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Frag nicht – küss mich!

1. KAPITEL

Die paar Minuten Verspätung waren wirklich kein Grund zur Panik. Niemand würde ihr deshalb den Kopf abreißen. Oder?

Eilig stieg Lara Meadows in der George Street aus dem überheizten Bus. Sie fröstelte in ihrem schwarzen Kostüm und den kniehohen Wildlederstiefeln, als sie an diesem Wintermorgen in Sydney an der Ampel warten musste.

Ich bin stark, redete sie sich ein. Sie war eine mutige, schöne Frau, die mit jeder Fernsehgöttin mithalten konnte. Die Narbe im Nacken konnte niemand sehen, weil sie von ihrem langen Haar verdeckt wurde.

Im Verlagswesen kam es ohnehin nicht so sehr auf das Aussehen an, sondern auf Intelligenz und Professionalität. Lara war gut in ihrem Job und nichts und niemand konnte daran etwas ändern.

Und wieso war sie dann so nervös?

Alessandro war auch nur ein Mann – wenn auch ein sehr mächtiger. Vor sechs Jahren war das noch nicht so gewesen. Damals hatte er allerdings noch keine Macht ausgeübt. Sie hatte ihn als unglaublich amüsant, weltmännisch und charmant erlebt. Sah man einmal von seinem dichten schwarzen Haar, den dunklen Augen, die stets zu lächeln schienen, dem sinnlichen Mund, der verführerisch tiefen Stimme und der breiten Brust ab, was blieb dann noch übrig? Aber wieso zitterten Lara dann die Knie? Sie hatte sich schließlich nichts vorzuwerfen – im Gegensatz zu ihm.

Energisch betrat Lara das Stiletto – Gebäude und lief zum Aufzug. Ihre Etage schien verlassen zu sein. Offensichtlich waren alle Mitarbeiter bereits im Konferenzraum versammelt, um den neuen Chef vom anderen Ende der Welt mit Pünktlichkeit zu beeindrucken.

Mit anderen Worten: Alessandro zu beeindrucken.

Lara atmete tief durch. Eigentlich hatte sie viel früher hier sein wollen, aber es dauerte eben seine Zeit, Zöpfe zu flechten. Vivi hatte diesen Morgen darauf bestanden. Der Schulweg dauerte auch länger als sonst. Aber es war schier unmöglich, eine Fünfjährige zur Eile anzutreiben, die sich für alle Kreaturen interessierte, die zu dieser Uhrzeit unterwegs waren.

Aber Alessandro war gerecht und stets gelassen. Warum sollte Lara sich also vor ihm als Chef fürchten?

Vielleicht, weil sie versäumt hatte, ihm etwas sehr Wichtiges mitzuteilen?

Alessandro Vincenti ließ sich von seiner verängstigten Sekretärin Beryl einen Aktenordner reichen. Die Mitarbeiterin, die er von dem gescheiterten Geschäftsführer von Stiletto Publishing übernommen hatte, befürchtete wahrscheinlich, ihren Job zu verlieren. Sie bewegte sich rückwärts zur Tür, vermutlich um sich in Sicherheit zu bringen. Alessandro lächelte ihr beruhigend zu. Es widerstrebte ihm, Menschen einzuschüchtern.

Lässig lehnte er sich in seinem Lederchefsessel zurück und schlug den Ordner auf. Australier sind eigentlich ein interessantes Volk, dachte er. Wenn auch etwas sonderbar.

Alessandro wollte sich zunächst einen Überblick über die Mitarbeiter verschaffen und blätterte interessiert in der Akte, die nach Abteilungen geordnet war. Dio, wer ist denn hier für die Dokumentation verantwortlich?, fragte er sich kopfschüttelnd. War der ehemalige Geschäftsführer denn tatsächlich völlig nutzlos gewesen?

Sorgfältig ging Alessandro weiter die Personalliste durch, bis er plötzlich auf einen vertrauten Namen stieß. Dieser Name erinnerte ihn an entspannte Tage am sonnigen Strand, an seidiges blondes Haar und den Duft nach frisch gemähtem Gras und Geißblatt. Und an Liebe in der Abenddämmerung …

„Beryl?“ Er drehte sich nach der Sekretärin um, die wenige Schritte von der Tür entfernt erschrocken zusammenzuckte. „Dieser L. Meadows hier – wer ist er?“

„Er ist eine Sie, Mr. Vincenti. Ich meine, er ist eine Frau.“ Bei ihrem Bemühen, möglichst genaue Auskunft zu geben, geriet Beryl ins Stottern. „Lara Meadows. Sie ist seit etwa einem halben Jahr bei Stiletto beschäftigt. Bill, ich meine Mr. Carmichael, unser Geschäftsführer, ich meine Ex-Geschäftsführer, hielt sehr viel von ihr.“

Etwas in Alessandro erwachte zu neuem Leben.

So, so, es gab sie also tatsächlich noch. Das war ein Schock, doch das brauchte die Sekretärin ja nicht zu wissen. Also ließ Alessandro sich nichts anmerken und fragte nach anderen Namen.

„Und wer ist das?“ Mit unbewegter Miene ging er die Liste durch, als würde ihm dieser Name Lara Meadows nichts sagen. Als hätte ihn diese Frau nicht zum Narren gehalten. Er war so verliebt in sie gewesen, doch sie … Alessandro rief sich zur Vernunft. „Erzählen Sie mir etwas über diesen Mitarbeiter“, forderte er Beryl auf.

Es erschien ihm unfassbar, Lara nach so langer Zeit wieder über den Weg zu laufen! Aber wie hätte er ahnen sollen, dass sie ausgerechnet für den Verlag arbeitete, den er übernommen hatte, um ein Standbein auf der südlichen Welthalbkugel zu haben? War diese Lara Meadows wirklich die, für die er sie hielt? Seine Larissa?

Eigentlich müsste sie inzwischen verheiratet sein. Aber vielleicht hatte sie ja dennoch ihren Mädchennamen behalten.

Der arme Narr, der sich mit ihr eingelassen hatte, dachte Alessandro verbittert. Dem machte es wohl nichts aus, enttäuscht zu werden. Lara hatte einfach etwas an sich, was jedem Mann den Verstand raubte.

Kein Wunder, dass der ehemalige Geschäftsführer Bill Carmichael sehr viel von Lara gehalten hatte. Vielleicht war sie sogar sein Untergang gewesen.

Gerne hätte Alessandro die Sekretärin nach Lara ausgefragt, doch das würde unweigerlich Gerüchte in Umlauf bringen. Und das galt es zu vermeiden. Außerdem ging ihn Lara Meadows nichts mehr an. Heute konnten ihn ihre eigensinnigen Launen nicht mehr beeindrucken. Eine Frau, die mit den Gefühlen eines ehrlichen Mannes spielte, interessierte Alessandro nicht.

Trotzdem verblüffte ihn die Ironie des Schicksals. Wahrscheinlich ahnte Lara Meadows nicht einmal, dass sie ihm einmal die Welt bedeutet hatte. Und nun lag ihr berufliches Schicksal in seinen Händen. Im Mittelalter hätte ein Vincenti es auf Rache abgesehen …

Ein Rachefeldzug muss eiskalt geplant sein, sagte Alessandros Mutter immer. Doch was bedeutete das für ihn? Hatte er tatsächlich mit der unseligen Geschichte von damals abgeschlossen?

Alessandro schüttelte diese Gedanken ab. Die Zeiten jugendlicher Leidenschaft waren vorbei. Trotzdem wäre es interessant, Lara wiederzusehen. Wie mochte sie aussehen? Und wie würde sie wohl auf ihn reagieren?

Wahrscheinlich hat Alessandro inzwischen eine Glatze oder ist aufgegangen wie ein Hefeteig, dachte Lara, als sie sich im Spiegel des Fahrstuhls betrachtete. Ihr Bild von ihm hatte sich mit den Jahren sicher verklärt.

Doch auf dem Weg zum Konferenzraum bekam sie trotzdem weiche Knie. Die Aussicht auf ein Wiedersehen war prickelnder, als sie vermutet hatte.

Allerdings zweifelte sie daran, dass Alessandro dieses überwältigende Gefühl teilte. Für einen internationalen Playboy waren sechs Jahre eine lange Zeit, um sich noch an jemanden erinnern zu können.

Vor der Tür blieb Lara stehen und atmete tief durch. Noch immer lief vor ihrem geistigen Auge der Film ihrer ersten Begegnung in Sydney ab. Ihre erste Buchmesse, überhaupt ihre erste Messe, ihr erstes Mal …

Der erste Blickkontakt mit Alessandro bei einer Cocktailparty. Über den Kopf einer aufgedonnerten Diva hinweg hatte er Lara amüsiert zugezwinkert und einen Erdbeer-Daiquiri für sie organisiert. Er verzog das Gesicht, als der Cocktail serviert wurde, doch Lara tat so, als schmecke er köstlich. Wunderschöne Tage verbrachten sie anschließend miteinander. Lange Spaziergänge, lebhafte Diskussionen über Literatur, Musik, Shakespeare – ihre große Leidenschaft.

Alessandro bezeichnete sich lachend als Weltbürger. Ursprünglich stammte er aus Venedig. Laras Vorstellungen begegnete er mit Respekt und Einfühlungsvermögen. Noch nie hatte sie sich so angeregt mit jemandem unterhalten. Hingerissen hing sie an seinen Lippen.

Und dann hatte sie den Ursprung seines Nachnamens erfahren …

Neugierig forschte sie im Internet nach. Kein Wunder, dass Alessandro sie völlig in seinen Bann schlug. Er entstammte dem alten venezianischen Adelsgeschlecht der Vincentis. Seine Vorfahren gehörten dem Rat an, der den Dogen wählte und ihn beim Regieren von Venedig unterstützte.

Seit Jahrhunderten führte das jeweilige Familienoberhaupt den Titel „Marchese d’Isole Veneziane Minori“ – Marquis der kleinen Inseln in der Lagune von Venedig. Das war wunderschön und so romantisch.

Nur zögernd hatte Alessandro zugegeben, diesem alten Adelsgeschlecht anzugehören. Als Lara nicht lockerließ, verriet er ihr schließlich, dass er der derzeitige Marchese war.

Nach einiger Übung ging ihr der Titel ganz flüssig über die Lippen. Alessandros Herkunft beeindruckte sie sehr, immer wieder hatte sie ihn damit aufgezogen, doch er lachte nur. Und dieses Lachen war schlicht und ergreifend unwiderstehlich. Damals, bei ihrem ersten gemeinsamen Nachmittag am Strand, hatte sie sich bis über beide Ohren in diesen wunderbaren Mann verliebt.

Sie sah ihn vor sich, wie er nach dem Schwimmen neben ihr im Sand lag, auf dem schlanken, sonnengebräunten Körper glitzerten die Wassertropfen des Ozeans. Das schwarze Haar glänzte in der Sonne. Mit seinen dunklen Augen schaute Alessandro sie hingerissen an. Dort am Strand hatte er sie zum ersten Mal geküsst. Später waren sie noch zu einem gemeinsamen Abendessen gegangen, und danach …

Noch heute verspürte Lara ein Prickeln an ihrem Körper, wenn jemand den Namen des Hotels nur erwähnte.

Alessandro hatte damals seinen Aufenthalt in Sydney immer wieder verlängert. Den ganzen Sommer verbrachten sie zusammen. Schließlich musste er jedoch zurück zur Harvard Universität, rechtzeitig zum Abschlusssemester seines Wirtschaftsstudiums. Laras Blick war tränenverschleiert, als Alessandro sich am Flughafen von ihr verabschiedete. Nur ihr gemeinsames Versprechen bewahrte sie vor einem emotionalen Zusammenbruch.

Der Pakt.

Noch heute stellte sich ein flaues Gefühl in ihrem Magen ein, wenn sie daran dachte. Natürlich hatte sie sich an den Pakt halten wollen, doch das Schicksal machte ihr einen Strich durch die Rechnung. Ohne zu zögern hätte sie am Treffpunkt auf ihn warten wollen, nichts hatte sie sich mehr gewünscht, als Alessandro endlich wiederzusehen. Doch das verheerende Buschfeuer war Lara dazwischengekommen. Ihr Vater, die schreckliche Zeit im Krankenhaus und danach …

Danach war alles ganz anders gewesen. Doch das wusste Alessandro nicht. An diese Gewissheit konnte Lara sich klammern.

Entschlossen stieß sie die Tür zum Konferenzraum auf.

Viel zu viele Menschen saßen in das viel zu kleine Zimmer gequetscht. Stiletto war ein kleiner Verlag mit sechs Lektoren und zwei Teilzeitkräften. Doch jetzt waren auch die Mitarbeiter aus den anderen Abteilungen anwesend. Insgesamt mussten sich etwa zwanzig Leute versammelt haben. Möglichst geräuschlos bahnte Lara sich einen Weg zu einem freien Stuhl in der Nähe der Tür.

Die Belegschaft hörte aufmerksam zu, was Cinta aus der Vertriebs- und Marketingabteilung zu sagen hatte. Dankenswerterweise war sie für den gefeuerten, schludrigen und immer etwas weltfremden Bill eingesprungen, um die Mitarbeiter zu vertreten. Die sehr sportliche Cinta trug ein hautenges Kleid und begrüßte die neuen Chefs mit blumigen Worten und verführerischer Stimme. Lara wusste, dass dieser Tonfall sonst nur außerordentlich attraktiven Männern vorbehalten war. So auch in diesem Fall. Erst jetzt bemerkte Lara den Grund für Cintas Tonfall.

Alessandro.

Das Herz pochte aufgeregt in Laras Brust, als ihr Blick auf ihn fiel. Er war es wirklich, keine Frage. Neben ihm saß eine unglaublich attraktive Dame mit Bobfrisur, die Cinta als Donatuila Capelli vorstellte. Donatuila Capelli gehörte zur Führungsriege von Scala in New York und verkörperte geradezu die Welt der Reichen und Schönen.

In diesem Moment dankte diese Cinta für ihre freundlichen Worte und erhob sich, um mit rauchiger Stimme die neusten Verkaufszahlen von Scala zu präsentieren. Lara war überzeugt, dass Alessandro ihre Verspätung nicht bemerkt hatte und spürte eine gewisse Erleichterung darüber, besonders elegant gekleidet zu sein. Ihre schon jetzt in den Stiefeln schmerzenden Füße ignorierte sie einfach.

Am anderen Ende des Raums holte Alessandro tief Luft und ballte die Hände zu Fäusten. Das Blut rauschte in seinen Ohren.

Sie war es tatsächlich! Bei der Nachzüglerin handelte es sich wirklich um Lara Meadows!

Wie gut erinnerte er sich an das blonde seidige Haar, an ihre typische, leicht geneigte Kopfhaltung, ihre anmutige Figur. Keine andere Frau löste in ihm so heftige Reaktionen aus. Ausgerechnet!

Doch gerade bei ihr wollte er das in Zukunft vermeiden. Es war wohl nur der Schock, sie so unvermittelt zu sehen, der ihn so reagieren ließ. Dabei hatte er sich schon damit abgefunden, dass Lara vermutlich lieber kündigte, als ihm unter die Augen zu treten.

Aber sie war schlicht und ergreifend nur zu spät gekommen. Sehr entspannt, das musste er ihr neidlos zugestehen.

Alessandro lehnte sich etwas nach rechts und sah, wie Lara ihre hübschen langen Beine übereinanderschlug. Sexy und … fast unverschämt. Ein heißes Ziehen durchzuckte seinen Körper.

Verdammt, diese Frau hatte wirklich Mut! Kam einfach zu spät, obwohl sie die Letzte war, die sich einen derartigen Regelverstoß leisten konnte.

Als Alessandro zu Boden sah, nutzte Lara die Gelegenheit, um ihn unauffällig zu beobachten. Sein markantes Gesicht war unverändert. Allerdings blickte er ziemlich mürrisch drein. So kannte sie ihn gar nicht. Erst als Donatuila Capelli ihm etwas zuraunte, blickte er auf und sah sie fragend an.

Die Brauen leicht spöttisch hochgezogen – diesen Ausdruck erkannte Lara wieder. So sah Alessandro aus, wenn er sich über etwas amüsierte. Gebannt schaute sie ihn an. Diese verführerischen dunklen Augen, in denen man sich verlieren konnte …

Entschlossen zwang sie sich zur Ruhe. Ich bin über ihn hinweg, schon seit langem, sagte sie sich aufmunternd. Er hatte sie im Stich gelassen und eine andere geheiratet. Doch als Alessandro nun aufstand und die Anwesenden eindringlich anschaute, erinnerte Lara sich wieder daran, warum sie sich damals Hals über Kopf in ihn verliebt hatte. Allein dieser herrliche italienische Akzent. Und dann diese tiefe melodische Stimme …

Laras Herz klopfte bis zum Zerspringen. Nervös rutschte sie auf ihrem Stuhl etwas nach vorne, um sich kleiner zu machen. Ob Alessandro sie schon bemerkt hatte?

Erneut ließ Alessandro den Blick über die Belegschaft gleiten, wobei er die Blondine in der letzten Reihe sorgfältig mied. Ihr Anblick hatte sich ohnehin schon längst in seine Seele eingebrannt.

Normalerweise war er ein toleranter Chef. Wenn er eine Firma sanieren sollte, versicherte er der Belegschaft zumeist, dass alle Arbeitsplätze erhalten blieben. Oftmals machte er sogar Gehaltserhöhungen und bessere Arbeitsbedingungen möglich.

Doch hier musste er wohl anders vorgehen. Die Respektlosigkeit und Lässigkeit mancher Australier ging einfach zu weit. Er würde den Angestellten dieses kleinen Verlagshauses die Überheblichkeit schon austreiben. Sollten sie ruhig um ihre Arbeitsplätze fürchten!

Alessandro beschloss, erst einmal allen zu zeigen, wer hier nun der Boss war; nett sein konnte er später auch noch. „Es werden einige Veränderungen auf Sie zukommen.“

Zunächst bemerkte Lara gar nicht, wie angespannt ihre Kollegen plötzlich waren. Alle blickten nur wie gebannt zu Alessandro. Tränen der Wehmut schimmerten in Laras Augen. Ihr Herz gehörte noch immer ihm.

Dieser kühle Mann war zwar nicht der Alessandro, der ihr einst den Eindruck vermittelt hatte, die begehrenswerteste Frau der Welt zu sein. Aber seine Ausstrahlung und die Autorität machten ihn auch heute noch unglaublich anziehend.

Bewundernd glitt Lara mit ihrem Blick über seinen sportgestählten, einen Meter neunzig großen Körper. Auch mit seinen fast fünfunddreißig Jahren achtete Alessandro offensichtlich gut auf seine Figur.

Lara war einundzwanzig gewesen, als sie Alessandro vor sechs Jahren kennenlernte. Inzwischen hatte das Leben sein Gesicht markanter und energischer gemacht. Aus ihm war ein erfolgreicher, unnachgiebiger Geschäftsmann geworden.

Und er war immer noch ein Marchese.

Jemand, der mit melodischer Stimme streng harte Fakten verkündete. Und jetzt hörte auch Lara genauer hin. Selbst Cintas Lächeln schien wie gefroren zu sein.

Die Belegschaft wurde immer unruhiger. Die Anspannung stieg. Sogar die beherrschte Donatuila bedachte Alessandro mit einem ungläubigen Seitenblick.

„Sie haben den Verlag zugrunde gewirtschaftet“, bemerkte er streng. „Aber ich werde ihn retten, so schwierig es auch sein mag.

Ende nächster Woche besuchen Miss Capelli und ich die International Buchmesse in Bangkok. Bis zu unserer Abreise haben wir Stiletto Publishing geordnet und können die neue Geschäftsführung einsetzen. Statt einer kleinen abgesonderten Firma sind Sie dann Bestandteil eines weltumspannenden Unternehmens. Selbstverständlich bedarf das einer gewissen Anpassung. Ich kann Ihnen jetzt schon sagen, dass einige von Ihnen dafür Ihre Freizeit opfern müssen.“

Ein Raunen ging durch den Konferenzraum. Doch Alessandro fuhr kühl fort: „Jede vorgesehene Veröffentlichung, jeder Job wird unter dem Mikroskop betrachtet. Als Gegenleistung …“, er senkte die Stimme, und alle Anwesenden hingen gespannt an seinen Lippen, „… erwarte ich von denjenigen, die ihren Job behalten, absoluten Einsatz. Scala Enterprises verlangt von seinen Mitarbeitern einhundert Prozent. Das gilt für jeden Bereich. Sie müssen die Projektziele erreichen, Termine einhalten und selbstverständlich stets pünktlich sein. Zu Arbeitsbeginn, bei der Einhaltung der Pausen und wenn Konferenzen anberaumt sind.“

Schuldbewusst sackte Lara noch tiefer in sich zusammen, als sein unnachgiebiger Blick auch sie streifte. Ihr wurde heiß. Alessandros Miene war nicht anzusehen, ob er Lara erkannt oder ob er einfach durch sie hindurch geblickt hatte.

„Noch eins“, fügte Alessandro dann leise hinzu. „Es gibt nur sehr wenige Entschuldigungen, die ich akzeptiere.“

Oje. Lara dachte an ihre Tochter. Die Magie eines taubenetzten Spinnengewebes am Schulzaun zählte wohl kaum zu den wenig akzeptierten Entschuldigungen, dachte Lara bekümmert.

„Wenn Sie mich besser kennen“, fuhr er geschmeidig fort, „merken Sie, dass ich sehr ungeduldig werden kann, wenn man mich warten lässt. Das Unternehmen Scala stellt hohe Ansprüche. Wir sind gnadenlos, wenn unsere Erwartungen nicht erfüllt werden. In den kommenden beiden Tagen führen Miss Capelli und ich Einzelgespräche mit Ihnen. Stellen Sie sich schon mal darauf ein, für Ihren Job zu kämpfen.“

Die Belegschaft hielt den Atem an. Ungerührt dankte Alessandro ihnen für ihre Aufmerksamkeit, als hätte er nicht gerade die Sicherheit ihrer Jobs infrage gestellt.

Lara schloss sich dem Strom der Mitarbeiter an, die schockiert den Raum verließen. Erst an ihrem Schreibtisch blieb sie nachdenklich stehen. Wäre es nicht besser, sofort mit Alessandro zu reden? Sozusagen, um das Eis zu brechen?

Entschlossen kehrte Lara zum Konferenzraum zurück, doch Alessandro und seine Assistentin waren bereits gegangen. Vielleicht war es doch keine so gute Idee, ihn direkt aufzusuchen, um die alte Bekanntschaft wieder aufleben zu lassen. Andererseits sollte er auch nicht den Eindruck haben, sie ginge ihm aus dem Weg.

Also eilte Lara zu dem Büro des ehemaligen Geschäftsführers Bill und blieb vor der Tür stehen. Das Herz klopfte ihr bis zum Hals. Sie atmete tief durch und konzentrierte sich. Sie war mutig und stark, wie nur eine Mutter es sein konnte. Sie würde es mit Alessandro Vincenti aufnehmen können. Ob er sie wohl noch immer anziehend fand?

Mutig klopfte sie an die Tür. Als sich nichts rührte, wollte sie es gerade noch einmal versuchen, als Donatuila Capelli auf ihren hohen Schuhen um die Ecke gestöckelt kam und Lara kühl musterte. „Kann ich Ihnen helfen?“

„Ich … möchte Alessandro sprechen.“

„Mr. Vincenti für Sie, Herzchen. Wie heißen Sie?“

„Lara.“ Sie machte eine Kopfbewegung Richtung Tür. „Ist er da?“

Donatuila zog ihre bleistiftdünnen Brauen hoch. „Nein, ist er nicht. Ich rate Ihnen, an Ihren Arbeitsplatz zurückzukehren und abzuwarten, bis Sie aufgerufen werden.“ Donatuila griff nach der Türklinke und schob Lara mit ihrer knochigen Hüfte aus dem Weg. „Sie bekommen Ihre Chance, keine Sorge.“

Donatuila betrat das Büro und schlug Lara die Tür vor der Nase zu.

Ganz schön kaltschnäuzig, dachte Lara. Wieder fragte sie sich, ob es richtig gewesen war, um ein privates Gespräch mit Alessandro zu bitten.

Gerade wollte Lara unverrichteter Dinge von dannen ziehen, als die Tür sich wieder öffnete und Alessandro plötzlich vor ihr stand.

Atemlos blickten sie einander in die Augen.

Lara bekam weiche Knie. Sie hatte völlig vergessen, wie er duftete – nach Seife, Lederschuhen, Aftershave, frisch gewaschener Kleidung und einem ganz eigenen männlichen Duft, der sie mit tiefer Sehnsucht erfüllte.

Doch dann ließ er den Augenkontakt abreißen.

„Alessandro“, sagte sie aufgeregt. „Ich wollte nur kurz Hallo sagen.“

Seine Augen schienen aufzuleuchten, doch seine ausdrucksvollen Lippen wurden schmaler. Nach kurzem Zögern machte Alessandro ihr Platz und bat sie in sein Büro.

Neben Bills großem Schreibtisch stand nun zusätzlich ein kleinerer Arbeitsplatz, an dem Donatuila Capalli saß und einen dicken Aktenordner studierte. Höflich nickte Alessandro ihr zu und hielt ihr die Tür auf. „Wenn du uns bitte entschuldigen würdest, Tuila. Es dauert nur eine Sekunde.“

Ungläubig blickte Donatuila auf. Dann klappte sie den Ordner zu und verließ das Büro, nachdem sie Lara einen vernichtenden Blick zugeworfen hatte.

Die hatte jedoch nur Augen für ihren Geliebten – ehemaligen Geliebten.

Alessandro schloss die Tür, und Lara war mit ihm allein.

Wie hatte sie nur seine magische Anziehungskraft vergessen können? Instinktiv fühlte sie sich mit aller Macht zu ihm hingezogen. Sie sehnte sich danach, sich an ihn zu schmiegen, ihn zu spüren.

Jetzt reiß dich endlich zusammen!, meldete sich ihre innere Stimme. Der Mann ist verheiratet!

Doch ihr Körper wollte davon nichts wissen. Laras Zuneigung galt dem Mann, der sich unter dem eleganten Anzug verbarg. Am liebsten hätte sie sich an ihn gelehnt und niemals wieder losgelassen.

Offenbar bemerkte Alessandro nichts von ihrem Gefühlschaos, denn er blieb kühl und höflich, aber eindeutig abweisend. „Ja?“, fragte er und blickte sie mit seinen attraktiven dunklen Augen an. „Kann ich irgendwie helfen?“

Unwillkürlich kam Lara näher, um ihn zu berühren. Doch er wich zurück. „Du … du erinnerst dich doch an mich, oder? Ich bin Lara.“

Doch ihm war nicht anzusehen, was in ihm vorging. „Ja, ich erinnere mich dunkel. Haben wir uns nicht auf der Internationalen Buchmesse in Sydney getroffen?“ Mit undurchdringlicher Miene musterte er sie, bevor er einen Blick auf seine Armbanduhr warf. „Kann ich irgendetwas tun?“

Fassungslos sah sie ihn an. Dann riss sie sich wieder zusammen. „Nein, schon gut. Ich wollte nur Hallo sagen.“

Alessandro sah streng auf sie herab. „Ich habe wirklich keine Zeit, in Erinnerungen zu schwelgen. Das verstehen Sie doch, oder? Wir stehen unter großem Zeitdruck. Wenn Sie sonst also nichts auf dem Herzen haben …“

Ein eisiger Schauer lief Lara über den Rücken, doch sie ließ es sich nicht anmerken.

„Nein, es gibt nichts Besonderes“, sagte sie und senkte verlegen den Blick. „Tut mir leid, dass ich bei der Arbeit gestört habe.“

Es gelang ihr, kühl zu lächeln, als sie das Büro verließ. Doch ihre Augen schmerzten. In ihrem ganzen Leben war sie sich noch nie so blöd vorgekommen.

Im Waschraum kühlte sie sich das Gesicht, bis es nicht mehr wie Feuer brannte. Erst jetzt fiel ihr ein, was sie alles zu Alessandro hätte sagen können.

Wieso kommst du erst jetzt?

Hallo, Dad.

Oder: Es gibt da jemanden, der dich gerne kennenlernen möchte.

Zur gleichen Zeit in seinem Büro kehrte Alessandro an seinen Schreibtisch zurück und griff nach der Kandidatenliste für den Geschäftsführerposten, ohne auch nur einen Namen zu lesen. Sein Blutdruck war massiv angestiegen.

Was bildete Lara sich eigentlich ein, einfach in sein Büro zu platzen und seine Freundschaft einzufordern? Die Abfuhr hatte sie sich selbst zuzuschreiben. Aber wieso hatte sie ihn so angesehen?

Sein Körper hatte sofort auf sie reagiert. Sie ist nur eine ganz gewöhnliche Blondine, redete Alessandro sich ein. Die Welt war voll von hübschen Blondinen.

Hätte er ihr doch nur nicht in die Augen gesehen!

Wütend ließ er die Liste auf den Schreibtisch fallen und griff nach dem Telefon, das in diesem Moment zu klingeln begann. Am liebsten hätte er es vom Schreibtisch gefegt. Doch er beherrschte sich, hob den Hörer ab und ließ ihn sachte wieder auf die Gabel fallen.

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