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Fragmente aus Heften und losen Blättern

Franz Kafka

Fragmente aus Heften und losen Blättern

Unter meinen Mitschülern war ich dumm, doch nicht der Dümmste. Und wenn trotzdem das letztere von einigen meiner Lehrer meinen Eltern und mir gegenüber nicht selten behauptet worden ist, so haben sie es nur in dem Wahne vieler Leute getan, welche glauben, sie hätten die halbe Welt erobert, wenn sie ein so äußerstes Urteil wagen.

Daß ich aber dumm sei, glaubte man allgemein und wirklich, man hatte gute Beweise dafür, die leicht mitgeteilt werden konnten, wenn vielleicht ein Fremder über mich zu belehren war, der anfangs einen nicht üblen Eindruck von mir bekommen hatte und dies vor andern nicht verschwieg.

Darüber mußte ich oft mich ärgern und auch weinen. Und es sind dies damals die einzigen Augenblicke gewesen, wo ich mich unsicher im gegenwärtigen Gedränge und verzweifelt vor dem zukünftigen fühlte, theoretisch unsicher, theoretisch verzweifelt allerdings, denn kam es zu einer Arbeit, gleich darauf war ich sicher und zweifellos, fast also wie der Schauspieler, der aus der Kulisse im Anlauf stürmt, weit von der Bühnenmitte einen Augenblick stehenbleibt, die Hände meinetwegen an die Stirne gelegt, während die Leidenschaft, die gleich darauf notwendig werden soll, in ihm so groß geworden ist, daß er sie nicht verbergen kann, trotzdem er mit verkniffenen Augen sich die Lippen zerbeißt. Die gegenwärtige, halb vergangene Unsicherheit erhebt die aufgehende Leidenschaft und die Leidenschaft stärkt die Unsicherheit. Unaufhaltsam bildet sich eine Unsicherheit von neuem, die beide und uns umschließt. Darum machte es mich verdrießlich, mit fremden Leuten bekannt zu werden. Ich war schon unruhig, wenn mich manche so entlang der Nasenwände ansahn, wie man aus einem kleinen Hause durch das Fernrohr über den See schaut oder gar in das Gebirge und die bloße Luft. Da wurden lächerliche Behauptungen vorgebracht, statistische Lügen, geographische Irrtümer, Irrlehren, ebenso verboten wie unsinnig, oder tüchtige politische Ansichten, achtbare Meinungen über aktuelle Ereignisse, lobenswerte Einfalle, dem Sprecher wie der Gesellschaft fast gleich überraschend, und alles wurde bewiesen wieder durch den Blick der Augen, einen Griff an die Tischkante oder indem man vom Sessel sprang. Sobald sie so anfingen, hörten sie gleich auf, dauernd und streng einen anzusehn, denn von selbst beugte sich ihr Oberkörper aus seiner gewöhnlichen Haltung vor oder zurück. Einige vergaßen geradezu ihre Kleider (knickten die Beine scharf in den Knien ein, um sich nur auf die Fußspitzen zu stützen, oder preßten den Rock in Falten mit großer Kraft an die Brust) andere nicht, viele hielten sich mit ihren Fingern an einem Zwicker, an einem Fächer, an einem Bleistift, an einem Lorgnon, an einer Zigarette fest, und den meisten, hatten sie auch eine feste Haut, erhitzte sich doch ihr Gesicht. Ihr Blick glitt von uns ab, wie ein erhobener Arm niederfällt.

Ich wurde in meinen natürlichen Zustand eingelassen, es stand mir frei zu warten und dann zuzuhören, oder wegzugehn und mich ins Bett zu legen, worauf ich mich immer freute, denn ich war oft schläfrig, da ich schüchtern war. Es war wie eine große Tanzpause, in der nur wenige sich für das Weggehen entscheiden, die meisten hier und dort stehen oder sitzen, während die Musiker, an die niemand denkt, sich irgendwo zum Weiterspielen stärken. Nur war es nicht so ruhig und es mußte nicht jeder die Pause bemerken, sondern es waren viele Bälle zu gleicher Zeit im Saal. Konnte ich weggehn, wenn einer durch mich, durch eine Erinnerung, durch vieles andere und im Grunde durch alles zusammen von mir, wenn auch schwach, aufgeregt wurde und diese Aufregung nun von Anfang an zu durcheilen unternahm, getragen vielleicht von einer Erzählung oder einer vaterländischen Idee? Sein Auge, ja sein ganzer Körper mit den Kleidern darauf verfinsterte sich und Worte brachen... (Lücke von circa zwei Seiten). Durch dies alles spürte ich noch meine Furcht, diese Furcht vor einem Manne, dem ich ganz ohne Gefühl die Hand gereicht hatte, dessen Namen ich nicht kannte, wenn nicht vielleicht einer seiner Freunde seinen Vornamen ausgerufen hätte, und dem ich am Ende stundenlang gegenübergesessen war, vollkommen ruhig, nur ein wenig ermattet, wie es junge Leute sind, durch selbst selten nur mir zugewendete Blicke dieser erwachsenen Person. Ich hatte, nehmen wir das an, einigemal meine Blicke den seinen begegnen lassen und hatte, unbeschäftigt wie ich war, da doch niemand mit mir rechnete, länger in seine guten blauen Augen zu schauen versucht, sei es ... daß man damit förmlich die Gesellschaft verläßt. Und wenn dies nicht gelungen war, so bewies dies ebenso nichts wie die Tatsache des Versuches. Gut, es gelang mir nicht, ich zeigte diese Unfähigkeit gleich beim Beginn und konnte sie auch später keinen Augenblick verbergen, doch auch die Füße ungeschickter Schlittschuhläufer wollen jeder nach einer andern Richtung und beide vom Eise weg. Bestünde ein sonst tüchtig ... (Lücke) und einen Klugen, der aber weder vor oder neben oder hinter diesem Hundert war, so daß man ihn gleich und leicht hätte bemerken können, sondern der mitten unter den andern war, so daß man nur von einem sehr erhöhten Platz ihn sehen konnte und auch dann sah man nur, wie er verschwand. So hat mein Vater über mich geurteilt, der ein besonders in der politischen Welt meines Vaterlandes sehr angesehener und erfolgreicher Mann gewesen ist. Ich habe diesen Ausspruch zufällig gehört, als ich, vielleicht siebzehn Jahre alt, bei offener Tür im Zimmer in einem Indianerbuch gelesen habe. Die Worte fielen mir damals auf, ich merkte sie mir, aber Eindruck haben sie nicht den kleinsten auf mich gemacht. Wie es meist geschieht, daß auf junge Leute allgemeine Urteile über sie selbst keine Wirkung machen. Denn entweder noch völlig in sich ruhend oder doch immerfort in sich zurückgeworfen, fühlen sie ihr Wesen laut und stark, wie eine Regimentsmusik. Das allgemeine Urteil aber hat ihnen unbekannte Voraussetzungen, unbekannte Absichten, wodurch es von allen Seiten unzugänglich ist; es gibt sich als Spaziergänger auf der Insel im Teich, wo nicht Boote noch Brücken sind, hört die Musik, wird aber nicht gehört. Damit will ich aber nicht die Logik junger Leute angegriffen ( )...

Jeder Mensch ist eigentümlich und kraft seiner Eigentümlichkeit berufen zu wirken, er muß aber an seiner Eigentümlichkeit Geschmack finden. Soweit ich es erfahren habe, arbeitete man sowohl in der Schule als auch zu Hause daraufhin, die Eigentümlichkeit zu verwischen. Man erleichterte dadurch die Arbeit der Erziehung, erleichterte aber auch dem Kinde das Leben, allerdings mußte es vorher den Schmerz durchkosten, den der Zwang hervorrief. Man wird zum Beispiel einem Jungen, der abends mitten im Lesen einer aufregenden Geschichte ist, niemals durch eine bloß auf ihn eingeschränkte Beweisführung begreiflich machen können, daß er das Lesen unterbrechen und schlafen gehn muß. Wenn man mir in einem solchen Fall etwa sagte, es sei schon spät, ich verderbe mir die Augen, ich werde früh verschlafen sein und schwer aufstehn, die schlechte dumme Geschichte sei das nicht wert, so konnte ich das zwar ausdrücklich nicht widerlegen, aber eigentlich nur deshalb nicht, weil das alles nicht einmal an die Grenze des Nachdenkenswerten herankam. Denn alles war unendlich oder verlief so ins Unbestimmte, daß es dem Unendlichen gleichzusetzen war, die Zeit war unendlich, es konnte also nicht zu spät sein, mein Augenlicht war unendlich, ich konnte es also nicht verderben, sogar die Nacht war unendlich, es war also keine Sorge wegen des Frühaufstehns nötig, und Bücher unterschied ich nicht nach Dummheit und Klugheit, sondern danach, ob sie mich packten oder nicht, und dieses packte mich. Das alles konnte ich nicht so ausdrücken, aber es hatte doch das Ergebnis, daß ich mit meinen Bitten, mir das Weiterlesen zu erlauben, lästig wurde oder mich entschloß, auch ohne Erlaubnis weiterzulesen. Das war meine Eigentümlichkeit. Man unterdrückte sie dadurch, daß man das Gas abdrehte und mich ohne Licht ließ; zur Erklärung sagte man: Alle gehen schlafen, also mußt auch du schlafen gehn. Das sah ich und mußte es glauben, obwohl es unbegreiflich war. Niemand will so viel Reformen durchführen wie Kinder. Aber abgesehen von dieser in gewisser Hinsicht anerkennenswerten Unterdrückung blieb doch hier, wie fast überall, ein Stachel, den keine Berufung auf die Allgemeinheit auch nur abstumpfen konnte. Ich blieb nämlich in dem Glauben, daß gerade an diesem Abend niemand in der Welt so gern gelesen hätte wie ich. Das konnte mir vorläufig keine Berufung auf die Allgemeinheit widerlegen, um so weniger als ich sah, daß man mir die unbezwingbare Lust zum Lesen nicht glaubte. Erst allmählich und viel später, vielleicht schon bei Abschwächung der Lust, ging mir eine Art Glaube daran auf, daß viele die gleiche Lust zum Lesen hatten und sich doch bezwangen. Damals aber fühlte ich nur das Unrecht, das mir angetan wurde, ich ging traurig schlafen und es entwickelten sich die Anfänge des Hasses, der mein Leben in der Familie und von da aus mein ganzes Leben in einer gewissen Hinsicht bestimmt. Das Verbot des Lesens ist zwar nur ein Beispiel, aber ein bezeichnendes, denn dieses Verbot wirkte tief. Man erkannte meine Eigentümlichkeit nicht an; da ich sie aber fühlte, mußte ich – darin sehr empfindlich und immer auf der Lauer – in diesem Verhalten mir gegenüber ein Aburteilen erkennen. Wenn man aber schon diese offen zur Schau gestellte Eigentümlichkeit verurteilte, um wieviel schlimmer mußten die Eigentümlichkeiten sein, die ich aus dem Grunde verborgen hielt, weil ich selbst ein kleines Unrecht in ihnen erkannte. Ich hatte zum Beispiel abends gelesen, obwohl ich die Schulaufgabe für den nächsten Tag noch nicht gelernt hatte. Das war vielleicht an sich als Pflichtversäumnis etwas sehr Arges, aber um absolute Beurteilung handelte es sich mir nicht, mir kam es nur auf vergleichsweise Beurteilung an. Vor dieser Beurteilung aber war diese Nachlässigkeit wohl nicht schlimmer als das lange Lesen an sich, besonders da sie in ihren Folgen durch meine große Angst vor der Schule und Autoritäten sehr eingeschränkt war. Was ich durch Lesen hie und da versäumte, holte ich bei meinem damals sehr guten Gedächtnis am Morgen oder in der Schule leicht nach. Die Hauptsache aber war, daß ich die Verurteilung, die meine Eigentümlichkeit des langen Lesens erfahren hatte, nun mit eigenen Mitteln auf die verborgen gehaltene Eigentümlichkeit der Pflichtversäumnis weiterführte und dadurch zu dem niederdrückendsten Ergebnis kam. Es war so, wie wenn jemand mit einer Rute, die keinen Schmerz verursachen soll, nur zur Warnung berührt wird, er aber nimmt das Flechtwerk auseinander, zieht die einzelnen Rutenspitzen in sich und beginnt nach eigenem Plan sein Inneres zu stechen und zu kratzen, während die fremde Hand noch immer ruhig den Rutengriff hält. Wenn ich mich aber auch damals in solchen Fällen noch nicht schwer strafte, so ist doch jedenfalls sicher, daß ich von meinen Eigentümlichkeiten nie jenen wahren Gewinn zog, der sich schließlich in dauerndem Selbstvertrauen äußert. Vielmehr war die Folge des Vorzeigens einer Eigentümlichkeit die, daß ich entweder den Unterdrücker haßte oder die Eigentümlichkeit als nicht vorhanden erkannte, zwei Folgen, die in lügenhafter Weise sich auch verbinden konnten. Hielt ich aber eine Eigentümlichkeit verborgen, dann war die Folge die, daß ich mich oder mein Schicksal haßte, mich für schlecht oder verdammt ansah. Das Verhältnis dieser zwei Gruppen von Eigentümlichkeiten hat sich im Laufe der Jahre äußerlich sehr geändert. Die vorgezeigten Eigentümlichkeiten nahmen immer mehr zu, je näher ich an das mir zugängliche Leben herankam. Eine Erlösung brachte mir das aber nicht, die Menge des Geheimgehaltenen nahm dadurch nicht ab, es fand sich bei verfeinerter Beobachtung, daß niemals alles gestanden werden konnte. Selbst von den scheinbar vollständigen Eingeständnissen der frühem Zeit zeigte sich später noch die Wurzel im Innern. Aber selbst wenn das nicht gewesen wäre, – bei der Lockerung der ganzen seelischen Organisation, die ich ohne entscheidende Unterbrechungen durchgemacht habe, genügte eine verborgene Eigentümlichkeit, um mich so zu erschüttern, daß ich mich mit aller sonstigen Anpassung doch nirgends festhalten konnte. Aber noch ärger. Selbst wenn ich kein Geheimnis bei mir behalten, sondern alles so weit von mir geworfen hätte, daß ich ganz rein dastand, im nächsten Augenblick wäre ich dann wieder von dem alten Durcheinander überfüllt gewesen, denn meiner Meinung nach wäre das Geheimnis nicht vollständig erkannt und eingeschätzt und infolgedessen durch die Allgemeinheit mir wieder zurückgegeben und neuerdings aufgelegt worden. Das war keine Täuschung, sondern nur eine besondere Form der Erkenntnis, daß, zumindest unter Lebenden, sich niemand seiner selbst entledigen kann. Wenn zum Beispiel jemand einem Freund das Geständnis macht, daß er geizig ist, so hat er sich für diesen Augenblick dem Freund, also einem maßgebenden Beurteiler gegenüber scheinbar vom Geiz erlöst. Es ist für diesen Augenblick auch gleichgültig, wie es der Freund aufnimmt, also ob er das Vorhandensein des Geizes leugnet oder Ratschläge gibt, wie man sich vom Geiz befreien könne, oder ob er gar den Geiz verteidigt. Es wäre vielleicht nicht einmal entscheidend, wenn der Freund infolge des Geständnisses die Freundschaft aufsagt. Entscheidend ist vielmehr, daß man vielleicht nicht als reuiger, aber als ehrlicher Sünder sein Geheimnis der Allgemeinheit anvertraut hat und hofft, dadurch wieder die gute und – das ist das Wichtigste – freie Kindheit wieder erobert zu haben. Man hat aber nur eine kurze Narrheit und viel spätere Bitterkeit erobert. Denn irgendwo liegt auf dem Tisch zwischen dem Geizigen und dem Freund das Geld, das der Geizige an sich bringen muß und zu dem er immer rascher die Hand hinbewegt. Auf der Hälfte des Weges ist das Geständnis zwar immer schwächer wirkend, aber noch erlösend, darüber hinaus nicht mehr, im Gegenteil, es beleuchtet dann nur die sich vorwärtsbewegende Hand. Wirkende Geständnisse sind nur vor oder nach der Tat möglich. Die Tat läßt nichts neben sich bestehn, für die Hand, die das Geld zusammenscharrt, gibt es keine Erlösung durch Wort oder Reue. Entweder muß die Tat, also die Hand vernichtet werden oder man muß sich im Geiz ...

Hervorheben der Eigentümlichkeit – Verzweiflung.

Ich habe niemals die Regel erfahren.

Das Böse, das dich im Halbkreis umgibt wie die Braue das Auge, strahle zur Untätigkeit nieder. Während du schläfst, wache es über dir, ohne auch nur im Geringsten vorrücken zu dürfen.

Der beurteilende Gedanke quälte sich durch die Schmerzen, die Qual erhöhend und nichts helfend empor. Wie wenn im endgültig verbrennenden Hause die architektonische Grundfrage zum erstenmal aufgeworfen würde.

Sterben konnte ich, Schmerzen leiden nicht; durch die Versuche, ihnen zu entgehen, erhöhte ich sie deutlich; fügen konnte ich mich dem Sterben, dem Leiden nicht, mir fehlte die seelische Bewegung, so wie wenn alles gepackt ist, quälend die zugezogenen Riemen immer von neuem zugezogen werden und die Abreise nicht erfolgt. Das Schlimmste, die untödlichen Schmerzen.

Streben nach Nivellierung; ich sagte: »es ist nicht so arg, alle sind so«, machte es aber ärger dadurch.

Notwendigkeit der Fehler meiner Erziehung, ich wüßte es nicht anders zu machen.

Die Nivellierung ist richtig, vielleicht, aber eine so weitgehende Objektivierung hebt alle Lebensmöglichkeit auf.

Es sind viele, die warten. Eine unübersehbare Menge, die sich im Dunkel verliert. Was will sie? Es sind offenbar bestimmte Forderungen, die sie stellt. Ich werde die Forderungen abhören und dann antworten. Auf den Balkon hinausgehn werde ich aber nicht; ich könnte es auch gar nicht, auch wenn ich wollte. Im Winter wird die Balkontür abgesperrt und der Schlüssel ist nicht zur Hand. Aber auch an das Fenster werde ich nicht treten. Ich will niemanden sehn, ich will mich durch keinen Anblick verwirren lassen, beim Schreibtisch, das ist mein Platz, den Kopf in meinen Händen, das ist meine Haltung.

Ich habe eine Tür in meiner Wohnung bisher nicht beachtet. Sie ist im Schlafzimmer in der Mauer, die an das Nachbarhaus grenzt. Ich habe mir keine Gedanken über sie gemacht, ja ich habe gar nicht von ihr gewußt. Und doch ist sie recht wohl sichtbar, ihr unterer Teil ist zwar von den Betten verdeckt; sie aber ragt weit hinauf, fast keine Tür, fast ein Tor. Gestern wurde sie aufgemacht. Ich war gerade im Speisezimmer, das noch durch ein Zimmer vom Schlafzimmer getrennt ist. Ich war sehr verspätet zum Mittagessen gekommen, niemand war mehr zu Hause, nur das Dienstmädchen arbeitete in der Küche. Da begann im Schlafzimmer der Lärm. Ich eile sogleich hinüber und sehe, wie die Tür langsam geöffnet wird und dabei mit riesiger Kraft die Betten weggeschoben werden. Ich rufe: »Wer ist das? Was will man? Vorsicht! Achtung!« und erwarte einen Trupp gewalttätiger Männer hereinkommen zu sehn, aber es ist nur ein schmaler junger Mann, der, sobald der Spalt nur knapp für ihn reicht, hereinschlüpft und freudig mich begrüßt.

Nichts dergleichen, nichts dergleichen.

Wenn ich des Nachts am Wasser entlang vom Turm her komme, wie sich jede Nacht das zähe dunkle Wasser unter dem Licht der Laterne körperlich langsam bewegt. Wie wenn ich über einen Schlafenden die Laterne entlang führen würde und er nur infolge des Lichtes sich dehnen und drehen würde, ohne zu erwachen.

Um Mitternacht bin ich immer am Fluß zu treffen, entweder ist Nachtdienst und ich gehe ins Gefängnis, oder es war Tagdienst und ich gehe nach Hause. Diese Gelegenheit wurde einmal ausgenützt. Ermattet von der Arbeit, dabei in einem fast unerträglichen erstickenden Zorn gegen B., einen Kollegen, wegen eines dienstlichen Vorfalls, von dem auch noch zu reden sein wird, ging ich damals nach Hause. Wandte mich einmal um, sah zu dem kleinen beleuchteten Fenster oben im Gefängnisturm, hinter dem B. jetzt saß und nachtmahlte, die Rumflasche zwischen den Beinen, glaubte ihn einen Augenblick lang großmächtig ganz nahe vor mir sitzen zu sehn, ja ich roch ihn, dann aber spuckte ich aus und ging weiter.

Es wird ein Ruf laut aus dem Fluß.

Meine Schwester hat ein Geheimnis vor mir. Sie hat einen kleinen Kalender, den sie zum Teil sogar nur meinetwegen bekommen hat, denn ich kenne den Herrn, der jedem von uns einen solchen Kalender gegeben hat, viel länger als sie und mir zuliebe hat er die Kalender gebracht. In diesen Kalender also hat sie das Geheimnis geschrieben oder eingelegt, den Kalender selbst aber in ihren verschließbaren Federbehälter gesperrt und den Schlüssel ...

Es zupfte mich jemand am Kleid, aber ich schüttelte ihn ab.

Ruhelos

In einer spiritistischen Sitzung meldete sich einmal ein neuer Geist und es wickelte sich mit ihm folgendes Gespräch ab:

Der Geist: Verzeihung.

Der Wortführer: Wer bist du?

Geist: Verzeihung.

Wortführer: Was willst du?

Geist: Fort.

Wortführer: Du bist doch erst gekommen.

Geist: Es ist ein Irrtum.

Wortführer: Nein, es ist kein Irrtum. Du bist gekommen und bleibst.

Geist: Mir ist eben schlecht geworden.

Wortführer: Sehr?

Geist: Sehr.

Wortführer: Körperlich?

Geist: Körperlich?

Wortführer: Du antwortest mit Fragen, das ist ungehörig. Wir haben Mittel, dich zu strafen, antworte also lieber, denn dann werden wir dich bald entlassen.

Geist: Bald?

Wortführer: Bald.

Geist: In einer Minute?

Wortführer: Benimm dich nicht so kläglich. Wir werden dich entlassen, wenn es uns ...

Es war gegen Abend auf dem Lande, ich saß in meinem Giebelzimmer beim geschlossenen Fenster und sah dem Rinderhirten zu, der auf dem gemähten Feld stand, die Pfeife im Mund, den Stock eingerammt, scheinbar unbekümmert um die Tiere, die nah und weit friedlich in tiefer Ruhe weideten. Da klopfte es an das Fenster, ich schrak aus meinem Hindämmern auf, faßte mich und sagte laut: »Es ist nichts, der Wind rüttelt am Fenster.« Als es wieder klopfte, sagte ich: »Ich weiß, es ist nur der Wind.« Aber beim dritten Klopfen bat eine Stimme um Einlaß. »Es ist doch nur der Wind«, sagte ich, nahm die Lampe vom Kasten, zündete sie an und ließ den Fenstervorhang hinab. Da begann das ganze Fenster zu zittern und ein demütiges wortloses Klagen.

Um was klagst du, verlassene Seele? Warum flatterst du um das Haus des Lebens? Warum siehst du nicht in die Ferne, die dir gehört, statt hier zu kämpfen um das, was dir fremd ist? Lieber die lebendige Taube auf dem Dach, als den halbtoten, krampfhaft sich wehrenden Sperling in der Hand.

Schlage deinen Mantel, hoher Traum, um das Kind.

Es kamen zwei Soldaten und ergriffen mich. Ich wehrte mich, aber sie hielten fest. Sie führten mich vor ihren Herrn, einen Offizier. Wie bunt war seine Uniform! Ich sagte: »Was wollt ihr denn von mir, ich bin ein Zivilist.« Der Offizier lächelte und sagte: »Du bist ein Zivilist, doch hindert uns das nicht, dich zu fassen. Das Militär hat Gewalt über alles.«

Die Bewertung im Varietéfach.

Es ist sehr schwer, auf dem Gebiet der Varieteproduktionen auch nur für eine kurze Zeit annähernd richtige Bewertungen vorzunehmen. Die besten Fachleute mit den Erfahrungen eines langen Lebens haben dabei versagt. Ein gutes Beispiel dafür ist die Laufbahn des Eisenkönigs.

Belvedereabhang.

Wie er ging, der Mann mit dem langen Falten werfenden Mantel, eine Aktentasche in der Hand, den Kopf bloß, den Golddraht der Brille an den Ohren, am sonnigen Vormittag, am ersten Mai, auf dem stillen Weg zwischen dem Grün.

Karpfengasse.

Der häßliche junge Mann am Abend, allein, eine grobe, kräftige, Widerstand leistende Natur.

Die zwei alten Herren beim Rudolfinum, friedliche, langwierige, würdige Erzählung, die Frauen hinterher.

20. August 1916. Wie diese Narrheit plötzlich im Sprung wieder über mich kommt, es geschieht das immer, wenn das Vertrauen in meinen Gesundheitszustand etwas zunimmt, wie dies etwa vorgestern nach dem Besuch beim Dr. Mühlstein geschehen ist.

Rein bleiben

Verheiratetsein

Junggeselle

Ehemann

Ich bleibe rein

Rein?

Ich halte alle meine Kräfte zusammen

Du bleibst außerhalb des Zusammenhangs, wirst ein Narr, fliegst in alle Windrichtungen, kommst aber nicht weiter, ich ziehe aus dem Blutkreislauf des menschlichen Lebens alle Kraft, die mir überhaupt zugänglich ist.

 

 

Nur für mich verantwortlich

Desto mehr für (in) dich vernarrt.
(Grillparzer, Flaubert)

 

 

Keine Sorge. Konzentration auf die Arbeit.

Da ich an Kräften wachse, trage ich mehr. Hier ist aber eine gewisse Wahrheit.

Die Hütte des Jägers lag nicht weit von der Hütte der Holzarbeiter. Die Holzarbeiter, zwölf, wohnten dort, um jetzt, da guter Schnee war, die Stämme vorzubereiten, welche von den Schlitten bei Tag ins Tal geschleift wurden. Es war viel Arbeit, aber den Arbeitern wäre sie nicht zuviel gewesen, wenn man ihnen nur genug Bier gegeben hätte. Sie hatten aber nur ein mittleres Faß und das war für eine Woche einzuteilen, eine unmögliche Aufgabe. Darüber klagten sie immer dem Jäger, wenn er am Abend zu ihnen herüberkam. »Ihr habt es schwer«, sagte der Jäger zustimmend und sie klagten an seinem Herzen.

Die Hütte des Jägers liegt verlassen im Bergwald. Dort bleibt er während des Winters mit seinen fünf Hunden. Wie lang ist aber der Winter in diesem Land! Fast könnte man sagen, er dauere ein Leben lang.

Der Jäger ist wohlgemut, es fehlt ihm an nichts Wesentlichem, über Entbehrungen klagt er nicht, er hält sich sogar für allzu gut ausgerüstet. ›Käme ein Jäger zu mir‹, denkt er, ›und würde er meine Einrichtung und meine Vorräte sehn, es wäre wohl das Ende der Jägerschaft. Aber ist es nicht auch so das Ende? Es gibt keine Jäger.‹

Er geht zu den Hunden in die Ecke, wo sie auf Decken und mit Decken zugedeckt schlafen. Der Schlaf der Jagdhunde. Sie schlafen nicht, sie warten nur auf die Jagd und das sieht wie Schlaf aus.

Peter hatte eine reiche Braut im Nachbardorf. Einmal abends war er sie besuchen, es war vieles zu besprechen, denn in einer Woche sollte die Hochzeit sein. Die Besprechung fiel günstig aus. Alles war zu seiner Zufriedenheit geordnet worden; behaglich, die Pfeife im Mund, ging er gegen zehn Uhr nach Hause, auf den ihm wohlbekannten Weg achtete er gar nicht. Da geschah es, daß er in einem kleinen Wald, ohne zuerst genau zu wissen warum, zurückschreckte. Dann waren es zwei goldig schimmernde Augen, die er sah und eine Stimme sagte: »Ich bin der Wolf.« »Was willst du?« sagte Peter, in seiner Erregung stand er mit ausgebreiteten Armen da, in einer Hand die Pfeife, in der andern den Stock. »Dich«, sagte der Wolf, »den ganzen Tag suche ich schon etwas zum Fressen.« »Bitte, Wolf«, sagte Peter, »heute verschone mich noch, in einer Woche soll meine Hochzeit sein, laß mich die noch erleben.« »Ungern«, sagte der Wolf. »Und was für einen Vorteil soll ich denn vom Warten haben?« »Nimm uns dann beide, mich und meine Frau«, sagte Peter. »Und was soll bis zur Hochzeit geschehn?« sagte der Wolf. »Ich kann doch bis dahin nicht hungern. Schon jetzt habe ich Übelkeiten vom Hungern und wenn ich nicht sehr bald etwas bekomme, fresse ich dich jetzt auch gegen meinen Willen auf.« »Bitte«, sagte Peter, »komm mit mir, ich wohne nicht weit, ich werde dich die Woche über mit Kaninchen füttern.« »Ich muß auch zumindest ein Schaf bekommen.« »Gut, ein Schaf.« »Und fünf Hühner.«

Vor dem Stadttor war niemand, in der Torwölbung niemand. Auf rein gekehrtem Kies kam man hin, durch ein viereckiges Mauerloch sah man in die Zelle der Torwache, aber die Zelle war leer. Das war zwar merkwürdig, aber für mich sehr vorteilhaft, denn ich hatte keine Ausweispapiere, mein ganzer Besitz war überhaupt ein Kleid aus Leder und der Stock in der Hand.

Ich sprach heute mit dem Kapitän in seiner Kajüte. Ich beklagte mich über die Mitpassagiere. Das könne man nicht ein Passagierschiff nennen, zumindest die Hälfte des Volkes, das hier mitfahre, sei schlimmstes Gesindel. Meine Frau wage sich kaum mehr aus der Kabine heraus, aber auch hinter der versperrten Tür fühlt sie sich nicht sicher, ich muß bei ihr bleiben.

Es begann ein Wettlaufen in den Wäldern. Alles war voll von Tieren. Ich versuchte Ordnung zu machen.

Es war schon Abend. Sein kühler Hauch wehte uns entgegen, erfrischend in seiner Kühle, ermattend in seinem Spätsein. Wir setzten uns auf eine Bank am alten Turm. »Alles war vergeblich«, sagtest du, »aber es ist vergangen, es ist Zeit aufzuatmen und hier ist der rechte Ort.«

Sie schläft. Ich wecke sie nicht. Warum weckst du sie nicht? Es ist mein Unglück und mein Glück. Ich bin unglücklich, daß ich sie nicht wecken kann, daß ich nicht aufsetzen kann den Fuß auf die brennende Türschwelle ihres Hauses, daß ich nicht den Weg kenne zu ihrem Hause, daß ich nicht die Richtung kenne, in welcher der Weg liegt, daß ich mich immer weiter von ihr entferne, kraftlos wie das Blatt im Herbstwind sich von seinem Baume entfernt und überdies: ich war niemals an diesem Baume, im Herbstwind ein Blatt, aber von keinem Baum. – Ich bin glücklich, daß ich sie nicht wecken kann. Was täte ich, wenn sie sich erhöbe, wenn sie aufstehen würde von dem Lager, wenn ich aufstehen würde von dem Lager, der Löwe von seinem Lager, und mein Gebrüll einbrechen würde in mein ängstliches Gehör.

Ich fragte einen Wanderer, den ich auf der Landstraße traf, ob hinter den sieben Meeren die sieben Wüsten wären und hinter ihnen die sieben Berge, auf dem siebenten Berge das Schloß und ...

Das Klettern. Senait. Es war ein Eichhörnchen, es war ein Eichhörnchen, eine wilde Nußaufknackerin, Springerin, Kletterin, und ihr buschiger Schwanz war berühmt in den Wäldern. Dieses Eichhörnchen, dieses Eichhörnchen war immer auf der Reise, immer auf der Suche, es konnte nichts darüber sagen, nicht weil ihm die Rede fehlte, aber es hatte nicht die allergeringste Zeit.

Bilder von der Verteidigung eines Hofes

Es war ein einfacher und lückenloser Holzzaun von nicht ganz Manneshöhe. Dahinter standen drei Männer, deren Gesichter man über den Zaun hinausragen sah, der mittlere war der größte, die beiden anderen, um mehr als einen Kopf kleiner, drängten sich an ihn, es war eine einheitliche Gruppe. Diese drei Männer verteidigten den Zaun oder vielmehr den ganzen Hof, der von ihm umschlossen war. Es waren noch andere Männer da, aber unmittelbar beteiligten sie sich an der Verteidigung nicht. Einer saß an einem Tischchen mitten im Hof; da es warm war, hatte er sich den Uniformrock ausgezogen und über die Sessellehne gehängt. Er hatte vor sich einige kleine Zettel, die er mit großen, breiten, viel Tinte verbrauchenden Schriftzügen beschrieb. Hie und da sah er auf eine kleine Zeichnung, die weiter oben mit Reißnägeln an der Tischplatte befestigt war, es war ein Plan des Hofes und der Mann, welcher der Kommandant war, verfaßte nach diesem Plane die Anordnung für die Verteidigung. Manchmal richtete er sich halb auf, um nach den drei Verteidigern zu sehn und über den Zaun hinweg ins freie Land. Auch was er dort sah, nützte er für seine Anordnungen aus. Er arbeitete eilig, wie es die gespannte Lage erforderte. Ein kleiner bloßfüßiger Junge, der in der Nähe im Sande spielte, trug, wenn es so weit war und der Kommandant ihn rief, die Zettel aus. Doch mußte ihm der Kommandant immer zuerst mit dem Uniformrock die vom feuchten Sande schmutzigen Hände reinigen, ehe er ihm die Zettel gab. Der Sand war feucht vom Wasser, das aus einem großen Bottich ausspritzte, in welchem ein Mann Militärwäsche wusch, auch eine Leine hatte er von einer Latte des Zauns zu einem schwachen Lindenbaum gezogen, der verlassen im Hof stand. Auf dieser Leine war Wäsche zum Trocknen ausgehängt, und als jetzt der Kommandant sein Hemd, das ihm schon am schwitzenden Leibe klebte, plötzlich über den Kopf hin auszog und mit kurzem Zuruf dem Mann beim Bottich zuwarf, nahm dieser ein trockenes Hemd von der Leine und übergab es seinem Vorgesetzten. Nicht weit vom Bottich im Baumschatten saß ein junger Mann schaukelnd auf einem Sessel, unbekümmert um alles, was ringsumher geschah, die Blicke verloren zum Himmel und zum Flug der Vögel gerichtet, und übte auf einem Waldhorn militärische Signale. Das war notwendig wie etwas anderes, aber manchmal wurde es dem Kommandanten zuviel, dann winkte er, ohne von seiner Arbeit aufzusehen, dem Trompeter zu, daß er aufhöre, und als das nicht half, drehte er sich um und schrie ihn an, dann war ein Weilchen lang Stille, bis der Trompeter leise, zum Versuch nur, wieder zu blasen begann und, als es ihm durchging, allmählich wieder den Ton zur früheren Stärke anschwellen ließ. Der Vorhang des Giebelfensters war herabgelassen, was nichts Auffallendes hatte, denn alle Fenster auf dieser Hausseite waren irgendwie verdeckt, um sie vor dem Einblick und Angriff der Feinde zu schützen, aber hinter jenem Vorhang duckte sich die Tochter des Pächters, blickte auf den Trompeter hinunter und die Klänge des Waldhorns entzückten sie so, daß sie manchmal nur mit geschlossenen Augen, die Hand am Herzen, sie in sich aufnehmen konnte. Eigentlich hätte sie in der großen Stube im Hinterhaus die Mägde beaufsichtigen sollen, die dort Charpie zupften, aber sie hatte es dort, wohin die Töne nur schwach, niemals Befriedigung bringend, immer nur Sehnsucht erweckend, gedrungen waren, nicht ausgehalten und sich durch das verlassene dumpfe Haus hier heraufgestohlen. Manchmal beugte sie sich auch ein wenig weiter vor, um zu sehn, ob der Vater noch bei seiner Arbeit sitze und nicht etwa das Gesinde revidieren gegangen ...

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