ebenfalls entzückt.

Wäre doch solch ein Wintergarten eine hervorragende Kulisse, Sommers wie Winters, für exquisite Festlichkeiten. Als sie dann noch in Aussicht stellt, ein solch ausgestatteter Park könne ein gesuchtes Motiv für die berühmte Zeitschrift "Mein wunderschönes Haus" sein, ist Charlotte nicht mehr zu halten. Sie klatscht glückselig in die Hände und Martin weiß, dieser Gedanke wird sie nicht mehr loslassen, bis der Wintergarten in seiner Vollendung steht.

Auch er beginnt sich für das Vorhaben zu erwärmen, als ihn ein erschreckender Gedanke durchzuckt: eine weitere Kreditaufnahme wird dafür erforderlich sein.

Wie auf ein Stichwort kommt ein weiterer Freund von ihm, der Filialleiter der Hausbank, Herbert Moos hinzu und lobt ebenfalls den hohen Komfort, den ein Wintergarten biete. Martins Einwand, dieser Bau werde sehr viel Geld kosten, wird mit einer Handbewegung zur Seite geschoben und der Banker bietet ihm an, die Angelegenheit schnell und einfach zu regeln.

Das Fest nimmt seinen Lauf und dauert bis spät in die Nacht.

Gleich am nächsten Montagmorgen sucht Martin Wallenberg auf Drängen seiner Ehefrau seine Hausbank auf und wird zu seinem Erstaunen nicht zu seinem langjährigen Freund, sondern zu einem fremden jungen, schneidigen Mann, Oliver Kühn, zur Unterredung gebeten. Entgegen der sonstigen Gewohnheit, zuerst bei einem Cognac von alltäglichen Gegebenheiten zu plaudern, kommt Herr Kühn gleich zur Sache und bittet um Übergabe von Bilanzen der Apotheke, sowie der Nennung etwaiger Sicherheiten. Auf Martins erstaunten Einwand, das sei er so nicht gewohnt, antwortet ihm sein Gegenüber, er sei der neue Leiter der Kreditabteilung, und dies seien die Regeln, gerade im Hinblick auf die bereits bestehenden nicht unerheblichen Verbindlichkeiten. Für die Genehmigung eines neuen Kredites müsse seine Vermögenssituation und Kapitaldienstfähigkeit, sowohl momentan als auch zukünftig beurteilt werden. Eine Bonitätsnote aus einem qualifizierten Privatkundenrating sei zu erstellen. Er möge doch bitte noch einmal vorsprechen, wenn er seine Unterlagen zusammen habe.

Kühn verabschiedet sich kurz und verlässt den Besucherraum.

Martin versteht kein Wort, wurde der erste Kredit doch mit seinem Freund Moos in der angenehmen Atmosphäre der Besucherterrasse des Golfclubs bei einem gut gekühlten Grauburgunder besprochen und zugesagt. Das Geld war dann binnen weniger Tage auf seinem Konto und konnte ausgegeben werden. Doch womöglich wollte sich dieser Herr Kühn nur aufspielen.

Er wird die Begegnung aus seinem Gedächtnis streichen, zuvor aber Herbert Moos direkt aufsuchen und ihm über das ungehörige Verhalten seines Mitarbeiters berichten.

Auf dem Weg zu seinem Büro trifft Kühn auf Moos. Dieser erkundigt sich sogleich bei seinem lieben Kollegen, wie er denn mit dem guten Wallenberg zurechtgekommen sei und ob er das Geschäft für die Bank erfolgreich unter Dach und Fach gebracht habe. Kühn teilt ihm mit, dies sei ihm mangels Unterlagen nicht möglich gewesen. Außerdem suche er immer noch nach der Kreditakte über das bereits ausgezahlte Darlehen in beträchtlicher Höhe. Der Filialleiter winkt hierauf energisch ab, diese Sache sei doch ganz unkompliziert, schließlich seien Wallenbergs Einkünfte hervorragend durch die Einnahmen aus der Apotheke gesichert. In Kühn keimt plötzlich die Vermutung auf, Moos habe seinerzeit den Kredit ohne die vorgeschriebene Risikoeinschätzung des Engagements genehmigt. Er behält diesen Gedanken erst einmal für sich, gibt aber seinem Erstaunen Ausdruck, warum Wallenberg, trotz seiner angeblich so hohen Erträge aus der Apotheke erneut Geld für den Bau eines Wintergartens benötige. Moos kommen jetzt ebenfalls Bedenken, er will sich diese jedoch seinem Untergebenen gegenüber keinesfalls anmerken lassen. So zischt er lediglich, dies sei ja wohl Wallenbergs Privatsache und eilt davon.

In seinem Büro ruft er gerade im Computer die Konten von Wallenberg auf, als dieser plötzlich und unerwartet nach einem kurzen Klopfen die Tür öffnet und höchstpersönlich vor ihm steht. Er wolle wirklich nicht stören, kommt er gleich sehr aufgeregt zur Sache. Aber dieser Herr Kühn sei unmöglich, es könne doch wohl nicht sein, dass man von ihm alle diese Unterlagen verlange. Moos kommt hinter seinem Schreibtisch hervor und legt beruhigend seinen Arm um Martins Schultern. Er solle das doch nicht so schwer nehmen, wiegelt er ab. Herr Kühn sei ein neuer Mitarbeiter der Bank und ganz bestimmt etwas übereifrig, aber es würde ihm doch keinerlei Schwierigkeiten bereiten die entsprechenden Papiere bei seinem Steuerberater abzuholen, Vorschriften seien eben Vorschriften. Jetzt müssten sie sich leider verabschieden, denn sogleich fange eine Telefonkonferenz an. Dabei schiebt er Wallenberg, ohne ihn noch einmal zu Wort kommen zu lassen, energisch aus seinem Büro und schließt die Tür. Dann wendet er sich sofort wieder begierig seinem Bildschirm zu und erkennt, Martin Wallenberg hat bereits seinen privaten Überziehungsrahmen nahezu vollständig ausgeschöpft. Die Sparguthaben wurden schon vor geraumer Zeit für den Ausbau der Villa aufgelöst. Auch sein Geschäftskonto befindet sich erheblich im Minus. Erschreckt lehnt Moos sich in seinem schwarzen Ledersessel zurück und lockert die silbergraue Krawatte. Er verspürt plötzlich ein ganz unangenehmes Gefühl der Enge in seinem Hals. Sollte Wallenberg den Kredit nicht zurückzahlen können, den er, Moos ihm bewilligt hat, könnte die Bank ihn persönlich hierfür haftbar machen. Es schien ihm damals unnötig, Papiere über Sicherheiten und Vermögens- und Einkommensverhältnisse einzufordern, um damit die Kreditwürdigkeit seines Freundes ordnungsgemäß zu überprüfen. Es bedeutet eine grobe Pflichtverletzung, die wirtschaftliche Situation und persönliche Zuverlässigkeit eines Kunden nicht genauestens darzulegen, um einen störungsfreien Tilgungsplan bis zum Ende der Laufzeit gewährleisten zu können. Der momentane Kontenstand zeigt schonungslos, dass ein Kredit nicht hätte bewilligt werden dürfen. In Moos verdichtet sich die Überzeugung, sein Freund Martin lebt seit seiner kostspieligen Scheidung von Marianne weit über seine Verhältnisse.

Er bezweifelt, dass Martin sich seiner finanziellen Situation bewusst ist und erinnert sich an die Stammtischbrüder die sich seinerzeit, als klar war, Martin bleibt an Charlotte hängen, schadenfroh ins Fäustchen lachten.

Auch sie hatten damals, wenn auch heimlich, Charlottes Gunst genossen, hüteten sich aber davor, mit der Blutsaugerin eine engere Verbindung einzugehen. Ja, Moos ist sich sicher, der arme Martin hat seine Lage in erster Linie Charlotte zu verdanken. Dennoch muss er jetzt an sich selbst denken und sich schützen.

Er beschließt, beim ersten Ratenzahlungsverzug Wallenberg den Kredit zu kündigen und falls erforderlich, sofort die Versteigerung der Villa zu veranlassen.

Auch Kühn, in sein Büro zurückgekehrt, überprüft als erstes, ob Moos vor der Kreditvergabe an Wallenberg eine ordnungsgemäße Überprüfung durchführte. Seine grünen Augen leuchten auf, als er seinen Verdacht bestätigt sieht. Moos vergab das Darlehen entgegen aller Vorschriften und gegen das Interesse der Bank an Wallenberg. Eine Kreditakte wurde gar nicht angelegt und Wallenberg im Kreditscoringsystem nicht erfasst. Eine Bonitätsnote konnte somit nicht erstellt, und eine Risikoeinschätzung des Engagements nicht vorgenommen werden. Eine ausgesprochen grobe Pflichtverletzung des Filialleiters.

Kühn gibt sich dem angenehmen Gefühl hin, das ihn durchströmt. Endlich ergibt sich die Chance, Moos abzusägen. Darauf hat er schon lange gewartet. Doch weiß er, dies allein bringt ihm keinen Nutzen, ist es doch sein Ziel, Moos Platz an der Spitze der Filiale einzunehmen. Hat er diese Position erst erlangt, stehen ihm weitere attraktive Karrieremöglichkeiten offen. Daher bezwingt er seinen brennenden Wunsch, den Vorstand von Moos Pflichtverletzung zu unterrichten. Er wird abwarten und vorerst sein kostbares Wissen für sich behalten. Kluges Vorgehen ist jetzt für sein weiteres Schicksal von größter Wichtigkeit.

Als kleinen Vorgeschmack für das Kommende beschließt er jedoch, nach Büroschluss eine Flasche besten Champagners zu besorgen und mit seiner heißen Freundin auf glanzvollere Zeiten anzustoßen.

Wieder in seiner Villa, setzt sich Martin, immer noch verwundert über das Verhalten von Moos und dem Ansinnen Kühns, mit seinem Steuerberater und Golfpartner Gerhard Lücke in Verbindung. Bereits bei der telefonischen Terminabsprache macht er seinem Ärger Luft. Es fällt ihm nicht auf, Gerhard bleibt zurückhaltend und teilt seine Empörung nicht.

Als Martin Wallenberg dann, einige Tage später, bei ihm im Büro sitzt, erläutert der Steuerberater ihm knapp und bündig, die Einnahmen aus der Apotheke hätten sich in den letzten Monaten deutlich verringert. Aufgrund dessen rät Gerhard, als Steuerberater und Freund, dringlichst von der Eingehung weiterer Verbindlichkeiten ab und gibt seinem Zweifel Ausdruck, dass aufgrund der vorliegenden Bilanzen überhaupt ein weiterer Bankkredit gewährt werden könne. Nicht nur das, er spricht auch die Höhe der monatlichen Belastungen an, die unter Berücksichtigung anderer Einkommensverhältnisse vereinbart worden seien. Er empfiehlt umgehend eine Reduzierung der Mitarbeiter in der Apotheke, um so die Kosten zu verringern. Martin Wallenberg ist wie paralysiert. Es ist ihm unmöglich Gerhards Ausführungen sofort zu verarbeiten, dachte er doch, seine finanziellen Verhältnisse seien bestens geordnet und er sei wohlsituiert. Verstört steigt er in seinen Jaguar und braust durch die Gegend.

Vor seiner Ehe mit Charlotte wäre er nie auf die Idee gekommen, sich solch einen Wagen zu kaufen, obwohl er immer schon fasziniert von diesen Fahrzeugen war. Mit Leidenschaft las er alle Fachzeitschriften, die diesbezügliche Artikel enthielten, aber nie erwog er ernstlich, soviel Geld für ein Auto auszugeben. Als er mit Charlotte über seine Leidenschaft sprach, zerstreute sie schnell seine Bedenken.

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