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Frauenplan

Inhaltsverzeichnis

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Titelblatt

Widmung

Impressum

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Epilog. Ein Jahr später

Dank

Über die Autorin

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KAPITEL 1

Noch zwanzig Minuten bis nach Hause! Doreen Meier stellte das Navigationsgerät ab und konzentrierte sich wieder auf die Straße. Kurz nach zehn, nicht schlecht für die lange Tour von ihrem Urlaubsort an der dänischen Ostseeküste. Das Ortsausgangsschild des Dorfes Großobringen war auf der linken Seite vorbeigehuscht und sie fuhren wieder durch ein Waldstück. Ungünstig, dass sie noch kurz vor dem Ziel eine längere Umleitung nehmen mussten, also würden sie über Ettersburg und den Buchenwaldabzweig nach Weimar hineinfahren. Ihr Ehemann Marco auf dem Beifahrersitz tippte etwas in sein Smartphone und die Jungen in ihren Kindersitzen hinter ihr verhielten sich ruhig.

Bis jetzt.

„Ich muss mal, ich muss mal!“, krähte es von links hinten. Bill, ihr jüngerer Sohn, schaffte es, wie insgeheim befürchtet, doch nicht bis nach Hause. „Und Leo muss auch mal raus!“ Das war Kinderschwindel, denn ihr Leonberger mit dem passenden Namen Leo (Schnapsidee, aber die Kinder mussten wieder ihren Willen bekommen) hatte bisher auf seiner Decke im abgetrennten Kofferraum ihres Kombis leicht schnarchend geschlafen. „Ich auch!“ Ben, Bills um vier Jahre älterer Bruder und gerade zehn geworden, schien nun auch aus dem Schlaf erwacht und bedürftig zu sein.

„Also, wenn ich es bedenke …“, vernahm sie Marco neben sich, „so ein kurzer Auslauf wäre für Leo nicht schlecht, dann kann er sich zu Hause gleich auf seine Decke legen und wir können in Ruhe auspacken.“ Doreen seufzte. Konfirmandenblasen, meinte ihre Oma immer.

Sie verlangsamte die Fahrt und schaute mit halbem Auge nach rechts. Irgendwo hier müsste der kleine Waldparkplatz kommen, den sie immer zum Wandern in den Buchenwäldern auf dem Ettersberg benutzten. Ah, da war er schon. Sie bog ein und registrierte erstaunt, dass bereits zwei Autos hier parkten, ein Kleinwagen und ein dunkler großer, eher Oberklasse, hintereinander am linken Rand des freien Platzes und unbeleuchtet. Um diese Zeit? Da musste man jetzt strategisch parken, wer weiß, was die Passagiere gerade taten. Pilze sammeln wohl nicht.

Doreen lenkte das Auto so weit wie möglich an den rechten Rand und hielt kurz vor der Barriere, die die Weiterfahrt auf dem angrenzenden Betonweg verhinderte. Marco stieg aus und half den Jungen aus den Gurten. Doreen sah, dass beide auf den Sitzen herumkramten, dann rannten sie über den Plattenweg in den Wald, jeder in eine andere Richtung und einem hell leuchtenden Taschenlampenstrahl nach. Auch Marco hatte seine geliebte Markenstableuchte gegriffen, öffnete die Heckklappe und ließ den inzwischen heftig bellenden Leo hinaus.

„Marco, ehrlich, wie soll denn das mit der Taschenlampe in einer Hand …“, Doreen hielt inne. Sie hatte im dänischen Urlaub, mit ihrem Mann als Freizeitkoch und den Jungen ständig im Sand, erstens drei Romane gelesen und zweitens ihr ehefrauliches beziehungsweise mütterliches Verhalten in letzter Zeit reflektiert und war zu einem Schluss gekommen. Immer aufpassen, immer kritisieren, immer befehlen – immer Stress – das brachte nichts. Sie würde von jetzt an versuchen, eine gelassene und tolerante Person zu sein und sich strenge Ansagen für würdige Anlässe aufheben. Solch ein Anlass war das hier nicht. Einzige Folge dieser Aktion könnte sein, dass nachher zwei Hosen vor der Waschmaschine lägen. Oder drei. Und vielleicht waren die Taschenlampen ja heutzutage schon wasserdicht.

Sie ließ das Standlicht an, damit sie zurückfänden.

Leo bellte laut und wild, offenbar war er tiefer in den Wald hineingerannt, denn die Kinder riefen laut nach ihm. Dann schrie auch Marco: „Leo! Verdammt, Leo! Hierher!“

Doreen war ausgestiegen und vertrat sich hinter dem Auto die Füße. Ah, blöd, jetzt musste sie auch mal. Wo jetzt? Was soll’s. Sie löschte das Standlicht und hockte sich hin.

Wenig später hörte sie auf der anderen Seite des Parkplatzes Äste knacken. Sie stand erschrocken auf und sah hinüber auf die andere Seite. Ein Mann kam aus dem Wald gelaufen, eher hastig als vorsichtig bei der Dunkelheit. Noch ein Konfirmand, vermutete sie. Er schien im Laufen an sich herumzunesteln, so, wie sie das nicht selten an Männern beobachten musste, die von der Toilette kamen. Unschöne Angewohnheit, fand sie. Der Mann sah sich nicht um, sondern rannte zu den Autos und blieb vor der Fahrertür des hinteren, größeren, stehen. Offenbar suchte er nach seinem Autoschlüssel. Jetzt hörte sie das Geräusch der sich öffnenden Schlösser und sah gleichzeitig die Beleuchtung kurz blinken. Ah, einer von hier, mit Weimarer Nummer. Als der Mann die Fahrertür öffnete und sich in den erleuchteten Innenraum setzte, kam er ihr irgendwie bekannt vor. Er setzte abrupt zurück, fuhr mit viel Gas in weitem Bogen um den vor ihm stehenden Kleinwagen herum und wirbelte dabei herumliegenden Splitt auf. Ein Steinchen traf ihr Auto. Idiot, dachte sie und nahm sich vor, die Fahrerseite morgen bei Tageslicht genau zu besehen.

Jetzt kamen auch die Taschenlampenstrahlen zurück. Billy hatte sich wohl etwas verlaufen, denn er stolperte hinter dem kleinen Auto aus dem Wald.

„Mami, Mami, wir wollen jetzt endlich nach Hause!“ Doreen schüttelte nochmals den Kopf, sammelte ihre drei Männer ein und öffnete die Heckklappe für den Hund.

„Leo?“ fragte sie. „Marco, wo ist Leo?“

Leo war nicht zu sehen, aber zu hören. Er bellte laut und anhaltend, möglicherweise hatte er im Wald ein Tier aufgestöbert.

„Leo! Hier!“ Marco pfiff laut und der Hund kam, noch immer mit Gebell, aus dem Wald gesprungen. Doreen scheuchte ihn in den Kofferraum, setzte sich ans Steuer und fuhr zurück auf die Landstraße. Ganz kurz überlegte sie, wer wohl das kleine Auto dort abgestellt haben mochte. Nachsehen? Dann fiel ihr Blick auf die Uhr. Fast dreiviertel elf. Sehr gut, dann könnten sie spätestens um Mitternacht alle im Bett sein.

Alex Widmann fuhr an diesem Karfreitagabend aus Hannover in Richtung Weimar. Auf der A 4 war sie auch auf ihrem letzten Streckenabschnitt gut vorangekommen und hatte eben das Kreuz Erfurt passiert. Jetzt konnte nicht mehr viel passieren und sie würde vor zehn Uhr bei Nadja in der Thomas-Müntzer-Straße sein. Eigentlich hatte sie Nadja gewarnt, dass es Mitternacht werden könnte, bevor sie in Weimar ankäme, aber dann hatte ein Kunde seinen Nachmittagstermin absagen müssen. Das passte ihr gut, nun würde sie viel früher in Weimar sein können. Sollte sie Nadja noch einmal anrufen? Sie verwarf den Gedanken, die Schwester würde doch nichts dagegen haben, wenn sie, Alex, zwei Stunden früher vor der Tür stand.

Alex sah dem Wochenende mit ihrer Schwester, nun gut, eigentlich Halbschwester, mit gemischten Gefühlen entgegen. Ihr letzter Versuch eines harmonischen Zusammenseins mit Nadja hatte in einem lautstarken Streit mit anschließenden Drohungen (Nie wieder Urlaub mit dir! – Werde erwachsen! – Du kannst mich mal! – Du mich erst recht!) ein unschwesterliches Ende gefunden.

Alex erinnerte sich nur ungern an den Ausgang dieses ersten und einzigen gemeinsamen Sommerurlaubs mit Nadja. Alles hatte noch gut angefangen: Nadja fand, sie könne doch mit ihrer großen Schwester, die damals an einer privaten Mädchenschule in King’s Lynn im Osten von England arbeitete, den Sommer verbringen. Das passte ihr, Nadja, insofern gut, als sie für ihr Lehramtsstudium Englisch noch etwas Sprachpraxis benötigte. So ein Sommer am Meer in englischer Atmosphäre müsste doch etwas bringen, und so konnte sie sich unter Umständen ein Auslandsstudienjahr sparen und würde ihren Freund Patrick nicht unnötig verärgern. Denn dieser hatte ihr angedeutet, dass seine Liebe zu ihr bei längerer Abwesenheit in Gefahr geriete zu erkalten.

Alex war seit einem halben Jahr in England. Eine eigene Wohnung besaß sie nicht in King’s Lynn – sie sah die Arbeit in der Schule als Übergangslösung an. Nach Abschluss ihres Studiums wollte sie eigentlich nur wieder einmal für längere Zeit in die englische Sprache eintauchen. Alex hatte Anglistik und Germanistik in Leipzig studiert. Im Gegensatz zu ihrer Schwester hatte sie allerdings nach dem Abitur ein Jahr als Assistenzlehrerin in Bath im Westen Englands gearbeitet und nach dem zweiten Studienjahr ein Semester an der dortigen Universität eingeschoben. Zwar war sie von Papa Grischa, was das Finanzielle betraf, jeweils komfortabel unterstützt worden. Trotzdem hatte sich Alex immer Jobs gesucht, um Freunde zu finden und sprachsicherer zu werden.

Nun gut, hatte sie vor den Ferien gedacht, was immer sich Nadja versprach von drei Wochen in England, sie war erwachsen und würde wissen, was sie tat. In ihrem Zimmer im Internat der Schule in King’s Lynn durfte Alex niemanden wohnen lassen. Also hatte sie ein Ferienhaus in der Nähe von Cromer gemietet, ein altes Natursteinhaus mit Küche, einem Schlafzimmer und einem gemütlichen Wohnraum mit Kamin.

Anfang Juli schien alles bereit für einen erholsamen Feriensommer – bis zu dem Augenblick, als ein Auto mit deutscher Nummer vor dem Ferienhaus hielt und Alex ihren Augen und Ohren nicht trauen wollte. Denn nicht Nadjas kleiner Corsa stand da in der Einfahrt, sondern ein tiefergelegtes BMW-Cabrio mit affig-breiten Reifen, viel Chrom rundherum und Lautsprechern, die Heavy Metal in die Dorfstraße dröhnten. Heraus stieg ein Kerl mit spiegelnder Sonnenbrille, kräftig bemuskelt und tätowiert. Hinter ihm sprang ein Riesenhund von der Rückbank und zum Schluss, zugegeben etwas verlegen lächelnd, Schwester Nadja. Und der Ärger begann.

Dass ihr Patrick, denn der musste es wohl sein, mit einem lauten „Überraschung!“ entgegenkam, sie enger als nötig umarmte, obwohl sie sich noch nie gesehen hatten, und stolz auf den Hund zeigte (Das ist Mad Max, der sieht gefährlich aus, beißt aber nur auf Zuruf, haha.), war Schritt eins in Richtung Urlaubsdesaster. Dass ihr Nadja mit falschfröhlicher Stimme mitteilte, dass Patrick einfach nicht drei Wochen ohne sie sein wollte, was doch eigentlich ganz süß sei, war Schritt zwei. Und als die beiden das Haus besichtigten, es etwas klein aber akzeptabel fanden, ihre Sachen sofort ins Schlafzimmer trugen und auf das einzige Doppelbett des Hauses warfen, platzte Alex der Kragen.

Erstens, sagte sie mit möglichst fester Stimme, gibt es hier nur ein Schlafzimmer. (Aber Alex, da findet sich doch sicher eine Art Klappbett?), zweitens sind Haustiere laut Mietvertrag nicht erlaubt (Also, gegen Mad Max kann doch keiner was haben, guck mal, wie lieb der schaut!) und drittens: Hätte ich nicht wissen sollen, dass ihr zu dritt kommt?

Alex erinnerte sich noch gut an die erste Urlaubswoche. Das kleine Cottage musste storniert werden, und zwar kostenpflichtig. Sie hatte ein anderes Haus mieten müssen, in einer Ferienanlage (Dogs welcome, und so ging es dort auch zu.) mit billigen Holzhäusern und allabendlichen lauten Biergelagen. Patrick wollte jeden Tag zum Strand fahren und dort von morgens bis abends in der Sonne liegen, und Nadja leistete ihm Gesellschaft. Alex blieb mit ihrer hellen Haut lieber im Schatten, der allerdings in der staubigen Feriensiedlung knapp war.

Am vierten Tag war Schluss mit dem strahlenden Sommer und das englische Wetter übernahm. Nebel, Regen, Wind. Wanderschuhe und Regensachen hatten die beiden zwar mit, aber drinnen war es einfach trockener, fanden sie. Der Hund tobte draußen herum und stank dann im Wohnraum vor sich hin. Alex und Nadja machten es sich trotzdem gemütlich und lasen bzw. versuchten zu lesen, denn Patrick ließ den Fernseher stundenlang und lautstark laufen.

Alex hatte sich vorgenommen, die drei Wochen auszuhalten, schließlich war Nadja ihre Schwester und sie sahen sich selten. Dazu kam es nicht. Als Nadja kurz im Dorf einkaufen war, fühlte sich Alex von hinten umarmt und begrapscht. „Du willst das doch auch“, flüsterte ihr Patrick ins Ohr und atmete ihr seine Bierfahne an den Hals. Alex kämpfte sich frei und gab ihm eine Ohrfeige. Mad Max begann zu grollen, Patrick nuschelte: „Verklemmte Kuh“ und verschwand im Schlafzimmer. Als Nadja mit dem Einkauf zurückkam, hatte er gepackt und bereits alles im Auto verstaut. Alex sagte nichts zu dem Vorfall, sprudelte aber ihren geballten Frust über diese unmögliche Urlaubskonstellation über ihre Schwester. Unschöne Sätze fielen, bevor das Cabrio samt Hund und Pärchen davonrauschte.

Inzwischen war Patrick Geschichte, man hatte sich austelefoniert und zu zwei Geburtstagen der Eltern auch getroffen. Jetzt hatte Nadja Alex über Ostern eingeladen, es gäbe reichlich Anlass für einen schwesterlichen Besuch. Seit August hatte Nadja einen festen Arbeitsvertrag mit dem Schulamt und eine Stelle im Weimarer Goethe-Gymnasium. Sie war endlich aus ihrer WG in eine eigene Wohnung gezogen, die sie angeblich bereits mit Möbeln bestückt hatte. Auf den Ausgang dieser Aktion war Alex ebenso gespannt wie auf einen gewissen Caspar, dessen Name in den vergangenen Wochen häufig telefonische Erwähnung gefunden hatte. Alex wollte fair sein, schließlich konnte man Nadja diesen Patrick nicht ewig anlasten.

Beide Schwestern hatten am Telefon schon tüchtig Pläne für die drei Tage gemacht: ausgiebig frühstücken, durch die Schillerstraße bummeln, irgendwo gut essen gehen, durch den Park wandern, in einer der Galerien vorbeischauen, vielleicht abends ins Kino und danach einen kleinen Kneipenbummel, und, und … Alex musste lächeln, nie würden sie das alles schaffen, aber vor allem wollten sie sich viel erzählen – von sich, von ihren Freunden, der Arbeit, den Sorgen und Freuden. Inwieweit besagter Caspar einen Auftritt bekäme, blieb abzuwarten. Ganz gewiss aber würden sie ein wenig über ihre exzentrische Mutter herziehen, die mit Nadjas Vater, Alex’ geliebtem Stiefvater Grigorij, auf Mallorca wohnte.

Jetzt hatte sie die Raststätte Eichelborn passiert und musste zusehen, dass sie die Abfahrt Nohra nicht verpasste. Alex’ Familiengeschichte war eng mit dem wenige Kilometer westlich von Weimar gelegenen kleinen Ort verbunden und irgendwie fühlte sie sich verpflichtet, Nohra bei ihrer Fahrt nach Weimar nicht ganz links liegen zu lassen. Sie hörte Papa Grischa buchstäblich beim nächsten Telefonat fragen: Und, mein Mädelchen, du bist vorbeigekommen in Nohra, ja? Erzähl, wie sieht es aus? Steht noch etwas? Ist alles weg? Vergessen? Natürlich wusste er alles auch von Nadja, die ja in Weimar wohnte. Aber mit seiner Stieftochter Alexandra konnte er sich viel länger über die alten Zeiten unterhalten. Sie hatte ihn schon immer ausgefragt, wie alles war. Sie konnte sich stundenlang mit ihm die alten schwarz-weißen Fotos mit den Zackenrändern anschauen, legte dann ihren Arm um seine Schultern und drückte ihn. Sie verstand, dass er das alles nicht einfach beiseitelegen konnte in seinem neuen Leben.

Jetzt, nach Einbruch der Dunkelheit, machte Alex keinen Abstecher an die alten Orte. Es war viertel vor zehn und sie wollte nicht zu spät bei ihrer Schwester ankommen. Auf der Erfurter Straße musste sie vor der Bahnschranke noch kurz warten, um den Triebwagen der Bahn nach Bad Berka und Kranichfeld durchfahren zu lassen. Sie erinnerte sich gern an die langen Radtouren auf dem Ilmtalradweg mit ihrer Familie, an deren Ende die Fahrt mit der Bahn zurück nach Weimar immer eine beruhigende Alternative zur ermüdenden Rückfahrt auf den Rädern gewesen war.

Die zwei ungleichen Schwestern, das hatte sie noch aus ihrer Kindheit im Ohr. Da war die kleine Nadja, ein schönes blondes Kind, das man einfach gernhaben musste und das von allen geliebt werden wollte. Nadja machte alles richtig, hielt Ordnung in ihrem Zimmer und ihren Schulsachen, erledigte ihre Hausaufgaben pünktlich, verärgerte die Lehrer nicht und brachte beste Zeugnisse nach Hause. Ihr Freundeskreis in der Schule war groß, und auch Erwachsenen konnte sie charmant begegnen. Sie legte früh Wert auf schicke Sachen und bekam sie dann auch von den Eltern.

Dagegen musste sie, Alex, notgedrungen als ein Gegenentwurf daherkommen. In der Schule galt sie als nervig, hatte immer wieder einmal etwas einzuwenden, machte sogar Vorschläge, wie man dieses oder jenes im Unterricht anders behandeln könnte, ignorierte manche Aufgaben, kurzum: Lehrers Liebling war sie nicht. Sie hatte rötliche Haare und eine blasse Haut mit gefühlten tausend Sommersprossen. Ihr Äußeres behandelte sie praktisch, kurzer Haarschnitt, Jeans, T-Shirt, Anorak. Mit 14 wuchs sie noch einmal kräftig, spielte Volleyball im Verein und lief Halbmarathon. Sie schminkte sich nicht und ging nicht zur Disco. Stattdessen schien sie unentwegt zu lesen. Während ihre Mutter sie als hoffnungslosen Mädchenfall ansah, joggte Papa Grischa mit ihr, sie schauten zusammen Fußball, er fuhr sie zu den Volleyballspielen und drückte ihr die Daumen. Dass sie Sprachen studieren wollte, überraschte die Familie, aber Alex traute ihrem technischen Verständnis nicht so recht und ihren mathematischen Fähigkeiten noch weniger.

Vorbei, dachte Alex, jetzt sind wir erwachsen und die Karten werden neu gemischt. Die nächste Ampel stand auf Rot und sie konnte sich kurz orientieren. Ah ja, sie hatte sich richtig eingeordnet; jetzt rechts in die Trierer Straße einbiegen, dann wieder rechts in die Lisztstraße und links in die Thomas-Müntzer, so hatte es Nadja am Telefon sicherheitshalber noch einmal erklärt. (Vielleicht sollte sie sich doch endlich ein Navi anschaffen?) Sie schaute auf die Uhr, kurz vor zehn. Nadja würde wohl schon beim zweiten Glas Rotwein sein.

Alex fand das Haus ohne Probleme – ein großes Gründerzeithaus in einer Straßenzeile ähnlicher Gebäude aus dem ausgehenden 19. Jahrhundert. Sie wollte an den Klingelschildern gerade Nadjas Namen suchen, als sich die Tür öffnete und ein Mann fast mit ihr kollidierte. „Verzeihung“, riefen beide fast gleichzeitig. Der Mann, ein ziemlich großer Typ in ihrem Alter, hielt die Haustür geöffnet, bis sie ihren Rollkoffer in den Hausflur gezogen hatte. Mit der winzigsten Andeutung eines Lächelns verschwand er nach draußen in die Dunkelheit.

Alex wusste, dass Nadja im zweiten Stock wohnte und griff nach dem Koffer. Oben fand sie das Klingelschild und läutete erwartungsvoll.

KAPITEL 2

Keine Reaktion. Vielleicht hatte Nadja ja den Fernseher an. Obwohl, aus der Wohnung kam kein Geräusch. Sie läutete noch einmal und dann Sturm. Nichts.

Alex setzte sich auf die Treppe und suchte ihr Telefon im Rucksack. Sie wählte Nadjas Festnetznummer und hörte es in der Wohnung klingeln. Niemand öffnete. Dann wählte sie Nadjas Handynummer. Diesmal blieb es still hinter der Tür. Alex wusste, dass ihre Schwester ihr Handy immer bei sich hatte – also war Nadja tatsächlich nicht in ihrer Wohnung. Aber warum nicht? Hatte sie, Alex, irgendetwas verwechselt? Den Tag? Das Wochenende etwa? Unmöglich, sie hatten doch noch vor zwei Tagen miteinander gesprochen, Nadja hatte die Wegbeschreibung durchgegeben und sie hatten sich über das warme Frühlingswetter gefreut.

Alex stand auf und drückte, nun schon etwas verzweifelt, noch einmal lange auf die Klingel. Jetzt öffnete sich die Tür zur Nebenwohnung und eine Frau – dunkelhaarig, mittleres Alter – schaute sie fragend an.

„Ah, guten Abend, Sie sind sicher Nadjas Schwester?“

„Ja, aber sie ist offensichtlich nicht zuhause“, sagte Alex und hob ratlos die Schultern. „Ich habe mehrmals geklingelt, angerufen, auch ihr Handy … Allerdings“, unterbrach sie sich, „wollte ich auch erst gegen Mitternacht ankommen, ich bin also echt zu früh.“

„Na, das wird sich klären. Auf jeden Fall werden Sie freudig erwartet. Nadja hat sich gestern von mir ein Rezept geholt und danach wie wild eingekauft. Heute Abend ist sie allerdings noch einmal weggefahren. Ihre Großmutter wollte wohl von irgendwo abgeholt werden. Sie müsste allerdings längst zurück sein.“ Die Frau schaute Alex für einen Moment prüfend an, sagte dann aber in bestimmtem Ton: „Auf der Treppe lässt sich das jetzt nicht lösen. Am besten, Sie kommen erst einmal herein zu mir, dann überlegen wir gemeinsam, was wir da tun können, ja? Ich bin Monika John.“ Sie reichte Alex die Hand.

„Alexandra Widmann. Ja, danke, aber …“ Alex griff zögernd nach der Hand der Nachbarin und schaute kurz auf ihre Armbanduhr. Da hatte die Nachbarin schon den Koffer ergriffen und die Tür weit geöffnet. Frau John ging voran, durch einen geräumigen Flur in eines der angrenzenden Zimmer. Alex fand sich in einem Raum, der offensichtlich ein kombiniertes Wohn- und Arbeitszimmer war, mit Schreibtisch und Computer unter einem der Fenster. Den Rest des Zimmers nahmen Bücherregale und bequeme Sitzmöbel ein. Zwischen Sofa und Sessel stand ein flacher Tisch auf einem sehr weichen Teppich. Eine Zeitung lag aufgeschlagen auf dem Tisch und eine Teetasse verriet, dass die Nachbarin wohl allein war.

Wenig später saßen sich Alex und Monika John gegenüber. Frau John hatte frischen Tee gekocht und ein Brett mit Butter, Käse und Baguettescheiben vor Alex auf den Tisch gestellt. Alex aß alles auf und sah entschuldigend zu Monika John.

„Tut mir leid, aber ich war richtig hungrig.“

„Dazu war das Essen da. Nachschlag?“

„Danke, ich glaube, ich bin jetzt schön satt.“

Während sie aß, hatte Alex Monika John unauffällig angeschaut. Sie schätzte Nadjas Nachbarin auf Anfang oder Mitte fünfzig, so im Alter ihrer Mutter. Ihr Gegenüber hatte das dunkle Haar aufgesteckt, war sorgfältig geschminkt und trug bequeme Hosen und einen leichten Wollpullover mit großzügigem Ausschnitt. Eine attraktive Frau, dachte Alex. Sie erinnerte sich, dass Nadja eine nette Nachbarin erwähnt hatte und musste zugeben, dass sie sich unter netter Nachbarin irgendetwas Älteres vorgestellt hatte, wenn schon nicht mit Kittelschürze, dann definitiv mütterlich. Ah, die Stereotype unseres Lebens, dachte sie.

Alex kam mit Monika John schnell ins Gespräch. Sie erfuhr, dass Frau John in Weimar ein Lokal führte, das „Grüne Bistro“ in der Schillerstraße.

„Wow, in der Schillerstraße? Das ist ja in bester Lage!“

Ja, das sei es, und es liefe auch sehr gut. Sie bemühten sich, viele der Gerichte oder Snacks auf der Speisekarte mit Bioprodukten zuzubereiten, Kaffee und Tee seien Fair Trade und die Kunden würdigten es. Nun ja, viele der Stammkunden zumindest. Und dann wanderten ja täglich mehrere Hundert Touristen nach anstrengenden Touren durch die klassischen Stätten die Schillerstraße entlang und liefen ihr und ihrem Team geradewegs in die Arme, sozusagen. Ihr Team? Ja, das seien sie, ihr Sohn Sven und dessen Frau Loretta. Sven sei für die Küche verantwortlich, sie und Loretta für alles andere. Ein echtes Familienunternehmen eben. Ob man sich verstünde? Meistens sehr gut, sie hätten alle drei schon andere Dinge gemacht und wären hier im Bistro zur Ruhe gekommen. Das mit der Ruhe wäre allerdings ein endlicher Zustand, ein Enkelkind sei im Anmarsch, lang ersehnt und mit Freude erwartet. Im Herbst sei es soweit, sie suchten schon die notwendige Verstärkung. Ob sie Lust hätte?

Alex sah, dass es als Scherz gemeint war und lachte. „Oh nein, das wäre wohl nichts für mich. Mein Daumen geriete unweigerlich in die Suppe!“

Was sie, Alex, fürs tägliche Brot täte?

„Also, hm … ich bin Ghostwriter.“

Monika John schien weniger überrascht, als Alex erwartet hatte. Vermutlich hatte ihre Schwester schon geplaudert. Und Alex möge doch erzählen, welcherart Geister sie beschriebe.

Alex erzählte. Von Wissenschaftlern, die die Ergebnisse ihrer Forschungsarbeit partout nicht in die richtigen Worte fassen konnten. Von Firmen, die ihre Geschäftsberichte gern fehlerfrei zu Papier gebracht hätten. Von halbwegs bekannten Künstlern, Musikern, Schauspielern und so weiter, die einfach nicht mehr länger warten konnten, um der Menschheit ihre Lebensgeschichte mitzuteilen. Frau John habe doch vielleicht schon Bücher gesehen mit Titeln wie „Von ganz unten nach ganz oben“ oder „Mein Weg zum Wasweißich“ oder etwas in der Art? Dann gebe es noch die mittelständischen Unternehmer, die kurz vor der Firmenübergabe an die nächste Generation noch gern eine richtig schöne Erfolgsgeschichte zwischen zwei Buchdeckeln gedruckt sähen, und vor dem Druck käme ja das Schreiben, das könne man zwar auch noch selbst, aber die Zeit, die Zeit …

„Sie bringen mich auf eine Idee!“ Monika John lachte lauthals. „Wenn ich an unsere Jahre im Busbahnhofskiosk denke, also Dinge könnte ich da erzählen … will sagen erzählen lassen!“

„Busbahnhofskiosk? Ich dachte, Sie haben ein Bistro?“, fragte Alex.

Monika John hob die Augen zur Decke, lächelte und sagte: „Ah, der Busbahnhofskiosk – der gehört zu meinem früheren Leben, aber das ist eine andere Geschichte …“

„Na, dann fangen Sie schon mal bald mit den Notizen an, das Gedächtnis ist ein unzuverlässiges und dann auch noch trügerisches Ding. Da könnte ich Ihnen Beispiele nennen.“ Und Alex erzählte von ihrer größten Klientel, den Rentnern.

„Heutzutage reicht es nicht mehr, wenn Opa die Familienfotos ins Album klebt und Oma die Namen und Daten darunterschreibt. Das war einmal!“

„Ach ja, und jetzt?“

„Jetzt muss es die Lifestory sein, voll aus dem Computer, gern auch bebildert und gescannt – die alten schwarz-weißen Fotos, meine ich … Nur, eine Geschichte braucht es zwischen den Bildern, und die muss halt jemand schreiben. Allerdings“, Alex wurde etwas ernster, „habe ich auch ältere Menschen kennengelernt, die das Erlebte sehr gut aufgeschrieben hatten. Und was für Dinge da erzählt werden – unglaublich. Eigentlich …“, sie hielt kurz inne und fuhr dann fort, „eigentlich schreiben sie Geschichtsbücher. Sie erzählen Geschichte aus sehr persönlicher Sicht. Und oftmals kommen sie zum ersten Mal in ihrem Leben dazu, das Erlebte zu bedenken, im eigentlichen Wortsinn. Sie beginnen beim Schreiben oder Erzählen ihre damaligen Gedanken, Haltungen und Handlungen zu reflektieren, wie man auf Neudeutsch sagt. Ich habe bisweilen das Gefühl, das geht nicht ohne Schmerzen ab.“ Sie hielt inne und gab ihrer Stimme wieder einen leichteren Ton. „Manchmal brauchen sie mich dann nur, um das Ganze ein wenig zu strukturieren und in Form zu bringen.“

„Ich finde das sehr interessant … Und davon können Sie leben?“

„Eigentlich ja. Reich werde ich nicht, aber ich mache es auch nicht für ’n Appel und ’n Ei. Billig wird das für meine Klienten nicht. Aber dafür eben gut – denke ich jedenfalls. Und mal ehrlich: Für den Rentner und den Fernsehstar arbeite ich am Ende mit der gleichen Sorgfalt. Das Honorar allerdings unterscheidet sich.“

Wie auf Verabredung schauten Alex und Monika John auf die Uhr.

Alex hatte bereits während des Gesprächs begonnen, sich Sorgen zu machen – Nadja war verlässlich und überpünktlich, das hatte sie von ihrem Vater. Margrit, ihre Mutter, behandelte Dinge wie Zeit und Raum eher kreativ, und dieses Erbe war ungerecht anteilig an Alex gefallen.

Dann fiel ihr ein: „Wenn Nadja zu Oma Edith nach Berlstedt gefahren ist, müsste sie dort ja zu erreichen sein.“

„Aber ja, und das wird sie sicher auch!“ Monika John nickte und zeigte auf ihr Telefon.

„Danke, aber die Nummer ist auf meinem Handy gespeichert.“ Alex suchte die Nummer und wählte. Der Ruf ging lange ab, ohne dass jemand hörte. Komisch, Oma Edith würde doch abnehmen. Dann dachte Alex an Omas Fernseher mit dem angeschlossenen Kopfhörer – wenn Oma jetzt einen Krimi schaute, was ihre Leidenschaft war, könnte sie das Klingeln überhören. Aber Nadja war doch da! Alex wählte Nadjas Handynummer noch einmal. Der Ruf ging hin. Nadja nahm nicht ab.

„Am besten, ich schicke erst einmal eine SMS“, sagte sie etwas ratlos zu Monika John. Die nickte und schien inzwischen ebenfalls nachdenklich. Alex schickte einen kurzen Text an Nadjas Nummer und legte das Handy neben sich auf das Sofa. Sie unterhielt sich noch eine Weile mit Monika John, schaute aber immer wieder auf ihr schweigendes Handy.

„Was kann ich denn jetzt tun? Ob ich mit dem Auto zu Oma fahre?“ Sie schaute auf die Uhr. „Halb zwölf ist es inzwischen. Da ist Oma möglicherweise längst im Bett.“

„Und würde sich auch noch Sorgen machen, und das am Ende vermutlich genauso grundlos wie wir“, sagte Monika John. „Trotzdem stimmt hier irgendetwas nicht. Ihre Schwester ist doch sonst absolut verlässlich, ja sogar fast penibel, was Zeiten und Verabredungen betrifft. Wir waren einige Male zusammen im Kino, auch mal zu einem Vortrag, da stand sie immer auf die Minute auf der Matte, wenn nicht …“

„Auf die Sekunde!“, lachte Alex. „Das hat sie von Papa. Der musste sein Leben lang nach der Uhr funktionieren, da ist es ihm wohl gleich in die Gene gefahren.“ Alex hielt inne – das war jetzt nicht die Zeit für Small Talk. Auf dem Handy keine SMS. Noch einmal wählte sie Nadjas Nummer. Nichts. Sie spürte, wie sich etwas in ihrer Brust verengte. Sie hatte Angst.

Zögernd fragte sie Monika John: „Polizei? Die Krankenhäuser?“ Monika John setzte sich zu ihr auf das Sofa. „Alexandra, wir sind doch hier nicht im Krimi. Das wird sich alles als Missverständnis herausstellen, eine fehlgegangene SMS oder ein leerer Handy-Akku.“ Sie sah Alex aufmunternd an. „Wissen Sie was?“, fuhr sie fort, „wir fahren einfach mit dem Auto die kurze Strecke bis Berlstedt ab. Viel länger als zwanzig Minuten brauchen wir da nicht. Vielleicht hängt Nadja ja hinter irgendeiner Unfallstelle fest – Gott behüte, nicht die eigene – oder sie hat eine Panne oder was auch immer. Dann sehen wir einfach weiter. Einverstanden?“ Alex nickte.

Monika John stand auf. „Fahren Sie, Alexandra? – Gut, ich hole nur eine Jacke und eine Taschenlampe.“ Sie hielt kurz inne. „Ich darf doch Alexandra sagen? Ich bin Moni für fast alle, und für Sie jetzt auch. Ach, und das mit dem Siezen lassen wir besser auch gleich sein, einverstanden? Also, Alexandra, Papiere, Handy, Autoschlüssel, Jacke. Auf geht’s.“

Sie fuhren schweigend durch die Stadt auf die Ettersburger Straße und bergan Richtung Buchenwald, dann vorbei am Obelisken, von dem die Straße zur Gedenkstätte für das ehemalige Konzentrationslager abbog.

Es herrschte wenig Verkehr, so dass Alex oft mit aufgeblendeten Scheinwerfern fahren konnte. Moni schaute aufmerksam nach beiden Seiten, doch die Bäume des Laubwaldes standen dicht und dunkel, wenn der Strahl des Scheinwerfers vorüber war. Alex fuhr vorbei am Abzweig Ettersbergsiedlung, der Straße zum Dorf Ettersburg und durchquerte den kleinen Ort Ramsla. Hier war an diesem Karfreitagabend niemand auf der Straße zu sehen. Jetzt waren es nur noch wenige Kilometer bis Berlstedt. Die Strecke war Alex von unzähligen Besuchen bei den Großeltern vertraut. Nur von Nadja oder ihrem himmelblauen Corsa war nichts zu sehen. Alex sah kurz zu Moni hinüber, die noch immer und offensichtlich zunehmend ratlos den Kopf nach rechts und links drehte.

Nach dem Tod von Opa Heinz, erzählte sie Moni, wohnte die Großmutter allein und, rüstig wie sie war, bereitete das bisher keine Probleme. Manchmal rief sie Nadja an, wenn es etwas Dringendes zu besorgen gab oder sie eine Beförderung irgendwohin oder -her brauchte. Oma Ediths Freundinnenkreis war groß und erstreckte sich auf die Nachbardörfer bis nach Weimar. Dort hatte Edith Widmann früher als Kindergärtnerin gearbeitet.

Alex fand Oma Ediths Haus, das letzte am südlichen Ortsrand, fast schon in Ottmannshausen. Es lag ein wenig versteckt hinter einer hohen Hecke und war von Büschen und Nadelbäumen umgeben. Alles war dunkel. Alex und Moni sahen fast gleichzeitig auf ihre Armbanduhren: kurz vor halb zwölf.

Sie stiegen aus und gingen leise bis zum Gartentor und von dort am Zaun entlang um das kleine Haus herum. Nirgends war ein Lichtschein zu sehen und es war sehr still – so still, wie es sich Alex nur auf dem Land und am Dorfrand vorstellen konnte. Nach einer Umrundung standen sie wieder vor dem niedrigen Tor.

„Was jetzt?“, flüsterte Alex. Moni fasste sie leicht am Arm und wies zum Auto. Sie öffneten die Türen so geräuschlos wie möglich und setzten sich hinein.

„Wir können da jetzt nicht klingeln“, meinte Moni. „Wir müssten eurer Oma beunruhigende Fragen stellen. Und dann …“

„Droht bei älteren Leuten ja gleich etwas Gesundheitliches – Oma nimmt, wenn ich mich recht erinnere, täglich eine mehrfarbige Sammlung Pillen“, seufzte Alex und schüttelte den Kopf. „Das wäre jetzt doch ungünstig.“

„Zumal weder von Nadja noch vom Corsa etwas zu sehen ist“, ergänzte Moni. „Ruf sie am besten noch einmal an, vielleicht nimmt sie jetzt ab und alles klärt sich auf.“

Alex wählte. Wieder keine Antwort. Sie sah auf das Display. Keine SMS. Dann hob sie die Schultern und startete das Auto. Sie fuhren schweigend durch den Ort zurück. Eine Katze überquerte die Straße, ansonsten war auch hier alles menschenleer.

Zurück durch Ramsla, die Landstraße entlang in Richtung Weimar, dann wieder durch den Wald hinauf zum Abzweig mit dem Obelisken.

Moni drehte sich plötzlich um und schaute zurück auf die dunkle Straße. „Stopp, Alex!“, rief sie. „Dort hinter uns, so hundert Meter zurück, war doch dieser Halteplatz vor der Schranke. Du weißt schon, hinter der ein Plattenweg in Richtung Buchenwald führt. Mir war eben so …“ Sie hielt inne. „Irgendwie hab ich da aus dem Augenwinkel ein geparktes Auto gesehen. Klein und – ich weiß auch nicht, vielleicht blau, so wie Nadjas Corsa?“

Alex hatte schon mit quietschenden Reifen um den Obelisken herum gewendet. Jetzt fuhr sie sehr schnell die Straße zurück, hinunter in Richtung Ettersburg. Sie musste scharf bremsen, so plötzlich war der Halteplatz links von der Straße aus dem Dunkel aufgetaucht. Alex bog ein, und ihr Herz klopfte bis zum Hals. Da stand ein Auto, ein Kleinwagen. Er war linkerhand am Waldrand geparkt. Blau, das war gerade noch zu erkennen. Ob das Nadjas Auto war? Sie kannte natürlich die Autonummer nicht.

„Taschenlampen!“, befahl Moni und griff in ihre Handtasche. „Du hast doch auch eine im Auto?“ Hoffentlich, dachte Alex und griff hinüber ins Handschuhfach. Sie atmete auf, als sie den geriffelten Griff der LED-Leuchte fühlte. Moni war schon ausgestiegen und zu dem geparkten Auto gelaufen. Sie ging darum herum und leuchtete ins Innere. Alex ließ den Strahl ihrer Lampe ebenfalls um das Auto streifen. Sie leuchtete auf das Heck. Opel Corsa. Weimarer Nummer. Dann fasste sie den Griff der Fahrertür. Offen. Beim Öffnen ging das Innenlicht an. Der Autoschlüssel steckte im Schloss.

Moni ging inzwischen um das Auto herum und beleuchtete die Karosserie. „Ich kann keinen Schaden sehen. Vermutlich hatte sie eine Panne.“

„Aber warum hat sie da nicht den Abschleppdienst angerufen? Sie hat doch bestimmt auch so eine Karte vom ADAC oder einem anderen Klub. Und dann das Auto unverschlossen stehen lassen? Macht man eigentlich nicht.“

„Hm, das alles werden wir dann später erfahren. Erst einmal müssten wir wissen, ob es ihr Corsa ist.“ Moni trat noch einmal hinter das Auto. “Na bitte, WE-ND 90“, rief sie, „ND wie Nadja Denissow! Das kann nun kein Zufall sein. ND und blauer Corsa. Das ist Nadjas Auto.“

Moni öffnete die Beifahrertür und beugte sich ins Auto. „Da sitzt ja auch das kleine Plüschtier!“

Tatsächlich, auf dem Armaturenbrett saß der kleine Koala-Bär, Alex’ Geschenk zum zehnten Geburtstag der Schwester. Colabär hatte ihn Nadja damals genannt und an die Brust gedrückt. Jetzt sah Alex auf dem Beifahrersitz etwas Goldgelbes liegen: die ADAC-Karte! Sie griff danach, hielt die Karte unter die kleine Innenraumleuchte und las den aufgedruckten Namen. Nadeshda Denissow.

Moni griff in den Fußraum und zog einen Rucksack herauf. Beide sahen sich an. Was sollte das alles? Und wo war Nadja?

„Jetzt haben wir das Auto, da sind wir schon einen Riesenschritt weiter“, stellte Moni fest. „Du solltest noch einmal anrufen.“

Alex nickte und griff in ihre Jackentasche. Sie wählte, wie schon so oft an diesem Abend, Nadjas Nummer. Dann erstarrten Alex und Monika John gleichzeitig. Aus dem Wald heraus klang deutlich ein Klingelton.

Er hat Angst. Wo ist nur sein Mut geblieben? Eben schien es doch noch so, als sei er am Ziel. Endlich. Und so kurz entschlossen war er gewesen, wie nie zuvor! Nein, fällt ihm ein, kurz entschlossen war er schon einmal gewesen. Aber das war schon vor Jahren … und ganz woanders

Ein Hund, ausgerechnet. Und dann noch so ein Riesenvieh! Vor Hunden fürchtet er sich, schon immer.

Jetzt nicht daran denken. Erst einmal muss er weg. Und das schnell. Also Gas geben. Verdammt, hier ist 70. Hat es geblitzt? Konzentrieren. Jetzt keinen Fehler machen. Er fühlt, dass sein Rücken schweißnass ist. Eklig. Riecht er vielleicht sogar? Er schüttelt sich innerlich, hebt dann seinen rechten Arm und versucht, an seiner Achselhöhle zu riechen. Hupen und ein lautes, quietschendes Bremsgeräusch – rechts durch das Beifahrerfenster sieht er die Scheinwerfer eines anderen Autos. Ogottogott, ist er bei Rot… ?

Das war knapp. Nichts passiert. Jetzt Gas geben und weg. In der Dunkelheit kann der mein Nummernschild nicht erkennen. Oder doch?

Er zwingt sich, mit Tempo 50 hinunter in die Stadt zu fahren, schaut dabei ständig in den Rückspiegel. Es gibt solche Fahrer, die wütend einen vermeintlichen Verkehrsrowdy verfolgen. Verkehrsrowdy, er! Er vergewissert sich noch einmal. Nein, niemand hinter ihm, es ist ja auch nichts passiert. Es ist überhaupt nichts passiert, überhaupt nichts … Nichts!

Nicht wie damals, im Urlaub. Aber die war ja freiwillig in sein Auto gestiegen. Anhalterin! Wer machte denn sowas heutzutage noch? Hatte die niemand gewarnt?

Jetzt nähert er sich dem Haus und sieht hinauf zur Fensterfront. Alles dunkel, gottlob. Aber das muss nichts heißen, Sie kann trotzdem

Er stellt den Motor bereits ab, als er auf den Hof fährt. Mit dem letzten Schub gelangt er bis in den Carport. Er steigt aus und versucht, die Fahrertür so geräuschlos wie möglich zu schließen. Aber nun muss er noch seine schwarze Tasche aus dem Kofferraum nehmen. Die darf Sie nicht in die Hände bekommen, niemals. Wenn Sie den Reißverschluss öffnete und die Dinge darin sähe – unvorstellbar! Er bemerkt, wie er wieder zu zittern beginnt. Sein Hemd fühlt sich tropfnass an unter der Lederjacke.

Er versucht, auch die Kofferklappe ohne Geräusch zu schließen. Dann schaut er noch einmal hinauf zu den Fenstern an der Rückseite des Hauses. Immer noch alles dunkel. Er geht vorsichtig auf dem Rasen zur Hauswand. Dort muss er sich anlehnen. Er spürt seinen Herzschlag bis in den Hals. Lieber Gott, mach, dass ich davonkomme

KAPITEL 3

Während Alex den Strahl der Taschenlampe in den Wald richtete, war Moni bereits einige Schritte ins Dunkel gelaufen. Alex folgte ihr, doch nach einigen Metern blieben beide stehen. Der Klingelton schien von überall her zu kommen. Dann verstummte er.

„Ich rufe jetzt noch einmal an, Moni. Am besten, wir gehen ein paar Schritte auseinander und versuchen, den Ton zu orten.“

„Sollten wir nicht die Taschenlampen ausschalten? Das Display müsste doch leuchten, oder?“

„Ja, müsste es“, rief Alex. Sie war ziemlich sicher, dass Nadja, der Modefreak, ein neueres Smartphone hatte. Beide schalteten die Lampen ab. Alex wählte. Es klingelte, und jetzt war sich Alex sicher, dass der Ton von vorn rechts kam.

„Nach rechts!“ hörte sie Moni rufen. Beide liefen vorsichtig in diese Richtung. Der Boden war uneben und sie spürten lose Zweige und Wurzeln unter den Schuhen. Wieder verstummte der Klingelton.

„Noch einmal“, sagte Alex, „ich glaube, wir sind jetzt näher!“ Sie schaute hinüber zu Moni, die nur ein Schatten zwischen den Bäumen und Büschen war. Beide standen still. „Okay, jetzt.“ Alex wählte.

„Ja, dort vorn!“ In wenigen Metern Entfernung leuchtete es neonblau zwischen niedrigen Büschen. Alex rannte hin und ergriff das Handy einen Moment, bevor der Klingelton erstarb. Sie schaltete die Taschenlampe wieder an und wies mit ihr in Richtung der Autos. Beide liefen zurück, wobei Moni unterdrückt fluchte, offenbar war sie gestolpert oder gefallen.

„Das gibt es doch jetzt nicht.“ Moni, außer Atem, richtete den Strahl ihrer Lampe auf das Handy. „Erst finden wir den Corsa, dann das Handy, aber keine Spur von Nadja!“

Beide schauten auf das Display des Smartphones. Alle Anrufe wurden angezeigt, auch die SMS, aber nichts davon hatte Nadja angenommen. Alex prüfte die Uhrzeit und sie sahen, dass Nadja ihr Handy seit mindestens zehn Uhr nicht mehr benutzt hatte. Lag es seitdem im Wald? Und warum?

„Das gefällt mir nicht“, hörte sie Moni neben sich sagen. „Überhaupt nicht!“

„Irgendetwas ist passiert.“ Alex fühlte ihren Mund trocken werden und hörte, wie ihre Stimme gepresst klang. „Irgendetwas ist nach zehn Uhr passiert, so dass jetzt das Auto unverschlossen und verlassen in the middle of nowhere – sorry, in der Natur herumsteht, das Handy im Wald liegt und meine Schwester spurlos verschwunden ist. Ich finde, wir müssen jetzt die Polizei …“

„Na, spurlos eben nicht!“ unterbrach sie Moni. „Lass uns das jetzt mal von der anderen Seite sehen: Wir haben das Auto und wir haben das Telefon – zwei saubere Spuren. Wer sagt uns, dass Nadja nicht auch in der Nähe ist? Vielleicht ist sie im Wald hingefallen und hat sich verletzt? Ohnmächtig geworden? Wenn sie irgendwo ist, dann doch am ehesten hier in der Nähe, oder?“

Alex nickte. Beide liefen im Schein der Taschenlampen zurück in den Wald. In einigem Abstand voneinander tasteten sie sich weiter in das Dunkel hinein. Äste und dünne umgestürzte Bäume lagen herum. Sie hielten in etwa den bisherigen Abstand voneinander, liefen aber in Schlangenlinien, um ein größeres Areal zu durchkämmen.

Alex schien es, als seien sie schon Stunden im Wald unterwegs, als sie am äußeren Rand ihres Lichtstrahls etwas zu sehen glaubte, das nicht grün oder braun war. Sondern rot. Rot wie roter Stoff. Und etwas Helles. Sie richtete ihre Lampe darauf. Hellblonde Haare, wirr, schmutzig, rotbraun an einer Stelle. Sie rannte, fiel hin und kroch zu dem roten und hellen Etwas.

„Oh Gott, Nadja. Nadja!“ Sie drehte den Kopf wie wild und suchte den anderen Lampenstrahl. „Moni! Ich hab sie – oh mein Gott!“

Alex lag auf dem Bett und hielt ihre Schwester im Arm. Es war nach vier Uhr morgens, und sie würden in dieser Nacht nicht mehr schlafen. Monika John war in ihre Wohnung gegangen, als sie sah, dass es im Moment nichts zu helfen gab.

Sie hatten Nadja im Wald aufgerichtet und gesehen, dass sie sich bewegen und gehen konnte. Sie zitterte und schien desorientiert, war aber schließlich ansprechbar.

Als Moni sagte: „Ich rufe den Notarzt“, keuchte Nadja und rang nach Luft. „Nein, nein … ich will nach Hause … bitte … jetzt gleich …“ Sie klammerte sich an Alex und wollte nicht loslassen, so dass sich Moni schließlich ans Steuer des BMW setzte und Alex ihre Schwester auf dem Rücksitz umarmt hielt. Den Corsa ließen sie verschlossen stehen.

In der Wohnung legten sie Nadja auf das Sofa, eingewickelt in eine dicke Wolldecke. Alex kochte Tee und Moni holte eine Flasche Weinbrand von nebenan. Alex flößte der Schwester den gesüßten und gut alkoholisierten Tee löffelweise ein, bis sich ihr Zittern und Zähneklappern ein wenig beruhigt hatte. Sie und Moni tranken in ordentlichen Schlucken aus großen Tassen. Eine fast unwirkliche Ruhe legte sich über den Raum. Was immer geschehen ist, dachte Alex und streichelte Nadjas Hand, wir haben dich gefunden und du bist am Leben.

Moni saß zurückgelehnt im Sessel und wirkte nachdenklich. „Sie braucht einen Arzt“, flüsterte sie. Alex nickte und bewegte nur die Lippen: „Später.“ Schließlich stand Moni auf und strich Nadja übers Haar. „Erzählt euch alles, ihr beiden. Wenn Nadja soweit ist, meine ich.“ An der Tür drehte sie sich um. „Und wenn ihr mich braucht – jederzeit.“

Alex wollte „danke“ rufen, aber die Tür hatte sich schon hinter Moni geschlossen.

Als es draußen hell wurde, war die Geschichte leise und stockend erzählt.

Oma Edith hatte angerufen. Das musste so nach neun gewesen sein. Sie war zusammen mit den ruheständischen Kindergartenkolleginnen zum Romméabend in Legefeld gewesen. Irgendwie war eine Verabredung über die spätere Mitnahme zurück nach Berlstedt fehlgeschlagen, so dass Oma Edith Hilfe suchend bei Nadja anrufen musste. Nadja sah kein Problem, da sich die Schwester, Alex, für später am Abend angesagt hatte.

Auf der Rückfahrt hatte der Corsa Aussetzer. Mehrere Kontroll-Icons leuchteten auf und wollten nicht wieder erlöschen. Vor jedweder Weiterfahrt in solchem Fall hatte man sie in der Werkstatt streng gewarnt. Sie war kurz hinter der Siedlung Ettersburg und erinnerte sich an den halblegalen Waldparkplatz auf der rechten Straßenseite. Dort parkte sie und suchte in ihrem Rucksack nach dem Telefon und der Plastikkarte vom ADAC. Als sie gerade wählen wollte, fuhr ein Auto auf den Parkplatz und hielt hinter ihr. Jemand stieg aus und trat zu ihr an die Fahrerseite. „Kann ich helfen?“

„Nie im Leben hätte ich das Fenster herunterlassen dürfen, Alex! Aber das klang ganz freundlich. Und ich dachte, vielleicht versteht der ja etwas von Autos. Plötzlich kommt eine Hand durchs Fenster, und ich kriege einen Schlag ins Gesicht. Keine Ohrfeige, Alex, einen so harten Schlag, ich dachte, mir fliegt der Kopf vom Hals. Die Autotür geht auf, und ich werde hinausgezogen. Ich falle hin und liege neben dem Auto. Dann bekomme ich Tritte, in die Seite, in den Bauch, auf die Brust …

Ich versuche zu schreien, aber es geht nicht. Ich huste, versuche Luft zu bekommen. Ich werde an den Armen gezogen, vielleicht hinter mein Auto. Dann bekomme ich etwas aufs Gesicht geklebt – zuerst auf den Mund, dann über die Augen. Steh auf! Seine Stimme zischt jetzt, ist nicht mehr freundlich. Ich versuche aufzustehen, es geht auch irgendwie, aber ich habe höllische Schmerzen, überall.

Und ich hab Angst, Alex, vor dem, was jetzt kommen wird …“

Nadja erzählte bruchstückhaft, unterbrochen von Weinkrämpfen. Zwischendurch schien es, als sei sie eingeschlafen, dann erzählte sie unvermittelt weiter.

„Er schiebt mich nach vorn, in den Wald hinein. Hat mich an einem Arm, drückt ganz fest. Ich stolpere über Äste und Wurzeln, kann ja nichts sehen. Büsche schlagen mir ins Gesicht. Ich versuche, meinen Kopf mit den Armen zu schützen, aber er stößt mich vorwärts. Ich stolpere weiter. Die Orientierung habe ich längst verloren. Mir geht durch den Kopf: Du musst dich doch wehren, wehr dich, verdammtnochmal! Geht nicht, geht nicht, geht nicht. Ich bin das Opfer. Gleich wird er …

Wir bleiben stehen. Los, zieh dich aus! Vorwärts, du Schlampe! Schneller, blöde Fotze! Natürlich mache ich das. Er hält mir etwas Kaltes an den Hals. Ein Messer? Ich will nicht sterben. Ich krieche aus der Jacke. Versuche, meine Bluse aufzuknöpfen. Geht nicht, meine Hände zittern, ich kann die kleinen Knöpfe nicht fassen, sehe sie ja auch nicht. Das geht ihm zu langsam. Ich fühle seine Hand, die vorn an der Bluse reißt. Es gibt gar kein Geräusch, als der Stoff reißt. Bin ich schon taub? Der BH darunter sitzt fest, wie soll ich den jetzt …? Muss ich jetzt auch die Jeans … Ich bekomme Schläge gegen den Kopf. Wieder so harte. Links, rechts, links, rechts, links … Und wieso bellt jetzt ein Hund? Der Kerl flucht. Noch ein Schlag, ich falle, der Boden ist plötzlich weg, irgendwie …“

Alex muss Nadjas Hände festhalten, sie will sich ins Gesicht schlagen. Was es mit dem Hundegebell auf sich hatte, kann Nadja nicht erklären. Alex vermutet, ihr fehlt ein Stück Film. Harte Schläge gegen den Kopf, das wäre kein Wunder.

„Dann liege ich auf dem Waldboden, hab mich ganz klein gemacht. Niemand soll mich sehen. Ich bin nicht mehr da. Die Schmerzen sind auch weg. Vielleicht bin ich schon tot? Ich glaube, dass ich noch lebendig bin. Zweige und trockene Äste spießen in meinen Rücken. Ich fasse mich an den Kopf. Etwas klebt, Blut wahrscheinlich. Ist mein Schädel noch ganz? Ich fingere am Kopf herum. Alles ist noch fest zu, nichts klafft. Glück gehabt. Glück gehabt?

Ich reiße mir die Klebestreifen von den Augen und vom Mund. Schön festes Paketband, das hat man doch nicht einfach so im Auto neben sich liegen. Du Schwein! Auf so eine Gelegenheit hast du doch gewartet, du elender Feigling!

Aber meine Mutsekunden sind kurz. Was ist, wenn er zurückkommt? So einer will doch mehr als nur Frauen zusammenschlagen!

Jetzt setze ich mich auf. Das geht. Mir ist kalt. Ich sitze halb nackt im Wald, kein Wunder, wenn mir kalt ist. Und ich bin allein. Der Typ ist weg. Der Schläger. Der Vergewaltiger? Oh Gott! Ich taste an meinem Bauch hinunter. Die Jeans sitzt fest, der Reißverschluss ist geschlossen, der Ledergürtel darüber festgezurrt. Das muss nichts bedeuten, denke ich. Doch, das muss es. Ich bin davongekommen. Oh mein Gott, bin ich davongekommen?“

Jetzt fühle ich meine Jacke auf dem Waldboden neben mir. Scheißrote Jacke, die sieht er doch sofort! Er darf mich nicht sehen. Ich muss hier weg! Tiefer in den Wald! Er darf mich nicht wiederfinden!“

Nadja wusste manches nicht mehr so genau. Ob da wirklich ein Hund gebellt hatte. Ob sie tatsächlich Autotüren schlagen und Autos davonfahren hörte. Wie weit sie noch in den Wald kriechen konnte. Wie lange sie unter den Büschen in dieser Senke gehockt hatte. Warum sie nicht zurück zu ihrem Auto ist. (Angst, Alex, purer Terror!) Aber das Handy hatte sie gesucht und nicht gefunden. Und wohl später auch das Klingeln nicht gehört. Alex vermutete, dass Nadjas Gehör durch die Schläge auf die Ohren zeitweise gestört war.

„Dann hab ich doch irgendetwas gehört. Rufen. Erst ganz leise. Das träumst du. Keiner weiß, wo du bist. Los beweg dich, steh auf, sonst finden sie dich nicht. Sie müssen dich doch finden. Und wenn der es wieder ist? Zurückgekommen? Aber rufen würde der nicht. Was rufen die, ‚Nadja‘? Wirklich ‚Nadja‘? Das bin ich. Die rufen nach mir! Aber aufstehen kann ich nicht. Geht nicht. Irgendwie will mein Körper nicht. Hat der mir die Wirbelsäule …? Scheißkerl, Scheißkerl, verdammt … Oh Gott, ist das Moni? Und Alex? Findet mich, ich bin doch hier …“

Alex fuhr auf. War sie eingeschlafen? Nadja saß neben ihr und hatte die Decke weggeschoben. Alex sah, wie die Schwester versuchte, den Reißverschluss der Sweatjacke zu öffnen, die sie ihr beim Nachhausekommen übergezogen hatte.

„Was ist, Nadja?“

„Ich geh duschen.“

„Bist du irre? Du weißt wohl nicht …“

„Natürlich weiß ich. Lass mich, Alex.“

„Nein, ich lass dich nicht. Bleib hier!“

Nadja war aufgestanden und in Richtung Bad gelaufen. Dabei ließ sie die Jacke fallen und zog sich die zerrissenen Sachen vom Leib. Alex sprang vom Bett, rannte hinterher und fasste von hinten um die Schwester. Fast gab es ein kleines Gerangel, bis Nadja sich ergab und mit einer Stimme, die leicht hysterisch Lachen und Weinen vereinte: „Fast wie früher, Alex. Gegen die große Schwester ist kein Ankommen.“ Sie klammerte sich an Alex, und beide standen umarmt vor der Badtür.

„Nadja, wir müssen reden.“

KAPITEL 4

„Nadja, wir setzen uns jetzt zusammen, hier auf das Sofa. Komm her.“

„Ich würde jetzt sehr gern duschen gehen. Ich fühle mich … beschmutzt …“

„Du weißt, was das bedeutet?“

„Ja.“

„Du kannst dann nicht mehr zur Polizei gehen. Also, natürlich kannst du das noch, aber …“

„Alex, Alex, hör zu, ich weiß das doch!“

„Und?“

„Ich werde auf keinen Fall zur Polizei gehen!“

„Sag mir deinen Grund.“

„Ich … also, es ist unmöglich. Ich kann das nicht machen, weißt du. Da … damit mache ich das alles öffentlich.“

„Nadja, das muss überhaupt nicht öffentlich werden. Die Polizei ist bestimmt zum Schweigen … ich meine zur Vertraulichkeit, zur Geheimhaltung in solchen Fällen verpflichtet.“

„Das ist mir heute Morgen alles durch den Kopf gegangen, immer ringsherum, immer wieder …“

„Das glaube ich dir doch. Ich sehe ja, dass du neben dir stehst, dass du gar nicht klar denken kannst. Und das ist in dieser Situation vollkommen normal!“

„Ich will aber nicht neben mir stehen, Alex. Ich muss mich jetzt zwingen, klar zu denken, damit ich das Richtige tue. Davon hängt mein Leben in Zukunft ab. Mein Leben und meine Arbeit. Mein Beruf!“

„Ja, ich verstehe schon. Wenn du jetzt duschen gehst …“

„Wenn ich jetzt duschen war, werde ich nicht zur Polizei gehen. Nicht zur Polizei, und auch nicht zum Arzt für die entsprechende Untersuchung, für die Spurensicherung, oder was die da so machen.“

„Und der Täter? Den wirst du davonkommen lassen, das weißt du, oder?“

„Ja, das weiß ich. Aber meine Wahl ist eingeschränkt. Entweder …“ „Entweder du gehst zur Polizei …?“

„Entweder ich werde die Frau sein, die überfallen wurde …“ „Oder?“

„Oder ich bleibe, was ich bin. Unbeschädigt – öffentlich meine ich …“

„Was meinst du mit unbeschädigt“?

„Was ich meine? Das kann ich dir sagen, Alex. Kein Opfer! Ich will kein Opfer sein!“

Nadja hatte die letzten Worte nicht herausgeschrien. Irgendwie erschien sie sehr bestimmt. Sie habe sich alles überlegt, sagte sie. Keiner könne doch glauben, dass so eine Sache in einer kleinen Stadt wie Weimar verschwiegen bliebe. Der Überfall als solcher würde in jedem Fall in der Zeitung erwähnt werden. Es würde von einer 27-jährigen Frau als der Überfallenen gesprochen. Für einen Tag. Dann würden Einzelheiten durchsickern. Jemand hatte sie im Klinikum gesehen, schmutzig, verheult. Denn vermutlich würden sie in der Notaufnahme warten müssen, im öffentlichen Bereich. Ärzte? Schweigepflicht? Na, vielleicht, aber die Schwestern? Andere Patienten, die da auch gerade herumlaufen oder -liegen? Reinigungskräfte? Und wenn nicht dort, was sei mit der Polizei? Ist jeder Beamte der große Schweiger? Daran könne sie nicht glauben.

„Ich bin erst ein Dreivierteljahr an meiner Schule, Alex. Gerade beginne ich, mir so etwas wie eine Stellung aufzubauen. Im Kollegium, ja, auch, aber vor allem bei meinen Schülerinnen und Schülern. Du glaubst wohl, nur weil ich ein Studium abgeschlossen habe, mit sehr guten Noten – was die gar nicht wissen – macht mich das zur Respektsperson? No way. Da musst du täglich topfit auf der Matte stehen, täglich streng sein, gerecht sein, freundlich sein, trösten, kritisieren, loben, tadeln … Was glaubst du passiert, wenn die erfahren, was geschehen ist?“

„Sie werden Mitgefühl haben, denke ich. Das sind doch keine Monster, oder?“

„Ja, mitfühlen werden einige von ihnen. Die Mädchen vielleicht. Ein paar Jungen wohl auch, das will ich nicht abstreiten.“

„Na also. Das bestätigt doch …“

„Nichts bestätigt das. Wichtig ist, was unter der Oberfläche vorgeht. Erstens wird ein Opfer zwar bemitleidet, möglich, aber vor allem wird es – wenn auch vielleicht unbewusst – verachtet. Nicht von allen, aber da gibt es immer einige, ich hab sie sogar schon vor Augen. Die Mobber. Glaub nicht, weil ich am Gymnasium arbeite, wäre alles picobello, alles schön und gerecht und die volle Harmonie. Träum weiter.“

Das Telefon klingelte, während Nadja unter der Dusche stand. Alex schaute auf das Display. Moni. Sie nahm ab.

„Moni?“

„Alex, guten Morgen. Seid ihr zwei ansprechbar?“

„Wie meinst du das?“

„Ich meine ansprechbar für ein ordentliches Frühstück? Ich habe Brötchen gebacken, Wurst und Käse sind im Kühlschrank, und zur Not bringe ich auch ein englisches Breakfast auf den Tisch.“

„Danke, Moni, für das Angebot. Lass mich überlegen: Englisch ist vielleicht ein wenig viel für unsere gestressten Mägen, aber Frühstück ist grundsätzlich eine gute Idee. Nadja ist unter der Dusche, ich denke so in einer Viertelstunde?“

„Nadja ist …?“

„Du erfährst es gleich – ich meine, Nadja wird dir erzählen, was sie möchte. Du bist ja so gut wie mitbetroffen, also musst du auch mitwissen. Außerdem habe ich das Gefühl, wir brauchen deine Hilfe …“ „Alles klar, bis gleich dann.“

Moni hielt die Tür auf und Alex ging mit Nadja durch den Flur nach hinten in Monis geräumige Küche, in der neben den Schränken, dem großen Kühlschrank und einer Kücheninsel auch noch ein runder Tisch mit drei Stühlen Platz gefunden hatte. Es duftete nach frischen Brötchen. Die lagen klein und ein wenig krumpelig in einem Körbchen.

„Setzt euch. Und wundert euch nicht über meine Brötchen – die sind selbst gemacht, absolut Bio und haben halt nur nicht diese industrielle Form wie heutzutage beim Bäcker.“

„Aber die schmecken …“, Nadja hatte gerade einen kräftigen Biss genommen und murmelte mit vollem Mund, „einzigartig.“

Alex und Moni sahen sich an. Nadja hatte Hunger, so schien es. Ein gutes Zeichen.

Sie waren bei der dritten Tasse Kaffee, als Nadja und Alex alles Wesentliche erzählt hatten: die Panne, den Überfall, Nadjas Entscheidung.

„Also, Mädels, zuerst das Praktische. Das Auto muss da oben weg. Habt ihr den Abschleppdienst angerufen? Nein? Dann machen wir das jetzt sofort.“

Nadja holte ihre Brieftasche mit der ADAC-Karte. Alex rief an und verhandelte kurz mit der Person am anderen Ende. „In zirka einer Stunde“, sagte sie.

„Ich überlege gerade …“, Alex schaute von Nadja zu Moni und zurück zu ihrer Schwester, „wie soll ich das jetzt sagen: Könnte der sich die Autonummer gemerkt haben?“

„Oder zurückgekommen sein? In der Nacht oder heute Morgen?“ Moni hatte das in sachlichem Ton gesagt, nahm aber jetzt Nadjas Hand. „Nadja, es hat keinen Zweck, wir müssen jetzt – und auch später – über die Dinge reden können, und am besten nicht immer darum herum. Also: Überfall ist Überfall, der Typ ist ein Schwein, ein Arschloch, was du willst.“

„Und die Stelle neben der Straße, und die im Wald, das ist eben der Ort des Geschehens. Sagen wir – der Waldparkplatz?“ Alex sah ihre Schwester fragend an. Nadja nickte. Sie schien nach dem Frühstück aufmerksam und relativ ruhig. Alex dachte an Oma Ediths Spruch, oft gesagt und später immer von den Mädchen im Chor mitgesprochen: Ist der Magen leer, sind alle Übel doppelt schwer.

Alex schaute auf die Uhr. „Ich fahre jetzt hoch und warte auf den Gelben Engel. Gib mir deine ADAC-Karte und die Autopapiere, das werde ich beides brauchen.“ Sie warf einen Seitenblick zu Moni.

„Nadja, bist du soweit ok, dass wir dich allein lassen können? Dann würde ich mit deiner Schwester fahren. Möglicherweise …“ Moni hielt inne.

„Möglicherweise finde ich den Parkplatz nicht wieder“, sagte Alex.

Nadjas halbes Lächeln zeigte, dass sie verstand. „Macht ihr das mal. Und danke.“

Alex setzte ihren BMW hinter Nadjas blauen Kleinwagen. Erst jetzt nahm sie die schon wärmende Frühlingssonne und den wolkenlosen blauen Himmel wahr. Ostersonnabend ist heute, dachte sie, und dass sie und Nadja, und Moni vielleicht, dieses Ostern im Gedächtnis behalten würden. Immer verbunden mit Gewalt, mit Demütigung und Todesangst für ihre Schwester. Und Wut.

„Moni, ich bin dir so dankbar für … du weißt schon, für alles. Nachbarn helfen sich ja schon mal, aber du … du nimmst die Sache einfach so in die Hand, und man fühlt sich irgendwie entlastet – oder behütet fast, oder so etwas …“ Alex stockte und sah Moni an. „Komisch, ich bin doch sonst die Person, die die rechten Worte zu finden hat, und jetzt …“

Moni legte ihr eine Hand um die Schulter. „Soll ich dir etwas sagen? Seit ich zurückdenken kann, habe ich immer Leute getröstet, aufgerichtet, ermutigt … na, so was eben. Aber das hier ist doch noch mal etwas anderes. Ich bin eigentlich dabei auszuloten, wie man jemand Betroffenem wie Nadja die Unterstützung gibt, die sie in dieser Situation braucht. Die sie auch weiterbringt, irgendwie.“

Alex nickte. „Mir geht es ähnlich. Aber ich bin schon erstaunt – oder beeindruckt – wie meine Schwester das im Moment verkraftet. Oder zu verkraften scheint, denn eigentlich bin ich fast sicher, dass da etwas nachkommt.“

„Dann nehmen wir es, wenn es kommt, Alex. Nadja ist meine Nachbarin, sie lebt gleichsam Wand an Wand mit mir, da werden wir uns im Blick haben, wenn du wieder weg bist. Ich glaube schon, dass sie mir vertraut, wir sind uns in den wenigen Monaten doch ziemlich nahegekommen.“

„Wie lange wohnst du eigentlich schon im Haus?“

„Lass mich überlegen, seit genau …“

Ein Motorengeräusch unterbrach Monis Antwort. Am Straßenrand hielt ein gelber Kombi mit dem ADAC-Schriftzug und der Fahrer fuhr nach kurzem Zögern auf den Parkplatz. Er stieg aus, ein kräftiger Mensch in grün-grauem Overall, ließ sich die ADAC-Mitgliedskarte zeigen und wandte sich dem Corsa zu. „Dann schau’n wir mal“, hörten sie und überließen den Mann seiner Arbeit. Sie sahen zu, wie er die Motorhaube öffnete, sich dann auf den Fahrersitz setzte und den Anlasser betätigte. Er startete den Motor und gab etwas Gas. Das klang merkwürdig, fanden Alex und Moni, selbst für ungeübte Ohren. Richtig, der Monteur stieg aus und holte ein Klemmbrett mit einem Vordruck. Er trug etwas in ein Formblatt Blatt ein und reichte Moni das Klemmbrett.

„Es ist das Zündmodul. Der Wagen muss leider abgeschleppt werden. Unterschreiben Sie hier. Ich rufe jetzt die Opel-Werkstatt an.“ Der Monteur ging zum Heck und schaute auf die Autonummer. „Sie sind doch bei Schaller in Weimar?“

„Sind wir“, antwortete Alex und nahm Moni Klemmbrett und Stift ab. Sie unterschrieb und erhielt die Karte zurück. „Muss eine von uns mit in die Werkstatt fahren?“, rief sie dem Monteur hinterher, der schon seine gelbe Wagentür geöffnet hatte.

„Nee, die schleppen das Fahrzeug ab und melden sich dann bei Ihnen – mit der Rechnung!“, fügte er an. „Das kann was Größeres werden. Aber gut, dass Sie nicht noch bis Weimar weitergefahren sind. Dann wär’s womöglich richtig teuer geworden. Schönen Tag noch!“

„Ihnen auch, und danke!“

„Moni …“

„Ich weiß, was du sagen willst. Wir sollten uns hier noch mal gründlich umschauen, Alex, oder?“

„Unbedingt. Auch wenn es Nadja jetzt nicht direkt nützt. Ich meine …“

„Trotzdem. Selbst wenn wir nichts finden – was ich befürchte – dann machen wir uns später wenigsten keine Vorwürfe.“

„Später?“ Alex sah Moni fragend an.

„Wer weiß denn, was noch kommt? Oder was wir finden? Es soll schon die verrücktesten Fälle von verlorenen Handys oder gar Personalausweisen am Tatort gegeben haben.“

Sie warteten eine Weile. Dann hörten sie ein Motorengeräusch hinter sich und sahen den Abschleppwagen der Firma Schaller in den Parkplatz einbiegen. ADAC-Karte und Zulassung wurden erneut hervorgeholt, eine weitere Unterschrift wurde geleistet und der blaue Corsa auf den Hänger gezogen.

Alex und Moni sahen sich nachdenklich an. „Normalerweise ist das das Ende einer Autopanne“, sagte Alex.

Moni hob die Augenbrauen. „Weißt du was? Mit dieser Sache sind wir womöglich noch lange nicht am Ende.“

Alex schaute hinter Moni her. Die lief bereits in kleinen Kreisen am Waldrand entlang. Begonnen hatte sie an der Stelle, an der gerade noch der blaue Corsa gestanden hatte. Alex sah auf ihre Armbanduhr.

„Moni, musst du heute nicht in dein Bistro?“, rief sie. „Ihr öffnet doch bestimmt am Ostersonnabend?“

„Kein Problem, ich habe Sven heute Morgen angerufen. Er hat pünktlich um acht Uhr für die Frühstücksgäste geöffnet, und Loretta bedient. Sie sollte sowieso mittags kommen.“

Alex betrat den Wald in einiger Entfernung von Moni und ging wie sie langsam im Kreis. Ihr wurde schnell klar, dass die Benutzer dieser illegalen und hinter einer durchgezogenen weißen Linie gelegenen Parkstelle vor allem am Waldrand für eine vielfältige Spurenlage gesorgt hatten. Das meiste davon mochte man nicht anfassen oder gar betreten.

„Wir sind vielleicht Amateure“, hörte sie Moni rufen. „Pinzetten und Plastikbeutel hätten wir wenigstens mitbringen sollen!“

„Beutel habe ich vielleicht im Auto!“ Alex lief zurück und durchsuchte den Kofferraum. Sie fand eine zerknüllte, aber hinreichend saubere Stofftasche und einen Plastiküberzug von der Reinigung. Moni ergriff die Tasche und sah sich zweifelnd um. „Da hinein können wir jetzt aber nicht alles …“

Während Alex überlegte, hatte sie kurzzeitig ein Bild von ausschwärmenden Polizeibeamten in weißen Overalls vor Augen. Nun gut, im Krimi waren sie hier nicht, dafür war alles viel schlimmer.

„Der Überfall war kurz vor Mitternacht, also noch keine zwölf Stunden her“, sagte sie zu Moni, „und in der Nacht hat es nicht geregnet. Den letzten Regen hatten wir am Donnerstagabend. Am besten, wir konzentrieren uns auf relativ saubere und weitgehend trockene Dinge.“ Sie verknotete den Reinigungsbeutel an einem Ende.

Nach einer halben Stunde intensiven Kreisens und Suchens kehrten sie enttäuscht zum Auto zurück. Moni präsentierte mit ratlosem Schulterheben den Inhalt der Stofftasche: leere Zigarettenschachteln unterschiedlicher Marken, eine leere Dose Deospray, einige Plastikverpackungen, die jüngst noch die ungesunden Produkte einer Fastfoodkette beherbergt hatten, vier Plastikgetränkeflaschen und ein zerknülltes Stück Papier. „Die ganz unappetitlichen Sachen habe ich dann doch liegen gelassen.“

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