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Franz G. - Thriller: Wegners schwerste Fälle (3. Teil)

Thomas Herzberg

Franz G. - Thriller: Wegners schwerste Fälle (3. Teil)

Hamburg Krimi





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Titel:

Franz G. - Thriller

(Wegners schwerste Fälle)

von Thomas Herzberg

Alle Rechte vorbehalten

Coverbild: © Nneirda - Fotolia.com

Fassung: 2.11

 

Die komplette Geschichte ist frei erfunden. Alle Ähnlichkeiten mit lebenden Personen und/oder realen Handlungen sind rein zufällig.

Lektorat, Korrektorat: worttaten.de – Michael Lohmann – lohmann@worttaten.de

 

Inhalt:

Mitten im Herzen Hamburgs, in den Straßen rund um den Hauptbahnhof, findet er seine Opfer. Zuerst noch von perversen Fantasien beflügelt, ist es am Ende nur die pure Mordlust, von der sich das gewissenlose Monster angetrieben fühlt: Franz G.

Hauptkommissar Wegner sieht sich ständig neuem Grauen gegenüber, das von Tag zu Tag immer entsetzlichere Ausmaße annimmt. Am Ende trifft Wegner eine Entscheidung, die sich weit jenseits der Dienstvorschriften bewegt und damit nicht nur seine eigene Welt in Gefahr bringt ...

Eine weitere spannende Geschichte rund um den raubeinigen Kommissar, der die Dienstwaffe locker und das Herz am rechten Fleck trägt. Alle Teile der Reihe Wegners schwerste Fälle waren lange Zeit in den Top100 der E-Book-Charts zu finden und freuen sich über viele positive Rezensionen. Danke!

Wegner in chronologischer Reihenfolge

!!! Brandneu: »Ausgerechnet Sylt: Hannah Lambert ermittelt 1« (mein erster Friesenkrimi) !!!

Bisher aus der Reihe Wegners erste Fälle:

Aus der Reihe Wegner & Hauser:

 Aus der Reihe Wegners schwerste Fälle:

Aus der Reihe Wegners letzte Fälle:

 Aus der Reihe Auftrag: Mord!:

Unter meinem Pseudonym "Thore Holmberg":

Ansonsten:

  

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Prolog

Er wachte auf und spürte sofort wieder diese rasenden Kopfschmerzen. Vermutlich wurden sie durch die permanente Sauerstoffnot in dieser engen Kiste verursacht – oder der Gestank war dafür verantwortlich, scharf wie Ammoniak. Erneut erinnerte er sich an die Schule, also an die Zeit, als er eine solche noch regelmäßig besucht hatte.

Chemieunterricht, erste Stunde: Herr Bremer, von Haus aus ohnehin ein nachgewiesener Sadist, ließ den Klassentrottel an einer Flasche schnuppern. Der Idiot versenkte gleich seinen kompletten Riecher in der schmalen Öffnung des Reagenzglases und fand sich einen kurzen Moment später nur noch röchelnd am Boden wieder.

»Ammoniak«, erklärte der Lehrer lachend, »eine chemische Verbindung von Stickstoff und Wasserstoff, die in abgemilderter Form auch als sogenanntes Riechsalz Anwendung findet.«

Als sich ihr Mitschüler gar nicht mehr einkriegen wollte, waren einige sogar drauf und dran, einen Rettungswagen zu rufen, was Herr Bremer jedoch kategorisch ablehnte. »Das wird wieder«, kommentierte er nur grinsend.

Die ansonsten so weiten Beine seiner Jeans waren schon lange hart wie ein Brett und hafteten wie festgeklebt an den Innenseiten seiner Schenkel. Wie oft er sich bereits in die Hose gepinkelt hatte, wusste er nicht. Riechen konnte er es kaum noch, aber spüren, sobald er verzweifelt die scharfe Luft in seine ohnehin brennenden Lungen sog. Von Zeit zu Zeit, wenn er dem immer heftiger werdenden Hustenreiz nicht widerstehen konnte, schmeckte er Blut in seinem Mund. Ein klares Zeichen dafür, dass eine gemeine Entzündung in ihm wütete.

Wie viele Tage er bereits in dieser Kiste steckte, vermochte er nicht zu sagen. Tag und Nacht gab es hier drinnen nicht. Nur wenn der Mann kam, konnte er manchmal durch die schmalen, verdreckten Fenster der Halle die letzten Strahlen der untergehenden Sonne ausmachen. Am Anfang hatte er noch versucht, sich zu wehren – und das trotz der Handschellen.

Nachdem dieser Kerl den Deckel der Kiste hochgeklappt hatte, setzte er ihn immer zuerst auf einen Eimer, damit er seinen Darm entleeren konnte. Gestern Abend hatte er es nicht geschafft, und das, obwohl es schon Stunden zuvor heftig in ihm rumorte. Als dieses Schwein danach in ihn eindringen wollte, war er wie zugenäht. Mit seiner winzigen, weichen Nudel war der Typ nicht einmal ansatzweise zum Stich gekommen. Als logische Konsequenz gab es im Anschluss erst mal anständig was auf die Fresse – aber das hatte er kaum gespürt. Er war einfach nur dankbar, als sich der Deckel der Kiste endlich wieder über ihm schloss.

Wann genau er den Kampf aufgegeben und jegliche Hoffnung verloren hatte, wusste er nicht zu sagen, nur, dass es lange her war. Zu Beginn hatte er noch geglaubt, dass jemand nach ihm suchen würde. Aber wer sollte ihn schon vermissen? Einen Jungen vom Straßenstrich vermisste niemand.

Kurz vor seinem dreizehnten Geburtstag war er, zusammen mit zwei anderen, aus dem Heim geflohen. Anfangs hatten sie sich mit kleinen Überfällen und Diebstählen über Wasser gehalten. Nachdem einer seiner Freunde zum ersten Mal vom leicht verdienten Geld auf dem Schwulenstrich erzählt hatte, ging es nur noch bergab.

Zu Beginn war es fast wie ein Spiel: Fürs Blasen gab’s einen Zehner, wenn man es gut machte, auch mehr. Die schnelle Nummer auf dem Rücksitz brachte gleich einen Fuffi ein, ohne Gummi sogar’n Hunderter.

Danach kamen zuerst der Alkohol und dann die Drogen. Mit vierzehn hing er noch am Hasch, und bevor er fünfzehn war, bereits an der Nadel. Zehn ... zwölf Freier bediente er an manch einem Tag, aber das Geld wollte trotzdem nie reichen.

Erneut rief er sich jetzt den Tag in Erinnerung, der sein gesamtes Leben – falls es diese Bezeichnung überhaupt verdiente – verändert hatte. Der Typ hatte mit seinem riesigen Mercedes direkt vor ihm gehalten und ihn freundlich angelächelt. Diese Art Lächeln kannte er nur zu gut, und es sagte wortlos, dass dieser Kerl mehr wollte als nur die schnelle Nummer hinter der nächsten Straßenecke. Es bedeutete vielmehr, dass dieser Typ ihn nach Strich und Faden vernaschen wollte und mächtig Druck auf der Leitung hatte. Umso besser, dachte er noch – damit wäre zumindest die nächste Ladung Heroin gesichert.

Der Mann war mit ihm weit aus der Stadt hinausgefahren, bis Norderstedt, einem der riesigen Hamburger Vororte. Erst als sie ein verlassenes Firmengelände erreichten, wurde ihm zum ersten Mal mulmig. Was auch immer dieser Kerl vorhatte, er legte großen Wert darauf, dabei nicht gestört zu werden.

»Du brauchst keine Angst zu haben«, versuchte ihn der Mann zu beruhigen. Er schien seine Bedenken zu ahnen. »Wir wollen doch allein sein, wenn wir uns amüsieren. Ich werde ganz nett zu dir sein, darauf hast du mein Wort.«

Keine Ahnung, wie dieser Kerl »nett« definierte, aber in eine Kiste gesperrt zu werden und jeden Tag den Arsch hinhalten zu müssen, das konnte er einfach nicht als nett bezeichnen. Von den ständigen Schlägen und Tritten mal ganz abgesehen.

Und dabei hatte alles so gut angefangen. Nachdem sie gemeinsam die schmalen Stufen in diese seltsame Halle hinabgestiegen waren, hatte der Typ ihm eine Jacke gereicht, die er von einem riesigen Kleiderständer herunternahm, auf dem einige davon in unterschiedlichen Größen hingen. Es war eine dieser Baseball-Jacken, wie man sie häufig in amerikanischen Filmen sieht. Bunte Aufnäher auf Brust und Schultern, aufgebauschte Ärmel und so ein Stehkragen, der mächtig cool aussah.

»Kannst du behalten«, murmelte der Mann lachend dazu, als er sie ihm reichte.

Heute, nach gefühlten Ewigkeiten in dieser staubigen Kiste, wirkten die Farben der Jacke nur noch trostlos. Wenn dieses Schwein ihm das Teil von hinten über den Kopf zog, um besser einlochen zu können, verbiss er sich regelmäßig in einen der dicken Aufnäher, um den Typen nicht auch noch durch schmerzgeborenes Stöhnen anzuheizen.

Nachdem jegliche Hoffnung schon lange erloschen war, drängte sich seit Tagen immer mehr nur ein einziger Gedanke in den Vordergrund und überdeckte damit alle anderen Empfindungen bei Weitem: Lass es endlich vorbei sein, egal wie, aber lass es vorbei sein!

Er hustete ein weiteres Mal und spürte dabei gleich einen ganzen Schwall von Blut aus seiner Lunge aufsteigen. Seine Beine fühlten sich taub an, und sein leerer Magen verkrampfte sich, als ob ihn eine mächtige Faust umklammerte.

1

Manfred Wegner setzte sich hinter das Steuer und atmete tief durch. Dass hochschwangere Frauen so anstrengend sein konnten, hatte er nicht einmal geahnt. Müde war er ... todmüde. Sein Kopf dröhnte, als ob ihn zwei Halbstarke die halbe Nacht lang mit einem Baseballschläger bearbeitet hätten. Um halb elf bekam seine Vera plötzlich Appetit auf etwas vom Chinamann. Als er genervt aufbrach, war es noch Huhn in Süßsauer. Ein paar Minuten später klingelte dann allerdings sein Handy: »Ich nehme doch lieber Ente, Manfred«, quakte sie wie eine ebensolche.

»Das wird sicher nicht die letzte Änderung sein«, kommentierte Wegner grimmig, nachdem er aufgelegt hatte.

Als er endlich vor der Tür von Gung Lee ankam, hatte sie sich für Rindfleisch in Erdnuss-Soße entschieden. Kopfschüttelnd sprang er aus seinem Kombi und öffnete die Heckklappe, um seinen Schäferhund Rex hinauszulassen. Anschließend hechtete er durch die schmutzige Glastür. In zehn Minuten schloss der kleine Asia-Imbiss seine Pforten. Er könnte froh sein, wenn er überhaupt noch etwas halbwegs Anständiges bekäme.

»Rind in Erdnuss-Soße«, maulte Wegner dem winzigen Chinesen müde entgegen, der ihn anschaute, als sei er mit einem Raumschiff vor dessen Tür gelandet.

»Verstehen Sie mich?«, erkundigte er sich mit gedehnten Worten, »sprechen Sie meine Sprache?«

Der Chinese schaute ihn noch immer dämlich grinsend an und schien nicht einmal zu ahnen, dass es um eine Bestellung ging.

Wegner schüttelte wütend den Kopf. »Wie kann man hier jemanden hinstellen, der kein einziges Wort Deutsch versteht?« Er wollte gerade zu einem langen Vortrag ausholen, als er sich eines Besseren besann. Stattdessen deutete er auf ein paar der kümmerlichen Reste, die sich zu dieser fortgeschrittenen Stunde noch in der Auslage befanden. »Das ... das ... und das. Mit Soße! Verstanden? Soße ... süß und sauer!«

Der Chinese nickte eifrig und tat, wie ihm befohlen. Immer wieder grinste er zu Rex herüber, der geduldig vor dem Tresen saß und ihn aufmerksam bei seiner Arbeit beobachtete.

»Finger weg!«, grunzte Wegner, »der ist nicht zum Essen da.«

Jetzt klingelte schon wieder sein Handy. Wutentbrannt zog er es aus der Tasche und nahm sich vor, Veras weitere Bestellungen schlichtweg zu ignorieren.

Es war jedoch nicht seine Holde, sondern jemand vom Revier. »Wegner«, bellte er ins Telefon.

»Franzen hier ... n’Abend, Herr Hauptkommissar.«

»Was gibt’s? Hat das nicht bis morgen früh Zeit?«, erkundigte er sich barsch. Er mochte diesen Kerl ohnehin nicht. Als stellvertretender Revierleiter spielte sich dieser kleinkarierte Arsch ständig auf, als ob jeder nach seiner Pfeife zu tanzen hätte.

»Zwei meiner Streifen haben Ihren Mann gefunden und ihn in einem Industriegebiet direkt an der Abfahrt Barsbüttel festgenagelt.«

»Ihre Streifen? Wusste gar nicht, dass Sie die bezahlt haben.«

Franzen überging seinen Einwand. »Ich dachte nur, dass Sie vielleicht dabei sein wollen, wenn wir ihn festnehmen«, bemerkte er besserwisserisch.

»Mir war gar nicht bewusst, dass in Ihrer Besoldungsstufe schon gedacht wird.« Wegner legte ohne ein weiteres Wort auf. Er würde mit dem Essen zu Vera rasen und dann direkt in Richtung Barsbüttel aufbrechen. Bis dahin sollte sich, zumindest seiner Erfahrung nach, an der Situation vor Ort kaum etwas geändert haben. Zum Abschied hielt der grinsende Chinese Rex ein Stück Fleisch entgegen, an dem der Hund lustlos schnupperte, um es danach einfach zu ignorieren.

Als Wegner mit munter rotierendem Blaulicht vor Veras Tür eine Vollbremsung hinlegte, erwartete ihn bereits ein Nachbar, der sich zum Rauchen vor die Haustür verzogen hatte. Der starrte auf die Tüte in seiner Hand und grinste breit. »Ich nehme die gebratenen Nudeln, mit Fisch, wenn es Ihnen nichts ausmacht.«

»Schnauze!«, fauchte ihm Wegner entgegen, bevor er mit langen Schritten die Treppen hochhechtete.

»Ich mag die süßsaure Soße nicht, Manfred«, beschwerte sich Vera schon an der Tür und schaute ihrem Gatten nur fassungslos hinterher, als der sich wortlos umdrehte und die Treppen bereits wieder herunterraste.

»Manfred!«, kreischte sie, um kurz darauf, weiter unten, nur noch die Haustür zu hören.

Auf dem Weg nach Barsbüttel dachte Wegner über die letzten Wochen nach. Drei Tote hatte es innerhalb kürzester Zeit gegeben. Allesamt auf den Standstreifen der Hamburger Autobahnen abgelegt. Schnell waren sie im Laufe der Ermittlungen darauf gekommen, dass sich hier jemand sehr gut mit den Verkehrsüberwachungs-Kameras auskannte. Wie sonst konnte es sein, dass keine seiner Taten filmisch festgehalten worden war. Zuerst dachten sie noch an einen Wartungstechniker oder Mitarbeiter der Innenbehörde. Dann jedoch wurde ihnen klar, dass dieser Täter aus Polizeikreisen stammen musste. Seine umfangreichen Kenntnisse über Einsatzorte der Streifen, Dienstpläne der Wachen und die Zeiten der Schichtwechsel hatten Wegner darauf gebracht, dass sie, zumindest aller Wahrscheinlichkeit nach, einen Kollegen jagten.

Als er endlich Barsbüttel erreichte, erwartete ihn bereits Stefan Hauser, der aufgeregt mit den umherstehenden Beamten diskutierte. Vor gut einem Jahr hatte man Wegners Freund, Kollegen und Stellvertreter angeschossen. Nachdem sie stundenlang um sein Leben gebangt hatten, war es heute fast ein Wunder, dass er wieder ganz normal seinen Dienst verrichten konnte.

Der Hauptkommissar streckte Hauser die Hand entgegen. »Stefan! Wie sieht es aus, was haben wir da drinnen?«

»Das kann ich dir noch nicht sagen. Nur, dass es ein Mann ist. Die Beamten haben ihn bis hierhin verfolgt und mussten dann beobachten, wie er in dieser alten Montagehalle verschwunden ist.« Hauser deutete auf ein Gebäude, das von außen einen extrem verfallenen Eindruck machte. Das Mauerwerk war hier und da bereits zusammengebrochen, und auch das Dach wirkte, als ob es den nächsten Herbststurm nicht überstünde. Sämtliche Fensterscheiben waren kaputt oder nicht mehr vorhanden. Wegner vermutete, dass sich an dieser Stelle eine Horde Kinder jahrelang im Schießen mit der Steinschleuder geübt hatte. Es war eines dieser Gebäude, wie man sie im Hamburger Umland an vielen Ecken findet. Entweder waren die Eigentumsverhältnisse nicht geklärt oder der Boden galt als so derart verseucht, dass die Entsorgungskosten den Ertrag bei Weitem überstiegen.

Durch eine breite, verrostete Stahltür war der Verdächtige ins Innere der Halle gelangt und hatte sich dort zweifellos irgendwo gründlich verschanzt.

»Ist er bewaffnet?«, wollte Wegner wissen.

»Keine Ahnung, aber ich denke schon. Wenn das unser Mann ist, dann hat er garantiert eine Waffe dabei. Immerhin hat er seine letzten beiden Opfer erschossen.«

»Hast du das MEK angefordert?«

Hauser schmunzelte, was in diesem Moment irgendwie unpassend wirkte. »Eines schlichtet seit Stunden einen Streit auf einer afghanischen Familienfeier, auf der gleich zu Beginn herumgeballert wurde ...«

»Und das zweite?«

»Wird von unserem schießwütigen Freund Rauchel geleitet. Ich dachte, dass du den bestimmt nicht hier haben willst.«

Der Hauptkommissar nickte nachdenklich. »Wir gehen rein! Wenn wir auf das erste MEK warten, dann hat der Typ ohnehin viel zu viel Zeit, um sich Gedanken zu machen. Hier sind sechs Streifen – mit uns zusammen also über ein Dutzend Polizisten. Das wird reichen, um den Vogel aus seinem Versteck zu scheuchen.«

Die letzten beiden Einsätze mit Sven Rauchel und seinem Mobilen Einsatzkommando endeten jeweils in einer Katastrophe. Auf einen weiteren Versuch wollte Wegner es nicht ankommen lassen.

»Wie du meinst, Manfred. Aber bitte denk daran, dass du in ein paar Wochen Vater wirst.«

2

 

Zur gleichen Zeit, am anderen Ende von Hamburg

Der Sack mit der Leiche war deutlich schwerer als vermutet. Nachdem er ihn endlich im Kofferraum verstaut hatte, keuchte der Mann, als ob er soeben einen Fünftausendmeterlauf absolviert hätte.

Nichts war so gelaufen wie geplant. Warum der Junge plötzlich in seiner Kiste erstickt war, konnte er nicht verstehen. Natürlich litt sein Gesamtzustand, seit Tagen schon, unter den erbärmlichen Bedingungen. Am Abend zuvor hatte er ihm nicht mal etwas zu essen mitgebracht. Viel zu nervös und aufgekratzt war er bereits auf dem Weg hinaus nach Norderstedt gewesen. Am Ende eines solchen Tages suchte sein Verstand nur nach Ablenkung und einem Wehrlosen. Er musste seine aufgestauten Aggressionen ja irgendwo abbauen. Aber gerade mit diesem Jungen hatte er längerfristige Pläne gehabt; er wollte ihn wieder und wieder missbrauchen. Damit war es nun vorbei, und es blieb ihm nichts anderes übrig, als nach seinem nächsten Opfer Ausschau zu halten.

Am Krohnstieg angekommen, bog er Richtung Flughafen ab. Irgendwo dürfte sich schon ein Platz finden, um die Leiche loszuwerden. Der Achtzylinder ließ den schweren Mercedes spielend dahingleiten. Er drehte das Radio ein wenig lauter und summte den Titel leise mit. Wenn er es sich genau überlegte, dann war das alles doch gar nicht so schlecht. Der Junge roch bereits seit Tagen widerlich, und er hatte kaum noch Freude daran, wenn er es ihm anständig besorgte. Vielleicht war es sogar höchste Zeit, sich nach einem geeigneten Ersatz umzuschauen. Ein nächstes Spielzeug zu rekrutieren, das ihm womöglich noch viel mehr Freude bereiten würde.

 

***

 

»Die Kollegen gehen von hinten rein und sorgen in erster Linie dafür, dass uns der Kerl nicht entwischt.« Wegner deutete auf eine Gruppe von Beamten, die etwas abseits warteten. »Wir gehen mit dem Rest vorne hinein und schnappen uns den Typen.« Der Hauptkommissar ging zu den Uniformierten, die Hauser und ihn begleiten sollten. »Nicht vergessen, wir schießen zuerst. Wenn hier einer stirbt, dann höchstens unser Mörder.« Er schaute in die Runde, »ist das klar?«

Die Polizisten nickten eifrig.

»Wenn dieser Einsatz vorbei ist, treffen wir uns danach auf einen Kaffee, in der Wache. Alle! Den gebe ich aus.«

Wieder Nicken, begleitet von Verwunderung.

»Dann los!«

 

Als die erste Gruppe über Funk mitteilte, dass die Rückseite der Halle gesichert sei, brachen nun auch Wegner und seine Kollegen auf.

»Wir gehen durch die Tür und verteilen uns, jeweils zu zweit, an geschützten Stellen. Danach versuche ich, den Kerl mit Worten zum Aufgeben zu zwingen.«

»Aber bleib freundlich, Manfred.« Hauser war anzusehen, dass er am Erfolg der Verhandlungen zweifelte.

Eine junge Polizistin und ihr nur unwesentlich älterer Kollege drängten sich an ihnen vorbei. Offensichtlich wollten sie die Ersten sein, die sich in das Innere der Halle vorwagten.

»Vorsicht«, zischte Wegner noch leise, bevor er die beiden durch die offene Tür eilig im Dunkeln verschwinden sah.

Zwei weitere Beamte folgten ihren Kollegen sofort und bogen direkt hinter der Tür nach rechts ab.

»Wir nach links«, flüsterte Hauser und setzte sich in Bewegung.

Wegners Augen benötigten einige Zeit, um sich an die Dunkelheit zu gewöhnen. Zuerst fiel ihm der typische Gestank auf, den er von Orten wie diesem nur zu gut kannte. Die Ausdünstungen von rostendem Metall, Schmierölen und schimmelnden Wänden raubten einem den Atem. Dazu kam nicht selten die Angst, dass man irgendetwas Giftiges oder zumindest Schädliches einatmete, was womöglich nach Jahren zum Tode durch schmerzhaften Lungenkrebs führte.

Als er sich an die Dunkelheit gewöhnt hatte, erkannte Wegner Einzelheiten und sah, dass der Zahn der Zeit auch am Inneren der Halle gründlich genagt hatte. Das obere Stockwerk war zum größten Teil eingestürzt. Wie traurige Überbleibsel wirkten die steil emporragenden Reste der steinernen Aufgänge, die früher in der ersten Etage dieser Halle endeten. Ein Stück entfernt jedoch sah Wegner einen breiten Vorsprung, der sich dem Verfall hatte widersetzen können. Daneben führte eine Stahltreppe in die Höhe, die gleichfalls relativ unversehrt erschien. Wortlos deutete er darauf, um Hauser über seine Gedanken zu informieren. Dieser nickte ebenso stumm und arbeitete sich nun Zentimeter für Zentimeter nach rechts, um dadurch einen freien Blick nach oben zu bekommen. Hinter einem weiteren breiten Doppel-T-Träger angekommen, konnte Hauser nun auch ein Teilstück von diesem Vorsprung einsehen. Nicht genug jedoch, um zu erkennen, ob sich der Gesuchte dort verbarg. Eine erneute wortlose Unterhaltung folgte, die in gemeinsamem Achselzucken endete. Hauser signalisierte nun, dass er die Treppe nach oben erklimmen würde und Wegner ihm gegebenenfalls Feuerschutz geben solle. Der Hauptkommissar nickte und mahnte ihn durch Handzeichen, bedacht vorzugehen.

Stefan Hauser war fast am Ende der Treppe angekommen, als Wegner zwei Arme hervorschnellen sah, die seinen Kollegen grob packten und ebenso plötzlich ins Dunkel zogen. Erstickter Protest war zu hören, gefolgt von einem dumpfen Schlag. Dann war es wieder still – totenstill.

»Er hat ihn hinter die Ecke gezogen«, rief eine Kollegin über Funk, »wir konnten nicht schießen, unmöglich.«

Wegner fühlte Panik aufsteigen. Er dachte ein Jahr zurück. Damals war es ein durchgedrehter Zahnarzt gewesen, dessen letzte Kugel Hausers Brustkorb nur knapp neben dem Herzen durchschlagen hatte. Und das nur, weil das MEK und sein Leiter auf ganzer Linie versagt hatten.

H

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