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Franz im Glück

FRANZ ZSCHORNACK
MIT RAINER SCHÄFER

FRANZ IM GLÜCK

MEINE WANDERJAHRE
AUF DER WALZ

BASTEI ENTERTAINMENT

PROLOG: Franz in Ulm
Warum mache ich das bloß?

Es war der Tag der Heiligen Drei Könige, ein Mittwoch Anfang Januar 2010, an dem ich München verließ. Die Tage zuvor hatte ich mit einem anderen Wandergesellen die Stadt erkundet, und davor hatte ich in Oberschwaben Silvester gefeiert, in der gemütlichen Stadt Ravensburg. Es war mein erster Jahreswechsel, den ich nicht zu Hause in der Oberlausitz verbrachte. Ich hatte mir vorgenommen, nicht zu viel an zu Hause zu denken, aber meine Gedanken schweiften viel zu oft in das sorbische Dörfchen Crostwitz, wo meine Familie lebt. Ich war erst seit sieben Wochen als Wandergeselle auf der Walz, am 21. November 2009 war ich in Erfurt losgetippelt, neugierig darauf, die Welt kennenzulernen. Aber ich war einer der Tippelbrüder, die sich nur langsam an das Leben auf der Straße gewöhnten. Ich war kein Schnellstarter: In die Fettnäpfchen, die entlang meines Weges standen, tappte ich auch hinein. Um eines von vornherein klarzustellen: Tippeln, das hat nichts mit Wermutbrüdern und Schnapsleichen zu tun, wie es viele denken. Tippeln, das bedeutet in der Sprache der Wandergesellen zu reisen und zu arbeiten, so wie es unsere Tradition seit dem späten Mittelalter vorsieht.

Von München hatte ich bis dahin nur gehört, ich kannte Deutschland nur von der Landkarte. Ich war im hintersten Zipfel der ehemaligen DDR aufgewachsen und hatte meine engere Umgebung nur selten verlassen. Durch das Land zu reisen, das kannte ich nicht, bis ich mich auf die Wanderschaft begab. München war auf meiner Landkarte als einer der größeren Punkte eingezeichnet: eine Stadt, die ich mir bunt, lebendig und gastfreundlich ausgemalt hatte. Aber München ist ein schwieriges Pflaster für uns Tippelbrüder. Gerade in Großstädten werden wir oft schief angeschaut wegen unserer Kluft, als ob wir nicht mehr in die moderne Zeit passen würden. Ab und zu wurden wir in München auch von der Polizei und Schwarzen Sheriffs kontrolliert, wie die Obdachlosen, die man möglichst von der Innenstadt fernhalten wollte. Dabei sind wir ehrbare Handwerker auf Wanderschaft. Meine Vorstellungen von München waren strahlender und freundlicher als das, was ich vorfand. Ich jedenfalls wurde mit dieser Stadt nicht richtig warm, ich wollte weiter, per Anhalter in Richtung Stuttgart.

Nur langsam wachte München auf am Dreikönigstag, einem katholischen Feiertag in Süddeutschland, an dem die Geschäfte geschlossen bleiben. Die Straßen wirkten ausgestorben, die grauen Beton- und Stahlfronten bildeten eine eisige Kulisse, in der sich kaum Bewegung und Leben regte. Ich ging einige Straßenzüge entlang und hielt Ausschau nach den blauen Verkehrsschildern, die zu den Autobahnen führten. Ein Stück weit ließ ich mich von der Straßenbahn mitnehmen, ohne ein Ticket zu lösen. Wir Wandergesellen bezahlen nicht für öffentliche Verkehrsmittel. Das ist eine unserer Regeln, die auf der Walz gelten: Wir sparen unser Geld für Notfälle und Reisen in ferne Länder. Viele Kontrolleure akzeptieren das und lassen uns ohne Fahrschein mitfahren, wenn wir uns mit dem Wanderbuch ausweisen können, in dem die Stationen und Arbeitsplätze auf der Walz festgehalten werden.

In München kam ich nur langsam voran. Es dauerte, bis sich das Straßengeflecht der Großstadt entwirrte und ich einen geeigneten Platz zum Trampen fand. In Karlsfeld stellte ich mich an die Straße, vor mir lag die A8, die von München nach Karlsruhe führte. Hastig rauchte ich noch eine Selbstgedrehte und hielt dabei den Daumen raus. Ich trug die Kluft der Wandergesellen: graues Jackett, darunter ein weißes Hemd mit Weste, schwarze Schlaghosen aus schwerem Doppelpilot, einem festen Baumwollstoff. Auf meinem Kopf saß ein schwarzer Zylinder. Darunter verbarg ich meine langen Haare. Um den Hals trug ich einen kleinen schwarzen Schlips mit unserem Handwerkszeichen. Das ist unsere sogenannte Ehrbarkeit, das Heiligste, was ein Wandergeselle besitzt. Alles, was ich an Gepäck bei mir hatte, war ein kleines geschnürtes Bündel mit einem Schlafsack, sauberer Unterwäsche, Arbeitsklamotten und ein wenig Werkzeug, das ein Schlosser braucht: Zollstock, Anreißnadel, Messwerkzeuge. Meinen Stenz (so heißt der Wanderstock, den wir nur zum Schlafen weglegen) hielt ich in der linken Hand. Mehr brauchte ich nicht auf meiner Tippelei, die mich drei Jahre durch Deutschland und in die weite Welt bringen sollte.

Der Winter hatte die Landschaft neben der Autobahn weiß gefärbt, es war kalt, mein Atem malte immer neue und wirre Muster in die klare Luft, wie ein Künstler, der die Kontrolle über seinen Pinsel verloren hat. Ich reiste ohne großen Plan, ich überließ es meinen Gedanken, immer wieder ein neues Ziel auszuwürfeln. Das nächste hieß Stuttgart; dort wollte ich Marcel besuchen, einen Freund, den ich noch aus Crostwitz kannte. Das Land war schläfrig, noch nicht richtig im neuen Jahr angekommen. Auto nach Auto ließ mich stehen, die Fahrer starrten an mir vorbei, als sei ich eine Fata Morgana, eine Erscheinung in Schwarz. Wie ich wohl auf jemanden wirkte, der unsere Tradition nicht kannte – am Straßenrand stehend, mit dem Stenz in der Hand und dem Zylinder auf dem Kopf? Wie eine Comicfigur, der es gelungen war, in das reale Leben einzudringen? Der Nachmittag war angebrochen, die Sonne begann schon abzutauchen. Mit der einsetzenden Dämmerung stiegen auch Ängste in mir hoch: Wie weit würde ich heute noch kommen? Wo würde ich die kalte Winternacht verbringen? Es dauerte, bis ein Wagen hielt. Der Fahrer war guter Dinge, er versprach, mich bis zum Rastplatz Augsburg mitzunehmen. Augsburg? Warum nicht, Hauptsache weg, die Geschwindigkeit spüren und das Gefühl, vorwärtszukommen in diesem unterkühlten Land, das so wenig Ähnlichkeit aufwies mit dem bunten und fröhlichen Landkarten-Deutschland meiner Fantasie. Schneematsch spritzte auf die Scheiben, auf dem Beifahrersitz erzählte ich von der Walz und versuchte dabei möglichst gelassen zu wirken. Es klang, als hätte ich schon einiges erlebt. Dabei war ich noch ein Anfänger auf der Straße, der sich nach der weiten Welt sehnte und dabei noch nicht einmal wusste, wie er die kurzen Distanzen überbrücken konnte: Erst wenige Male war ich alleine getrampt, und ich fühlte mich dabei überhaupt nicht sicher und behaglich. Mein Magen grummelte nervös, als ob er ahnte, was dieser Tag noch an Abenteuern für mich bereithielt.

Um das Leben auf der Straße zu lernen, bekamen wir in den ersten Wochen einen erfahrenen Wandergesellen zur Seite gestellt, der uns Kameraden-weniger-lang-unterwegs unterwies. Der Leu, ein Schlosser- und Schmiedegeselle aus Frankfurt an der Oder, hatte mich auf die Straße gebracht. Eigentlich hieß er Sebastian Leu, aber er wurde von den Wandergesellen nur der Leu gerufen. Beim Leu waren die Tage streng organisiert: Morgens um sechs hieß es: »Aufstehen, fechten gehen«, und oft hörte ich ihn meckern: »Rauch nicht so lange, Franz, mach mal schneller, Franz.« Der Leu war klein und kräftig gebaut, kaum größer als 1 Meter 65, aber mit Muskeln bepackt wie ein Preisboxer. Unter den Wandergesellen genoss er großen Respekt: Der Leu wusste, wie man sich auf der Straße behauptete, wie man beim Bäcker und beim Fleischer etwas zu beißen bekam, ohne dafür bezahlen zu müssen. Mit seinem breitbeinigen Auftreten bekam er einfach, was er wollte: Wenn er Appetit auf ein Stück Torte hatte, dann dauerte es nicht lange, bis es vor ihm stand. An seiner Seite fühlte ich mich sicher und beschützt, er war wie ein großer Bruder für mich, der für jedes Problem eine Lösung fand. Manchmal zwang mich der Leu, über meinen Schatten zu springen: Das sei notwendig, behauptete er, ich sei viel zu ruhig und zu zurückhaltend für die Walz. Viel zu sehr Träumer für diese raue Welt. Aber darüber machte ich mir keine großen Gedanken, solange ich an seiner Seite ging.

Das Leben auf der Walz war ganz schön aufregend für mich. Manchmal saßen wir abends in großer Runde zusammen und die erfahrenen Wandergesellen erzählten von ihren Abenteuern auf der Straße. Je länger der Abend wurde, umso gewaltiger wurden dabei ihre Taten. Aber als das Jahr langsam zu Ende ging, machte der Leu mir in seiner knappen Art deutlich, dass ich nun alleine zurechtkommen müsste. Ganz sicher schien er sich allerdings nicht zu sein, dass ich das schaffen würde, als er sich verabschiedete.

Jetzt war ich zum ersten Mal ganz allein unterwegs und versuchte mir Mut zu machen auf dem Weg nach Augsburg: Wird schon, Franz, das wird schon. Eine undurchdringliche Nebeldecke lag über der Autobahn und dem Rastplatz Augsburg. Auf dem Parkplatz eilte ich zwischen Autos hin und her und sprach jeden an, ob man mich nach Stuttgart mitnehmen könnte. Einer fuhr nach Ulm. Ich war nicht sonderlich scharf darauf, Ulm kennenzulernen. Ulm brummt nicht, hatte ich von anderen Wandergesellen gehört, was so viel bedeutete wie: Mach besser einen Bogen um diese Stadt. Es sei schwer, dort zurechtzukommen und einen Schlafplatz zu finden. Aber an diesem Nachmittag kam ich nicht mehr weiter, Stuttgart war noch zu weit entfernt.

Also nach Ulm. Es war schon dunkel, als ich am Hauptbahnhof ausstieg. Im diffusen Dämmerlicht der Straßenlampen versuchte ich mich zu orientieren. Das Ulmer Münster schälte sich aus dem finsteren Grau heraus, es hing wie ein riesiges Ausrufezeichen über der Stadt, das zur Vorsicht mahnte. Weit und breit war kein anderer Wandergeselle zu sehen. Wir haben in jeder Stadt unsere Treffpunkte. In bestimmten Kneipen kamen Wandergesellen zusammen, am Tresen saßen dann auch ehemalige Tippelbrüder, die sich nach der Walz als Handwerker niedergelassen hatten. In solchen Runden war es leicht, eine Bleibe für die Nacht zu finden. Aber in Ulm gab es keine Szene für Wandergesellen, ich war auf mich allein gestellt.

Langsam wurde es Zeit, dass ich einen Schlafplatz klarmachte. Für Übernachtungen zu bezahlen, das sieht unser Alltagsbudget nicht vor. Oft fragen wir in Jugendherbergen nach und bieten für einen Schlafplatz Gegenleistungen an: Abwaschen, sauber machen oder kleinere Reparaturen, schließlich sind wir Handwerker. Aber wenn jemand Geld dafür haben will, sagen wir besten Dank und suchen weiter. Vielleicht könnte ich bei Lisa unterkommen, der Freundin meines Bruders Paul, die in Ulm studierte? Als ich nach mühsamer Suche schließlich das Mietshaus erreichte, in dem Lisa lebte, war die Wohnung dunkel. Später erfuhr ich, dass Lisa gar nicht in der Stadt war. Sich vorher anzukündigen, das gewöhnt man sich schnell ab auf der Walz: Spontan zu sein, das gehört zu unserem Leben. Wandergesellen sind ohne Handy oder Laptop unterwegs, die sind tabu – wir sollen uns auf das Reisen und Arbeiten konzentrieren, uns mit den Menschen beschäftigen, denen wir begegnen. Seit ich auf der Wanderschaft war, entschied ich beinahe alles aus dem Bauch heraus, ich meldete mich nirgendwo an und nirgendwo ab. Aber an diesem frostigen Januarabend in Ulm wäre ich froh gewesen, wenn jemand auf mich gewartet hätte, mit einem Abendessen auf dem Herd und einem Schlafplatz im Warmen. So aber blieb nur die Jugendherberge übrig.

In Ulm liegt die Jugendherberge auf dem Kuhberg. Langsam ging ich den steilen Weg nach oben, versuchte meinen Atem zu kontrollieren und die Füße durch die gleichmäßige Bewegung warm zu halten. »Heute geschlossen«: Erschrocken las ich das Schild, als ich endlich oben angekommen war. Weiter, hämmerte es in meinem Kopf, ich musste ein Dach über dem Kopf finden, bevor es noch kälter wurde. So schnell wollte ich nicht aufgeben: Die Stadt hat hunderttausend Einwohner, da würde ich doch wohl einen finden, der mich für eine Nacht aufnahm! Als ich am Gebäude der Freiwilligen Feuerwehr vorbeiging, klopfte ich an die Tür, aber niemand öffnete. Überall hätte ich mich hingelegt, eine Ecke auf dem Fußboden genügte. Das Thermometer zeigte schon deutlich unter null Grad, von Osten wehte ein eisiger Wind. Die Gelassenheit, die ich mir verordnet hatte, begann zu schwinden. Im Asylantenheim bot man mir eine Ecke an, aber da lagen schon acht Gestalten eng beieinander in einem Raum. Ich traute mich nicht, mich dazu zu drängeln, und trat wieder hinaus in die Nacht. Erst mal ein warmer Tee. In einer Kneipe in der Innenstadt nahm ich am Tresen Platz und schaute mich verstohlen um. Die Blicke, die mich trafen, waren einfach zu deuten: Was will der merkwürdige Typ mit dem Zylinder, der so ratlos wirkt wie ein Zauberer ohne Programm? Die Mienen waren eindeutig, sie signalisierten: Lass uns bloß in Ruhe, so einen wie dich brauchen wir hier nicht. Auf meiner Wanderschaft machte ich öfter die Erfahrung, dass wir Tippelbrüder in Süddeutschland oft wie kostümierte Schnorrer behandelt wurden, die außerhalb der Norm stehen. Nirgendwo spürte ich das so wie in Ulm. Ich fühlte mich unerwünscht und verloren. Es stimmte schon: Ulm brummt nicht, kein bisschen.

Ich machte mich klein auf dem Barhocker, starrte in meinen Tee und traute mich nicht, jemanden anzusprechen und nach einem Schlafplatz zu fragen: Ich war zu schüchtern, zu mutlos. Ich bekam es verdammt noch mal nicht hin, mich zu behaupten. Der Leu hätte nach kurzer Zeit mehrere Schlafplätze zur Auswahl gehabt. Oder er hätte sich in eine Bankfiliale gelegt, bis die Sonne aufgegangen wäre, und sich dann beim nächsten Bäcker ein üppiges Frühstück besorgt. Der Leu hätte mich ausgelacht, wenn er gesehen hätte, wie ich zaghaft an meinem Pfefferminztee schlürfe und darauf hoffe, dass mich einer anquatscht: »Wandergeselle, du siehst müde aus, darf ich dir ein warmes Bettchen anbieten?« Darauf konnte ich in dieser Runde lange warten. Als die Kneipe um Mitternacht schloss, wussten alle, wohin sie gehen konnten. Außer mir. Alleine stand ich noch eine Weile vor der verschlossenen Tür, als wollte ich nicht verstehen, dass hier nichts mehr zu erwarten war. Ich steuerte den Bahnhof an, aber auch die Bahnhofsmission hatte ihre Tür schon verriegelt. Die Straßen von Ulm waren leer und ungemütlich, die Stadt legte sich schlafen. Nur ich war immer noch unterwegs, wie ein unfreiwilliger Nachtwächter drehte ich meine Runden, an der Stadtmauer entlang, am Metzgerturm, am Fischer- und Gerberviertel vorbei.

Einmal ging ich oben, dann wieder unten an der Stadtmauer entlang. Die Donau floss gleich neben mir, es war unheimlich und gespenstisch, wenn sie Nebelschwaden gebar und über das Wasser schickte: eine Gruselkulisse, nur für mich bestimmt. Die Kirchenuhr am Münster schlug zwei Uhr, ich war müde und hungrig, die Kälte kroch durch meine Kluft. Das Tuch um meinen Hals zog ich fester, ich pustete in meine Handschuhe, die nicht mehr wärmten. Die Münsteruhr schlug drei, ich spürte meine Füße nicht mehr, die Zehen waren wie abgestorben. Ich zog sie immer wieder an und hüpfte auf der Stelle, aber gegen diese eisige Kralle half keine Gymnastik mehr. Erfrieren kannst du nicht, Franz, redete ich mir ein. Doch so sicher war ich mir da längst nicht mehr. Noch einmal schlurfte ich am Metzgerturm vorbei und erkannte mit jedem Schritt, dass die Walz nichts mit den romantischen Vorstellungen zu tun hatte, die ich mir ausgesponnen hatte. Ich dachte an Crostwitz, an unser gemütliches Haus mit der Schmiede neben der Kirche: Was hätte ich dafür gegeben, jetzt dort sein zu können. Ich dachte an meine Familie: Es würde ihr das Herz brechen, wenn sie mich so sähe, wie ich als Gespenst mit eisigen Knochen durch den Nebel klapperte. Seit vier Uhr nachmittags streifte ich durch Ulm, und es kam mir vor, als ob ich schon eine Marathondistanz zurückgelegt hätte. Aber ich würde nie ein Ziel erreichen. Zitternd setzte ich mich auf die nächste Parkbank, mein Kopf sank immer wieder auf die Schulter, ich musste gegen den übermächtigen Drang ankämpfen, mich hinzulegen. Die Temperaturen waren auf minus zwölf Grad gesunken, auch meine Stimmung war am Tiefpunkt angelangt: Wenn das der Alltag auf der Straße war, dann war ich nicht dafür geschaffen. Franz, fragte ich mich deprimiert, für wen machst du das überhaupt? Warum machst du das bloß?

Um halb vier humpelte ich über die Donaubrücke nach Neu-Ulm, wo mich seit Stunden die hell erleuchtete Silhouette eines Hotels anzog. Ich konnte nicht mehr, meine Kluft war klamm und eisig, meine Beine gefroren und schwer wie Bleigewichte. Jeder Schritt verlängerte die Qual, ich musste ins Warme, jetzt sofort, unbedingt. Der Nachtportier im Hotel stutzte, als eine steif gefrorene Marionette mit Zylinder vor ihm stand. Ich nahm meinen ganzen Mut zusammen und stammelte: Kann ich mich irgendwo hinlegen, draußen ist es richtig kalt. Ich muss so elend ausgesehen haben, dass der Nachtportier es nicht übers Herz brachte, mich wegzuschicken. Kannst dich um die Ecke auf den Boden legen, sagte er, um sechs musst du aber raus, da kommt die Putztruppe. Zitternd zog ich die starrgefrorenen Klamotten aus und legte mich in den Schlafsack, wenigstens zweieinhalb Stunden im Geborgenen. Fünf vor sechs weckte mich der Portier mit einem Kaffee. Ich war erschöpft und niedergeschlagen, als ich mein Bündel zusammenschnürte und davonschlich.

Ulm war der Tiefpunkt meiner Tippelei: Noch so eine Nacht würde ich nicht überstehen, so konnte ich nicht auf der Straße überleben. Einen Moment lang dachte ich daran, aufzugeben und nach Hause zurückzukehren. Hatten diejenigen doch recht, die prophezeit hatten: Der Franz, der kommt nicht weit? In meinem Kopf arbeitete es. Diese Nacht in Ulm sollte mich verändern.

KAPITEL EINS

WILLKOMMEN IN SORBISTAN

Crostwitz, mein sorbisches Dorf in der Oberlausitz

Kurz hinter Bautzen öffnet sich eine unbekannte Welt: Hier beginnt das Land der Sorben. Es liegt versteckt im hintersten Zipfel Sachsens, im Dreieck, das die Städte Bautzen, Kamenz und Hoyerswerda bilden. Hier leben wir Sorben, wir haben unsere eigene Sprache und Kultur, sogar eigene Sagenfiguren und Helden wie Krabat, den sorbischen Faust. Dem werden magische Kräfte nachgesagt. Der Krabat soll auch dafür sorgen, dass wir Sorben ein freies und glückliches Volk sind. Da hat er sich eine schwierige Mission aufgebürdet, weil die sorbische Minderheit schon seit Jahrhunderten darum kämpfen muss, ihre Eigenständigkeit zu bewahren.

Von Bautzen führt der Weg nach Sorbistan in Richtung Westen. Schnell entwirrt sich das Straßengeflecht der Stadt in langgezogenen Alleen. Dahinter werfen Wälder Schatten auf das helle Gelb der Getreidefelder. Am Morgen wabern Nebelschwaden über den Bäumen und Wiesen; jeden Moment könnte der Krabat zwischen Baumstämmen auftauchen, schelmisch grinsen und wieder verschwinden. Bange ist uns Sorben nicht, wir sind ein gelassenes Völkchen und die Symbole unserer Zuversicht und unseres Glaubens finden sich an jeder Straßenecke, an jedem Feldweg: Über Sorbistan wachen Tausende von Kreuzen. Es gibt keinen Landstrich in Deutschland, wo so viele Kruzifixe stehen.

Schnell passiert man Prischwitz, und bevor man nach Panschwitz kommt, ist man in Crostwitz, meinem Dorf. Geboren wurde ich in Räckelwitz. Wir werden auch die Witzecke Deutschlands genannt, weil fast jeder Dorfname auf -witz endet. Crostwitz liegt zwischen Feldern und Hügeln weich eingebettet, hier wurden schon immer Landwirtschaft und Handwerk betrieben. Schon von Weitem ist die Pfarrkirche zu erkennen mit ihrem schlanken Zwiebelturm, dessen grünliche Patina wie eine Signalfarbe leuchtet. Auf dem Ortsschild steht in großen Buchstaben »Crostwitz« und in kleineren »Chrósćicy«. So ist auch die Gewichtung, wenn es um unsere Identität geht: Wir fühlen uns als Sorben mit deutschem Pass, unsere Vorfahren waren slawische Siedler, die sich im 6. Jahrhundert hier niedergelassen haben. Den Sorben gelang es nie, einen eigenen Staat zu gründen, deshalb gerieten sie unter Druck zwischen den deutschen Bauern, Kaufleuten und Handwerkern, die nach ihnen ankamen. Inzwischen leben noch rund 60 000 Sorben im Spreewald und in der Oberlausitz. So wie meine Familie, die Zschornacks.

Ich bin in Crostwitz unter siebenhundert Einwohnern aufgewachsen, in dem Haus, in dem schon mein Großvater Paul und meine Großmutter Hańža gelebt haben und in dem meine Eltern seit Beginn der 1980er-Jahre wohnen. Sie haben es umgebaut, ausgebaut und irgendwann mal in einer warmen Terrakotta-Farbe gestrichen. Das war vor ein paar Jahren, als solche Wohlfühl-Farben in unserer Gegend in Mode kamen. Aber das ist auch fast schon das einzige Zugeständnis an den Zeitgeist: In unserem Dorf, das an dem friedlichen Fluss Satkula liegt, hat sich vieles erhalten: die gewaltigen Dreiseitenhöfe; der Bäcker, der das Backen noch als Handwerk versteht – er erzeugt die allerbesten Brötchen, die ich während meiner Zeit auf der Walz oft vermisst habe. Und natürlich die beiden Gasthäuser »Erbgericht« und »Deutschmann«. Zugegeben, die LPG, wo ich früher die Milch in einem Krug geholt habe, gibt es nicht mehr und das Gebäude steht leer. Aber unsere Dorfkultur ist lebendig geblieben, vermutlich weil wir immer zusammenrücken mussten, um zu überleben. Schon im 17. Jahrhundert wurde in Brandenburg-Preußen die sorbische Sprache zurückgedrängt, in der Nazizeit war es verboten, sorbisch zu reden, unsere Kreuze in der Schule wurden herausgerissen und entfernt. In der DDR waren wir nur geduldet, wir wurden immer als Außenseiter behandelt. In unserer Heimat wurden Bodenschätze wie Braunkohle, Granit oder Kaolin abgebaut, ganze Dörfer mussten dafür umgesiedelt werden. Deshalb behaupten auch manche, wir seien die Indianer Deutschlands: verfolgt, bekämpft und ausgebeutet.

In unserem Haus ist im Erdgeschoss die alte Schmiede untergebracht. Das war schon immer mein Lieblingsplatz, zwischen den alten Maschinen und der Werkbank, an denen mein Großvater gearbeitet hat. Einige dieser Maschinen hat er eigenhändig entworfen und gebaut wie den Federhammer, den er mit den Federn eines Lastwagens konstruiert hat. Das war 1936, und er funktioniert heute noch, ebenso wie die mechanische Ständerbohrmaschine.

Ich konnte mir als Kind kein schöneres Zuhause vorstellen, schon alleine, weil die Schmiede mitten im Zentrum liegt. An unserem Haus mussten alle vorbei. Direkt nebenan waren der alte Friseurladen »Benno Jeschke« und die Gemeindeverwaltung untergebracht. Oberhalb unseres Hauses auf einem Plateau steht die Kirche, die über das ganze Dorf wacht. Zwischen der Kirche und der Schmiede wurde im Herbst immer die Kirmes aufgebaut. Die Attraktion, vor der wir Kinder ungeduldig warteten, war die alte Holzschaukel, an der rechts und links Metallschiffchen mitschwangen. Mit vierzehn fing ich an, den Schaustellern zu helfen, wenn sie die Schaukel aufbauten; ich fuhr sogar mit ihnen in die Nachbardörfer, um mitzuarbeiten. Ich liebte die Jahrmarkt-Atmosphäre, den knurrigen Charme der Schausteller, rauen Männern mit Zigaretten im Mundwinkel, denen man ansah, dass sie etwas erlebt hatten und dass sie weit herumkamen. Anders als einige Crostwitzer, deren Welt meistens in Bautzen endete.

So weit ich zurückdenken kann, sind alle Männer in meiner Familie Handwerker geworden und dabei geblieben; wir arbeiten mit unseren Händen. Benno, mein Vater, ist gelernter Schmied. Mein Bruder Paul gelernter Elektriker. Ich bin gelernter Schlosser. Mein Großvater Paul war der Dorfschmied, einer der angesehensten Männer in Crostwitz. Schade, dass ich ihn nicht mehr kennengelernt habe, er starb 1974, elf Jahre vor meiner Geburt. Von da an lebte meine Großmutter, die wir auf Sorbisch »Maći« nannten, alleine bei meinem Vater. Heute fahren die Handwerker zum Kunden, damals kamen die Bauern mit ihren Pferden zum Schmied. Als mein Großvater starb, blieb die Esse in der Schmiede kalt, mein Vater arbeitete lange Zeit in der LPG und nach der Wende in einer Baufirma. Die Schmiede nutzte er nur privat. Mein Vater ist ein großer Tüftler, der sich tagelang an die Werkbank zurückziehen kann. Für meine Mutter Christina, gelernte Krankenschwester, bastelte er Gewächshäuser, in denen sie Gemüse zog, für uns Kinder die begehrtesten Spielzeuge im Dorf. Einmal hat er ein Liliput konstruiert, ein Sondermodell, wie man es nirgendwo kaufen konnte, mit großen Schubkarrenreifen, einem Omnibus-Lenkrad und der Sitzbank eines Mopeds, sodass zwei Kinder gleichzeitig darauf fahren konnten. Als wir älter wurden und der Fahrzeugtyp wechselte, hat er nach Feierabend aus alten Klapp-Fahrrädern ein BMX-Rad geschweißt: mit dem breitesten Lenkrad, das man sich vorstellen kann, und einer massiven Querstange. Ein echtes BMX-Rad hätten wir uns nie leisten können, aber damit konnte man sich sehen lassen im Dorf. Mit diesem Rad habe ich manche Extrarunde gedreht, unter den staunenden Blicken der anderen.

Pferde konnte mein Vater nicht beschlagen, deshalb kam ein Schmied aus einem Nachbardorf nach Crostwitz und beschlug die Pferde der Bauern vor unserer Schmiede: Das Werkzeug war schließlich da, und die Schmiede war ein beliebter Treffpunkt im Dorf. Oft hörte ich, wenn ich nach der Schule nach Hause lief, das metallene Klirren, wenn Pferde beschlagen wurden. Ich konnte das Haus noch nicht sehen, aber ich wusste, dass der Schmied da war. Die Pferde konnte ich schon von Weitem riechen. Aber selbst wenn vor der Schmiede nicht gearbeitet wurde, stand unsere Haustür immer offen, und es waren immer zwei, drei Generationen im Haus versammelt.

Nach der Wende, als man leichter an Baumaterial kommen konnte, wurde unser Haus zur Baustelle. Meine Mutter wollte unbedingt ein Gästezimmer, das war ihr größter Wunsch. Bis dahin haben meine Eltern immer die Couch im Wohnzimmer als Gästebett umfunktioniert, wenn Besuch kam. Auf keinen Fall durfte der Eindruck erweckt werden, dass jemand nicht willkommen sein könnte. In unserem Flur steht »witajće k nam« – »Herzlich willkommen«, und das ist genau so gemeint. Wir verschanzten uns nicht und zäunten alles ein, wie es bei manchen Leuten üblich ist. In die Gartenhecke schnitten wir Durchgänge für die Nachbarn, damit wir uns jederzeit besuchen konnten. Das ist noch heute so.

Wenn wir im Dorf zusammenkommen, reden wir natürlich Sorbisch miteinander, eine Sprache, die mit dem Polnischen und Tschechischen verwandt ist. Mit Deutsch hat sie gar nichts gemeinsam. Deutsch habe ich erst in der zweiten Schulklasse gelernt, das war eine Fremdsprache für mich. Noch immer ist Deutsch die Zweitsprache für mich, Sorbisch geht mir leichter von den Lippen. In der deutschen Grammatik kommt es schon mal vor, dass ich den Dativ setze, wenn der Akkusativ gefragt wäre. Aber das sehe ich nicht so eng. Für mich ist wichtiger, dass man respektvoll miteinander umgeht, unabhängig davon, welchen Dialekt oder welche Sprache man spricht. So bin ich erzogen worden.

Wir Sorben sind tief gläubig und streng katholisch, ich bin mit christlichen Ritualen aufgewachsen. Zu Hause beten wir vor jedem Essen bei Tisch, freitags gibt es kein Fleisch zu essen, so wie es früher in katholischen Familien üblich war. Am Sonntag gehen wir in die Kirche. Wir arbeiten gerne, aber der Sonntag ist uns heilig. Nach der Messe geht es zum Frühschoppen; das ist die weltliche Verlängerung der Liturgie. Noch immer verleihen die wichtigen Kirchenfeste dem Dorfleben seine Struktur. Kirchenfeste sind bei uns keine Pflichtveranstaltungen, die man aus schlechtem Gewissen absolviert. Unser wichtigstes Fest ist Ostern, das noch bedeutender für uns ist als Weihnachten. Ostern, das ist für uns Sorben gleichbedeutend mit dem Osterritt. In manchen Jahren sind bis zu achtzehnhundert Reiter und Pferde unterwegs. Lange vorher laufen schon die Vorbereitungen, viele der Pferde werden von Gestüten ausgeliehen, sie stehen in den Dreiseitenhöfen, Scheunen und Autogaragen und werfen stolz ihre Mähnen hoch. Die Aufregung und Freude steigert sich, bei Kindern und Erwachsenen. Sorbische Kinder können es kaum erwarten, am Osterritt teilzunehmen: Woanders wollen Kinder Astronaut werden, Fußballprofi oder Formel-1-Pilot, bei uns wollen sie Osterreiter werden. Auch ich habe lange darauf gewartet und hingefiebert. Ich wollte ein guter Osterreiter sein und bin möglichst oft ausgeritten. Es kam vor, dass ich dabei zu ehrgeizig wurde: Einmal galoppierte ich in die Satkula, und Lucky Fellow, der Trakehner vom Nachbarn, begrub mich unter sich. Ich blieb unverletzt, heulte aber, weil ich nass geworden war. Typisch Franz, sagten die anderen, als ich ihnen davon erzählte. Hat Riesenglück, dass er unbeschadet davonkommt, und beheult seine nassen Klamotten.

Durch Crostwitz führt auch der Jakobsweg, die Pilgerherberge steht in unserer Nachbarschaft in Blickweite. Aber man darf sich die Oberlausitz nicht als frömmelnde und spaßfreie Zone vorstellen: Nirgendwo wird so häufig und gerne gefeiert wie bei uns. Hochzeiten und Geburtstage werden im Familien- und Freundeskreis groß gefeiert. Auch aus den anderen Dörfern kommen Verwandte und Bekannte, und dann wird zusammen gesungen und getanzt. An Polterabenden feiert das ganze Dorf.

Das Sorbistan, in dem ich aufgewachsen bin, ist für mich der schönste Platz der Welt. Mit kleinen Mängeln wie der Schule, aber die galt es schließlich überall auszuhalten. Wir hielten zusammen im Dorf, wir teilten das Gute und auch das weniger Gute. Die Satkula, die meistens harmlos in ihrem Flussbett dahinströmt, wurde manchmal wild und trat über die Ufer. Sie hat schon einige schwere Hochwasser verursacht, das letzte im August 2012, als alle Straßen überschwemmt wurden. In der Schmiede standen 30 Zentimeter Wasser, wie in allen Häusern in der Mitte des Dorfes. Aber alle im Dorf halfen sich gegenseitig, man konnte sich auf die anderen verlassen, das war schon immer so. Als die sorbische Schule in Crostwitz geschlossen werden sollte, da haben wir lange dagegen protestiert, aber leider ohne Erfolg. Ich war einer der letzten Schulabgänger unserer Dorfschule.

Swojba je najwažniša – Nur die Familie zählt

Ganz nüchtern kann mein Vater nicht gewesen sein, als er meine Mutter kennenlernte. Nach einem Polterabend stürzte Benno Zschornack, der mit seinem Kumpel Martin auf dem Heimweg war, in Hórka vom Fahrrad und verletzte sich dabei. Über die Schwere seiner Blessuren bestehen in der Familie inzwischen verschiedene Ansichten. Aber es soll sich um eine Platzwunde am Kopf gehandelt haben. Mein Vater behauptet, dass die Straße an der Unfallstelle nicht die allerbeste gewesen sei. Gesichert ist, dass er ärztliche Hilfe benötigte und telefonieren wollte; die Wunde musste im Krankenhaus genäht werden. Längst nicht alle Haushalte waren damals schon mit Telefonanschlüssen ausgestattet, und so schleppten sie sich an einem provisorisch gelegten Telefonkabel entlang, das in Mannshöhe am Straßenrand an Holzpfosten befestigt war. Das Kabel endete im Haus vom Dorffleischer. So fand mein Vater meine Mutter. Es dauerte nicht lange, bis er wieder vollständig wiederhergestellt war und sich mit Blumen für das Telefonat bedankte. Eigentlich ging es ihm aber um etwas ganz anderes: Er wollte noch einmal die junge Frau sehen, die ihm auch mit beeinträchtigter Wahrnehmung auf Anhieb gefallen hatte. Einen Heiratsantrag hat Benno seiner Christina nie gemacht. Er rollte einfach auf dem Küchentisch zwischen zwei hastig gerauchten Zigaretten einen Bauplan aus, wie er das elterliche Haus in Crostwitz erweitern wollte, und fragte beiläufig: Nun, wie sieht’s aus?

Das ist eine Geschichte, die meinen Vater viel besser erklärt als jedes umfangreiche Psychogramm. Von langen Reden hielt er wenig, er verließ sich lieber auf sein Bauchgefühl. Meine Mutter jedenfalls hat ihn sofort verstanden und der Bauerweiterung zugestimmt. Damit war auch der Weg frei für die weitere Familienplanung: Zuerst wurde 1982 meine Schwester Teresa geboren, ein Jahr später mein Bruder Paul, dann kam ich im Oktober 1985, als letztes von drei Kindern. Damit waren die Zschornacks zu fünft und eine richtige Familie, so wie meine Eltern sich das gewünscht und ausgemalt hatten. Familie, das ist in Sorbistan nicht anders, als man es in Italien oder Spanien beschwört: Es ist das Allerheiligste, darüber steht nur noch der liebe Gott. Und die Familien fallen groß aus in Sorbistan.

Mein Vater nahm sich Zeit für seine Familie, aber er vergaß darüber nie, sich im Dorf zu engagieren. Das Dorf gehörte zur erweiterten Familie: Er sang die Tenorstimme im Kirchenchor, und er hatte einen Blick dafür, wenn er im Dorf etwas ausrichten konnte. Er hat die Kirchenglocken repariert, wenn das Klangbild beim Sonntagsgottesdienst zu wünschen übrig ließ und die Kirchengemeinde besorgt nach oben blickte. Wir Kinder durften mit nach oben steigen, hoch in den Glockenturm, wo Benno Zschornack sich im weißen Unterhemd an den schweren Glocken zu schaffen machte. Es war bekannt, dass er lieber anpackte, als zu jammern oder von anderen etwas einzufordern. An Weihnachten fing er an, die Hauptstraße zu schmücken, und bald hingen überall im Dorf Lichter und Sterne über dem Asphalt. Nach und nach ist daraus der Dorfverein entstanden, der Arbeiten ausführte, die von der Gemeinde nicht übernommen werden konnten. Auch wenn er nicht viel redete: Benno suchte die Gemeinschaft im Dorf, in der sorbischen Gemeinde. Vielleicht lag das daran, dass er aufgewachsen ist, ohne seine wirkliche Familie zu kennen. Bis zu seinem zwölften Lebensjahr war er Benno Knopp, Sohn des Dorfschmieds Paul und Hańža Knopp in Crostwitz. Sie haben Benno nach der Geburt angenommen, weil sie kinderlos geblieben waren und die Familie Zschornack im Nachbardorf Rosenthal gleich neun Kinder großzuziehen hatte, was nicht immer leichtfiel. Mein Vater dachte, er wäre ein Einzelkind, aber mit zwölf Jahren bekam er mit einem einzigen Gespräch acht Geschwister geschenkt und wusste nun, wer seine leiblichen Eltern waren. Einige seiner Geschwister kannte er vom Sehen, ohne allerdings zu wissen, wer sie wirklich waren. Er nahm dann zwar seinen eigentlichen Namen Zschornack wieder an, blieb aber bei seinen Pflegeeltern wohnen und übernahm auch später das Haus. Es muss ein Schock für ihn gewesen sein, zu erfahren, dass er als Kleinkind weggegeben worden war. Beklagt hat er sich nie über diese verworrene Familiensituation. Wir Kinder schon gar nicht: Bis heute gibt es nichts Schöneres als diesen Riesenclan von sechsundzwanzig Cousinen und Cousins um uns zu haben, der sich über ganz Sorbistan verteilt.

Im Dorf behaupteten viele, dass ich ganz nach meinem Vater käme und ihm sehr ähnlich sei. Es ist jedenfalls schwierig, Vereine und Gruppierungen zu finden, denen ich nicht beigetreten bin. Als Messdiener tat ich meinen Dienst, von der Erstkommunion bis zur achten Klasse. Als ich sechzehn wurde, trat ich sofort der Freiwilligen Feuerwehr bei: Uniform zu tragen und an wichtig wirkenden Übungen teilzunehmen (und manchmal auch an richtigen Einsätzen) – da durfte ich unmöglich fehlen. Ich wollte auch unbedingt Fußball spielen bei der Spielgemeinschaft Crostwitz. Es muss komisch ausgesehen haben, wenn Franz Zschornack, beinahe 1 Meter 86 groß und klapperdürr, mit seinen blassen Storchenbeinen über den Platz stakste. Talent brachten andere mehr mit. Ich war eher Spaßmacher als Spielmacher. Meine Muskulatur schien den Belastungen dieses Sports nicht gewachsen zu sein; dauernd lag ich auf dem Boden. Selbst die gegnerischen Spieler beugten sich besorgt über mich, bis meine Mitspieler beschwichtigten: Lasst ihn liegen, er hat nur einen Krampf. Und ich hatte ständig Krämpfe. Aber einmal gelang mir, was mir keiner zugetraut hatte: im Spiel des Jahres das entscheidende Tor zu schießen, mein einziges in einer langen Saison. Wir verloren 1:6 gegen FC Dynamotreue Kamenz, die in der Tabelle auf Platz 1 lagen. Das waren die besonderen Franz-Zschornack-Momente, die sich gegen alle Regeln der Vernunft und Voraussicht abspielten. Auch als Schiedsrichter durfte ich mich beweisen. Da tat ich mich leichter, irgendwie lag mir das schon immer, zu vermitteln und auszugleichen. Ich bin ein fröhliches Gemüt, es gibt nur wenige Tage im Jahr, an denen man mich besser in Ruhe lässt. Nur zwei Mal musste ich als Schiedsrichter die rote Karte ziehen. Beim ersten Platzverweis, den ich aussprechen musste, konnte ich kaum die Karte halten, so habe ich gezittert.

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