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Vorwort

Äußerer Anlass dieses Buchs ist der 100. Geburtstag von Franz Josef Strauß am 6. September 2015. Innerer Anlass ist: Ich hatte Zeit und Muße, über meine zehn Jahre mit Franz Josef Strauß – 1978 bis 1988 – nachzudenken, vieles mir selbst wieder in Erinnerung zu bringen, aufzuarbeiten, neu zu verstehen und zu deuten. Deshalb ist auch der Titel dieses Buches »Franz Josef Strauß und sein Jude« bewusst provozierend so gewählt. Vielleicht wird er die gewachsene deutsch-jüdische Nachkriegsruhe stören. Und wenn, dann ist es so gewollt, denn nur Unruhe fördert Entwicklungen. Auch Franz Josef Strauß stand für Unruhe und gab damit Anstöße für zahlreiche Neuerungen.

Diese Zeilen sind sicher kein Nockherberg in Buchform und die eingefleischten »Spiegel«-Leser werden den erhobenen, vorwurfsvollen Zeigefinger vermissen. Ich schreibe über meine zehn Jahre mit Franz Josef Strauß, 25 Jahre nach seinem Tod, als Bayer, Deutscher, Europäer und inzwischen als assimilierter Israeli. Ich bin als Jude in München aufgewachsen und war zehn Jahre Pressesprecher der Christlich-Sozialen Union in Bayern. Im Nachkriegsdeutschland alles nicht gerade eine Normalität. Heute weiß ich, dass es ein Glücksfall war – vielleicht für beide Seiten. Ich war voll integriert, bin in das Wurzelgeflecht der CSU hineingewachsen. Ich kenne einen Franz Josef Strauß, der in den Medien in dieser Form unbekannt, so auch nicht gewollt ist. Strauß war sicher ehrgeizig, zielstrebig, durchsetzungskräftig, aber er war auch bescheiden, gottesfürchtig, zaudernd. Er konnte seine Analysen brillant vor Tausenden von Zuhörern vortragen, die notwendigen Konsequenzen einem Betroffenen aber nicht ins Gesicht sagen. Diese Schwäche ist eine menschliche Stärke. Er wurde verehrt, weil er stark war, aber auch wegen seiner Schwächen. Er war eben ein »Mensch« im bayerischen wie im jüdischen Sinn. Er wusste, dass seine schwierigen Entscheidungen hart treffen konnten und er litt manchmal wie ein Hund darunter. Er wollte die Welt besser machen, wurde aber auch oft ausgenutzt. Das traf wiederum ihn selbst.

Er war jedenfalls ein Gestalter Bayerns, Deutschlands und Europas und ein wichtiger Lehrer in meinem Leben. Die Schilderung meiner Erfahrungen erfolgt in Episoden, Geschichten, die schlaglichtartig die vielen bunten Facetten des Menschen Franz Josef Strauß ans Tageslicht bringen. Ich habe ihn schlicht und ergreifend so erlebt und in Erinnerung behalten.

Godel Rosenberg,
Tel Aviv / München im Mai 2015

Sicherheit für Bayern – Sicherheit für Israel

Um den Tisch herum sitzen sieben Beamte des Bayerischen Landeskriminalamts. Es geht um Sicherheit. Sicherheit für den Freistaat Bayern, der im Juni 2015 den G7-Gipfel auf Schloss Elmau bei Garmisch-Partenkirchen ausrichten wird. Ich bin aus Israel angereist und habe eine Präsentation über israelisches Know-how im Gepäck: Wie werden Zufahrtstrassen wirkungsvoll gesichert. Ich sehe in die Gesichter von sieben verantwortungsbewussten Beamten, die neugierig meine Ausführungen hinterfragen. Ich muss unweigerlich an Franz Josef Strauß denken, der in den 50er-Jahren in ähnlicher Weise israelischen Emissären aus Jerusalem gegenüber gesessen ist. Das Thema damals war auch Sicherheit – Sicherheit für den jungen Staat Israel. Strauß war damals Bundesminister für besondere Aufgaben, später wurde er – wie es damals noch hieß – Atomminister und danach Bundesminister der Verteidigung.

Ich hatte mehrfach Gelegenheit, mit dem späteren Staatspräsidenten Israels, Shimon Peres, über Strauß zu sprechen. Peres war Anfang der 50er-Jahre von Israels Staatsgründer und langjährigem Ministerpräsidenten David Ben-Gurion beauftragt worden, Waffen für den neugegründeten, bedrohten Staat zu besorgen. Zwei Länder standen damals als Unterstützer Israels im Vordergrund: Frankreich und Deutschland. Die USA waren damals an Israel nicht interessiert. Ihre politische Blickrichtung war völlig anders geartet als heute und für das junge Israel der 50er-Jahre wenig hilfreich.

Es kostete Peres große Überwindung, 1957 erstmals nach Deutschland zu reisen: »Ich konnte das Gefühl, in Deutschland zu sein, nicht ertragen, es brachte mich fast um.«1 Aber es ging schließlich um das Überleben des jüdischen Staates. Außerdem hatte er einen Auftrag von seinem Ministerpräsidenten. Peres’ Reiseziel war Rott am Inn. Der damals 34-jährige Peres traf dort den acht Jahre älteren Franz Josef Strauß im Haus von dessen Schwiegereltern, den Besitzern der Brauerei Zwicknagl. Er fand nicht gleich den Weg, erkundigte sich bei einem Straßenpassanten nach dem Bundesminister. »Halten Sie Ausschau nach einem schweren Mann mit Hund«, wurde ihm geraten. Peres fand ihn. »Ein brillanter Mann, kluge blitzende Augen und wagemutig«2, beschreibt der Israeli seinen ersten Eindruck von Strauß. Was da in Rott am Inn bei ein paar Flaschen Bier begann, sollte eine langjährige Freundschaft mit großem gegenseitigem Respekt werden. Die politischen Auswirkungen der Beziehung Strauß – Peres waren damals unabsehbar.

Peres war 1957 nicht allein nach Deutschland gereist. In seiner Begleitung sollte eigentlich der spätere Verteidigungsminister Moshe Dayan sein, doch da die Presse in Israel Wind davon bekam, wurde Dayans Vertrauter Haim Laskov beauftragt, Peres zu assistieren, sowie der deutsch sprechende, in Wien geborene spätere Diplomat Asher Ben-Natan, der 1965 erster Botschafter Israels in Bonn wurde. Asher Ben-Natan, der während seiner Bonner Zeit wegen seiner großen, kräftigen Erscheinung oft als »Curd Jürgens Israels« tituliert wurde, erzählte mir mehrmals, wie Strauß bei diesem Treffen damals hinausging, mit vier Flaschen Bier zurückkam und sie auf den Wohnzimmertisch stellte. Keiner von den israelischen Gästen aber kannte den damals in Bayern üblichen Bügelverschluss mit dem weißen Porzellandeckel. Irritiert habe man auf die Flaschen geblickt, berichtete mir Asher lächelnd. Strauß erfasste die Situation und zeigte ihnen, wie sich die Flaschen öffnen ließen. Wann immer mich Asher Ben-Natan später in Israel sah, rief er mir mit einem breiten Grinsen lautstark »Grüß Gott, Franz Josef!« zu. Das war mehr als 20 Jahre nach dem Tod des Bayern.

Shimon Peres, heute Israels Elder Statesman, berichtet von einem Gespräch, bei dem Strauß über sich selbst sagte: »Ich kann in Deutschland nichts werden, weil ich Bayer und Sohn eines Metzgers bin, im Zweiten Weltkrieg bei der Luftabwehr und Verteidigungsminister der Bundesrepublik Deutschland war.« Aber aus Strauß ist etwas geworden, auch wenn er das Amt des Bundeskanzlers der Bundesrepublik Deutschland nicht erreicht hat. Er hat es zumindest versucht und als »der Bayer gegen alle« wider Erwarten gut abgeschnitten.

Heute sprechen mehr Menschen Hebräisch
als Österreichisch-Deutsch

Viel wichtiger ist es, dass Strauß zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort war. Für mich, der ich heute Israeli bin, in der einzigen Demokratie, im einzigen Rechtsstaat des Nahen Ostens lebe, dem einzigen Land in der Region östlich des Mittelmeers, in dem jeder seine Religion ausleben, sich frei bewegen und reden kann, wie ihm der Schnabel gewachsen ist, hat eine Frage eine besondere Bedeutung: Was hat Strauß für das Entstehen des neuen Staates der Juden geleistet? Er hat sicher mit dazu beigetragen, dass Israel überlebt. Damit sprechen heute mehr Menschen hebräisch als »schwyzertütsch« oder österreichisch-deutsch. Israel ist eine Erfolgsgeschichte des 20. und des 21. Jahrhunderts. 8,35 Millionen Israeli, zusammengewürfelt aus 70 Ländern, davon 1,75 Millionen Araber, erwirtschaften ein Bruttosozialprodukt, das größer ist als das von Syrien, Libanon, Jordanien und den Palästinensern in Gaza sowie der Westbank zusammengenommen. In der Hi-Tech-Welt der Algorithmen nimmt Israel einen führenden Platz ein. Bei der Eröffnung der zweitgrößten Zentrale des Apple-Konzerns außerhalb der USA, in Herzlia bei Tel Aviv, sagte dessen Vorstandsvorsitzender Tim Cook im Februar 2015: »Apple ist nach Israel gekommen, weil das Talent für neue Entwicklungen und die Brillianz dieser Leute hier einfach unglaublich sind.« Israel steht heute für eine beachtliche Leistung, die Respekt verdient, auch wenn es manchen Arabern und Juden beziehungsweise Israelhassern nicht passt.

Strauß musste als Verteidigungsminister 1961 zurücktreten, weil er in der »Spiegel-Affäre« den Bundestag angelogen hatte. Diese Lüge empfinde ich vergleichsweise geringfügig gegenüber seinem Handeln Ende der 50er-Jahre als Helfer in der Not Israels. Tatsache ist, dass Strauß als Bundesverteidigungsminister, ohne jegliche schriftliche Vereinbarung, Flugzeugteile, Helikopter, Haubitzen, Kanonen aller Art, also schweres militärisches Gerät an die »Zva Haganah Le Israel«, das israelische Militär, geliefert hatte und den »Verlust« als »verloren« in den Akten des Ministeriums eintragen ließ. Es ist heute nicht mehr zu eruieren, wer auf die ebenso geniale wie »hinterfotzige« Idee gekommen war – sprich die Chuzpe gehabt hatte –, Anzeige wegen Diebstahl von Waffen aus den Depots des Bundesministeriums für Verteidigung zu erstatten, die man selbst hatte verschwinden lassen. Die Moral war aufseiten von Strauß, das Recht sicherlich nicht. Der israelische Journalist Dan Pattir, der 1974 Regierungssprecher des ersten Kabinetts Itzhak Rabin wurde, erinnert sich an ein Interview mit Strauß 1963 in Tel Aviv: »Es ist mir als Journalist nicht leicht gefallen, auf die Veröffentlichung der Details der Waffentransporte aus Deutschland zu verzichten. Aber dieser Mann hat so viel für Israel getan und noch mehr für sich persönlich riskiert, Ehre, wem Ehre gebührt.«

Entscheidend ist nicht, wer seine »Komplizen« waren – zum Beispiel Bundeskanzler Konrad Adenauer, der ihn gewähren ließ, ihm aber sagte: »Wenn Sie erwischt werden, kann ich Ihnen nicht helfen.« 1961 – natürlich vor der »Spiegel-Affäre« – hatte sich Adenauer dezidiert hinter Strauß und die Waffenlieferungen gestellt. Aber da war vieles bereits gelaufen.

Hervorzuheben ist, dass Strauß seine Zusage an Peres 1957 in Rott am Inn, er werde Israel unterstützen, eingehalten hat. Diese Tatsache kann nicht hoch genug eingeschätzt werden, denn die USA hatten sich strikt geweigert, Israel Waffen zu liefern, bis John F. Kennedy Anfang der 60er-Jahre amerikanischer Präsident wurde. (Alle Staaten, die 1948 Israel anerkannt hatten, belegten den neu gegründeten Judenstaat mit einem Waffenembargo.) Der spätere Staatspräsident Israels, Peres, hat von Strauß niemals eine Erklärung dafür erhalten, warum er damals geholfen hat. Für ihn ist es aber klar: Strauß wollte damit auch seine eigene Vergangenheit als Deutscher und als Soldat im Zweiten Weltkrieg aufarbeiten. »Und das«, so Peres, »haben wir ihm nie vergessen.«

Als Strauß zusammen mit seiner Frau Marianne im Mai / Juni 1963 zehn Tage Israel besuchte – in diese Zeit fiel ihr sechster Hochzeitstag –, wurde er von der gesamten Regierungsspitze herzlich empfangen. Shimon Peres und Moshe Dayan standen am Fußende der Flugzeugtreppe, als Franz Josef Strauß und seine Frau Marianne in Tel Aviv landeten. David Ben-Gurion und sein engster Kreis wussten, was sie Franz Josef Strauß zu verdanken hatten und sie zeigten es. Sie erwiesen ihm alle Ehren, obwohl Strauß zu dieser Zeit kein Staatsamt bekleidete. Man muss sich nur die Fotos anschauen, die heute im Franz-Josef-Strauß-Archiv der Hanns-Seidel-Stiftung in München liegen. Die Herzlichkeit der Begegnung fand nur 18 Jahre nach dem Zusammenbruch Nazi-Deutschlands statt und der Besuch lag zwei Jahre vor der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Israel und der Bundesrepublik Deutschland, die zu diesem Zeitpunkt nicht im Enferntesten absehbar waren. Die israelische Regierung musste den Besuch vor der eigenen Bevölkerung fast geheim halten, zumindest herunterspielen, denn 100.000 von Israeli waren Überlebende der KZ-Vernichtungslager und hatten kein Verständnis für irgendeinen offiziellen Besuch aus Deutschland. Strauß wurde noch bei seinem zweiten und dritten Besuch 1980 und 1985 in israelischen Zeitungen als »Nazi « beschimpft. »Denn sie wissen nicht, was sie tun«, heißt es in der Bibel. Und die Regierung konnte damals nicht öffentlich machen, was Strauß für »Eretz Israel« getan hat.

Mehr als 20 Jahre später – auch noch im Bundestagswahlkampf 1980 – wurde Strauß, damaliger Kanzlerkandidat der CDU / CSU, als »Rechtsnationaler« und »Ewig-Gestriger« beschimpft. Vor allem ein Argument wurde ihm um die Ohren gehauen: »Ein Volk, das diese wirtschaftlichen Leistungen vollbracht hat, hat ein Recht darauf, von Auschwitz nichts mehr hören zu wollen.« Und: »Wir wollen von niemandem mehr, weder von Washington noch von Moskau, von keinem europäischen Nachbarn, auch nicht von Tel Aviv, ständig an unsere Vergangenheit erinnert werden.« Fürchterlich klingende Worte, die auch genauso gesagt wurden. Ich musste mich in meiner Funktion als Pressesprecher 1980 oft damit beschäftigen. Ich, der Jude, dessen Eltern aus Warschau stammen und die den Holocaust überlebt haben. Es war nicht leicht, darauf eine Antwort zu finden. Ich habe die Augen von Juden und Nichtjuden in Erinnerung, die mich vorwurfsvoll anschauten: Wie kannst du nur. Ich war damals jung und hatte die Einstellung gefunden, die mir oft eine Soforthilfe war: Augen zu und durch. Lege kein Franz-Josef-Strauß-Zitat auf die Goldwaage, du kennst ihn. Wenn er verbal galoppiert, ist er nicht aufzuhalten. Auch das war Strauß. Mein Gefühl, das in vielen Gesprächen, durch Beobachtungen seiner Körpersprache, durch Hinweise aus Nebenbemerkungen gewachsen war, sagte mir: Strauß hatte Hochachtung vor dem Judentum. Ich konnte es nicht rational begründen, weil ich mein Judentum selbst nicht in Worte fassen konnte. Vielleicht war es die Tatsache, dass über 20 Prozent aller Nobelpreisträger des 20. Jahrhunderts Juden sind. Wie viel Juden gibt es überhaupt auf dieser Welt? Milton Himmelfarbs Antwort darauf: »[…] weniger als die statistische Fehlerquote der Geburtsrate des chinesischen Volkes«. Ich lernte jedenfalls erst viel später in Israel zu verstehen, was Judentum, mein Sein als Jude bedeutet und beinhaltet.

Strauß kannte die jüdischen Griechen

Franz Josef Strauß, der sich mit Kardinal Joseph Ratzinger, dem späteren Papst Benedikt XVI., lateinisch unterhalten konnte und mit dem SPD-Urgestein Carlo Schmid in Bundestagspausen griechisch parlierte, hatte einen eigenen Zugang zum Judentum. Er kannte die (jüdischen) Griechen Demetrius und Eupolemus, die im zweiten Jahrhundert vor der Zeitrechnung großen Einfluss auf Tanach, Talmud, Mishnah Talmud und auf die gesamte Entwicklung des Judentums genommen haben. Und er hatte das Werk »Der jüdische Krieg« des jüdischen Historikers Joseph Ben Matityahu HaCohen, den die Römer Josephus Flavius nannten, im Original, also in Griechisch, gelesen. In den 500 Jahren zwischen der ersten und zweiten Tempelzerstörung in Jerusalem war Griechisch die Sprache der Intellektuellen.

Auch als die Römer die Griechen als Weltmacht bereits abgelöst hatten, war Griechisch die Sprache des Buchs. Die jüdische Bibel wurde schon sehr früh im ägyptischen Alexandrien ins Griechische übersetzt und Strauß hatte in seinen Studienjahren vor und während des Zweiten Weltkriegs Einblick darin bekommen.

Aus vielen Strauß-Bemerkungen in den 80er-Jahren, die ich damals nicht einordnen konnte, ist mir heute der hohe Respekt vor dem Judentum offenkundig. Politisch wertete er Israel als eine Bastion des Westens in einem Meer von muslimischen Staaten. Israel vertritt die gleichen Werte wie der Westen, schon allein deshalb ist die Bindung zwischen Jerusalem und den Hauptstädten der westlichen Welt untrennbar. Auch mit dieser Einschätzung lag er – wie wir heute wissen – goldrichtig.

Erster Israelbesuch – kein leichter Gang

1963 griff Strauß selbst zur Feder und brachte nach seinem ersten Besuch im »Heiligen Land« für die »Allgemeine Sonntagszeitung « in Würzburg seine Eindrücke zu Papier. Marianne Strauß begleitete ihren Mann damals nach Israel, war von dem Land und den Menschen tief beeindruckt. Sie bestätigte mir, dass Strauß diesen Beitrag selbst verfasst hatte und auch sie hatte einiges hinzugefügt. Der erste Israelbesuch muss für die Eheleute Strauß ein schwerer Weg gewesen sein. Daraus wurde für beide ein unvergessliches Erlebnis.

Unter der eher lapidaren Überschrift »Meine Reise nach Israel« hat Strauß mit einer selten erlebten Hingabe und Bewunderung über seine Eindrücke und Erfahrungen in dem noch jungen Judenstaat berichtet: »Jeder, der auch nur wenige Tage durch Israel reist, muß von den Leistungen dieses Volkes aufs stärkste beeindruckt sein. […] ein hart arbeitendes Volk, vom Bauern und Industriearbeiter, bis hinauf zur Staats- oder Wirtschaftsführung. Wer das gesehen und erlebt hat, muß als objektiver Beobachter den Hut ziehen und sagen: Respekt vor dieser Leistung «, heißt es eingangs. Was dann folgt, ist auch eine Analyse des Nahostproblems, die auch über 50 Jahre danach in keiner Zeile korrigiert werden muss. Für diesen Reisebericht trifft zu, was Strauß gerne in den 70er- und 80er-Jahren wiederholte: »Ich muss nichts, was ich in meinem Leben gesagt und geschrieben habe, zurücknehmen. Damit unterscheide ich mich grundsätzlich von vielen politischen Zeitgenossen in Deutschland.«

Wie hoch 1963 das Vertrauen und die Wertschätzung der israelischen Gastgeber gegenüber Strauß waren, zeigt insbesondere die Einladung zum Besuch des Atomzentrums in Nahal Sorek, wenige Kilometer südlich von Tel Aviv gelegen. Die Führung dort hatte Professor Ernst David Bergmann übernommen, ein in Deutschland ausgebildeter Chemiker, Schüler von Nobelpreisträger Otto Hahn und von Lise Meitner. Beiläufig erwähnt Strauß in seinem Reisebericht, dass »in Nahal Sorek der gleiche Reaktortyp steht, den ich seinerzeit in meiner Eigenschaft als Bundesatomminister in Garching bei München errichten half. Etliche der hier arbeitenden Techniker haben zur Einarbeitung die Münchner Anlage studiert«. Jeder deutsche Politiker, der sich heute derartig freimütig über Israels Atomprogramm äußern würde, müsste seine politische Karriere begraben und würde von den Medien in der Luft zerrissen werden.

Strauß ließ es sich auch nicht nehmen, israelische Waffenschmieden zu besuchen, darunter die Produktion der damals schon renommierten »Uzi«-Maschinenpistole, die bereits zur Standardausrüstung der Bundeswehr gehörte. Uzi Gal, der Konstrukteur dieser Waffe, die unter extremen Bedingungen wie Hitze, Sand und Salzwasser damals die geringste Ausfallquote hatte, demonstrierte Strauß im Juni 1963 das neueste Modell. Ein gemeinsames Foto, auf dem Strauß den Finger am Abzug hatte, durfte in der Würzburger ASZ dann natürlich nicht fehlen. Schließlich war es Strauß selbst, der als Verteidigungsminister 1957 die ersten Gespräche mit Felix E. Shinnar, dem Leiter der israelischen Handelsmission in Köln, führte. Ergebnis war die Anschaffung der »Uzi« in hoher Stückzahl für die Bundeswehr. Von dem Bonner Journalisten und Autor Rolf Vogel ist der legendäre Satz überliefert: »Die Uzi in der Hand deutscher Soldaten ist sicher besser als alle Broschüren gegen Antisemitismus.«

All diese Eindrücke und Erlebnisse haben bei Strauß vermutlich zu einer Meinungsänderung bezüglich des damals hochbrisanten Themas der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zu Israel geführt. Hochbrisant deshalb, weil die arabischen Länder zu diesem Zeitpunkt mit einer Anerkennung der DDR gedroht hatten, für den Fall, dass die Bonner Regierung mit dem Judenstaat Botschafter austauschen sollte. Dennoch diktierte der CSU-Vorsitzende vor seiner Rückreise dem »WELT«-Korrespondenten in den Schreibblock: »Vor meiner Reise nach Tel Aviv bin ich der Ansicht gewesen, daß konsularische Beziehungen ausreichen würden. Nunmehr bin ich überzeugt, daß es notwendig sei, volle diplomtische Beziehungen aufzunehmen.«

Bayerische Soldaten auf dem Friedhof in Nazareth

Strauß besuchte damals auch den Soldatenfriedhof in Nazareth, auf dem bis heute jedes Jahr am 1. November der gefallenen Deutschen im Kampf Großbritanniens gegen das Ottomanische Reich während des Ersten Weltkriegs gedacht wird. Was Strauß damals nicht wissen konnte: In Nazareth liegen zahlreiche bayerische Soldaten, die der »Königlich Bayerischen Fliegerabteilung 304« angehörten und in dem geheimen Unternehmen »Pascha II« auf der Seite der Türken gegen die Engländer ihr Leben ließen. Der Fernsehjournalist Andreas Bönte entdeckte 1990 – nach dem Tod von Strauß – im Bayerischen Hauptstaatsarchiv, Abteilung Kriegsarchiv, zufällig 2662 Glasplattennegative, auf denen das Kriegsgeschehen im Kampf um Palästina in Fotos mit höchster Auflösung festgehalten ist. Engländer hoch zu Ross kämpfen gegen türkische Truppen, die, durch bayerische Flieger aus Oberschleißheim unter großen Mühen zur Verstärkung angereist, unterstützt werden. Bönte machte daraus eine sensationelle Filmdokumentation, die ich Jahre später im Goethe-Institut in Tel Aviv und an der Universität Haifa vorgeführt habe. Damit hat sich ein Kreis geschlossen, bei dessen Anfängen 1963 in Nazareth niemand ahnen konnte, dass er durch mich mehr als 50 Jahre später vollendet werden würde. Zufall? Mein Thoralehrer lehrt: Es gibt keine Zufälle, alles ist von G’tt3 gelenkt. Zufall heißt im Hebräischen »MIKRE«, ein Wort, dessen Buch staben verkürzt die Aussage enthalten: Was immer geschieht, es ist G’ttes Wille.

1963 gab es keinen Palästina-Konflikt

In dem zweiseitigen Sonderdruck des Strauß-Artikels kommen Worte wie Palästinenser, Westbank oder Gaza nicht ein einziges Mal vor. Nicht, weil Strauß hier etwas übersehen oder absichtlich weggeschaut hat. 1963 gab es den Konflikt um Palästina nicht. Palästinenser forderten damals noch keinen eigenen Staat, denn die Westbank und Ostjerusalem waren von Jordanien besetzt – der Gazastreifen von Ägypten –, eine Folge des von Arabern 1948 ausgelösten Kriegs, der in Israel Befreiungskrieg genannt wird. Palästinenser sprechen dagegen von »Naqba«, Tag der Katastrophe, und meinen damit den Gründungstag des Staates Israel, den 14. Mai 1948. Palästinenser wussten damals, dass eine auch nur leise vorgetragene Forderung nach einem eigenen palästinensischen Staat von Amman rigoros abgelehnt werden würde.

Die Welt des Nahen Osten wurde 1947 / 48 neu verteilt. Den westlichen Teil von Amman aus gesehen erhielten die Juden und gründeten Israel. Aus dem östlichen Teil wurde Jordanien. Die Palästinenser sind bis heute unversöhnliche Gegner des Hashemiten-Throns in Jordanien. Durch den palästinensischen Terror gegen Israel – erster Höhepunkt war der Anschlag auf die israelische Mannschaft bei den Olympischen Spielen in München 1972 – und die Lossagung, Abtrennung und quasi Ausrufung der Westbank als Niemandsland durch Amman 21 Jahre nach dem Sechs-Tage-Krieg 1967 ist der Konflikt um Palästina erst in den Mittelpunkt des Weltinteresses gerückt. Und Voraussetzung für Schuldzuweisung an Israel und alle Juden war und ist der unaufhaltsame Aufstieg Israels als demokratisch geführte Wirtschafts- und Militärmacht im Nahen Osten. Damit wurde David zum Goliath und die Palästinenser erfanden sich als der neue David in der Region.

Am 7. Juni 1981 schlug der neue Goliath des Nahen Ostens gezielt und präzise zu. Die israelische Luftwaffe zerstörte den über 1000 Kilometer entfernt liegenden 70-Megawatt-Atomreaktor Osirak im Irak. Strauß war von der Nachricht elektrisiert und fragte mich, ob es dazu Hintergrundinformation aus Israel gäbe. Ich musste zuerst verneinen und schickte ihm den Wortlaut der offiziellen Stellungnahme aus Jerusalem. Darin heißt es, dass Israel schon lange Zeit mit großer Sorge den Bau des Osiris-Atomreaktors beobachtet habe. Nachrichtendienstliche Quellen hätten unzweifelhaft bestätigt, dass der Bau einer Atombombe beabsichtigt sei. Das Ziel dieser Atombombe sei Israel. Damit habe für Israel Handlungsbedarf bestanden. Wenige Wochen danach erhielt ich die erste Studie des damaligen Assistenten an der Universität Tel Aviv, Shai Feldman, heute Professor für internationale Sicherheitspolitik in den USA. Der Autor zeichnete darin ein Bild, das die Vielschichtigkeit des Nahen Osten zeigt: Irak versucht eine Atombombe zu bauen, weil Bagdad davon ausgeht, dass Israel nuklear ausgerüstet ist. Der Iran behindert den Irak beim Erreichen seiner Ziele – in den 80er-Jahren sogar militärisch –, weil Teheran selbst eine Hegemonialstellung in der Region anstrebt.

In den Grundzügen hat sich diese beschriebene Situation auch im 21. Jahrhundert nicht geändert.

Das Sebstbestimmungsrecht der Juden

2010 holte mich auch dieses Thema ein, das ich so oft mit Strauß erörtert habe. Gemeinsam mit der Studiengruppe für Politik und Völkerrecht der Universität Marburg hatte mich die Hanns-Seidel-Stiftung zu einem Seminar zum Thema »Das Selbstbestimmungsrecht der Völker – eine Problemschau« ins fränkische Benediktinerkloster Banz eingeladen. In den 80er-Jahren habe ich an diesem Ort viele Wochenenden mit der CSU-Landesgruppe, -Landtagsfraktion und anderen Parteigremien verbracht, die hier traditionell ihre Klausurtagungen abhielten. Mein Thema war das »Selbstbestimmungsrecht der Juden«. Abdullah Hijazi, seit 1980 im diplomatischen Dienst der Palästinensischen Befreiungsorgansiation (PLO), kam als Vertreter der Palästinenser aus Berlin

Meine Anreise war bereits bezeichnend. Ich bestieg am Bamberger Bahnhof ein Taxi und gab als Fahrziel Kloster Banz in Bad Staffelstein an. Die Fahrerin war überrascht – einen Gast, der über 30 Kilometer Taxi fährt, bekommt sie nicht täglich – und rief über Funk ihre Zentrale an. Sie wusste den Fahrpreis nicht. Aus dem Lautsprecher knatterte eine herrische Stimme, die 58 Euro verlangte. Mir erschien der Preis überhöht, tat dies auch kund – ich kannte ja die Strecke – und bot 50 Euro an. »Wir sind doch hier nicht bei den Juden«, donnerte es aus dem Funkgerät. »Doch, antwortete ich, wir sind hier bei Juden. Mein Name ist Rosenberg, ich komme aus Israel, will ins Kloster Banz und lass mich nicht übers Ohr hauen.« Daraufhin brach das Gespräch ab. Die junge Fahrerin lieferte mich 30 Minuten später im Kloster Banz ab, schwieg zuerst eine Weile, dann meinte sie etwas unbeholfen: »Tut mir leid, aber das ist mein Chef.« Ich bezahlte 58 Euro, bedankte mich und die junge Fahrerin war spürbar froh, endlich aus der beklemmenden Situation herauszukommen.

Mein Vortrag begann mit den Worten, dass man mit mir über alles reden könne, aber ich würde mich nicht an einer Diskussion über das Existenzrecht Israels beteiligen. Kein Land der Welt, kein Mitglied der Vereinten Nationen wird einer derartigen Diskussion ausgesetzt, Israel hat ein Recht auf Gleichbehandlung, davon mache ich Gebrauch, hier und überall, wo ich zu diesem Thema eingeladen werde. Während Israel darum gebeten wird, einen Staat für das palästinensische Volk anzuerkennen, sollte man auch von den Palästinensern erwarten dürfen, dass sie Israel voll als den Nationalstaat des jüdischen Volkes akzeptieren. Es gibt kein anderes Land, in dem Juden dieses Recht ausüben können, da es kein anderes Land gibt, in dem sie ihr Leben gemäß ihren eigenen Bräuchen und Überzeugungen, ihrer Sprache, ihrer Kultur, ihren Zielen und Plänen für die Zukunft ausleben können. Demgegenüber gibt es über 50 arabisch-muslimische Länder als Alternative für die Palästinenser.

Abdullah Hijazi entgegnete, dass die Vereinten Nationen 1947 die Teilung Palästinas beschlossen haben, was einerseits zur Gründung des Staates Israel und andererseits – gleichzeitig – zur palästinensischen Katastrophe – der Naqba – geführt habe. Während die zionistische Führung dem Teilungsplan zustimmte, lehnten die Palästinenser ihn vehement ab. 1948 begann in der Folge der Ausrufung des Staates Israel der erste arabisch-israelische Krieg.

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