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Frei für eine neue Liebe?

1. KAPITEL

Regan Jantz schnappte sich ein Champagnerglas vom Tablett des Kellners, der gerade vorüberging, und suchte sich eine ruhige Ecke im Saal. Von hier aus konnte sie ungestört die einheimischen Geschäftsleute und japanischen Gäste beobachten.

„Ziemlich anstrengend, oder?“

Erschrocken drehte sich Regan in die Richtung, aus der die dunkle, angenehme Stimme gekommen war. Deren sympathischer Besitzer blickte Regan lächelnd an. Sie war also nicht die Einzige, die sich hierher verzogen hatte, um sich aus dem Partygetümmel zu befreien.

Während sie souverän zurücklächelte, musterte sie den auffällig großen und schlanken Mann verstohlen. Seine Haltung strahlte Selbstbewusstsein aus, seine Gesichtszüge waren markant, und er trug einen feinen Anzug. „Wie bitte?“

Er beugte sich zu ihr und flüsterte ihr leise zu: „Sie wirken nicht gerade, als würden Sie sich amüsieren.“

„Oh.“ Regan wich einen Schritt zurück. Er mochte ja vielleicht gut aussehen, eine angenehme Stimme und ein umwerfendes Lächeln haben. Trotzdem zog sie es vor, Distanz zu halten. Schließlich kannte sie ihn nicht.

„Ich habe mich leider etwas verspätet. Hoffentlich dauert das Ganze nicht zu lange“, murmelte sie mit einem Blick auf ihre Uhr. Sie wollte unbedingt zu Hause sein, bevor ihre Söhne schliefen. „Obwohl ich natürlich fest davon überzeugt bin, dass dies ein sehr erfolgreicher Abend wird“, fügte sie schnell hinzu und versuchte, möglichst charmant zu klingen. Vielleicht gehörte der attraktive Fremde zu den Organisatoren dieser Veranstaltung, und sie wollte nicht unhöflich sein.

Er nippte an seinem Glas und beobachtete schweigend die Gäste im Saal. Dann fragte er sie: „Glauben Sie, dass die neue Touristenroute eine gute Idee ist?“

„Aber ja, natürlich!“ Ihre Begeisterung war echt.

Anlässlich einer Tourismus-Konferenz hatte das Fremdenverkehrsamt von Port Lincoln zu dieser Cocktailparty eingeladen, um das neueste Projekt vorzustellen. Port Lincoln lag am Südende der südaustralischen Halbinsel Eyre Peninsula. Das gesamte Gebiet sollte in eine attraktive Freizeitlandschaft verwandelt werden, um mehr Touristen anzulocken. Vor allem japanische Urlauber sollten angesprochen werden.

„Ich finde, das ist wirklich eine großartige Idee“, ergänzte sie aufrichtig.

Normalerweise hätte sie die kurze Unterhaltung an diesem Punkt beendet. Doch anders als die meisten hier schien er wirklich Interesse an einem Gespräch über die neuen Pläne zu haben. Also fuhr sie fort: „Allerdings bin ich mir nicht ganz sicher, ob ich in das Projekt einsteigen soll.“

„Warum nicht? Was machen Sie beruflich?“

„Ich betreibe eine Thunfischfarm.“ Während sie einen Schluck Champagner nahm, betrachtete sie seine Augen. Sie waren freundlich und braun – nicht so dunkel wie die ihres italienischen Exmannes, die er ihren beiden Jungs vererbt hatte. Dieses Braun war warm und golden. Die Farbe erinnerte sie ein bisschen an den Honig, den ihr Sohn Cory so gerne zum Frühstück aß.

„Wissen Sie, die meisten Touristen finden es sicher neu und faszinierend, eine Seepferdchenfarm zu besuchen“, erklärte sie. „Bei einem Ausflug zu einer Austernzuchtstation dürfen sie Austern knacken und schlürfen, was natürlich etwas Besonderes ist. Aber alles, was sie bei uns zu sehen bekommen, sind, na ja, ein paar Thunfische in Gefangenschaft. Nicht wirklich aufregend, oder?“

„Ich schätze, Sie haben bestimmt eine spannende Geschäftsidee, mit der Sie viele Gäste anlocken.“

Obwohl sie natürlich ihr Bestes geben würde, war sie sich da nicht so sicher. „Und Sie, was führt Sie hierher?“, fragte sie ihn, um das Thema zu wechseln.

„Gute Freunde haben mich gebeten, sie hier zu vertreten. Die beiden bieten in Leo Bay Bootstouren zu den Robbenbänken an. Die Touristen können dort gemeinsam mit den Tieren schwimmen.“

Regan nickte anerkennend. „Dann ist die Route doch genau das Richtige für Ihre Freunde. Hatten sie heute Abend keine Zeit?“

„Ich schulde ihnen noch einen Gefallen“, antwortete er und senkte die Stimme. „Sie mögen Veranstaltungen wie diese nicht besonders.“

„Sie selbst aber schon?“

Kurz verzog er das Gesicht. „Absolut nicht. Deswegen habe ich ja gehofft, eine Leidensgenossin zu treffen, als Sie hier rübergekommen sind.“

„Auf die gesellschaftlichen Verpflichtungen des Jobs könnte ich tatsächlich gut verzichten, um ganz ehrlich zu sein. Aber manchmal geht es eben nicht anders.“

Entschuldigend lächelte er sie an. „Was das betrifft, bin ich leider etwas aus der Übung.“

„Was meinen Sie?“

„Small Talk halten. Mit Erwachsenen.“

Regan betrachtete ihn interessiert. Die feinen Linien um die Augen und den Mund ließen sein Gesicht besonders ausdrucksstark wirken. Seinen Hang zur Nachdenklichkeit konnte sie an den ausgeprägten Falten auf der Stirn ablesen. Eigentlich ungerecht – was das anging, befanden sich Männer klar im Vorteil.

Das Braun seines Haares war heller als das ihres Exmannes Giacomo, und seine lässige Frisur bildete einen reizvollen Kontrast zu seiner förmlichen Garderobe. Regan kam zu dem Schluss, dass er mit Abstand der attraktivste Mann war, den sie seit Langem getroffen hatte. Plötzlich wurde ihr bewusst, dass sie ihn wortlos anstarrte.

Verlegen blickte sie zur Seite. „Ähm, eigentlich bin ich heute Abend hier, um mein Japanisch zu verbessern. Deswegen wird es allmählich Zeit, dass ich mich wieder unter die Leute mische.“

„Es hat mich sehr gefreut, Sie kennenzulernen. Ich heiße übrigens Chase.“ Er streckte ihr seine Hand entgegen. „Chase Mattner.“

Durch den ständigen Umgang mit Geschäftsleuten kannte Regan mittlerweile jeden erdenklichen Händedruck: den kräftig-zupackenden genauso wie den ängstlich-verschwitzten. Der von Chase Mattner fühlte sich allerdings irgendwie … anders an. Klarer und verbindlicher. Sie genoss das leichte Kribbeln, das die Berührung bei ihr auslöste.

Wie albern. Jetzt dachte sie allen Ernstes über die Qualität von Handschlägen nach und fragte sich, ob dieser gut aussehende Mann vergeben war! Nicht, dass es sie überhaupt interessierte.

„Regan Jantz“, entgegnete sie.

„Vielleicht laufen wir uns später noch einmal über den Weg.“

Der Glanz in seinen Augen verriet ihr, dass er vermutlich nichts dagegen einzuwenden hätte.

Freundlich nickte sie ihm zu und ging. Auf dem Weg zurück ins Geschehen grübelte sie über seine Bemerkung nach, kein besonderes Talent für Gespräche mit Erwachsenen zu haben. Was hatte er bloß damit gemeint? Natürlich, er hatte wahrscheinlich Kinder. Na und? Wieso zerbrach sie sich eigentlich den Kopf darüber? Als sie in der Menge eine Hotelbesitzerin aus der Gegend erkannte, schob sie diese Gedanken schnell beiseite und steuerte zielstrebig auf sie zu.

Chase sah sich nach einem Kellner um, nachdem er Regan eine Weile dabei beobachtet hatte, wie sie sich gewandt von einem Grüppchen zum nächsten bewegte. Früher einmal hätte er alles dafür gegeben, einer Schönheit wie Regan Jantz zu begegnen – mit braunem Haar und blauen Augen, noch dazu gertenschlank und offenbar sehr geistreich.

Doch das war lange vorbei. Seit der Hochzeit mit Larissa hatten ihn andere Frauen nicht mehr interessiert. Und nach allem, was er seither durchgemacht hatte – Larissas Tod, die Verantwortung als alleinerziehender Vater –, hatte er mit dem Kapitel abgeschlossen.

Obwohl er zugeben musste, dass Regan ihm gefiel. Kaum hatte er sein leeres Glas gegen ein neues getauscht, schaute er sich suchend im Saal um. Tatsächlich entdeckte er Regan in einer Sitzecke, vertieft in eine Unterhaltung. Ihre Ausstrahlung und ihre Schönheit wirkten so natürlich. Wahrscheinlich gehörte sie zu den Frauen, die mit den Jahren immer attraktiver wurden.

Als sie sich ihrem Gesprächspartner zuneigte, verdeckte das dichte, dunkle Haar ihr Gesicht. Aber das Bild ihrer hohen Wangenknochen und ihrer intelligenten, leuchtend blauen Augen hatte sich bereits tief in Chase eingeprägt. Ein so klares Blau hatte er nie zuvor gesehen.

Bestimmt gab es einige Frauen, die Kontaktlinsen benutzten, um diese Wirkung zu erzielen. Selbst nach den wenigen Sätzen, die sie gewechselt hatten, wusste er jedoch, dass an Regan alles echt war. Der goldbraune Ton ihres Haares, ihre dichten, langen Wimpern, sogar das zarte Rosé ihrer Lippen. Vom ersten Moment an hatte sie ihn durch ihre ungekünstelte und offene Art eingenommen …

Schluss damit. Er hatte sie nicht anziehend gefunden. Sie hatte lediglich für einen Augenblick seine Aufmerksamkeit auf sich gezogen, mehr nicht. Und auch nur deshalb, weil er sie eventuell anziehend gefunden hätte – wenn alles anders gewesen wäre. In einem anderen Leben.

Außerdem hatte sie ihn an seine gute Freundin Joan erinnert, die ihm viel bedeutete. Dabei fiel ihm ein, dass Joan und ihr Mann Mike der eigentliche Grund dafür waren, dass er heute Abend hier stand. In einem Anzug.

Leise seufzte er und schob die freie Hand in die Hosentasche. Es war hoffnungslos: Er war nicht nur unfähig, Small Talk zu halten. Darüber hinaus war er es nicht mehr gewöhnt, einen Anzug zu tragen.

Andererseits: Warum sollte er das auch tun? Wenn er eines Tages tatsächlich wieder aus beruflichen Gründen ein solches Ding anziehen musste, wäre es längst aus der Mode. Die Vorstellung, ins Geschäftsleben zurückzukehren, solange Phoebe noch klein war, behagte ihm nicht. Schließlich war seine Tochter erst vier Jahre alt. Sie brauchte ihn, und es würde noch einige Zeit dauern, bis das nicht mehr der Fall war.

Es gelang Chase schließlich, seine Augen von Regan abzuwenden. Weil er aber keine Lust auf die üblichen Unterhaltungen mit den anderen Gästen hatte, drehte er sich zum Fenster und sah hinaus. Von dieser Stelle aus hatte man einen großartigen Blick auf das Ufer von Port Lincoln: Von der Spitze des Port Lincoln National Parks aus eröffnete sich das malerische Panorama der Boston Bay mit ihrem spektakulären tiefblauen Wasser. Der Ort war dreimal so groß wie Sydney. Hier kam man jedoch ohne den städtischen Trubel aus, den die fünzehntausend Einwohner sicherlich auch nicht vermissten.

Von allen Städten Australiens besaß Port Lincoln die höchste Millionärsdichte. Viele der hier ansässigen Thunfischzüchter hatten im Laufe der Zeit ein Vermögen verdient: Sie hatten ihre Ware nach Japan gekauft, weil die Nachfrage nach Sushi und Sashimi dort am größten war. Er fragte sich, ob Regan vielleicht dazugehörte.

Zwar sah sie nicht wie eine typische Millionärin aus. Aber gerade er wusste, dass der erste Eindruck oft täuschte. Seine Eltern waren das beste Beispiel dafür. Von den meisten Menschen wurden sie für Rucksacktouristen gehalten. Kein Wunder: Es war ihnen schon immer zuwider gewesen, ihr Geld zur Schau zu stellen.

Genauso zuwider schien ihnen die Verantwortung für ihren Sohn gewesen zu sein. Chase hätte jede Unterstützung von ihnen haben können – solange es sich dabei um finanzielle Hilfe handelte und er sie ansonsten in Ruhe ließ. Doch ihr Geld hatte er nicht gebraucht, denn davon hatte er immer selbst genug gehabt. Wirklich gebraucht hätte er Trost und elterliches Mitgefühl, als er nach Larissas Tod plötzlich mit Phoebe allein dagestanden hatte. Damals hatten es die beiden allerdings vorgezogen, quer durch Afrika zu reisen. Seitdem hatte er sie nicht mehr gesehen.

Er verscheuchte die schmerzhaften Erinnerungen, die wieder in ihm hochstiegen. Lieber wollte er sich ein Beispiel an Regan nehmen und sich an diesem Abend auf das Wesentliche konzentrieren. Er leerte sein Glas und ging zu den Gästen zurück. Schließlich wollte er Joan und Mike nicht enttäuschen und sie angemessen vertreten.

Als Regan kurz von ihrer Unterhaltung aufblickte, erkannte sie Chase. Er war ebenfalls in ein Gespräch vertieft und stand nicht weit von ihr entfernt. Hatte es ihn unabsichtlich in ihre Nähe verschlagen, oder hatte er dem Zufall nachgeholfen? Wenige Minuten später begannen die offiziellen Ansprachen, und alle Köpfe wandten sich in Richtung Bühne. Überrascht bemerkte sie Chase unmittelbar neben sich. Als Reaktion auf seine Anwesenheit schickten ihre Nervenenden spontan ein Kribbeln durch den ganzen Körper, das Regan am liebsten ignoriert hätte.

„Ich glaube, ich habe heute Abend mit jeder Person in diesem Raum gesprochen“, flüsterte er ihr zu. „Und Sie? Haben Sie auch noch ein bisschen geübt?“

Sie drehte sich zu ihm und sah ihn an. In ihrem Magen breitete sich ein flaues Gefühl aus. Vermutlich war sie hungrig. Zumindest hoffte sie inständig, dass sie nur hungrig war. „Geübt?“

Eigentlich hatte sie es ihm leise zuraunen wollen, doch sie hatte nur ein heiseres Stammeln herausbekommen. Um sich zu beruhigen, holte sie tief Luft – was nicht wirklich half, denn Chase Mattner duftete geradezu betörend …

Dieser Mann brachte sie ganz durcheinander, und das gefiel ihr ganz und gar nicht. Nun verringerte er den Abstand noch, beugte sich an ihr Ohr und flüsterte ihr zu: „Ihr Japanisch.“

„Ach ja, selbstverständlich“, gab sie mit gedämpfter Stimme zurück.

Lächelnd nickte er ihr zu und konzentrierte sich dann auf den Redner.

Die Atmosphäre um sich herum nahm sie kaum wahr – zu sehr war sie in den Anblick seines klaren Profils mit dem ausgesprochen männlichen Kinn vertieft. Durch die leicht gebräunte Haut wirkte er noch attraktiver.

Auf der Bühne schien der Sprecher gerade einen Scherz zu machen. Als Chase sich daraufhin zu ihr umdrehte, um gemeinsam mit ihr darüber zu lachen, träumte sie. Wie gebannt betrachtete sie seine leuchtenden Augen und seine sympathischen Lachfältchen …

Er stutzte. „Ist alles in Ordnung mit Ihnen?“

Sein Gesicht verschwamm vor ihren Augen. Sie wollte nicken, doch plötzlich begann sich der ganze Saal zu drehen, immer schneller – erst in die eine, dann in die andere Richtung. „Mir ist … ein bisschen … schwindelig.“

Einige Minuten später fand Regan sich in der Bar am Tresen wieder, vor sich ein großes Glas Eiswasser. Sie spürte, dass Chase seinen Arm um sie gelegt hatte, aber sie war zu benommen, um zu protestieren. Vermutlich hätte sie das sowieso nicht getan. Und dieser Gedanke verwirrte sie nur noch mehr.

„Na, fühlen Sie sich etwas besser?“

„Mir geht es gut. Ich verstehe gar nicht, wie das passieren konnte.“

„Passiert Ihnen so etwas häufig?“

„Um Himmels willen, nein!“ Sie fiel wirklich nie in Ohnmacht. „Das war das erste Mal.“

„Na ja, es ist schon ziemlich heiß im Saal. Und da drin sind eine Menge Menschen.“

„Ja.“ Der Einzige, an den sie sich erinnerte, stand allerdings gerade neben ihr. Sie nippte an ihrem Glas. Ihr war immer noch ein bisschen schwindelig.

„Sie sind doch nicht …“

Sie blickte ihn skeptisch an. „Nicht was?“

„Schwanger?“

„Nein!“

Chase nickte. „Nur so ein Gedanke. Als meine Frau schwanger war, ist sie in den ersten Wochen oft ohnmächtig geworden.“

Langsam atmete sie ein und aus. Also gut, er war gebunden – sie hatte es verstanden. Warum machte ihr seine Bemerkung trotzdem so viel aus?

„Ich bin definitiv nicht schwanger.“

„Sind Sie vielleicht hungrig? Haben Sie da drin nichts von den Häppchen probiert?“

„Nein, ich esse prinzipiell nie etwas auf solchen Veranstaltungen. Es ist mir einfach zu gefährlich, dass mir was zwischen den Zähnen hängen bleiben könnte.“

Er lachte und sah sie amüsiert an. „Sie meinen das ernst, oder?“

Sie nickte. Was redete sie denn da? Erst wurde sie ohnmächtig, und dann plauderte sie viel zu persönliche Details aus. Ihr Verhalten heute Abend ließ wirklich einiges zu wünschen übrig.

„Wann haben Sie heute zuletzt etwas gegessen?“

Kurz überlegte sie. „Beim Frühstück.“

„Und seitdem nichts mehr?“

„Es war ein sehr hektischer Tag. Ich bin einfach nicht dazu gekommen.“ Sie bemerkte seinen prüfenden Blick. Natürlich wusste sie, dass sie sehr schlank war. Doch die Sorge in seinen Augen war völlig unnötig: So mager war sie nun auch wieder nicht.

„Kommen Sie mit mir essen.“ Es klang mehr nach einer Aufforderung als nach einer Einladung.

„Das geht leider nicht. Ich muss gehen. Verflixt.“ Sie starrte auf ihre Armbanduhr und stellte fest, dass es viel später war, als sie angenommen hatte. Dazu kam, dass sie zum ersten Mal vergessen hatte, ihre Kinder anzurufen. Das tat sie normalerweise immer, wenn sie es nicht rechtzeitig nach Hause schaffte, um sie selbst ins Bett zu bringen. Das kam allerdings selten vor.

„Probleme?“

„Ja. Meine Kinder schlafen schon.“

Regan war fest davon überzeugt, dass man Kindern grundsätzlich immer sagen musste, wie sehr man sie liebte und dass man an sie dachte. Aber genau hier lag das Problem: Sie hatte es einfach vergessen.

Bei dem Gedanken daran stieg eine Flut von Schuldgefühlen in ihr auf. Sie wusste aus eigenem Erleben, wie schlimm es für ein Kind war, vergessen zu werden. Niemals hätte sie von sich behauptet, die beste Mutter der Welt zu sein. Aber zumindest diese Erfahrung wollte sie ihren beiden Jungs ersparen, wenn sie schon ohne Vater aufwachsen mussten.

„Ist Ihr Mann denn nicht bei Ihren Kindern?“

Regan zuckte zusammen. „Nein. Meine Mutter passt auf sie auf.“

Fragend blickte er sie an.

„Ich bin geschieden. Meine Mutter lebt bei uns.“ Ihre Gewissensbisse ließen etwas nach. Die beiden waren bei ihrer Großmutter in guten Händen und schliefen inzwischen bestimmt tief und fest.

„Dann haben wir etwas gemeinsam.“ Er lächelte sie an. „Sie und ich sind alleinerziehende Eltern.“

Ihr Herz klopfte. Er war also doch Single.

Aber das konnte ihr gleichgültig sein. Seufzend sah sie Chase an. „Ich habe vergessen, meinen Söhnen rechtzeitig eine gute Nacht zu wünschen“, erklärte sie. „Und es ist das erste Mal, dass mir das passiert.“

„Ich bin mir sicher, sie werden es Ihnen nicht übel nehmen. Kinder besitzen die bemerkenswerte Fähigkeit, zu verzeihen“, erwiderte er verständnisvoll. „Wie alt sind sie?“

„Will ist sieben und Cory fünf Jahre alt.“

„Meine Tochter Phoebe ist fast vier“, entgegnete er lächelnd.

Er hatte bestimmt nicht vergessen, zu Hause anzurufen.

Plötzlich sprang er auf. „Am besten reserviere ich sofort einen Tisch im Restaurant, bevor es dort zu voll wird.“

Regan wollte protestieren, bekam jedoch kein Wort heraus. Stattdessen nickte sie nur und schaute ihm hinterher. Eigentlich sprach nichts mehr dagegen, seine Einladung anzunehmen. Es war ungewöhnlich, aber sie war sogar erleichtert darüber, dass ihr die Entscheidung abgenommen worden war. Normalerweise war sie immer diejenige, die für alles eine Lösung parat haben musste.

Dabei zehrte es manchmal erheblich an ihren Kräften, ihre Angestellten, ihre Kinder und ihre Familie unter einen Hut zu kriegen.

Die behutsame Berührung an ihrer Schulter ließ sie zusammenfahren, so tief in Gedanken war sie.

„Regan?“ Chase beugte sich zu ihr hinüber. „Es tut mir leid, wenn ich Sie erschreckt habe. Geht es Ihnen wirklich besser?“

„Entschuldigen Sie, ich war nur etwas abwesend.“

Als er ihr daraufhin wieder zulächelte, kam es ihr so vor, als zöge sich ihr Magen plötzlich zusammen. Ganz klar, sie musste großen Hunger haben.

„Sie haben einen freien Tisch für uns.“ Auffordernd deutete er in Richtung des Restaurants und streckte ihr seine Hand entgegen. Was würde er denken, wenn sie sie ergriff? Dass sie es auf einen romantischen Abend abgesehen hatte? Das hatte sie nicht.

Als er ihr Zögern bemerkte, ließ er seinen Arm sinken, trat rücksichtsvoll einen Schritt zurück und machte ihr Platz. Ein Teil von ihr verspürte Erleichterung darüber. Der andere war zugegebenermaßen etwas enttäuscht. Wahrscheinlich dachte er jetzt, dass sie eine von diesen verspannten Frauen war, die keine Ahnung hatten, wie sie sich einem Mann gegenüber verhalten sollten.

Natürlich war das übertrieben. Aber das Letzte, was sie nach dem Desaster mit ihrem Exmann wollte, war, bei diesem attraktiven Mann schwach zu werden. Oder bei irgendeinem anderen Mann.

Kurze Zeit später saßen sie im Restaurant und studierten ihre Speisekarten. Schließlich erschien der Kellner an ihrem Tisch, um die Bestellung aufzunehmen. Beide entschieden sich für den Weißfisch, eine Spezialität der Region, die nicht nur bei Touristen sehr beliebt war. Als Chase dem Kellner die Karten zurückgab, schob er Regan im selben Moment den Brotkorb entgegen.

„Essen Sie etwas. Damit Sie mir nicht noch einmal umkippen.“

Seufzend befolgte sie seinen Rat. „Glauben Sie mir, es war wirklich das erste Mal, dass mir schwindelig geworden ist. Wahrscheinlich hätte ich keinen Champagner auf nüchternen Magen trinken sollen.“

Er nickte. „Das könnte tatsächlich der Grund gewesen sein.“ Dann nahm er sich ebenfalls ein Stück Brot. „Seit wann betreiben Sie die Thunfischfarm?“

„Meine Familie ist schon eine Weile im Geschäft. Mein Vater hat in den späten Achtzigern in die Farm investiert, als die Fangquoten gesenkt worden sind. Als Dad das Fischerboot meines Großvaters erbte, hat er erkannt, dass die Zukunft der Industrie nicht in der Fischerei, sondern in der Zucht liegt.“

„Ein kluger Mann.“

Das war ihr Dad in der Tat gewesen. Regan war sehr stolz auf ihren Vater. Ohne ihn wäre Port Lincoln niemals zu der blühenden Metropole geworden, die sie jetzt war. Der Fischfang war Port Lincolns wichtigster Industriezweig gewesen. Als sich die gesamte Meeres- und Fischereikultur verändert hatte, war der gesamte Ort in eine Krise mit schweren finanziellen Einbrüchen geraten. Ihrem Dad und einigen anderen war es zu verdanken, dass sich Port Lincolns Wirtschaft mit den neuen Zuchtbetrieben wieder erholen konnte.

Regans Thunfischfarm war im Vergleich zu denen in der Stadt klein. Aber ihre Familie hatte seit jeher den Respekt der anderen Geschäftsleute genossen, und Regan wollte, dass das so blieb. Auch deshalb hatte sie nach der Scheidung wieder ihren Mädchennamen angenommen.

„Da er keinen eigenen Sohn hatte, wünschte Dad sich, das Geschäft eines Tages selbst seinen Enkeln übergeben zu können. Aber er starb, kurz nachdem mein zweiter Sohn geboren wurde.“

„Unerwartet?“

„Ja. Er hatte einen Herzinfarkt“, erklärte sie mit leiser Stimme.

„Das tut mir leid.“

„Damals war es natürlich ein großer Schock. Aber mittlerweile bin ich darüber hinweg.“ Trotzdem schnürte sich ihr bei der Erinnerung einen Augenblick lang die Kehle zu.

„Und danach sind Sie in die Fußstapfen Ihres Vaters getreten?“

„Nein, nicht sofort. Zuerst hat mein Mann die Geschäftsführung übernommen.“ Sie ließ ihren Blick durch den Raum schweifen, ohne die Gäste an den anderen Tischen wahrzunehmen. „Ich hatte ein Baby und ein Kleinkind und keine Zeit, um ans Arbeiten zu denken. Also habe ich ihn alles machen lassen.“ Sie schnaubte verächtlich. „Das war einer der größten Fehler meines Leben.“

Sie atmete tief ein. Giacomo – oder Jack, wie er lieber genannt werden wollte – hatte sie auf ganzer Linie enttäuscht. Es war eine harte Zeit für sie gewesen. Umso erstaunter war sie darüber, dass sie hier saß und diesem Fremden einfach ihre Geschichte erzählte.

Warum tat sie das? Vielleicht weil sie glaubte, ihn danach nie wiederzusehen? Als sei er ein Sitznachbar im Flugzeug?

Oder vielleicht weil sie ihm – aus welchen Gründen auch immer – vertraute? Als sei er ein Freund?

So oder so fand sie, dass sie schon viel zu viel von sich preisgegeben hatte.

„Was ist passiert?“, fragte er weiter.

Als sie Chases offenen und aufmunternden Blick auffing, überkam sie seltsamerweise das starke Bedürfnis weiterzureden. Und plötzlich sprudelten die Worte aus ihr heraus.

„Er war ein Blender. Die Verantwortung war einfach zu groß für ihn. Oh, er hat natürlich so getan, als hätte er sein ganzes Leben lang mit der Fischzucht zu tun gehabt. Dabei besaß er keinen Funken Geschäftssinn. Wir haben fast alles verloren.“

„Und dann haben Sie gemerkt, dass Sie selbst eingreifen müssen?“

Sie schreckte zusammen. „Eigentlich ist mir das erst klar geworden, als er mich verlassen hat. Mich, seine beiden Kinder, das Geschäft. Alles.“

Sie nahm einen leichten Anflug von Ärger auf seinem Gesicht wahr, der aber einem Ausdruck tiefen Mitgefühls wich. Die Ellbogen auf dem Tisch, das Kinn in die Hände gestützt, sah er sie schweigend an und wartete geduldig, dass sie weitersprach.

„Das war der Moment, in dem ich mich entschlossen habe, den Betrieb zu übernehmen. Ich hatte keine andere Wahl, denn die Zukunft einer Menge Menschen hing von meiner Entscheidung ab: die meiner Arbeiter und meiner Familie. Ich musste für meine Kinder sorgen. Es war im Grunde genommen völlig irrsinnig, denn ich wusste so gut wie nichts über die Fischzucht. Abgesehen davon, was mein Dad darüber erzählt hat.“ Sie unterstrich ihre Worte mit einer frustrierten Handbewegung.

„Oder besser gesagt, was ich von seinen Erzählungen zufällig mitbekommen habe. Er hatte kein gesteigertes Interesse daran, mir etwas über Unternehmensführung beizubringen. Seiner Meinung nach war das nicht notwendig.“

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