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Frau Schick räumt auf

Inhalt

  1. Cover
  2. Über die Autorin
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Widmung
  6. 1.
  7. 2.
  8. 3.
  9. 4.
  10. 5.
  11. 6.
  12. 7.
  13. 8.
  14. 9.
  15. 10.
  16. 11.
  17. 12.
  18. 13.
  19. 14.
  20. 15.
  21. 16
  22. 17.
  23. 18.
  24. 19.
  25. 20.
  26. 21.
  27. 22.
  28. 23.
  29. 24.
  30. 25.
  31. 26.
  32. 27.
  33. 28.
  34. 29.
  35. 30.
  36. 31.
  37. 32.
  38. 33.
  39. 34.
  40. 35.
  41. 36.
  42. 37.
  43. 38.
  44. 39.
  45. 40.
  46. 41.
  47. 42.
  48. 43.
  49. 44.
  50. 45.
  51. 46.
  52. 47.
  53. 48.
  54. 49.
  55. 50.
  56. 51.
  57. 52.
  58. 53.
  59. 54.
  60. 55.
  61. 56.
  62. 57.
  63. 58.
  64. 59.
  65. Epilog
  66. Dank

Über die Autorin

Ellen Jacobi, 1960 am Niederrhein geboren, entdeckte als Tochter einer Bibliothekarin und Märchenbuchsammlerin früh ihre Liebe zu Büchern und zum Geschichtenerzählen. Nach einem Literatur- und Anglistikstudium arbeitete sie als Reiseleiterin und Lehrerin in England. In Deutschland war sie als Redakteurin für Tageszeitungen und Magazine tätig. Heute lebt sie mit ihrer Tochter in Köln.

1.

Der Jaguar schnurrt. Der Asphalt flimmert. Herrlich, diese Pyrenäen.

Wolfhart Herberger nimmt die Kurven der Passstraße in Adagio und Dreivierteltakt. Mal bergauf, mal bergab. Aus dem CD-Player perlen Klavierklänge. Der Sehnsuchtswalzer von Schubert. Nicht zu heiter, nicht zu schwer. Wundervolle Musik, wundervolles Wetter, wundervolle Fahrbahn. Wie von einem Bewegungstherapeuten entworfen, und frisch geteert ist sie auch.

Ganz anders als beim letzten Mal, als er sich zu Fuß und mit Rucksack hier heraufgeschnauft hat. Es ist Jahre her, dass er den Jakobsweg von Anfang bis Ende gegangen ist. Siebenundzwanzig, um genau zu sein. Damals war der Camino noch nicht Mode. Kein spiritueller Sonntagsspaziergang. Nur ein maroder Fuß- und Bußweg für ein überschaubares Grüppchen letzter Katholiken und erster New-Age-Jünger, für versprengte Forschungsreisende und Freaks. Und diesen Pass hier zwischen St. Jean Pierre le Port in Frankreich und Roncesvalles im spanischen Navarra nahmen nur Fanatiker unter die Füße.

Sie wandern mit der Aussicht auf achthundert weitere Kilometer durch Nordspanien, auf unwegsames Gelände und Wetterkapriolen, auf Kletter- und Schlitterpartien, auf Irrwege im Nebel und die linealgerade Folterstrecke durch das sengende Nichts der Meseta. Kein Reiseziel für Zimperliche, die ihr gesamtes Leben gern als sorgenfreies All-inclusive-Paket buchen und bei Regengefahr stornieren.

Wolfhart gönnt sich einen Anflug von Veteranenstolz und milder Melancholie. Er war fünfundzwanzig. Ein Globetrotter voll Tatendrang und Wissensdurst, nebenher wild verliebt, und zwar mehrfach. Seine Beziehungen waren so offen, dass es zog. Na, dieses Kapitel hat er mit seinen reifen zweiundfünfzig Jahren abgeschlossen.

Mit Frömmigkeit hatte er damals nicht viel im Sinn. Mit Ferien und Freizeit schon gar nicht, beides wird von Urlaubern gerne miteinander verwechselt. Frei haben oder zutiefst und in allem frei sein, das sind zwei ganz verschiedene Paar Schuhe.

Der Jakobsweg ist immer noch eine Einladung, das zu begreifen. Wer sie missversteht, durchquert immerhin reizvolle Landstriche und darf seine körperlichen Grenzen austesten. So wie die wachsende Schar der rasenden Mountainbike-Pilger. Chacun a son goût – jeder nach seinem Geschmack, da ist Herberger großzügig.

Er nimmt eine weitere Kehre. Hätte ihm vor siebenundzwanzig Jahren jemand prophezeit, dass er diese Strecke einmal im Jaguar und als Privatchauffeur einer »gnädigen Frau« angehen würde, hätte er demjenigen Prügel angedroht. Dabei ist Chauffeur gar kein schlechter Job, sondern geradezu vergnüglich.

Versonnen lächelt er das Armaturenbrett aus poliertem Wurzelholz an. Chauffeur. Das ist mal was anderes. Genau wie sein neuer Name und der silbrige Vollbart, den er sich zugelegt hat. Er wirft einen prüfenden Blick in den Rückspiegel. Sehr distinguiert, hervorragende Tarnung. Er erkennt sich selbst kaum wieder.

Wolfhart Herberger, wiederholt er stumm. Sein Mund zuckt kurz. Könnte sein, dass die Mission am Ende sogar Spaß macht, auch wenn ihr Ausgang ungewiss ist.

Seinen Vor- und Nachnamen hat er so abgewandelt, dass er sich damit noch gemeint fühlen kann und beides doch anders klingt. Aus dem seltenen althochdeutschen Eckehart hat er den nicht minder seltenen Wolfhart gemacht und aus »Gast« einen »Herberger«. Der neue Nachname passt zum Camino, ist aber eher eine Verneigung vor der Fußballtrainerlegende Sepp Herberger, dem Helden seiner Kindheit.

Als Wolfhart gefällt er sich ganz gut. Das klingt genau wie Eckehart – zu neudeutsch der »Schwertstarke« – ritterlich und kantig zugleich. Er hat als Junge nicht nur gern Konservendosen gegen Garagentore gekickt, sondern auch Sigurdhefte verschlungen, später dann die Artussagen und alle großen Heldenepen. Von Abenteuern hat er immer geträumt und nicht schlecht davon gelebt, auch wenn es phasenweise verdammt anstrengend war und mitunter lebensgefährlich.

Vielleicht sollte er sich, wenn diese Spaniengeschichte erledigt ist, auf Dauer einen zweiten Namen zulegen. Wäre finanziell nicht uninteressant. Er könnte sich dann endlich mit schweren Verbrechen, vielleicht sogar Morden beschäftigen. Das liegt ihm sicherlich. Herberger grinst verwegen. Nichts Blutrünstiges. Nein. Hübsche kleine, elegante, gut durchdachte Morde. Schmerzlos, aber äußerst raffiniert. Würde ihm guttun, zur Abwechslung mal mit der gebotenen intellektuellen Akribie und viel Fingerspitzengefühl Menschen ins Jenseits zu befördern, statt immer nur …

Im Fond des Wagens raschelt etwas. Ah, sie hat ihr kleines Nickerchen beendet.

»Halten Sie irgendwo da vorne an, Wohlfahrt.«

Wolfhart, zum Kreuzdonnerwetter noch mal!, schreit es in ihm. Keinesfalls WOHLFAHRT! So geht das nun schon seit sechs Wochen, obwohl er sie immer wieder korrigiert. Wohlfahrt! Wie klingt denn das? Nach Essen auf Rädern und Briefmarken. Dass er seinen Namen geändert hat, gibt ihr noch lange kein Recht, ihn zu verballhornen. Außerdem weiß sie ja gar nicht, dass er unter falscher Flagge segelt.

Er runzelt die Brauen. Oder ahnt sie etwas?

Nein, unmöglich. Die alte Dame hat ihn als Dr. Wolfhart Herberger und Chauffeur eingestellt. Seine Biografie als ewiger Taxifahrer mit Doktortitel hat sie fraglos akzeptiert. Ist schließlich keine Seltenheit mehr. Sie kann nichts von seiner wahren Identität wissen und schon gar nichts von den Absichten, die er mit dieser albernen Reise verbindet.

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2.

Denk an Pamplona!

Nelly strafft die Schultern, stürmt die Stufen zum Düsseldorfer Finanzamt hinauf und öffnet beherzt die Schwingtür zum Foyer. Der Pförtner in der Panzerglasloge hebt flüchtig einen Blick von seiner Zeitung. Er trägt eine Brille mit halben Gläsern und sieht aus wie eine verdrossene Eule. Nelly ist technische Übersetzerin für Gebrauchsanweisungen und Montageanleitungen und hält viel auf ihr Talent, selbst Blicke dolmetschen zu können. Der des Pförtners sagt: »Willkommen bei den lebenden Toten.«

»Ein herrlicher Tag da draußen«, hält sie dagegen. »Kaum zu glauben, dass wir bald September haben.«

Vergeblich. Dieser Mann ist ein begnadeter Griesgram. Nelly muss es wissen. Sie gibt ihre Steuererklärungen seit über zehn Jahren bei ihm ab. Bislang wortlos, aber heute dient der Kerl als ultimativer Crashtest für ihre gute Laune.

Wie heißen noch die Puppen, die man dafür benutzt? Egal, der Pförtner ist der Testwagen, der sie und ihre gute Laune mit zweihundertzwanzig Stundenkilometern gegen die Wand fahren soll. Versuchsweise. Und sie ist … Wie zum Teufel heißen die dämlichen Puppen? Ach ja, Dummies. Stopp!

Nelly legt eine gedankliche Vollbremsung hin. Dummies ist zwar Englisch und wird daher dammies gesprochen, klingt aber nach Idiotin. Und nein, das ist sie nicht! Nicht mehr, nie mehr. Besser sie nennt das Ganze eine Generalprobe. Genau! Ihre gute Laune muss bombenfest sitzen, bevor sie nachher auf Ricarda trifft. Ricarda ist seit Schultagen ihre beste Freundin und hat bislang nur eine vage Ahnung von der dramatischen Wende in Nellys Seelenleben, das jahrelang emotionales Sperrgebiet war. Ricarda wird natürlich alles wissen und analysieren wollen. Dummerweise ist sie nämlich Psychologin. Werbepsychologin, um genau zu sein. Menschen wie ihr kann man nichts vormachen, und Ricarda ist eine der Besten, wenn es darum geht, Menschen unerfüllbare Träume und Teesorten mit Namen wie »Oase des inneren Friedens« oder »Glücksmomente der Liebe« anzudrehen.

»Mach dir nichts vor, Nelly, die Illusion von Glück im Aufgussbeutel schmeckt den meisten Menschen besser als das anstrengende Bemühen, selbst dafür zu sorgen. Der Tee ist nicht zufällig ein Renner bei Frauen jenseits der vierzig. Sogar du trinkst ihn literweise, während du heimlich irgendwelchen Unsinn über Bestellungen beim Universum liest.«

Papperlapapp! Nellys Glück hängt längst nicht mehr am Faden eines Teebeutels. Das Universum hat geliefert. Jawohl! Und zwar etwas weit Besseres als Teebeutel. Einen Keller voll spanischem Wein – nicht zum Trinken, sondern um darüber zu schreiben – und zwei Wochen Pamplona! Fürs Erste.

Ach, Pamplona!

Da wollte Nelly immer schon einmal hin, unter anderem, um ein Stück des Jakobswegs zu gehen. In Studententagen, um ein Abenteuer zu erleben, und kurz nach ihrer Scheidung, um in den Trümmern ihres Gefühlslebens nach einem verborgenen Bauplan und Sinn zu forschen und der Vergangenheit auf immer den Rücken zu kehren. Auf genau die Weise, die der legendäre Camino seit Jahrhunderten vorgibt: auf dem Hinweg immer dem Westen und damit dem Sonnenuntergang entgegen, um auf dem Rückweg der Sonne, dem Morgen und einer seelischen Wiedergeburt entgegenzulaufen.

Geklappt hat es mit dem Jakobsweg nie. Aber jetzt darf sie völlig unverhofft zumindest nach Pamplona. Außerdem hat sie jetzt eine Zukunft und muss sich nicht mehr mit Sinnfragen quälen. Wie aus dem Nichts ist die Vergangenheit vorbei und alles Schwere federleicht.

Zurück zur Generalprobe in Sachen gute Laune. Das Stück, das Nelly seit ein paar Wochen einstudiert – nein: in echt und in Farbe erlebt – hat den Titel Nellys wunderbare Reise ins Glück. Es ist eine aufregend neue Rolle für sie. Noch dazu eine Hauptrolle! Nelly will sie überzeugend geben, auch wenn die meisten Menschen und vor allem Ricarda das Ganze als Illusionskunst oder absurdes Theater bezeichnen würden – angesichts ihrer Finanzlage und dem, was man Lebenserfahrungen und Reife nennt.

Nun, die Finanzlage wird sich ab morgen entscheidend bessern, und alles andere auch. Zum Teufel mit der Lebenserfahrung! Man kann täglich neue sammeln. Auch der Pförtner.

»Sie Ärmster«, wendet Nelly sich entschlossen dem Mann im Glaskasten zu, der sie längst ins Land des Vergessens verabschiedet hat. Er behandelt sie, als sei sie so unsichtbar, wie sie sich in den letzten Jahren oft gefühlt hat. Damit ist endgültig Schluss. »Es muss schrecklich sein, bei so einem Sommerwetter in diesem Kabuff zu hocken.«

Das Gesicht des Mannes bleibt umwölkt. Ohne von der Zeitung aufzusehen, schubst er die Dokumentenschublade unter der Trennscheibe hervor. »Einfach reinlegen.«

Mich oder die Steuererklärung?, denkt Nelly. Sie sagt es aber nicht. Von Nelly, der Kratzbürste, hat sie sich dank Yoga und Meditation ebenfalls verabschiedet. Kurzes Ommm, dann versucht sie es weiter mit guter Laune, dem Wetter und positivem Denken: »Wenigstens sind die Abende noch recht lang, da hat man nach Feierabend noch etwas davon.«

»Für sechs Uhr ist Regen angesagt.« Als Miesepeter hat der Pförtner Routine.

»Unmöglich. Der Himmel ist von unendlichem Blau«, widerspricht Nelly tapfer. Gut, das klingt ein wenig zu lyrisch für den Alltagsgebrauch und erst recht für den Pförtner.

»Tatsächlich«, brummt er. Immerhin hebt er seinen Blick und lässt ihn zu den nikotingelben Gardinen wandern, die ihn wahrscheinlich an die glücklichen Zeiten vor dem Rauchverbot erinnern. Sie filtern das Licht der Augustsonne zu einem schmutzigen Grau. Demonstrativ vertieft er sich wieder in die balkendicke Zeitungsschlagzeile.

Es scheint sich um finstere Neuigkeiten zu handeln. Auf diese hat Nelly jedoch überhaupt keine Lust. Sie will nicht vom allgemeinen Jammer angesteckt werden. Trotzdem kneift Nelly die Augen zusammen und buchstabiert die auf dem Kopf stehenden Buchstaben: »TV-Star beschimpft ZDF-Traumschiff als Mumienschlepper und schwimmenden Rentnerknast.« Unterzeile: »Sind wir mit sechzig plus zu alt für Romantik und Glück?«

Dafür ist man nie zu alt, auch nicht mit vierzig plus, findet Nelly.

»Und das sagst ausgerechnet du?«, mischt sich Ricarda in ihre Gedanken. »Bist du nicht die Frau, der ich mal ein Jahresabo für Parship geschenkt habe, das sie nach drei Wochen entnervt gekündigt hat?«

»Da war kein Mann für mich bei.«

»Bei mehr als einer Million männlicher Teilnehmer auf Liebessuche ist keiner für dich dabei? Mein Gott, wie anspruchsvoll kann man noch sein?«

»Ich hasse es, wenn man Sehnsucht und Gefühle für Geschäfte missbraucht. Noch dazu im Internet. Ich bin nicht anspruchsvoll. Ich bin romantisch.«

»Ihr Romantiker seid eine verdammt grausame Spezies. Alle real existierenden Menschen sind in euren Augen minderbemittelte Trottel, die eurer Einzigartigkeit nicht würdig sind. Aber wenn dir das Internet nicht passt – warum versuchst du es dann nicht endlich mit der Realität und deinem Nachbarn? Der arme Ferdinand Fellmann sitzt seit drei Jahren regelmäßig auf deinem Sofa, um dir seine Liebe in tausendundeiner Variante zu verschweigen.«

»Ach der …« Fellmann ist so romantisch wie Rheumawäsche oder ihr jährlicher Rentenbescheid.

»Das ist kein Grund, den armen Kerl wie eine Nachttischlampe zu behandeln! Schön, dass es sie gibt, und wenn es mal ein bisschen düster in deinem Leben wird, knipst du sie an.«

»Ferdinand hat in meinem Schlafzimmer nicht einmal als Nachttischlampe etwas zu suchen.«

»Dann sag ihm das deutlich, und erlöse ihn von allem Übel und für den Rest der Frauenwelt. Ein Mann wie Ferdinand ist zu kostbar und zu selten, um als Dekomobiliar eines unbelehrbaren Frauenzimmers zu verstauben.«

Nelly unterdrückt einen Seufzer und flüchtet sich zurück in Gegenwart und Finanzamt. Gegen Ricarda gewinnt sie nicht einmal in ihrem eigenen Kopf ein Duell. Sie nestelt ihre Einkommensteuererklärung aus ihrer Aktentasche, wiegt den grässlich amtsbraunen C-4-Umschlag kurz in der Hand und fühlt Panik aufsteigen. Ihre uralte Ich-ende-arm-und-vereinsamt-unter-der-Brücke-Phobie. Ommm! Denk an Pamplona, Nelly, macht sie sich selbst Mut. Pamplona! Genau.

Denn jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft zu leben! Ach, Hesse. Und außerdem: Wo Not ist, wächst das Rettende auch … Hölderlin! Versonnen lächelnd schiebt sie den Umschlag in die Dokumentenschublade, als handele es sich um eine Gewinnbenachrichtigung und nicht um ihre vorläufige Bankrotterklärung.

Guter, alter Hölderlin, wunderbarer Hesse. So weise und heilsam. Überhaupt: Gedichte. Soll ich denn einen Sommertag dich nennen, dich, der an Herrlichkeit ihn überglänzt? Shakespeare – ein Gigant der Liebeslyrik. Warum nur hat sie nach dem Studium aufgehört, Gedichte zu lesen?

»Weil dein wahres Leben wenig mit Lyrik zu tun hatte, schon gar nicht in Sachen Liebe«, zerraspelt Ricardas Reibeisenstimme ihren Ausflug in die Dichtkunst. Ricarda besitzt keinen Sinn für die Poesie des Herzens und überdies den zersetzenden Charme von Salzsäure.

Eine neue Liebe ist wie ein neues Leben, shananananana, summt es trotzig in Nelly. Es klingt ein bisschen wie Ricarda nach einer Flasche Prosecco. Das ist zwar nicht gerade Shakespeare und schon gar nicht Nellys Musikgeschmack, aber trotzdem irgendwie wahr. Vielleicht sollte sie Ricarda, wenn sie nachher wegen der Blumen und des Briefkastenschlüssels vorbeikommt, tatsächlich dieses Lied vorsingen, anstatt sich in die sinnlose Rechtfertigung ihrer genauen Reiseziele in Pamplona zu verstricken. Oder soll sie einfach behaupten, sie gehe jetzt endlich den Jakobsweg? Nein, das wäre feige, und außerdem müsste sie sich dann etwas über Spiritualität aus dem Supermarkt anhören und darüber, dass das Leben keine Wundertüte ist. Besser, sie bleibt bei der Wahrheit, und die hat mit Wein und einem Winzer, aber nichts mit Wallfahrten zu tun.

Statt Prosecco wird sie gleich jedenfalls einen Cava aufmachen. Einen Cava mit feinster, anhaltender Perlage im Mund und einer überaus lebendigen Nase voll Brot- und Hefearomen, mit knackiger Zitrusfrucht am Gaumen und einem auf der Zunge tanzenden Nachklang spanischer Zeder. Dieses Getränk hat keine Süße, hinter der es sich verstecken muss. Cava Tosantos wird aus allerbesten Grundweinen im traditionellen Rüttelverfahren hergestellt. Ein Brut nature von einzigartiger Noblesse. Klingt doch schon ganz gut für eine technische Übersetzerin, die Jahre ihres Lebens an extern gekühlten Abgasrückführungen, verrippten Kurbelgehäusen und Turbodieselmotoren für Traktoren herumgetüftelt hat. Landmaschinen sind komplizierter als Luxuslimousinen und weit weniger beflügelnd als Sekt. Vorbei! Heute fängt ein neues Leben an. Deine Liebe ist schuld daran … shananananana!

»Wie bitte?«, dringt dumpf die Stimme des Pförtners durch die Sprechlöcher in der Scheibe.

Mist! Jürgen Marcus summt nicht mehr nur in ihr herum, sondern aus ihr heraus. »Oh, Sie habe ich natürlich nicht gemeint. Ich singe nur gern«, windet Nelly sich heraus.

»Wir sind hier nicht im Kölner Musical Dome.«

Wenigstens hat sie den richtigen Ton getroffen, um den Mann von seiner Zeitung abzulenken. Er zieht mit einem wütenden Ruck die Dokumentenschublade zu sich hin und greift nach Nellys Umschlag. »Gute Laune, hm? Haben wir hier selten, und wenn, dann ist sie meist vorgetäuscht. Neues Leben, pah!«

Verdammt, ihr ist mehr als nur das »Shananananana« rausgerutscht. In letzter Zeit schalten sich ihre stummen Selbstgespräche manchmal auf Laut. Sie redet oder flucht, ohne es zu merken.

»Solange du nicht mehrstimmig bellst, bewegt sich das im normalneurotischen Bereich«, behauptet Ricarda. Für solche Sätze muss man sie einfach lieben. »Berufstätige Singlemütter, die viel zu tun haben und oft allein sind, reden gern mit ihrer Waschmaschine, andere vertrauen sich dem Toaster an. Ältere Frauen bevorzugen Hunde. Kein Grund also zur Sorge, solange du dir selbst ein angenehmer Gesprächspartner bist. Das Leben der meisten Menschen findet ohnehin nur in ihrem Kopf statt und hat mit der Realität wenig zu tun.«

Als Psychologin muss Ricarda das wissen, aber dass Nelly versehentlich im Finanzamt singt – noch dazu ein Lied von Jürgen Marcus –, das fände sie vielleicht doch therapiebedürftig.

»Na, dann wollen wir uns das mal näher anschauen!« Der Pförtner studiert zur Strafe für ihre Gesangseinlage mit amtlicher Miene den Umschlag, anstatt ihn lediglich mit dem Eingangsstempel zu versehen und im Postkorb abzulegen. Will er die Adressanschrift auf Fehler prüfen? Gut, dann also einmal Folter à la Finanzamt, seufzt Nelly stumm. Jedem seine Berufskrankheit.

Dieser Griesgram sieht aus wie die verhungernde Birkenfeige hinter ihm. Geschieht ihm recht, wenn er demnächst durch ein Callcenter ersetzt wird, das einen in der musikalischen Warteschleife verhungern lässt. Der Pförtner und seine Birkenfeige gehen dann gemeinsam in Rente und kompostieren auf dem Sofa mit Blick auf eine Schrankwand in Buchenimitat vor sich hin, während im Fernsehen das Traumschiff untergeht. Am besten mit Nellys Exmann Jörg an Bord. Der ist Schauspieler und hat kürzlich in einer Folge einen Gastauftritt als graumelierter Conférencier und singender Frauenversteher gehabt. Das ist Lichtjahre entfernt von seinen früheren Ambitionen, Deutschlands Antwort auf Bruno Ganz oder der neue Brandauer zu werden. Fehlt nur noch, dass Jörg im Dschungelcamp gedämpfte Känguruhoden verspeist.

Stopp, halt und ommm!, warnt sich Nelly. Das war gehässig. Vielleicht ist sie ja bloß neidisch, weil sie in einem früheren Leben Theaterdramaturgin war, dann Sitcom-Drehbücher verfasst und von einer Filmkarriere geträumt hat, letztlich aber bei Dieselmotoren und Traktorvergasern gelandet ist. Nach Beckys Geburt ist ihr das Händchen für Pointen und Lacher abhandengekommen. Jörg hielt Becky für einen Unfall, sie hielt Becky für den größten denkbaren Glücksfall. Jörg, der König aller Narzissten, ging davon aus, dass die Pflege, Ernährung und Finanzierung von Baby Becky, dem Familienglück und ihm selbst in Nellys Verantwortung fiel, während er sich seiner Schauspielkarriere widmen musste, die es damals allerdings nicht gab.

Jörg hatte eine sehr eigenwillige Definition von weiblicher Emanzipation, denn diese sollte vor allem ihm zugutekommen, und tatsächlich hat Nelly es eine Weile mit dem in den Neunzigerjahren grassierenden Superfrauensyndrom versucht: »Ich wuppe Mann, Kind, Küche und Karriere in Korsett und Stöckelschuhen!« Heute weiß sie: Das war ein ganz dummer Fehler, noch dazu ein freiwilliger.

Jörg hat seine total erschöpfte Superfrau bei der Scheidung ganz emanzipiert auf Unterhalt verklagt und zu diesem Zweck Becky und die Rolle des Hausmanns kurzfristig und per Anwalt für sich beansprucht. Damit Nelly mehr arbeiten könne. Und obwohl es ihr fast das Herz zerrissen hat, ist sie damals Ricardas Rat gefolgt, hat auf gerichtliches Gezerre verzichtet und Jörg die Babypflege auf Probe vollständig überlassen. Mit dem erwünschten Ergebnis: Sie bekam Becky zurück, nachdem Jörg drei Monate lang weiblichen Beifall für die demonstrativen Leiden eines verlassenen Vaters, für Windelwechseln in Damentoiletten und publikumswirksame Spielplatzbetreuung im Park genossen hatte. Dann dämmerte es Jörg, dass selbst ein Mann dafür kein Goldenes Bambi kassieren wird. Es sei denn, er spielt die Rolle nicht im wahren Leben, sondern in einer Kinokomödie, die sich nicht ums Windelwechseln, sondern um das unverhoffte neue Liebesglück mit einer hinreißenden Singlemama dreht.

Am Ende hat er es also vorgezogen, ohne Nellys freundliche finanzielle Unterstützung und ein Kleinkind Karriere zu machen. Ein Entschluss, der dadurch befördert wurde, dass Werbefachfrau Ricarda einen französischen Unterhosendesigner überreden konnte, Jörg zu seinem Wäschemodell zu machen. »Mr. Sexy Slip« war ein so durchschlagender Erfolg, dass Werbefilme folgten und ein halbnackter Kurzauftritt mit Gesangseinlage in einem internationalen Kinofilm. Der brachte Jörg – wenn auch nur in Deutschland – den Beinamen »kommender Hollywoodstar« ein. Das ist er nun seit dreizehn Jahren. Ohne merkliche Fortschritte in Richtung Hollywood, aber mit einer Dauerkarte für B-Promi-Partys, Vorabendserien, Musicalrollen, Gastauftritte auf dem Traumschiff und im Tatort, in Talkshowrunden und Jurorenjobs bei Castingshows.

Das alles ist für dich kein Grund, so ein Griesgram wie dieser Pförtner zu sein!, ruft Nelly sich zur Ordnung. Pech nur, dass die schlechte Laune des Pförtners ihre schlechte Laune anzieht wie Bildschirme den Staub.

Aber halt, sie hat doch gute! Und Pam-plo-na. Olé!

»Was?«, schreckt der Pförtner sie auf.

»Nichts, ich denke nur an Pamplona.«

»Das wäre ja wohl Spanien, oder? Wir sind hier aber in Düsseldorf, junge Frau.«

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3.

Vom Rücksitz des Jaguars kommen erneut Anweisungen. »Ab jetzt werde ich laufen!«

Eckehart Gast alias Wolfhart Herberger linst fassungslos in den Rückspiegel. »Ab jetzt? Unmöglich, gnädige Frau, wir sind mitten in den Pyrenäen.«

»Das ist selbst für mich nicht zu übersehen. Trotz meinem zweimal gelaserten grünen Star, Herr Doktor Wohlfahrt.«

»Mein Nachname ist Ga …, ich meine Herberger, gnädige Frau. Her-ber-ger.«

»Den mag ich aber nicht, Herr Dr. Wohlfahrt. Mit Beckenbauer wäre das was anderes, der hatte hübsche Waden! O-beinig, aber kraftvoll. Ihre kenne ich ja nicht, aber Herberger? Nein, bleiben wir bei Wohlfahrt. Passt auch schön zu Ihrer Aufgabe.« Sie lächelt unschuldig und liebreizend und nickt wieder ein.

Wahrscheinlich ist sie einfach tüddelig. Wäre mit bald achtundsiebzig Jahren durchaus möglich, wie es ihr Sekretär beim Einstellungsgespräch umhäkelt von seifiger Schmeichelei angedeutet hat: »Frau Schick führt die Firmengeschäfte seit dem Tod ihres Mannes vor fünf Jahren mit eiserner Disziplin. Zehn Stunden täglich! Eine unverwüstliche Frau und so charmant, so vornehm und hellwach … bis auf gelegentliche Aussetzer« – kleines Hüsteln und ein verschwörerischer Blick, den Herberger beflissentlich übersehen hat. »Nun ja, insgesamt ist sie sehr diszipliniert. Alter ostpreußischer Adel eben. Weshalb ich Sie, auch wenn es unmodern scheint, um eine entsprechende Anrede bitten muss.«

Wolfhart hat mit geradezu betroffener Miene nachgehakt: »Da Adelstitel in Deutschland seit 1919 abgeschafft sind, müssen Sie mir aushelfen: Genügt ein schlichtes ›von‹, oder sollte ich eine ›Edle‹, ›Freifrau‹ oder ›Gräfin‹ davorsetzen?«

Der Mann mit dem aufgeblasenen Titel Assistent für interne Firmenkommunikation hat den Scherz nicht einmal bemerkt. »Ein hin und wieder eingestreutes ›Gnädige Frau‹ reicht aus. Schon ihr Gemahl hat darauf bestanden, die ›Freifrau‹ und das ›von und zu Todden‹ wegzulassen.«

Kunststück, es war ja auch nicht sein Adelstitel oder Name, sondern ihrer, hat Wolfhart gedacht, aber nicht gesagt.

Sein dezentes Lächeln aber ist selbst dem Sekretär nicht entgangen. »Konsul Schick, ihr verstorbener Mann, war ein ebenso vornehmer Mensch und außerdem mein Vater!« Bei dieser Eröffnung ist Frau Schicks Sekretär um einige Zentimeter gewachsen. »Ich entstamme freilich einer anderen Verbindung. Ich gehöre sozusagen einer Nebenlinie des Hauses an, weshalb ich auch den Namen meiner Mutter trage.«

Das hat Herberger wenig beeindruckt. Wer’s dranschreibt, muss es bekanntlich nötig haben. Vor allem, wenn jemand – wie der Sekretär – den schönen rheinischen Nachnamen Pottkämper trägt.

»Nun, wie auch immer, Herr Schick – also mein Vater – war seiner Gattin sehr ergeben, genau wie sie ihm. Unzertrennlich die beiden, und das über fünfzig Jahre.« Verzückt hat Sekretär Pottkämper an dieser Stelle einen Blick auf das Doppelporträt des Firmengründers samt Frau, pardon Freifrau, geworfen, als gelte es, eine kurze Andacht einzulegen. Eine auf dreißig Sekunden bemessene Andacht. »Es wäre fatal, wenn der gnädigen Frau auf dieser Reise etwas zustieße. Sie hat in letzter Zeit ein wenig abgebaut, und bedauerlicherweise ist ihre Nachfolge noch ungeklärt.«

An dieser Stelle wurde es ein wenig interessanter.

»Mir ist daher wichtig, dass Sie mich regelmäßig über Frau Schicks Befinden unterrichten. Wofür Sie natürlich ein zusätzliches Honorar erhalten.«

»Auf Rechnung von Frau Schick?«

»Nun, nein, das erledigen wir über ein gesondertes Konto und ohne Steuer. Wir wollen die alte Dame doch nicht beunruhigen oder verärgern, nicht wahr?«

»Die alte Dame hat mir gegenüber unmissverständlich erklärt, dass sie gedenkt, täglich bei Ihnen anzurufen. Der Geschäfte wegen.« Die, das war Herberger spätestens jetzt glasklar, allein Frau Schick, geborene von Todden, führte und keinesfalls dieses klatschsüchtige Kuckucksei für interne Firmenkommunikation. »Diese Anrufe sollten Ihnen genügend Informationen über das Befinden Ihrer Vorgesetzten liefern, meinen Sie nicht?«, fragte er freundlich.

»Ja, ja sicher, aber verstehen Sie …« Der Mann beugte sich mit seifigem Lächeln und wie in einer schlechten Schmierenkomödie vertraulich vor und senkte die Stimme: »Ich bin an objektiven Beobachtungen von außen interessiert. Frau Schick weiß in letzter Zeit nicht immer so genau, was sie will und was sie tut. Diese ganze Idee mit dem Jakobsweg … Das ist doch ein schlechter Scherz!«

»So? Die Anzahl der Menschen, die den Camino gehen, wächst stetig. Gerade unter reiferen Zeitgenossen.«

»Frau Schick war nie religiös, eher im Gegenteil. Sie ist eine nüchterne und sehr vernunftbetonte Pragmatikerin.«

»Mit kleinen Aussetzern?« Herberger genoss es beinahe, Pottkämper aus der Reserve zu locken. Ob das schwafelnde Kuckucksei wohl pro Wort entlohnt wurde?

»Genau. Kürzlich stand eine äußerst dringende Vorstandssitzung an, in der es um die äußerst komplexe Nachfolgeregelung und eine innovative und zukunftsgerichtete Umwandlung der Firmenstruktur und des geschäftsführenden Vorstands ging.«

»Sie sprechen von Frau Schicks Testament?«

»Eh, nun … so ungefähr. Es lagen dringliche Papiere zur Unterschrift vor. Der gesamte Vorstand war versammelt, unsere Rechtsanwälte, die wichtigsten Kreditgeber, die Notare. Ein hochoffizieller Termin, Sie verstehen … Und was macht Frau Schick?«

Herberger hat mit den Schultern gezuckt.

»Sie verkündet, dass sie den Jakobsweg gehen will!«

Herberger hat bemüht ernst und, wie er hofft, ein bisschen fromm genickt. »Vielleicht will sie um göttlichen Beistand bitten, bevor sie etwas so Bedeutungsvolles wie ihr Testament unterschreibt?«

»Köln verfügt doch nun wahrhaftig über genügend Kirchen, um einem derartigen …«, Pottkämper konnte seine Empörung nur schwer verbergen, »… einem derartigen Bedürfnis nachzukommen. Aber das war noch nicht alles! Sie hat uns gebeten, eine Schweigeminute für eine verstorbene Freundin einzulegen, und dann einen recht wirren Vortrag über Schopenhauer gehalten. Das Ganze hat den Verdacht nahegelegt, dass sie – mit Verlaub – ein wenig verrückt ist.«

»Weil sie Schopenhauer liest?«

»Religion und Philosophie sind selbstredend – wie soll ich sagen – interessant, aber mit der Planung und dem Bau von Parkhäusern hat beides wenig zu tun. Der Vorstand, die Banken und die Rechtsanwälte haben – vorsichtig ausgedrückt – irritiert reagiert. Von Frau Schicks geistiger Leistungsfähigkeit hängen immerhin viele Hundert Existenzen ab, verstehen Sie?«

Ja, das hat Herberger durchaus verstanden. Genau wie die Tatsache, dass die Hauptsorge des Privatsekretärs seinem eigenen Auskommen als unterbeschäftigter und unterbelichteter Dauerlächler galt. Stirbt die alte Dame, wird es seinen Posten bei der Schick und von Todden GmbH höchstwahrscheinlich nicht mehr geben, wenn sie es in ihrem Testament nicht ausdrücklich verfügt. Oder hofft er sogar auf eine Beförderung? Wenn ja, dann sicherlich vergeblich.

»Diesen Grüßaugust behalte ich nur meinem verstorbenen Mann zuliebe«, hat die alte Frau Schick ihm auf der langen Fahrt durch Frankreich bereits anvertraut und mit glitzernden Augen hinzugefügt: »Und um den Vorstand zu ärgern, der ständig von unproduktiven Kostenfaktoren redet. Das bin ich in deren Augen auch, aber zu ihrem Pech gehört mir der ganze Summs nun mal.«

Es ist ein Hochgenuss, Freifrau von Todden, verheirateter Schick, zuzuhören, wenn sie ihren Sekretär und den Vorstand allmorgendlich mit wohlbedachten Hieben, straff nach hinten gezogenen Schultern und sehr geradem Rücken per Handy zur Schnecke macht. Eine Kämpferin, die dem Alter die Stirn bietet. Nur wenn sie sich unbeobachtet fühlt, meist kurz vor dem Einnicken, fällt die Maske der Disziplin für die Dauer eines Lidschlags. Dann sieht sie so verlassen und schutzbedürftig aus, dass Herberger sie trösten will. Wie das Kind, das sie einmal gewesen sein muss. Ein trotzig-tapferes kleines Mädchen, dessen Kindheit eine Wunde war und in eine nicht minder schwierige Jugend überging. Beides fand im Krieg statt und endete mit Flucht und Vertreibung. Nicht, dass sie darüber reden würde. Wolfhart hat es nachrecherchiert und herausgefunden, dass die von Toddens eine Ahnenreihe haben, die bis in die Morgendämmerung der deutschen Geschichte zurückreicht und sogar Verbindungen ins englische Königshaus aufweist. Hauchdünne, aber immerhin. Als Nachfahrin von mittelalterlichen Raufbolden und Haudraufs sind Frau Schick Wut und Kampfgeist ersichtlich näher als Tränen. Wut lässt sich aushalten und treibt voran. Damit kennt er sich aus.

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4.

Nelly vertieft ihr Lächeln. Ihr geht es schließlich gut. So blendend, dass sie Mitgefühl für den Griesgram im Glaskabuff entwickelt, der mit wichtiger Miene seine Lesebrille abnimmt, um einen Anruf entgegenzunehmen. Ihren Umschlag behält er noch immer als Geisel in der Hand. Seinen vielsagenden Blick übersetzt Nelly als eindeutige Botschaft: »Wir sind noch lange nicht fertig miteinander.«

Nellys Lächeln hält dennoch. Es kommt ja auch wirklich von Herzen. Sie könnte die ganze Welt umarmen. So fühlt man sich eben, wenn man verliebt ist. Wirklich verliebt. Und das auch noch in Pamplona.

»Alles nur eine vorübergehende Form des Wahnsinns«, lästert schon wieder Ricarda. »Liebe ist etwas anderes und ziemlich selten. Die meisten Beziehungen sind faule Kompromisse oder scheitern. Die Menschen fangen nur deshalb ständig neue an, weil sie sich so sehr wünschen, dass Liebe für immer und ewig halten kann. Bis zum nächsten Versuch.«

»Klappe! Dich überzeuge ich später vom Gegenteil!«, wehrt sich Nelly.

Der Pförtner lässt seine Lesebrille artistisch zwischen Daumen und Zeigefinger rotieren und erläutert dem Anrufer betont herzlich Ziffer 46c der Anlage UST für Umsatzsteuer. Er kann also auch anders. Nelly rümpft dennoch die Nase: Sein Verschlag dünstet den deprimierenden Geruch von Bürokaffee und Stempeltinte aus und keinen Hauch von Pamplona und Cava mit Zitrusnote und Neubeginn.

Ommm!

Der Ärmste! Ist sie in den letzten Jahren nicht selbst oft wie die Nadel eines alten Plattenspielers in der gleichen Rille hängengeblieben, weil ihre Lebensmelodie einen Sprung hatte und sie zu feige, träge und verbittert war, um eine andere Platte aufzulegen? Eine, die ihr Herz wieder zum Singen bringen würde? Sie drohte mit Blick auf Billy-Regale und Romantikkomödien im DVD-Player so beiläufig ins letzte Lebensdrittel hinüberzugleiten, wie Kinder die Milchzähne verlieren. Ohne große Gefühle. Die erlebte sie nur auf dem Bildschirm und in Filmen wie Liebe braucht keine Ferien, Tatsächlich Liebe oder Die wilden Hühner und die Liebe. Letzteres, wenn Becky dicht angekuschelt neben ihr lag. Im Rückblick waren das die schönsten Abende, auch wenn sie sich dem Film- und Süßigkeitengeschmack ihrer Tochter beugen musste: Schokoküsse, Esspapier und Colaschnüre. Eine Hälfte für Becky, eine für Mama. Die Hälfte für Mama hatte zeitweise fatale Folgen für ihre Figur und auf immer für ihre Geschmacksnerven. Sie liebt Colaschnüre inzwischen leidenschaftlich, auch wenn sie ihrer Tochter gegenüber stets standhaft das Gegenteil behauptet und Möhrenstifte zu den Colaschnüren serviert hat. Vor allem, wenn Ricarda dabei war, die Frau, die es geschafft hat, eine gute Figur, ein selbstbestimmtes Leben und ihre Karriere zu behalten.

»Ach Nelly«, unterbricht Ricarda sie mit leisem Kopfschütteln. »Anderer Leute Brot schmeckt immer nach Kuchen. Mich haben sie jetzt in die Best-Ager-Werbung verbannt. Das ist wie Hiphop-Tanzen im Minenfeld. Ich muss alles vermeiden, was nach Altsein klingt, unvermeidliche Gebrechen als Wellnesserlebnis vermarkten und Rollator-Hersteller für Anzeigen in Rätselheften begeistern. Was heißt schon Karriere? Ich hatte fünf Minuten Werberuhm, habe ein paar Kampagnenpreise zum Abstauben im Regal, aber weder eine Beziehungsbiografie mit Tiefgang noch eine Becky.«

»Bereust du dein Leben?«

»Keine Sekunde, aber jede Entscheidung hat ihren Preis. Die wenigsten von uns sind gleichzeitig Bundesministerin und siebenfache Mutter geworden, schon gar nicht, wenn sie aus Interesse Germanistik oder Psychologie studiert haben wie wir. Du hast es immerhin zur Mutter mit Übersetzerdiplom gebracht und eine Scheidung der herben Sorte überlebt. Kein Grund, sich zu schämen oder sich gramgebeugt durch den Rest des Lebens zu schleppen.«

Der Gedanke an Becky im Flauschbademantel voller Esspapierkrümel und Schokoflecken versetzt Nelly einen Stich. Nicht dran denken, zwingt sie sich. Becky ist inzwischen fünfzehn. Sie trägt keine Tabaluga-Pantoffeln mehr und hält weder die Wilden Hühner für cool noch ihre Mama für die Beste – was Nelly selbst nie getan hat. Lange vorbei sind die Zeiten, in denen Becky ein »Mutterbrot« von ihr verlangte, bei Regen ihre »Bummipiefel« nicht anziehen wollte oder ihr »wangleilig« war. Mit kleinen Kindern ist es seltsam: Die Tage mit ihnen dehnen sich endlos bis an die Schmerzgrenze, vor allem im Winter und wenn sie krank sind, aber die Jahre mit ihnen fliegen nur so dahin.

Hat Nelly nicht unglaublich viel versäumt und der kleinen, unfassbar hinreißenden Becky oft mehr versprochen, als sie halten konnte? Etwa den Planwagentrip durch Irland, den Ausflug ins Westernhotel von Disneyland und unzählige Runden »Mäuserallye«, nach denen Becky jetzt nie, nie wieder verlangen wird. Das alles hat sie verpasst – wegen plötzlich eintrudelnder Übersetzungsaufträge und drängender Abgabetermine. Der Gedanke daran schmerzt. Aber Schluss damit. Es gab auch Tage, an denen Nelly um acht Uhr morgens mit der dreijährigen Becky auf dem Arm zu Ikea gerast ist, um sie eine Stunde im Bällebad abzusetzen und beim Ein-Euro-Kaffee eine Übersetzungsarbeit abzuschließen, von der die Miete abhing. Schlechtes Gewissen inklusive. Nein, eine perfekte Mutter war Nelly nicht, und es gab genug Zeiten mit Becky, an die sie sich deshalb gern erinnert, weil sie vorbei sind, wie Ricarda zu Recht betont. Etwa die »Mama-Stinkepo-Phase« – eine Frühform der Rebellion im beginnenden Trotz- und endenden Töpfchenalter, als die Kindergärtnerin nur »Kacki-Katrin« und Ricarda »arschige Pupsitante« hießen.

Die Phase, in der Nellys Tochter jetzt steckt, ist so etwas wie eine Wiederholung auf höchstem Niveau. Becky pubertiert und ist vorzugsweise griesgrämig und hochnäsig. Die meiste Zeit befasst sie sich mit der alterstypischen Suche nach Antworten auf die Fragen »Wie beleidige ich meine Mutter richtig?«, »Wie verwüste ich mein Zimmer in fünf Minuten?« oder »Nach wie viel Tagen unter meinem Bett wird eine angebissene Pizza so lebendig, dass man sich mit ihr unterhalten kann?« Dass Becky verkündet hat, nach den Sommerferien erst einmal bei ihrem Vater zu bleiben und auf unbestimmte Zeit eine Pause von ihrer Mutter zu brauchen, tut trotzdem höllisch weh.

Nelly seufzt. All das hat sie vielleicht nur dem Umstand zu verdanken, dass Mr. Sexy Slip eine gigantische Penthousewohnung samt Haushälterin besitzt, die fürs Bettenmachen bezahlt wird und Becky den hübschen Hintern nachträgt. Von den B-Promi-Partys und Filmsets, die Becky an seiner Seite kennenlernen wird, ganz zu schweigen. Wenn sie Pech hat, sind damit fünfzehn Jahre Erziehungsarbeit zu Dingen wie pünktlichem Aufstehen, regelmäßigem Zähneputzen, Fleiß und einem Hauch von Ordnung für die Katz. Zumal Jörg vorführt, dass es sich ohne derartige Tugenden vergnüglicher leben lässt, wenn man nur rechtzeitig den Slip zeigt. Und am Ende hat er damit sogar recht.

Ihr tugendhaftes Leben zwischen beharrlichem Selbstzweifel und finanzieller Verzweiflung hat Nelly flügellahm gemacht. Kein Wunder also, wenn Becky ihre ersten Flügelschläge ins Leben lieber an der Seite eines unbekümmerten Partylöwen probieren will, dessen Geld aus dem Geldautomat zu kommen scheint. In Beckys Augen dürfte Jörg der Schöne sein und sie das Biest – zumal sie dummerweise versucht hat, Becky den Umzug zu verbieten. Becky antwortete mit Krokodilstränen, lautstarkem Türenknallen und »Ich hasse, hasse, hasse dich«, und am Ende hat Nelly dann nachgegeben.

Das ungute Gefühl versucht sie seither zu verdrängen. Denn warum bitte taucht Papa Sorglos, der bislang nur in Form überteuerter Sommerferien und Geschenke an Beckys Leben teilgenommen hat, plötzlich aus der Versenkung auf, um sich als Vollzeit-Vater zu betätigen? Da muss etwas dahinterstecken, und zwar nichts Gutes.

Ommm, Nelly! Verdammt noch mal, ommm, lass die Schwarzmalerei! Jörg ist kein Schwerverbrecher. Nelly ruft sich zur Vernunft, doch es fällt ihr schwer, auf sich selbst zu hören, denn Beckys spontaner Umzug ist keine Abnabelung, sondern eine Amputation ohne Narkose. So wie ihre grauenhafte Scheidung vor zehn Jahren.

Nicht dran denken, befiehlt sich Nelly, das hast du lange genug getan, und wer zu lange in den Abgrund starrt, in den starrt der Abgrund zurück. Becky geht es gut bei Jörg, ihr selbst geht es momentan besser als gut, und wahre Liebe lässt frei.

Aber nicht Becky, bitte, bitte nicht Becky!, wehrt sich was in ihr.

Stopp!

Denk an Pamplona, und lass allen gedanklichen Unrat vorbeischwimmen. Das sagt ihr Yogalehrer immer. Der hat allerdings keine Kinder und ist seit acht Wochen wegen Rückenschmerzen krankgeschrieben, weil sich sein Freund von ihm getrennt hat.

»So!« Der Pförtner hat sein Telefonat beendet, setzt wieder die Lesebrille auf und wendet sich erneut Nellys Umschlag zu. »Brinkbäumer, Nelly, Lindenallee 12, Steuerbezirk drei«, schließt er endlich seine Urkundenprüfung laut ab. »Steuernummer auch angegeben. Hm, gut.« Das »gut« klingt wie: »Das können wir gerade noch so durchgehen lassen.«

Zufrieden mit dem Vollzug seiner Amtshandlung bequemt er sich zu einem Scherz: »Fehlt eigentlich nur noch Ihre Kleidergröße und Ihr Geburtsdatum.« Er wirft den Umschlag in einen Postkorb.

»März, 38«, kontert Nelly und verbreitert ihr Lächeln zu einer Kampfansage. Sie dreht sich wie eine Modekundin vor dem Spiegel in der Umkleidekabine nach allen Seiten.

»1938?«

»Also bitte! Meine Kleidergröße ist wieder eine glatte 38, und Geburtstag hatte ich im März.«

»Aber nicht den achtunddreißigsten«, sagt der Pförtner spitz.

»Nein, ich bin achtundvierzig geworden. Bald habe ich ein halbes Jahrhundert voll!«

Der Pförtner hebt zweifelnd die Braue. Offensichtlich überlegt er, ob sie ein Kompliment für ihr Aussehen will. Das liegt weit unter fünfzig, aber ha!, nicht mit ihm. »So, so … achtundvierzig. Na, ob das ein Grund zum Feiern ist? Ich hab nach meinem Fünfzigsten aufgehört.«

»Man kann jederzeit wieder damit anfangen! Das Leben ist ein Fest.« Nelly lächelt eisern.

Der Pförtner schnaubt wie das längst pensionierte NDR-Pausenwalross. »Sie rechnen wohl mit einer gigantischen Steuerrückzahlung, was?«

Nelly schüttelt lachend den Kopf. »Ich bin so gut wie pleite, mein wichtigster Auftragsgeber, die Linzer Motorenwerke, hat Konkurs angemeldet und schuldet mir Honorare für ein halbes Jahr. Ich musste meine Lebensversicherung verkaufen. War ein verdammt hartes Jahr, aber ab morgen wird alles besser.«

»Tatsächlich? Wenn man mit fünfzig in den finanziellen Sinkflug gerät, ist Schluss mit lustig. Was meinen Sie, warum ich hier gelandet bin? Ich war auch mal selbstständig.«

»Ach, irgendwie geht es immer weiter«, versichert ihm Nelly. »Ich habe zum Beispiel meinen Ehering versetzt. Jetzt macht er sich endlich bezahlt.«

»Als ob das reicht!«

»Es war ein Brillantring.« Jörg hat ihn damals auf Kredit gekauft, den sie dann zurückzahlen musste. Doppeltes Ommm und nie wieder, du Dummie! Dummie mit U.

»Dann herzlichen Glückwunsch nachträglich, aber wenn Sie wüssten, was ich an monatlichen Festkosten habe! Miete, Strom, Telefon, Auto …«

Nelly stellt auf Durchzug und den Griesgram stumm. Diese Jammeroper kennt sie. Die hat sie jahrelang selbst gespielt, bis sie gemerkt hat, dass man sich damit vor allem das eigene Leben vermiest. Wie hieß noch dieser Kalenderspruch, der wochenlang an ihrem Kühlschrank klebte? »Groll ist wie Gift zu trinken und darauf zu hoffen, dass ein anderer daran stirbt.«

Eigentlich könnte sie jetzt gehen, aber sie möchte den Crashtest bis zum Ende durchhalten.

Der Pförtner gibt in Sachen Zetern und Klagen gerade so mitreißend schön Gas: »… dazu die Fernsehgebühren, obwohl das Programm eine Zumutung ist, und diese neuen DVD-Player gehen auch alle naselang kaputt. Von wegen Geiz ist geil …«

Versonnen streicht Nelly über ihre frisch gesträhnte Pagenfrisur, genießt das Gefühl seidenweich gepflegter Haare und grinst ihre Füße an. Die werden bald in wunderhübschen Schuhen stecken. Ein eBay-Schnäppchen, das sie vorgestern Nacht im Internet ersteigert hat und das schon heute per Kurier geliefert wird. Sie hat mit dem Versanddienst einen Wunschliefertermin vereinbart. Wunschtermin, ein wunderschönes Wort. Wunderschön wie die Marc-Jacobs-Pumps in Tanzschuhoptik mit Riemchen an der Fessel. Die werden sensationell zu Ricardas St.-Emile-Kostüm passen, das sie ihr nachher mitbringen will, damit Nelly morgen bei den Auftragsverhandlungen in Pamplona eine gute Figur macht. Und nicht nur dabei.

Nellys Lächeln gefriert. Herrje, wird Ricarda ihr das Kostüm auch noch leihen wollen, nachdem sie die nackte Wahrheit über dieses Vorstellungsgespräch erfahren hat? Nelly spürt, dass sie rot wird, weil sie sich in Gedanken gerade entstatt bekleidet, um … Ach je, ein bisschen peinlich wird es vielleicht schon, weil sie ganz grässlich aus der Übung ist, aber verlernen kann man so etwas doch nicht. Ach was, viel besser, er wird sie ausziehen! Sie kann einfach darauf warten und dann … Mmh.

Stille. Eine Stille, die so laut ist, dass man sie hören kann. Ist der Pförtner fertig? Nein, er holt nur empört Luft, um einen neuen Gipfel der Empörung zu erklimmen. »Was fällt Ihnen ein? Wollen Sie mich mit derartig obszönen Geräuschen beeindrucken?«

»Oh, oh nein!«

Himmel, sie hat Harry und Sally wohl ein paar Mal zu oft gesehen! Der Pförtner anscheinend nicht, er nimmt Nellys Stöhnen persönlich. »Sie wissen hoffentlich, dass beim Verkauf von Lebensversicherungen eine Abgeltungssteuer fällig ist und dass Sie den Handel mit gebrauchtem Echtschmuck wie Brillantringen ebenfalls angeben müssen, wenn Sie das Ganze gewerbsmäßig betreiben«, schnarrt er.

Jetzt reicht es! Da malt sie sich in aller Unschuld ein Freudenfest der sinnlichen Liebe aus, und der Mann spricht von Gewerbe! Schluss mit Ommm und allgemeinem Weltfrieden, Nelly kann bei Bedarf auch anders. »Ich hatte nur einen Ehering und betreibe das Heiraten keineswegs gewerbsmäßig«, bricht es aus ihr heraus. »Meine erste und einzige Ehe war ein reines Verlustgeschäft. Aber das ist jetzt vorbei, endgültig. Uranus, der große Zerstörer, verlässt morgen mein Sternzeichen, wissen Sie. Nach zehn Jahren! Vor mir liegt eine wirklich fantastische Zukunft, und die beginnt in …« Sie schaut auf die Normuhr im Rücken des Pförtners, um die Stundenzahl zu errechnen. In Sachen Horoskop muss man bekanntlich exakt sein. Die Uhr zeigt Viertel vor zwölf. »Oh Mist! Ich muss nachhause. Sonst verpasse ich den Mann, der meine Schuhe bringt. Punkt zwölf.«

»Wenn ich mich recht erinnere, heißen Sie doch Brinkbäumer und nicht Aschenputtel«, raunzt der Pförtner und lässt seinen rechten Zeigefinger in Stirnhöhe rotieren. Nelly sieht und hört nichts davon, sie ist längst draußen und tänzelt die Treppen hinab. Ihre gute Laune hat die Generalprobe überstanden, und neben der Steuererklärung hat sie im Finanzamt jede Menge Seelenschutt abgeladen.

»Momentan ist richtig«, summt sie. »Momentan ist gut.« Genau. Grönemeyer. »Telefon, Gas, Elektrik unbezahlt – und das geht auch …« Okay, so weit muss es nicht unbedingt kommen. Wird es ja auch nicht. Kann es gar nicht. Dank Pamplona und Javier.

Nein, nein, nein! Seinen Namen darf sie nicht einmal denken. Dabei wird ihr jedes Mal schwindelig und schlecht. Nelly tastet nach dem Treppengeländer. Vor Aufregung, Sehnsucht und Vorfreude ist ihr richtig übel.

»Bist du da so sicher?«, zischelt Ricarda in ihrem Kopf.

»Ja, bin ich«, flüstert Nelly. »Mi amor, ich komme.«

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5.

»Machen Sie die Musik aus!«, reißt Frau Schick ihren Chauffeur Herberger aus seinen Gedanken. »Ich kann dieses Gesäusel nicht mehr hören, und außerdem will ich endlich wandern.«

Wie bitte? Dass sie seine Musikauswahl nicht mehr mag und nun auch ihn zur Schnecke macht, ist neu. Aber wenn sie ihn für einen Grüßaugust wie Pottkämper hält, liegt sie falsch!

»Unmöglich. Sie können hier nicht aussteigen.« Pause. »Gnädige Frau.« Solange Herberger das Lenkrad in der Hand hält, ist er der Boss. Zumal es seinen eigenen Plänen mehr als abträglich wäre, wenn ihr hier etwas zustoßen würde. Sie soll es so lange wie möglich nett bei ihm haben, denn alles in allem schätzt er den alten Drachen. Er schätzt ihn sogar mehr als ihm lieb und seinen Plänen zuträglich ist.

Autsch! Manchmal hasst er ihn auch!

Der Drachen ist nach seinen diversen Nickerchen hellwach, hat sich im Fond des Jaguars aufgerichtet und bohrt die Metallspitze eines Nordic-Walking-Stocks in die Rückenlehne des Fahrersitzes und seine Lendenwirbel. »Jetzt halten Sie endlich an!«

»Nicht hier!«

»Dann in der nächsten Parkbucht. Sie haben vor wenigen Kilometern gesagt, wir seien im spanischen Baskenland angekommen, und irgendwann muss ich mit dem Wandern schließlich anfangen, oder? Der ganze Zirkus dauert doch nur acht Tage, und ich will wissen, was es mit den Wundern des Jakobswegs auf sich hat, bevor wir morgen in Pamplona auf die Pilgergruppe treffen. Das ist doch bestimmt so eine Bande aus pensionierten Oberstudienrätinnen und Bewegungsfanatikern in lächerlichen Hosen!«

»Das Publikum kann man sich bei organisierten Reisen nun einmal nicht aussuchen, gnädige Frau. Aber wenn Sie wünschen, fahre ich Sie im Auto bis Santiago de Compostela, und zwischendrin machen Sie ein paar hübsche Spaziergänge mit der Gruppe.« Streckenweise muss er schließlich allein sein, um nachzudenken und seine eigentliche Mission zu verfolgen.

»Spaziergänge, Wohlfahrt? Sie sind ja nicht bei Trost! Was meinen Sie, warum ich in dieser neumodischen Wanderkluft in einem Jaguar sitze? Wenn ich wegen meines Augeninnendrucks schon nicht mehr fliegen darf, dann will ich wenigstens gehen. GEHEN, und zwar jetzt sofort.«

»Nicht hier und nicht allein.«

»Nach dem bisschen, das ich gelesen habe, muss das aber so sein, wenn man ein Zwiegespräch mit Gott führen möchte.«

Wolfharts Augen streifen erneut den Rückspiegel. Bei der Erwähnung von Gott hat sich die Miene seiner Arbeitgeberin mächtig verfinstert. Was hat die alte Dame nur vor? Hat sie mit dem Allmächtigen ein Hühnchen zu rupfen?

»Wohlfahrt, hören Sie mich nicht? Ich möchte aussteigen!«

Wolfhart gibt Gas und nimmt die nächste Kehre so rasant, dass es seine Arbeitgeberin aus dem Sitz hebt. Er legt mit einem Extraschlenker und angedeutetem Schleudern nach. Befriedigt registriert er einen spitzen Aufschrei im Fond.

»Wie Sie bemerken, ist das Gelände hier gefährlich steil, gnädige Frau.«

»Lassen Sie die dämlichen Tricks!«

»Der Fußweg ist an dieser Stelle als Knochenbrecher gefürchtet, gnädige Frau. Hier kommen sogar Bergziegen ins Stolpern. Nicht umsonst kreisen über uns die Lämmergeier.« Er deutet mit dem Finger durch die Windschutzscheibe in den Himmel.

»Da kenne ich bessere Schauermärchen. Außerdem habe ich das Wandern zuhause geübt. Sie waren doch dabei.«

»Die Rheindeiche bei Köln sind mit den hiesigen Strecken nicht vergleichbar.«

»Ich war drei Mal auf dem Drachenfels und bin seit Jahren Mitglied im Alpenverein.«

»Sie sind meines Wissens lediglich passive Vorsitzende im Freundes- und Förderkreis des Alpenvereins, gnädige Frau.«

»Da hat aber jemand sehr genau recherchiert. Sind wohl ein passionierter Schnüffler, Herr Doktor?«

Wolfharts Brauen schnellen nach oben. Der »Doktor« klang reichlich überbetont. Ob sie etwas ahnt? Unmöglich, und zumindest sein Doktor ist so echt wie ihr Adelstitel. Trotzdem, wenn sie so weitermacht, landet sie noch einen Treffer. »Ihr Sekretär bat mich, mich gründlich auf die Reise vorzubereiten, gnädige Frau«, sagt er ruhiger, als er sich fühlt. »Außerdem lese ich regelmäßig den Kölner Stadtanzeiger, mit besonderem Vergnügen den Lokalteil, in dem Sie und Ihr Engagement als Schirmherrin der Schick-Stiftung und Spendensammlerin stets ausführlich gewürdigt werden. Von einer ausgeprägten Wanderleidenschaft oder Reiselust war dort nie die Rede.«

Im Gegenteil. In einem Interview hat ihr verstorbener Gatte Paul Schick angedeutet, dass die Fluchterfahrungen seine Frau von jeglichem Reisefieber ein für alle Mal kuriert haben, weshalb das Paar oft getrennt sei.

»Immerhin habe ich höchst aktiv Schecks für diese Feld-Wald-und-Wiesenfreunde ausgeschrieben«, kontert Frau Schick. »Wie für zig andere Vereine auch. Alles im Namen meines großherzigen Mannes.« Sie neigt den Kopf in Richtung Scheibe, ihr Blick tastet sich eine jäh aufklaffende Schlucht hinab, in der ein Gebirgsbach gurgelt. »Oh ja, er hatte ein sehr gutes Herz.«

Herberger beobachtet sie nachdenklich im Rückspiegel. Großzügigkeit und karitative Zwecke waren ja mehr oder weniger der Lebensauftrag seiner Chefin, den sie mit Noblesse und Stil erfüllt hat. Jetzt scheint sie sich darüber zu ärgern. Frau Schick schaut grimmig und wirkt sehr erregt. Das kann nicht gut für ihren Blutdruck sein. So viel sieht er, auch wenn er seinen Doktortitel nicht in Medizin erlangt hat. Er senkt die Stimme zu einem wohltemperierten Moll: »Gnädige Frau, wir müssen bis heute Abend in Pamplona sein, damit Sie sich in Ihrem schönen Hotel noch einmal ordentlich ausruhen können, bevor unsere Reisegruppe eintrifft.« Außerdem, und das verschweigt Wolfhart wohlweislich, möchte er ungestört telefonieren. Er braucht genauere Informationen und Instruktionen. Es kommt auf jedes Detail an. Nicht umsonst haben seine früheren Jobs ihn gelehrt, dass ein Patzer bei der Planung lebensgefährliche Folgen haben kann.

Frau Schicks Stimme signalisiert Tauwetter. »Herrje, ich ruhe mich seit Tagen auf dem Rücksitz aus, und dieser christliche Wanderzirkus trudelt doch erst morgen Nachmittag in Pamplona ein! Die dürfen schließlich schon ab hier wandern.«

Wolfhart lenkt ein und wirft einen Blick auf das Navigationsgerät. »Es sind noch knapp fünf Kilometer bis Roncesvalles. Dort können wir eine Rast machen und die Klosteranlagen besichtigen, gnädige Frau.«

Aus dem Fond bricht erneut eine Kaltfront über ihn herein. Samt Donnergroll und fauchenden Blitzen. »Verdammt noch mal! Lassen Sie endlich die ›Gnädige Frau‹ weg!«

Irritiert hebt Wolfhart die Brauen. »Ihr Sekretär hat auf dieser Anrede bestanden.«

»Kann ich mir denken. Dieser Knallkopf hat sich ja auch gern ›Persönlicher Referent von Konsul Schick‹ genannt und ihm einen Posten nach dem anderen abgeschmeichelt. Nur gut, dass meinem Verstorbenen der Ehrenprofessor von den Fidschiinseln und der Sonderbotschafter von Botswanaland zu teuer waren«, brummt die Dame auf dem Rücksitz.

»Wie meinen?«

»Nichts. Und jetzt halten Sie endlich!«

»Das werde ich. In Roncesvalles. Es ist das erste bedeutende Pilgerhospital auf dem spanischen Wegabschnitt, das schon in mittelalterlichen Pilgerführern erwähnt wird. Die Gebäudeanlage und vor allem die Kirche sind eine bemerkenswerte architektonische Variante der Gotik aus dem zwölften Jahrhundert«, schnurrt Wolfhart herunter, um Frau Schick abzulenken.

»Verschonen Sie mich mit Gotik. Köln ist rappelvoll davon. Vom Dom gehören mir schätzungsweise zweitausend Steine, Rosetten und Wasserspeier, so viel wie ich dem Bauverein gestiftet habe, und ich musste jedes einzelne Replikat persönlich bewundern.«

»Dann möchten Sie vielleicht die Grabkapelle sehen, die einer Legende nach Karl der Große nach der Rolandschlacht errichtet hat, als Beinhaus für –«

»Beinhaus? Da komm ich noch früh genug hin. Hören Sie, ich bezahle Sie nicht dafür, dass Sie Kulturführer lesen, sondern dafür, dass Sie Straßenkarten studieren.«

Er und Kulturführer lesen … Ha, wenn sie wüsste!

»Geschichte ist sozusagen mein Hobby, gnädige Frau.« Ein Hobby, für das Wolfhart in der Gefängnisbibliothek mal viel Muße hatte. Das ist Jahre her!, ruft er sich in die Gegenwart zurück. »Angesichts meines großzügigen Honorars für diese Reise dachte ich, dass einige Informationen über die Kultur und die Legenden des Jakobsweges …«

»Sie sollen nicht denken, sondern fahren. Ach, was rede ich. Ich meine natürlich anhalten. Diese scheußlichen Knobelbecher an meinen Füßen müssen schließlich eingelaufen werden, Herr Doktor Wohlfahrt

Jetzt klingt sie schon wieder anzüglich. Wolfharts Miene versteinert wie Charlton Hestons Gesicht in der Rolle des El Cid. »Sie tragen maßgefertigte Meindl-Schuhe. Man bekommt darin keine Blasen, und falls doch, dann haben Sie in den kommenden Tagen ja immer noch mich, Ihr Handy und diesen Jaguar, Frau Schick.« Er klopft auf das Armaturenbrett aus poliertem Wurzelholz. Das Klopfen erinnert ein wenig an eine Ohrfeige.

Vom Rücksitz der Limousine ertönt Triumphgelächter. »Na, endlich lassen Sie die gnädige Frau weg! Dann kann ich mir ja auch die Scherze mit Ihrem merkwürdigen Namen sparen.«

»Wieso merkwürdig?«

»Ich habe diesen Zirkus mit falschen und echten Titeln so satt«, bricht es aus Frau Schick hervor.

Wolfharts alias Eckeharts Herz macht einen Satz, als wolle es die silberne Jaguarfigur auf der Kühlerhaube überholen. Verdammt, sie weiß es, sie weiß es!

Frau Schick holt tief Luft. »Ein für alle Mal: Mein Mann war Paule Schick, auch als das Schlitzohr aus der Schemmergass oder Paulchen Schikane bekannt. Er war weder gnädig noch ein Herr, sondern lediglich der Parkhauskönig von Köln, ein Lump, der seinen letzten Seufzer in der Tingeltangelbar am Busen einer einundzwanzigjährigen Hostess getan hat. Ich hoffe, der Busen war nackt, und gönne ihm jede Sekunde seines achtundsiebzigjährigen Lebens, aber in meins hat er sich nicht länger einzumischen und Sie erst recht nicht. Und jetzt treten Sie in die Bremse! Oder muss ich Sie hinterrücks erschlagen und das Lenkrad selbst übernehmen? Da ist eine Parkbucht angekündigt, Herr Herberger.«

Wolfharts Herz schnellt in die Ausgangsposition zurück, seine Brust wird wieder weit. »Gnä …, Frau Schock, äh … Schick, wir brauchen keine Parkbucht. Wir sind gleich in Roncesvalles.« Er deutet auf ein Ortsschild.

»Wollen Sie mich veräppeln? Da steht: ›Drei Kilometer bis Orreaga‹, nicht Ronces-was-auch-immer«, schimpft Frau Schick.

»Oh, das ist lediglich ein Ausdruck unverwüstlichen Baskenstolzes. Orreaga ist Roncesvalles. Die offizielle spanische Variante der Ortsnamen lässt man hier gern weg, oder man schreibt sie ganz klein darunter. Nicht umsonst prägten die Pilger des Mittelalters den Ausspruch ›Ich bin mit meinem Latein am Ende‹, nachdem sie erstmals das Königreich Navarra betraten und mit keiner der ihnen bekannten Sprachen nur ein nachvollziehbares Wort aus den Basken und Navarresen herausbekamen. Baskisch ist eine weltweit einzigartige Sprache. Kurt Tucholsky schrieb in seinem Pyrenäenbuch: ›Eine Sprache, in der die Worte, wer durch diese Tür tritt, mag sich zu Hause fühlen’, àthean psatzen dubena bere etchean da heißen – die ist nicht zu enträtseln.‹«

Und damit sind es nur noch zwei Kilometer bis Orreaga. Ha! Wolfhart nimmt mit Schwung eine weitere Kehre. Er freut sich schon darauf, das melodiöse Rollen, Springen und Tanzen der baskischen Laute in Pamplona wieder einmal zu hören. Ob er wohl noch darauf antworten kann? Vor siebenundzwanzig Jahren hatte er eine hinreißende baskische Lehrmeisterin. Wie hieß denn die noch? Cida? Ammuna? Der Name hatte einen zauberhaften Klang. Passte zum uralten Hexenkult der Gegend.

»Aua!« Wieder dieser bohrende Schmerz im Lendenwirbelbereich. Herberger verliert für einen Moment die Kontrolle über das Fahrzeug. Der Jaguar bricht aus. Verfluchte Wanderstöcke, verflixte Hexe Schick!

»Anhalten!«, donnert es von hinten.

Ach! Der Teufel soll sie holen.

Das Auto gerät auf die falsche Fahrbahnseite, vor ihm taucht ein Viehtransporter auf. Wolfhart nimmt den Fuß vom Gas, lenkt geschickt gegen und bringt den Jaguar begleitet von einem atonalen Hupkonzert des Lasterfahrers auf die rechte Spur zurück. »Jetzt ist es aber genug«, brüllt er.

Nein, noch nicht.

»Mein Herz! Himmel! Mein Herz«, kreischt es von hinten.

Wolfhart reißt den Kopf herum. Frau Schick kauert zusammengesunken auf dem Rücksitz und presst die Hand gegen ihre Brust.

Scheiße, Scheiße, SCHEIßE!