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Fortune de France

Über Robert Merle

Das literarische Werk Robert Merles spannt sich in einem weiten Bogen von seinem ersten Welterfolg »Der Tod ist mein Beruf« über die ironische Zukunftsvision der »Geschützten Männer« bis zur dreizehnbändigen Romanfolge »Fortune de France«, die im Aufbau Verlag vollständig in deutscher Übersetzung erschienen ist:

Fortune de France

In unseren grünen Jahren

Die gute Stadt Paris

Noch immer schwelt die Glut

Paris ist eine Messe wert

Der Tag bricht an

Der wilde Tanz der Seidenröcke

Das Königskind

Die Rosen des Lebens

Lilie und Purpur

Ein Kardinal vor La Rochelle

Die Rache der Königin

Der König ist tot

Informationen zum Buch

Frankreich im 16. Jahrhundert – es tobt der Glaubenskrieg zwischen Katholiken und Hugenotten. Die Christen beider Parteien metzeln einander fröhlich nieder: es fällt ja so schwer, den Glauben des anderen zu ertragen. Noch in der kleinen Welt von Burg Mespech im Périgord spürt der junge Pierre de Siorac den Riss, der durch das Land geht. Sein Vater, der Barron, ist Anhänger der reformierten Religion und zwingt die Kinder wie auch das Gesinde, sich gleichfalls zu bekehren. Die Mutter bleibt Papistin, ein nie nachlassender Grund für Konflikte. Und trotzdem ist für Pierre die Burg der Ort, an dem er sich geborgen fühlt. Hier lernt er fechten, reiten, lieben und bildet die Talente aus, die er dereinst – in den folgenden Bänden der Romanserie – dem guten König Henri Quatre leihen wird. »Fortune de France« – Schicksal Frankreichs – ist ein unterhaltsamer und zudem genau recherchierter historischer Roman, »… und wenn ich mir die geschichtlichen Hintergrundinformationen allein zusammensuchte, dann nicht aus hugenottischer Sparsamkeit, sondern weil es mir großes Vergnügen bereitete und ich mit keine der vielen amüsanten, bunten, schrecklichen oder pikanten Einzelheiten entgehen lassen wollte, von denen die Memoiren jener Zeit übervoll sind.« (Robert Merle)

Robert Merle

Fortune de France

Roman

Aus dem Französischen von Edgar Völkl und Ilse Täubert

Wird sich das Schicksal Frankreichs wieder

zum Besseren wenden? Oder wird das Land

der Verachtung anheimfallen und für immer

darniederliegen?

Michel de L'Hospital

Erstes Kapitel

Meine Familie kann sich nicht rühmen, ihren Adelstitel schon seit ungezählten Generationen zu führen. Erst mein Vater hat ihn erworben. Ich gestehe dies in aller Offenheit ein; denn wollte ich es daran fehlen lassen, würde ich diesen Lebensbericht gar nicht erst beginnen. Mein Vorsatz ist, mich bei der Niederschrift allein von der Wahrheit leiten zu lassen, ohne auch nur ein Jota davon abzuweichen.

Monsieur de Fontenac, welcher manch lästerliche Gemeinheit über uns verbreitet hat, wagte auch zu behaupten, mein Urgroßvater sei – wie Monsieur de Sauve – Lakai gewesen, was eine Lüge ist, für die ich ihm gehörig das Maul gestopft habe.

Wie jeder weiß, hat Monsieur de Sauve sein Ministeramt sowohl seiner höchst bewundernswerten Geschicklichkeit wie den Erfolgen zu verdanken, welche seine Frau als Bediente der Königin Katharina in den Betten der Prinzen von Geblüt errang. So hoch ist unsere Familie nicht aufgestiegen und nicht mit solchen Mitteln. Sie hat auch nicht so weit unten beginnen müssen, obzwar es keine Schande ist, wie ich vermeine, Lakai zu sein: die Angst vor dem Verhungern kann einen armen Schlucker leicht dahin führen.

Aber die Wahrheit ist, daß mein Urgroßvater François Siorac nicht bei fremden Herren Dienst tat, sondern nahe Taniès im Sarladischen ein gutes Stück Land zu eigen hatte und es auch selbst bearbeitete. Wie groß sein Besitz war, weiß ich nicht zu sagen, doch nach der Grundsteuer zu urteilen, welche er dem König zahlte – die höchste in der ganzen Gemeinde –, kann es so wenig nicht gewesen sein. Auch geizig war mein Urahn nicht, denn er gab seinem Pfarrer jeden Monat zehn Sols, seinen zweitgeborenen Sohn Charles das Latein zu lehren, in der Hoffnung vielleicht, selbigen einmal in den geistlichen Stand treten zu sehen.

Mein Großvater Charles, von angenehmem Äußeren – er hatte dasselbe rötliche Haar wie mein Halbbruder Samson –, lernte sein Latein mit Fleiß, doch zog er den Gebeten das Abenteuer vor: mit achtzehn Jahren verließ er das heimatliche Dorf, um im Norden sein Glück zu machen.

Was ihm auch gelang, denn er heiratete in Rouen die Tochter eines Apothekers, dessen Gehilfe er geworden war. Ich weiß weder zu sagen, wie er als Apothekergehilfe zu studieren vermochte, um den Titel eines Apothekermeisters zu erwerben, noch ob er diesen überhaupt erwarb; jedenfalls übernahm er nach dem Tode seines Schwiegervaters dessen Offizin und führte die Geschäfte mit größtem Erfolge. Anno 1514, als mein Vater geboren ward, war er vermögend genug, zwei Meilen von Rouen entfernt eine Mühle mit den dazugehörigen schönen Wiesen zu kaufen, welches Anwesen den Namen La Volpie trug. Und in jener Zeit tauchte dann zwischen Charles und Siorac das kleine Wörtchen de auf, welches mein Vater zwar belächelte, doch nichtsdestoweniger beibehielt. Indes habe ich auf keinem der von meinem Vater aufbewahrten Papiere die Bezeichnung Edler vor der Unterschrift Charles de Siorac, Seigneur de la Volpie, gefunden, was beweist, daß mein Großvater niemandem etwas vortäuschen wollte wie so viele Bürgerliche, welche sich ein Anwesen kaufen, nur um sich mit einem Titel zu schmücken, den der König ihnen gar nicht verliehen hat. Der unechten Adeligen gibt es die Menge, wie ein jeder weiß. Doch ist ihr Vermögen nur ansehnlich genug, eine Heirat zu rechtfertigen, dann drücken auch die echten Adeligen ein Auge zu.

Mein Vater Jean de Siorac, denn so nannte er sich, war zweitgeborener Sohn wie schon sein Vater Charles und wie ich selbst es bin. Eingedenk dessen, was der alte François Siorac mit den so kostspieligen Latein-Lectiones für ihn getan, schickte Charles seinen Sohn Jean nach Montpellier, auf daß er dort die Medizin studiere. Dies bedeutete eine gar weite Reise, einen langen Aufenthalt in der Fremde und ein selbst für einen Apotheker beträchtliches Opfer an Geld, doch der alternde Charles träumte davon, daß sein Ältester Henri die Offizin übernähme und sein Zweitgeborener Jean sich als Medicus in der Stadt niederließe; solcherart den Patienten von zwei Seiten bedrängend, würden beide ein gutes Auskommen finden, so Gott wollte. Was seine drei Töchter betraf, welche in seinen Augen wenig zählten, so stattete er sie dennoch mit einer Mitgift aus, deren er sich nicht zu schämen brauchte.

Mein Vater erwarb also in Montpellier den Grad eines Baccalaureus und hernach den eines Lizentiaten der Medizin, doch konnte er seine Doktordisputation nicht abhalten. Zwei Tage vor dem festgesetzten Tage mußte er aus der Stadt flüchten, alldieweil es ihn nicht danach gelüstete, mit einer Schlinge um den Hals seinen letzten Blick zum Himmel zu tun und anschließend in vier Teile gerissen zu werden, welche vier Teile dann gemäß dem örtlichen Brauche an den Ölbäumen vor den Toren der Vorstadt aufgehängt wurden: ein Brauch, welcher mich seltsam berührte, als ich dreißig Jahre später höchstselbst an einem sonnigen Junimorgen in diese schöne Stadt einritt und dabei die verwesenden Teile gehenkter Frauen gewahrte, welche zum Exempel an den Zweigen dieser Bäume hingen, die es sich gleichwohl nicht versagten, fleißig Früchte zu tragen.

Wenn ich meinen Vater heutigentags ansehe, so vermag ich mir kaum vorzustellen, daß er vor dreißig Jahren ebenso ungestüm war wie ich, ebenso waghalsig und den Weibern nicht weniger zugetan. Denn in der Tat war ein gewißlich ganz nichtsnutziges Frauenzimmer der Anlaß, daß mein Vater einen kleinen aufgeblasenen Edelmann, welcher ihn herausgefordert, in ehrlichem Duell mit seinem Degen durchbohrte.

Eine Stunde darauf erblickte Jean de Siorac von einem Seitenfensterchen seines Quartieres die Büttel, welche an die Haustür schlugen. Er sprang kurzentschlossen aus einem Hoffenster, schwang sich auf sein zum Glück noch gesatteltes Roß und sprengte mit verhängten Zügeln zur Stadt hinaus. Nur mit einem Wams angetan, barhäuptig, ohne Mantel und Degen rettete er sich in das Cevennen-Gebirge und fand zuerst Unterschlupf bei einem Studiosus, welcher hoch droben in einem Bergdorf sechs Monate lang die Heilkunst ausübte, bevor er zu Montpellier seine Doktordisputation abzuhalten gedachte. Alsdann durchquerte mein Vater die Auvergne und gelangte ins Périgord, wo der alte François Siorac ihn mit Kleidern, Wehr und Waffen versah, ehe er ihn auf den Weg nach Rouen zu seinem Sohne Charles schickte.

Doch in der Zwischenzeit hatten die Eltern des Edelmannes, welche die Sache nicht auf sich beruhen lassen wollten, Klage eingereicht beim Parlament zu Aix, und so wäre es trotz der Protektion, welche mein Großvater als Apotheker genoß, nicht klüglich gewesen, daß Jean de Siorac sich zu Rouen in aller Öffentlichkeit zeigte.

Dies trug sich zu in dem Jahre, da unser großer König Franz I. die Aushebung einer Legion in jeder Provinz des Königreiches verfügte – eine weise Maßnahme, welche uns, so sie später nur fortgeführt worden wäre, in unseren Kriegen der Notwendigkeit enthoben hätte, jene Schweizer anzuwerben, die sich gewißlich wacker schlugen, solange sie ihren Sold erhielten, doch andernfalls den unglücklichen französischen Bauersmann ebenso ausplünderten wie der Feind.

Die erste Legion, welche im Königreiche aufgestellt ward, war die Normannische, welche sechstausend Mann zählte, und mein Vater ließ sich dort kurzerhand anwerben mit dem Versprechen, daß der König ihn wegen des im Duell getöteten Mannes begnadigen werde. Und in der Tat, als Franz I. im Mai anno 1536 die Normannische Legion in Augenschein nahm, fand er alles zu seiner Zufriedenheit, so daß er jeglichen Bittgesuchen großmütig stattgab und auch meinen Vater begnadigte – allerdings unter der Bedingung, daß er fünf Jahre lang diene. »Und so geschah es«, pflegte Jean de Siorac zu sagen, »daß ich, nachdem ich die Kunst des Heilens erlernt, gezwungen war, das Töten zu meinem Handwerk zu machen.«

Es stieß meinem Großvater Charles höchst sauer auf, seinen Zweitgeborenen in dem niederen Stande eines Legionssoldaten zu sehen, nachdem er soviel Geld ausgegeben, damit selbiger Stadtmedicus werde; um so mehr da sein Ältester, Henri, der künftige Apotheker, immer mehr vom rechten Wege abkam: er vernachlässigte seine Studien, trank, spielte und brachte sein Geld mit liederlichen Frauenzimmern und Lustdirnen durch, bis er eines Abends mit leeren Taschen und ein wenig fremder Hilfe im Seine-Fluß ertrank.

Mein Großvater Charles fand schließlich Trost darin, daß diejenige seiner Töchter, welche er immer als »dumme Gans« verachtet hatte, der es indes nicht an gesundem Menschenverstand ermangelte, ihm einen trefflichen Tochtermann ins Haus brachte, der das Zeug hatte, seine Nachfolge anzutreten. Und so ward diese Apotheke sonderbarerweise zum zweiten Male nicht vom Vater auf den Sohn, sondern vom Schwiegervater auf den Tochtermann vererbt.

Was nun meinen Vater Jean de Siorac betraf: er war aus ganz anderem Holze geschnitzt als sein älterer Bruder. In der Legion strebte er mit Fleiß danach, sein Los aufzubessern. Er zeigte sich tapfer und ausdauernd, und obgleich er kein Wort von seiner Lizentiatur in der Heilkunst hatte verlauten lassen (aus Angst, mit dem Amte eines Feldschers fürliebnehmen zu müssen, was ihm nicht geschmeckt hätte), behandelte und verband er die Wunden seiner Waffengefährten, wofür er geschätzt ward von den einfachen Kriegsmannen wie den Truppenführern.

Er diente nicht nur fünf Jahre, sondern deren neun, nämlich von anno 1536 bis anno 1545, und jeder Feldzug brachte ihm eine weitere Wunde und einen höheren Rang ein. Vom Rottenführer stieg er auf zum Fähnrich, vom Fähnrich zum Leutnant. Und vom Leutnant ward er schließlich anno 1544 – mit Schuß- und Stoßwunden in allen Körperteilen, ausgenommen die lebenswichtigen – zum Hauptmann befördert.

Dieser Rang war in der Legion der höchste, zu dem ein einfacher Soldat aufsteigen konnte, und bedeutete den Befehl über tausend Legionäre, einen Sold von 100 Livres pro Monat Feldzug sowie einen größeren Beuteanteil beim Plündern der Städte. Doch was mein Vater noch höher schätzte: sein neuer Rang zog die Erhebung in den Adelsstand mit dem Titel eines Junkers nach sich, auf edele Art erworben mit Tapferkeit und Blut, nicht etwa durch Geld oder die Gefälligkeit eines Eheweibes.

Am gleichen Tage, da mein Vater den Hauptmannsgrad erhielt, ward auch sein Freund und Gefährte in guten wie in bösen Tagen, Jean de Sauveterre, befördert. Zwischen beiden Männern waren in den Wechselfällen der Schlachten und angesichts der Todesgefahr, aus der sie einander viele Male errettet, die Bande einer außergewöhnlichen Zuneigung gewachsen, der weder die Zeit noch die Widrigkeiten des Lebens noch die Heirat meines Vaters etwas anzuhaben vermochten. Jean de Sauveterre zählte fünf Jahre mehr denn Jean de Siorac, war so dunkel an Haut und Haaren wie letzterer blond, hatte ein vernarbtes Gesicht und war kurz angebunden in seiner Rede.

Mein Vater blieb nicht lange Junker. Anno 1545 kämpfte er so tapfer bei Ceresole d'Alba, daß der Herzog von Enghien, welcher an jenem denkwürdigen Tage den Befehl führte, ihn noch auf dem Schlachtfeld zum Ritter schlug. Die Freude meines Vaters ward indessen durch eine schwere Verwundung getrübt, die Jean de Sauveterre erlitten und durch welche sein linkes Bein lahm blieb. Nach dem Feldzug konnte er bestenfalls seine Versetzung zum Dienst in einer Zitadelle erwarten, was die Trennung von dem anderen Jean bedeutet hätte, welcher Gedanke für den einen wie den anderen ganz unerträglich war.

Während ihnen nun die Zukunft in solcherart trübem Licht erschien, schied mein Großvater Charles aus dem Leben. Er hatte kaum Zeit gehabt, sich an dem Glanze zu erfreuen, welchen der Aufstieg seines Zweitgeborenen der Familie verlieh. Er erwartete freudig den baldigen Besuch seines Sohnes, des »Chevalier de Siorac«, wie er ihn überall unter den Bürgern von Rouen ankündigte, als er von einem üblen Darmleiden – einem Miserere1, wie man sagte – erfaßt ward. Er verschied in Schweiß und Schmerzen, ohne seinen Jüngsten wiedergesehen zu haben, den einzigen Sohn, der ihm verblieben, und das einzige seiner Kinder, das er wirklich liebte, denn wie ich schon vermeldet, bedeuteten ihm seine Töchter nichts.

Der Chevalier de Siorac nahm sein Erbteil in Empfang, welches sich auf 7537 Livres belief, und kehrte in sein Feldlager zurück, wo er sich mit Jean de Sauveterre in das Zelt, das sie teilten, zurückzog, mit diesem gemeinsam aufzurechnen, wie hoch ihr Vermögen wäre. Dank ihrer Sparsamkeit und ihrer Abneigung gegen Spiel und Wein, die beiden Lasterpfühle des Soldaten, hatten sie ihr Soldgeld zu sparen vermocht und auch nur wenig von ihrem Beuteanteil aufgebraucht. Zudem hatten sie im Laufe der Jahre einem ehrlichen Juden zu Rouen größere Summen Geldes anvertraut, damit er sie durch Wucher vermehre, und so fanden sie sich nun gemeinsam im Besitz von 35 000 Livres, welches Vermögen ihnen ausreichend erschien, sich auf dem Lande niederzulassen, ohne dabei einen Unterschied zwischen dem, was dem einen und was dem anderen gehörte, machen zu wollen, denn sie gedachten von nun an alles zu teilen – den Gewinn wie den Verlust.

So verließen die beiden Jeans mit der Einwilligung des Generalleutnants und zu dessen Bedauern die Normannische Legion, samt ihren Pferden, Waffen, Schätzen und drei wackeren Soldaten in ihrem Dienst. Einer von diesen lenkte den Wagen, darauf sich all ihre vergänglichen Güter befanden sowie eine ganze Sammlung von erbeuteten Pistolen, Arkebusen und Stutzbüchsen, welche allesamt geladen waren. Von der Normandie bis ins Périgord war es ein weiter Weg, die Straßen waren wenig sicher, und die kleine Schar bewegte sich nur mit Vorsicht vorwärts, wobei sie den größeren Räuberbanden stets auswich, doch kleine Strauchritter, die ihnen Brückenzoll abpressen wollten, wacker niedermachte. Den solcherart Gemetzelten wurden die Waffen und Dukaten abgenommen, davon die drei Soldaten ihren Anteil erhielten und der Rest die Truhen der beiden Jeans auffüllte.

Hinter Bordeaux tauchte auf der Straße nach Bergerac eine liebreizende Schar junger Nonnen auf behäbigen Gäulen auf, denen eine stolze Äbtissin in einer Kutsche voranfuhr. Beim Anblick der fünf Soldaten mit ihren sonnengebräunten, vernarbten, bärtigen Gesichtern, welche sich ihnen in einer Staubwolke näherten, begannen die Nönnchen laut zu schreien, wohl erwartend, daß ihre jungfräulichen Erdentage zu Ende gingen. Jean de Siorac jedoch zügelte sein Roß am Fenster der Kutsche, grüßte die Äbtissin gar höflich, nannte seinen Namen und zerstreute ihre Befürchtungen. Sie war jung, von guter Herkunft, keineswegs abweisend, und bat meinen Vater mit holdreichen und vielversprechenden Blicken, ihr doch bis Sarlat Schutz und Geleit zu geben. Mein Vater, welcher damals – wie ihm nachgesagt ward – eine leichte Beute für alle Teufelinnen der Erde war, auch wenn sie im Gewande einer Äbtissin daherkamen, wollte schon zustimmen, als Jean de Sauveterre auf den Plan trat. Höflich, doch felsenhart, sein schwarzes Auge kalt auf die Jungfer gerichtet, tat er der Äbtissin dar, daß ein solches Geleit bei der Gangart, welche die Gäule ihrer heiligen Töchter an den Tag legten, seine Schar gehörig aufhalten und folglich länger den Fährlichkeiten der Straße aussetzen würde. Kurzum, es handele sich um einen Dienst, welcher nicht für weniger als fünfzig Livres gewährt werden könne, worauf die Äbtissin, aus deren Blicken jede Freundlichkeit gewichen, gar heftig zu disputieren begann. Allein Jean de Sauveterre blieb unerbittlich, so daß sie am Ende die vorgemeldete Summe bis auf den letzten Heller und noch dazu im voraus zahlte.

In meinen Kindertagen habe ich diese Geschichte wohl hundertmal von Cabusse gehört, einem unserer drei Soldaten, von denen die anderen beiden Marsal und Coulondre hießen. Und obgleich sie mir gar wohl gefiel, schien sie mir doch auch recht unverständlich, denn zum Schluß brach Cabusse jedesmal in ein großes Gelächter aus und rief: »Der eine Jean hat die Dukaten genommen und der andere Jean das übrige, Gott segne ihn!«

In Taniès war mein Urgroßvater, der alte François Siorac, inzwischen gestorben, doch Raymond, der ältere Bruder von Charles, dem Apotheker, hatte den Grundbesitz übernommen. Er nahm seinen Neffen freundlich auf, wenngleich er in seinem Innern recht erschreckt darüber war, fünf bärtige, gestiefelte und waffenstarrende Kriegsleute in sein Haus einfallen zu sehen. Doch Jean entschädigte ihn sowohl für Kost wie für Logis, und da es gerade Erntezeit war, krempelten die drei Soldaten die Ärmel hoch und gingen mit zur Hand. Es waren im übrigen wackere, rechtschaffene Kerle, und obgleich sie in der Normannischen Legion gedient, da sie seinerzeit in jener Provinz ansässig gewesen, stammten zwei von ihnen aus dem Quercy und der dritte – Cabusse – war Gascogner.

Noch ehe die beiden Jeans sich entschieden, wo und wie sie sich niederlassen sollten, suchten sie auf ihren besten Pferden und in ihren besten Gewändern, in welchen man ihnen dennoch den Soldatenstand ansah, die Burgen in der Umgebung auf, um sich dem sarladischen Adel vorzustellen. Jean de Siorac, damals im dreißigsten Jahr seines Alters, blond, blauäugig und von ansehnlicher Gestalt, erschien fast noch wie ein Jüngling, hätte nicht eine kleine Narbe auf der linken Wange von seinem Mannesalter gezeugt, ohne ihn dabei zu entstellen, denn alle anderen Wundmäler waren von den Kleidern verdeckt. Jean de Sauveterre hingegen, vierunddreißig Jahre zählend, das struppige Haar bereits angegraut, das Angesicht vernarbt, die Augen ernst und tiefliegend, wirkte beinahe wie dessen Vater. Dazu hinkte er, was er mit großer Gewandtheit tat, indes seine breiten Schultern große Körperkraft verrieten.

Weder der Chevalier de Siorac noch der Junker von Sauveterre waren darauf bedacht, ihre Herkunft zu verbergen, empfanden sie doch das geringe Alter ihrer Adelstitel keineswegs als Schande. Diese Offenheit zeigte deutlich, daß sie sich ihres Wertes wohl bewußt waren. Zudem waren beide von großer Gewandtheit in ihrer Rede, dabei ohne jede Hochmütigkeit noch Aufdringlichkeit, aber dennoch wirkend wie Männer, welche man besser nicht mit Verachtung behandelt.

Die Bewohner des Périgord genießen den Ruf der Liebenswürdigkeit, und so wurden die beiden Hauptleute überall mit Freundlichkeit empfangen, jedoch nirgends herzlicher als von François de Caumont, Seigneur de Castelnau et des Milandes, und seinen Brüdern.

Die prachtvolle Burg Castelnau, errichtet von seinem Großvater François de Castelnau, war noch keine fünfzig Jahre alt, und ihre Mauern erstrahlten in jenem für den perigurdinischen Stein charakteristischen Ockerton, welcher in der Sonne so freundlich wirkt. Wehrhaft hingebaut auf einen Felsen hoch über den Windungen des Dordogne-Flusses, flankiert von einem dicken Rundturm, erschien sie unseren beiden Hauptleuten gänzlich uneinnehmbar, außer vielleicht mit zahlreichem Feldgeschütz, welches jedoch den Nachteil hätte, von unten nach oben feuern zu müssen. Als sie über die Zugbrücke ritten, bemerkten sie im übrigen zwei Maueröffnungen, mit Feldschlangen bestückt, welche mögliche Angreifer ins Kreuzfeuer nehmen und diesen gewaltig hätten zusetzen können.

Und so ergingen sich die beiden Besucher denn auch gleich in langen Lobreden über diese gar neue, gar prachtvolle und überaus stark befestigte Burg, welche einen gar weiten Blick über die Dordogne-Ebene bot. Nach dieser Eröffnung, welche entsprechend der Wesensart meines Vaters nicht zu kurz ausfiel, wurde das Lob auf das artigste erwidert, denn François de Caumont hatte Kunde eingeholt über seine Gäste und pries nun seinerseits die außergewöhnliche Tapferkeit, welche sie im Dienste des Königs an den Tag gelegt. Dies alles dürfte wohl in jener geschraubten Redeweise vorgebracht worden sein, welche von unseren Vätern hochgeschätzt ward und deren sich gewisse Leute noch heutigentags bedienen, wohingegen ich sie als sehr umständlich empfinde und ihr die einfache und klare Rede des Bauersmannes vorziehe.

François de Caumont (mit dessen Bruder Geoffroy ich später in höchst blutige Ereignisse verwickelt wurde, daraus wir nur wie durch ein Wunder entkamen) war von kleinem Wuchs, doch breit in den Schultern, mit einer tiefen Stimme sowie glänzenden, aufmerksamen Augen. Mit fünfundzwanzig Jahren besaß er bereits die Weisheit des Alters, pflegte alles und jedes genau abzuwägen und nichts zu überstürzen.

Als dann die gegenseitigen Lobreden geendet, stellte François de Caumont seinen beiden Besuchern, in denen er Anhänger – gleich ihm – des »neuen Glaubens« zu erkennen meinte, sehr geschickte Fragen, und wiewohl ihm auf höchst vorsichtige Weise Antwort gegeben wurde, ersah er, daß er sich nicht täuschte. Und begriff sehr wohl, wie sehr Leute solchen Schlages die Reihen seines Lagers zu stärken vermöchten und es folglich angebracht wäre, ihnen bei ihrer Niederlassung alle Hilfe angedeihen zu lassen.

»Meine Herren«, sprach er also, »der Zufall ist Euch günstig, denn über acht Tage wird zu Sarlat die Baronie von Mespech versteigert, zu welcher, wiewohl sie seit dem Tode des letzten Herren so gut wie brachliegen, fruchtbare Äcker gehören, fette Wiesen sowie prächtige Kastanienwälder. Baron von Fontenac, dessen Güter Mespech benachbart sind, würde es gern billig kaufen, um solcherart seinen Besitz zu vergrößern, und so hat er alles ins Werk gesetzt, um den Verkauf zu verzögern; er hofft, daß Mespech mit der Zeit immer mehr verfällt, so daß sich schließlich kein Käufer mehr finden möchte. Doch im Interesse der Erben ist man nun in Sarlat entschlossen, die Machenschaften Fontenacs zu durchkreuzen, und hat die Versteigerung endgültig auf die Mittagsstunde des kommenden Montags festgesetzt.«

»Monsieur de Caumont«, hub da Jean de Sauveterre an, »zählt Baron de Fontenac zu Euren Freunden?«

»Keineswegs«, erwiderte Caumont gesenkten Blickes. »Keiner ist hier Fontenacs Freund, und auch er ist niemandes Freund.«

Mehr sagte er nicht, woraus Sauveterre mutmaßte, daß es dazu viel zu erzählen gäbe, Caumont aber lieber schweigen wolle. Auch Siorac hätte dies wohl bemerkt, wäre nicht in diesem Augenblick eine liebreizende Jungfrau eingetreten, die ein weit ausgeschnittenes Morgenkleid trug und deren blondes Haar bis auf die Schultern fiel. Seit er seine Besuche bei den adeligen Herren des Sarladischen Landes begonnen, hatte Siorac so viele Damen gesehen, deren Hals in steife Spitzenkrausen gezwängt war, darauf der Kopf wie auf einem Teller zu ruhen schien, daß er diesen Hals von makellosem Weiß, der mit der Anmut eines Schwanes bewegt ward, mit großem Entzücken betrachtete, indes die Jungfrau ihn ihrerseits mit ihren blauen Augen ansah. Man grüßte sich gegenseitig, und Sauveterre, welcher herbeigehumpelt kam, gewahrte an dem Halse, der Siorac solches Entzücken bereitete, eine Medaille, bei welchem Anblick sich seine Miene verfinsterte.

»Isabelle«, sprach Caumont mit seiner tiefen Stimme, »ist die Tochter meines Oheims, des Chevalier de Caumont. Mein Eheweib muß infolge einer Hirnverkühlung das Zimmer hüten, sonst wäre sie zu Ehren unserer Gäste herabgekommen. So wird meine Base Isabelle ihren Platz einnehmen. Obgleich nicht unbegütert, lebt Isabelle bei uns – zu unserer großen Freude, denn sie ist die Vollkommenheit in Person«, endete er mit einem Blick auf Siorac.

Verschmitzt setzte er hinzu, doch diesmal mit einem Blick auf Sauveterre: »Es gibt nichts Tadelnswürdiges an ihr, ausgenommen vielleicht ihre Vorliebe für Medaillen.«

Worauf die blauen Augen Isabelles zu blitzen begannen und sie gar heftig mit einer lebhaften Bewegung des Halses und der Schultern erwiderte:

»Worinnen ich, mein lieber Vetter, dem König Ludwig XI. ähnele …«

»Welcher ein großer König war trotz seiner Götzendienerei«, setzte Caumont mit ernster Stimme, doch lächelnden Auges hinzu.

Als die beiden Jeans am nächsten Tage sich auf ihren Rössern zur Burg Mespech begaben, fanden sie die Zugbrücke hochgezogen, und auf ihr Rufen zeigte sich nach einer Weile auf dem Burgwall ein Kopf mit borstigem Haarschopf, rotem Gesicht und stumpfen Augen.

»Ziehet weiter!« schrie der Mann mit rauher Stimme, »ich habe Befehl, niemandem zu öffnen!«

»Was für ein Befehl ist das?« fragte Jean de Siorac. »Und wer hat ihn dir erteilt? Ich bin der Chevalier de Siorac, der Neffe von Raymond Siorac aus Taniès, und bin willens, die Burg mit meinem Gefährten Jean de Sauveterre zu kaufen. Doch wie kann ich sie kaufen, wenn mir die Besichtigung verwehrt wird?«

»Oh, Moussu2, Moussu!« rief der Mann. »Ich bitte Euch untertänigst um Vergebung, doch bedeutete es große Gefahr für mein Leben und das der Meinen, so ich Euch einließe.«

»Wer bist du, und wie ist dein Name?«

»Maligou.«

»Ein rechter Saufbruder ist er, wie mich deucht«, sagte Sauveterre mit verhaltener Stimme.

»Maligou«, hub Siorac wieder an, »bist du ein Bedienter dieses Hauses?«

»Nein«, erwiderte er stolz, »ich besitze selbst einen Acker, ein Haus und einen Weinberg.«

»Einen großen Weinberg?« fragte Sauveterre.

»Groß genug für meinen Durst.«

»Und aus welchem Grunde befindest du dich allhier?«

»Nachdem ich meine bescheidene Ernte eingebracht, habe ich mich zu meinem Unglück von den Erben Mespechs für zwei Sols am Tag für die Bewachung der Burg verdingen lassen.«

»Welche zwei Sols du gar schlecht verdienst, wenn du die Käufer nicht einläßt!«

»Moussu, ich darf nicht«, erwiderte Maligou in kläglichem Ton. »So ist es mir befohlen, und wenn ich zuwiderhandele, setze ich mein Leben aufs Spiel.«

»Wer hat dir dies befohlen?«

»Ihr wisset schon, wer«, antwortete Maligou mit gesenktem Haupte.

»Maligou«, sprach da Sauveterre mit finsterer Miene, »wenn du nicht sogleich die Zugbrücke herabläßt, dann galoppiere ich nach Sarlat, den Kriminalleutnant mit seinen Bütteln zu holen. Die werden dich dann hängen dafür, daß du die Käufer behinderst!«

»Monsieur de La Boétie werde ich gewißlich einlassen«, sagte Maligou mit einem gewaltigen Seufzer der Erleichterung, »doch ich glaube nicht, daß er mich aufhängen läßt. Holet nur den Leutnant, Moussu, ehe ich von anderen umgebracht werde! Ich bitte Euch im Namen Gottes unseres Herrn und aller Heiligen!«

»Zum Teufel mit den Heiligen«, sprach Sauveterre leise. »Trägt der Kerl etwa auch eine Medaille der Jungfrau Maria?«

»Aber gewiß nicht an so liebreizender und vortrefflicher Stelle«, entgegnete Siorac mit halber Stimme und fuhr fort: »Also dann auf, Sauveterre, lasset uns nach Sarlat reiten! Durch die Schuld dieses störrischen Kerls haben wir noch ein gutes Stück Weg vor uns!«

»Oder durch die Schuld dessen, der ihn in Angst und Schrecken versetzt«, sprach Sauveterre, indes er sein Roß mit sorgenvoller Miene wendete. »Mein Bruder, wir sollten daran denken, daß wir keinen guten Nachbarn haben werden, wenn es stimmt, daß die Güter dieses Fontenac an Mespech grenzen.«

»Aber die Burg gefällt mir«, sprach Siorac, sich in den Steigbügeln aufrichtend. »Sie ist prächtig und neu! Es wäre ein großes Vergnügen, in einer so neuen Behausung zu wohnen. Zum Henker mit den engen Fensterhöhlen und den schwarzen, bemoosten Mauern! Um wieviel besser gefallen mir die hell leuchtenden Mauersteine und die Kreuzstockfenster, welche das Licht hereinlassen!«

»Aber auch dem Angreifer das Werk erleichtern …«

»Wenn notwendig, werden wir sie von innen mit dicken Fensterläden aus Eichenholz versehen.«

»Ihr wollet die Katze im Sack kaufen, mein Bruder«, sagte Sauveterre mit vorwurfsvoller Miene. »Wir haben noch nicht einmal die Felder gesehen.«

»Heute den Wohnsitz, morgen und übermorgen die Felder«, sprach da Siorac.

Anthoine de La Boétie, kraft königlichen Erlasses Kriminalleutnant im Amtsbezirk Sarlat und Domme, bewohnte zu Sarlat ein sehr schönes neues Haus gegenüber der Kirche, mit jenen Kreuzstockfenstern, welche meinem Vater so gefielen, der im übrigen ganz vernarrt war in jede Neuheit, ob in der Religion, im Feldbau, in der Kriegskunst oder der Medizin, in welcher Kunst er sich noch immer mit Fleiß bildete. Erst vor kurzem habe ich in seiner umfänglichen Bibliothek Ambroise Parés Abhandlung über die »Methode der Behandlung von Wunden, verursacht durch Arkebusen und andere Feuerrohre« gefunden, welche mein Vater, wie aus einer Anmerkung von seiner Hand auf dem Vorsatzblatt hervorgeht, am 13ten Juli anno 1545, dem nämlichen Jahre dieser Ereignisse um Mespech, bei einem Buchhändler zu Sarlat gekauft.

Monsieur de La Boétie war prächtig gekleidet mit einem seidenen Wams und trug einen Lippenbart sowie einen spitzen Kinnbart, beide wohlgestutzt und gekämmt. Neben ihm saß auf einem niedrigeren Stuhle ein recht häßlicher junger Mann von etwa fünfzehn Jahren. Doch war seine Häßlichkeit nur äußerlicher Natur, denn sie ward überstrahlt von einem Paar blitzender, lebendiger Augen.

»Mein Sohn Etienne«, sagte Monsieur de La Boétie nicht ohne Stolz. »Meine Herren«, fuhr er dann fort, »die finsteren Machenschaften Fontenacs sind mir nicht unbekannt. Er will Mespech in Besitz nehmen mit allen Mitteln, seien sie noch so ruchlos und gemein. Mir ist auch bekannt – ohne es indes beweisen zu können –, daß im letzten Monat einige Männer in seinem Auftrage des Nachts die Burgmauern erklommen haben, um Dachsteine zu entfernen, damit das Regenwasser eindringen möge und so die Decken und das Mauerwerk verderbe. Da Fontenac über nicht mehr als fünfzehntausend tourische Livres verfügt und ihm keiner hier auch nur einen Heller leihen wird, weiß er wohl, daß er Mespech für diesen Preis nicht bekommt, wenn sich noch andere Bieter zur Versteigerung einstellen. Um nun zu verhindern, daß er weiteren Schaden verursacht, haben die Erben den Maligou zur Bewachung der Burg bestellt, doch als Fontenac von Euren Absichten erfuhr …«

»Er kennt sie also!« rief Siorac aus.

»Wie ein jeder im ganzen Sarladischen Land«, erwiderte La Boétie lächelnd und strich über seinen Spitzbart. »In den Schlössern wie in den Katen spricht man nur von Euch. Und ein jeder weiß auch, daß Fontenac dem armen Maligou gedroht hat, ihn samt Frau und Kindern lebendigen Leibes in seinem Hause zu braten, wenn er Euch in die Burg einließe.«

»Und Fontenac würde solches auch tun?« fragte Sauveterre.

»Er hat schon Schlimmeres getan«, antwortete La Boétie mit einer Handbewegung. »Doch ist er schlauer als tausend Füchse und hat niemals genügend Beweise hinterlassen, daß man ihn hätte vor Gericht bringen können.«

»Wir sind den Krieg gewohnt und verfügen über drei wackere Soldaten«, ließ Sauveterre sich hören. »Herr Kriminalleutnant, was könnte dieser Räuberbaron gegen uns unternehmen?«

»Seine Leute im Walde postieren, auf daß sie Euch dort maskiert in einem Hinterhalt auflauern, und den Mord dann einer der Banden zuschieben, welche unsere Gegend verunsichern.«

»Und über wie viele Männer verfügt dieser Fontenac?«

»Über etwa zehn Galgenvögel, welche er seine Soldaten nennt.«

»Zehn?« sprach da Siorac mit kühnem Blick, »das ist sehr wenig.«

Es folgte eine kurze Stille, worauf La Boétie wieder anhub:

»Doch Fontenac hat sich bereits unterfangen, Euch mit Mitteln der Unterstellung zu schaden. Denn dieses Ungeheuer verfügt auch über eine heimtückische Sanftheit, hinter der er sein ruchloses Beginnen zu verbergen sucht. So hat er im bischöflichen Palast zu Sarlat verbreitet, Ihr wäret beide Anhänger der reformierten Religion.«

»Wir bekennen uns nicht zur reformierten Religion«, erwiderte Siorac nach kurzem Schweigen, »und gehen wie ein jeder zur heiligen Messe.«

Sauveterre stimmte weder zu, noch sprach er dagegen. Er schwieg nur. Dieser Unterschied entging Anthoine de La Boétie nicht. Sein Sohn Etienne indes erhob sich, trat lebhaften Schrittes ans Fenster und sprach, sich umwendend, mit viel Entrüstung und Beredsamkeit:

»Ist es nicht eine Erzschande, danach zu fragen, ob diese beiden Edelleute hier zur Messe gehen oder nicht, wo sie doch zehn Jahre lang ihr Blut im Dienste des Königreiches vergossen haben? Und wer stellt eine solche Frage? Ein Mordbrenner, eine wilde Bestie, ein Henkersknecht, der sich der Religion wie eines Schildes zu bedienen sucht, um dahinter seine abscheulichen Taten zu begehen! Gott bewahre uns vor der Tyrannei, insonderheit vor dieser schlimmsten, welche die Gewissensfreiheit nicht achtet …«

»Mein Sohn«, sprach darauf Anthoine voller Zuneigung und Bewunderung, »ich weiß sehr wohl, welch edele Gefühle Euer Herz bewegen, wenn es gegen die Knechtschaft geht.«

»Zudem versteht Ihr es auf bewundernswerte Weise, Eure Gedanken in Worte zu setzen, Monsieur«, fügte Siorac hinzu, der sehr wohl bemerkt hatte, daß Etienne »im Dienste des Königreiches« und nicht »des Königs« gesagt.

Etienne setzte sich wieder neben seinen Vater und drückte ihm errötend die Hand, indes er seine glühenden Augen voller Dankbarkeit für die zustimmenden Worte auf ihn gerichtet hielt. ›Wie trefflich hat es die Natur gefügt‹, dachte Siorac, ›indem sie diese beiden zu Vater und Sohn machte, denn sie könnten einander nicht ähnlicher sein in ihrem Herzen und in ihrem Sinn.‹

»Ach, mein Herr Vater!« hub Etienne mit Tränen in den Augen wieder an, »warum nur nehmen die Völker die Tyrannei so leicht hin? Ich grübele darüber alle Tage, die Gott werden läßt. Ich kann den teuflischen Feldzug vom vergangenen April gegen die armen Waldenser im Luberon nicht vergessen, wo man achthundert Bauersleute hingemetzelt, ihre Dörfer niedergebrannt, ihre Weiber und Töchter in der Kirche zu Mérindol geschändet und danach in die Flammen geworfen; wo den alten Frauen, die es niemanden zu schänden gelüstete, Schießpulver in die Schamteile gesteckt ward, daß sie zerfetzt wurden, und man den Gefangenen bei lebendigem Leibe den Bauch aufschlitzte, ihr Gedärm um einen Stock zu wickeln! Und solche Grausamkeiten geschahen zu Cabrière in Gegenwart und unter dem Beifall des päpstlichen Gesandten! Und warum dies alles? Nur weil diese armen Menschen, friedlich und arbeitsam, gleich den ihnen nahestehenden Reformierten nicht zur Messe gehen, die Heiligen verehren und die Ohrenbeichte praktizieren wollten … Ihr wisset, mein Vater, welch guter Katholik ich bin, sosehr ich die Verderbtheiten der römischen Kirche mißbillige; doch werde ich schamrot darob, daß die Kirche des heiligen Petrus den König von Frankreich zu derartigen Abscheulichkeiten gedrängt hat …«

»Mein Sohn«, ließ sich La Boétie mit einem verlegenen Blick auf seine Besucher vernehmen, »Ihr wisset, daß unser König Franz I. ein Mann von großer Güte ist. Er hat das Schreiben, welches den Baron von Oppède zur Vollstreckung des vom Parlament zu Aix verfügten Urteils gegen die Waldenser bevollmächtigte, nicht gelesen, als er es unterzeichnete, weswegen er sich hernach große Vorwürfe machte und eine Untersuchung gegen die Schuldigen an diesem Blutbad verfügte.«

»Doch leider ist es nun zu spät!« rief Etienne, worauf er, die Verlegenheit seines Vaters gewahrend, verstummte und seufzend die Augen niederschlug.

Nach der darauf folgenden Stille hob Sauveterre wieder an:

»Um auf Fontenac zurückzukommen: wird denn das Wort dieses Schurken Gehör im Bischofspalast finden?«

»Ich weiß es nicht«, sagte La Boétie, obgleich er es sehr wohl zu wissen schien. »Dieser Verruchte spielt den guten Katholiken, wiewohl er ein erbärmlicher Christ ist. Er zahlt Messen und macht Schenkungen …«

»Welche der Bischof auch annimmt?«

»Wir haben ja gar keinen Bischof«, antwortete darauf La Boétie, mit dem Handrücken seinen Bart glättend. »Unser Bischof Nicolas de Gadis, welchen die Gemahlin des Dauphins3 hat ernennen lassen, stammt wie selbige Dame aus Florenz und lebt in Rom, allwo er auf seinen Kardinalshut wartet.«

»In Rom!« rief Siorac. »Da muß der von den Bauern ausgeschwitzte Kirchenzehnt aber eine lange Reise machen, um zu ihm zu gelangen!«

Worüber Etienne gar herzlich zu lachen anhub, so daß sich sein schwermütiges Gesicht unversehens wieder verjüngte.

»Wir haben jedoch einen Coadjutor«, fuhr La Boétie leicht spöttisch fort, »einen gewissen Jean Fabri.«

»Aber der wohnt in Belvès«, setzte Etienne hinzu, »denn die Luft von Sarlat verursacht ihm Beklemmungen, vor allem im Sommer …«

»Und von Sarlat nach Belvès«, fügte Siorac im gleichen Ton wie Etienne an, »ist auch die Reise für den Kirchenzehnt nicht so lang …«

»Aber einiges von besagtem Zehnt muß wohl in Sarlat verbleiben, denn es gibt hier noch den Generalvikar Noailles, welcher nach seinem Gutdünken regiert.«

Diese Wechselrede hatte zwischen den vier Männern, halb verdeckt durch die augenscheinliche Scherzhaftigkeit ihrer Worte, eine freundschaftliche Übereinstimmung entstehen lassen. La Boétie erhob sich nun, legte Etienne, der es ihm nachtat, den Arm um die Schultern, blickte lächelnd seine Gäste an, welche ebenfalls aufstanden – Sauveterre etwas langsamer wegen seines lahmen Beines –, und sprach mit perigurdinischem Witz, hinter welchem fast immer eine spöttische oder eine ernste Absicht steckt:

»Messieurs, wenn Ihr Mespech haben wollt, geht es nicht ohne einige Zugeständnisse ab. Es wäre sicherlich zuviel verlangt von Euch, wenn Ihr Anthoine de Noailles eine Spende übergeben solltet zu Ehren der Heiligen Jungfrau, für welche Ihr seit langem besondere Verehrung hegt …«

Siorac lächelte, ohne zu antworten, Sauveterres Miene indes blieb unbewegt.

»Doch vielleicht könntet Ihr Euch entschließen, am kommenden Sonntag zum Hochamt in Sarlat zu erscheinen. Der Herr Generalvikar selbst wird die Messe lesen und nicht verfehlen, Euch zu bemerken.«

»Nun gut«, erwiderte Siorac mit fröhlicher Miene, »wenn Mespech uns gefällt, werden wir ganz gewiß erscheinen.«

Der Leutnant mit seinen Bütteln, gefolgt von den beiden Jeans, war kaum am Burgtor angelangt, da senkte sich schon die Fallbrücke vor ihnen herab. Maligou, gehörig gescholten, doch gleichwohl unendlich erleichtert, ward nach Hause geschickt und die Bewachung der Burg bis zur Versteigerung vier von La Boéties Männern übertragen. Der Kriminalleutnant befürchtete nämlich, Fontenac könnte einen letzten verzweifelten Versuch unternehmen und die Burg abbrennen, was die Baronie ihres Herrensitzes beraubt hätte, so daß von Mespech nur noch die Ländereien geblieben wären, welche niemanden als den mächtigen Nachbarn zum Kauf gereizt hätten.

Nachdem La Boétie sich verabschiedet, inspizierten Siorac und Sauveterre Mespech vom Boden bis zum Keller. Dies geschah an einem Donnerstag. Am Freitag durchstreiften sie die Ländereien nach allen Richtungen. Am Samstag kehrten sie nach Sarlat zurück, wo sie sich vor dem Notario Ricou gegenseitig adoptierten und sich wechselseitig all ihren gegenwärtigen und künftigen Besitz überschrieben. Von diesem Augenblick an wurden die beiden Jeans zu Brüdern – verbunden nicht nur durch die Freundschaft, welche sie sich geschworen, sondern auch kraft des Gesetzes – und zu gegenseitigen Erben, so daß Mespech, wenn sie es erwürben, ihr gemeinsamer unteilbarer Besitz wäre.

Ich habe diese bewegende Urkunde gelesen. Sie ist gänzlich in okzitanischer Sprache abgefaßt, während zu jener Zeit alle amtlichen Schriftstücke bereits in Französisch aufgesetzt zu werden pflegten; doch die Notare waren die letzten, welche sich dieser Regel beugten, da ihre Klienten die Sprache des Nordens oft nicht verstanden.

Als sich nun die Kunde von der Verbrüderung der beiden Hauptleute in Sarlat verbreitete, begann man davon zu sprechen, daß diese beiden wackeren Männer die Burg Mespech dem Fontenac vor der Nase wegschnappen würden, welche Vermutung verstärkt ward, als man die beiden am nächsten Tage beim Hochamt sah. Es ging auch die Rede, daß sie nach der Messe dem Generalvikar Anthoine de Noailles eine Schenkung von fünfhundert tourischen Livres gemacht »für jegliche vormalige Soldaten des Königs, welche alt und verkrüppelt ihr Leben in der Diözese von Sarlat fristeten«.

Als die beiden Hauptleute an jenem Sonntag in Sarlat anlangten, boten sie wahrlich nicht den Anblick von Hasenherzen, die sich leicht ins Bockshorn jagen lassen. Begleitet von ihren drei Soldaten, ritten sie stolz zum Stadttor hinein, alle fünf – ausgenommen Coulondre – mit der Pistole in der Faust, der blanke Degen von der Hand hängend, welche die Zügel führte. So zogen sie durch die Straßen, Siorac und Sauveterre ein Auge auf die Fenster gerichtet, ihre Männer den Blick auf die Passanten. Sie steckten ihre Waffen erst weg, als sie vor dem Hause La Boéties absaßen. Auf das Hufgetrappel hin war der Leutnant aus seinem Hause getreten und kam ihnen entgegen, ein Lächeln auf den Lippen und die Hände ausgestreckt, um den Honoratioren (welche sich, wie es bei schönem Wetter Brauch war, vor der Messe auf dem Platze versammelt hatten) zu zeigen, welche Wertschätzung der königliche Offizier den Neuankömmlingen entgegenbrachte.

Nachdem die Herren Brüder in sein Haus eingetreten, kam Bewegung in die versammelte Menge: die Bürgersleute befragten einander unter vielem Kopfnicken, indes das einfache Volk sich um die fünf feurigen Rösser drängte, deren schweißglänzende Leiber sowie die verzierten Sättel zu bewundern, in deren Taschen schwere Pistolen steckten.

Unter den Bürgern von Sarlat und bei den Schloßadeligen war Fontenac verhaßt wegen seiner abscheulichen Mord- und Gewalttaten, doch unter dem gemeinen Volk genoß er einiges Ansehen, weil er mit dem auf seinen Raubzügen erbeuteten Gelde zuweilen Heiligenprozessionen veranstalten ließ, welche indessen, da Fontenac den reichlich fließenden Wein bezahlte, zu höchst unzüchtigen Ausschweifungen führten, denen La Boétie dann ein Ende setzen mußte. Trotzdem vermeinen manche, man dürfe dem Stadtvolk, welches vom Morgen bis in die Nacht für ein paar armselige Sols arbeiten muß, seine Vorliebe für Heiligenprozessionen nicht verübeln, verlängern selbige doch seine karge Freizeit; die von den Katholiken verehrten zahlreichen Heiligen bescheren ihm im Jahre immerhin mehr als fünfzig Feiertage neben den Sonntagen, aus welchem Grunde es auch immer leicht war, das Volk gegen die Anhänger der reformierten Religion aufzubringen, welche es verdächtigt, ihm die Feiertage zu nehmen, weil sie ja die Heiligen abschaffen wollen.

Obgleich die Sprache des Quercy und der Gascogne sich von der ihren unterschied, wurden die herumstehenden Gaffer bald gewahr, daß unsere Soldaten okzitanisch miteinander sprachen, und so stellten sie, die Rösser streichelnd, die Sättel bestaunend wie auch den eisernen Haken, den Coulondre an der Stelle der linken Hand trug, schier endlose Fragen, auf welche allein Cabusse antwortete, denn als Gascogner besaß er einen aufgeweckten Verstand und eine geschickte Zunge.

»Werden Eure Herren Mespech kaufen?«

»Wir haben keine Herren. Die beiden Brüder sind unsere Hauptleute.«

»Werden Eure Hauptleute die Baronie kaufen?«

»Solches ist gut möglich.«

»Haben sie denn genug Geld dafür?«

»Ich habe nicht nachgesehen in ihren Truhen.«

»Es wird gesagt, der Baron de Fontenac habe fünfzehntausend tourische Livres.«

»Gott erhalte sie ihm.«

»Haben Eure Hauptleute mehr?«

»Da müßt ihr sie selbst fragen.«

»Man sagt, wenn Eure Hauptleute Mespech kaufen, wird Monsieur de Fontenac diesen Schimpf nicht verdauen.«

»Gott schenke ihm eine gute Verdauung.«

»Ihr schwört bei Gott. Schwört Ihr auch bei den Heiligen?«

»Ei gewiß! Beim Heiligen der Maulaffen!«

»Welcher Religion seid Ihr?«

»Derselben wie ihr.«

»Es geht die Rede, Eure Hauptleute hingen dem verdammlichen Ketzertum an.«

»Solches können nur Dummköpfe behaupten.«

Nach diesen Worten richtete Cabusse sich auf und rief mit donnernder Stimme:

»Ihr lieben Leute, lasset unsere Gäule in Frieden und nehmet eure Hände von den Sätteln!«

Und so groß ist der Respekt vor einer hochgewachsenen Gestalt und einer Donnerstimme, daß die Menge sofort gehorchte.

Sobald sich die Haustür hinter den Gästen von Monsieur de La Boétie geschlossen, kam der Kriminalleutnant sogleich zur Sache.

»Messieurs«, so hub er an, »ich habe von einem Zuträger erfahren, daß Fontenac Euch heute nacht in Taniès zu überrumpeln gedenkt. Wenn Ihr es wünscht, könnt Ihr mit Euren Männern die heutige Nacht und die Zeit bis zur Versteigerung in meinem Landhaus verbringen.«

»Ich danke Euch sehr für Euer edeles Angebot, Monsieur de La Boétie«, erwiderte Siorac, »doch kann ich es nicht annehmen. Wenn Fontenac uns nicht in Taniès fände, würde er womöglich gemeine Rache an meinem Oheim, meinen beiden Vettern und den armen Dorfleuten nehmen!«

»Siorac hat recht«, setzte Sauveterre hinzu, ohne dem Bruder zu verübeln, daß er geantwortet, ohne ihn zu befragen. Und er fuhr fort: »Dank Euch, Herr Leutnant, werden nicht wir es sein, die heute nacht überrumpelt werden, sondern Fontenac.«

»Er wird sich bei der ganzen Sache gar nicht sehen lassen«, erwiderte La Boétie, »dafür ist er zu schlau.«

»Doch wenn wir seine Mörderbande niedermachen«, sprach Siorac, »ist es, als ob wir ihm die Klauen abhackten!«

Das Dörfchen Taniès, das in damaliger Zeit etwa ein Dutzend Familien zählte, drängt sich um einen wuchtigen Kirchturm auf einem Hügel; ein steiler Weg führt in das Beunes-Tal hinab, welches sich bis zum Flecken Les Ayzies erstreckt. Neben dem Beunes-Fluß verläuft eine recht gut gepflasterte Straße – der einzige Weg, welcher von der Burg Fontenacs hierher führt.

Nach Einbruch der Nacht postierten die beiden Hauptleute Cabusse und die beiden Söhne des Oheims Siorac am Fuße des Hügels, denn sie mutmaßten, die Angreifer würden ihre Pferde dort zurücklassen, um den steilen, steinigen Pfad zum Dorf auf leisen Sohlen hinaufzuschleichen. Cabusse und seine Helfer hatten den Befehl, sich verborgen zu halten und die Angreifer passieren zu lassen. Beim ersten Büchsenknall sollten sie dann den Bewacher der Reittiere niederschlagen und die Pferde in eine Scheune führen, welche der Oheim im Beunes-Tal besaß. Danach sollten sie zurückkehren, um diejenigen der Bande, welche gegebenenfalls zu entkommen suchten, am Fuße des Hügels mit ihren Arkebusen zu erledigen.

Cabusse, welcher mir die Begebenheit berichtet hat – denn die Herren Brüder liebten es nicht, mit ihren Heldentaten zu prahlen –, erzählte mir lachend, das schwierigste sei es gewesen, die Dorfleute zum Mittun zu überreden, denn ihre Furcht vor Fontenac war riesengroß. Doch nachdem sie einmal umgestimmt, waren sie unerbittlich in ihrem Grimm. Nach dem Kampf erledigten sie gnadenlos die Verwundeten und begannen sogleich, ihnen die Stiefel und Kleider vom Leibe zu reißen, und forderten lauthals einen Anteil an den erbeuteten Waffen und gar den Pferden, wo doch allein die Söhne Raymond Sioracs geholfen hatten, sie einzufangen.

Jedem dieser beiden sprachen die Hauptleute ein Reittier mit Sattel zu und den Dorfleuten ebenfalls zwei Pferde, die reihum für die Feldarbeiten genutzt werden sollten. Doch die Dörfler, gewöhnt an ihre Ochsen, verkauften die Pferde und teilten das Geld unter sich. Den Rest der Beute behielten die Herren Brüder, nämlich sechs starke, prächtige Gäule, die sich sowohl für die Feldarbeit als auch zum Reiten eigneten und von großem Nutzen sein würden, wenn es die brachliegenden Felder von Mespech zu bestellen galt.

Ohne daß auf seiten der Hauptleute auch nur ein einziger Verwundeter zu beklagen war, fanden in jener Nacht sechs Spießgesellen des Räuberbarons den Tod. Und es wurde ein Gefangener gemacht: der Pferdewächter, welchen Cabusse im Beunes-Grund niedergeschlagen. Als dieser in das Dorf gebracht ward, wollten ihn die Dörfler sogleich massakrieren, doch zumindest einer dieser Strauchdiebe mußte am Leben bleiben, auf daß er gegen Fontenac aussagte. Nach der Anzahl der Reittiere zu urteilen, mußte es zweien der Angreifer gelungen sein, im Schutze der Dunkelheit zu entkommen, obgleich die Nacht recht hell war. Doch jenseits des Beunes-Baches beginnt ein dichter Kastanienwald, welcher sich ohne Unterbrechung über die fünf Meilen bis zur Burg Fontenac erstreckt.

Am nächsten Tage, dem Montag der Versteigerung Mespechs, ließen die beiden Hauptleute die blutigen Leichname auf einen Karren laden und zusammen mit dem Gefangenen zu La Boétie bringen, welcher den letzteren im Stadtkerker festsetzen, die Toten aber am Galgen vor dem Stadttor zur Schau stellen ließ, wo sich alsbald eine dichte Menge von Schaulustigen drängte, darunter etliche Jungfern, obgleich die sechs toten Schurken nicht einen Faden mehr auf dem Leibe trugen.

Auch La Boétie verweilte dort geraume Zeit zusammen mit den Hauptleuten, nicht um sich an dem Anblick zu weiden, sondern um den Leuten zuzuhören und herauszufinden, ob nicht manch einer die Aufgeknüpften als Männer Fontenacs erkennte, mit welchen man in den Schenken gezecht. Und in der Tat, da der Wind sich gegen den Räuberbaron zu drehen begann, lösten sich auch einige Zungen.

Der Gefangene ward eine Stunde nach seiner Ankunft in Sarlat einer hochnotpeinlichen Befragung durch den Henker unterzogen und gestand unter der Folter alles und sogar mehr noch ein. Er enthüllte unglaubliche Missetaten, welche Fontenac vor zwei Jahren begangen und die sein eigenes Gewissen mehr zu belasten schienen als das seines Herrn.

Anno 1543 war nämlich ein wohlhabender Bürger namens Lagarrigue aus Montignac verschwunden. Einen Monat darauf verließ sein Weib den Ort, allein zu Pferde, und ward ebenfalls nie wieder gesehen. Das Geständnis des Gefangenen erhellte nun auf fürchterliche Weise das Verschwinden dieser beiden. Fontenac hatte Lagarrigue bei Anbruch der Nacht auf der Straße von Montignac nach Sarlat überfallen, die beiden Diener erschlagen und den Mann selbst auf seine Burg entführen lassen. Dann teilte er insgeheim dem Eheweib Lagarrigues mit, daß ihr Mann in seinen Händen sei: er werde ihn gegen ein Lösegeld von achttausend Livres wieder freilassen unter der Bedingung, daß sie das Geld in aller Heimlichkeit überbringe und keinem Menschen, selbst ihrem Beichtvater nicht, ein Wort davon sage.

Das unglückliche Weib, welches ihrem Angetrauten in großer Liebe zugetan, ließ sich in ihrer Sorge, ihn zu verlieren, zu der törichten Annahme verleiten, der Räuberbaron sei ein Mann, der sein Wort hält. Und so tat sie alles, was er geheißen. Als nun die Burgtore sich hinter ihr geschlossen, das Lösegeld gezählet und in der Schatztruhe verwahrt, sprach Fontenac, welcher ein Edelmann von schöner Gestalt, von Bildung und höflichen Sitten war, mit sanfter Stimme zu dem Frauenzimmer, sie möge sich nur ein wenig gedulden, bald sei sie wieder mit ihrem Manne vereint. Doch als sich dann die Tür auftat, ward Lagarrigue blutüberströmt und in Ketten hereingezerrt, und Fontenac, dessen Miene und Ton sich unversehens änderten, stieß das arme Weib seinen Soldaten mit den Worten vor die Füße, sie sollten sich an ihr vergnügen, falls sie Lust dazu verspürten. Was auch prompt geschah – vor den Augen Lagarrigues, welcher sich wie von Sinnen in seinen Ketten wand. Um die Qualen der unglücklichen Frau noch zu steigern, befahl Fontenac alsdann, den Ehemann vor ihren Augen zu erwürgen, und drohte ihr das gleiche Schicksal an. Zuvor aber überließ er sie noch zwei oder drei Tage seinen Soldaten. Doch etliche von denen begannen Mitleid mit ihr zu verspüren, denn trotz unsäglichen Leidens bewahrte sie sich ihre christliche Milde und Würde. Worauf Fontenac, gleichsam um ihnen eine Lektion in Grausamkeit zu erteilen, ihr den Dolch in die Brust stieß, selbigen in der Wunde hin und her bewegte und sie unter unflätigen und groben Reden fragte, ob solches nicht ihre Sinneslust aufreize. Die beiden Leichname wurden in den Wallgräben verbrannt, damit von dieser abscheulichen Missetat keine Spur verbliebe. Als der beißende Qualm aufstieg, sah Fontenac oben von der Burgmauer zu und höhnte, Lagarrigue und sein Weib könnten zufrieden sein, daß sie nun wieder vereint wären.

Fontenac hatte von dem Geständnis erfahren und ließ sich am Montag mittag nicht in Sarlat blicken. So ward Mespech bei Verlöschen der Kerze dem Chevalier Jean de Siorac und dem Junker Jean de Sauveterre für 25 000 tourische Livres zugesprochen, ein bescheidener Preis für die ausgedehnten, fruchtbaren Ländereien.

Man hätte glauben können, daß nun das Recht seinen Lauf nehmen und Fontenac endlich mit dem Leben hätte büßen müssen. Doch der Gefangene, welcher gegen ihn gezeugt, verstarb zwei Tage später in seinem Kerker an einer Vergiftung, wodurch das einzige Zeugnis, welches wider den Räuberbaron vorlag, in seinem ohnehin nicht hohen Wert weiter gemindert ward. Fontenac bekam zwar eine Vorladung vor das Parlament zu Bordeaux, doch er hütete sich, seine zinnenbewehrte Räuberhöhle zu verlassen, und sandte dem Vorsitzenden des Gerichts einen gar höflichen Brief in wohlgesetzten Worten, worinnen es an lateinischen Zitaten nicht mangelte.

Er entschuldigte sich unter vielerlei artigen Worten, daß er der Vorladung nicht Folge leisten könne, er liege todkrank darnieder und könne vor seinem nahen Ende nur noch für das Wohl seiner Seele beten. Im übrigen sei er in dieser Angelegenheit das Opfer einer heimtückischen Verschwörung, hinter der ganz offensichtlich niemand anderes als die Ketzer steckten. Es entspreche zwar der Wahrheit, daß die sechs zu Sarlat gehenkten Männer in seinem Dienst gestanden, doch hätten diese Treulosen, verführt durch hinterlistige Versprechungen, ihn am Vorabend heimlich verlassen, um sich samt der ihm gestohlenen Waffen und Pferde in den Dienst der Reformierten zu begeben, welche sich unter Verheimlichung ihres wahren Glaubens in der Provinz niederlassen und selbige mit Ketzerei verseuchen wollten. Als die ungetreuen Diener an dem von den verkappten Hugenotten genannten Treffpunkt ankamen, hätten letztere sie sogleich heimtückisch niedergemacht, um einen Angriff Fontenacs vorzutäuschen und sich der ihm gehörenden Waffen und Reittiere zu bemächtigen. Was den Gefangenen betreffe, so sei offensichtlich, daß sein angebliches Zeugnis, welches durch kein zweites habe erhärtet werden können (testis unus, testis nullus4), von den Hugenotten erkauft worden sei, um die jahrhundertealte Ehre der Fontenacs zu besudeln. Wenn er, Fontenac, diesem Elenden hätte gegenübergestellt werden können, hätte selbiger mit Sicherheit all seine abscheulichen Lügereien widerrufen. Doch leider habe ein höchst verdächtiger Tod (fecit cui prodest5) ihn zum Vorteil der Ankläger rechtzeitig zum Schweigen gebracht.

Zu guter Letzt verlangte Fontenac noch von dem Vorsitzenden des Gerichtes, den Herren Siorac und Sauveterre die richterliche Weisung zu erteilen, ihm unverzüglich seine Waffen und Pferde zurückzugeben.

Nun war in den letzten Jahren der Herrschaft Franz' I. der Parteigeist so mächtig und an den Parlamenten die Voreingenommenheit gegen all jene, die heimlich der Ketzerei anzuhängen schienen, so groß, daß dieser unverschämte und unzweifelhaft lügnerische Brief Fontenacs von dem Vorsitzenden und seinen Gerichtsräten ernst genommen ward, obgleich doch der schandbarliche Ruf Fontenacs ihnen bekannt war. So mußten sich die beiden Hauptleute, La Boétie, die beiden Konsuln von Sarlat sowie François de Caumont als Abgesandter des Adels eigens nach Bordeaux begeben, die Tatsachen richtigzustellen. Dennoch bestand das Parlament darauf, daß die beiden Hauptleute, welche überall mit Ehren aufgenommen wurden, einer Befragung zu ihrer Glaubensfestigkeit zustimmten. Was sie auch taten unter der Bedingung, daß dies nicht öffentlich geschehe, sondern in alleiniger Gegenwart des mit der Befragung beauftragten Gerichtsrates.

Selbiger war ein Mann mit bereits ergrautem Haar, besonnen und überhaus höflich, welcher sich in vielen Entschuldigungen erging, ehe er zur Befragung der beiden Brüder schritt.

»Herr Gerichtsrat«, sprach Siorac, »wie kann es geschehen, daß die Behauptungen eines solchen Erzschurken für ernst genommen werden?«

»Weil er ein guter Katholik ist, so groß seine Sünden auch sein mögen. Er geht zur Messe, zur Beichte und zur Kommunion, er begibt sich zu Exerzitien in ein Kloster, er …«

»Es ist nur höchst bedauerlich, daß seine Werke nicht mit seinen Worten übereinstimmen …«

»Es freut mich«, fuhr der Gerichtsrat fort, »Euch von den Werken des Menschen sprechen zu hören. Vermeinet Ihr nicht, daß ein Christ dank seiner Werke das ewige Leben zu gewinnen vermag?«

Sauveterres Miene verdunkelte sich, doch Siorac erwiderte ohne Zögern:

»Gewiß, das vermeine ich.«

»Ihr zerstreuet meine Bedenken«, sprach hierauf der Gerichtsrat mit einem Lächeln. »Im übrigen bin ich kein Kirchengelehrter und werde Euch nur einfache Fragen stellen, welche Ihr ohne Mühe beantworten könnt. Höret Ihr selbst regelmäßig die heilige Messe?«

»Ja, Herr Gerichtsrat.«

»Lassen wir doch die Förmlichkeiten. Wenn es Euch beliebt, antwortet nur mit ja oder nein.«

»Wie es Euch beliebt.«

»Ich fahre also fort. Verehret Ihr die Jungfrau Maria und die Heiligen?«

»Ja.«

»Rufet Ihr in Euren Gebeten die Jungfrau Maria und die Heiligen an?«

»Ja.«

»Erweiset Ihr den Medaillen, Bildnissen, Kirchenfenstern und Standbildern, welche sie darstellen, Eure Achtung?«

»Ja.«

»Billiget Ihr die Ohrenbeichte?«

»Ja.«

»Glaubet Ihr an die tatsächliche Gegenwart Gottes im heiligen Sakrament?«

»Ja.«

»Glaubet Ihr an das Fegefeuer?«

»Ja.«

»Glaubet Ihr, daß der Papst das heilige Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche ist und daß jeder Christ ihm Gehorsam schuldet?«

»Ja.«

»Glaubet Ihr, daß der Papst Ablaß erteilen kann?«

»Ja.«

»Verehret Ihr die Reliquien der Heiligen und Märtyrer?«

»Ja.«

»Seid Ihr willens, der Prozession zu Ehren der Heiligen Jungfrau ehrfürchtig, barhäuptig und mit einer Kerze in der Hand zu folgen?«

»Ja.«

Der Gerichtsrat wandte sich alsdann Sauveterre zu, um nunmehr diesen zu befragen, doch der erhob sich, trat humpelnd näher und sprach mit Festigkeit in Stimme und Blick:

»Herr Gerichtsrat, mein Bruder hat all Eure Fragen ausgezeichnet beantwortet. Nehmet seine Antworten auch als die meinigen. Und wollet daraus schließen, daß unsere Religion in allen Punkten der des Königs von Frankreich gleicht, welchem wir beide so getreulich in der Normannischen Legion gedient.«

Diese knappe Antwort war sehr schlau, und der Gerichtsrat merkte, daß er nicht länger zu insistieren brauchte. Doch er war nicht zufriedengestellt; denn er kannte sich aus mit Menschen, welche von der reformierten Religion angezogen werden wie die Eisenspäne vom Magneten, und so sprachen selbst die Tugenden der Hauptleute, ihr Ernst, ihr Wissen, ihr stiller Mut, nicht zu ihren Gunsten.

»Es sind höchst ehrenwerte Männer«, sprach der Gerichtsrat nach der Befragung zum Vorsitzenden, »ohne Fehl und Tadel, doch bekennen sie sich nur halbherzig zur Religion des Königs. Ich vermeine an ihnen den Geruch des Hugenotten zu verspüren.«

»Auch wenn Ihr eine feine Nase habt«, entschied der Vorsitzende, »so ist der bloße Geruch doch nicht ausreichend. Solange sie sich nicht zu der verdammlichen Reformation bekennen, widersetzen sie sich ihrem König nicht. Überlassen wir also den Glaubenseifer den Männern der Kirche.«

Welchen Geruch das Parlament an dem Baron von Fontenac verspürte und über welche heimlichen Gönner dieser Erzschurke verfügte, erfuhr das gemeine Volk nicht. Der Urteilsspruch, welcher ihn »mangels handgreiflicher Beweise und unwiderlegbarer Zeugnisse« lediglich auf zwanzig Jahre aus den Amtsbezirken Sarlat und Domme verbannte, ward jedenfalls in der ganzen Provinz als übermäßig mild angesehen.

Auf dem Rückweg ritt La Boétie den anderen voraus, um in Libourne das Quartier für die kleine Schar vorzubereiten; Caumont und die Konsuln von Sarlat blieben zurück, indes die Hauptleute – die »Herren Brüder« – ihm folgten.

»Es ist Jammer und Schade, daß wir in so großer Eile sind«, hub La Boétie an, »sonst wären wir über Montaigne geritten, wo ich Euch einen kleinen Kerl von zwölf Jahren gezeigt hätte, welchen sein Vater von klein auf das Lateinische gelehrt und der nun zur Bewunderung aller die ›Metamorphosen‹ des Ovid im Original liest.«

»Dieser Seigneur hat tausendmal recht«, sprach Siorac, »soviel Mühe auf die Unterrichtung seines Sohnes zu verwenden. Es braucht viele gelehrte Männer, uns aus dem Zustand der Barbarei herauszuführen.«

»Doch leider sind Wissen und Gewissen nicht immer Schwestern«, fügte La Boétie hinzu. »Auch Fontenac ist sehr gebildet.«

»Und dieser Schurke kommt so billig davon!« rief Sauveterre. »Zwanzig Jahre Verbannung für so viele gemeine Morde! Das Blut kocht mir ob solcher Ungerechtigkeit!«

»Freilich hat dieser Fontenac ein Dutzend Menschen umgebracht«, ließ sich La Boétie wieder vernehmen, »doch was ist er gegen den Baron d'Oppède, der die waldenser Bauern im Luberon gleich zu Hunderten massakrieren ließ, ihre Felder im Namen des Königs beschlagnahmte und sie dann heimlich aufkaufte? Man hat ihm zwar einen Prozeß gemacht, doch ist es so sicher wie das Amen in der Kirche, daß er mit reiner Weste daraus hervorgehen wird!«

»So geht es zu in dieser traurigen Welt«, sprach Sauveterre, »überall nur Blut und Unflat und lügnerischer Aberglaube, welcher das reine Wort Gottes verfälscht!«

Die Antwort war Schweigen. Keinem stand der Sinn danach – auch nicht Siorac und am allerwenigsten Herrn de La Boétie –, dem Hasen nachzujagen, den Sauveterre aufgescheucht.

»Und an wen fällt für die kommenden zwanzig Jahre die Baronie Fontenac?« fragte Siorac schließlich.

»An den einzigen Sohn des Barons, Bertrand de Fontenac, welcher jetzt mündig ist, da er gerade fünfzehn Jahre geworden.«

La Boétie fügte hinzu:

»Den alten Wolf seid Ihr jetzt los, Messieurs, aber es ist ein Wölfling da. Und von dem ist kaum Gutes zu hören. Er ist zwar noch jung an Jahren, doch die Reißzähne können ihm schon wachsen.«

Zweites Kapitel

Ich wurde im Frühling anno 1551 geboren – sechs Jahre, nachdem die Herren Brüder Mespech erworben, und somit zu einer Zeit, da sich sein Aussehen schon verändert hatte. Die Veränderungen betrafen indes weniger die eigentliche Burg: der große viereckige Bau von zwei Stockwerken Höhe umschloß einen Innenhof und hatte vier Ecktürme mit Pechnasen, welche durch einen mit Zinnen versehenen Wehrgang miteinander verbunden waren.

Doch zum Zeitpunkt des Kaufes war die Burg umgeben nur von einem lächerlichen Wassergraben, kaum einen Klafter breit und so flach, daß selbst ein kleiner Mensch, so er hineingefallen wäre, überall hätte stehen können. Er war folglich zur Verteidigung kaum nützlich und machte die Zugbrücke fast überflüssig, welche von einem Torhaus auf der Südseite den Zugang zur Innenburg ermöglichte. Denn in der Tat hätte ein jeder ohne jegliche Gefahr für sein Leben das Wasser durchqueren und eine Leiter an die Burgmauer anstellen können.

Der Erfindungsgeist und die Kunstfertigkeit, womit die Hauptleute diesen Wallgraben zu verändern suchten, wären indes ohne einen glücklichen Umstand wirkungslos geblieben: der Brunnen in einer Ecke des Innenhofes erwies sich als unerschöpflich. Die Herren Brüder wurden dessen gewahr, als sie ihn kurze Zeit nach dem Erwerb der Burg reinigen wollten. Mitten im August, in einer Zeit großer Trockenheit, begannen zwei Männer mit Eimern zu schöpfen. Da sich der Wasserspiegel nicht senkte und der Brunnenschacht breit genug war, machte man sich zu dreien, zu vieren, zu fünfen ans Werk … Zu acht gelang es schließlich, den Wasserstand um einiges abzusenken, doch da ward eine Erdspalte sichtbar, aus der ein armdicker Wasserstrahl hervorströmte. Die Hauptleute befahlen darauf, die Arbeit einzustellen, und in kurzer Zeit hatte sich der Brunnen wieder bis zu der Röhre gefüllt, welche den Überschuß an Wasser in den Wallgraben leitete.

Dieser Zufluß mußte umgeleitet werden, ehe man in den Gräben an die Arbeit gehen konnte, was erst nach der Weinlese möglich war, da es eine große Zahl von Männern brauchte, um die Grabungen entsprechend den Plänen der Hauptleute auszuführen. Zusätzlich zu den Soldaten, dem Gesinde und den Nachbarn wurden noch Tagelöhner gedungen, welche auch Kost erhielten, denn die Herren Brüder sparten nicht bei der Ausführung ihres großen Vorhabens, einen Weiher von einem guten Klafter Tiefe und sieben Klaftern Breite um die Burg herum anzulegen.

Auf diese Weise ward Mespech zu einer Insel, welche vermittels einer so sinnreichen, kunstfertigen und wehrhaften Brückenanlage mit dem festen Land verbunden war, daß ich niemals einen Besucher erlebt, welcher nicht sogleich von höchster Bewunderung darüber erfaßt ward.

Die Zugbrücke des Torhauses führt nämlich nicht zum festen Lande, sondern zu einem kleinen runden Turm, welcher im Wasser steht. Dieser Turm weist nun seinerseits eine Zugbrücke auf, welche zu einer Insel von fünf mal fünf Klaftern führt. Auf dieser Insel, umgeben von einer hohen, mit Schießscharten versehenen Mauer, befinden sich die Schuppen, worinnen Wagen, Pflüge, Eggen und anderes Gerät abgestellt werden, sowie – auf der Mespech zugewandten Seite – ein Waschplatz. Auf der anderen Inselseite, wo der Graben sich etwas verengt, stehet wiederum ein Turm mit einer dritten Zugbrücke, welche die Verbindung zum anderen Ufer herstellt.

Die drei Zugänge sind so schmal, daß zwei Fuhrwerke nicht aneinander vorbeikommen und das Einfahren der Ernte und des Heus oder das Eintreiben des Viehs auf den inneren Burghof nur langsam vonstatten geht; des Nachts wird nämlich alles hinter die schützenden Mauern gebracht, ausgenommen die größeren Gerätschaften, welche nur schwer zu bewegen sind und deshalb auf der Insel verbleiben. Aber die große Breite und Tiefe des die Burg umgebenden Wassers sowie die drei Zugbrücken geben ein starkes Gefühl der Sicherheit, welches auf eine unerklärliche Weise auch zu der Schönheit des Ganzen beiträgt.

Lange Zeit glaubte ich, diese so wehrhafte und dem Auge so angenehme Brückenanlage sei einmalig in ganz Frankreich, doch in meinen Mannesjahren gewahrte ich eines Tages, da ich in wildem Ritt über Berg und Tal einer Räuberbande zu entkommen suchte, unversehens eine Burg, welche mit dem sie umgebenden Weiher und einer turmbewehrten Insel meinem heimatlichen Mespech sehr ähnlich war. Allein ich konnte nicht verweilen in meiner Flucht vor dieser Meute greulicher Kerle, welche mit gezogenem Degen und wilden Schreien hinter mir her waren und mir den Säckel, das Roß und das Leben zu nehmen trachteten.

Dank der Schnelligkeit meines wackeren Rappen entkam ich ihnen, doch vermochte ich seither diesen liebenswerten Wohnsitz nicht wiederzufinden. Ich weiß nur, daß er sich irgendwo im Umland der großen Stadt Bordeaux befinden muß.

Auf dem jenseitigen Ufer unseres Weihers befinden sich der Küchengarten, bequem zu erreichen und zu bewässern, der Obstgarten sowie – ein Stück tiefer gelegen, damit sie die Aussicht nicht behindern – unsere Nußbäume, von denen wir eine Vielzahl besitzen und deren Früchte uns Öl für die Lampen, für die Küche und auch für den Verkauf liefern. Die beiden Gärten sind umgeben von einem hohen Zaun aus angespitzten und im Feuer gehärteten Holzpfählen. Hinter dem Zaune haben unsere Soldaten Fußangeln eingegraben, die Strauchdiebe zu fangen, die es zur Reifezeit des Nachts wagen sollten, Gemüse oder Obst aus dem Garten zu stehlen. Denn das Elend in unserem Périgord ist leider so groß und die Schar der Bettler so zahlreich – sie strömen, vom Hunger aus den Bergen der Auvergne getrieben, vom Osten her in unsere Provinz –, daß kein Sommer vergeht, in dem nicht eines Tages ein armer Teufel in unserem Garten gefunden wird, welcher stöhnend und mit blutigem Fuß zu den Gemüsebeeten hinstrebt, wohl wissend, daß er kraft der herrschaftlichen Gerichtsbarkeit gehängt wird, sobald man ihn entdeckt.

Meine Mutter beklagte diese Hinrichtungen, doch die Herren Brüder hielten ihr entgegen, daß diese armen Kerle, so man sie blutend und humpelnd ziehen ließe, zu den Qualen eines langsamen Todes verurteilt wären. Meine Mutter erreichte indes, daß sie vor dem Erhängen mit einem Schlag betäubt wurden, um ihre Todesqualen abzukürzen, und daß man die Leichname nicht am Galgen verwesen ließ, wie es der Brauch wollte.

Seither begrub man sie also in geziemender Weise auf einem steinigen Stück Erde, darauf bis zum damaligen Tage noch kein einziges Kraut gewachsen war. Zu diesem Friedhof der namenlosen Bettler begab sich am ersten Sonntag eines jeden Monats meine Mutter, um zu beten, gefolgt von der Amme Barberine, welche mich auf dem Arme trug, von deren kleiner Tochter Hélix, welche ihr am Rock hing, sowie von dem bewaffneten Cabusse, denn weder Weib noch Kind durfte Mespech ohne Eskorte verlassen. Später, da das Verbot nicht mehr so genau befolgt ward, habe ich oft mit der kleinen Hélix an diesem Ort gespielt. Die armen Bettler, welche zu ihren Lebzeiten oft Hunger gelitten, müssen die Erde nach ihrem Tode wohl gut gedüngt haben, denn jetzt wächst dort dichtes Gras, und im Frühjahr blühen wunderschöne gelbe Narzissen, welche indessen keiner zu pflücken wagt. Es heißt, daß eine solche Blume, wenn sie geschnitten wird, einen Seufzer ausstößt, und wer diesen Klageton hört, ob Mann oder Weib, ist dazu verdammt, für den Rest seines Lebens Hunger zu leiden.

Ein Jahr nach dem Kauf von Mespech ehelichte mein Vater Isabelle de Caumont, welche mit ihren blauen Augen, blonden Haaren und der Medaille am Hals einen so tiefen Eindruck auf ihn gemacht, als er zum ersten Mal mit Sauveterre auf Castelnau zu Gast war. Isabelle war »von ebenmäßigem Wuchs mit festen, üppigen Rundungen, die Beine schlank und hoch, die Füße zierlich«. Diese Beschreibung stammt von meinem Vater und ist zu lesen auf der ersten Seite in seinem »Buch der Rechenschaft«, das er am Tage seiner Hochzeit, dem 16ten September anno 1546, begann. Er vermerkt weiter, daß er zweiunddreißig und sein Eheweib fünfzehn Jahre alt, daß sie anmutig anzusehen, gesund an Leib und Seele, von höchst vergnüglicher Gesellschaft, von fröhlichem, beständigem Sinn, wenn auch zuweilen ein wenig starrköpfig, und dazu trotz ihrer Neigung zur Götzendienerei eine gute Christin sei. »Die Hochzeitsfeier, die Kleider, die Schenkung an die Geistlichkeit, die Gaben für die Armen sowie die beiden Festmähler beliefen sich«, so lese ich weiter, »auf 500 tourische Livres, eine bescheidene Summe angesichts der üblichen Gepflogenheiten des Adels.« Sauveterre hat am Rande mit seiner kleinen Krakelschrift angemerkt: »Noch zuviel! Fünfhundert Livres sind der Preis für ein schönes Stück Ackerland.«

Dies war indessen kein Anlaß für Zwist unter den Brüdern. Schon zu alt, um noch auf Brautschau zu gehen, war es Jean de Sauveterre zufrieden, daß Jean de Siorac eine Familie gründete, damit wenigstens einer für Nachkommenschaft sorge, an die Mespech vererbt werden könnte. Allerdings störte ihn Isabelles Medaille ein wenig wie auch die plötzliche Anwesenheit so vieler Frauenzimmer auf Mespech, denn Isabelle brachte ihre Kammerjungfer Cathau mit, ein Jahr später folgte die Amme Barberine mit ihrer Tochter Hélix, welche sie zu gleicher Zeit säugte wie das erste Kind meiner Mutter, meinen älteren Bruder François.

Sauveterre, welcher überaus sparsam mit den gemeinsamen Gütern umging und sehr bedacht auf deren Mehrung war, konnte sich zumindest nicht beklagen, daß Isabelle de Caumont mit leeren Händen nach Mespech gekommen sei. Außer ihren verwandtschaftlichen Bindungen zum Adel des Périgord brachte sie zweitausend Dukaten in die Ehe ein, weiterhin einen stattlichen Kastanienwald, eine Wiese an der Straße nach Les Ayzies, ausreichend für zwei, drei Kühe, und zu allem noch einen ansehnlichen Steinbruch, kaum drei Meilen von Mespech entfernt, in dem sich der heimische ockerfarbene Stein leicht gewinnen ließ.

Bestrebt, all ihren Besitz nutzbringend zu verwenden – so verkauften sie zum günstigsten Zeitpunkt und zu günstigem Preis alles, was die Wirtschaft abwarf, sei es nun Korn, Heu, Wolle, Honig, Nußöl, Schweinefleisch oder ein zweijähriger Wallach –, gedachten die Herren Brüder, aus diesem Steinbruch Gewinn zu ziehen, denn in jener Zeit pflegten Bürger wie Edelleute zum Prunk wie zu ihrer Bequemlichkeit viel zu bauen auf dem Lande.

So ließen die Hauptleute am Sonntage nach der Hochzeit unter Trommelwirbel und Trompetenschall zu Sarlat verkünden, daß sie einen guten Steinbrecher suchten, welcher sich ihnen am kommenden Sonntag auf dem Kirchplatz vorstellen möge. Doch schon am folgenden Tage erschien an der ersten Zugbrücke vor dem kleinen runden Inselturm ein bärtiger Geselle von hohem Wuchs und vierschrötiger Gestalt. Sein grobes Leinenhemd ließ auf der Brust eine dichte schwarze Behaarung sehen, und seine Beinlinge waren an Knöcheln und Knien mit Lederstreifen umwunden. Er war bepackt wie ein Lastesel, denn über der einen Schulter trug er einen großen englischen Bogen und an seinem Gürtel hingen ein großer Eßnapf, ein langes Messer sowie ein Köcher mit Pfeilen. Auf dem Rücken hatte er eine große Holzkiste, gehalten von einem breiten Riemen über der rechten Schulter. Seine staubigen Füße waren nackt, sein Kopf hingegen war von einem spitzen Filzhut bedeckt, den er lüpfte, als die Hauptleute am Turmfenster über der Zugbrücke erschienen.

»Ihr Herren Hauptleute«, sprach der Geselle, »ich bin der gesuchte Steinbrecher. Man heißt mich Jonas.«

»Du solltest dich den kommenden Sonntag auf dem Kirchplatz zu Sarlat einfinden«, entgegnete Sauveterre. »Kannst du nicht warten?«

»Ich schon, Ihr Herren Hauptleute«, gab Jonas zur Antwort, »doch mein großer Leib verlangt nach Brot.«

»Was tust du mit diesem englischen Bogen?«

»Ich jage damit, so ich die Erlaubnis der Gemeinden oder der Grundherren erhalte.«

»Du wilderst auch gelegentlich?«

»O nein, Ihr Herren!« rief Jonas aus. »Das wäre ein großes Verbrechen! So etwas tue ich nicht. Ich habe nur einen einzigen Hals, um zu trinken, zu essen und Gottes reine Luft zu atmen.«

»Und was ist in der Kiste, die du da auf dem Rücken trägst?« fragte Siorac.

Mit einer Schulterbewegung ließ Jonas sie zur Erde gleiten und öffnete den Deckel.

»Meine Steinbrecherwerkzeuge.«

Sich wieder in voller Größe aufrichtend, dunkel die Haut und das Haar, die geöffneten breiten Hände an den muskelkräftigen Armen leicht zitternd, blickte er nun die Hauptleute in banger Erwartung an.

»Woher kommst du, Jonas?« fragte Sauveterre, und da dieser ihn beim Namen genannt, richtete Jonas seine Augen hoffnungsvoll auf ihn.

»Aus einem Flecken in den Bergen der Auvergne, Marcolès genannt. Der Steinbruch, wo ich mein Handwerk ausgeübt, ist vollends abgebaut.«

»Jonas«, so fragte Siorac weiter, »verstehst du gut mit deinem Bogen umzugehen?«

»Begehret Ihr eine Probe meines Könnens?«

»Vermagst du den Raben zu treffen, der sich so frech auf dem Wipfel unseres Nußbaumes dort spreizt?«

Den Kopf wendend, prüfte Jonas den Wind und sprach: »So der Wind sich nicht dreht, ist es um ihn geschehen!« Hierauf ergriff er seinen Bogen, legte einen Pfeil auf, stellte sich in Positur und spannte den Bogen, bis die Schnur ihm Nase und Kinn berührte. Ohne daß er zu zielen schien, ließ seine Hand die Schnur aus, der Pfeil flog davon, und der Rabe fiel unter lautem Flügelschlagen und Blätterrascheln zu Boden.

»Ein trefflicher Schuß!« rief Siorac.

»Die Engländer«, ließ sich Sauveterre vernehmen, »haben bis auf den heutigen Tag noch Bogenschützen in ihrem Heer. Und sie tun recht daran. Haben wir, Jean, nicht so manchen Kampf verlorengehen sehen, weil die Lunten der Arkebusen im Regen naß geworden? – Jonas«, fuhr er fort, »verstehst du dich auf das Steinebrechen ebenso trefflich wie aufs Bogenschießen?«

»Aber gewiß!« erwiderte Jonas mit stolzer Miene. »Ich kenne mein Handwerk und verrichte es mit Freude. Auch verstehe ich, Bausteine zuzurichten, seien es Dachsteine, Mauerquader oder Keilsteine für die Rundung der Türme. Des weiteren vermag ich Steine für die Fenster- und Türstürze zuzuhauen und Fenster mit Kreuzstöcken oder Doppelsäulen samt dem dazugehörigen Kapitell zu verfertigen. Und wenn es not tut, kann ich einen Stein von gleichem Gewicht wie ich selbst auf den Schultern die Leiter hinauftragen und mit Kalk in die Mauer einsetzen.«

»Und kannst du lesen und schreiben?«

»Leider nein, doch rechnen kann ich, Steine numerieren und eine Zeichnung lesen, wenn nur die Zahlen darauf stehen. Auch weiß ich mit Lot und Winkel umzugehen.«

Nachdem die beiden Hauptleute einen Blick gewechselt, sprach Sauveterre:

»Jonas, wir nehmen dich für drei Monate auf Probe in unseren Dienst. Dafür erhältst du Kost und Logis. So wir dich nach den drei Monaten behalten, bekommst du dazu noch zwei Sols am Tag.«

Für die damalige Zeit war dies ein angemessener Lohn. Doch dreißig Jahre später, als das Leben – und auch der behauene Stein – viel teurer geworden, verdiente Jonas noch immer nur zwei Sols am Tag; trotzdem war er zufrieden darob, wie er sagte, mit seiner Hände Arbeit seinen großen Leib ernähren zu können, wo es in der Provinz doch so viele arme Schlucker ohne Broterwerb gab.

»Ihr Herren Hauptleute«, hub Jonas wieder an, »ehe ich nach Mespech gekommen, habe ich einen kleinen Abstecher zu Eurem Steinbruch gemacht. Wenn der Wald und die Wiese daneben Euch gehören, so bitte ich um die Erlaubnis, dort jagen zu dürfen. Von dem erlegten Wild will ich Euch drei Viertel bringen und ein Viertel für mich behalten, wodurch Ihr an dem Salzfleisch spart, das zu meiner Kost gehört. Und so Ihr dann noch die Güte hättet, mir eine Milchziege auf die Wiese zu stellen, würde ich als Gegendienst für die Milch die Zicklein aufziehen.«

»Darüber läßt sich reden«, erwiderte Sauveterre.

»In dem Steinbruch«, fuhr Jonas fort, »sah ich eine geräumige Höhle. Wenn Ihr mir dahinein einen Laubsack mit Kastanienblättern legen ließet, könnte ich sommers wie winters darinnen schlafen und so die Wegezeit sparen, welche dann der Arbeit zugute käme. Wer sollte überdies die behauenen Steine bewachen, wenn ich nicht dort Quartier nähme?«

So war Jonas damals, und so ist er noch heute: mehr bedacht auf den Vorteil seiner Herren als auf den eigenen. Er trat in den Dienst von Mespech, wie andere ins Kloster eintreten; doch war er deshalb den Freuden des Lebens nicht abgeneigt, einem guten Tropfen etwa des Sonntags an unserer Tafel, den kleinen Raufereien um des Spaßes willen, den abendlichen Erzählungen. Ebensowenig zeigte er sich abweisend, als eines Tages ein keckes Frauenzimmer ihn in Versuchung führte, wie ich noch berichten werde.

Meine Mutter ging mit meinem älteren Bruder im fünften Monat schwanger, als La Boétie am 21sten April anno 1547 mit mancherlei Berichten über den Tod des Königs1 aus der Hauptstadt zurückkehrte. Der Kriminalleutnant war in großer Begleitung nach Paris geritten, dem König eine Angelegenheit vorzutragen, die indes mein Vater nicht in seinem »Buch der Rechenschaft« erwähnt, obgleich er sonst alles darin vermerkte, seien es Gespräche, Begegnungen oder auch die Preise für alle möglichen Dinge. So lese ich, daß sich mein Vater am Samstag vor dem 20sten April nach Sarlat begab und dort einhundert Haarnadeln für meine Mutter kaufte: 5 Sols; Schuhe für Cabusse: 5 Sols und 2 Heller; Hufeisen für seine Stute: 2 Sols; hernach nahm er ein »gar wohlschmeckendes Mahl« für 8 Sols in der Schenke von Rigaudie ein.

La Boétie fand den Hof in großer Aufregung vor, voller trauriger Gesichter und geheimer Hoffnungen, indes nirgendwo auch nur das geringste aufrichtige Gefühl, ausgenommen die Trauer des Dauphins und die Verzweiflung von Madame d'Estampes2, welche schon ihre Bündel schnürte. Was nun den König betraf, dessen er nur von weitem ansichtig ward, so erschien er ihm stark verändert, das Gesicht abgemagert, die hohe Gestalt gebeugt, die Bewegungen schwerfällig.

»Monsieur de La Boétie«, fiel ihm Siorac ins Wort, »verzeihet, daß ich Euch unterbreche. Doch mein Bruder muß das Zimmer hüten, da sein Bein ihm sehr zu schaffen macht. Wenn Ihr beliebet, so wollen wir zu ihm in den Turm hinaufsteigen; denn er wäre untröstlich, Euern Bericht nicht zu hören.«

Der Turm, von welchem hier die Rede, ist der Ostturm. Darin befindet sich unten die Burgkapelle und im ersten Geschoß die Schlafkammer Sauveterres, wohin man über einen angebauten kleinen Treppenturm gelangt. Neben der Schlafkammer ist ein kleines Kabinett gelegen, wo sich unser Mitlehnsherr gern aufhält, denn der Kamin darinnen zieht kräftig und das Fenster gewährt einen guten Blick auf den Hof, so daß er das Treiben des Gesindes ständig im Auge hat.

»Nichts Ernstes, Herr Leutnant«, sprach Sauveterre, dabei jedoch das Gesicht verziehend und ohne sich aus seinem Lehnstuhl zu erheben, »nur ein Krampf, welcher mir das Bein ein-, zweimal im Monat ersteifen läßt, aber morgen schon vergangen sein wird.«

»Das wünsche ich Euch von Herzen«, erwiderte La Boétie, sich mit einem Seufzer setzend. »Mir selbst schmerzen die Schenkel gar arg von diesem weiten Ritt, welcher mir nur Ungelegenheiten gebracht, denn just als ich am Hofe anlangte, begab sich selbiger auf Reisen. Trotz seines bedauernswerten Zustandes hielt es den König nicht mehr am Ort. Man hätte vermeinen können, er spüre den Tod schon nahen und suche ihm zu entkommen, so hastig eilte er von Schloß zu Schloß: zuerst von Saint-Germain nach La Muette, von dort nach Villepreuxlès-Clayes, alsdann nach Dampierre, Limours, Rochefort-en-Yvelines … U

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