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Frei

Linus Lumpitzsch

Frei

Ein seltsamer und merkwürdiger Psycho-Thriller.





BookRix GmbH & Co. KG
81675 München

FREI: Ein merkwürdiger und seltsamer Thriller.

 

Der Auftrag, den sie auszuführen haben würden, grub sich in seinen Gedanken gnadenlos und radikal vor alles andere.

Über den konkreten Inhalt des Auftrags hatte sie ›Der Herr‹ – so nannten sie jenen Mann, dessen Name ihnen nicht bekannt war – per Telepathie bisher noch überhaupt nicht in Kenntnis gesetzt. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte er ihnen mit Ausnahme einer Person lediglich erste wage Details über Treffpunkte in ihre Köpfe gesendet.

Die Boxen ließen weiterhin die Stones mit ihrem ››Paint It, black‹‹ in Richtung seiner Ohren entkommen. Ein leichter Wind hob zwei der ins Zimmer gewehten Baumblätter, die mitten im Raum gelegen hatten, langsam an. Sie schwebten und waren frei.

Er liebte die Musik der Stones, liebte einfach jede Art von Musik. Er besaß keine Kontrolle mehr über sich selbst. Die Stones waren fertig, er ebenfalls.

Nun dröhnte der Sound von Iggy Pop aus den Lautsprechern. Das Ticken des Weckers wurde wieder lauter. Seine Wahrnehmung kollabierte. Er fühlte sich, als würden ihn sanfte Wellen davon treiben. Ihm wurde übel.

TICK. TICK.

Seine irritierten Augen wanderten durch das Schwarz des Raumes. Die Wellen kannten kein Erbarmen. Immer stärker rissen sie ihn mit.

Was geschah mit den Holzdielen am Boden? Taten sich vor ihm nicht zwei Dielen in der Mitte auf? Gaben sie nicht einen tiefen Schacht – einen dunklen Abgrund – frei? Er fühlte sich schutzlos und empfand mit einem Mal Angst.

Iggy Pop hatte sein Lied beendet und die Seite der Kassette war fertig abgespielt. Rauschen. Waren das die Wellen?

TICK. TICK.

Schläge von innen gegen den Kopf. Schwindelgefühle. Zittern. Er musste den Auftrag des ›Herrn‹ erfüllen, auch wenn er den noch gar nicht kannte. Er fühlte das Rauschen des Blutes und empfand dies als im Moment ziemlich unheimlich. Draußen lachte ein Kind mit einer hellen und hohen kreischenden Stimme.

(AUFTRAG!!) hämmerte ›Der Herr‹ – Dr. Loris Andretto – in seinem Kopf.

Das trieb ihn an. Er wollte aufstehen und davonrennen. Fort von diesem Ort. Ein Klicken. Der Kassettenrecorder wechselte endlich die Seite des Tapes und erste Fetzen eines weiteren Songs – ››Break on through (to the other Side)‹‹ von den Doors – erklangen.

Er fragte sich, ob er eben etwas gesagt hatte, oder aber nicht. War das ›Der Herr‹ gewesen? Ein Donnerschlag, dann knarrte der Boden leicht, die Dielenbretter schienen davonzuschleichen. Sie wanderten sanft zur gegenüberliegenden Wand hin, als wollten sie durch diese hindurch brechen. Der Donnerschlag war die letzte Warnung gewesen, da war er sich sicher. Der bevorstehende, noch so unklare Plan dieses ›Herrn‹: Die Teilnahme musste ihm einfach gelingen, denn sein Stolz war viel zu groß, um nun derart jämmerlich zu versagen, wie er das in dieser Nacht tat.

Etwa vier Stunden später erlangte er mehr oder weniger wieder die Kontrolle über sich. Gerade eben hatte er eine weitere der so schmerzenden Mitteilungen des ›Herrn‹ erhalten. In wenigen Stunden würde die Ausführung des Auftrags beginnen, daran ließ ›Der Herr‹ keinen Zweifel. Der helle Mond schien durch das Fenster, dennoch war die Dunkelheit stärker und schien den Mond besiegen zu können.

››Dead End Street‹‹ von den Kinks erklang, während er müde zur Seite fiel. Scheißzeug, dachte er sich und begann, die Schmerzen in seinem Kopf zu spüren. Er war müde und schlief nach wenigen Augenblicken ein. Draußen lallte eine offensichtlich stark angetrunkene Frau.

SCHLAF… WOLKEN… HÖLLE…

Die ersten Strahlen der Sonne drangen bereits durch die etwas verschmierten Scheiben des Fensters, als er seine Augen wieder öffnete. Schnell wandte er den Blick ab, denn das helle Licht schmerzte in seinen Augen. Sein Rücken tat ihm weh und fühlte sich an, als würde er von tausenden Stecknadeln gepikst.

Verloren! dachte er sich.

Die Dielen, die letzte Nacht nach seiner Erinnerung wie von einem Magneten angezogen durch die Wand zu entkommen versucht hatten, knarrten, als er sein Gewicht verlagerte. ›Der Herr‹ – wer immer das auch war, er hatte ihn noch nie gesehen – wollte, dass er endlich begann, den verfluchten Auftrag auszuführen.

Von draußen war erst das Aufheulen einer Polizeisirene zu hören, dann quietschten Reifen. Mit der rechten Hand strich er sich durch sein dunkelbraunes längeres Haar, das wild in alle Richtungen abstand. Nun löste er sich von der Wand und stand langsam auf, wodurch die Gegenstände des Raumes eine völlig andere Perspektive bekamen. Unsicherheit durchfuhr seine Beine und er fühlte sich wie auf Stelzen. Sein Blick ging zu dem kleinen Wecker: Sieben Uhr morgens. Irritiert sah er sich in seinem Zimmer um.

Von nebenan waren seine Nachbarn Natasha und Frank zu hören. Sie hatten offensichtlich schon am Morgen viel Spaß. Ein klein wenig erregten ihn die Laute, die durch die dünne Zimmerwand zu hören waren. Er schob sich selbst an, weg von diesem Lauschen, denn er hatte gemeinsam mit anderen Personen Wichtiges in Angriff zu nehmen. Er drückte eine nur zur Hälfte gerauchte Zigarette auf einem dunkelblauen Teller aus.

Natasha im Zimmer nebenan schien dem Höhepunkt sehr nahe zu sein. Ein verschmitztes Grinsen fuhr kurz über sein Gesicht, dann wurde sein Ausdruck wieder sehr ernst. Er hatte Angst. Die Zigarette begann wieder leicht zu brennen. In kurzen Abständen stieg der Rauch empor.

Viel Zeit durfte er nicht mehr verlieren. Das wusste er beinahe so genau wie die Tatsache, dass sein Name Amion Cartez war. Er bekam die Lustschreie aus dem Nebenzimmer nicht mit.

Amion fühlte sich noch immer, als befände er sich in einem Traum oder schlafwandle.

Kaffee! Er musste richtig wach werden. Mit behäbigem Gang schritt er auf die kleine provisorische Kücheneinrichtung zu. Sie bestand aus einem Campingkocher, einem derzeit aus Kostengründen (der Strom!) nicht eingeschalteten Kühlschrank und einer kleinen Spüle. Außerdem stand dort die Kaffeemaschine, die oft nicht so recht funktionierte. Auf dem Boden lagen Baumblätter, die durch das angelehnte Seitenfenster, unter dem eine alte Matratze lag, in der vergangenen Nacht hereingeweht worden sein mussten. Er setzte sich einen Kaffee mit viel Pulver auf, welches einen wunderbaren Duft verströmte.

Wieder drang das Hupen des Stadtverkehrs in den Raum von Amion hinein. Hier, in dem Haus, in dem außer seinem noch vierzehn weitere einzelne Zimmer zu hundertvierunddreißig Dollar die Woche vermietet wurden. Er war fünf Wochen im Rückstand mit seiner Miete und nun hatte er auch noch den letzten Kaffee aufgesetzt.

Die Maschine brummte vor sich hin und der schwarze Kaffee füllte nach einiger Zeit mehr und mehr die Glaskanne.

Er verließ sein Zimmer und machte sich auf zur Toilette, die er sich mit sechs anderen Mieteinheiten dieses dunklen Stockwerks teilen musste, in dem sich ein erbärmlicher Gestank eingenistet hatte. Noch immer brummte die Kaffeemaschine vor sich hin und tat diesmal ihren Dienst, ohne zu streiken.

Erst, als er wieder von der versifften Toilette, die glücklicherweise frei gewesen war, zurückkehrte, bemerkte er, dass er noch immer etwas stoned war. Die Kaffeemaschine arbeitete nicht mehr und wie er riechen konnte (soweit das nach dem Gang zur Toilette noch im Bereich des Möglichen lag), war der Kaffee fertig gekocht, denn ein Duft lag in der Luft. Er wandte sich seinem Kaffee zu und verschüttete zu Beginn einiges neben die schwarze Tasse, die von einem grellgelben Smiley geziert wurde.

››Scheiße‹‹, kommentierte er das kleine Missgeschick.

Den Rest mischte er mit Milch und Zucker und trank zu schnell.

Nie wieder, dachte er sich, obwohl er eigentlich wusste, dass ihm das nicht gelingen würde, würde er auch nur einen einzigen Joint rauchen. Der Kaffee war seiner Empfindung nach zu mild. Er trank ihn trotzdem.

Wo war sein Bruder Jack, der zurzeit bei ihm wohnte? Amion trank verwirrt die letzten Schlucke des Kaffees. Eigentlich fühlte er sich gerade phänomenal. Sein Bruder hingegen fühlte sich nicht phänomenal. Er fühlte sich auch nicht beschissen. Er empfand gar nichts mehr, da er tot war.

Jack, geliebter Bruder. Wo bist du? Ein lautes und unverständliches Kommando des ›Herrn‹ drang in seinen Kopf. Amion erstarrte vor Schreck. Die vollkommen unverständliche Stimme schien in seinem Kopf Rugby zu spielen, was ihn sehr quälte. Er ließ sich auf die Couch fallen und schloss langsam die Augen, da ihn eine vollkommen unerklärliche Müdigkeit überfiel. Doch nach wenigen Augenblicken ging ein wilder Ruck durch seinen Körper.

Nein! Niemals!

Er schrie die Worte in Gedanken jenem seltsamen ›Herrn‹ an den Kopf und war nun wütend.

Weiter schmerzte sein Kopf, weshalb er die Augen schloss, um nochmal ein wenig zu schlafen. Inzwischen war es kurz nach acht Uhr am Morgen.

War da nicht ein Lachen zu hören gewesen? fragte er sich auf der Schwelle zum Schlaf, der ihn mit seinen Krallen bereits zu sich zog. Unruhig schlief er bis halb drei am Nachmittag.

Er stand sofort auf, nachdem er wieder erwachte, um im Bad – sollte dieses ausnahmsweise frei sein – zu duschen und sich frisch zu machen. Amion fühlte sich seltsam, denn er hatte zu viel geschlafen. Dennoch war es wichtig, dass er ausgeruht war, da ihm diese Tatsache zusätzliche Kraft geben würde. Wie in einem Computerspiel, in dem sich der Held schlafen legt und zum Dank am nächsten Morgen der Energiebalken aufgetankt ist.

Das Bad war frei, worüber er sehr froh war, da er erbärmlich roch. Ja, er übertrumpfte gar den Gestank, der allgegenwärtig immerzu im Gang lag. Das hatte er soeben frustriert festgestellt, während er mit dem billigen Handtuch in Richtung Bad verschwunden war.

Das kleine Mädchen im Stockwerk über ihm schrie wie am Spieß. Das nervte ihn zwar gehörig, doch er hatte gar keine Zeit, sich lange darüber aufzuregen. Die Dusche tat unglaublich gut. Als er danach den Gang in Richtung seines Zimmers entlang lief, stellte er sich erneut die Frage, wo Jack abgeblieben war.

Er hatte ein beschissenes Gefühl und doch nicht den leisesten Teil einer Ahnung, dass sein Bruder tot war. Das Telefon klingelte.

Jack? Er nahm den Hörer des schwarzen Telefons ab und bemerkte, dass er noch immer triefend nasse Hände hatte. Aber sie fühlten sich nicht nass von Wasser an.

(BLUT!) donnerte die Stimme von Dr. Loris Andretto in seinem Kopf und durch die sadistischen Spielchen dieses mysteriösen Auftraggebers fühlten sich seine Hände an, als seien sie über und über mit Blut beschmiert.

Er meldete sich mit schwacher Stimme.

››Ja?‹‹ fragte er in den Hörer die bisher anonyme Person, die ihn angerufen hatte.

Für Momente blieb jede Antwort aus und Amion wollte den Hörer wieder auflegen, doch dann ertönte eine wütende Stimme.

››Amion, zum Teufel. Wo bleibst du, verflixt noch mal?‹‹

Cristobal! Und er, Amion Cartez, hatte wohl nun eine Menge Ärger am Stiefel. Er stand nur mit dem Handtuch bedeckt da, sah einige Tropfen aus seinem nassen Haar sich in die Holzdiele fressen und öffnete den Mund, um zu sprechen. Doch wie konnte er die ganze Scheiße erklären?

››Verdammt, Cristobal. Ich hab’s verpennt. Tut mir leid. Aber bleib’ locker, sag’ mir ’ne Zeit und ich bin da.‹‹

In seiner Stimme schwang unsinnigerweise eine gehörige Portion Wut mit.

››Scheiße. Zum Kuckuck, neun war ausgemacht. Schau’ mal auf die Uhr! Wo warst du? Hab’ hundert Mal versucht, dich ans Telefon zu kriegen.‹‹

Cristobals Stimme – normalerweise tief und fest – hörte sich nun an wie eine Mischung aus Mickey Mouse und Michael Jackson.

Amion starrte auf den Wecker. Hatte er tatsächlich derart tief und fest geschlafen, sodass ihm das Klingeln des Telefons entgangen war? War auch hier der verfluchte ›Herr‹ der Drahtzieher des Ganzen? Kurz nach drei Uhr am Nachmittag, zeigte der Wecker an.

Der Kopf von Amion fühlte sich so leer an, als hätte man ihn geöffnet und einiges Brauchbares entnommen. Scheißzeug, dachte er wieder.

››Okay. Um vier Uhr vor dem ›Royal‹.‹‹

Er ließ Cristobal keine Wahl, noch etwas zu erwidern, denn er legte einfach den Hörer auf. Nasse Spuren des Wassers – (BLUT!) sandte ›Der Herr‹ aus – liefen langsam den Hörer hinab.

Das ›Royal‹ war ein Edelbordell, in dem vor allem die Größen des Musik- und Filmgeschäfts ihren Spaß hatten. Die letzten sechzehn Stunden hatte er vollkommen verschenkt, doch nun hatte er noch ein paar Minuten Zeit. Er setzte sich in den Sessel, welchen er von seiner Mutter neben zweieinhalb Millionen Dollar geerbt hatte, von denen allerdings nicht ein müder Cent übriggeblieben war (seinem Bruder erging es nicht wesentlich besser). Dann starrte er durch die weiße, kalt wirkende Wand hindurch, als sei sie gar nicht da. So ließ er die Zeit verstreichen, nur in sein Handtuch verhüllt, das jetzt jedoch verrutschte und jeglichen Nutzen verlor.

Die Welt, in die er getaucht war, sah wunderschön aus. Er befand sich auf einer riesigen, herrlich grünen Wiese, die Luft war fantastisch, die Vögel zwitscherten, die Sonne schien…

Doch dort existierte auch ein Scheinen, welches nicht von der Sonne herrührte. Auch der Mond schien und trug einen Wettkampf mit der Sonne aus, die im Moment aber noch klar im Vorteil war.

Amion faszinierten aber noch viel mehr die freizügigen und jungen Frauen, die – ihn anstrahlend – an ihm zum Teil vorbeiliefen, teilweise aber auch einfach vorbeischwebten. Sie fassten sich an ihre Brüste und schmiegten sie, mit einer scheinbar unendlichen Langsamkeit, die auf ihn sehr erotisch wirkte, aneinander. Er griff nach den Schönheiten, doch lächelnd traten oder schwebten sie, ihre prächtigen Brüste eng aneinander gepresst, ein wenig zurück. Er bekam keine zu fassen.

››Amion‹‹, raunte eine fast flüsternde und dennoch brutal klingende Stimme, die nicht von einem der Mädchen stammte.

Die Stimme war männlich und er kannte sie. Der Moment des Erkennens löste einen eisiger Schauer aus, der ihm über den Rücken wanderte. Die Stimme war die seines Bruders, klang aber alles andere als herzlich.

Er wollte sich dorthin umdrehen, von wo die Stimme ganz eindeutig gekommen war. Sein Bruder! Umdrehen!! Er konnte nicht!!! Wenn er es dennoch versuchte, fuhr ihm ein rasender und brennender Schmerz ins Genick und nach wenigen Grad konnte er den Kopf und auch sich selbst schlichtweg nicht weiter drehen. Ein gigantischer Magnet ließ seinen Blick auf den jungen Frauen kleben. Die Schmerzen, die er empfand, wenn er versuchte, sich zum Ausgangspunkt der Stimme umzudrehen, waren zu brutal. Da war nichts zu machen.

››AMION!‹‹

Die Stimme wurde laut und zornig. Jede Freundlichkeit, wie er sie von Jack gewohnt war, fehlte. Aus der Stimme klangen nur Härte, Strenge und Kaltblütigkeit heraus. Er hatte Angst.

Der Kontrast war verrückt: Einerseits jene wütende Stimme, andererseits das sehr anziehende Kichern der prachtvollen jungen Frauen. Oh, er wollte eine von ihnen. Jetzt sofort. Was sprach dagegen?

››AMION!‹‹

Er wollte sich wieder der Stimme, aus welcher nun großer Zorn herauszuhören war, zuwenden, doch er konnte seinen Blick weiterhin nicht auf jenes wütenden Etwas richten. So, als wolle das jenes Geschöpf nicht. Kichern der Frauen, die nun begannen, ihre makellos erscheinenden Körper aneinanderzuschmiegen, wütendes Flüstern irgendwo hinter seinem Rücken.

››Du Hurenbock. Schau’ endlich her!!!‹‹

Das war niemals Jack! Seine Stimme, ja, aber niemals dessen Seele. Lächelnd marschierte ein grinsendes zähneklapperndes Skelett an Amion vorbei und auf die Frauen zu. Frech fasste das Skelett einer nach der anderen an die Brüste, streichelte über ihre Brustwarzen, oder – und das sah besonders seltsam aus – fasste ihnen in die Seidenhöschen, welche sie trugen. Er streichelte eine von ihnen mit seiner Skeletthand im schwarzen Höschen. Dabei grinste er fies und deutete mit der freien Hand auf das Etwas hinter Amion. Er schien ihm befehlen zu wollen, dort hinzusehen. Die Frau, die von dem Skelett gestreichelt wurde, seufzte und stöhnte vergnügt und scheinbar voller Lust vor sich hin.

››Du verdammter Verräter.‹‹

Das war wieder die Stimme von Jack. Amion wollte seinen Mund öffnen. Das Skelett war bei der nächsten Frau angelangt. Das grinsende Knochengestell schob auch ihr seine Finger in das Höschen. Bald hatte das weiße Horrording Erfolg damit, auch die Rothaarige in größte Erregung zu versetzen.

››Mörder‹‹, sagte das Skelett nun mit einer zarten und zu zerbröckeln scheinenden Stimme, die dennoch wütend klang, was in einem äußerst merkwürdigen Kontrast zueinander stand.

Nebenbei vergnügte das Skelett die Frauen sichtlich und hörbar weiterhin.

Hysterisch polterte nun auch die Stimme hinter Amions Rücken, die seines Bruders, los.

››Mörder. Verräter. Hurenbock.‹‹

Amion zuckte erst, dann verkrampfte er vollkommen. Ihm rann eine kleine Träne über die linke Backe und er wollte seine Augen bedecken, um endlich nicht mehr das Skelett anstarren zu müssen. Ein schallend lachender Weihnachtsmann fuhr heran.

››Du Bastard bist schuld daran, dass ich tot bin.‹‹

Sein Bruder! Der Weihnachtsmann hielt unmittelbar vor der ersten jungen Frau an, die ungeduldig und doch befriedigt zugleich dreinblickte. Er stieg von seinem aus Mahagoniholz selbst geschnitzten Schlitten, sah belustigt Amion an und tat es dem Skelett von Frau zu Frau gleich. Die Züge seines Gesichtes: Amion kannte sie. Das Gesicht des Weihnachtsmannes veränderte sich ein wenig und wurde zu dem seines Vaters. Der falsche Weihnachtsmann vergnügte die Schönheiten offensichtlich nicht weniger gekonnt, als das zuvor bereits das Skelett getan hatte. Amion verstand überhaupt nichts mehr.

››Sag’ etwas, du Drecksack!‹‹ befahl Jack kreischend und hysterisch hinter Amion.

Konnte jemand derart viel des Hasses auf den eigenen Bruder verspüren? Wieder zitterte Amion am ganzen Körper. Die hohe Stimme seines Bruders schlug in seinem Kopf Loopings und dröhnte und hallte immer wieder in seinen Ohren herum. Der Mond gewann an Oberhand. Raus! Er verspürte einen unglaublichen Drang, dieses ekelhafte und kranke Szenario zu verlassen.

Um kurz nach vier Uhr am Nachmittag tippte Cristobal zornig die Nummer von Amion. Er raste vor Wut.

Klingeln? Das Skelett hielt nun grinsend ein sehr alt aussehendes Telefon in seinen hässlichen Knochenhänden und wollte ihm den Hörer reichen. Ängstlich sah Amion erst das Wahlscheibentelefon, dann wieder das höhnisch grinsende Skelett an, während der Weihnachtsmann eine blonde Schönheit in reinste Verzückung zu versetzen schien. Er wollte das nicht sehen, wollte nur weg von hier. Doch ähnlich, wie das zuvor bei den Frauen geschehen war (auch wenn er da den Blick nicht gerne hatte abwenden wollen), so konnten nun seine angsterfüllten Augen nur weiterhin das Skelett anstarren, das ihm ebenfalls von irgendwoher bekannt vorkam.

Er wurde aus der anderen Welt gerissen. Amion schüttelte verwirrt den Kopf. Er war verstört und kam sich vor, als sei sein Inneres, seine Seele, zehn Mal durchwühlt und vermischt worden. Er empfand große Angst und zitterte auch in dieser Welt, Schweiß stand ihm auf der Stirn.

Langsam drang das Klingeln seines Telefons in sein Gehör. War der Anrufer das Skelett, das am Ende zu seinem Bruder geworden war? Ein kalter Schauer durchfuhr ihn. Erschrocken blickte er auf den Wecker. Es war sieben Minuten nach vier Uhr an diesem beschissenen Nachmittag.

Das Telefon klingelte noch immer. Hektik. Sein Blick verschwamm, er hatte geweint. Wo war das verdammte Mistding? Das Handtuch fiel zu Boden. Er entdeckte endlich das Telefon und nahm ab.

››Wer ist da?‹‹

Er hatte Schwierigkeiten damit, Worte und Sätze zu bilden.

››Hör’ mir mal gut zu! Ich mach’ deine verdammten Scheißspiele nicht mehr mit. Du bist seit Tagen nur noch stoned. Verdammt, Amion, was ist los mit dir?‹‹

Cristobal sprach sehr schnell, die Stimme klang äußerst bestimmt. Amions Reaktion war sehr simpel: Er legte den Hörer auf.

Jack? Die scheinbare Gewissheit dessen Todes durchfuhr ihn wie ein spitzer und gewetzter Dolch.

››Oh, Jack‹‹, winselte er, auf den Boden gekauert und nackt.

Er wusste, dass sein Bruder tot war. Mit einem Mal war ihm das klar geworden. Er betete zum ersten Mal seit der Beerdigung seiner Mutter, was ihm nun sehr gut tat.

Wieder klingelte das Telefon und abermals griff er nach dem Hörer.

››Du verdammter Idiot.‹‹

Natürlich kam das wieder von Cristobal Sanchez, dem nervigen Spinner. Diesmal legte Amion nicht auf. Er war nun wieder voll und ganz in dieser Welt angelangt.

››Was ist denn?‹‹ wollte er wissen, beantwortete diese überflüssige Frage aber sogleich selbst.

››Hör’ zu, Cristobal! Hab’ ’ne üble Nacht hinter mir und leider die Zeit aus den Augen verloren. Aber du kannst dich auf mich verlassen, diesmal versetz’ ich dich nicht.‹‹

Das meinte er ehrlich. Sie verabredeten sich für fünf Uhr, wobei ihn Cristobal eindringlich warnte, ihn nicht ein drittes Mal innerhalb nur eines Tages zu versetzen.

Amion erreichte das ›Royal‹ einige Zeit, ehe auch Cristobal anspaziert kam. Um diese Uhrzeit war nicht viel los in dieser Ecke von Hitchten. Am Tage, wenn man so wenig der Anonymität an sich kleben hatte, erschien man hier besser nicht. Erst nachts war es scheinbar okay, hierher zu kommen, um sich von den Prostituierten das geben zu lassen, was die Frauen daheim ihnen ihrer Meinung nach nicht geben konnten.

››Na, wieder zehn Joints reingezogen?‹‹ begrüßte Cristobal den seltsam dreinblickenden Amion.

››Ich weiß doch‹‹, gab der gelangweilt, monoton und gleichgültig klingend von sich.

››Was auch immer du sagst, ich geb’ dir Recht. Bist du jetzt zufrieden, Kumpel?‹‹

Trotz der Monotonie in seiner Stimme klangen die Worte von Amion sehr freundschaftlich.

Die beiden kannten sich bereits seit sieben Jahren und zumeist war es eine tolle Freundschaft gewesen, die sie verband. Manchmal sogar wie in einem besonders kitschigen Hollywoodschinken.

››Und jetzt? Hast du eine Ahnung, was der Typ möchte?‹‹ fragte Cristobal, der Amion etwas irritiert anblickte.

Von oben nach unten, von unten nach oben. Amion schien plötzlich vollkommen abwesend zu sein. Einige der zumeist hektischen Passanten warfen den beiden entwürdigende und herabschauende Blicke zu.

››Ich hab’ absolut keinen blassen Schimmer, was der Macker will‹‹, erwiderte Amion, nun ängstlich wieder Cristobal direkt in die Augen schauend.

Und dann verwandelte sich Cristobal vor seinen Augen plötzlich in das miese verdammte Skelett aus der anderen Welt. Als wäre das nicht genug, wurde aus dem Skelett plötzlich sein Bruder Jack.

››Hey, habt ihr Penner den Gehweg reserviert, oder was?‹‹ fluchte ein Geschäftsmann, der Amion angerempelt hatte, weil dieser verdattert auf Cristobal gestarrt hatte, in welchem er erst das Skelett, dann seinen Bruder zu erkennen glaubte.

››Alles locker im Schritt?‹‹ meinte Cristobal, der für Amion noch immer Jack war. Dann zog er Amion mit sich zur Seite.

Was war nur wieder los mit Amion Cartez?

››Du… bist… nicht mein… Bruder‹‹, stammelte der in Richtung des gaffenden Anzugheinis, obwohl er eigentlich Cristobal-Jack meinte.

Der Geschäftsmann schüttelte den Kopf, sagte ››Gesindel wie ihr beide gehört in den Zoo‹‹, strich sich mit der linken Hand, an der eine sündhaft teure Proletenuhr glänzte, durch sein schleimiges Haar und lief weiter.

››Was ist los, Amion? Was sagtest du?‹‹

Amion sah nicht mehr in die Augen von Cristobal, sondern irgendwie durch sie hindurch, als sei Cristobal überhaupt nicht da. Nein, irgendetwas war absolut nicht in Ordnung mit Amion.

››Du bist nicht mein Bruder‹‹, stellte Amion wieder fest.

Cristobal sah im Moment nur noch eine Möglichkeit, auch wenn ihm die sehr leid tat: Er holte mit seiner Hand aus und schlug direkt an die Schläfe von Amion Cartez. Der sank zu Boden und wurde bewusstlos. Cristobal interessierte nicht, was die Leute denken würden. Tatsache war, sie würden nichts unternehmen. Dieses ganze Volk war bis aufs Äußerste verstört und verängstigt.

Cristobal nahm Cartez unter den Achseln und zog ihn neben den Eingang des Edelbordells. Das ›Royal‹ war keine fünf Fußminuten von Cartez’ Zimmer entfernt, weshalb dieser den Weg zu Fuß zurückgelegt und immer wieder wacklige Beine bekommen hatte. Cristobal bückte sich leicht über Amion. Seine schwarzen schulterlangen Haare verdeckten ihm durch das Hervorfallen teilweise die Sicht. Mit seinen hellbraunen Augen starrte Cristobal auf Amion.

Irgendwie war das alles doch hoffnungslos. Dabei war ihnen befohlen worden, heute mit der Ausführung zu beginnen, hätten sie bereits vor acht Stunden starten sollen. Kurz fühlte Cristobal etwas wie einen Stich in seinem Herzen. Nicht, weil er körperlich krank war. Fetzen der Erinnerung an die letzte Nacht quälten ihn, schossen ihm durch den Kopf und für Momente glaubte er, ein entsetzliches Blutgemetzel zu sehen. Er hatte keine Ahnung, was das für grauenhafte Bilderfetzen waren.

Ein altes Ehepaar blieb entsetzt vor den beiden scheinbar verrückten Männern stehen und betrachtete sie mit Strenge und Ekel im Blick. Dann schüttelten beide angewidert den Kopf und setzten ihren Nachmittagsspaziergang durch das mieseste und heruntergekommenste Viertel von Hitchten fort. Cristobal sah noch immer Amion an, der langsam wieder zu sich kam. Ihn beschlich ein schlechtes Gewissen, da er ihm den Stoff besorgt hatte, aber auch dieses Mal kehrte er das Ganze irgendwie unter einen Teppich in seinem Kopf.

Irgendwas hatte er selbst letzte Nacht – an die er sich mysteriöser weise überhaupt kein bisschen mehr erinnern konnte – getan. Und das war äußerst… Die Bilder tauchten zu kurz auf, als dass er sie hätte klar sehen können.

››Was ist gesch…‹‹, begann Amion.

Etwas Blut tropfte an seinem linken Mundwinkel hinab. Einige der Passanten begannen damit, laut zu diskutieren, aber niemand unternahm den Versuch, zu helfen. Möglicherweise wurde das auch dadurch begünstigt, da die ›Versteckte Kamera‹ im Fernsehen in letzter Zeit verstärkt Schockstreiche spielte.

››Verdammt, es gab keine andere Möglichkeit, Amion. Tut mir leid.‹‹

Cristobal sah ihm bestimmt in die Augen, während sich Amion langsam aufrichtete.

Er nahm ein altes Taschentuch aus einer Tasche seiner Lederjacke und wischte Amion das Blut von dessen Mund. Amion hustete und Cristobal schmiss das Taschentuch in einen Abfluss auf der Straße. Er ergriff seinen Freund am Arm.

››Komm, Kleiner! Ich denk’, du musst erstmal zur Besinnung kommen. Bist ja noch völlig stoned.‹‹

Für Amion klang das, was er davon mitbekam, sehr lustig. Trotz der Schmerzen, die er noch immer verspürte, musste er lachen. Cristobal irritierte das nun nicht mehr im Geringsten.

››So gefällst du mir schon besser, Kumpel. Wir verschwinden zu Taskul, der wohnt ja gleich um die Ecke. Schließlich wird er mit von der Partie sein‹‹, sagte Christobal und sah auf seine Uhr, hielt mit der anderen Hand jedoch nach wie vor Amion fest.

Der sah nun mit einem Mal auf einen Mülleimer, der vor Abfall überzuquellen schien.

Plötzlich verwandelte sich vor den Augen von Amion dieser Abfalleimer und wurde zu Jack auf dem Dreirad. Jack war wieder ein Kind. Er war wieder der kleine und geliebte Jack.

››Nein‹‹, schrie Amion dem zu, was nur ein metallener Mülleimer war.

Cristobal schüttelte Amion. Wieder hatten sich einige Leute nach den beiden umgedreht. Das ganze Szenario war so verrückt und wie aus einem langen Traum entstammend. Doch alles, was es war, war knallharte Realität. Und die war im Moment einfach beschissen. Ansonsten nichts.

››Verdammt, beruhig’ dich mal wieder!‹‹ forderte Cristobal ihn auf.

Amion wusste nicht mehr, was um ihn herum und mit ihm selbst geschah. Er bekam, wie in einem großen Puzzle, nur Fetzen mit. Leider fehlte ihm der Großteil der Puzzleteilchen, um sie zu einem Ganzen und Klaren zusammenzulegen.

››Verdammt‹‹, begann Amion, beendete den Satz jedoch nicht.

Er fühlte sich vollkommen hilflos. Er war sich sicher, eben wieder seinen Bruder gesehen zu haben. Auf dem kleinen roten Dreirad. Mit seinem…

Cristobal schüttelte ihn und ließ ihn seine Gedankenspielchen nicht mehr weiterspinnen. In ihm breitete sich Panik aus. Cristobal konnte Amion im letzten Moment abfangen und dadurch einen Sturz verhindern, als dem die Beine allzu weich wurden.

Einige Sonnenstrahlen fielen auf das bleiche Gesicht von Amion, der nun wild zitterte. Was mit ihm in den letzten Stunden geschah, war eine einzige hinderliche Katastrophe. Cristobal hatte ihn wieder fest unter den Achseln ergriffen und nur ein Ziel vor Augen. Die Wildlederschuhe von Amion schleiften beim Ziehen über den Boden.

Einige der herbstlichen Blätter wurden durch die Schuhe durcheinander geweht. Sie schienen nur einen Ansporn gesucht zu haben, vollführten nun Freudentänze und ließen sich kurz danach doch wieder auf den Boden fallen, so als hätte es diesen Moment des Lebens nie gegeben.

Nicht das erste Mal schleifte Cristobal diesen fertigen Typen durch die Gegend. Er wollte Amion, den er sehr mochte, endlich von der Straße bringen. Aber das Ziel war nahe und Cristobal ein Kämpfer. Er hatte im Laufe seines Lebens gelernt, dass er besser damit fuhr, sich immer auf die Schritte direkt vor sich als auf das Ende dieses Weges zu konzentrieren. Diesen fertigen Typen hier, den hatte er noch immer wieder aufgepäppelt.

Irgendetwas war letzte Nacht geschehen. Warum nur erinnerte er sich an überhaupt nichts? Was waren das für grauenhafte Bilder, die nie klar und immer viel zu kurz auftauchten? Die Antwort war: ›Der Herr‹ hatte die Ereignisse aus seinem Kopf gelöscht, doch er war absichtlich ein wenig pfuschend vorgegangen, denn klitzekleine Erinnerungsfetzen, die Cristobal quälen sollten, hatte er in dessen Kopf belassen. Warum fühlte er sich nur so schlecht, fragte sich Cristobal abermals. Die letzten Meter Amion tragend, wurde ihm klar, dass es von nun an nie mehr so sein würde, wie es in den Glanzzeiten der beiden gewesen war. Warum auch immer.

Trotz der Sonne war es sehr kalt. Cristobal sah den Atem, den er vor Anstrengung bei jedem Schritt ausstieß, während er Amion weiterschleifte. Er sah Amion und sich selbst, die wohl fertigsten Typen von Hitchten, wie sie vor Beginn dieses beschissenen und schleierhaften Auftrags standen und musste von Sarkasmus erfüllt lachen. Dieses Bild, das er gerade in Gedanken vor Augen gehabt hatte, hätte perfekt in eine Komödie gepasst.

Er hatte die Türe erreicht. Amion setzte er auf eine der schweren Treppenstufen, die zur Tür führten. Kurze Zeit später, noch ehe Cristobal auf die Klingel gedrückt hatte, wurde im ersten Stock ein Fenster aufgerissen. Blitzschnell blickte Cristobal nach oben und machte das richtige Fenster schnell aus.

Taskul Drath. Was Cristobal an Taskul sehr zu schätzen wusste, das war, dass man bei ihm immer willkommen war und ganz nebenbei auch noch Hilfe bekam. Doch heute hatte der sie längst erwartet.

››Na endlich‹‹, gab Taskul, der kleine Inder, von sich. Cristobal konnte überhaupt nichts entgegnen, Taskul ließ nur noch ein ››Wartet ’nen Moment!‹‹ folgen und verschwand aus dem Fensterrahmen.

Wenig später waren Schritte im Treppenhaus zu hören. Cristobal dachte für einen Augenblick lächelnd an die netten Mitbringsel, die der kleine Taskul immer von seinen Weltreisen mitbrachte. Aber er musste klar im Kopf bleiben. Er konnte jetzt nicht…

Die Türe wurde geöffnet. Er verwarf den Gedanken, sah kurz auf das Gesicht des bewusstlosen Amion und blickte dann in Taskuls dunkelbraune Augen. Taskul schien Amion überhaupt nicht weiter zu beachten. Er sprang über ihn und fiel kurz darauf Cristobal in die Arme. Diese Freundlichkeit von Taskul und seine plötzlichen Reaktionen, die so unbegrenzt schienen, hatte Cristobal schon immer für etwas übertrieben gehalten.

››Hab’ dich lange nicht mehr gesehen, mein Freund. Wurde Zeit, dass ihr auftaucht. Wie geht’s dir denn, bereit für die Sache?‹‹ brachte er in seiner witzigen krächzenden Stimme hervor.

Er schien Cristobal überhaupt nicht mehr loslassen zu wollen. Dem war diese Situation peinlich und er fühlte sich, als würden sie von Millionen von Menschen beobachtet. Taskul sah aus, als habe er zweiundsiebzig Stunden durchgehend Joints geraucht.

Tolle Voraussetzungen, dachte sich Cristobal, der sich nun langsam aus der freundschaftlichen Umklammerung lösen konnte. Diesmal lächelte er nicht. Die ganze Situation war einfach viel zu ernst, um ständig über alles nur zu lachen.

››Hast du inzwischen weitere Einzelheiten erfahren? Was das angeht, hab’ ich nämlich nur ein weißes Blatt Papier im Kopf. Was issn mit Amion schon wieder los?‹‹

Taskul starrte Cristobal nur fragend an und warf dann einen belustigten Blick auf Amion.

››Nicht die leiseste Ahnung, was er will. Schätze, wir müssen abwarten. In der Zwischenzeit kann Amion wieder lebendig werden‹‹, sprach Cristobal und warf nun ebenfalls einen – allerdings besorgten – Blick auf seinen Kumpel.

Dann nahm er wieder diesen so witzig aussehenden kleinen Mann mit den schwarzen kurzen Haaren in Augenschein. Er hatte ein seltsames Gefühl. So, als hätten er und Taskul sich erst gestern das letzte Mal gesehen, obwohl in Wirklichkeit abgesehen von den Telefongesprächen in den letzten Tagen seit dem letzten Kontakt bereits einige Monate vergangen waren. Endlich sagte Taskul das, was Cristobal schon lange hören wollte.

››Erstmal rein mit euch. Ich helf’ dir mit unsrer Schlafmütze.‹‹

Beide mussten lachen, während sie den (mehr oder weniger) bewusstlosen Amion in das Haus und die Treppenstufen hinauf schleppten. Dicke Rauchschwaden kamen Cristobal bereits im Treppenhaus entgegen, da die Türe der Bude des dauerrauchenden Taskul im ersten Stock sperrangelweit offen stand.

Dieser Taskul war wirklich unglaublich und wohl der einzige Mensch, der so gut wie ständig stoned war. Aus Taskuls Wohnung drang ein Lied, das Cristobal noch nie gehört hatte. Als wisse das der kleine schmächtige Taskul, der froh war, als er in seinem Zimmer Amion endlich loslassen konnte, sagte er schnell: ››Kennst du diese Band?‹‹

Fragend sah er Cristobal mit einem Blick an, als schneide er ihm den Kopf ab, wenn er genau den jetzt schütteln sollte. Doch Cristobal tat genau das. Sein schwarzes Haar schlug wild herum. Irgendwie fand er den Sound nicht schlecht. Er hatte sich noch nie viel aus Spanischer Folklore und all diesem Käse gemacht und ganz offensichtlich war das, was da aus den Boxen in ihre Ohren geschleudert wurde, glücklicherweise nicht aus Spanien.

››Na, ich war vor ’ner Weile in Deutschland‹‹, sagte er so laut, als müsse es die ganze Welt wissen.

Interessiert dreinblickend nickte Cristobal. Die Musik aus den Boxen gefiel ihm immer besser.

››Also, und da hab’ ich so ’nen Typen getroffen, der andauernd von denen gequatscht hat. Dachte, könnt’ nichts schaden, da mal rein zu hören.‹‹

Irgendwie war Taskul einfach witzig. Er brauchte dazu überhaupt gar keine Witze zu reißen. Das kam schon durch sein ganzes Äußeres.

››seems it’s over‹‹, sang der Sänger mit leicht melancholischer Stimme gerade.

››Das sind die Bates. Coole Band, ham aber auch den Löffel abgegeben, wie so viele gute Gruppen.‹‹

Damit war das Gespräch bereits beendet, während der Sänger zu einer hektischen und schnellen anderen Nummer sang. Die Gitarren wurden wild gespielt.

Da waren sie also, in Taskuls Reich und Cristobal wurde schon alleine vom Geruch etwas schwindelig. Sie mussten bereit sein, besser gestern als heute. Aber es sollte wohl doch erst morgen etwas daraus werden, obwohl ›Der Herr‹ immer wieder so eindringlich den Befehl des Starts sendete. Weiter entwich die Musik der Bates aus den Boxen und Cristobal gewann diese Band so langsam lieb.

Taskul war in das kleine Bad verschwunden (Cristobal meinte jedes Mal aufs Neue, dass es darin irgendwie nach Rattendreck stank), da er Amion etwas für dessen Gesicht, das nun so sanft und bleich aussah, bringen wollte. Schließlich kam er mit einem kleinen giftgrünen Waschlappen zurück in den Raum, bewegte den eigenen Körper passend zur packenden Musik und hatte sein dämliches Grinsen aufgesetzt. Er sah einfach höllisch komisch aus.

Doch höllisch komisch war nicht gerade das, als was man die nun ausbrechende Gefühlsregung in Cristobal bezeichnen konnte.

››Das ist doch zum Mäusemelken, Taskul. Dieser verdammte Auftrag. Wir haben keine Wahl. Der Scheißtyp ist zu mächtig. Verflucht, wann erfahren wir Weiteres? Wir verlieren so viel gottverdammte Zeit, und du stehst hier und grinst vor dich hin, als gäbe es dafür etwas zu gewinnen.‹‹

Cristobal hatte keine Ahnung, weshalb er diesen kurzen Anfall von Wut empfand. Irritiert sah Taskul ihn an. War das Cristobal José Sanchez, den er eigentlich so sympathisch fand?

Taskul wischte Amion weiter mit dem Waschlappen über das Gesicht. Sehr langsam gewann dieses wieder ein wenig an Farbe.

››Okay, dann versuch’ ich, zu weinen, wenn dir das lieber ist. Ich weiß nicht, was mit dem Typen los is’. Vielleicht wurde er vom Blitz getroffen und hat jetzt ’n Schaden da oben. Jedenfalls krieg’ ich keine brauchbaren Infos von dem Idioten. Du ja wohl auch nicht. Sollen wir jetzt aufbrechen, den lieben Cartez durch die Gegend schleifen und in der Nase popeln? Mann, du könntest echt mal ’ne Tüte vertragen, mein Freund. Entspann’ dich und zieh’ dir die Musik rein!‹‹

Gutes Stichwort: Die Band aus den Boxen spielte ihnen nun ihr bombastisches ››Always the same‹‹, von dem nun auch Amion einige Brocken aufschnappte, die sich ihm ins Ohr fraßen.

››Jaja, Taskul, is’ ja schon gut. Der wird sich schon melden. Aber is’ doch zum kotzen, der lässt uns nicht mehr in Ruhe, der Typ. Könnte mir besseres vorstellen, als auf irgend ’nen Auftrag zu warten. Da kann ich mir nix von kaufen. Die ewige Warterei nervt einfach. Hey, das Album musst du mir ausleihen, alles klar?‹‹ beendete er seine Rede und warf nun Amion einen kurzen Blick zu.

(IRGENDWANN MACHEN SIE ALLE FEHLER. FRÜHER ODER SPÄTER.)

Was? Cristobal sah sich in alle vier Richtungen um. Nichts, der bescheuerte Auftraggeber! Er sah wieder zu Taskul, der überhaupt keine Reaktion auf das zu zeigen schien, was Cristobal zutiefst erschreckt hatte. Anscheinend amüsierte sich der widerliche Typ diesmal einzig und alleine in seinem Kopf.

(IRGENDWANN MACHEN SIE ALLE FEHLER. FRÜHER ODER SPÄTER.)

Wieder diese gottverdammte Stimme des ›Herrn‹. Er dachte, er höre einige Menschen lachen und begleitet von einer akustischen Gitarre Lieder singen. Dann löste sich das Ganze sanft und langsam in Luft auf. Cristobal verstand nicht, was das sollte. Er war inzwischen außerordentlich genervt und noch irritierter. Taskul blätterte in irgendeinem Buch herum, das von einer ›8‹ geziert wurde. Weil ihn gerade alles tierisch ankotzte, leistete Cristobal nun dem neben ihm noch immer vor sich hin dösenden Amion ein wenig Gesellschaft und schloss die Augen.

Dr. Loris Andretto brach in schallendes Lachen aus und hatte seinen Heidenspaß daran, diese Verlierertypen zu sehen. Wie sie sich selbst betäubten und ins Aus setzten. Sie waren wichtig für ihn, oh ja. Alles würde funktionieren. Er liebte es, Cristobal, diesem hirnverbrannten Idioten, mit den an ihn telepathisch gesandten Bilderfetzen immer wieder zu quälen und zu irritieren, auch wenn der Typ im Moment vor sich hin schlummerte, wie er sah. Bald – sehr bald – würde er ihm die kompletten Erinnerungen an letzte Nacht in High Definition und Dolby Surround 5.1 senden. Beim Gedanken daran verstärkte sich sein höhnisches Lachen und ein Grinsen der Vorfreude drang in sein merkwürdig undeutliches Gesicht.

Er – ›Der Herr‹ – spürte, dass sich für ihn nun endlich bald alles verändern würde. Das war sehr gut, da all seine Qualen und Schmerzen bald der bescheuerten Vergangenheit in Schwarz-Weiß angehören würden. Nun war fast die Zeit gekommen, den deutlichen und klaren ersten Befehl auszusenden…

Taskul war der einzige der drei, der wach geblieben war. Er las weiter in dem schwarzen Buch mit roter Schrift auf dem Cover und lächelte, wenn er zwischendurch seine beiden schnarchenden Kumpels ansah. Taskul dachte sich, dass die Erfüllung irgendeines Auftrags im Moment ungefähr so aussichtsreich erschien wie das Fliegen eines Elefanten. Während er in der einen Hand das Buch hielt, brannte zwischen zwei Fingern der anderen ein Joint, an welchem er immer wieder längere Züge nahm. Und irgendwann schlief dann tatsächlich doch auch Taskul ein. Ein wahrhaftig schlafsüchtiger Haufen, den sich ›Der Herr‹ da auserwählt hatte.

Um kurz nach elf Uhr an diesem Abend war Amion der erste, der wieder in die Realität zurückgeworfen wurde. Er richtete sich etwas auf, versuchte es zumindest, bis er merkte, dass er nicht alleine hier lag. Dennoch fühlte er Einsamkeit und das war ganz und gar kein gutes Zeichen. Cristobal lag teilweise über ihm, da er im Schlaf zur Seite gekippt zu sein schien.

Amion riss seine Schulter unter Cristobal hervor. Damit löste er zum einen aus, dass Cristobal fluchend ebenfalls erwachte, zum anderen, dass Taskul erschreckt hochfuhr und sich hektisch in alle Richtungen umsah. Er verhielt sich, wie es ein Soldat tun mochte und sah dabei so aus, als sichere er in alle Richtungen ab. Dann rutschte er etwas zur Seite und verlor bald wieder das Grinsen aus seinem Gesicht.

Ein lautes Rumpeln ertönte, als Taskul mit seinem schmächtigen Körper auf den Boden fiel. Doch jetzt waren sie alle wirklich wach. Cristobal fluchte noch immer und warf Amion einen bösen Blick zu und nun stimmte auch Taskul vorübergehend in das Fluchen mit ein. Alle drei wussten, dass sie auserkoren worden waren. War nun mal Scheiß-Schicksal. Sie würden den Auftrag ausführen, darüber gab es seltsamerweise keinerlei Diskussionen.

Sie richteten sich auf. Cristobal schmetterte ein ››Mierda‹‹ in den Raum.

››Lasst uns loslegen!‹‹ sagte Amion und sah die anderen beiden an.

Sie nickten nur.

››Ja, in Ordnung. Aber wir pfeifen uns erstmal ’n paar Burger rein, okay?‹‹ schlug nun Taskul vor.

Sie verließen wenige Minuten später Taskuls Bruchbude und verweilten mehr als eine Stunde im ›Burgerworld‹. Sie alle liebten es, Fast Food zu essen und ›Der Herr‹ schien es zu lieben, den Befehl über den Beginn ihres Auftrags stark hinauszuzögern.

 

Am Samstag herrschte schönes Wetter vor. Um 10:47 Uhr saß Amion bereits in dem alten, verbeulten und weinroten Käfer von Taskul. Amion und Taskul hatten ›Erde, Schere, Stein, Papier‹ gespielt und nun war es dank seines Sieges (er hatte Papier gewählt, Taskul den Stein) Amion, der bereits hinter dem Lenkrad Platz genommen hatte.

›Der Herr‹ hatte sich in Form seiner Stimme im Kopf von Amion breitgemacht und ihm vor etwa einer halbe Stunde erste wirklich konkrete Informationen übermittelt. Nun wusste Amion ein wenig Bescheid und die drei Chaoten waren endlich drauf und dran, den Auftrag auszuführen, auch wenn sie noch immer keine Ahnung hatten, aus was genau dieser Auftrag bestand.

Amion rauchte eine Zigarette und wartete auf Taskul und Cristobal. Taskul hatte Cristobal überzeugen können, dass er vorne sitzen wolle, da er in der alten Kiste auf dem Rücksitz sicherlich kotzen müsse, was er ihnen eigentlich dann doch ersparen wolle. Weil Cristobal etwas genervt und ungeduldig war, hatte er gleich nachgegeben und setzte sich nun mürrisch auf den Rücksitz. Grinsend und eine Melodie vor sich hin pfeifend nahm Taskul fröhlich auf dem Beifahrersitz des VW Käfer Platz.

››Faremer los. Kommt, Kameraden!‹‹ meinte Taskul, während er sich seine Haare im Spiegel betrachtete und damit begann, in seinem Haarschopf herumzufummeln.

Amion startete den Motor und kurze Zeit später befanden sie sich auf der Straße.

››Na endlich‹‹, jubelte Taskul.

››Ja. Dachte schon, wir legen erst los, wenn ihr mich aus ’m Altersheim ins Auto packt‹‹, sagte Cristobal.

››Taskul, hat dir schon mal jemand gesagt, dass du ’n komischer Vogel bist?‹‹ wurde Amion los und sah sich zu seinem Beifahrer um.

Taskul spielte, als würde er sich vor Scham in die Lehnen hinein schmelzen lassen.

››Jeden gottverdammten Tag‹‹, brachte er noch hervor.

Alle lachten für einen kurzen Moment, den jeder von ihnen für herrlich befand.

››Wo geht’s jetzt hin? Hast du’s schon erfahren?‹‹ fragte Cristobal, aus dem Fenster guckend, Amion.

Der hatte nun plötzlich ein dickes Grinsen im Gesicht.

››Seattle‹‹, sagte er kurz und knapp.

››Verdammt, das sind ja mindestens vier Autostunden von hier, warum nicht gleich Peking?‹‹ murrte es von der hinteren Sitzreihe.

Taskul und Amion lachten, Cristobal schüttelte – nun doch etwas schlecht gelaunt – den Kopf.

››Also, ich brauch’ jetzt Musik‹‹, ließ Taskul verlauten und schaltete das Autoradio an.

››Hello darkness, my old friend‹‹, sangen ihnen aus den Boxen im hinteren Teil des Autos Simon Garfunkel ihren ››Sound of Silence‹‹ entgegen.

››Mann. Wir sind doch die totale Gurkentruppe‹‹, lachte Taskul los und lauschte dem wundervollen Lied.

Irgendwie hatte er recht, der gute Taskul Drath. Bald würde die eigentliche Mission beginnen, doch noch saßen sie im Auto und prosteten sich nun mit den ersten geöffneten Bierdosen zu.

Gute Stimmung breitete sich aus. Der Sound kam über die Boxen nicht außerordentlich gut rüber. Immer wieder wurde ihnen als Zugabe zur Musik ein lange anhaltendes Knacksen mitgeliefert. Das Bier schmeckte ihnen allen sehr gut.

››…just another brick in the wall‹‹, hallte es unheimlich aus den Boxen.

Sie alle liebten den Song von Pink Floyd. Taskul erzählte seinen Freunden, im Lied sei während eines Refrains ein ››Hängt ihn höher unters Dach‹‹ in Deutscher Sprache herauszuhören. Das habe mit einem Tontechniker zu tun, der sich erhängt habe.

››Und was ist dann in Seattle, verflucht? Wieder ein paar Tage chillen, oder was?‹‹ wollte Cristobal wissen.

››Jetzt hör’ dir erstmal das Lied an‹‹, meinte Taskul grinsend.

Gespannt lauschten Amion und Cristobal weiter dem Lied, konnten aber den Quatsch mit Soße, den Taskul ihnen da aufgetischt hatte, nicht bestätigen.

››Scheiße, diese Rücksitze sind einfach die einzige Katastrophe‹‹, gab Cristobal von sich und als keiner irgendwie reagierte, lauschte er weiter der Musik.

Sie rasten vorbei an vertrockneten Gebieten und Drive Inns und es war kurz nach zwölf Uhr, als sie erst ein Drittel der Strecke hinter sich hatten. ››Brothers in Arms‹‹ von Dire Straits erfüllte das Innere des Käfers und Cristobal, der den Song sehr liebte, hatte für eine Weile die Augen geschlossen und lauschte nun sehr intensiv der Musik. Immer wieder prosteten sie sich zu und auf der Interstate herrschte nicht übermäßig viel Verkehr.

Normalerweise würden sie gegen drei Uhr am Nachmittag Seattle erreicht haben. Taskul drehte sich kurz nach dem letzten Schluck des Billigbiers (er selbst hatte die Dosen im letzten Moment aus seinem kleinen – mit Aufklebern von Bands verzierten – Kühlschrank genommen und seinen Freunden im Käfer mit Stolz präsentiert) einen Joint. Amion und Cristobal hingegen waren vertieft in unterschiedlichste die Zeit verkürzende Gespräche und lauschten nebenbei, immer wieder etwas Bier trinkend, der ausgesprochen guten Musik. Taskul zündete sich den Joint an, während es draußen immer schneller dunkel wurde, da sich ein Unwetter ausbreitete.

Bald würde der Himmel von der Dunkelheit, die von den düsteren Wolken verursacht wurde, zumindest für einige Zeit aufgefressen sein. Amion konzentrierte sich voll und ganz auf den Verkehr, während Taskul – dieser irre Bastard – schon wieder einen rauchte. Immer wieder warf ihm Amion böse Blicke zu. Cristobal hatte wohl keine große Lust mehr auf die Unterhaltung. Aus dem Radio erklangen nun Nirvana mit ihrer tollen Nummer ››Lounge Act‹‹ und alle drei bekamen die Botschaft über ihren vierten Mann von Dr. Loris Andretto in ihren Köpfen mit. Doch keiner sagte etwas. Die Zeit ging nur sehr langsam vorbei.

››Find’ ich wirklich dufte, dass du dich schon wieder benebeln musst‹‹, meinte Amion, während er mit dem Zeigefinger der rechten Hand zum Takt der Musik aufs Lenkrad tippte.

Taskul schien dieser Kommentar nicht weiter zu stören, denn er machte sich wieder an seinem Joint zu schaffen. Die Bierdose hatte er vor wenigen Augenblicken aus dem Fenster geschmissen, nun räucherte er weiter das Wageninnere ein.

Der Radiosender schickte ununterbrochen gute Musik in die Ohren seiner Zuhörer und schien einer Fantasie zu entstammen. Taskul ließ seinen Kopf zurückfallen und warf nun Amion – vielleicht wegen dessen komischen Kommentars – einen merkwürdigen Blick zu. Möglicherweise hatte er es doch etwas übertrieben in letzter Zeit. Sein Kopf fühlte sich seltsam leer an und ihm wurde etwas schwindelig. Die Melodie des Songs fraß sich in seine Ohren.

Mit einem Mal schlug Amion nun Taskul den Joint aus der Hand. Die Tüte wurde vom Wind sofort aus dem etwas geöffneten Seitenfenster gerissen. Hinfort, um irgendwo einen neuen Heimatplatz zu finden.

››Schluss mit dem Quatsch, Taskul. Wir müssen uns, verdammt noch mal, konzentrieren. Du musst klar im Kopf bleiben‹‹, sagte derselbe Amion, der sich vor anderthalb Tagen selbst komplett aus der Welt geschossen hatte.

Er erntete einen zornigen Blick von Cristobal, der sich an die Scheiße des Vortags nur zu gut erinnerte und nahm einen langen Schluck des Bieres. Oh ja, er ging wahrlich gut mit seiner Verantwortung hinter dem Steuer um. Witziger weise sang nun Bob Dylan sein ››Rainy Day Women # 12 35‹‹ aus den Boxen.

Um kurz nach fünf Uhr am Abend näherten sie sich endlich langsam dem Stadtkern von Seattle. Ihnen allen taten die Köpfe weh. Auf einem Parkplatz vor einer großen Spielhalle hielt Amion an und bat seine Freunde, jetzt auszusteigen.

››Hier? Wir sollen hier raus? Aber verdammt…‹‹

Mehr konnte Cristobal nicht sagen. Taskul rüttelte ihn an der Schulter.

››Raus mit dir, Kumpel. Amion hat Recht, wir sind da. Ich hab’s selbst auch übermittelt bekommen.‹‹

Mit leicht genervtem Blick gehorchte Cristobal schließlich der Bitte der beiden, obwohl auch er sehr genau wusste, dass sie an ihrem vorläufigen Ziel angelangt waren. Amion stand bereits vor dem Käfer, streckte sich in alle Himmelsrichtungen und gähnte einen Teil der Müdigkeit aus sich heraus.

››Scheiße, als nächstes fährt einer von euch‹‹, meinte er.

Irgendwie hasste er das Autofahren, war zugleich aber immer wieder auch davon begeistert. Als Taskul und Cristobal ebenfalls ausgestiegen waren, schlug Taskul die Autotür kräftig zu. Für einige Momente war währenddessen Amion wieder in eine andere Welt getaucht. Dann schien er sich zu besinnen, schloss die Fahrertüre ab und schmiss den Schlüssel Taskul zu. Grinsend schloss auch dieser die Tür des Käfers ab.

››Na dann, legen wir los‹‹, gab Amion von sich.

Sie standen auf dem Parkplatz und sahen sich wie völlig Desorientierte in alle Richtungen um. Sie hatten absolut keinen Plan. Amion deutete den anderen beiden die Richtung an. Er ging leicht in sich gekehrt zwei Schritte vor ihnen her. Er verspürte Angst, da er für einige wenige Momente erblickt hatte, was die drei in nur allzu naher Zukunft erwartete. Und das war alles andere als beruhigend. Dennoch sagte er Taskul und Cristobal, die hinter ihm her gelatscht kamen, nichts davon. Nicht jetzt und auch nicht später sollte auch nur irgendeine Äußerung rund um jene beängstigenden Bilder über seine Lippen gelangen. Das Ganze war auch so schon schwierig genug.

So liefen sie entlang, entfernten sich vom Auto mit jedem zurückgelegten Schritt noch mehr und wussten noch immer nicht, wann und wie der ganze Mist starten und ablaufen würde. Taskul pfiff mal wieder vor sich hin, während sich sein Blick im Ausschnitt einer jungen Frau verfing, die an einer Bushaltestelle stand, nervös eine Zigarette rauchte und offenbar auf den Bus wartete.

››Komm jetzt, Taskul!‹‹

Amion riss den Blick von Taskul vom Ausschnitt der Frau los, worauf dieser Amion eine Grimasse schnitt und weiter vor sich hin pfiff.

Amion hatte Angst. Er hatte etwas gesehen, das der verdammte ›Herr‹ ihm gesendet hatte. Jetzt würde der ganze Scheiß erst so richtig beginnen. Er fand eine Zigarette in einer seiner Taschen und zündete sich den Sargnagel an. Er konnte das verdammte Scheißteil jedoch vergessen, da der Glimmstängel an der Seite Einrisse hatte. Und das konnte er nun wirklich nicht leiden. Wenig später hatte er eine andere brennende Zigarette im Mundwinkel.

››Folgt mir einfach‹‹, schmiss ihnen Taskul seltsam fröhlich die Worte entgegen.

Er war nun ganz vorne und lief zielgerichtet auf etwas zu. Amion und Cristobal folgten ihm, kamen ihrem Freund aber kaum hinterher. Er schien es überhaupt nicht abwarten zu können, an das Ziel zu gelangen. Amion vertraute Taskul und eigentlich auch Cristobal.

Sie würden ein gutes Team sein, da war er sich sicher. Außerdem hatten sie gar keine Wahl gehabt. Mit diesen Gedanken marschierte Amion hinter Taskul her und warf einen Blick auf Cristobal hinter sich.

››Seht ihr die Bar da vorne?‹‹ fragte Taskul die beiden.

Sie nickten nur, ganz blind waren auch sie nicht. Taskul schien zufrieden zu sein.

››Gut. Da gehen wir jetzt rein. Verdammt, es ist schon kurz vor sechs.‹‹

Er winkte sie zu sich heran, um ihnen zu verdeutlichen, dass sie sich etwas beeilen sollten. Sie überquerten die Straße, auf der viel Verkehr herrschte. Die Luft war sehr feucht und Regen deutete sich an.

››Was wollen wir da drinnen?‹‹ fragte Cristobal.

Taskul schien im Augenblick, obwohl als letzter von ihnen auserkoren, am meisten zu wissen.

››Eins nach dem anderen. Werden wir noch früh genug erfahren‹‹, sprach Taskul.

Ein Ford konnte im letzten Moment abbremsen. Cristobal blieb einfach vor dem Auto stehen und starrte dem erschrockenen Fahrer in die Augen. Taskul hingegen war bereits beim Eingang der Bar angelangt und hatte sich wegen dem Quietschen der Reifen des Fords umgedreht. Cristobal, dieser Spinner!

››Scheißopa, soll ich dir den Weg zur Führerscheinstelle mitteilen?‹‹ zischte Cristobal, aber er sprach nicht ohne Humor in der Stimme.

Der ältere Fahrer wischte mit der Hand vor seinem Gesicht und zeigte Cristobal dann den Vogel. Amion riss seinen Freund gerade rechtzeitig von der Straße, sodass der die Reaktion des Fahrers gar nicht mitbekam.

››Wir haben nicht mehr ewig Zeit.‹‹

Immer mehr fühlte sich Cristobal ins Aus gedrängt. Irgendwie wussten sie mehr als er. Taskul hatte eine Information erhalten, die Amion bisher höchstens erahnen konnte.

Während Cristobal nun endlich die Straße verließ und in einen Kaugummi auf dem Bordstein trat, lachte Amion über dieses kleine Missgeschick von Cristobal. Taskul wusste im Moment viel mehr, als sie beide ahnten. Aber er wollte, verdammt noch mal, überhaupt nicht wissen, was ›Der Herr‹ ihm soeben in den Kopf eingepflanzt hatte und es ließ ihn am ganzen Körper zittern. Das konnte einfach nicht wahr sein! Er sah abwechselnd zuerst den lachenden Amion, dann Cristobal an, der nun offensichtlich seine kurze Flucherei wieder eingestellt hatte.

Was ›Der Herr‹ ihm mitgeteilt hatte, war zu absurd, um wahr zu sein. Das hoffte er von ganzem Herzen.

Interessiert sah Cristobal auf den Eingang der Bar. Nein, bisher war er nicht wertvoll für diesen Auftrag, was auch immer für ihn gesprochen haben mochte. Amion und Cristobal erreichten nun ebenfalls die Eingangstüre. Ein junges Paar kreuzte ihren Weg und begann zu lachen, als es Taskul Drath, Amion Cartez und Cristobal Sanchez erblickte. Die drei beachteten das Paar überhaupt nicht.

››Welcome to heartlight‹‹ sang ihnen, die sie nun die Bar betraten, in der alles seinen Beginn nehmen sollte, Kenny Loggins entgegen. Sie ließen sich an einem kleinen runden Tisch im hinteren linken Eck am Fenster nieder. Noch immer sang ihnen Kenny Loggins schöne Textzeilen seines Liedes entgegen.

››Nicht einmal übel, das Teil‹‹, meinte Amion.

››Hast Recht. Hier lässt es sich eine Weile aushalten‹‹, entgegnete Taskul.

Cristobal sagte nichts, sondern saß noch immer nur so da, sah vor sich hin und fraß etwas in sich hinein.

Eine ziemlich üppig ausgestattete junge Bedienung kam auf die drei etwas seltsam dreinblickenden Männer zu. Sie wünschte sich den Feierabend herbei, doch es war ohnehin bereits wenige Minuten nach sechs und sie hatte folglich nicht mehr ganz eine Stunde zu arbeiten.

››Ist ja alles in Ordnung, aber…‹‹

Amion warf der Bedienung, die noch etwa drei Meter von ihnen entfernt war, einen freundlichen Blick zu, der weit mehr als nur freundlich war.

››Wo bleibt aber dieser andere Kerl?‹‹ fragte Amion.

Kurz sah Taskul ihn genau an, schien ihn unter die Lupe zu nehmen. Dann öffnete er den Mund und erzählte den beiden, dass sich noch einiges ändern würde.

››Also, der Kerl…‹‹, begann er, brach jedoch dann abrupt ab.

Die Bedienung legte den dreien nun eine einzelne Speisekarte hin, die von den vielen Handgriffen bereits sehr fettig und wohl zum letzten Mal vor dreiundzwanzig Jahren abgewischt worden war. Angeekelt nahm Cristobal die Finger davon. Er sah Taskul an, der gerade etwas hatte loswerden wollen. Amion hingegen blickte der Bedienung lange Zeit auf deren Hintern. Erst, als Taskul wieder zu sprechen begann, drehte er sich um und lauschte gespannt dem, was Taskul noch zu erzählen hatte.

››Dieser Typ wird bald hier sein. Er ist unser vierter Mann. Gewöhnt euch daran!‹‹

Amion und Cristobal sahen Taskul ungläubig an, während sich Cristobal die fettigen Finger an der bereits beigen Tischdecke sauberwischte. Es lag auf der Hand, weshalb die ursprünglich weiße Tischdecke (die wohl ebenfalls seit dreiundzwanzig Jahren nicht mehr gewaschen worden war) diese Färbung angenommen hatte: Vor ihm mussten schon einige andere ins Fettnäpfchen getappt sein, als sie die schmierige Karte in die Hand genommen hatten. Als er das Fettige zum größten Teil abgewischt hatte, fühlte er sich zumindest ein klein wenig besser.

Vor Amions Augen spielten sich Szenen des vorigen Tages ab. Er sah dieses pervers grinsende zähneklappernde Skelett. Er sah die erregten Frauen. Er sah diesen widerlichen falschen Weihnachtsmann (womit nicht gesagt sei, dass es einen echten gäbe!). Schnell wurde er wieder aus diesen seltsamen Erinnerungen gerissen. Cristobal schmiss ihm eine Zigarette zu.

Stunden zuvor, am selben Tag in Hitchten…

››Scheiße‹‹, zischte der große Mann in seinem schwarzen und etwas zerknitterten Mantel, dann blickte er auf das Gebäude. Er hasste diesen Schuppen von ganzem Herzen. Er hasste dieses Ding so abgrundtief, dass er manchmal annahm, er würde dieses Gebäude und seine „Insassen“ lieben. Er schlug die Tür seines Pickup zu und hatte zu dieser noch jungfräulich anmutenden Tageszeit noch ein paar Minuten Zeit. Daher blieb er – die morgendliche frische Luft einatmend – einige weitere Augenblicke direkt vor dem riesigen, hässlich beigen Bauwerk stehen.

Ein Hupen zerriss das Band der Stille mit einem Mal. Tom Degunga drehte sich ruckartig um und erblickte Erika Satanga, die freudig aus dem Seitenfenster ihres Wagens in seine Richtung winkte. Er hasste diese Frau und er hasste noch mehr ihre dämlichen Spielchen. Bald drehte er sich wieder um und marschierte weiter in Richtung des Haupteingangs.

Erica Satanga blickte ihm noch eine ganze Weile nach. Sie war aufs Äußerste verwundert über sein Verhalten. Natürlich war ihr nicht vorenthalten geblieben, wie Degungas Frau vor wenigen Monaten einem brutalen Raubüberfall auf offener und gut bevölkerten Straße am helllichten Tag zum Opfer gefallen war. Die Beute waren drei Dollar und vierundzwanzig Cents gewesen. Ein billiges Leben. Erica Satanga seufzte tief ins Innere ihres Wagens und schob diese frustrierenden Gedanken zur Seite, um einen Parkplatz zu ergattern.

Tom Degunga erreichte die grauen Steinstufen, die zum Eingang des Gebäudes führten. Er blickte für kurze Zeit dem wolkenverhangenen Himmel entgegen und stieg dann die Treppenstufen empor. Mit jedem Schritt, durch den er dem Eingang näher kam, steigerte sich – wie fast immer – sein Herzschlag.

››Guten Morgen, Tom. Bist aber früh dran heute‹‹, meinte Ed Howstein und präsentierte dabei sein penetrant widerliches Grinsen.

››Morgen, Ed‹‹, grub Tom das letzte bisschen Höflichkeit aus sich heraus und blickte dann wieder den Haupteingang an.

Obwohl es noch recht kalt war in der Morgenluft von Hitchten, bildeten sich die ersten Ansammlungen von dicken Schweißperlen auf seiner Stirn. Wie sehr er es doch hasste, Tag für Tag diese Stufen emporzusteigen und durch den Eingang – die Pforte zur Hölle – diesen düsteren Ort zu betreten.

Ja, dachte er sich etwas grinsend, lieber würde ich jedes verdammte einzelne Klo von Hitchten mit meiner bloßen Hand putzen, als in diesem Gebäude zu sein.

Und dann änderte sich schlichtweg alles. Er empfing die Stimme des ›Herrn‹.

(GUTEN TAG, TOM. ICH BITTE DICH, NUN ZURÜCK IN DEIN AUTO ZU STEIGEN. DU WIRST TEIL EINES AUFTRAGES SEIN. BITTE VERZICHTE DARAUF, MICH DAZU ZU BEWEGEN, DIR SEHR WEH ZU TUN!)

Was zur Hölle? Tom blieb verdattert stehen und blickte in Richtung Himmel.

(NEIN, DER VERDAMMTE HERRGOTT BIN ICH NICHT, FALLS DU AN SOLCHE AMMENMÄRCHEN GLAUBEN SOLLTEST. ICH MÖCHTE, DASS DU TEIL EINER GRUPPE VON MENSCHEN WIRST. ANSONSTEN REISSE ICH DIR DIE KEHLE AUF. HIERFÜR KANN ICH MICH JEDER PERSON ALS HANDLANGER BEDIENEN, DIE MIR VORSCHWEBT. WIE WÜRDE ES DIR GEFALLEN, WENN DIE NETTE ERICA SATANGA DEIN LEBEN AUSLÖSCHT? DEIN LEBEN IST PRIMITIV UND KEINEN PFIFFERLING MEHR WERT. ICH HELFE DIR DADURCH.)

››Was soll das?‹‹ stotterte Tom und ließ sich auf die Treppenstufen hinab.

››Wer bist du?‹‹ fragte er scheinbar den Himmel.

Derart viele Sätze am Stück zu übermitteln schmerzte Dr. Loris Andretto in enormem Ausmaß. Für Augenblicke starrte er in seinen Breitbild-Fernseher, der satte hundertzwanzig Zentimeter Bilddiagonale aufzuweisen hatte, an der Wand aufgehängt war und ihm nun zur Belustigung einen äußerst üblen Hardcorestreifen präsentierte. Obwohl ihm danach war, sich dem auf dem Bildschirm Dargebotenen hinzugeben, setzte er seine Aussendungen an jenen Typen fort, der längste Zeit seines Lebens Lehrer am College gewesen war.

(ZUR HÖLLE! DU MUSST NACH SEATTLE! DORT WARTEN AMION, CRISTOBAL UND TASKUL HEUTE ABEND IN EINER BAR AUF DICH. DEN REST ÜBERMITTLE ICH SPÄTER. ODER WÜRDEST DU NUN GERNE STERBEN? ICH KANN DIR DIESEN WUNSCH GERNE ERFÜLLEN. ICH HABE IM MOMENT WICHTIGERES ZU TUN. DIES IST DEINE EINZIGE CHANCE, AM LEBEN ZU BLEIBEN.)

Nun dachte Tom, auch wenn er überhaupt nichts mehr verstand, an sein vollkommen beschissenes Leben und spürte zudem, dass er keine Wahl hatte. Was hier geschah, das verstand er nicht. Und dennoch wusste er, spürte diese Tatsache in jeder Faser seines Körpers: Die Stimme war echt. Er musste zu Taskul, er musste zu Cristobal, er musste zu Amion.

In Seattle würden sie auf ihn warten, hatte diese brutale und doch gemäßigt zugleich klingende Stimme jenes unbegreiflichen Etwas in seinem Kopf gepoltert. Er hatte keine Ahnung, was und weshalb er etwas zur Erfüllung irgendeines ominösen Auftrages beitragen sollte. Er vermutete sein Sterben als beschlossene Sache, ob er nun befolgte, was diese pochende Stimme in seinem Kopf befohlen hatte, oder nicht.

Sein Entschluss stand – so wenig er das selbst begreifen konnte – sehr schnell fest: Er würde den Befehl befolgen, auch wenn er bis vor wenigen Augenblicken von nichts eine Ahnung gehabt hatte. Mit einem Mal, als ihm das auf seltsame Weise befohlen worden war, wusste und spürte er, dass das seine Bestimmung war. Er musste an seine tote Frau Miranda denken, die für vielleicht ein Päckchen Lucky Strike auf bestialische Art und Weise ermordet worden war. Knall!!! Peng!!!, in den Kopf geschossen. Die ängstlichen Passanten, die gesehen hatten, wie der Kerl die Waffe auf ihren Hinterkopf gerichtet hatte, waren ganz gemütlich weiterspaziert. Diese unschöne Begebenheit ging sie ja schließlich nichts an. Weshalb in einem anderen Hof als dem eigenen kehren?

Ja, er würde den Befehl befolgen, so irre das Ganze auch war. Was hatte er schon noch zu verlieren? Er würde nach Seattle fahren, zu irgendeiner Bar, von der er noch keine Ahnung hatte, wo sich diese befand. Die Namen der Typen kannte er bereits. Und er wusste, dass er gar keine Wahl hatte. Das war nicht viel.

(WIRST DU DEM AUFTRAG BEIWOHNEN?), krachte die Stimme, von innen an seine Schädeldecke schlagend, wieder los.

››Verdammt, ja‹‹, entgegnete Tom Degunga und marschierte an der ihn anstarrenden Erica Satanga vorbei zurück zu seinem orangenen Pickup.

(NUN GUT, ICH FREUE MICH ÜBER DIESE WEISE WAHL), übermittelte ›Der Herr‹, während er auf die Rothaarige im Hardcorestreifen starrte. Für den Moment war er zufrieden und zudem in mehrerlei Hinsicht außerordentlich erregt.

Tom hatte seinen Wagen erreicht, betrachtete das vor Tagen (wahrscheinlich von wütenden Schülern) eingeschlagene Seitenfenster am Beifahrersitz und schloss nach einigen Momenten die Fahrertür des Pickup auf. Um eine neue verdammte Fensterscheibe würde er sich kümmern müssen, dachte er. Dann sprang ihm sein bemitleidenswerter Kontostand vor Augen und er schloss für Momente total frustriert die Augen.

››Oh ja, warum nicht gleich das Scheißteil gegen einen Porsche eintauschen? Die Kohle hab’ ich ja.‹‹

Er starrte in den Rückspiegel und begriff erst jetzt, dass er wieder mal laut mit sich selbst sprach. Ihm war aufgefallen, dass die Einsamkeit der letzten Monate nach und nach dafür gesorgt hatte, dass er des Öfteren laut vor sich hin plapperte.

Stunden später, in Seattle…

››Mann, wo bleibt der bloß?‹‹ fragte Taskul in die Runde.

Er bekam nur zwei versteinerte Gesichter zu sehen, aus denen die reinste Ratlosigkeit zu lesen war. Es war zwölf Minuten nach sechs Uhr am Abend. Sie hatten einige Bier und sechs Sandwiches bestellt und warteten einerseits auf ihre Bestellung und Tom Degunga, andererseits auf das Lied, welches als nächstes folgen würde. Das war ››Enter Sandman‹‹ von Metallica.

››Schon komisch, das alles. Bin mal gespannt, was als nächstes passiert. Seit wann hört ihr eigentlich diese verfluchte Stimme?‹‹ wollte Taskul wissen.

››Verdammt, Taskul! Als nächstes kriegst du gleich eine in die Visage geschossen. Das hier ist kein Film, kein verdammter Traum, kein bescheuertes Computerspiel. Die Stimme ist Realität. Diese ganze Warterei find’ ich zum kotzen, red’ nicht daher, als wenn wir hier ’nen Ausflug machen würden. Sei lieber ruhig und warte ab‹‹, donnerte Amion los.

››Also, diesen Degunga kennt keiner von euch?‹‹ fragte Cristobal und sah die Bedienung mit dem gefüllten Tablett wieder erscheinen.

Er freute sich und hatte Heißhunger. Auch ein klein wenig auf diese wunderschöne Frau, wie er sich eingestand. Würde Degunga erscheinen? Schweigen. Dann wurde das Tablett abgestellt und jeder von den dreien nahm sich, was er bestellt hatte. Sie prosteten sich zu und lauschten der Musik. Wo blieb dieser Kerl? Die große Blondine verschwand. Sie war an einen anderen Tisch beordert worden und nahm nun die Bestellung auf, während sie weiter auf ihrem Kaugummi herum kaute.

Der Vierte war nach wie vor unterwegs. Was wirklich geschehen würde, blieb auch ihm noch vorenthalten. Für Momente kamen ihm Zweifel dem gegenüber, was er hier eigentlich tat. Zweifel sich selbst gegenüber. Warum hatte er nur auf diese gottverdammte Stimme gehört? Das war doch verdammt lächerlich. Dennoch gehorchte er ihr. Er wusste, er hätte sich nicht verweigern können. Dazu klang einfach zu viel Macht in der Stimme mit.

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