Logo weiterlesen.de
Forever You

Inhalt

  1. Cover
  2. Über dieses Buch
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Widmung
  7. Prolog
  8. Kapitel Eins
  9. Kapitel Zwei
  10. Kapitel Drei
  11. Kapitel Vier
  12. Kapitel Fünf
  13. Kapitel Sechs
  14. Kapitel Sieben
  15. Kapitel Acht
  16. Kapitel Neun
  17. Kapitel Zehn
  18. Kapitel Elf
  19. Kapitel Zwölf
  20. Kapitel Dreizehn
  21. Kapitel Vierzehn
  22. Kapitel Fünfzehn
  23. Kapitel Sechzehn
  24. Kapitel Siebzehn
  25. Kapitel Achtzehn
  26. Kapitel Neunzehn
  27. Kapitel Zwanzig
  28. Kapitel Einundzwanzig
  29. Kapitel Zweiundzwanzig
  30. Kapitel Dreiundzwanzig
  31. Kapitel Vierundzwanzig
  32. Kapitel Fünfundzwanzig
  33. Kapitel Sechsundzwanzig
  34. Kapitel Siebenundzwanzig
  35. Kapitel Achtundzwanzig
  36. Kapitel Neunundzwanzig
  37. Kapitel Dreißig
  38. Danksagung

Über dieses Buch

Als Nick 23 Jahre alt ist, weiß er schon, dass Lizzie, die Schwester seines besten Freundes, die Liebe seines Lebens ist. An ihrem 18. Geburtstag nimmt er all seinen Mut zusammen, um den ersten Schritt zu wagen. Aber Nick kommt zu spät, denn Lizzie ist bei einer Modelagentur unter Vertrag genommen worden. Sie wird direkt am nächsten Tag nach New York ziehen.

Acht Jahre später: Lizzie ist ein erfolgreiches Topmodel, das von einer Celebrity-Party zur nächsten eilt – immer mit einem anderen Hollywood Bad Boy an der Seite. Doch dann bricht ihre Welt plötzlich zusammen. Nick ist sofort für sie da und schützt sie vor der Außenwelt. Fühlt sie doch mehr für ihn?

Über die Autorin

Kathryn Freeman hat Pharmazie in Brighton studiert und danach als Apothekerin gearbeitet – bis sie feststellte, dass es einfach nicht ihr Ding ist, die fürchterliche Handschrift von Ärzten zu entziffern. 2010 hat sie deshalb angefangen, moderne Liebesromane zu schreiben. »Forever You – Auf einmal ist es Liebe« ist ihr erster Roman, der ins Deutsche übersetzt wurde. Nähere Informationen zu Kathryn finden Sie unter:

www.kathrynfreeman.co.uk

www.twitter.com/KathrynFreeman1

www.facebook.com/kathrynfreeman

KATHRYN FREEMAN

FOREVER
YOU

Auf einmal ist es Liebe

Aus dem Englischen von
Sonja Fehling

Für meine wundervolle Mum, die nicht nur sämtliche meiner Bücher liest, sondern auch alle, die sie kennt, davon überzeugt, sie ebenfalls zu lesen.

Prolog

Acht Jahre zuvor

Es war Lizzies achtzehnter Geburtstag, und gerade hatte sie einen Vertrag bei einer berühmten Modelagentur unterschrieben. Konnte das Leben noch besser werden? Nachdem sie eine Freudenpirouette gedreht hatte, betrachtete sie sich neugierig im Spiegel. Seidiges blondes Haar umrahmte ein ovales Gesicht und eine kleine, gerade Nase. Eindeutige Pluspunkte. Davon abgesehen war sie groß  – eine Voraussetzung fürs Modeln  – und schlank, eine weitere Bedingung. Aber da gab es auch noch ihr spitzes Kinn, die Wangenknochen, die zu scharf hervortraten, und die blauen Augen, die viel zu groß für ihr Gesicht waren. Also wunderschön war sie nicht gerade. Mit ganz viel Wohlwollen könnte sie sich noch als markant bezeichnen. Auf jeden Fall entsprach sie nicht dem, was die meisten Leute sich gemeinhin unter einem Model vorstellten; andererseits hatte sie sich auch noch nie sonderlich viel aus dem gemacht, was andere dachten. Hätte sie das getan, hätten die Sticheleien ihrer männlichen Klassenkameraden  – Da kommt Fräulein Spinnenbein  – ihren Traum schon vor langer Zeit zunichtegemacht. Stattdessen hatte Lizzie den Jungs ins Gesicht gelacht und weiter ihre Mappe mit Fotos an die Modelagenturen geschickt. Eines Tages, hatte sie sich gesagt, würde ein Modelagent das, was ihre Schulkameraden als ungelenk und merkwürdig betrachteten, für auffallend und ungewöhnlich halten.

Und genau das war passiert. Hier stand sie nun, zwei Jahre später, und hatte bei einer der ganz großen Agenturen unterschrieben, wegen ebendieser besonderen Merkmale. Von jetzt an war alles möglich  – zumindest, soweit es Lizzie betraf. Und sie würde definitiv alles versuchen.

Mit einem letzten Grinsen in Richtung ihres Spiegelbilds schlüpfte sie in ihre silberfarbenen Lieblingssandaletten. Da sie seit ihrem fünften Lebensjahr das Gehen in High Heels übte, war der Gang die Treppe hinunter auf diesen zwölf Zentimeter hohen Schätzchen ein Kinderspiel. Sie schob die Hintertür auf und starrte verzückt auf das lange Festzelt im Garten, das man ihr zu Ehren aufgestellt und mit blinkenden Lichterketten und silbernen Ballons dekoriert hatte. Heute war ihr Abend. Und sie hatte gleich zwei Gründe, um zu feiern. Über den Grund Nummer eins  – dass sie die bedeutende Marke von achtzehn Jahren geknackt hatte  – wussten all ihre Freunde Bescheid. Nummer zwei dagegen  – dass sie den Vertrag mit der Modelagentur unterzeichnet hatte  – war ein Geheimnis, das nur sie und ihre Familie kannten.

»Hey, komm und tanz mit uns, Lizzie.«

Automatisch glitt ihr Blick in die Richtung, aus der die Stimme kam, und blieb an einer Gruppe kichernder Mädchen hängen, die sich auf der Tanzfläche tummelten. Ihre besten Freundinnen. Lizzie winkte ihnen zu und schloss sich ihnen an.

Nick stand in einer Ecke des Festzeltes und beobachtete die jungen Frauen auf der Tanzfläche. Oder besser gesagt: die junge Frau, denn es gab nur eine, die ihn verzauberte. Lizzie. Das war schon immer so gewesen, seit sie vor achtzehn Jahren auf diese Welt gekommen war. Er kannte sie durch Robert, ihren Bruder. Und als Roberts bester Freund hatte er einen Großteil seiner Kindheit im Haus der Familie Donavue verbracht. In der ersten Zeit hatte Lizzie nur im Hintergrund existiert: Sie war das süße Baby, über das er und Robert sich lustig gemacht hatten, wie es zwei neugierige Fünfjährige eben so tun; und später war sie das lange, dünne Mädchen mit den Zöpfen und den großen blauen Augen gewesen. Doch dann war sie erwachsen geworden. Er hatte keine Ahnung, wie es passiert war, aber während er mit Robert nach dem Schulabschluss ein Jahr durch Europa gereist war, hatte sie sich von dem schlaksigen Mädchen in eine hübsche junge Frau verwandelt. Und während er studierte und gelegentlich zu Besuch kam, wurde aus der kleinen Schwester seines Freundes plötzlich die Frau, die er mehr als alle anderen küssen wollte. Mit sechzehn war sie noch zu jung für ihn gewesen, deshalb hatte er seinen Gefühlen nicht nachgegeben und sich still verhalten. Stattdessen hatte er die Uni beendet, sich die Hörner abgestoßen und dabei unwissentlich einige Herzen gebrochen. Als er Lizzie jetzt auf der Tanzfläche beobachtete, musste er sich eingestehen, dass sein eigenes Herz schon seit Jahren vergeben war.

Doch nun war er wieder zurück, hatte einen festen Job und seine eigene Wohnung.

Damit sollte eigentlich der richtige Zeitpunkt gekommen sein, um etwas wegen seiner Gefühle für Lizzie zu unternehmen.

Ja, sie war achtzehn und er dreiundzwanzig, aber hier ging es schließlich um Lizzie  – eine junge Frau, die viel reifer war, als ihr Alter es vermuten ließ.

Heute Abend würde er sie um ein Date bitten. Es machte ihm nichts aus, die Sache langsam anzugehen  – immerhin hatte er in den vergangenen Jahren genug Übung darin gewonnen  – , doch sie musste endlich wissen, dass seine Gefühle über die eines großen Bruders in spe hinausgingen. Wie er das tun sollte, war eine andere Geschichte. Würde er sie nicht so gut kennen  – wäre sie einfach nur irgendein Mädchen, das ihm heute Abend erst aufgefallen war  – , hätte er genau gewusst, wie er vorgehen sollte. Zwar war er kein besonders lässiger Typ  – schön wär’s  – , aber er hatte bereits eine gute Portion Erfahrung mit dem anderen Geschlecht gesammelt. Genug, um zu wissen, wie man ein Mädchen auf ein Getränk einlud. Und wie er  – wenn ihm die Angesprochene gefiel  – die nächste Stufe erklimmen konnte. Über die Jahre hatte er dabei zwar einige Körbe kassiert, aber bis auf ein paar Kratzer an seinem Ego hatten die ihm nicht viel ausgemacht.

Bei Lizzie allerdings machte es etwas aus, und das nicht nur, weil er sie liebte. Ihre Freundschaft war ihm genauso wichtig wie die mit Robert, und heute bestand die Gefahr, dass er beide zerstörte. Er hatte keinen blassen Schimmer, was Robert davon halten würde, dass er in seine Schwester verliebt war. Und von Lizzies Gefühlen wusste er ebenso wenig. Natürlich hatte sie ihn gern. Aber Gernhaben war noch ziemlich weit von dem entfernt, was er sich wünschte.

Entschlossen trank Nick einen letzten Schluck Bier, richtete sich dann gerade auf und ging zielstrebig auf sie zu. Er war bereit, sich Roberts Hass zuzuziehen, wenn er dafür Lizzie bekam.

Ganz in die Musik versunken tanzte sie mit ihren Freundinnen und bekam überhaupt nicht mit, dass er sich näherte. Wie hypnotisiert sah er ihr zu, während sie ihren hochgewachsenen Körper geschmeidig im Rhythmus der Musik wand und drehte. Gott, sie war so wunderschön. Das umwerfendste Wesen, das er je gesehen hatte und vermutlich je sehen würde. Und er war nicht der Einzige, der das bemerkte. Als er den Blick durch den Raum schweifen ließ, fielen ihm noch andere Männer auf, die sie beobachteten; junge wie alte. Sie stach aus der Menge hervor. Sie war einzigartig.

»Da bist du ja, Nick«, begrüßte sie ihn lächelnd und streckte die Hand nach ihm aus, um ihn auf die Tanzfläche zu zerren. »Ich habe mich schon gefragt, wohin du verschwunden bist.«

Bereitwillig ließ er zu, dass sie ihn mit sich zog. Verdammt, er war so vernarrt in sie, dass er ihr überallhin folgen würde, egal, wohin sie ihn führte. Eine dreißig Meter hohe Klippe hinunter? Kein Problem. Über einen krokodilverseuchten Fluss? Gern. Selbst auf eine verfluchte Tanzfläche. Das war noch nie sein Ding gewesen. Seinen Körper dazu zu bringen, dass er sich im Rhythmus der Musik bewegte, war nahezu unmöglich. Vielleicht lag es an seiner Zurückhaltung oder Schüchternheit  – möglicherweise hatte er aber auch einfach kein musikalisches Talent. Was auch immer der Grund dafür war, neben ihr wirkte er einfach nur verkrampft und unbeholfen.

»Eigentlich wollte ich mich vor dem Tanzen drücken«, entgegnete er und musste schreien, um die laute Musik zu übertönen. »Aber anscheinend muss ich tanzen, wenn ich mit dir reden will.«

Ihr leises, herzliches Lachen strömte wie eine Welle durch ihn hindurch. »Reden können wir doch immer. Aber heute werde ich achtzehn und will die ganze Nacht durchtanzen.«

Bestätigend nickte er, doch innerlich versetzte ihm diese Antwort einen Stich ins Herz. Wenn sie vorhatte, den ganzen Abend auf der Tanzfläche zu verbringen  – wie um alles in der Welt sollte er es dann bewerkstelligen, sie einen Moment für sich allein zu haben?

Als das nächste Lied gespielt wurde, tanzten sie immer noch; Nick schlurfte irgendwie über den Boden, während Lizzie mit grazilen und flüssigen Bewegungen um ihn herumwirbelte. Sie tanzte genauso, wie sie die meisten Dinge tat: voller Energie und mit dem Selbstbewusstsein einer Frau, die mindestens doppelt so alt war wie sie. Im Gegensatz dazu wirkte sein Tanzstil ziemlich ungelenk. Einen Standardfoxtrott bekam er ja noch hin  – vorgegebene Schritte konnte man lernen  – , aber diese lockeren Verrenkungen zu Klubmusik überstiegen einfach seine Fähigkeiten. Und da er sich dessen bewusst war, hielt er sich zurück, während er verzweifelt hoffte, dass endlich ein langsameres Lied gespielt wurde. Mit der Vorstellung, Lizzie in den Armen zu halten und in gemächlichem Tempo über die Tanzfläche zu gleiten, hatte er kein Problem. Absolut kein Problem.

Seine Hoffnungen wurden allerdings jäh zerstört, als die nächste poppige Nummer aus den Lautsprechern dröhnte. »Ich muss mit dir reden«, brüllte er zu Lizzie hinüber.

Dafür schenkte sie ihm ein Lächeln, und als er in ihre strahlenden blauen Augen sah, machte sein Herz einen Satz. »Kein Problem, ich höre dir zu.«

Doch er schüttelte den Kopf. »Nein, später. Irgendwo, wo’s ruhiger ist.« Ihr inmitten einer vollen Tanzfläche seine Liebe zu gestehen war nicht gerade das, was er sich erträumt hatte. Einen Vorteil hätte die Sache allerdings: Lizzie könnte ganz einfach so tun, als hätte sie ihn nicht verstanden. Damit bliebe ihnen beiden die Peinlichkeit erspart, dass sie ihn abblitzen ließ. Doch auf einer lauten Tanzfläche seine intimsten Gefühle herauszuschreien war nicht sein Stil. Nein, vielen Dank, den Schlag würde er unter Ausschluss der Öffentlichkeit einstecken. Falls Lizzie jemals diese verdammte Tanzfläche verlassen würde.

In diesem Moment war das Lied zu Ende, und die Musik hörte ganz auf. Ein Gefühl angespannter Erwartung erfasste Nick, und er griff nach Lizzies Hand und zog leicht daran. Doch sie rührte sich nicht. Verwirrt starrte er sie an. Dann folgte er ihrem Blick und sah, dass ihr Vater auf sie zumarschiert kam, ein Strahlen in seinem attraktiven Gesicht. Nick beobachtete, wie der ältere Mann Lizzie etwas ins Ohr flüsterte. Die grinste daraufhin und nickte begeistert. Mit einem Augenzwinkern in Nicks Richtung ließ sie dessen Hand los und hakte sich stattdessen bei ihrem Vater unter, bevor die beiden gemeinsam auf den DJ und dessen Mikrofon zugingen.

»Liebe Freunde«, begann Lizzies Vater, »wie ihr alle wisst, sind wir heute hier, um den achtzehnten Geburtstag meiner geliebten Lizzie zu feiern.« Mit dem bewundernden Blick eines Vaters, der seine Tochter über alles liebte, schaute er zu ihr hinüber. »Was ihr allerdings nicht wisst, ist, dass wir auch noch etwas anderes zu feiern haben. Heute Nachmittag hat Lizzie einen Anruf von einer Modelagentur aus New York erhalten. Die wollen sie unter Vertrag nehmen.« Ein ehrfurchtsvolles Raunen ging durch die Menge, als die Gäste den Sinn der Worte verstanden. »Ja, genau: Meine Tochter wird ihren Traum leben. New York, nimm dich in Acht!«

Benommen stand Nick da, während Lizzie von ihren Freundinnen belagert wurde, die ihr unter lautstarkem Gekreische gratulierten. Er hatte das Gefühl, als hätte ihm jemand irgendetwas Großes, Schweres in den Solar Plexus gerammt. New York, verflucht? Ging es vielleicht noch weiter weg? Wie betäubt sah er zu, wie Lizzie sich in der Aufmerksamkeit ihrer Freundinnen sonnte. Er wollte sich ja für sie freuen. Wirklich. Aber das Einzige, was er empfand, war Schmerz. Jetzt hatte es absolut keinen Sinn mehr, ihr seine Gefühle zu gestehen. Nicht, wenn sie bald ein glamouröses neues Leben in Amerika beginnen würde.

Er hatte sie verloren, noch bevor er überhaupt die Chance bekommen hatte, ihr zu sagen, was er für sie fühlte. Später würde er sich damit trösten, dass es so besser war. Dass ihn die Ankündigung ihres Vaters höchstwahrscheinlich vor einer ziemlichen Demütigung bewahrt hatte, denn er bezweifelte, dass sie in ihm irgendetwas anderes sah als einen Freund.

In diesem Moment fühlte es sich allerdings so an, als hätte sich das Schicksal zu ihm umgedreht und ihm ins Gesicht gespuckt.

Lizzie hätte nicht glücklicher sein können. An diesem Abend hatte sie sich schon mehrmals kneifen müssen, um sich davon zu überzeugen, dass das alles nicht nur ein schöner Traum war. Nach New York zu gehen und zu modeln? War das nicht bloß eine alberne Fantasie? Passierte es tatsächlich ausgerechnet ihr? Natürlich bedeutete die Aufnahme in einer der Topagenturen New Yorks nicht automatisch, dass sie es geschafft hatte. Ihr standen Jahre harter Arbeit bevor. Eine endlose Folge von Castings, die Hoffnung auf den Job, die Chance, aus der Gruppe der Unbekannten herauszustechen. Das kleine Quäntchen Glück, das jedes Topmodel brauchte. Also nein, ihr Leben würde nicht nur aus Spaß und Aufregung bestehen. Sie musste auch mit Enttäuschungen rechnen. Und mit Einsamkeit.

Und noch heute Abend würde sie sich von allen hier verabschieden müssen. Von ihren Eltern und ihrem Bruder. Von Nick  … Beim Gedanken an Letzteren geriet ihr Herz kurz aus dem Takt. Konnte sie ihn wirklich zurücklassen, ohne je herausgefunden zu haben, wie es mit ihm gewesen wäre? Gott, sie war schon in Nick verknallt seit  … na ja, eigentlich schon immer. Während ihre Freundinnen für irgendwelche Popstars schwärmten, hatte sie nachts im Bett von Nick Templeton geträumt: von seinem hochgewachsenen, schlaksigen Körper, dem dunklen, schlaffen Haar und der Brille mit dem Metallgestell, das seine tiefgründigen braunen Augen umrahmte. Doch irgendwann war er verschwunden. Zuerst war er ein Jahr zusammen mit Robert herumgereist, danach hatte er mit dem Studium angefangen. Sie war erst dreizehn gewesen, als er gegangen war, dennoch hatte sie geglaubt, ihr Leben sei vorbei. Auf jeden Fall war es ohne ihn viel langweiliger gewesen. Als sie älter wurde, war das Modeln zu einem Ventil für ihre Träume geworden, doch das hatte auch nichts daran geändert, dass ihr Herz jedes Mal zu flattern anfing, wenn Nick von der Uni nach Hause kam und ihren Bruder besuchte.

Gerade unterhielt er sich mit Robert. Auf den ersten Blick war Nick sicher nicht der klassische Typ, für den junge Mädchen normalerweise schwärmten. Er hatte nicht das umwerfende Aussehen oder den lässigen Charme, mit denen ihr Bruder ihre Freundinnen um den Verstand brachte. Auch war er weder gesellig noch sonderlich unternehmungslustig, vielmehr ein Mysterium. Bei Robert bekam man genau das, was man sah. Bei Nick dagegen entdeckte Lizzie jedes Mal, wenn sie ihn anschaute, etwas Neues. Und jedes neue Stück war sogar noch besser als das davor. Er war größer und breitschultriger als Robert, aber dünner. Seine Brille verlieh ihm eine Aura tiefgründiger Intelligenz, die sein Einserabschluss in Cambridge noch zusätzlich bestätigte. Er war ein ruhiger Mensch. Zurückhaltend, oft ernst, aber mit einem trockenen Humor, der ihn davor bewahrte, ein Langweiler zu sein.

Darüber hinaus hatte Nick eine starke, Halt gebende Ausstrahlung. Genau das liebte Lizzie so an ihm und auch die Art, wie er sie heute Abend mit seinen warmen braunen Augen angesehen hatte. Als wäre sie die einzige Person im Raum. War es möglich, dass Nick endlich anfing, sie als Frau wahrzunehmen? Gott, sie hoffte es so sehr, aber wenn sie jetzt  – heute Abend  – nichts unternahm, würde sie nach New York abreisen, ohne es je erfahren zu haben.

Mit einem tiefen Atemzug ging sie zu den beiden Männern hinüber und legte die Arme um sie. »Zwei meiner liebsten Menschen auf der Welt.«

Neckend zog Robert ihr an den Haaren. »Meine kleine Schwester, das strahlende Model.« Er schüttelte den Kopf. »Echt unglaublich.«

»Du solltest langsam anfangen, es zu glauben, großer Bruder.« Sie versetzte ihm einen spielerischen Schlag in die Rippen, der ihm ein Knurren entlockte. »Lange bin ich nicht mehr da, dann hast du keinen mehr, den du ärgern kannst.« Sie wandte sich an Nick. »Du wolltest mit mir reden? Wie wäre es mit jetzt?«

Einen kurzen Moment lang erstarrten seine Gesichtszüge, als hätte sie ihm einen Schock versetzt. Doch dann schüttelte er heftig den Kopf. »Hat sich erledigt«, entgegnete er schnell, wandte den Blick ab und ließ ihn stattdessen über die Menge wandern, bis er schließlich an der Bar hängen blieb. »Ich hole mir was zu trinken.« Er lehnte sich vor und drückte ihr einen Kuss auf die Wange. »Herzlichen Glückwunsch, Lizzie. Die New Yorker Modeszene tut mir jetzt schon leid.« Mit einem leicht schiefen Lächeln sah er sie an. »Die wissen gar nicht, was ihnen bevorsteht.«

Verwirrt sah Lizzie zu, wie Nick in der Menge untertauchte. »Habe ich irgendwas Falsches gesagt? Wieso haut der denn so schnell ab?«

Robert kniff die Augen zusammen und musterte seine Schwester. »Wenn du das jetzt noch nicht geschnallt hast, Lizzie, kann ich dir auch nicht helfen.«

»Was soll das heißen? Hör auf, in Rätseln zu reden. Du weißt, wie sehr ich das hasse.«

Robert grinste nur. »Und du solltest mir nicht sagen, dass du irgendwas hasst, dann habe ich nämlich noch mehr Spaß daran, genau das zu tun.« Damit packte er sie am Arm und zog sie auf die Tanzfläche. »Los, Schwesterchen, ich wollte schon immer mal mit einem Model tanzen. Davon träumt jeder Mann, und ich kann’s kaum erwarten, bis du mich all deinen neuen Modelfreundinnen vorstellst.«

Lizzie tanzte mit ihrem Bruder und blieb auch noch auf der Tanzfläche, als sich andere zu ihnen gesellten. Erst als ihr die Füße wehtaten und ihre Kehle sich wie Schleifpapier anfühlte, gab sie es schließlich auf und machte sich auf den Weg in Richtung Bar. Dort entdeckte sie Nick, der ein Bier trank und für einen Abend wie heute viel zu bedrückt aussah. Zielstrebig steuerte sie auf ihn zu. Das war ihre Chance. Wenn das, was sie vorhin in seinen Augen gesehen hatte, tatsächlich da war und nicht nur ihrem Wunschdenken entsprang, würde sie ihm mit ihrem Vorhaben schon ein Lächeln ins Gesicht zaubern.

»Was sitzt du denn hier ganz allein an der Bar?«, fragte sie und legte ihm in  – wie sie hoffte  – freundschaftlicher Manier den Arm um die Schultern. Er fühlte sich anders an. Seine Schultern waren breiter, und sein Oberkörper wirkte muskulöser als bei ihrem letzten Treffen. Ein durch und durch männlicher Körper. Mit den Gelüsten eines Mannes. Und den Begierden eines Mannes. In ihrem Magen machte sich ein nervöses Flattern breit. Neben ihm kam sie sich immer noch wie ein kleines Mädchen vor. Genau deshalb musste sie auch stark bleiben, mahnte sie sich im Stillen. Ein Mädchen würde jetzt kneifen. Eine Frau würde sich das nehmen, was sie haben wollte.

»Ich trinke.«

Es dauerte einen Moment, bis sie begriff, dass er ihr endlich auf ihre Frage geantwortet hatte. »Und warum macht dich das Trinken so traurig?«

Überrascht sah er sie an. »Ich bin nicht traurig. Lege nur eine kleine Pause ein.«

Sie bestellte sich ein Glas Champagner und fragte sich insgeheim, wie viele sie schon gehabt hatte. Andererseits: Wenn sie sich nicht auf ihrem achtzehnten Geburtstag betrinken durfte, wann dann? Und davon abgesehen war dies genau der passende Moment, um sich Mut anzutrinken. Ihre eigene Courage wurde nämlich von Minute zu Minute geringer. Entschlossen nahm sie einen großen Schluck und rückte dann näher an Nick heran. »Also, ich hätte da einen Vorschlag, der deine Laune vielleicht verbessern wird.«

Wachsam blickte er sie aus seinen tiefbraunen Augen an. »Ach, ja?«

Mit einem Lächeln beugte sie sich vor und raunte ihm ins Ohr: »Ich will meine Jungfräulichkeit verlieren. Und ich möchte, dass du mir dabei hilfst.«

Sie hatte auf ein breites Grinsen gehofft. Ein kleines Lächeln hätte schon gereicht. Sogar ein verwirrtes Gesicht wäre keine Vollkatastrophe gewesen. Doch er zeigte keine dieser Reaktionen. Stattdessen stellte er langsam sein Glas ab, bevor er sich zu ihr umdrehte und sie mit ausdruckslosem Blick und verschlossener Miene ansah. »Das soll wohl ein Witz sein?«

Da es zu spät war für einen Rückzieher, musste sie die Sache jetzt durchziehen. »Nein, das ist mein voller Ernst.«

»Mein Gott, Lizzie.« Kopfschüttelnd blickte er nach unten auf sein leeres Glas. »Dein erstes Mal sollte mit jemandem sein, der dir etwas bedeutet. Den du liebst.«

»Aber du bedeutest mir was.« Verstand er denn nicht, dass sie ihn genau deswegen gefragt hatte? Entsetzt darüber, wie die ganze Sache sich entwickelte, wäre sie am liebsten davongerannt. Damit, dass sie ihn überreden musste, hatte sie nicht gerechnet. Stattdessen war sie vollkommen unbekümmert davon ausgegangen, dass er es genauso wollte wie sie.

Er stieß einen Seufzer aus, und in seinen Augen blitzte etwas auf. Ein Gefühl, das sie nicht genau einordnen konnte. »Bedeute ich dir wirklich was, Lizzie?«, fragte er leise. »So wie ein Mann einer Frau, nicht wie ein Bruder seiner Schwester.«

Sie wünschte, der Boden würde sich unter ihr auftun. Er gab ihr das Gefühl, ein dummes kleines Mädchen zu sein, das keine Ahnung von Sex hatte. Wieso konnte er sie nicht einfach wie eine Frau behandeln? Mit vor Scham brennenden Wangen konterte sie, wie sie es immer tat, wenn man sie in die Ecke drängte. Sie ging zum Angriff über. »Bevor ich in die Staaten fliege, werde ich mich von jemandem entjungfern lassen. Wenn du kein Interesse hast, suche ich mir eben einen anderen.«

Das saß, als hätte sie ihm gerade eine Ohrfeige verpasst. Er zuckte zusammen, und jegliche Farbe wich ihm aus dem Gesicht.

»Sei nicht albern«, entgegnete er kalt. »Ich hätte dich für reifer gehalten.«

Autsch. Die Worte trafen genau in die Wunde und verstärkten ihren Schmerz noch.

»Sex ist nicht irgendein Punkt auf einer Liste, die du abhaken musst, um zur Frau zu werden.« Er verengte die Augen, während er sie mit seinem Blick durchbohrte. »Ich weiß, worum es hier geht: Du hast Angst, dass du dich vor der Kamera nicht sexy bewegen kannst, solange du noch keinen Sex hattest. Ist doch so, oder?«

In seinen Worten mochte vielleicht ein Körnchen Wahrheit stecken  – aber bei ihrer Einladung ging es um so viel mehr als das. Sie wollte ihr erstes Mal tatsächlich mit jemandem erleben, der ihr etwas bedeutete. Mit ihm. Aber wie sollte sie ihm jetzt noch ihre Gefühle gestehen? Er hatte sie nicht nur abgewiesen, sondern ihr dabei auch noch gewissermaßen ins Gesicht gelacht.

»Und wenn es so wäre? Viele Leute haben aus wesentlich schlimmeren Gründen Sex.«

Inständig hoffte Nick, dass Lizzie nicht durch die kühle Fassade blicken konnte, die er aufgesetzt hatte, und das emotionale Minenfeld dahinter sah. Sie servierte sich ihm gerade auf dem Silbertablett, doch er wies sie ab. Und das nicht einmal auf sanfte Art. Aber verdammt noch mal, so hatte er es sich in all den Nächten nicht vorgestellt, in denen er sich hin und her gewälzt und von ihr geträumt hatte. Wenn sie ihm gesagt hätte, dass sie ihn liebte; ihn wollte, für ihn schwärmte oder auch nur mochte  – als Mann, nicht als Freund. Mehr hätte er nicht gebraucht. Gott, sein Körper war mehr als bereit dazu, doch Lizzies Angebot hatte nichts mit ihm zu tun. Er war einfach nur ein verfügbares männliches Wesen, dem sie vertraute.

»Danke, dass du an mich gedacht hast«, stieß er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor, »aber ich lehne die Einladung zu deinem Experiment ab. Du musst dir wohl jemand anderen suchen, ich bin mir jedoch sicher, du hast genügend Angebote.«

Steif stand er vom Barhocker auf und ging davon. Aus dem Zelt, weg von der Party und in die Nacht hinein. Der Abend hatte mit dem Plan begonnen, Lizzie zu einem Date einzuladen, sie vielleicht sogar zu einem Kuss zu verführen. Und den Beginn einer Beziehung einzuleiten. In seinem Kopf hatte er sich sogar schon vorgestellt, sie eines Tages zu heiraten und Kinder mit ihr zu haben, wobei er diese Pläne erst mal für sich behalten hätte, um sie nicht gleich zu verschrecken. Doch nun endete der Abend damit, dass er allein durch die Nacht lief und gerade ihr Angebot abgelehnt hatte, sie zu entjungfern. Als wäre dies eine Hürde, die man überwinden musste, und nicht ein kostbarer Schatz, an dem man sich erfreuen und den man so lange behalten sollte, bis man ihn dem richtigen Mann schenkte. Und er war ganz sicher nicht der richtige. Nicht in ihren Augen. Ihr Herz schlug für das große Abenteuer, nicht für ihn.

Seufzend zog er sein Handy aus der Tasche und tippte die Nummer des örtlichen Taxiunternehmens ein. Er hatte genug davon, sich nach Lizzie Donavue zu verzehren. Sie ging nach Amerika, um ein neues Leben anzufangen. Zeit, dass er sein eigenes in den Griff bekam.

Als er ins Taxi stieg, bemerkte er nicht die schlanke, blonde Gestalt, die ihn vom Haus aus beobachtete, während ihr die Tränen über die Wangen liefen. Verfluchter Nick Templeton. Sie wollte ihre Jungfräulichkeit nicht an einen Mann verlieren, der sie nicht haben wollte. Bald würde sie nach New York gehen und die Karriere starten, von der sie immer geträumt hatte. Nick brauchte sie dazu nicht. Sie brauchte überhaupt niemanden.

Zwei Jahre zuvor

Den ganzen Tag hatte es nicht aufgehört zu regnen. Vielleicht passte das auch ganz gut. Ein düsterer Tag, um die düstere Szene zu unterstreichen, die sich vor ihnen abspielte. Nicht ein, sondern zwei Särge, die langsam in die Erde gelassen wurden. Je ein schlichter Kranz aus weißen Lilien darauf. Nick legte einen Arm um Lizzies Schultern, in dem verzweifelten Versuch, sie zu trösten. Bei seiner Berührung zuckte sie zusammen, genauso wie vor zwei Wochen, als er nach New York geflogen war, direkt nach dem Unfall. Ihre Zurückweisung versetzte ihm einen Stich ins Herz, doch er ignorierte den Schmerz und hielt sie weiter fest. Er konnte nicht anders: Er musste ihr einfach Trost geben, und er wusste, sie brauchte das ebenso wie er.

Verstohlen warf er ihr einen Seitenblick zu und fragte sich, wie sie es immer noch schaffte, sich aufrecht zu halten. Er wusste genau, wie es war, seine Eltern zu verlieren; seine waren während seiner ersten großen Schulferien gestorben. Als seine Schwester und er damals zu Bett gegangen waren, hatten sie noch Eltern gehabt. Beim Aufwachen waren sie Waisen gewesen, dank eines defekten Gaskamins im Schlafzimmer. Er war vollkommen am Boden gewesen, aber noch zu jung, um die Folgen zu verstehen.

Mit ihren vierundzwanzig Jahren wusste Lizzie genau, was die zwei Eichensärge bedeuteten.

Nachdem das kurze Begräbnis vorüber war und sich die Trauergäste langsam auf den Rückweg machten, blieb Lizzie noch stehen, hatte den Kopf gesenkt und kümmerte sich nicht um die Tränen, die ihr über die Wangen liefen. Sanft zog Nick sie am Arm.

»Es ist Zeit zu gehen.«

Doch Lizzie schüttelte nur heftig den Kopf. »Nein. Ich lasse sie nicht allein.«

Sein Herz zog sich zusammen. »Aber das musst du, Lizzie. Die Leute fahren zum Haus. Sie warten dort auf dich.«

»Ist mir egal.« Wütend blickte sie zu ihm auf. »Wie kannst du von mir verlangen, dass ich sie allein lasse? Sie sollten gar nicht da sein, in diesem fürchterlichen, kalten Grab.« Ihr Schluchzen wurde lauter.

Schnell suchte er in seinem Jackett nach einem Taschentuch, doch er fand keins mehr. »Ich weiß genau, wie du dich fühlst  …«

Zornig wirbelte sie zu ihm herum, noch bevor er überhaupt die Chance hatte, seinen Satz zu beenden. »Nein, das weißt du nicht. Du kannst überhaupt nicht wissen, wie ich mich gerade fühle.«

»Aber ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn man zusieht, wie die eigenen Eltern begraben werden«, erinnerte er sie leise. Und verdammt noch mal, er hatte ihre Eltern ebenfalls geliebt. Natürlich nicht so wie sie, dennoch spürte er den Verlust.

»Waren deine Eltern etwa auch auf dem Weg zu dir, als sie gestorben sind?«, fuhr sie ihn an. »Und saß deine Schwester vielleicht mit im Auto, so wie mein Bruder? Dann erzähl mir nicht, du wüsstest, wie ich mich fühle.«

Für einen kurzen Moment schloss er die Augen. Ihren Schmerz zu sehen, der sich in ihr Gesicht eingegraben hatte, war einfach zu viel für ihn. An diesem schicksalhaften Abend hatte Robert mit seinen Eltern im Auto gesessen, als sie gemeinsam vom John F. Kennedy Flughafen losgefahren waren, um Lizzie zu besuchen. Ihr Bruder, sein bester Freund, hatte den Unfall als Einziger überlebt  – falls man seinen Zustand als Überleben bezeichnen konnte. Es war zwar noch zu früh für eine Prognose, doch die Ärzte hatten nicht viel Hoffnung, dass Robert je wieder ein normales Leben würde führen können. Nachdem Nick in der vergangenen Woche im Krankenhaus gewesen war und Robert da liegen gesehen hatte, vollkommen leblos, angeschlossen an Maschinen, kam ihm ein Wunder auch nicht mehr sehr wahrscheinlich vor.

»Okay«, räumte er ein, während er gegen die eigenen Tränen ankämpfte, »ich weiß nicht, wie du dich fühlst. Aber ich weiß, dass hier herumzustehen auch keine Lösung ist. Du musst dich von deinen Eltern verabschieden und dann nach Hause fahren und mit den Leuten sprechen, die einen weiten Weg auf sich genommen haben, um gemeinsam mit dir zu trauern.«

Erneut zog er sie am Arm und wollte sie zum Auto führen, doch sie riss sich los. »Lass mich allein. Von dir lasse ich mir nicht sagen, was ich zu tun habe, Nick Templeton. Ich gehe, wenn ich es will und wenn ich dazu bereit bin. Also verpiss dich.«

Er verkniff sich eine Erwiderung und sagte sich im Stillen, dass ihr Wutanfall nicht persönlich gemeint war; er war nur der Boxsack, an dem sie sich abreagierte. Und Gott, er fing nur zu gern ihre Schläge auf, wenn es ihr danach besser ging. »Ich warte am Auto.«

Bekümmert trottete er zurück zum Wagen und ließ sie allein am Grab stehen: eine hochgewachsene, blonde Gestalt, deren Schultern bebten, während sie weinte.

Lizzie konnte nichts denken, nichts tun. Ihr Kopf war wie betäubt. Wahrscheinlich spielte sie gerade nur eine Rolle. Die der verzweifelten Tochter und der besorgten Schwester. Ihre Eltern konnten nicht tot sein, und ihr Bruder nicht im Koma liegen, aus dem er mit hoher Wahrscheinlichkeit nie wieder aufwachen würde.

Aber es musste wahr sein, denn sie hatte heute zugesehen, wie zwei Särge, in denen ihre Eltern lagen, in ein Loch versenkt und mit Erde bedeckt wurden. Verwandte, die sie kaum kannte, waren durch ihr Elternhaus spaziert, hatten verlegen gelächelt und literweise Tee getrunken. Als der Letzte gegangen war, hatte sie sich schnell nach oben in ihr Zimmer verkrochen, um dort ein bisschen Ruhe und Frieden zu finden, wie sonst. Doch selbst nachdem sie eine Stunde lang auf ihrem alten Holzbett gelegen und mit leerem Blick aus dem Fenster gestarrt hatte, breitete sich das Gefühl immer noch nicht aus. Im Haus war es unheimlich still, als würde es ebenfalls trauern.

Erst ein leises Klopfen an der Tür durchbrach die Stille. »Alles okay da drinnen?«

Nick. Seit sie nach Amerika gegangen war, hatte sie ihn kaum gesehen, vor allem noch nie ohne ihren Bruder oder ihre Eltern als Puffer dazwischen. Im Laufe der Jahre hatte sich ihre Wut über seine Zurückweisung gelegt, aber seine Abfuhr tat immer noch weh, und die unerwünschte Erinnerung daran hing wie ein Bleigewicht über ihnen. Zwischen ihnen herrschte eine Spannung, die selbst die Zeit nicht hatte schmälern können. Doch in den trostlosen Momenten direkt nach dem Unfall, als der freundliche Polizist sie gefragt hatte, ob er jemanden für sie kontaktieren solle, war Nick der Erste und Einzige, der ihr in ihrem benebelten Zustand eingefallen war. Später, als sie aus ihrem von Beruhigungsmitteln eingeleiteten Schlaf aufgewacht war, hatte sie ihn entsetzt angerufen und seine zögerliche Beileidsbekundung sofort unterbrochen. »Danke, aber ich bin okay«, hatte sie ihm gesagt. »Du musst nicht extra den Atlantik überqueren.«

Daraufhin hatte er einen langen, tiefen Seufzer ausgestoßen. »Du bist nicht okay. Und ich sitze sowieso schon im Taxi. In zehn Minuten bin ich da.«

Natürlich hatte er bereits alles stehen und liegen lassen und war zu ihr geflogen. Das war typisch für Nick. Er war hilfsbereit und ein treuer Freund. Ein Mann, für den Pflichtgefühl und Verantwortung an allererster Stelle standen. Selbst wenn er sich dafür um eine trauernde Frau kümmern musste, die ihn einmal gebeten hatte, sie zu entjungfern.

»Lizzie?«

Seine Stimme drang durch ihre Gedanken, und seufzend setzte sie sich auf. »Schon gut, du kannst ruhig reinkommen.«

Mit einem Knarzen öffnete sich die Tür, bevor er zaghaft hindurchtrat und in seiner vollen Größe über ihr aufragte. »Du bist schon ganz schön lange hier oben. Langsam habe ich mir Sorgen gemacht.«

»Ich habe nur gerade gedacht, dass es so still im Haus ist.« Ein kaum auszuhaltender Schmerz fuhr durch ihre Brust, und obwohl sie wusste, dass es nichts gab, um ihn zu lindern, presste sie die Hand darauf. »Jeden Moment denke ich, dass Mum gleich anfängt zu singen und Dad sich darüber lustig macht. Oder dass Robert in mein Zimmer gestürmt kommt, um mich zum hundertsten Mal anzuflehen, ihm Kate Moss vorzustellen.«

Über Nicks Gesicht huschte ein verständnisvolles Lächeln. »Ich stehe ja mehr auf Claudia Schiffer.« Er nickte in Richtung ihres Bettes. »Darf ich?«

Als sie sah, wie er sich vorsichtig und möglichst weit weg von ihr auf die Bettkante setzte, konnte sie sich ein ironisches Grinsen nicht verkneifen. »So kriege ich dich doch noch in mein Bett.«

Sofort lief er dunkelrot an. »Weißt du, wegen damals  …«

»Nein.« Entsetzt hob sie die Hand. »Tut mir leid, ich hätte das nicht erwähnen sollen. Darüber reden wir nicht. Jetzt nicht und auch nicht in Zukunft.« Wieso zur Hölle hatte sie es überhaupt angesprochen?

»Na ja, natürlich würde ich auch lieber nicht darüber sprechen, aber  …« Er seufzte. »Ich hasse es, dass wir nicht mehr locker miteinander umgehen können.«

»Man sagt doch, eine Frau vergisst nie ihre erste Liebe. Ich schätze, es ist auch schwer, die erste Abfuhr zu vergessen.«

Ruhig begegnete er mit seinen dunklen, ausdrucksstarken Augen ihrem Blick. »Das ist sechs Jahre her. Und außerdem sollte dir klar sein, dass es für mich viel schmerzhafter war, dich abzuweisen, als für dich.«

Warum hatte er es dann getan? Doch Lizzie war viel zu aufgewühlt, um jetzt dieses Gespräch zu führen. Genau genommen bezweifelte sie, dass sie überhaupt je bereit dafür sein würde.

Erneut legte sich die Stille über den Raum, die sie langsam zu hassen begann. Draußen zwitscherte ein Vogel vor sich hin, als wäre die Welt noch vollkommen in Ordnung. Ach, wenn sie es nur wäre. Unvermittelt breitete sich ein kalter Schauer in Lizzies Innerem aus, sodass sie erzitterte und anfing, unkontrolliert zu zucken. »Würde es dir etwas ausmachen, mich in den Arm zu nehmen?«

Er zögerte keine Sekunde. Eben saß er noch am Ende ihres Bettes, im nächsten Moment war er bei ihr und wiegte sie in seinen Armen. Er roch nach Nick: klassisch, maskulin, nach frischer Luft. Er fühlte sich auch an wie Nick: warm, tröstend, sicher. »Danke, dass du hier bist«, flüsterte sie in seine Brust hinein.

Sofort zog er die Arme noch fester um sie. »Wo sollte ich denn sonst sein?«

Er verstand nicht, wie dankbar sie ihm war. Er konnte nicht wissen, dass er ihr durch seine ruhige Art geholfen hatte, die letzten zwei Wochen zu überstehen. Dadurch, dass er an Roberts Bett ihre Hand gehalten hatte; dass er sich um die Überführung ihrer Eltern nach England gekümmert hatte; dass er sie bei der Organisation der Beerdigung unterstützt hatte. Zwar hatten sich auch andere gemeldet  – Freunde und Verwandte auf beiden Seiten des Atlantiks, die ihr bereitwillig ihre Hilfe angeboten hatten. Doch während der ganzen Zeit war Nick die einzige Konstante geblieben. Ein Fels in der tosenden Brandung, die Schmerz und Verlust ihr entgegenschleuderte. »Die anderen sind gekommen und wieder gegangen«, sagte sie leise zu ihm. »Du bist geblieben.«

»Ich warte, bis du mich rausschmeißt.«

Sie lächelte in seine Brust hinein, und das rhythmische Schlagen seines Herzens tröstete sie. »Ich dachte, das hätte ich vorhin schon getan.«

»Was, als du mir gesagt hast, ich solle mich verpissen? Um mich loszuwerden musst du schon heftigere Geschütze auffahren.« Sie spürte seine Lippen auf ihrem Kopf, als er ihr einen sanften Kuss darauf drückte. »Wesentlich heftigere Geschütze.«

Nick vergrub das Kinn in Lizzies weichem, blondem Haar und hielt sie fest  – die vom Schicksal gepeinigte junge Frau, über die er den ganzen Tag mit Argusaugen gewacht hatte. Er musste sich zusammenreißen, um nicht ebenfalls zu weinen, aber seine Traurigkeit konnte sie nicht auch noch gebrauchen. Für sie musste er stark sein.

»Ich habe beschlossen, morgen zurück in die Staaten zu fliegen.«

Abrupt lockerte er seinen Griff, damit er sie ansehen konnte. »So schnell? Bist du dir sicher?«

Plötzlich wurde sie unruhig, befreite sich aus seiner Umarmung und sprang auf. »In diesem Haus halte ich es keine Sekunde länger aus.« Ihre Stimme klang belegt, als würde sie jeden Moment erneut in Tränen ausbrechen. »Ich muss in mein altes Leben zurück, und es wird mir guttun, wieder zu arbeiten. Dann habe ich auch nicht so viel Gelegenheit zum Grübeln.«

»Brauchst du denn nicht etwas Zeit, um richtig zu trauern?« Oder dachte er dabei nur an seine eigenen egoistischen Bedürfnisse? Zwar hatte offensichtlich erst eine Tragödie passieren müssen, damit sie in sein Leben zurückkehrte, aber dazu, sie wieder gehen zu lassen, war er noch nicht bereit.

»Glaubst du wirklich, es würde mir helfen, hierzubleiben und die ganze Zeit an all das zu denken, was ich verloren habe?«

»Ich glaube, es würde dir helfen, dir eine Auszeit zu nehmen, ja. Du musst nicht hierbleiben, du kannst mit zu mir kommen.«

Ihre Augen weiteten sich. Vor Schreck? Vor Entsetzen? Jedenfalls definitiv nicht vor Freude. »Ich muss zurück nach Hause. Robert ist dort.«

So gern er auch protestiert hätte, gegen dieses Argument hatte er keine Chance. »Und was hast du mit dem Haus vor?«

Sie stieß einen tiefen Seufzer aus und sah sich im Zimmer um. Als ihr Blick zu ihm zurückfand, waren ihre Augen voller Schmerz. »Würdest du dich darum kümmern? Es für mich verkaufen?«

Nick ertappte sich dabei, dass er nickte  – immer noch der gleiche verliebte Narr wie vor sechs Jahren. Für sie über glühende Kohlen laufen? Klar. Das geliebte Elternhaus mitsamt seinem Inhalt verkaufen? Ja, Ma’am. »Gibt es irgendwas, das du gern behalten möchtest?«

Ein Schatten glitt über ihren Blick, als sie wieder gegen die Tränen ankämpfte. »Ich brauche keine Sachen, die mich an sie erinnern«, antwortete sie mit brüchiger Stimme. »Sie kommen nicht wieder. Das muss ich akzeptieren und hinter mir lassen. Dieses Haus ist nicht mehr mein Zuhause.«

Während sein Herz in sich zusammenschrumpfte, wurde Nick mit einem erschreckend endgültigen Gefühl bewusst, dass möglicherweise nun der Augenblick gekommen war: das letzte Mal, dass er sie sehen würde. Jetzt, da ihre Familie nicht mehr hier war, um ihre am seidenen Faden hängende Freundschaft zu stützen, würden sie sich da langsam aus den Augen verlieren?

»Du kommst aber schon noch mal wieder, oder?« Das klang verzweifelt, doch er konnte sich nicht bremsen. »Oder muss ich mich damit abfinden, dass ich nur noch irgendein Typ bin, dem du einmal im Jahr eine Weihnachtskarte schickst?«

Sie schenkte ihm ein mattes Lächeln, widersprach ihm jedoch nicht. Warum sollte sie auch? Er war und blieb eine Erinnerung an ihr altes Leben, das sie offensichtlich vergessen wollte. Sie war jetzt ein hochbezahltes Supermodel und lebte in einer glamourösen Welt voller Stars und großer Persönlichkeiten. Es war nicht schwer zu verstehen, warum sie sich lieber darauf fokussieren wollte als auf ihre tragische, schmerzvolle Vergangenheit.

Vor allem, wenn diese Erinnerung auch noch in Gestalt eines langweiligen Buchhalters aus England daherkam, der einmal so blöd gewesen war, ihr eine Abfuhr zu erteilen.

Am nächsten Morgen fuhr Nick eine leichenblasse Lizzie zum Flughafen, während sein Kopf nahezu überquoll von Gründen, warum er sie davon abhalten sollte, in dieses verdammte Flugzeug zu steigen. Er liebte sie. Er wollte ihr helfen. Nein, er musste ihr helfen. Aber sie musste nach Amerika zurück. Zu ihrer Arbeit und ihrem Leben. Sie brauchte ihn nicht.

Als sie in der Abflughalle vor der Sicherheitskontrolle standen, stellte Nick ihre kleine Reisetasche auf dem Boden ab. »Ich schätze, weiter komme ich wohl nicht.«

Mit dem Hauch eines Lächelns im Gesicht reckte sie sich hoch und gab ihm einen Kuss auf die Wange. »Danke, Nick, dass du die vergangenen zwei Wochen für mich da warst. Ohne dich hätte ich das nicht überstanden.«

Fest presste Nick sie an sich, während es ihm innerlich das Herz zerriss. »Ich werde immer für dich da sein. Wenn du irgendwas brauchst, egal, wie bedeutend oder unbedeutend, ruf mich an. Okay?«

Bestätigend nickte sie, bevor sie sich hinunterbeugte, um ihre Tasche zu nehmen.

Kurz bevor sie durch die Schranke ging, rief er ihr hinterher: »Und lass mal von dir hören, Lizzie.«

Sie winkte ihm ein letztes Mal zu, dann verschwand sie aus seinem Blickfeld.

Kapitel Eins

In dem erbärmlichen Versuch, das Summen der Sprechanlage auszublenden, zog sich Lizzie die Bettdecke über den Kopf. Vor drei Tagen hatte sie ihr Handy ausgeschaltet und den Stecker des Festnetztelefons herausgezogen. Wieso zum Geier hatte sie nicht auch ausgetüftelt, wie man die Sprechanlage lahmlegen konnte? Wenigstens rief darüber nur das Wachpersonal an. Noch nie zuvor war sie so froh gewesen, in diesem sündhaft teuren, aber dafür extrem abgeriegelten Apartmentblock zu leben. Genervt presste sie die Decke noch fester gegen die Ohren und wartete darauf, dass der Lärm verstummte.

Als es endlich still war, schleppte sie sich mühsam aus dem Bett. Sie musste dringend duschen. Allmählich entwickelte sich das zur Besessenheit. Selbst in ihrem schockbetäubten Zustand war ihr das durchaus bewusst. Doch obwohl sie schon so oft geduscht hatte, klebte der widerliche Sexgeruch immer noch an ihr. Er stieg ihr in die Nase und klammerte sich an ihre Gedanken, als wäre er fest dazu entschlossen, für immer zu bleiben. Eine ständige Erinnerung an das, was passiert war. Was offensichtlich passiert war  – erinnern konnte sie sich an nichts. Bebend vor Ekel stellte sie das Wasser an und drehte es so heiß auf, wie es ging. Wenn es richtig heiß war, würde der Dampf sicher den Gestank auslöschen.

Müde lehnte sie sich gegen die Marmorfliesen der Dusche, während das heiße Wasser über ihren Körper lief. Seit drei Tagen hatte sie nichts getan, trotzdem fühlte sie sich ausgelaugt  – physisch wie psychisch. Mit einem Anflug von Interesse sah sie zu, wie die Fäden aus Wasser über ihre hervorstehenden Hüftknochen rannen. Sie musste bald etwas essen. Selbst für extreme Modelmaßstäbe sah sie langsam zu dürr aus. Doch allein vom Gedanken an Essen drehte sich ihr der Magen um. Gott, würde sie sich je wieder normal fühlen?

Nachdem sie sich abgetrocknet hatte, tapste sie zurück ins Schlafzimmer. Das Apartment hatte sie vor zwei Jahren gekauft, als sie aus dem chaotischen New York ins verrückte L.A. gezogen war. Alles Teil ihrer hartnäckigen Bemühungen, die Vergangenheit ein für alle Mal hinter sich zu lassen. Das bedeutete auch, die Stadt zu verlassen, in der ihre Eltern umgekommen waren. Die Stadt, in der sich an jeder Ecke ein Café oder ein Laden befand, den sie mit ihnen besucht hatte. Eine kurze Zeit lang hatte ihr das aufregende Leben in der neuen Umgebung geholfen. Mittlerweile war es jedoch ewig her, seit sie das letzte Mal beim Anblick des exklusiven cremefarbenen Teppichs gelächelt hatte, den sie erst nach langem Überlegen gekauft hatte. Auch das riesige Schlittenbett, das sie ein kleines Vermögen gekostet hatte, hatte sie lange nicht mehr zum Strahlen gebracht. Schon seit geraumer Zeit machte sie keins dieser Dinge mehr glücklich. Und das hatte schon angefangen, noch bevor diese verdammte, widerliche Scheiße passiert war.

Klamotten. Sie musste irgendwas zum Anziehen finden. Wie viele Stunden hatte sie eigentlich im Bett gelegen und geweint? Sie konnte nicht noch mehr Zeit auf diese Weise verschwenden. Sie musste sich zusammenreißen. Stark sein. Verdammt, vor zwei Jahren war fast ihre gesamte Familie an einem einzigen tragischen Tag ausgelöscht worden. Das hier war nicht das Schlimmste, was ihr je passiert war. Wenn sie es überstanden hatte, ihre Eltern zu begraben und Woche für Woche ihren Bruder in einem Pflegeheim im Koma liegen zu sehen, würde sie auch diese Sache durchstehen.

Mit diesen Gedanken griff sie nach der Jeans, die sie achtlos über den extravaganten, mit kirschrotem Samt bezogenen Stuhl geworfen hatte. Doch gerade als sie die Hose anziehen wollte, fiel ihr Blick auf die zusammengeknüllte Zeitung, die auf dem Boden lag. Genau die Ausgabe, die sie vor drei Tagen gelesen hatte. Mit einem schmerzerfüllten Schrei packte sie sich das Papier und zerriss es in Fetzen. Die kläglichen Überreste ließ sie auf dem Boden liegen und zog sich energisch die Jeans und den nächstbesten Pullover über  – einen babyblauen aus Kaschmir, auf den sie in dem Moment, als sie die verfluchte Zeitung aufgeklappt hatte, ihren Tee verschüttet hatte. Dann ging sie durch den Flur in Richtung Küche.

»Lizzie? Bist du da drinnen?«

Sofort erstarrte sie. Die Stimme klang so quälend vertraut. Vielleicht halluzinierte sie. Seit Tagen hatte sie nichts mehr gegessen  – bestimmt spielte ihr Verstand ihr einen Streich.

»Lizzie, ich bin’s. Wenn du da drinnen bist, dann mach die verdammte Tür auf.« Stille trat ein, bevor es erneut klopfte. »Bitte.«

Wie betäubt ging sie langsam auf die Tür zu. Niemand hier nannte sie Lizzie. Sie war Elizabeth Donavue. Lizzie war sie schon seit Jahren nicht mehr. Tatsächlich gab es nur einen einzigen Menschen, der sie immer noch mit diesem Namen ansprach.

»Bist du das, Nick?« Die Worte kamen nur als ersticktes Flüstern aus ihrem Mund.

»Gott sei Dank.« Sie konnte die Erleichterung in seiner Stimme hören. »Komm, Lizzie, ich bin ganz allein hier. Mach die scheiß Tür auf.«

Mit zitternden Fingern hantierte sie an den Schlössern herum. Vor drei Tagen hatte sie die Tür mit sämtlichen Vorrichtungen gesichert, die ihr zur Verfügung standen. Jetzt kam es ihr wie eine Ewigkeit vor, bis sie alle entfernt oder geöffnet hatte. Ihr blieb kaum Zeit, festzustellen, dass es tatsächlich Nick war, der da vor ihrer Tür stand, denn im nächsten Moment legte er schon die Arme um sie und schob sie zurück in die Wohnung. Mit dem Fuß machte er die Tür zu, bevor er einen Schritt zurücktrat, um sie anzusehen.

»Was zum Teufel ist hier los?«

Lizzie öffnete den Mund, brachte jedoch keinen Ton heraus. »Ich  …« Da sie am ganzen Körper zu zittern begann, wich sie vor ihm zurück. Oh Gott, gleich würde sie anfangen zu weinen. Schon wieder. Anscheinend war sie zu nichts anderem mehr fähig. Sie hatte gerade zwei Schritte geschafft, als sich ein starker Arm um ihre Taille legte und sie zurückzog. Dann drehte Nick sie zu sich um und schlang die Arme fest um sie.

»Sch! Es ist alles gut. Wir kriegen das hin, ich bin ja jetzt da.« Sanft hielt er sie in seinen Armen, während er mit der Hand über ihren Rücken strich, wie eine Mutter oder ein Vater es bei einem kleinen Kind tun würde, um es zu trösten.

Matt nahm Lizzie wahr, dass Nick sie hochhob und zum Sofa trug. Dort setzte er sich mit ihr zusammen hin, schloss erneut die Arme um sie und murmelte ihr Worte zu, die sie nicht verstand. Obwohl sie sich dagegen wehrte, fing sie an, wie ein Baby zu weinen. Schon wieder. Je fester sie sich an seinen vertrauten, starken Körper klammerte, desto weniger hatte sie ihren Tränen entgegenzusetzen. Schließlich gab sie es auf und ließ alles raus; weinte, bis sie keine Tränen mehr hatte und sie aufhörte zu zittern.

»Ich habe dein Hemd ganz nass gemacht«, flüsterte sie und rückte, beschämt über ihren Weinkrampf, von ihm ab.

»Entschuldige die Ausdrucksweise, aber scheiß auf das bescheuerte Hemd.« Er kniff die Augen zusammen und musterte ihr Gesicht. »Gott, du siehst furchtbar aus. Was haben die mit dir gemacht?«

Erneut traten ihr die Tränen in die Augen. Das ging aber schnell. Ein Hauch von Besorgnis in seiner Stimme, und schon fing sie wieder an zu weinen. »Was machst du hier?«, wollte sie wissen und ignorierte seine Frage. Vielleicht war sein Besuch ja nur ein glücklicher Zufall. Vielleicht hatte er gar nicht mitbekommen, dass  …

»Ich hab’s in der Zeitung gelesen, Lizzie. Und die Bilder gesehen.« Fest sah er sie aus seinen ernsten braunen Augen an. »Wieso bist du nicht ans Telefon gegangen?«

Scham überkam sie. Nun wusste sie, warum er hier war. Nicht, um sie zu besuchen, sondern weil er gesehen hatte, in was für einen Schlamassel sie sich hineinmanövriert hatte, und weil er sich nun verpflichtet fühlte, sie da rauszuholen.

»Lizzie.« Er sah sie immer noch an und durchbohrte sie geradezu mit der Kraft seines Blickes. »Auch auf die Gefahr hin, dass ich mich wiederhole: Was zum Teufel ist hier los?«

Sein schroffer Tonfall ließ sie zurückschrecken. »Du hast doch die Artikel gelesen. Also weißt du sehr gut, was los ist«, antwortete sie steif und wich langsam vor ihm zurück.

Doch Nick griff nach ihrer Hand und zog sie wieder zu sich. »Nicht so schnell. Nicht, bevor du mir gesagt hast, was genau passiert ist, dass es dir so schlecht geht.« Er nahm ihr Gesicht fest in beide Hände und drehte es so, dass sie gezwungen war, ihm in die dunklen Augen zu sehen. »Verdammt, ich weiß, dass das, was ich in den Zeitungen gelesen habe, nicht wahr ist.«

Die Überzeugung in seinen Worten und sein ernster Blick sorgten dafür, dass sich ein Kloß in ihrem Hals bildete. »Die Frau auf diesen Bildern, das bin tatsächlich ich, Nick«, erzählte sie ihm mit zittriger Stimme und beugte sich vor, um ein Taschentuch aus der Box zu ziehen, die auf dem Wohnzimmertisch stand. »Das kann ich nicht abstreiten.«

»Haben die dich erpresst? Dich dazu gezwungen? Oder dich mit Drogen betäubt?«

Oh Gott. Nick war so lieb. »Danke.« Erneut entrang sich ihrer Kehle ein Schluchzer. Gütiger Himmel, würde sie je mit dem Weinen aufhören?

»Wofür bedankst du dich denn bei mir?«

»Dafür, dass du mir glaubst.« Sie zog die Nase hoch und wischte sich über die Augen. »Um die Wahrheit zu sagen: Ich habe keine Ahnung, was genau passiert ist. Im einen Moment habe ich noch mit Charles und seinem Freund was getrunken, und im nächsten hat Charles mir diese widerlichen Fotos unter die Nase gehalten und damit gedroht, sie an die Presse weiterzureichen, wenn ich ihm nicht hunderttausend Dollar gebe.«

»Mein Gott.« Abrupt stand Nick auf und ging auf die offene Küche zu. »Am besten fängst du ganz von vorne an, aber vorher brauche ich einen Drink.« Prüfend ließ er den Blick über ihren Körper wandern. »Wann hast du das letzte Mal was gegessen oder getrunken?«

Sie versuchte, sich daran zu erinnern, doch die letzten Tage waren vollkommen verschwommen in ihrem Gedächtnis. »Ich weiß es nicht«, gestand sie und vergrub den Kopf in den Händen. »Ach, Nick, das ist alles so furchtbar kompliziert. Als ich die Fotos in der Zeitung gesehen habe, habe ich doch nicht über die Folgen nachgedacht. Ich dachte nur: Was für ein Arschloch.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Forever You" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen