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Frau Schick macht blau

Inhalt

  1. Cover
  2. Über die Autorin
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Widmung
  6. 1.
  7. 2.
  8. 3.
  9. 4.
  10. 5.
  11. 6.
  12. 7.
  13. 8
  14. 9.
  15. 10.
  16. 11.
  17. 12.
  18. 13.
  19. 14.
  20. 15.
  21. 16.
  22. 17.
  23. 18.
  24. 19.
  25. 20.
  26. 21.
  27. 22.
  28. 23.
  29. 24.
  30. 25.
  31. 26.
  32. 27.
  33. 28.
  34. 29.
  35. 30.
  36. 31.
  37. 32.
  38. 33.
  39. 34.
  40. 35.
  41. 36.
  42. EPILOG
  43. Dank

Über die Autorin

Ellen Jacobi, 1960 am Niederrhein geboren, entdeckte als Tochter einer Bibliothekarin und Märchenbuchsammlerin früh ihre Liebe zu Büchern und zum Geschichtenerzählen. Nach einem Literatur- und Anglistikstudium arbeitete sie als Reiseleiterin und Lehrerin in England. In Deutschland war sie als Redakteurin für Tageszeitungen und Magazine tätig. Heute lebt sie mit ihrer Tochter in Köln.

 

Was ich suche, ist der Spalt im Gobelin,
wo ganz bestimmt Kobolde wohnen.

Herman van Veen

Für die beste Maryse von allen

1.

Eins steht fest: Auf die Frage »Wie geht es Ihnen heute?« sollte man Psychiatern nie, niemals eine Antwort geben. Zumindest keine ehrliche und erst recht keine, in der eine verstorbene Schreckschraube mit Hut, Stalin und ein Kleiderschrank vorkommen. So etwas bringt Psychiater vollkommen durcheinander. Das ist Frau Schick, geborener Freifrau Rosalinde von Todden, inzwischen klar.

Leider zu spät.

Sie war so erleichtert über ihr negatives Alzheimergutachten, das druckfrisch vor diesem Doktor Grünschnabel auf dem Schreibtisch liegt, dass sie sich ihm freimütig anvertraut hat. Dabei hat sie noch beim Reinkommen gedacht, dass so ein Milchgesicht in zu großem Arztkittel nichts von Kobolden, Geistern und verdammten Seelen versteht. Schon gar nicht von ostpreußischen! Und es muss sich um ein Gespenst handeln. Alle vernünftigen Erklärungen hat sie durchprobiert. Es gibt keine. Frau Schick rutscht unruhig auf ihrem Stuhl herum.

Eine Schande, dass Professor Dr. Ludrikeit heute nicht da ist, der hätte vielleicht Bescheid gewusst und ein Gegenmittel gekannt. Sie haben sich letzte Woche so reizend über seine Vorfahren aus Schernuppchen beim ehemaligen Insterburg unterhalten. Das lag zwar eine Ecke weg von Gut Pöhlwitz in Masuren, wo Frau Schick ihre ersten elf Lebensjahre verbracht hat, aber Gespenster gab es in Ostpreußen überall. Kaum ein Dorf, in dem bei Gewitter nicht geweihte Kerzen entzündet wurden. Pöhlwitzens Kutscher haben vor jeder Ausfahrt dreimal kreuzweise mit der Peitsche geknallt und die Räder beim Wagenschmieren linksrum gedreht, damit der Leibhaftige nicht mitfährt. Dorfschuster Popesch hat seine tote Mutter im rechten Knie verspürt, wenn ein Todesfall bevorstand, im linken, sobald eine Hochzeit fällig war, und Frau Schicks Amme, die olle Schemutat, hat nie ein Brot verschenkt, ohne zuvor ein Eckchen abzuschneiden. Damit der Segen im Haus zurückbleibt.

Aber von so was hat dieser hektische Doktor Pillermann, der heute hinter dem Professorenschreibtisch sitzt und gerade nach einem neuen Kugelschreiber sucht, weil er einen bereits leer geschrieben hat, keine Ahnung. Außerdem hört er ihr zu ihrem Ärger nicht richtig zu. Womit fast 78-jährige Damen wie sie leider immer rechnen müssen.

Darum ist ihr Gespräch bislang gründlich schiefgelaufen. So schief, dass Frau Schick sich langsam plemplem vorkommt. Ist sie aber nicht. Das hat Professor Ludrikeit, der Kölner Spezialist für Gerontologie und Nervenheilkunde, vor einer Woche zweifelsfrei festgestellt.

Eigentlich ist sie heute nur hergekommen, um das Gutachten abzuholen und es umgehend an die Schick und von Todden Parkhausbau GmbH weiterzuleiten. Damit in der Firma, ihrer ehemaligen Firma, niemand mehr behaupten kann, sie habe den Geschäftsvorsitz aufgegeben und den gesamten Sums ihrem Patensohn überschrieben, weil sie an Altersschwachsinn leide. Pah!

Sie hat auch nicht – das ist die jüngste Frechheit aus Reihen des Geschäftsvorstands – jahrelang wichtige Papiere verschlampt, wodurch nun ein Millionengeschäft auf der Kippe steht. Frau Schick verzieht verächtlich das Gesicht. Hinter derart unverschämten Anwürfen steckt bestimmt wieder Intrigant Pottkämper, den sie von ihrem Verstorbenen, Kölns Parkhauskönig Paulchen Schick, leider mitgeerbt hat. Als persönlichen Referenten.

Noch mal pah!

Pottkämper ist ein Kuckucksei von Schwerenöter Paulchen. Ein nutzloser Lackaffe, der in teuren Anzügen und handgenähten Budapestern an den Füßen den Baulöwen markiert, dabei versteht er vom Geschäft so viel wie eine Kuh vom Stricken. Trotzdem hat er sich als Pauls illegitimer Sohn Hoffnung auf ihren Chefsessel gemacht und zu diesem Zweck an einem Märchen über ihr angeblich morsches Oberstübchen gebastelt.

Diesen Grüßaugust in Lackaffenschuhen hätte Frau Schick vor der Firmenübergabe natürlich am liebsten gefeuert oder – weit besser – zum Pförtner degradiert, aber ihr Patensohn Johannes war dagegen. Er hat sich für eine friedliche Lösung ausgesprochen, weil »sich nicht zu rächen auch eine Rache ist«. Das soll der mal Pottkämper beibringen, der hartnäckig an den Gerüchten über ihren Geisteszustand festhält.

Also wirklich! Fast hätte Frau Schick ihrer Empörung lauthals Luft gemacht. Sie verschludert oder verhindert doch keine Millionenverträge! Sie hat weiß Gott Besseres zu tun. Vor allem gilt es, eine Hochzeit vorzubereiten, aber stattdessen muss sie sich hier einem Verhör unterziehen.

Herrje, Doktor Grünschnabel hat einen frischen Kuli gefunden und überfliegt seine bisherigen Notizen. Auf zur nächsten Fragerunde.

»Jetzt noch mal von vorn, Frau Schick. Verstehe ich Sie richtig? Stalin lebt in ihrem Kleiderschrank, trägt einen Hut, leuchtet grün und hinterlässt nachts Fußabdrücke auf dem Schlafzimmerteppich?«

Frau Schick seufzt ergeben. Wenn man es auf diese Weise zusammenfasst, klingt es wirklich bedenklich nach Dachschaden. »Junger Mann, Sie haben überhaupt nichts verstanden«, sagt sie. »Auf Stalin tippt meine Haushälterin, aber die Fußstapfen auf meinem Teppich können nicht von ihm gewesen sein. Erstens lasse ich ihn nie ins Haus, zweitens trägt er keinen Damenhut, und drittens lebt er nicht bei mir, sondern beim Weihnachtsmann.«

»Stalin lebt beim Weihnachtsmann

Der klingt ja immer irrer! Und klickt wie besessen am Kugelschreiber herum, macht sie ganz nervös, dabei ist er es offenbar.

»Hören Sie, ich nenne den Kerl nur den Weihnachtsmann, weil er eine rote Bommelmütze trägt und einen grauen Wallebart hat, der aussieht wie ein geplatztes Sofakissen. Dass ein Mann in diesem Alter noch derartig viele Haare hat, sogar in der Nase! Und die Frisur! Wenn ich es mir recht überlege, sieht er mehr aus wie Karl Marx auf Stütze. Er trägt zur Bommelmütze nämlich Blaumann.«

»Wer?«

»Der Weihnachtsmann, Herrgott im Himmel noch mal!«

»Das ist … äh … wirklich interessant. Erzählen Sie weiter, Frau Schick.« Der Jungpsychologe klickt erneut mit seinem Kugelschreiber. »Der Weih-nachts-mann … sieht aus … wie Karl Marx!«

Jemine, jetzt fängt der auch noch an, laut buchstabierend, kompletten Unsinn aufzuschreiben! Frau Schick bemüht sich um Contenance. Dabei ist diese Begriffsstutzigkeit wahrlich schwer zu ertragen. »Junger Mann, es geht hier doch gar nicht um den Weihnachtsmann!«

»Nicht?«

»Nein! Der Weihnachtsmann ist nur irgendein verdrehter Stadtstreicher oder Rumstreuner, der seit einiger Zeit jede Nacht bei mir klingelt, um …«

Halt, nein, das mit dem Schrebergarten, den der alte Zauselbart ihr andrehen will, sagt sie jetzt besser nicht, sonst kommen sie nie zum eigentlichen Thema zurück. »Der Weihnachtsmann kommt, um zu betteln!«, sagt sie schließlich. »Immerhin bin ich nicht unvermögend und für meine Wohltätigkeitsarbeit bekannt.«

Komischerweise will der Kerl allerdings nie etwas annehmen. Na, seine Sache. Sie will auch keinen Schrebergarten.

Irritiert schaut der Arzt von seinen Notizen auf. Er sieht fast ein bisschen enttäuscht aus. »Es gibt also gar keinen Weihnachtsmann?«

Der müsste sich mal selber reden hören! Solche Fragen stellen gewöhnlich Sechsjährige. »Selbstverständlich gibt es den Weihnachtsmann«, sagt Frau Schick geduldig, »aber er ist kein Gespenst, sondern ein alter Rumtreiber.«

»Und Stalin?«

»Ist sein Hund!«

»Und den haben Sie Stalin getauft?«

»Nein, das war Karl Mar…, also dieser Stadtstreicher. Ich glaube, es macht ihm Spaß, dem betagten Kläffer Befehle wie ›Platz, Stalin!‹ zuzurufen. Am Anfang fand ich das übrigens recht drollig. Es zeugt von Esprit und Fantasie. An guten Tagen kann Stalin sogar noch Männchen machen, wissen Sie.«

Jetzt fängt der wieder an, hektisch auf dem Kugelschreiber rumzuklicken!

»Dann gibt es also überhaupt keine Gespenster in Ihrer Villa?«

Herrje, ist dieser Grünschnabel schwer von Kapee!

»Doch. Meine Tante Freda von Todden, der die Villa früher mal gehört hat.«

Klick-klick macht es wieder. Nur leider nicht im Kopf des Grünschnabels. »Verstehe«, sagt er langsam. »Und Ihre Tante lebt also in Ihrem Kleiderschrank.«

»Junger Mann. Gespenster leben nicht mehr, sie sind tot, das macht die Sache ja erst grauenhaft.«

Na, wenigstens benutzt er seinen Kugelschreiber jetzt wieder zum Schreiben, und sie sind beim Thema!

»Das war Freda von Todden allerdings auch, solange sie lebte«, ergänzt Frau Schick. »Ich meine grauenhaft, nicht tot«, setzt sie hastig hinzu. Wenn der sich nicht konzentrieren kann, muss sie es wenigstens versuchen, dabei würde sie jetzt wirklich lieber über Hochzeitskleider nachdenken. Und die Torte! Die Torte … Sie muss gleich dringend zu Printen Schmitz, um zu probieren. Nelly könnte Nougat mögen. Schon dumm, dass sie nicht einfach nachfragen kann, aber das Hochzeitsfest soll eine Überraschung für sie sein. Bräutigam Herberger ist bestimmt nicht so fürs Süße oder – Gott bewahre – Sahnekringel! Herberger hasst falsche Verzierungen. Das muss sie sich notieren.

»Kann ich mir kurz mal Ihren Kugelschreiber ausborgen?«

Der Grünschnabel blickt unwirsch von seinen Notizen auf, rückt den Kuli aber nicht raus. »Ist diese Frieda erst kürzlich verstorben?«, fragt er stattdessen.

»Welche Frieda?«, hakt Frau Schick spitz nach. Sie weiß natürlich, wer gemeint ist, aber der Grünschnabel soll endlich merken, wie unkonzentriert er zuhört.

»Ihre Tante.«

»Die hieß nicht Frieda, sondern Freda! Freda von Todden war die Schwester meines Vaters. Sie ist seit 1965 tot und auf eigenen Wunsch verbrannt worden. Ich nehme an, sie wollte dem Teufel ein Schnippchen schlagen, damit fürs Höllenfeuer nichts übrig bleibt, aber zum dumm Herumspuken reicht es anscheinend allemal. In meinem Kleiderschrank war sie noch knapp über einen Meter groß.«

»1965 verstorben. Hm, aha«, wiederholt dieser Grünschnabel, runzelt die Stirn, klickt wieder mit dem Kugelschreiber und blättert in Professor Ludrikeits Gutachten, als müsse er es auf Rechtschreibfehler prüfen. Wenn das der Herr Professor wüsste!

»Über Freda steht da nichts drin«, ist Frau Schick behilflich, um ihm unnütze Arbeit und sich das Kugelschreiberklicken zu ersparen.

»Typisch, Professor Schludrigkeit«, murmelt sein Assistent Grünschnabel abfällig. »Sollte sich endlich zur Ruhe setzen.«

Frau Schick würgt empört den Griff ihrer Handtasche. »Junger Mann, das habe ich gehört! Freda kann in dem Gutachten nicht drinstehen, weil sie erst gestern Nacht bei mir aufgetaucht ist. In den Nächten zuvor hat sie nur unsichtbar im Keller rumgeächzt, wahrscheinlich auf der Suche nach ihrem Scheusal von Hut. Ohne den hätte ich sie ja gar nicht erkannt.«

Der Grünschnabel liest weiter Korrektur, klickt mit dem Kuli.

Einfach unverschämt! Herr Ludrikeit hat sie gründlich untersucht und keine Faxen mit seinem Kugelschreiber veranstaltet. Eine halbe Stunde lang hat sie eingeklemmt wie ein Spatz im Rauchfang in einer Kernspin-Röhre gelegen und die Pastorale von Beethoven gehört. Armer Beethoven, nur gut, dass er seine akustische Hinrichtung nicht mitanhören musste und bereits zu Lebzeiten stocktaub war. Dabei hat der liebe Gott es hoffentlich belassen. Die heiter getupften Pastelltöne von Beethovens Meistersinfonie wurden nämlich vom Henkersbeil-Klacken, mit dem die Maschine Schnittbilder ihres Gehirns anfertigte, zu einem Tonsalat zerhackt, der Frau Schick beruhigen sollte. Das Gegenteil war der Fall gewesen. Statt an eine Landpartie mit murmelnden Bächen und Goldammergesang hat sie an Lämmer unter Trommelfeuer gedacht. Und als das Klack-klack kein Ende nehmen wollte, an ihre Flucht aus Ostpreußen.

Mit elf Jahren ist sie unter dem Beschuss der angreifenden Russen und dem bellenden Gegenfeuer letzter deutscher Einheiten mit einem Säugling auf den Armen bis nach Köln geflohen. Allein. Die meiste Zeit zu Fuß, und das ausgerechnet in die Villa von Schreckschraube Freda. Die letzte überlebende von Todden hat sie samt Baby kurzerhand im feuchten Waschkeller einquartiert. Dabei stand die Villa darüber wie durch ein Wunder noch. Wer so was überlebt, fürchtet keine Gespenster mehr, er hat nämlich die Hölle auf Erden durchquert. Damals hätte sie Grund gehabt, verrückt zu werden, ist sie aber nicht.

Nach dem Ausflug in die Kernspin-Röhre hat der Professor noch Hirnflüssigkeit abgezapft und sie musste Rechenaufgaben lösen und Uhren malen. Ihre Uhren gingen alle richtig. Was 156 minus 39 ergibt, hat sie auch fix herausbekommen, und zwar im Gegensatz zum Nervenprofessor ohne Taschenrechner.

Das hat Herrn Ludrikeit sehr beeindruckt und ein bisschen gefuchst, weshalb sie wie ein Schulkind nachsitzen und noch drei Aufgaben lösen musste. Im vierstelligen Bereich. Malnehmen und Teilen mit großen Zahlen haben sie auch noch einmal durchgenommen.

Dafür hätte ihr Verstand ein Fleißbildchen verdient und der Herr Professor eins hinten drauf. Aber gegen diesen Grünschnabel ist er ein Heiliger.

»Wollen wir doch einmal sehen …« Der Grünschnabel beugt den Rücken vor und rollt mit seinem Drehstuhl zu einem Computer mit Riesenbildschirm. Er sieht aus wie eine Schildkröte auf Rädern und klickt nun statt auf dem Kugelschreiber auf einer Maustaste herum. Auf dem Bildschirm erscheint die Aufnahme eines Gehirns. Muss ihres sein. Igitt, sieht das grauenhaft aus! Wie Wurmgewimmel und unverdaute Erdnussflips! Da waren ihr die alten Röntgenbilder von Totenschädeln aber erheblich lieber.

Grünschnabel kriecht fast in den Bildschirm und schüttelt besorgt den Kopf. »Da ist tatsächlich nichts zu sehen«, murmelt er fassungslos, »rein gar nichts.«

»Junger Mann, zügeln Sie sich. Sie sprechen von meinem Gehirn! Und da ist eine Menge drin.« Jedenfalls mehr als bei ihm. »Außerdem wusste bereits Arthur Schopenhauer, dass nur wer Verstand besitzt, ihn auch verlieren kann. Andersherum geht’s nicht. Merken Sie sich das.«

Grünschnabel forscht stumm weiter.

Frechheit! Ihr Dachstübchen ist trotz – oder besser gesagt – wegen des regen Gebrauchs erstaunlich intakt und hochintelligent, hat Professor Ludrikeit letzte Woche gesagt. Er hat lediglich ein »unbedenkliches Nachlassen des Kurzzeitgedächtnisses ohne Beeinträchtigung des Denk- oder Wahrnehmungsvermögens« diagnostiziert. Mit anderen Worten: Sie ist etwas tüdelig, verbummelt Brillen und Handtaschen und muss lange nach Namen von flüchtigen Grußbekanntschaften kramen. Das wiederum war für Frau Schick nichts Neues. Darum denkt sie sich ja andere Namen für sie aus – wie »Weihnachtsmann«. Den kann man sich immer merken.

Professor Ludrikeit hält allerdings auch nichts von den gedächtnisfördernden Ginkgotabletten, die sie gelegentlich einnimmt. Wenn sie es nicht vergisst oder die blöden Dinger mit ihrer Brille auf Wanderschaft gehen.

Herrje, sie ist eben tüdelig, na und? Das liegt in der Familie. Ihr Großonkel Taddäus von Todden hat schon vor seinem Siebzigsten begonnen, sämtliche Namen und Menschen auf Gut Pöhlwitz in Masuren munter zu verwechseln. Schuld daran war bei Taddäus neben den Genen allerdings seine Vorliebe für Meschkinnes, Ostpreußens Nationalgetränk, auch »Bärenfang« genannt.

»Schnapske mott sö, Brot wenn sö kann«, war sein Motto. »Schnaps muss sein, Brot, wenn’s geht.«

Bei Festreden vor dem Gutspersonal hat Onkel Taddäus in seinen Neunzigern und nach drei, vier Gläschen Meschkinnes die olle Schemutat gern für ihren todesmutigen Einsatz an der Seite der Pommerschen Ulanen im Deutsch-Französischen Krieg und unter seinem Kommando gelobt. Ausgerechnet die herzensgute Schemutat, die sogar verletzten Fliegen am liebsten die Flügel oder Beinchen wieder angeleimt hätte, »weil unser Herrjott sich bei jedem Geschöpf was bei jedacht haben muss«.

Ach ja, und erst Taddäus’ Reden zu Führers Geburtstag! Frau Schick muss schmunzeln. Die waren legendär, weil er sie stets mit »Heil – wie hieß dieser Anstreicher noch? Ach, zum Teufel, Waidmannsheil« beendete. Daran waren nicht nur der Meschkinnes oder ein morsches Oberstübchen schuld. Onkel Taddäus war sein Leben lang ein listiger Schlawiner.

Auch das liegt in ihrer Familie.

Frau Schicks Vater, der Herr von Gut Pöhlwitz, hat dem tüdeligen Taddäus das Waidmannsheil gern durchgehen lassen. Er hatte nicht viel übrig für Herrn Hitler, aber umso mehr für seine Butzi – die Mutter von Frau Schick –, die halb von österreichischem Adel und halb jüdisch war und das Talent hatte, so zu leben, wie Mozarts heiterste Musik klingt.

Natürlich gab es auch unter den von Toddens und auf Pöhlwitz flammend begeisterte Nazis, die das mit dem Waidmannsheil verpetzen und die glücksbegabte Butzi ans Messer liefern wollten.

Vor allem Tante Freda. Sogar aus dem fernen Köln, wo sie sich ein ganz hohes Tier in der Gauleitung an Land gezogen hatte. Frau Schick schluckt tapfer. Butzi, ausgerechnet Butzi, ist dann schließlich mit einem Röhrchen Veronal dahin entflohen, wohin kein Verräter oder Mörder oder Tante Freda sie verfolgen konnte.

Schluss, Schluss, Schluss!, mahnt sich Frau Schick. Egal, wie begabt ihr Gedächtnis dafür ist, sich an versunkene Kindertage in Masuren zu erinnern, es muss sofort damit aufhören, sonst fängt es an, scheußlich wehzutun.

»Kindchen, fürs Jewesene gibt der Deiwel nuscht nich«, hat die olle Schemutat ihr beigebracht. »Leben musste von Momentche zu Momentche.« Recht hatte sie, wie mit so vielem – und wer nur noch in Erinnerungen lebt, der ist so gut wie tot. Das könnte Freda so passen.

Grünschnabel wirbelt wieder zu ihr herum und fixiert sie mit einem stechenden Blick aus stachelbeergrünen Augen. Sehr ungesunde Farbe.

»Frau Schick. Hatten Sie unmittelbar vor dieser … hm … Erscheinung im Kleiderschrank ein Schockerlebnis?«

»Ganz im Gegenteil! Vor drei Wochen war ich noch auf dem Jakobsweg. Ein wundervolles Erlebnis. Danach ging es mir so gut wie seit Langem nicht, bis meine tote Tante im Kleiderschrank …«

Grünschnabel geht unwirsch dazwischen. »Hatten Sie kürzlich einen Unfall oder irgendein anderes verstörendes Erlebnis? Hat Sie zum Beispiel jemand tätlich angegriffen? Sind Sie gestürzt und auf den Kopf gefallen?«

Das sollte der sich mal fragen!

»Junger Mann, Sie verstehen es wirklich, schlechte Stimmung zu verbreiten. Verstört war ich, bevor ich den spanischen Camino gegangen bin, weil meine verstorbene Freundin ein Kind von meinem Mann bekommen hat. Völlig unerwartet.«

Herrje, jetzt guckt dieser Kerl wieder völlig kariert. Kein bisschen wie ein angehender Nervenheilarzt, eher wie das glatte Gegenteil.

»Bei der verstorbenen Freundin handelt es sich jetzt aber nicht um diese Frieda, oder?«

»Freda, sie heißt Freda, Herr Doktor und war nie meine Freundin, geschweige denn die Geliebte meines Verstorbenen. Selbst ein Schwerenöter wie Paulchen Schick hätte diese Schreckschraube nicht mit der Kneifzange angefasst. Meine tote Freundin hieß Thekla. Aber der habe ich längst verziehen. Schließlich bin ich dank Thekla den Camino gegangen und habe dort lauter reizende neue Bekanntschaften gemacht. Den Herrn Herberger, Bettina Blauauge, die mit den Bäumen spricht, den transzendentalen Theodor, und nachdem ich Gott begegnet bin, habe ich in einem baskischen Wald auch noch meine Lumpen-Nelly entdeckt. Hinreißende Frau, so hübsche Beine, nur ganz verheult vor Liebeskummer …«

»Moment, Moment. Bitte langsam. Sie sind Gott begegnet?

»Ja.«

»Wo?«

»Auf dem Jakobsweg natürlich. In einer Kirche. Obwohl ich da zuletzt mit ihm gerechnet hätte. Zumal das Gotteshaus von Burguete innen recht verhunzt ist, aber dafür gab es in dem Hotel, in dem unsere Pilgergruppe geschlafen hat, eine berühmte und schmackhafte Bohnensuppe von Hemingway, der war schon vor uns da. Aber bevor Sie jetzt wieder auf dumme Gedanken kommen: Hemingway ist tot, mausetot

»Und Gott?«

Meine Güte, stellt der auf einmal Fragen! »Ob Gott lebt, muss seit Nietzsche jeder für sich entscheiden, Herr Doktor«, sagt sie ungeduldig. »Ich hatte auf dem Camino anfangs selbst erhebliche Zweifel an seiner Existenz, weil ich wütend auf meine tote Freundin Thekla und meinen Verstorbenen war. Mir vierzig Jahre ihr folgenreiches Fistanöllchen zu verschweigen! So was tut man nicht, und das habe ich den beiden auch gesagt.«

»Frau Schick, verstehe ich wenigstens das richtig: Sie reden häufiger mit Toten?«

»Ich rede keineswegs häufiger mit Toten, außer mit Thekla und wenn ich bete, aber mit Thekla ist alles geklärt. Mit Freda von Todden – diesem Miststück – würde ich im Leben kein Wort mehr wechseln. Was sollte die außerdem von mir wollen?«

»Bleiben wir zunächst bei dieser Thekla.« Der Grünschnabel lehnt sich zurück und verschränkt die Hände hinter seinem Kopf. Er ist noch immer sichtlich verwirrt. »Hat die Ihnen auch mal geantwortet?«

»Das ist schwerlich möglich, sie ist schließlich tot.«

»Gut, gut, lassen wir das. Zurück zu Ihrer Begegnung mit Gott.«

»Welcher? Ich hatte mehrere.«

»Wann war die erste?«

»Das habe ich doch gerade gesagt: in der Kirche von Burguete. Ich habe es erst selbst nicht glauben wollen, weil sein Sohn so fürchterlich abstehende Ohren hatte.«

»Welcher Sohn?«

Also jetzt schlägt’s dreizehn. Der weiß ja gar nichts!

»Jesus. Ich hoffe, Sie haben wenigstens von ihm schon einmal gehört?«

Dem Kerl springen die Stachelbeeraugen aus dem Kopf. Hektisch klickt er mit seinem Kugelschreiber. »Ihnen sind also Gott und Jesus begegnet.«

»Das ist doch alles eins, junger Mann. Haben Sie wirklich noch nie im Leben eine Bibel aufgeschlagen? Ich glaube, wir lassen das besser. Von Gott kann man nicht reden, sondern nur schweigen, denn alles, was wir von Gott sagen, ist er nicht. Kennen Sie das? Meister Eckehart!«

Jetzt haben nicht nur die Augen des Kerls eine ungesunde Farbe, sondern das ganze Gesicht. Knallrot, muss am Blutdruck liegen.

»Frau Schick, Sie haben gerade selbst erzählt, sie seien Jesus begegnet …«

»Im Ge-be-het!«

»Aber sie sagten, er habe abstehende Ohren! Also haben Sie ihn doch auch gesehen, oder?«

»Solche Ohren kann keiner übersehen! Da hat der Madonnenschnitzer von Burguete furchtbar gepatzt. Man soll sich eben kein Bildnis von Gott machen, geht immer schief, steht ja schon in der Bibel. Aber ich finde, wir entfernen uns wieder gewaltig vom Thema Gespenster. Passiert Ihnen so was eigentlich öfter?«

2.

Sonores Triebwerkbrummen, Gähnen, Reck- und Streckbewegungen, Tischchen klappen, Sichtblenden werden hochgeschoben. Das Flugzeug erwacht mit den dazugehörigen Nebengeräuschen. Vor den Toilettenkabinen stehen Passagiere in Gratisschläppchen und mit Zahnbürsten Schlange, andere schwenken den Stewardessen ihre Kaffeebecher zwecks Nachfüllung entgegen.

Kurz hinter Grönland hat die Sonne mit spektakulärem Farbenspiel die Nacht verdämmern lassen. Nun triumphiert sie über einen Himmel in monochromem Blau, Wolkenflor und das Wellengeriffel des Atlantiks. Das Übliche eben, stellt Herberger übernächtig und mit einem gereizten Blinzeln durch das Fenster fest. Kein Grund, darüber eine vertonte Dokumentation in Spielfilmlänge zu drehen. Noch dazu auf Hessisch.

Eine Digicam schwebt direkt über seinem Kopf. »Is des schee. Nä, is des schee, oder, Herr Gast?«

Herberger schließt flugs wieder die Augen. Über den Wolken ist die Freiheit für ihn momentan leider alles andere als grenzenlos. Karl-Dieter, Rentner aus Pfungstadt, hat sich ihm direkt nach dem Start in Los Angeles vorgestellt, um seine Entdeckung Amerikas zu erläutern und hat – nach kurzem Stutzen – in Herberger leider Eckehart Gast, und zwar den »Eggehart Gast«, den »beschde Reisereporter iwwerhaupt«, erkannt.

Seit sein wechselvolles Leben in Asien unter dem Titel Buddha für Anfänger für das Kino verfilmt und vor allem seit der Film kürzlich im Fernsehen ausgestrahlt wurde, nutzt ihm sein privates Pseudonym Herberger bei weltreisenden Rentnern und jungen Backpackern leider gar nichts mehr, auch wenn er sich noch so damit identifiziert. Sein einprägsam vernarbtes Kinn und Talkshows zum Filmstart haben den Wiedererkennungseffekt noch erhöht. Zudem führen seine Klassiker Amerika für einen Dollar und Back from Outback wieder die Bestenliste der Reiseliteratur an. Seine Homepage Gast-Reportagen verzeichnet bis zu zehntausend Besucher am Tag.

Ein flüchtiger Effekt, wie Herberger weiß, denn er hat immer wieder einmal Warhols berühmt-berüchtigte fünfzehn Minuten Ruhm erlebt. Als gefragter Geologe und Diamantenjäger, als Kriegsreporter, in australischen Zeitungen kurzfristig sogar als vermeintlicher Mörder und jetzt als Reiseautor.

Völlig übermüdet konnte sich Herberger erst in Höhe Chicago hinter seinem Laptop verschanzen und den begeisterungsfähigen Karl-Dieter mitsamt Cowboyhut wieder seiner nicht ganz so begeisterten Gattin Hedwig überlassen.

Jetzt bannt Karl-Dieter die Entdeckung des Himmels auf den Speicherchip. »Hedwisch! Jetz gugk doch auch emol! Des is einmalisch!«, jubelt er.

»Karl-Dieder, mer häwe de goanze Keller voll vunn dein Sunnaufgänge in Flugzaischen.«

»Den aber ned!«

»Jetzt setz dich mol hie. Du hoggsd dem arme Herrn Gast bald uffm Schoß! Der muss doch schaffe!«

»Noa, der schläft, suunschd täte mer uns unnerhalde.«

»Der dudd blous sou, weil du so uffdringlisch bist.«

»Der schlä-hä-ft!«

»Der hot sain Laptop uffgeklappt, Karl-Dieder.«

»Psst, Herr Gast? Herr Ga-ha-st, schlafe Se oder schaffe se?«

Weder noch, denkt Eckehart und hebt schicksalsergeben Augenlider und Mund zu einem Lächeln. Immerhin verdankt er Menschen wie Karl-Dieter sein beträchtliches Einkommen, mit dem er sich demnächst zur Ruhe setzen will. Er rappelt sich in seinem Sitz und aus gespieltem Schlaf hoch, unterdrückt seine gereizte Stimmung. Sie hat wenig bis nichts mit Karl-Dieter zu tun, sondern mit Nelly. Verflixtes Frauenzimmer!

Er wünscht »Guten Morgen«.

Karl-Dieter beginnt entzückt, ihm sein Fachwissen über Wolkenformationen kundzutun und eine Wettervorhersage zu improvisieren. »Reschts wird’s finster.« Karl-Dieter glaubt, auf »Eurobba« kommt ein »Gewidder« zu.

Eckehart nimmt sich vor, künftig nur noch sein Alias Herberger zu verwenden und bittet Karl-Dieter, das ebenfalls zu tun.

»Woaanse moin, dann ebbe Herberjä«, willigt der Cowboy aus Pfungstadt ein. Er ist sichtlich enttäuscht darüber, seinen berühmten Reisegefährten wieder zu verlieren.

»So nennen mich meine Freunde«, besticht ihn Eckehart, und in Karl-Dieters Gesicht geht zum zweiten Mal an diesem Morgen die Sonne auf.

Das wäre geschafft. Herberger ist wieder Herberger und fühlt sich in dieser Rolle wohl, wenn auch keinesfalls entspannt. Als Herberger quält ihn nämlich ein Gemütszustand, der Eckehart Gast in dieser Intensität jahrelang fremd war. Als Eckehart Gast wäre er jetzt übernächtigt, überarbeitet oder damit beschäftigt, über die nächste Reise nachzudenken. Als Herberger ist er verliebt, weiß nicht, ob glücklich oder unglücklich, und klemmt im Schraubstock Sehnsucht fest. Verflixte Nelly! Nicht an sie zu denken scheint unmöglich zu sein! Darum hat er Tahiti vorgestern und nach sehr unvollständiger Drehortrecherche den Rücken gekehrt. Es war auch ein Abschied von Eckehart Gast, den er abstreifen will wie ein abgetragenes Lieblingshemd. Im Moment fühlt er sich ohne dieses Hemd allerdings nackt und hilflos wie ein frisch geschlüpftes Küken.

Eine Stewardess mit Rollwagen unterbricht seine Gedanken und Karl-Dieters Dreharbeiten. Sie serviert das Frühstück. Herberger nimmt Kaffee, Karl-Dieter das ganze Programm. Nicht um es zu essen, sondern um es nach kurzer Gaumenprobe zu verfilmen und eine hessische Restaurantkritik zum kulinarischen Angebot der Air France beizusteuern.

»Also französische Kisch is des natürlisch nedd.«

Herberger ist dankbar für die Ablenkung, nimmt einen Schluck Kaffee und verzieht das Gesicht. Schmeckt tatsächlich wie ein Gemisch aus »Badderriesäure und Bidderrsalz«. Flugzeugkaffee eben.

Der unverwüstlich fröhliche Flugexperte Karl-Dieter empfiehlt seinem neuen Freund stattdessen den Tomatensaft, weil der »iwwer de Wolke ein-ma-lisch legger« ist. »Wisse Se aa, warum?«

Ja, Herberger weiß es, sagt aber »Nein«. Er hat eine Pause von Nelly nötig und hört sich deshalb bereitwillig an, wie Karl-Dieter einen Magazinartikel zusammenfasst, den er selbst als Reporter Gast verfasst hat. Der niedrige Luftdruck lähmt und verwirrt die »Geschmacksnärffe«. Dreimal mehr Salz braucht es in »Flugzaischkost«, damit man etwas schmeckt. Einzig Tomatensaft, den die meisten Menschen am Boden weiträumig meiden und »muffisch finde«, entfaltet in Flughöhen ab 24 500 Fuß ein besseres, höchst fruchtiges Aroma. Deswegen ist er über den Wolken so begehrt, dass allein die Lufthansa fast »zwaa Millione Lidder« pro Jahr davon ausschenkt, »samt Pfeffertütschen und Servieddsche«, schließt Karl-Dieter.

Hat mich so was tatsächlich einmal interessiert?, fragt sich Eckehart verwundert. Ja, hat es, und für gewöhnlich findet er verschrobene Babbelköpfe wie Karl-Dieter, den seine Hedwig gerade noch einmal zum Stillschweigen und Stillsitzen verdonnert, amüsant. Anders als Business-Vielflieger, die an ihrer Financial Times wie Fixer an der Nadel hängen und Sonnenaufgänge für eine überbewertete Begleiterscheinung halten, hat sich der Columbus mit Cowboyhut Fähigkeiten bewahrt, ohne die kein Weltenbummler auskommt und die jede Zumutung des Lebens entschärfen: Begeisterung, Abenteuerlust und Entdeckerfreude.

Herberger sind diese Fähigkeiten auf Tahiti abhanden gekommen. Dort, im Paradies unter wiegenden Palmen und an Postkartenstränden, wartete es sich nämlich besonders ungemütlich – weil vergeblich – auf einen Anruf aus Düsseldorf. Ein Anruf, der über eine Kursänderung seines Lebens entscheiden wird.

Ein Anruf von Nelly.

Zum Teufel, warum kann sich dieses sture Frauenzimmer nicht zu einer Antwort durchringen? Tahiti liegt zwar am Ende der Welt, ist aber per Fax, E-Mail, Telefon, Handy, Skype oder seinetwegen auch per Telegramm zu erreichen. Mehr als zwei Buchstaben bedarf es doch nicht, um ihn von Schlafmangel, gereizter Stimmung und einer Vorliebe für Schmachtballaden wie Miss you like crazy zu kurieren, die ihn überallhin zu verfolgen scheinen. Etwa ins Programm des Bord Entertainments.

Er hat noch nie, niemals in seinen 54 Jahren, einer Frau einen Heiratsantrag gemacht, noch dazu schriftlich. Warum lässt sie ihn so zappeln? Warum erreicht er bei anonymen Testanrufen auf ihrem Handy – zugegeben lächerlich, aber er hat seinen Stolz – nur ihre Mailbox oder ihre ihm unbekannte Tochter Becky? Eine unbekümmert klingende Becky, was ihm zumindest Visionen von Unfall, Krankheit oder Schlimmerem erspart, aber seinen Hang zu ungesunden Pulsfrequenzen nicht vermindert.

Nelly ist seit Langem die erste Frau, bei der ihn die Vorstellung, sie könne nur an einer Liaison interessiert sein, einen anderen kennenlernen oder sich entscheiden, mit niemandem eine Beziehung einzugehen – was sie nach ihrer Scheidung tatsächlich jahrelang vermieden hat –, Panik einjagt. So wie jetzt.

»Ihre Hand ziddert, Herr Herberjä«, schaltet sich prompt Karl-Dieter ein. »Isch sage doch, der Kaffee is nix.« Er hebt die Hand, um Herberger einen Tomatensaft zu »beschdelle«.

»Karl-Dieder«, geht Hedwig dazwischen. »Jetz hald de Gosch! Wie peinlisch willschde denn noch werrn?«

Die Frage sollte Hedwig besser ihm stellen, findet Herberger und stellt seinen Kaffeebecher auf dem Tischchen vor sich ab. Ein Mann im besten Alter mit Liebeskummer wie ein pickeliger Teenager. Das ist doch lächerlich!

Sein Blick flüchtet zum Bildschirm seines Notebooks. Lustlos stottern seine Finger irgendeinen Unsinn über Lagunen und die Magie der Tropen in die Tasten. Ziemlich öde Tropen kommen dabei heraus. Gegen so ein Geschreibsel klingt jeder Flyer für Aldi-Reisen, als stamme er aus Prousts Feder.

Arbeit bringt ihn auch nicht weiter. Er hat die Aufmerksamkeitsspanne einer Fliege für alle Themen außer Nelly.

In seiner Sturm- und Drangperiode, den frühen Zwanzigern, war Verliebtheit ein willkommener Treibstoff, der ihn beim Herumreisen und Schreiben befeuerte. Er konnte sich gar nicht oft genug verlieben – am liebsten gleich mehrfach. Bis ihm im Alter von 27 Jahren eine Spanierin mit dem mythisch schönen Namen Penelope das Herz brach – ebenfalls mehrfach. Sie heiratete nicht nur seinen besten Freund, sondern schenkte diesem überdies einen Sohn. Seinen Sohn, wie Herberger erst viel später erfuhr.

Eine Weile hat er zu Tode betrübt einfach weitergelebt. Danach interessierte ihn die debile Glückseligkeit frisch Verliebter nicht mehr. In seinen mittleren Jahren hat er es vorgezogen, es mit Jean Paul zu halten. »Wenn Frauen lieben, lieben sie in einem fort. Männer haben dazwischen zu tun.«

Er hatte viel zu tun, besonders wenn die Objekte seiner flüchtigen Begierden Dinge wie die Anmietung von Immobilien oder Bausparverträge ins Spiel brachten. Kein Thema für ihn, den Hannes Wader der Reisereportage. Heute hier, morgen dort, bin kaum da, muss ich fort. Waders melancholische Frage, ob es »Zeit wär zu bleiben und nun was ganz anderes zu tun«, passte jahrzehntelang nicht in seine Lebensmelodie. Jetzt drängt sie sich auf.

Herberger schüttelt den Kopf. Falsch. Er hat die Frage für sich beantwortet. Nur Nelly nicht.

Warum nur? Sie kann ihre Begegnung doch unmöglich als Reiseflirt abgehakt haben. Oder doch? Herbergers Puls beschleunigt sich, rast auf einmal wie der eines Formel-1-Gewinners in der Finalrunde oder – treffender – kurz vor einem Zusammenstoß mit der Bande.

Weil Hedwig gerade einen Boxenstopp in der Toilette einlegt, kann Karl-Dieter ihn vor dem Aufprall retten. »Kumme Se mit Ihrer Arbeit nedd vornewegg?«, erkundigt er sich verschwörerisch, »trete Se uff der Stell?«

Ja, nickt Herberger mehr für sich als zur Antwort und steckt sich die Kopfhörer in die Ohren.

»Unchain my heart! Baby set me free«, röhrt fordernd Joe Cockers Reibeisenstimme. Herberger schließt ergeben die Augen. Fluchtversuche scheinen zwecklos zu sein. Er tritt wirklich »uff der Stell«, und das tut weh, seit Nelly seine erstarrte Gefühlswelt entfrostet hat.

Noch nie in seinem Leben hat er einen derartig überwältigenden Start in eine Beziehung erlebt. Er kennt Nelly erst seit drei Wochen – natürlich dank einer Reise. Einer Rundreise auf dem spanischen Jakobsweg, die er beileibe nicht angetreten hatte, um sich so heftig zu verlieben wie in seinen Zwanzigern, sondern um Nachforschungen über seinen verlorenen Sohn anzustellen. Unter seinem Alias Herberger und in der Rolle des Chauffeurs einer grantigen Unternehmerswitwe.

»Verrückter Drachen« wäre die treffendere Beschreibung für Frau Schick. Die geborene Freifrau Rosalinde von Todden hat ihn mit gespielten Herzattacken und ihren Walkingstöcken traktiert, wenn er nicht wollte, wie sie wollte. Gleichzeitig hat sie eine komplette Pilgergruppe, an die sie sich angeschlossen haben, auf Abwege vom Camino, an den Rand des Wahnsinns und letztlich alle Mitglieder des Wandertrupps zu erstaunlichen Erkenntnissen über sich selbst geführt. Der verrückte Drachen ist auf verquere Art sehr feinfühlig, manchmal fast weise.

Frau Schick hat er es auch zu verdanken, dass sie in einem baskischen Wald Nelly entdeckt haben. Ein schniefnasiges Persönchen mit wirrer Frisur und in Designerlumpen. Nach Jahren der Liebesabstinenz war Nelly gerade ein Latin Lover namens Javier samt ihrem Mietauto und sämtlichem Bargeld abhanden gekommen. Frau Schick hat sich sofort in ihr Findelkind verliebt, Herberger erst später, auf Umwegen, die Frau Schick ersonnen hat.

Lange vor ihm hat die alte Dame gespürt, dass seine verschanzten Gefühle und Nellys Festhalten an naiven Märchenträumen von der Liebe das oberste physikalische Wirkprinzip erotischer Leidenschaft in Gang setzen mussten: das Gesetz von Abstoßung oder Anziehung. Gleichgültigkeit füreinander war zwischen ihm und Nelly ausgeschlossen.

Nun, die Physik der Liebe hat es gut mit ihnen gemeint: Die Anziehungskräfte waren stärker als die der Abstoßung. Die sture Nelly, die mit sämtlichen Herzkammern atmen und bei Bedarf einen Mistkerl wie Javier mit einem Pilgerstab verprügeln kann, die Nelly, die hinfallen und wieder aufstehen kann, um sich dem Glück erneut bedenkenlos in den Weg zu werfen, die manchmal zuckersüße und dann gänzlich zuckerfreie, kurzum die unberechenbare Nelly hat sein Herz zum Flimmern gebracht.

Bilder eines einsamen Gewalt- und Schweigemarschs mit ihr steigen in ihm hoch. Das war, nachdem Nelly dem unverhofft wieder aufgetauchten Windhund Javier ein bemerkenswertes Veilchen verpasst hatte. Herberger kamen im Gehen Gefühle und Gedanken in die Quere, von denen er nicht mehr gewusst hatte, dass sie noch existierten.

Ein Lächeln entspannt seine Züge. Seine Liebe zu Nelly im Schweigen und Gehen zu entdecken war das größte Geschenk. »Wenn die Liebe unermesslich ist, wird sie sprachlos«, so hat Nelly es – mit ihrem Hang zu großer Sehnsuchtslyrik und Khalil Gibran – später umschrieben.

Vornehmlich schweigsam war auch ihre Mittagsrast am Rand des Camino. Unvergesslich der Zustand glückseliger Benommenheit, der ihn überkam, als er unter einem silbern flirrenden Olivenbaum neben – und keinesfalls mit – Nelly geschlafen hat. Die körperliche Seite ihrer Liebe kam erst Nächte später ins Spiel, angemessen gründlich und glutvoll, aber verliebt hat er sich in die schlafende Nelly unter dem Olivenbaum. Entspannt und in Einverständnis mit allem nebeneinander einzuschlafen ist nun einmal intimer, als das Kamasutra der Körper durchzudeklinieren. Im Schlaf posiert man nicht, im Schlaf liefert man sich aus.

Na ja. Herberger schüttelt ein wenig den Kopf. Dass er eher nüchtern über die erotische Seite ihrer Liebe nachdenkt, liegt daran, dass Einschlafen neben Nelly seiner Vorstellung vom Paradies momentan näher kommt als Sex mit ihr oder die verfluchte Südsee. Vierzig Stunden Flugzeit in zehn Tagen zwischen diversen Zeitzonen und über Datumsgrenzen hinweg, davor die Camino-Reise, sind kein Pappenstiel. Er will endlich nach Hause. Nicht in seine leere Kölner Wohnung. Dieser begehbare Habitat-Katalog ist teuer, aber – das muss er zugeben – lustlos eingerichtet und darum seelenlos. Sein wirkliches Zuhause hat keine vier Wände, sondern grünbraune Augen mit Goldsprenkeln und bemerkenswerte Fältchen über der Nasenwurzel, die weniger zu Skepsis als zu Aufruhr neigen.

Nein danke, er will auch keinen ausgedehnten »Zwischestopp in de Stadt der Liebe oilege«, den Karl-Dieter gerade mit einer sehr einverstandenen Hedwig plant und auch ihm empfiehlt.

Das einzig Spannende an dieser Reise ist die verbleibende Flugzeit, bis er Nelly wiedersieht, zum ersten Mal seit ihrem Abschied am und vom Camino. Die Trennung kam plötzlich. Er musste Frau Schick nach Hause chauffieren und danach in die Südsee, und Nelly musste zurück zu ihrer Tochter Becky. Auf die ist er ebenfalls sehr gespannt. Eine reichlich kesse Göre scheint das zu sein – hat mit knapp sechzehn bereits eine pubertäre Meisterleistung vollbracht. Während Nelly auf dem Jakobsweg war, ist Becky ihrem Herrn Vater ausgebüchst und war tagelang unerreichbar.

So wie jetzt Nelly.

Herbergers Blick streift die Flugroutenanzeige auf einem ausgeklappten LED-Bildschirm. Bedauerlicherweise trennen ihn noch vier Stunden von Paris Orly und – samt Wartezeit, Anschlussflug und Taxistrecke – mindestens drei weitere Stunden von Düsseldorf und dem Beginn seines gemeinsamen Lebens mit Nelly.

Vor 19 Uhr wird er kaum bei ihr sein, um mündlich zu wiederholen, was er ihr noch von Santiago de Compostela aus via Fleurop mit einem Olivenbäumchen und einem beigefügten Briefchen gesagt hat: »Casaté conmigo Heirate mich.« Nach allem, was sie erlebt haben, ist »Sì« oder »Ja« doch wohl die einzig mögliche Antwort?

Ja, Ja, JA, verflixt! Reisen ist leicht, aber Ankommen anscheinend Schwerstarbeit.

Nun, zumindest Frau Schick wird ein Nein von Nelly nicht gelten lassen, versucht er sich zu beruhigen und muss schmunzeln. Frau Schick hat ihn auf ihrer gemeinsamen Rückfahrt nach Deutschland bereits gezwungen, über Brautkleider und Hochzeitstorten zu diskutieren, nachdem sie ihm seine Heiratsabsichten entlockt hatte.

Man darf gespannt sein, was sie sich inzwischen so ausgedacht hat.

3.

Frau Schick sitzt immer noch bei Psychiater Grünschnabel. Der will zwar das Gespenst loswerden, sie aber anscheinend nicht. Dabei muss sie wirklich weg, das Gutachten auf die Post bringen, Hochzeitstorten probieren, und – was war ihr eben noch eingefallen? – ach ja, eine Reitgerte besorgen.

Die hätte sie jetzt schon gern parat, um Dr. Grünschnabel auf Trab zu bringen. Allmählich versteht er wenigstens, wie lästig Freda von Todden ist, weniger allerdings, dass man die Mutter aller Schreckschrauben nicht mit »vernünftigen« Fragen vertreiben kann. Trotzdem holt Dr. Grünschnabel gerade zur nächsten aus.

»Frau Schick, ich lese in Professor Ludrikeits Gutachten etwas über ›Kurzsichtigkeit und zwei Operationen wegen grünen Stars‹. Trugen Sie Ihre Brille, als Sie diese … äh … befremdliche Erscheinung im Kleiderschrank hatten?«

»Ja«, lügt Frau Schick. Sie muss dem doch nicht auf die Nase binden, dass sie auch in ihrem gesegneten Alter ungern als Eule mit zwei Glasbausteinen rumläuft.

»Sind Sie sicher? Jetzt tragen Sie die Brille schließlich auch nicht.«

Stimmt. Das muss Frau Schick zugeben. Allein wegen des charmanten Professors Ludrikeit, aber das geht den Grünschnabel nichts an. »Ist das hier ein Verhör oder ein Patientengespräch?«, fragt sie spitz. »Ich weiß, was ich gesehen habe. Schließlich hat Fredas Gesicht grün wie eine Verkehrsampel geleuchtet. Schreckliche Fratze, dazu der Hut.«

»Haben Sie das Licht eingeschaltet, bevor Sie zum Kleiderschrank gegangen sind?«

»Halten Sie mich für eine Bangbüchs? Ich bin eine preußische Offizierstochter und mehr als dreimal vier Jahre alt. Ich brauche kein Nachtlicht, und, wie gesagt, Freda hat geleuchtet.«

»Zu den Nebenwirkungen Ihrer blutdrucksenkenden Mittel gehört eine lebhafte Traumtätigkeit. Waren Sie wirklich wach, als Sie Ihren Kleiderschrank geöffnet haben?«

»Hellwach! Wenn es nächtelang im Keller ächzt und rumpelt, kann kein Mensch fest schlafen.«

»Haben Sie die Heizungsrohre überprüfen lassen?«

»Rohre und Kessel werden regelmäßig gewartet und halten derzeit brav und still ihre Sommerpause, Herr Doktor. Schließlich holt der September gerade den Sommer nach, der im August ausgefallen ist. Sehr schwül draußen, finden Sie nicht?«

Der Arzt legt eine Schweigepause ein und blättert im Gutachten über ihren Geisteszustand.

Frau Schick mustert ihn empört. Das ist ja so was von unkollegial gegenüber seinem Professor! Grünschnabel ist bestimmt ein heimlicher Zwilling von Grüßaugust Pottkämper. Könnte glatt beim Geschäftsvorstand der Schick und von Todden GmbH anfangen, der ihr, ihr, Hausverbot erteilt hat, weil sie wichtige Geschäftsverhandlungen behindern könnte. Gerne wäre Frau Schick dennoch jeden Tag ins Büro gegangen. Jetzt erst recht! Aber ihr Patensohn Johannes hat ihr geraten, der Firma fernzubleiben – »einfach einmal blaumachen«, hat er gesagt – und in der Zwischenzeit Professor Ludrikeits Gutachten einzuholen. Er will sich um alles kümmern, sobald er aus China zurück ist, wo er eine Gastdozentur als Wirtschaftsjurist innehat.

Das soll ihr auch recht sein. Parkhausbau und Pottkämpers Intrigen interessieren sie nicht die Bohne, seit sie auf dem Jakobsweg war. Seither hat sie wahrlich Spannenderes zu tun. Etwa mit dem Hochzeitskuchen und der – verflixt, was war das noch mal? – passte irgendwie nicht zur Hochzeit. Ach ja, die Reitgerte! Reitgerte.

Dafür muss sie sich auch mal eine Eselsbrücke ausdenken. Hoho! Eselsbrücke ist gut. Sehr gut! Schließlich braucht sie die Reitgerte für einen. Ihre Pilger- und Tierfreundin Bettina Blauauge hat ihr am Telefon nämlich von einem erzählt, der entsetzlich gequält wird. Direkt bei Frau Schick um die Ecke. In Hürth-Knapsack. Da muss sie sich auch mal drum kümmern.

Bettina hat an einen Eselkauf oder ein Protestschreiben gedacht, aber handfeste Nächstenliebe liegt Frau Schick mehr und Tierquäler bezahlen geht ja mal gar nicht. Verprügeln schon. Frau Schick reibt sich die Hände. Das könnte Herberger übernehmen oder Nelly, die kann sehr schön zuschlagen, wenn es darauf ankommt. Hat zwar kleine Fäuste, aber die Kraft sitzt im Herzen, wie mal ein Boxweltmeister gesagt hat. Der Name ist Frau Schick leider entfallen.

Grünschnabel meldet sich wieder zu Wort. »Hier steht auch etwas von einer – ich darf zitieren – ›ausgeprägten Fantasie und einem intuitiv arbeitenden Gedächtnis mit Hang zu unvermittelten Gedankensprüngen, die für die Außenwelt schwer nachzuvollziehen sind‹.«

Frau Schick errötet. »Wirklich charmant, der Professor Ludrikeit, ein richtiger Kavalier. Von dem können Sie noch viel lernen, aber selbst meine Fantasie kann keine Fußstapfen auf dem Teppich hinterlassen! Meine Haushälterin brauchte eine ganze Flasche Tuba-Teppichschaum und Waschbenzin, um sie wegzubekommen.«

»Tuba, aha!«, ruft Grünschnabel begeistert. »Frau Schick, ich will Sie jetzt nicht zusätzlich verängstigen, aber …«

»Junger Mann, ich habe keine Angst vor Gespenstern, ich will sie nur loswerden!«

»Aber«, fährt Grünschnabel unbeirrt fort, »könnte es nicht sein, dass ein Einbrecher diese Abdrücke hinterlassen hat?«

Schlaumeier!

»Daran habe ich natürlich als Erstes gedacht, ich lese nämlich gerne Kriminalromane. Aber warum sollte ein Einbrecher Tante Fredas Hut – noch dazu dieses scheußliche Modell mit Hühnerfedern und Mottenlöchern – aus dem Keller mopsen, um sich dann in meinem Kleiderschrank zu verstecken und grün zu leuchten? Das ergibt ja nun überhaupt keinen Sinn.«

»In der Tat«, murmelt Grünschnabel und fällt in sich zusammen wie Tuba-Teppichschaum. »Versuchen wir es anders. Gab es in Ihrer Familie bereits vor Ihnen Fälle von … äh … nun ja …«

»Schwachsinn?«, schlägt Frau Schick vor.

»Das ist ein unwissenschaftlicher Terminus, den Neurologen schon lange nicht mehr verwenden.«

»Ich schon, junger Mann, und ich erkenne einen Schwachsinnigen, wenn er vor mir sitzt.« Ach nein, zu viel der Ehre, der arme Kerl ist nur furchtbar fantasielos. »Herr Doktor Grünschnabel …«

»Ich heiße Kleinemann. Dr. Benjamin Klei-ne-mann.«

»Ach, darum bin ich auf Grünschnabel gekommen! Pardon. Kleiner Mann passt natürlich noch besser. Um auf den Schwachsinn in meiner Familie zurückzukommen: Da wir von Toddens von sehr altem Adel sind und entfernt mit dem britischen Königshaus verwandt, sind wir natürlich einiges gewöhnt. Verwandtenehen, exzentrische Vorfahren, Prinzen, die mit Blumentöpfen reden, ausgemachte Trunkenbolde – Sie wissen schon. Aber auf unsere Gespenster konnten wir immer stolz sein! Die hatten Benimm. Mein Großonkel Taddäus etwa hätte sich nach seinem Tod allenfalls auf den Dachboden, aber nie und nimmer in den Schlafzimmerschrank einer Dame verirrt. Dabei hat er zu Lebzeiten gern mal die Unterröcke seiner verstorbenen Gattin getragen. Natürlich nur, weil er sie schrecklich vermisste, und außerdem war Taddäus wirklich sehr tüdelig, was aber weniger an den Genen als am Meschkinnes lag.«

»Meschkinnes?«

»Bärenfang, ostpreußischer Honiglikör, ausgesprochen süffig und gehaltvoll. Ich nehme ab und an gern ein Gläschen, bevor ich zu Bett gehe.«

Grünschnabels Stachelbeeraugen beginnen glasig zu leuchten. »Nur eins oder vielleicht ein paar mehr?«

»Was wollen Sie denn damit wieder andeuten, Herr Doktor? Ich denke, wir sollten das Gespräch beenden. Sie haben mich mit allen erdenklichen Mitteln beleidigt, und ich muss jetzt wirklich los, um meine Hochzeitskuchen vorzukosten.«

Grünschnabel reagiert fassungslos. »Sie wollen heiraten

»Halten Sie mich für komplett durchgedreht? Ich bin fast 78! Heiraten werden Herberger und Nelly. Jedenfalls, wenn es nach mir geht, und zwar in meinem Haus. Deswegen muss ich doch das Gespenst loswerden. Auf unserer Hochzeit hat Freda von Todden nichts verloren. Schon gar nicht mit dem Hut!«

Genau, und weil dieser Grünschnabel ihr nicht helfen kann, braucht sie jetzt auch noch weißen Zwirn und Pimpinelle. Dass sie da nicht längst drauf gekommen ist! Uraltes Hausmittelchen von Schuster Popesch.

Die olle Schemutat, ihre Amme, hat ebenfalls drauf geschworen. Könnte ja funktionieren. Ach was, das wird todsicher funktionieren! Von Schopenhauer hatten Popesch und die Schemutat zwar keine Ahnung, aber wie der große Philosoph wussten die beiden, dass der Welt mit Logik nicht beizukommen ist, weil ihr ein unvernünftiges Prinzip ...

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