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Fragmente der Undeutlichkeit

Robinson Jeffers, Dichter der amerikanischen Westküste, lebte von 1887 bis 1962. Mit seiner Frau Una verließ er in jungen Jahren die Städte und siedelte abgewandt auf einer Klippe vor dem pazifischen Ozean.

Berühmt wurden seine frühen Erzählgedichte, in denen Menschen seiner Landschaft, Fischer und Farmerstöchter, Stranderemiten und Kriegsheimkehrer auf Blut- und Wahnwegen irren, als hätte es die qualvollsten Helden der Griechen an die Küste von Carmel verschlagen. Drei szenische Dichtungen bezeugen das neben O’Neill eigenmächtigste Erbe antiker Tragödie im Amerika des 20. Jahrhunderts: eine Medea, eine Phädra, eine Orestie.

Der intellektuellen Moderne des New Criticism galt er als der verächtlichste Poet des Landes. ›In einer Zeit der feinsten Chromatik benutzte er nur Ganztonschritte.‹

Whitman umarmte alle, Jeffers stieß sie alle ab.

Alle wörtlichen Jeffers-Zitate aus Gedichten, Briefen, Vorworten kursiv.

*

(JEFFERS an einem kleinen Tisch. Die Arme aufgelegt, die Hände lose gefaltet. Er sieht UNA, die draußen auf der Bank vor dem Haus sitzt und altes Brot vor die Seevögel streut.)

Diese Frau hat noch ein Jahr zu leben.

Ihr Tod wächst tief verborgen, wo keine Hoffnung ist.

Ihr Tod wächst in ihr wie ein Kind,

Und sie weiß darum, man sieht es an ihrer lichten Stirn.

Sie betrachtet ihre Hände und denkt: »Die werden

Nächstes Jahr im Krematorium verbrennen wie Lumpen.

Ich werd’s nicht spüren. Aber ich – wo? Wo ich?

Nirgendwo.«

Seltsam: was geschieht, taucht ihr Gesicht in Blütezeit.

Ein bißchen gedankenfaul war sie früher und füllig im

Gesicht, jetzt spricht sie fast hastig; jung sieht sie aus,

Schlank und erwartungsfroh; neugierig schweifen die

Augen,

Als wär sie neu geboren und hätte noch nicht erlebt

Die Schönheit der Welt, die Schrecken, Qualen, Freuden Und Lieder.

Ist’s besser, behaglich zu leben, dumpf und lang?

(UNA an dem kleinen Tisch. Die Arme aufgelegt, die Hände lose gefaltet. Sie sieht JEFFERS, der draußen die Zypressen und Eukalyptusbäume wässert.)

Robinson Jeffers, Dichter … Für Jahrhunderte wird sein Geist über diesem Haus kreisen, über dieses Land und den Ozean blicken. Seine Verse werden kommen und gehen im Einklang mit dem Schlag der See, im Gleichgewicht mit dem Fels; sein Auge wird hoch oben, vom Falken mitgenommen, kreisen und spähen. Er hat die Steine behauen, die er brauchte für unser Haus. Das steinerne Haus. Und für den Turm die Granitblöcke vom Strand heraufgeschafft und ihn selber gebaut. Mann, Frau, Haus. Meer, Vers, Stein. Söhne, Wrasen, Zeit. Stärke, Güte, Raben.

Welch schöner Mann! Ich liebe ihn so sehr …

Ich weiß noch, als wir herkamen, es standen nur drei Häuser auf der Klippe. Wir spazierten unten in der Bucht, wir sahen hinauf zu dem kleinsten, das noch im Rohbau stand. Wir fühlten beide, das ist unser Ort, wir sind angekommen. Wir kauften den Grund, und Robin ging dem Maurer zur Hand, dem Steinmetz, und lernte von ihm, die Blöcke zu behauen, den Meeresgranit. So begann unser glückliches Leben in Carmel, so begann es seewärts zu blicken, den Ozean zu grüßen, die Falken, die Schluchten, die Nebel. Jeden Tag machten wir neue Entdeckungen, und wieviel gab es zu tun in der ersten Zeit! Am Haus und draußen, beim Bauen und Pflanzen – die Zypressen sind alle schon im ersten Jahr in den Boden gekommen. Jeden Tag wurde ein Ausflug gemacht. Wir ritten in die Cañons hinauf, folgten den alten Indianerpfaden und stöberten im zerfallenen Gemäuer der Missionsstation. Oder wir wanderten an der Küste entlang, um Holz zu sammeln. Wir kauften kleine Bestimmungsbücher und lernten die vielen Arten von Blumen, Muscheln, Vögeln und Tierspuren zu unterscheiden. Wieviel Neues auf jeden Schritt und jeden Blick! Eine neue Farbe über dem Meer, eine Sturmwolke am Horizont, die Schreie der Reiher und Pelikane. Und abends auf dem Heimweg vom Strand, wenn der stechende Qualm von verbranntem Eukalyptus, der Gewehrpulvergeruch von altem Treibholz aus den Kaminen stieg, lief uns das Wasser im Mund zusammen vor Appetit auf unser Abendbrot.

Warum komme ich immer wieder auf den Anfang zurück? Bald vierzig Jahre sind es nun her, und es waren gute Jahre. Aber der Anfang war herrlich. Frühmorgens bis ein Uhr am Mittag schrieb er oben in der Mansarde über dem Wohnzimmer. Ich höre seine Schritte, damals wie heute, auf und ab. Er schritt seine Verse aus, bevor er sie niederschrieb. Vielleicht nehme ich nur das mit hinüber, seine Schritte da oben, auf und ab, und werde sie noch hören, wenn aus den Haarwurzeln schon die Maden kriechen. Lange Verse, lange Gedichte. Voller Gewalt und Wahnsinn. Voller Inzest, Vergewaltigungen, Feuerstürme und schwarzen klaffenden Wunden. Voller Blut und Geister Verstorbener. Voller Liebe und Haß. Alt waren die Geschichten, uralt das Blut aus der Griechenquelle, aber die Landschaft von hier, die Menschen von hier, Rauheit und Wildheit von hier. Ich brachte ihm auch die eine oder andere Geschichte mit, Schicksale und Abenteuer aus der Gegend, die ich in der Stadt oder auf dem Postamt hörte. Er selbst ging nicht gern unter Leute. Vertrug es nicht gut. Zwei, drei Menschen an einem Tag, und er war für den Rest des Monats mit der menschlichen Rasse zerfallen.

Oh, ich wollte ihn anfangs wie Yeats, meinen Lieblingsdichter; ich wollte sogar, daß er ähnliche Kleider trug wie Yeats. Ich wollte, daß er sich einen solchen Turm baute, wie Yeats ihn bewohnt hatte. Ja, ich war sehr töricht, als wir noch jung waren. Es muß ihn gekränkt haben, daß ich immer einen Lieblingsdichter hatte neben ihm! Aber er baute den Turm, baute ihn mit seiner eigenen Hände Kraft. Hämmerte den Granit zurecht und leierte die Blöcke mit einer primitiven Seilwinde vom Strand auf die Klippe. Fünf oder sechs Jahre hat es gedauert, bis Hawk Tower stand, aus vierfuß dicken Mauern errichtet. Der Turm wird stehen und lang nach uns noch stehen, Festung und Bake von Jeffers-Land …

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